Über das Buch

Fast zwanzig Jahre liegt das alles zurück. Doch als der erfolgreiche Journalist und frischgebackene Kulturchef Viktor Callner seine Frau und seine beiden erwachsenen Kinder in das entlegene Ferienhaus im Périgord einlädt, wird die verdrängte Vergangenheit noch einmal lebendig.

Die ganze Familie soll noch einmal Atem holen können in dem gemeinsamen Urlaub und nun schimmert das Triebwerk der Boeing wie eine Bowlingkugel unter ihnen, der Tomatensaft schwappt in den transparenten Bechern. Doch schon jetzt liegt eine unerklärliche Stimmung über den Eltern und den beiden Kindern, eine nervöse Unruhe, die sicher nicht daher rührt, daß Viktor wieder einmal alles allein entschieden hatte. Diese Unruhe, vielleicht war es auch eine Vorahnung, ist älter. Sie reicht weit zurück – zu dem verzweifelten Moment, in dem Viktor versagt und das Leben seiner Frau Helen eine tragische Wendung nahm.

Stefan Beuse entwirft mit großer Suggestion und Sensibilität das packende Psychogramm einer Familie.

»Nur schwer kann man das Buch aus der Hand legen. Man will wissen, welches Geheimnis auf der Familie Callner lastet.« Norddeutscher Rundfunk

»Eine teuflisch gute Konstruktion.« Focus

»Stefan Beuse hat ein äußerst kunstvolles Buch über das alte Thema Traumatisierung geschrieben: romantisch in den Motiven, aber brutal in der Analyse, dramatisch im Entwurf, aber sparsam und kühl in der Metaphorik.« DIE ZEIT

Über den Autor

Stefan Beuse, 1967 in Münster geboren, lebt in Hamburg. Er hat u. a. als Fotograf, Texter und Journalist gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Alles was du siehst«. Stefan Beuse gewann zahlreiche Preise und Stipendien, u. a. den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 1999 und den Hamburger Förderpreis für Literatur (1998, 2006 und 2013). Im Frühjahr 2005 war er Writer in Residence an der Cornell University in Ithaca, New York. Bei CulturBooks sind bisher die Single »Der Wal«, die Alben »Warten auf die Löwen« und »Wir schießen Gummibänder zu den Sternen« sowie die Longplayer »Kometen« und »Die Nacht der Könige« erschienen.

 

Stefan Beuse

 

MEERES STILLE

 

Roman

CulturBooks Verlag

www.culturbooks.de

 

Impressum

eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2016

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, info@culturbooks.de

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

Erstausgabe Print: © Piper Verlag GmbH, München 2003

Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj

eBook-Herstellung: CulturBooks

Erscheinungsdatum: 1.2.2016

ISBN 978-3-95988-035-0

Inhaltsverzeichnis

Prolog
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Ebenfalls bei CulturBooks als eBook erhältlich:

 

Stefan Beuse: »Der Wal«

 

Stefan Beuse schreibt von Verlust, von Abschied und von zartem Neubeginn, und er tut dies so, dass die Magie hinter den scheinbar Alltäglichen Dingen zu leuchten beginnt. Eine leise Geschichte, die lange nachhallt.

 

»Sie können ihn nicht einfach da liegen lassen, dachte er. Sie müssen doch versuchen, ihn wieder ins Meer zu kriegen. David hatte mal gelesen, dass ein gestrandeter Wal ganz langsam von seinem eigenen Gewicht erdrückt wird. Dass der Verwesungsprozess bereits einsetzt, während er noch lebt.«

***

Stefan Beuse: »Warten auf die Löwen«

 

»Wahrscheinlich haben die Löwen gemerkt, dass es in ihrem Gehege keine Antilopen gibt«, sagte ich. »Vielleicht kommen sie deshalb nicht raus. Vielleicht haben sie einfach keine Lust, sich für dumm verkaufen zu lassen.«

In sechs Storys schreibt Stefan Beuse von Verlusten, von Abschieden und vom Neubeginn, und er tut dies so, dass die Magie hinter dem scheinbar Alltäglichem zu leuchten beginnt.

***

Stefan Beuse: »Wir schießen Gummibänder zu den Sternen«

 

Kurios und verspielt, verblüffend und verquer, so setzen diese Geschichten ein. Sie tauchen ab in die Welt der Alltagsobjekte, entdecken hinter der scheinbar vertrauten Oberfläche immer wieder poetische Tiefe und überraschenden Witz. Die Figuren der zweiunddreißig kurzen Geschichten ergründen das Geheimnis von Ritter Sport Joghurt, sinnieren über die sieben Möglichkeiten mit Cat Stevens Fußball zu spielen, und lassen sich von einer Kartenabreißerin die aussieht wie Winona Ryder in Bann ziehen.

 

Sie stehen unbeschrieben und überfordert in einer Welt, die nur aus Waren, Etiketten und Idolen besteht. Mal schwebend-melancholisch, mal grotesk und urkomisch offenbaren sie den ethnologischen Blick aus der Ferne auf das Vertraute. Stefan Beuses Sätze strahlen, leuchten und funkeln. Als wären die Dinge des täglichen Lebens nicht Alltag, sondern kostbarstes Gut.

 

»›Du bekommst Deine Pizza‹«, sagte ich, aber das war, als würden wir Gummibänder zu den Sternen schießen und darauf hoffen, irgendwann einen zu treffen.

***

Stefan Beuse: »Kometen«

 

Ein Hobby-Astronom entdeckt zufällig einen bisher unbekannten Kometen. Während dieser sich auf die Erde zu bewegt, kreuzen sich die Wege von neun verschiedenen Personen – Menschen voller Sehnsucht, Menschen auf ihrer Suche nach Glück und Liebe. Wie Kometen befinden sie sich auf den eisigen Bahnen ihres Lebens, und es bedarf bei allen eines Anstoßes, damit sie sich aus ihrer Starre lösen …

 

Während der japanische Hobbyastronom Hyakutake nachts auf einem Berg einen bis dahin unbekannten Kometen entdeckt, bereitet sich in einem anderen Teil der Welt der Unternehmensberater Jakob Leitner auf einen Empfang vor. Marie Lorenzo, die Freundin seiner Mitarbeiterin Kyra, schreibt E-mails nach Amerika mit merkwürdigen Fragen und unvorhersehbaren Folgen. Dann betritt sie im Internet den erotischen chatroom »Paradies« und verabredet sich zu einem »Black Date« im Stadtpark.

 

Es ist dieser unverwechselbare Beuse-Sound, der einen packt und nicht wieder loslässt, dieser leuchtende, magische Blick auf die Welt. Stefan Beuses Debütroman, für den er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt ausgezeichnet wurde, umkreist seine Figuren, die sich nur flüchtig berühren. In kurzen, miteinander verwobenen Episoden erzählt er eine melancholische Geschichte über die Liebe und die Flucht aus der Einsamkeit.

***

Stefan Beuse: »Die Nacht der Könige«

 

Eine, höchstens zwei Wochen hofft der Werbetexter Jakob Winter, für seinen aktuellen Auftrag zu brauchen, dann will er seiner Familie in den Sommerurlaub folgen. Doch sein Auftraggeber verhält sich während des ersten Termins merkwürdig vertraulich, er scheint Winter zu kennen. Auch seine junge, schweigsame Assistentin Lilly irritiert ihn. Wer ist sie? Und woher kommt diese soghafte Faszination?

 

Bald erinnert sich Winter schemenhaft an eine Nacht vor 10 Jahren, an ein teures Management-Seminar, in dessen Verlauf Moral- und Wertvorstellungen der Teilnehmer aufgeweicht wurden, zur hemmungslosen Entfaltung des eigenen Egos. Ist er am Ende gar in ein Verbrechen verwickelt?

 

Stefan Beuse führt Winter an Abgründe seiner Existenz und uns in poetischen Bildern mitten in das dunkle Herz eines entfesselten Willens zur Macht.

 

»Eine überaus spannende Geschichte, die satt und süffig nach dem Muster eines Psychothrillers erzählt wird.« Martin Lüdke, DIE ZEIT

Für Luka

25

Sam war nicht mehr da. In dem Moment, in dem er das begriffen hatte, hörte Viktor ein Dröhnen. Erst glaubte er, weit entfernten Donner wahrzunehmen, doch dann wurde ihm klar, daß das Geräusch aus dem Keller kam. Er ging zur Treppe, horchte einen Moment in die Finsternis, dann stieg er nach unten und machte Licht.

Sam stand direkt vor dem großen Kessel, der den Druck kontrollierte. Er hielt die Schaufel in der Hand, mit der Frances die Scheibe zerschlagen hatte, und ließ sie abwechselnd gegen kleine und große Rohre fallen. Als er Viktor sah, hörte er auf damit.

»Freut mich, daß du es bist«, sage Sam, nachdem der Lärm verhallt war. »Ich hatte schon Angst, du würdest David schicken. Aber du hast gelernt, oder?«

»Den Schlüssel«, sagte Viktor.

Sam legte die Schaufel auf den Boden und durch suchte die Taschen. »Eins noch«, sagte er und zögerte, wie jemand, der all seinen Mut zusammennehmen muß: »War ich gut?«

Viktor wußte erst nicht, wie Sam das meinte, doch dann begriff er und nahm ihm den Schlüssel aus der Hand.

»Perfekt«, sagte er und stieg die Treppe hoch.

Frances spürte etwas unter ihren Sohlen. Sie ging in die Knie, tastete mit beiden Händen im nassen Gras, bis sie die Kugel aus dem Boule-Spiel zu fassen bekam, das verlorene Zentrum, dem sich alle Kugeln möglichst weit annähern mußten, ohne es berühren zu dürfen.

Sie hielt die Kugel in den Regen. Wischte mit dem Zeigefinger darüber. Wer das Zentrum berührt, hat verloren, dachte sie und stieg ein.

»Hast du was gesagt?« fragte David.

Ihr Vater startete den Motor.

»Nein«, sagte Frances, die Scheinwerfer beleuchteten den Weg vor ihnen, und als Viktor zurücksetzte, um den Wagen zur Straße zu lenken, glitt der Doppelstrahl noch einmal über die Fassade, flog an Stämmen entlang und drang für einen Moment in die Finsternis dahinter. »Ich denke bloß über eine Geschichte nach.«

cover

 

Zwischen Du und Ich ging eine Türe auf,
und jemand, noch ohne Gesicht,
stand da und erwartete uns.

Pablo Neruda

 

Zwei Tage vor meinem Geburtstag ist meine Mutter mit dem gelben Sportcoupé meines Vaters in den Himmel geflogen. Es war ein sonniger Tag, und neben ihr lag alles, was ich mir gewünscht hatte: sieben Päckchen und eine Schultasche aus Leder.

In meinen Träumen habe ich oft gesehen, wie der gelbe Wagen über die Kante schießt, in einen ganz und gar wolkenlosen Himmel. Man hört das kurze Durchdrehen der Räder, das Zischen des Fahrtwindes und dann nichts mehr: ein plötzlicher Trichter aus Stille, jedes Geräusch im schwarzen Loch einer unendlich gedehnten Schrecksekunde.

Meine Mutter trägt das Kleid, das sie von meinem Vater zum Hochzeitstag bekommen hat, ein champagnerfarbenes Seidenkleid, das leuchtet, wenn Licht darauf fällt. Ihre Haare wehen hinter der Kopfstütze, Lack blitzt im Sonnenlicht, und als wäre die Schwerkraft plötzlich aufgehoben, lösen sich die Päckchen vom Beifahrersitz.

Der Wagen landet auf einem Felsvorsprung. Meine Mutter streckt die Arme nach den Geschenken aus, die in Zeitlupe vom Himmel fallen, rote, blaue, gelbe, mit Schleifen, ohne Schleifen. Sie weiß nicht, was sie zuerst fangen soll, und schließlich entscheidet sie sich für das schönste Paket: ein rot-gelb gestreiftes mit einer kleinen Windmühle dran. Sie hält es ans Ohr, schüttelt es und hört, wie es klappert. Dann schließt sie die Augen. Sie lächelt, weil sie sich freut, daß sie ein so schönes Geschenk für mich hat.

Ich nehme das Paket und bringe es an einen Ort, den niemand kennt. Jeden Tag hole ich das Geschenk aus seinem Versteck. Ich blase gegen die Windmühle, um zu sehen, wie sie sich dreht. Dann streiche ich über das Papier und schiebe das Paket zurück. Bald werde ich es öffnen.

1

Nichts war passiert. Sie hielt einen Becher Champagner in der Hand, aber ihre Mutter roch noch immer nach dieser Salbe, die sie auf alles schmierte, was heilen sollte, und ihr Vater lehnte weiter im Gang wie die Karikatur eines Diplomaten.

»Komm schon«, sagte er und drückte seinen Becher gegen ihren, »der wird sonst schal.«

Frances legte einen Finger an die vibrierende Plexischeibe und betrachtete das schräg gebohrte Loch in der Doppelverglasung, den kleinen Kanal zu dem Niemandsland zwischen Passagierraum und Atmosphäre, von dem sie immer wissen wollte, wozu er da war. Druckabfall, fiel ihr ein, weiter nichts.

»Seit wann weißt du das«, fragte sie in Richtung der Scheibe, die immer so billig schepperte, wenn man dagegen schlug.

»Letzte Woche«, sagte ihr Vater, als wäre er stolz darauf, die Neuigkeit so lange verheimlicht zu haben.

Unter der Tragfläche funkelte die Turbine wie eine blankpolierte Bowlingkugel, und Frances überlegte, was passieren würde, wenn das Triebwerk eine Wolke fressen würde. Wenn die Wolke einfach vom Himmel gesaugt werden würde.

»Es sollte eine Überraschung sein«, sagte ihre Mutter und fing an, auf ihrem Arm herumzustreichen, mit ihrer cremigen Haut und den kalten Ringen. Frances starrte auf die Narben, die sich wie eine sonderbare Schatzkarte über Helens Hand breiteten, und klappte das Tischchen hoch.

Obwohl der Unfall lange vor Frances Geburt geschehen war, hatte sie sich noch immer nicht an die Hand ihrer Mutter gewöhnt. Zwar gab es eigentlich nichts, an das sie sich hätte gewöhnen müssen, weil sie Helen gar nicht anders kannte, aber wenn man das Urbild aller rechten Hände zum Maßstab erhob, würde es ihre Mutter immer schwer haben. Jeden Splitter habe man einzeln herausoperieren müssen, erzählte ihr Vater oft, allerdings nur, wenn seine Frau nicht dabei war. In seiner Stimme schwang dann so etwas wie der Stolz heimgekehrter Abenteurer mit, die unaufgefordert ihre Narben zeigen, doch gerade die Bereitwilligkeit, mit der Viktor jedem neuen Gast, den er zum Essen mitbrachte, die Geschichte ihres Unfalls aufdrängte, fand Frances merkwürdig.

Über ihre Eltern hinweg versuchte sie ihren Bruder zu sehen. David hatte seinen Sitz zurückgestellt und schien zu schlafen. Seine Wimpern warfen lange Schatten auf die Wangen, wie ein trauriger Clown sah er aus unter den Punktstrahlern, die Viktor zum Lesen eingeschaltet hatte und die jetzt, da ihr Vater noch immer halb im Gang saß, vor allem das graue Sakko auf seinen spitzen Schultern beleuchteten.

»Weiß er es schon?« fragte sie.

»Nein«, sagte ihr Vater. »Ich wollte, daß du es zuerst erfährst.«

Auf dem Getränkewagen klirrten Fläschchen gegeneinander, ein hohes, nervöses Geräusch, das nach Anspannung klang. Die Stewardeß beugte sich zu den Fluggästen vor ihr, sie konnte die Poren ihrer wächsernen Haut sehen. In der Luft altert man schneller, dachte Frances, das hatte sie irgendwo mal gelesen.

»Der Urlaub«, sagte sie, »ist also gewissermaßen ...«

Dickflüssiger Tomatensaft schwappte in einen transparenten Becher, zwei rote Tränen rutschten von dem aufgeweichten Pappschnabel die Packung herunter.

»Eine Art Belohnung«, sagte Viktor. »Das Haus gehört dem Rechtsanwalt des Verlages. Eine Empfehlung von Münzner. Damit ich ...« Er lächelte. »Damit wir alle noch einmal richtig durchatmen können.«

»Bevor was?« Zwischen den Rückenlehnen konnte Frances sehen, wie die Frau vor ihr die Salz- und Pfefferkammern aufriß, den Inhalt in ihren Tomatensaft schüttete und mit einem durchsichtigen Plastikstab umrührte.

»Bevor es losgeht,« sagte ihr Vater.

Frances legte die Stirn an die Scheibe und spürte die feinen Vibrationen. Nichts bliebe übrig, dachte sie. Die Wolke würde einfach verschwinden, und nichts bliebe von ihr übrig.

»Münzner setzt große Hoffnungen in mich. Ich will ihn auf keinen Fall enttäuschen«, sagte Viktor, und Frances fragte sich, ob ihm klar war, daß er redete wie der Protagonist einer Vorabendserie. Sie hätte ihm gern gesagt, daß ihm diese Beförderung gerade recht kam. Daß er ohnehin sein Leben lang nichts anderes getan hatte, als sich hinter seiner Arbeit zu verschanzen. Einen Schutzraum aufzubauen, in dem es nur ihn und seine immense Bedeutung für den denkenden Teil der Bevölkerung gab.

»Viktor wird weiterhin Zeit für dich haben, wenn es das ist«, sagte Helen und strich ihr mit der Hand über den Arm. »Für dich und deine Geschichten.«

Die Frau vor ihr hatte den Tomatensaft ausgetrunken. Sie stopfte das leere Papierbriefchen zusammen mit einer zerknüllten Serviette in den Becher und drückte mit dem Rührstab nach.

»Rede nicht so«, sagte Frances. »Rede nicht so, als wäre ich behindert.«

Helen verschränkte die Arme vor der Brust und klemmte beide Hände unter die Achseln. »Das tue ich nicht«, sagte sie. »Ich finde nur, du legst ein bißchen zuviel ... Wert auf diese Sache.«

Frances hielt ihren Becher unter die Nase. »Du meinst, ich vergeude meine Zeit.«

»Das stimmt nicht«, sagte Helen. »Das habe ich nicht gesagt.«

Noch zwei Antworten, dann würde sie von dem Studium anfangen, das sie wenigstens nebenbei führen solle, falls das mit dem Schreiben dann doch nicht, man könne ja nie wissen.

»Ihr hättet es mir früher erzählen können«, Frances sah nach draußen, »das ist alles.« Der Champagner roch nach Metall. Kleine Bläschen prickelten vor ihrem Gesicht, hinterließen einen klebrigen Film auf der Haut.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte sie und prostete ihrem Spiegelbild in der Scheibe zu, das durchsichtig und blaß vor einer tiefroten Morgendämmerung hing. Dann kniff sie die Augen zusammen und trank.

Die Räder schlugen auf die Landebahn. Vom Flughafengebäude aus hätte sie den Qualm sehen können, der beim Kontakt der Reifen mit dem Asphalt entsteht, eine Mischung aus Staub und verdampfendem Gummi. Normalerweise war das die Sekunde, in der sie sich entspannte, ein Moment, der die Dinge zurechtrückte. Frances konnte noch immer nicht begreifen, daß eine tonnenschwere Stahlkonstruktion, die aussah, als könne sie sich selbst am Boden kaum bewegen, durch die Luft flog. Eine Anmaßung, die zwangsläufig bestraft werden mußte, und jedesmal, wenn sich die Reifen von der Startbahn lösten, rechnete sie fest mit dieser Strafe. »Wir werden sterben«, sagte sie dann gern, um ihrer Familie etwas Demut beizubringen, »wir werden alle sterben«, und wenn Viktor daraufhin energisch die Zeitung faltete, seine Tochter über die Lesebrille musterte und einen Vortrag über Physik begann, wurde alles nur noch schlimmer. »Der Mensch ist nicht zum Fliegen gemacht. Wäre er zum Fliegen gemacht, hätte er Flügel«, beendete Frances das Gespräch meist, denn gegen einfache Erklärungen war ihr Vater machtlos. Er ließ sich dann seufzend in den Sitz zurückfallen, entfaltete die sorgsam zusammengelegte Zeitung erneut und studierte mit leichtem Kopfschütteln das Feuilleton.

Die Maschine steuerte auf das Flughafengebäude zu. Herzlich willkommen in Bordeaux, kam aus den Lautsprechern, Helen riß ein Erfrischungstuch auf, und ihr Vater stopfte seine Zeitung zu den Sicherheitshinweisen.

»Das wäre geschafft«, sagte Viktor, als hätte er selbst die Maschine gelandet; er streckte sich, bis sein Körper überdehnt war und die Arme zu zittern begannen.

»Bitte bleiben Sie trotzdem so lange angeschnallt sitzen, bis das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hat«, sagte David und zog die Nase kraus. »Hier riecht es nach Altersheim.«

Helen beugte sich in den Mittelgang, hielt ihm das Erfrischungstuch vor die Nase, zwischen spitzen Fingern und mit nach unten abgewinkelter Hand, als erwartete sie einen Handkuß.

»Willkommen in Frankreich, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?«

»Ich hatte einen schrecklichen Traum«, sagte David. »Ich habe geträumt, daß dein Mann befördert worden ist und ihr ohne mich Sekt getrunken habt.«

»Champagner«, korrigierte Viktor. »Wir dachten, du schläfst. Außerdem, für einen jungen Mann deines Alters.«

»Mein Alter ist alt genug für bourgeoise Getränke.« David wickelte ein Kabel auf, das ihm lose um den Hals hing, und ließ es zusammen mit den Ohrstöpseln in die große Tasche fallen, die mitten auf seine Jacke genäht war und eine halbe Hi-Fi-Abteilung verbarg.

Ein orangefarbener Wagen mit brauner Plane hielt neben dem Flugzeug. Frances sah einen Mann aus dem Führerhaus springen und im Bauch der Maschine verschwinden. Wenig später warf er Koffer heraus, und wie auf ein Zeichen klapperten die Schnallen der Sitzgurte, als schlügen Schwerter gegeneinander.