
Mit Dank für Kate Wheeler – P. N.
wuchs in den Vereinigten Staaten und auf Hawaii auf. Seit Ende der 90er-Jahre lebt er in London und ist dort als Literaturkritiker für die Tageszeitung The Guardian tätig. Er hat bereits einige Romane für Erwachsene, Kinder und Jugendliche verfasst und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.
Für »Sieben Minuten nach Mitternacht« erhielt er als erster Autor gleichzeitig die Carnegie Medal und den Kate Greenaway Award sowie neben unzähligen anderen Auszeichnungen den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012.
In »Sieben Minuten nach Mitternacht« schreibt Patrick Ness eine Idee seiner mit der Carnegie Medal ausgezeichneten Schriftstellerkollegin Siobhan Dowd weiter. Ihr früher, tragischer Krebstod verhinderte die Umsetzung ihrer Idee in eine eigene Geschichte.
Weitere Informationen zum Autor auf www.patrickness.com.

Das Monster tauchte kurz nach Mitternacht auf. Wie das bei Monstern eben üblich ist.
Conor war wach, als es kam.
Er hatte einen Albtraum gehabt. Na gut, nicht irgendeinen. Den Albtraum. Den einen, den er in letzter Zeit ziemlich oft hatte. Den mit der Finsternis und dem Wind und dem Schrei. Den mit den Händen, die er irgendwann nicht mehr festhalten konnte, egal, wie sehr er sich bemühte. Den, der immer damit endete, dass …
»Geh weg«, flüsterte Conor in die Dunkelheit seines Zimmers hinein, um den Albtraum zurückzudrängen und nicht zuzulassen, dass er ihm in die Wirklichkeit folgte. »Geh jetzt weg.«
Er warf einen Blick auf die Uhr, die seine Mutter ihm auf den Nachttisch gestellt hatte. 00:07. Sieben Minuten nach Mitternacht. Das war spät, wenn man am nächsten Tag Schule hatte, für eine Sonntagnacht auf jeden Fall sehr spät.
Er hatte niemandem von dem Albtraum erzählt.
Seiner Mutter natürlich sowieso nicht, aber auch sonst keinem, nicht seinem Vater, mit dem er alle zwei Wochen (oder so) telefonierte, schon gar nicht seiner Großmutter und auch in der Schule niemandem. Ganz bestimmt nicht.
Was in dem Albtraum geschah, brauchte außer ihm nie jemand zu erfahren.
Conor blinzelte benommen, dann stutzte er. Irgendetwas war seltsam. Er wurde noch ein bisschen munterer und setzte sich in seinem Bett auf. Der Albtraum zog sich an die Ränder seines Bewusstseins zurück, aber da war etwas anderes, was er nicht genau zuordnen konnte, etwas Merkwürdiges, etwas …
Er lauschte angestrengt in die Stille, hörte jedoch nichts als die Geräusche des ruhigen Hauses um sich herum, hier und da ein leises Knacken von unten oder das Geraschel des Bettzeugs seiner Mutter im Zimmer nebenan.
Sonst nichts.
Und dann doch etwas. Und zwar ganz offenkundig das, was ihn geweckt hatte.
Jemand rief seinen Namen.
Conor.
Er verspürte einen Anflug von Panik und sein Magen krampfte sich zusammen. War es ihm gefolgt? War es irgendwie aus dem Albtraum herausgetreten und …?
»Sei nicht blöd«, sagte er zu sich selbst. »Du bist zu alt für Monster.«
Und das stimmte. Er war vergangenen Monat dreizehn geworden. Monster waren etwas für Babys. Für Hosenscheißer. Für …
Conor.
Da war es wieder. Conor schluckte. Es war ein ungewöhnlich warmer Oktober, und sein Fenster stand noch offen. Vielleicht hatte das Geflüster der Vorhänge in der Brise so geklungen wie …
Conor.
Na gut, der Wind war es nicht. Es war eindeutig eine Stimme, aber keine, die er kannte. Jedenfalls nicht die Stimme seiner Mutter. Es war überhaupt keine Frauenstimme, und einen verrückten Moment lang dachte er, sein Vater sei vielleicht überraschend aus Amerika zu Besuch gekommen und zu spät gelandet, um anzurufen, und …
Conor.
Nein. Nicht sein Vater. Diese Stimme hatte einen ganz eigentümlichen, monsterartigen Ton, wild und ungezähmt.
Dann hörte er draußen ein gewaltiges Knarren, als tappe etwas Riesengroßes über einen Holzboden.
Er mochte nicht nachsehen. Und zugleich wollte ein Teil von ihm nichts lieber tun als genau das.
Inzwischen hellwach, schlug er die Bettdecke zurück, stand auf und trat ans Fenster. Im fahlen Mondlicht konnte er deutlich den Kirchturm auf dem kleinen Hügel hinter ihrem Haus und davor die Gleise erkennen, zwei geschwungene, massive Stahlbänder, die in der Nacht matt schimmerten. Der zur Kirche gehörende Friedhof, mit all den Grabsteinen, deren Inschriften man kaum noch lesen konnte, lag vom Mondlicht erhellt vor ihm.
Conor sah auch die große Eibe, die sich in der Mitte des Friedhofs erhob, einen Baum, der so alt war, dass es fast so wirkte, als sei er aus demselben Stein gehauen wie die Kirche. Dass es eine Eibe war, wusste Conor nur, weil seine Mutter es ihm erklärt hatte – früher, als er noch ein kleiner Junge war, damit er die giftigen Beeren nicht aß, und dann wieder im vergangenen Jahr, als sie immer öfter mit diesem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht aus dem Küchenfenster gestarrt und gesagt hatte: »Das ist eine Eibe, weißt du.«
Jetzt hörte er wieder seinen Namen.
Conor.
Als würde er ihm von beiden Seiten in die Ohren geflüstert.
»Was zum …?«, sagte Conor mit klopfendem Herzen. Was auch immer gleich passieren würde – er konnte es plötzlich kaum noch erwarten.
Eine Wolke schob sich vor den Mond und ließ die ganze Landschaft in Dunkelheit versinken, und gleich darauf fegte ein Windstoß vom Hügel herunter in sein Zimmer und bauschte die Vorhänge. Erneut hörte Conor das Knarren und Knacken von Holz, hörte es ächzen und grummeln wie ein lebendiges Wesen, wie den knurrenden Magen der Erde, der nach etwas zu essen verlangte.
Dann zog die Wolke vorüber und das Mondlicht schien wieder.
Auf die Eibe.
Die jetzt mitten in seinem Garten stand.
Und hier war es – das Monster.
Unter Conors Blicken verbanden sich die oberen Äste des Baums zu einem riesengroßen, furchterregenden Gesicht, bildeten Mund, Nase und schimmernde Augen, die seinen Blick erwiderten. Andere Äste wanden sich knackend und ächzend umeinander, formten zwei lange Arme und dem Stamm seitlich ein zweites Bein. Der Rest des Baums bildete Rückgrat und Rumpf, und die dünnen Nadeln verwoben sich zu einem wogenden grünen Fell, das sich hob und senkte, als arbeiteten darunter Muskeln und Lunge.
Das Monster überragte bereits Conors Fenster, wurde aber immer noch größer, während es sich entfaltete und zu einer kolossalen Gestalt auswuchs, die stark wirkte – geradezu mächtig. Es starrte Conor die ganze Zeit an, und er konnte dessen gewaltigen Atem wie Windböen aus seinem Mund entweichen hören. Jetzt legte es seine riesenhaften Hände links und rechts neben Conors Fenster und neigte den Kopf, bis seine großen Augen den ganzen Rahmen ausfüllten und Conor fest in den Blick nahmen. Conors Haus stöhnte leise unter seinem Gewicht.
Und dann sprach das Monster.
Conor O’Malley, sagte es, und ein Schwall warmen, erdig riechenden Atems strömte durch Conors Fenster und wehte ihm die Haare aus der Stirn. Die Stimme war tief und gewaltig und vibrierte so stark, dass Conor sie in seiner Brust spüren konnte.
Ich bin gekommen, um dich zu holen, Conor O’Malley, sagte das Monster und schüttelte das Haus, sodass in Conors Zimmer die Bilder von der Wand krachten und Bücher, die Stereoanlage und ein altes Stoffnashorn zu Boden fielen.
Ein Monster, dachte Conor. Ein richtiges, waschechtes Monster. Im richtigen Leben. Nicht im Traum, sondern hier, vor seinem Fenster.
Gekommen, um ihn zu holen.
Aber Conor lief nicht weg.
Ja er merkte, dass er sich nicht einmal fürchtete.
Alles, was er empfand, seit das Monster sich gezeigt hatte, war wachsende Enttäuschung.
Denn dies war nicht das Monster, mit dem er gerechnet hatte.
»Dann komm doch und hol mich«, sagte er.
Eine seltsame Stille trat ein.
Was hast du gesagt?, fragte das Monster.
Conor verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich hab gesagt, dann komm doch und hol mich.«
Das Monster hielt kurz inne, dann hieb es mit einem Brüllen beide Fäuste gegen das Haus. Conors Zimmerdecke wölbte sich unter den Schlägen und in den Wänden taten sich tiefe Risse auf. Wind fegte durch den Raum und die Luft erzitterte vom wütenden Gebrüll des Monsters.
»Du kannst schreien, so viel du willst«, sagte Conor achselzuckend und fast ohne die Stimme zu erheben. »Ich hab schon Schlimmeres erlebt.«
Das Monster brüllte noch lauter und stieß krachend einen Arm durch Conors Fenster, sodass Glas, Holz und Stein barsten. Eine riesige Asthand umfasste Conor und hob ihn vom Boden auf. Sie schwang ihn aus seinem Zimmer hinaus in die Nacht, hoch über den Garten, hielt ihn vor den kreisrunden Mond und quetschte seine Rippen, bis er kaum noch Luft bekam. Conor sah die schiefen Zähne aus hartem, knorrigem Holz im offenen Mund des Monsters und fühlte warmen Atem zu sich heraufsteigen.
Dann stockte das Monster erneut.
Du scheinst ja wirklich keine Angst zu haben.
»Nein«, sagte Conor. »Vor dir jedenfalls nicht.«
Das Monster kniff die Augen zusammen.
Das wirst du noch, sagte es. Bevor es vorbei ist.
Und das Letzte, woran Conor sich erinnerte, war, wie das Monster den Mund sperrangelweit aufriss, um ihn bei lebendigem Leib zu verschlingen.
»Mum?«, rief Conor, als er in die Küche kam. Er wusste, dass sie nicht dort war – er hörte den Wasserkocher nicht, den sie immer als Erstes anstellte –, aber in letzter Zeit sagte er oft ihren Namen, bevor er ein Zimmer im Haus betrat. Er wollte sie nicht erschrecken, falls sie versehentlich eingeschlafen sein sollte.
Aber sie war nicht in der Küche. Was bedeutete, dass sie wahrscheinlich noch oben in ihrem Bett lag. Was wiederum bedeutete, dass Conor sich sein Frühstück selbst machen musste, doch daran hatte er sich inzwischen gewöhnt. Gut. Sehr gut sogar, vor allem an diesem Morgen.
Er ging schnell zum Abfalleimer, stopfte die Plastiktüte, die er bei sich hatte, tief hinein und deckte anderen Abfall darüber, bis sie nicht mehr zu sehen war.
»So«, sagte er laut, stand einen Moment lang da und atmete tief aus. Dann nickte er sich selbst zu und sagte: »Frühstück.«
Eine Scheibe Brot in den Toaster, etwas Müsli in eine Schüssel, ein bisschen Saft in ein Glas, schon war alles fertig, und er setzte sich an den kleinen Tisch in der Küche, um zu essen. Seine Mutter hatte ihr eigenes Brot und Müsli, sie kaufte es in einem Reformhaus in der Stadt, und Conor brauchte zum Glück nichts davon zu essen. Es schmeckte genauso trostlos, wie es aussah.
Er schaute zur Uhr hoch. Noch fünfundzwanzig Minuten, bis er losmusste. Er hatte schon seine Schuluniform an, und der Rucksack stand fertig gepackt neben der Haustür. Das kriegte er alles alleine hin.
Er saß mit dem Rücken zum Küchenfenster, dem über der Spüle, das auf den kleinen Garten und die Bahngleise und die Kirche mit ihrem Friedhof hinausging.
Und ihrer Eibe.
Conor nahm noch einen Löffel Müsli. Sein Kauen war das einzige Geräusch im ganzen Haus.
Es war ein Traum gewesen. Was denn sonst?
Als er am Morgen aufgewacht war, hatte er als Erstes zum Fenster geschaut. Es war natürlich noch ganz, kein bisschen beschädigt, kein klaffendes Loch zum Garten. Natürlich nicht. Nur ein Baby hätte geglaubt, das sei wirklich passiert. Nur ein Baby würde glauben, dass ein Baum – mal im Ernst, ein Baum – den Hügel heruntergekommen war und das Haus angegriffen hatte.
Bei dem Gedanken daran, wie blöd das alles war, hatte er lachen müssen und war aus dem Bett gestiegen.
Und unter seinen Füßen hatte es geknirscht.
Jeder Quadratzentimeter des Bodens war mit kleinen spitzen Eibennadeln bedeckt.
Er schob sich noch einen Löffel Müsli in den Mund, wobei er es tunlichst vermied, zum Abfalleimer zu schauen, in dem die Plastiktüte voller Nadeln ruhte, die er am Morgen gleich als Erstes zusammengefegt hatte.
Es war eine windige Nacht gewesen. Sie waren eindeutig durch das offene Fenster hereingeweht worden.
Eindeutig.
Er aß sein Müsli und den Toast auf, trank den Rest Saft, spülte das Geschirr ab und stellte es in die Maschine. Immer noch zwanzig Minuten. Er beschloss, den Abfalleimer gleich auszuleeren – das war weniger riskant – und trug die Tüte zur Mülltonne vor dem Haus. Da er schon mal dabei war, nahm er den wiederverwertbaren Müll auch gleich mit. Dann setzte er die Waschmaschine in Gang, mit einer Ladung Bettwäsche, die er nach der Schule draußen auf die Leine hängen konnte.
Er ging wieder in die Küche und schaute auf die Uhr.
Immer noch zehn Minuten.
Immer noch kein Zeichen von …
»Conor?«, hörte er vom oberen Treppenabsatz. Er stieß den ganzen Atem aus, den er, ohne dass es ihm bewusst gewesen war, angehalten hatte.
»Hast du schon gefrühstückt?«, fragte seine Mutter, die jetzt am Türrahmen der Küche lehnte.
»Ja, Mum«, sagte Conor, den Rucksack in der Hand.
»Sicher?«
»Ja, Mum.«
Sie sah ihn zweifelnd an. Conor rollte mit den Augen. »Toast, Müsli und Saft«, sagte er. »Ich hab das Geschirr in die Spülmaschine gestellt.«
»Und den Müll rausgebracht«, sagte seine Mutter leise, während sie sich ansah, wie ordentlich er die Küche hinterlassen hatte.
»Die Waschmaschine läuft auch«, sagte Conor.
»Du bist ein guter Junge«, sagte sie lächelnd, doch er hörte den traurigen Unterton heraus. »Es tut mir leid, dass ich nicht mit dir aufgestanden bin.«
»Das macht nichts.«
»Es sind nur diese neuen Behand –«
»Das macht nichts«, sagte Conor.
Sie verstummte, lächelte ihn aber weiter an. Sie hatte sich den Schal noch nicht um den Kopf gebunden, und ihr kahler Schädel wirkte im Morgenlicht zu zart, zu verletzlich, wie der eines Babys. Es versetzte Conors Magen einen Stich, das zu sehen.
»Warst du das letzte Nacht? Ich habe irgendwas gehört«, sagte sie dann.
Conor erstarrte. »Wann?«
»Irgendwann nach Mitternacht, glaube ich«, sagte sie und stellte den Wasserkocher an. »Zuerst dachte ich, ich hätte geträumt, aber ich hätte schwören können, dass ich deine Stimme gehört habe.«
»Wahrscheinlich hab ich bloß im Schlaf geredet«, sagte Conor mit ausdrucksloser Stimme.
»Wahrscheinlich«, antwortete seine Mutter gähnend. Sie nahm sich einen der Becher, die an Haken neben dem Kühlschrank hingen. »Ach, übrigens«, fügte sie beiläufig hinzu, »ich habe vergessen, dir zu sagen, dass Grandma morgen kommt.«
Conor ließ die Schultern hängen. »Ach, Mum.«
»Ich weiß«, sagte sie, »aber du sollst dir dein Frühstück nicht jeden Morgen selbst machen müssen.«
»Jeden Morgen?«, sagte Conor. »Wie lange bleibt sie denn?«
»Conor …«
»Wir brauchen sie hier nicht …«
»Du weißt, wie es mir in dieser Phase der Behandlungen geht, Conor …«
»Wir sind doch bisher gut klargekommen …«
»Conor«, fuhr seine Mutter ihn an, so scharf, dass es sie beide überraschte. Ein langes Schweigen entstand. Und dann lächelte sie wieder, und sah dabei sehr, sehr müde aus.
»Ich werde versuchen, es so kurz wie möglich zu machen, ja?«, sagte sie. »Ich weiß, dass du dein Zimmer nicht gern hergibst, und es tut mir leid. Ich hätte sie nicht gefragt, wenn ich sie hier nicht brauchte, verstehst du?«
Conor musste immer auf dem Sofa schlafen, wenn seine Großmutter zu Besuch kam. Aber das war es nicht. Es war die Art, wie sie mit ihm sprach – so, als wäre er ein Angestellter in der Probezeit.
Eine Probezeit, die er nicht bestehen würde. Außerdem waren sie beide allein bisher wirklich gut klargekommen, ganz egal, wie schlecht es seiner Mutter wegen der Behandlungen ging, das war nun mal der Preis, den sie bezahlte, um gesund zu werden, also warum …?
»Nur für ein paar Nächte«, sagte seine Mutter, als könne sie seine Gedanken lesen. »Mach dir keine Sorgen, okay?«
Er zupfte stumm am Reißverschluss seines Rucksacks und versuchte, an etwas anderes zu denken. Und dann fiel ihm die Tüte voller Eibennadeln wieder ein, die er in die Mülltonne gestopft hatte.
Dass seine Großmutter in seinem Zimmer schlafen würde, war am Ende vielleicht gar nicht so schlecht.
»Da ist ja das Lächeln, das ich so liebe«, sagte seine Mutter und griff nach dem Wasserkocher, der sich ausgeschaltet hatte. Dann fügte sie mit gespieltem Entsetzen hinzu: »Sie bringt mir ein paar von ihren alten Perücken mit, ist das zu glauben?« Sie rieb sich mit der freien Hand über den kahlen Kopf. »Ich werde aussehen wie ein Margaret-Thatcher-Zombie.«
»Ich komme noch zu spät«, sagte Conor mit einem Blick auf die Uhr.
»Ist gut, Liebling«, sagte sie und kam, etwas unsicher auf den Beinen, herüber, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu drücken. »Du bist ein guter Junge«, sagte sie noch einmal. »Ich wünschte, du brauchtest nicht ganz so gut zu sein.«
Im Gehen sah er, wie sie ihren Tee mit zum hinteren Küchenfenster nahm, und als er die Haustür aufmachte, hörte er sie sagen: »Da ist ja die alte Eibe«, so, als spräche sie mit sich selbst.
Als er sich aufrappelte, schmeckte er schon das Blut im Mund. Er hatte sich beim Hinfallen auf die Lippe gebissen, und darauf konzentrierte er sich jetzt, auf diesen seltsam metallischen Geschmack, der so eklig war, dass man am liebsten sofort ausspucken wollte, als hätte man etwas Ungenießbares gegessen.
Stattdessen schluckte er. Für Harry und seine Bande wäre es das Allergrößte, wenn sie merken würden, dass Conor blutete. Er hörte Anton und Sully hinter sich lachen, wusste, ohne hinzusehen, genau, was für einen Gesichtsausdruck Harry jetzt hatte. Er konnte sich sogar vorstellen, was Harry als Nächstes sagen würde, in diesem ruhigen, amüsierten Ton, den sonst nur solche Erwachsenen anschlugen, denen man besser aus dem Weg ging.
»Pass auf die Stufen da auf«, sagte Harry. »Du könntest hinfallen.«
Ja, das kam ziemlich genau hin.
So war es nicht immer gewesen.
Harry war der blonde Wunderknabe, jahrein, jahraus der Liebling der Lehrer. Der immer als Erster die Hand in die Höhe streckte, der schnellste Spieler auf dem Fußballplatz, aber letztlich nur auch einer von den Jungs in Conors Klasse. Sie waren nicht direkt befreundet gewesen – Harry hatte eigentlich gar keine Freunde, nur Anhänger; Anton und Sully standen immer bloß hinter ihm und lachten über alles, was er sagte –, aber als Feinde hätte man sie auch nicht bezeichnen können. Vermutlich wusste Harry nicht mal seinen Namen.
Doch irgendwann im Lauf des vergangenen Jahres war das anders geworden. Da hatte Harry ihn plötzlich bemerkt, hatte seinen Blick gesucht, ihn mit kühler Belustigung betrachtet.
Das begann nicht, als die ganze Sache mit Conors Mutter anfing, sondern erst später, als Conor schon den Albtraum hatte, den richtigen Albtraum, nicht den von dem blöden Baum, sondern den mit dem Schrei und dem Sturz, den Albtraum, von dem er keiner Menschenseele je erzählen würde. Erst als dieser Albtraum immer öfter kam, war Harry plötzlich auf ihn aufmerksam geworden, so als trüge Conor seitdem ein geheimes Mal, das nur Harry sehen konnte.
Ein Zeichen, durch das Harry von ihm angezogen wurde wie Eisen von einem Magneten.
Am ersten Tag des neuen Schuljahrs hatte Harry Conor ein Bein gestellt, als er das Schulgelände betrat, sodass er aufs Pflaster geknallt war.
Und so hatte es angefangen.
Und so war es weitergegangen.
Conor kehrte Anton und Sully den Rücken zu, während sie lachten. Er fuhr mit der Zunge an der Innenseite seiner Lippe entlang, um zu prüfen, wie schlimm er sich gebissen hatte. Nicht allzu schlimm. Er würde es überleben, wenn er es schaffte, in die Klasse zurückzukommen, ohne dass etwas dazwischenkam.
Aber es kam etwas dazwischen.
»Lasst ihn in Ruhe!« Conor zuckte zusammen, als er die Stimme hörte.
Er drehte sich um und sah, wie Lily Andrews kaum eine Nasenlänge vor Harry stand und ihn wütend anstarrte, was Anton und Sully nur noch mehr zum Lachen reizte.
»Dein Pudel ist da, um dich zu retten«, sagte Anton.
»Ich mache bloß einen fairen Kampf daraus«, schnaubte Lily, und ihre drahtigen Locken wippten ziemlich pudelartig, egal, wie fest sie sie zurückgebunden hatte.
»Du blutest, O’Malley«, sagte Harry, der Lily gelassen ignorierte.
Zu spät hob Conor die Hand, um einen Tropfen Blut aufzufangen, der aus seinem Mundwinkel kam.
»Da muss er wohl seine glatzköpfige Mutter holen, damit sie ihn gesund küsst!«, krähte Sully.
Conors Magen zog sich zu einem Feuerball zusammen, wie eine kleine Sonne, die ihn von innen versengte, doch bevor er reagieren konnte, tat Lily es. Mit einem empörten Schrei schubste sie den überraschten Sully hintenüber ins Gebüsch.
»Lillian Andrews!«, ertönte von der Mitte des Schulhofs die Stimme der Verdammnis.
Sie erstarrten. Selbst Sully hielt mitten im Aufstehen inne.
Miss Kwan, ihre Klassenlehrerin in diesem Jahr, kam herbeigestürmt, ihre schlimmste Zornesfalte wie eine Narbe auf der Stirn.
»Die haben angefangen, Miss«, sagte Lily, die sofort zur Verteidigung überging.
»Ich will nichts hören«, sagte Miss Kwan. »Ist alles in Ordnung, Sullivan?«
Sully sah aus dem Augenwinkel kurz zu Lily hinüber und machte dann ein gequältes Gesicht. »Ich weiß nicht, Miss«, sagte er. »Ich glaub, ich muss nach Hause.«
»Treib’s nicht zu weit«, sagte Miss Kwan. »In mein Büro, Lillian.«
»Aber Miss, die haben …«
»Sofort, Lillian.«
»Die haben sich über Conors Mutter lustig gemacht!«
Wieder erstarrten alle, und die glühende Sonne in Conors Magen wurde noch heißer, schien ihn bei lebendigem Leib verzehren zu wollen.
… und vor seinem inneren Auge blitzte der Albtraum auf, der heulende Wind, das tiefschwarze Dunkel …
Er drängte ihn beiseite.
»Ist das wahr, Conor?«, fragte Miss Kwan, mit einer
Miene so ernst wie ein Pfarrer bei der Predigt.
Conor musste sich wegen des Blutes in seinem Mund fast übergeben. Er sah zu Harry und seiner Bande hinüber. Anton und Sully wirkten besorgt, doch Harry erwiderte seinen Blick vollkommen ruhig und ungerührt, so als wäre er einfach nur neugierig, was Conor sagen würde.
»Nein, Miss, es ist nicht wahr«, sagte Conor und schluckte das Blut hinunter. »Ich bin nur hingefallen. Sie haben mir aufgeholfen.«
Auf Lilys Gesicht erschien ein überraschter und verletzter Ausdruck. Ihr Mund öffnete sich, aber sie gab keinen Ton von sich.
»Geht in eure Klassen«, sagte Miss Kwan. »Außer dir, Lillian.«
Lily sah sich immer wieder nach Conor um, als Miss Kwan sie hinter sich herzog, doch Conor wandte sich von ihr ab.
Nur um Harry vor sich stehen zu sehen, der ihm seinen Rucksack hinhielt.
»Gut gemacht, O’Malley«, sagte er.
Conor antwortete nicht, riss ihm nur den Rucksack aus der Hand und verschwand im Schulgebäude.