Über dieses Buch
Ludwig Hirsch war Schauspieler, Poet und Liedermacher. Unaufdringlich nah, aber ungemein präsent hat er seine Texte in den Köpfen der Zuhörer verankert. Seine Lieder haben auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Intensität verloren. Dieses Buch versammelt Biografisches, Szenen und Situationen aus der Karriere und dem Leben von Ludwig Hirsch. Es zeigt das Bild eines außergewöhnlichen Künstlers und zurückgezogen lebenden, sensiblen Menschen, der mit seinen Liedern wie »I lieg am Ruckn« oder »Komm großer schwarzer Vogel« Ende der 70er-Jahre wie ein Wintersturm über Österreich kam. Zu Wort kommen unter anderem Cornelia Köndgen, die Ehefrau und Schauspielerin, Moritz, der Sohn, Ludwig Hirschs langjähriger Bühnenpartner und bester Freund, Johnny Bertl, der Entdecker und Manager, Karl Scheibmaier und zahlreiche weitere Weggefährten.
Luitgard »Lutti« Scholz – die Schwester
Gottfried Gerngross – der Freund
Cornelia Köndgen – die Ehefrau
Karl Scheibmaier & Heidi Scheibmaier – das Management
Johnny Bertl – das Schutzengerl erzählt
Christian Kolonovits – der Produzent
Moritz – der Sohn
Johnny Bertl – Manfred Schweng – Andi Steirer – Bandmitglieder
Peter Korrak – der Fotograf
Emmy Werner – Theaterdirektorin i. R. und Freundin
Carlo Bahrer – Cafetier
Oma pfüdigott, mach’s drüben besser, mach keine Knödeln für die Engerln, sei so gut! Tu nicht die Heiligen sekkiern, tu nicht den Opa denunziern; und gehst zum Herrgott auf Besuch – ein guter Tip: Omama, nimm’s Mutterkreuz net mit!
Es ging steil die Stufen hinunter, direkt in den Bauch des Wiener Konzerthauses. Ein langer Gang führte zu den links und rechts liegenden Aufnahmeräumen. Neonlichter und Lampen tauchten den Ort in eigentümliches, leicht gelbliches Licht. Viel Braun an den Wänden und viel vergilbte Farbe. Der Ort trug die Patina, wie sie Orte, in denen viele Jahre lang die immer gleichen oder sehr ähnlichen Aufgaben erledigt werden, tragen. Seit 1946, der Krieg war kaum ein Jahr vorbei, wurde hier, im Keller des Konzerthauses, wieder Musik aufgenommen. Auf der Straße, da kletterten die Menschen noch über den Bombenschutt, während unten Schlager gesungen wurden.
Gerhard »Moshe« Mendelson, der legendäre Musikproduzent, Besitzer eines Plattenlabels, Entdecker der Stars, er produzierte hier viele Schlager, gründete 1946 die Austrophon Schallplatten Studio Ges.m.b.H und machte Wien zum Schlagernabel. Peter Kraus nahm in den 50er-Jahren seine großen Hits in den im Keller gelegenen Studioräumen ebenso auf wie Peter Alexander und viele andere Stars ihrer Zeit. Das Austrophon-Studio war in Österreich für Jahrzehnte die erste Adresse, wenn es um Plattenaufnahmen ging, und Mendelson versorgte von Wien aus die Wirtschaftswunder-Zeit mit ihrem Soundtrack.
Die schalldichten Wände des Austrophon hatten in all den Jahren so einiges zu hören bekommen, doch das, was im Jahr 1978 auf den beiden »Studer« 16-Spur-Maschinen aufgenommen wurde, war in seiner Art sehr anders.
Der Mann, dessen Lieder sich auf seiner ersten Langspielplatte wiederfinden sollten und der eben im Studio A mit den Aufnahmen zugange war, legte damals im »Austrophon« den Grundstein zu seiner außergewöhnlichen Karriere. Der Poet, Schauspieler, Texter und Komponist Ludwig Hirsch – er war genauso alt wie das Studio, in dem die Aufnahmen stattfanden. Ein Zufall, aber diese ersten Tage seiner Karriere, hier im bunkerartigen Studio, im Bauch des berühmten und legendenumwobenen Hauses, welches seit jeher unterschiedlichste Arten von Musik lebt wie keine andere Spielstätte Wiens, sie werden die ersten Tage des Musikerlebens von Ludwig Hirsch sein.
Die Adresse Lothringerstraße 20 im dritten Wiener Gemeindebezirk, sie wird im Leben des Ludwig Hirsch eine große Rolle spielen. Im Konzerthaus fing es an. In »meinem Konzerthaus«, wie er immer wieder sagte. Im Keller gab es das Konzerthaus-Theater. Dort stand er oft auf der Bühne, in den 70er-Jahren. Mit den anderen jungen Wilden, die noch nicht in die Traditionsbetriebe durften. Da unten, da konnten sie sich austoben. Oben, im Mozart-Saal, stellte er später seine Lieder zum ersten Mal im großen Stil dem Publikum vor. Wieder unten, im Keller, wurden sie professionell eingefangen, konserviert, um später zur Vervielfältigung freigegeben zu werden.
Und im Konzerthaus fand auch alles sein Ende. »VIELLEICHT zum letzten Mal live« hieß das Programm, das am Muttertag 2011 von Ludwig Hirsch und seinen Musikern Johnny Bertl, Andi Steirer und Manfred Schweng gespielt wurde.
Dreiunddreißig Jahre bevor es zur traurigen Gewissheit wurde, dass das Wort VIELLEICHT im Tourneetitels einem SICHER weichen musste, arbeiteten in den eher spartanisch eingerichteten Regie- und Aufnahmeräumen des Austrophon-Studios B der Techniker Gregor Hornacek und der Produzent Robert Opratko an Liedern, die einige Monate später als die »Dunkelgrauen« wie ein Herbststurm über das Land kommen sollten. In den mit dem gelblichen Kunstlicht gefluteten Räumen mit den schallschluckenden und mit zahlreichen kleinen Löchern versehenen Holzpaneelen an den Wänden, in denen sich der Geruch von Tausenden Zigaretten der vergangenen Jahrzehnte gesammelt hatte, erzählte Ludwig Hirsch seine Geschichten vom bladen Buam, dem netten Herrn Haslinger, dem Zwerg oder auch die vom Dorftrottel. Hirsch verpackte seine Figuren in schöne, einfache Melodien, Robert Opratko versah sie mit Streichern und anderen Arrangements, die einen lieblichen Kontrast zu den morbiden, teils brutalen, zynischen Texten bildeten. Mit seiner wunderbaren sonoren Stimme schickte er, der Hirsch, uns Hörer dann auf eine Art Geisterbahnfahrt durch seine »Dunkelgrauen Lieder«. Mit der »Oma« tauchten wir ein ins Grau. Das war noch irgendwie lustig. Bei »I lieg am Ruckn« wurde es das erste Mal richtig dunkel. Und traurig. Man spürte die salzigen Tränen förmlich, wie sie auf den frisch aufgeworfenen Grabhügel fallen, und wahrscheinlich hat dieses Lied auch nicht wenige Menschen dazu bewogen, testamentarisch eine Einäscherung zu verfügen, wenn es irgendwann so weit sein sollte. Nur nicht da unten liegen und auf die Würmer warten müssen. Überhaupt, die Strophe mit dem sich in der Erde herumschlängelnden Getier, sie hat mit Sicherheit seit dem Jahr 1978 so manche Beerdigung in den Köpfen der Trauergemeinde begleitet. Man will gar nicht wissen, wie oft dieses Lied als stiller Gast, im Hirn, in den Gedanken mit bei Begräbnissen war und noch lange sein wird. Gestern, heute, morgen und auch übermorgen. »I lieg am Ruckn« ist so zeitlos wie das Sterben. Der Soundtrack fürs Kopfkino. Wienerischer kann es gar nicht sein.
Was is’n des, des komische Krabbeln bei die Zehen da vorn?
Jessas Maria, der erste Wurm!
Du liegst da und kannst di net rühren, die Würmer krallen dir ins
Hirn und sie dinieren.
Umdrehen musste man die Platten damals noch. Schwarze Langspielplatten. 30 Zentimeter im Durchmesser. Lange Zeit uninteressant, und seit drei Jahren fahren so viele wieder drauf ab, auf dieses pechschwarze Vinyl. Für die Musik des Ludwig Hirsch war es ohnehin immer der bessere, viel authentischere Schallträger als diese kleinen Silberscheiben.
Bei den »Dunkelgrauen Liedern« war es, wie wenn du deine schwarze Platte nimmst. Du setzt die Nadel in die Rille. Und los geht die Fahrt, wie in der Geisterbahn im Wiener Prater. Nach der Hälfte bist du im ersten Stock der Bahn angelangt, dort wirst du kurz vom Tageslicht geblendet, bis dann der kleine Wagen wieder mit dir in die Tiefe rumpelt. Das letzte Lied auf der Platte heißt »Happy End«. Es ist wie im Film. Ohne Happy End gehst du traurig aus dem Kino. Hier rattert der Wagen mit diesem Lied in die Zielgerade, und erst wenn sich die Nadel hebt, entlässt dich der Herr Hirsch wieder aus seiner in deine Welt.
1978 war ich 20 Jahre alt und musikalisch geprägt und sozialisiert von Wolfgang Ambros, Georg Danzer und all jenen anderen österreichischen Musikerinnen und Musikern, die sich dem Dialekt zugewandt hatten. Endlich was für uns, in unserer Sprache geschrieben und gesungen. Zum Mitsingen, Weinen, Lieben, Austoben und Abstürzen. Erst das, was damals schon als »Austropop« tituliert wurde, machte meine persönliche Pop- und Rockwelt komplett.
1978 war ich bereits seit fünf Jahren in der Musikwirtschaft tätig und innerhalb der Branche kannten sich alle gut. Etwas Besseres kann einem passionierten Plattensammler eigentlich nicht passieren. In der Kantine im Funkhaus war immer einer der Promoter-Kollegen zu finden und wir tauschten immer wieder Platten aus. Im Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße, im letzten Stock, direkt unter dem Dach, saß damals der Sender Ö3. Noch ohne dem Zusatz »Hitradio« im Namen. Im Stockwerk darunter waren Radio Wien, der Kinderfunk und Radio Niederösterreich untergebracht.
Ins Funkhaus wurden von allen Firmen jede Woche Tonnen von neu erschienenen Platten geschleppt. Mit der Hoffnung auf Radioplay texteten die Promoter die Redakteure und DJs zu und nicht jede Platte fand einen Abnehmer. Bevorzugte Transportmittel zum Plattenschleppen waren Plastiksackerln mit den Logos der Firmen. Polydor, Ariola, Musica oder WEA, die spätere Warner. EMI nicht zu vergessen. Meine Sackerln waren in knalligem Orange. CBS – The Family Of Music stand drauf und in so einem Sackerl verschwand damals die Platte von Ludwig Hirsch. Die mit den »Dunkelgrauen Liedern«. Der Kollege von Polydor hatte sie mir mit den Worten gegeben: »Das musst du dir anhören … Sowas hast du noch nie gehört.« Ich hab die Platte genommen und im Gegenzug etwas anderes über den Tisch geschoben. Keine Ahnung, was ich damals für Hirsch eingetauscht habe, aber ich war in Sachen Hirsch nicht gänzlich unbeleckt. »Ah, das ist doch dieser Schauspieler …«, sagte ich, dankte und drehte das Plattencover um. Und was stand da? War da doch tatsächlich ein Lied mit dem Titel »Spuck den Schnuller aus« drauf. Ich lachte und las laut vor. Der Kollege von Polydor sagte nur: »Anhören und ich sag dir nochmal: Sowas hast du noch nie gehört!«
Daheim senkte sich dann die Nadel und es war wie beschrieben: Bitte einsteigen zur Geisterbahnfahrt. Bei der »Omama« hab ich noch geschmunzelt und an meine Oma gedacht. Die war irgendwie in dem Lied wieder auferstanden, nur mit einem Mutterkreuz hatte sie nichts am Hut. Bei »I lieg am Ruckn« hab ich mich an die Worte des Kollegen erinnert: »So was hast du noch nie gehört!« Beim »Herrn Haslinger« hab ich bei der Szene, wo der Haslinger vor der Schule steht und sich am Anblick der Taferlklassler erfreut, noch die Stirn gerunzelt und mich gefragt: »Bitte, was singt der da?« Dann ist mir bei der letzten Strophe der Hals trocken geworden.
Nach 50 Minuten »Dunkelgrauen Liedern« war ich das, was man heute einen Follower nennen würde. Ich habe seither jede Platte erstanden. Und jedes neue Hirsch-Album war wie die Entdeckung des Jahres, ein für sich stehendes Werk voller Überraschungen. Vieles habe ich verstanden. Einiges blieb mir unverständlich. Spannend waren sie alle, die Platten des Ludwig Hirsch.
Jahrzehnte später: Zweimal durfte ich als Autor für Ludwig Hirsch tätig werden. In seinen späteren Jahren für die Alben »In Ewigkeit Damen« und »Perlen«. Im Zuge dieser Arbeit lernte ich einen sehr höflichen, sehr freundlichen und so gar nicht kumpelhaft auftretenden Mann kennen. Irgendwie war man in seiner Nähe auch nie in Versuchung geraten zu einem »Hey Ludwig, lass uns auf ein Bier gehen und ein bissl quatschen«-Angebot. Er strahlte so eine Ruhe und künstlerische Autorität aus, die einen ihm fast ein wenig demütig entgegentreten ließ. Dazu die Stimme, die gewählte Sprache, der Intellekt, der mitschwingt, und dann bist du einfach nur froh, diesen Menschen kennengelernt zu haben. Eigenartig ist auch, dass man in seiner Nähe nie auf die Idee gekommen ist, nach einem gemeinsamen Foto zu fragen. Zumindest mir ist es so gegangen. Ich hab mich einfach nicht getraut …
Einmal bat ich ihn, in eine TV-Show zu kommen, die wir seinerzeit für TW1, den Vorläufer des heutigen ORF III, produzierten. Kein großes Ding, eine kleine Talk-Show mit ein bisschen Musik. Ludwig Hirsch willigte ein, wollte aber keinen Playback-Auftritt hinlegen. Akzeptiert. Was tun? Liedtexte lesen? Ja, das könne er sich gut vorstellen, und so saß er da, im Frühjahr 2006, bei uns in dem kleinen Studio und las zwei seiner Texte aus »In Ewigkeit Damen«. Es war ein Gänsehaut-Moment, und als diese Folge der kleinen Show dann bei TW1 ausgestrahlt wurde, ging anschließend bei uns wie nie zuvor und danach der Postkasten über. Eine Zuseherin hat mir einmal erzählt, dass es ihr damals, als Ludwig Hirsch in der Sendung gelesen hat, vorgekommen ist, als wenn er bei ihr im Wohnzimmer sitzen und nur für sie lesen würde, so nahe ist er ihr mit seiner Stimme gewesen.
Sehr nah am Ohr des Zuhörers, das war Ludwig Hirsch immer. Von der ersten Platte, vom ersten Auftritt als Musiker an. So musste er nicht laut werden und durch die leisen Töne stieg die Intensität. Unaufdringlich nah, aber ungemein präsent, direkt in den Kopf sprechend, singend, erzählend seine Texte im Hirn der Zuhörer verankernd. Da ging nichts beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus. Seine Musik war nie etwas fürs Radio in der Küche, keine Mitnahmemusik, sondern sie wühlte auf. Lud auch zum Schmunzeln ein. Selbst die Liebeslieder setzten sich deutlich von den Millionen anderen Liebesliedern ab. Da wäre der »picksüße Elvis«. Als was wurden Elvis und seine Musik im Laufe der Jahrzehnte nicht alles bezeichnet … aber als »picksüß«, das bleibt bis heute Ludwig Hirsch vorbehalten. Und in diesem Wort »picksüß«, da steckt die ganze Liebe, Leidenschaft und Bewunderung drin, die Hirsch Elvis Presley, der Figur, dem Künstler, seiner Stimme und seiner Musik seit dem Teenageralter entgegenbrachte. Er blieb von jungen Jahren an kleben an Elvis, dem Picksüßen.
Die Lieder Ludwig Hirschs blieben drin im Kopf, sitzen auch heute noch dort und haben auch nach Jahrzehnten nichts an ihrer Intensität verloren. Wahrscheinlich ist es genau das, was Poeten von Textdichtern unterscheidet.
An dem Morgen nach der Nacht des 24. November 2011, in der sich Ludwig Hirsch das Leben genommen hatte, erhielt ich einen Anruf der Plattenfirma Universal Music mit der dringenden Bitte um einen geschriebenen Nachruf. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht Radio gehört und war demzufolge völlig unvorbereitet, als mich auf diese Weise die Nachricht vom Tod Ludwigs erreichte. Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich in einer Art Schockzustand schreiben musste. Nie wieder, habe ich mir danach geschworen. Nachrufe sind furchtbar. Schreib klar, nicht von Trauer überwältigt, über das Leben von jemandem, der nicht mehr lebt, sich selbst dazu entschlossen hat, und der in einer Art über den Tod gesungen hat, dass es dir dabei kalt über den Rücken gelaufen ist. Schreib über jemanden, der aus dem Fenster gesprungen ist und Jahrzehnte davor in einem Lied, einem seiner besten Lieder überhaupt, genau über eine solche Situation singt.
Vier Jahre nach diesem Erlebnis arbeiten Ludwigs bester Freund und langjähriger Bühnenpartner, der Musiker Johnny Bertl, die Schauspielerin, Gefährtin und Ehefrau von Ludwig, Cornelia Köndgen, und ich an einem Buch über diesen großartigen Künstler, Schauspieler, Poeten und Singer-Songwriter Ludwig Hirsch. Es sind Erinnerungen, die wir zusammengetragen haben. Erinnerungen, Gedanken und Erlebnisse von Menschen, die Ludwig nahestanden, mit ihm arbeiteten, mit ihm lebten, ihn bewunderten und ihn formten.
Ludwig selbst hat kein biografisches Material hinterlassen. Was er uns gelassen hat, sind seine Geschichten, seine Lieder. Lieder über sich, die wusste er gut zu verpacken, den Poeten Hirsch hinter seinen Figuren zu verstecken.
Was sich in diesem Buch findet, soll dem Menschen, dem Künstler Ludwig Hirsch einen Platz im Bücherregal der österreichischen Popularmusikkultur freiräumen. Direkt neben Georg Danzer, Falco und all den anderen, die durch ihr Schaffen das Land aus dieser Last-Exit-Eiserner-Vorhang-Starre geholt haben. Hirsch hat sogar das Kunststück geschafft, ein damals noch recht farbloses Land mit seinem »Dunkelgrau« – einer Mischung aus der blauen Donau und dem schwarzen Wiener Humor – bunter zu machen.
Das Buch soll auf sein Werk aufmerksam machen. Es soll den Wunsch nach dem Griff ins Plattenregal wecken. Was darf es denn sein? Ein bisschen Landluft um die Ohren wehen lassen? Oder lieber von traurigen Indianern und unfreundlichen Kellnern ein Lied serviert bekommen?
Eben weil er diese Gänsehautlieder schrieb, weil er auf der Theaterbühne anders war als all die anderen, weil er sich nie verbogen hat, weil er unbeirrbar seinen Weg ging und sich dabei immer treu blieb, deshalb gebührt ihm dieser Platz im Regal!
Es kann sein, dass manchem die emotionale Nähe der Autoren zum Beschriebenen als »zu nah« erscheint, dass manchem die objektive, journalistische Distanz fehlt. Ja, das kann sein, aber es ist Absicht: Denn hier schreiben der beste Freund, die Witwe und ein großer Fan! Subjektiv und persönlich: Es ist eine Verneigung, ein nachträgliches Dankeschön, ein Gruß von hier nach dort. Nach dort, wo Ludwig jetzt ist. Und vielleicht schreibt er ja dort sogar an einem neuen Lied, weil ihm fad ist im Himmel, vielleicht!? Er wird aber ganz sicher versuchen herauszufinden, ob die Omama seinen Rat in den Wind geschlagen hat und das Mutterkreuz doch ganz unten im Koffer versteckt und auf ihre letzte Reise mitgenommen hat …
In diesem Sinne ein herzlicher Dank an alle, die zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben. Meinen beiden Co-Autoren Cornelia Köndgen und Johnny Bertl sowie den Gesprächspartnern: Moritz Hirsch – Sohn, Heidi und Karl Scheibmaier – Entdecker, langjährige Manager, Fotografin zahlreicher Coverfotos. Emmy Werner – Theaterdirektorin i. R. und Freundin, Gottfried Gerngross – Freund, nahezu von Geburt an, Luitgard »Lutti« Scholz – Ludwigs Schwester, Christian Kolonovits – Produzent, Andi Steirer und Manfred Schweng – Bandmitglieder, der Cafetier Carlo Bahrer, dessen Lokal Inkognito ihm den Freiraum bot, den er in der Öffentlichkeit nicht fand, sowie dem Fotografen Peter Korrak, der unter anderem das Coverfoto für dieses Buch fotografiert hat.
Jeder dieser Menschen hat mit Ludwig Hirsch eine Phase seines Lebens geteilt, den Künstler, Freund, den Vater und den Mann durch Künstlerisches, Geschäftliches, Privates begleitet.
Es ist nicht leicht, sich der Person des Ludwig Hirsch biografisch anzunähern, da er sehr zurückgezogen gelebt hat, ihm stets daran gelegen war, nach getaner künstlerischer Arbeit wieder in seine private, »geheime« Welt abtauchen zu können. Interessant sind daher die persönlichen Beziehungen Einzelner, kleine und große Erinnerungen, vor allem aber Empfindungen und Gefühle, die ihre Spuren in jenen Menschen hinterlassen haben, die dem scheuen Künstler Hirsch so nahe waren wie sonst niemand.
Erinnerungen sind immer persönliche Bruchstücke, geprägt durch subjektive Eindrücke. Objektivität ist dabei so gut wie unmöglich. Ja, selbst Jahreszahlen verschwimmen dann und wann. Wahrscheinlich gehört das eine oder andere Mosaiksteinchen auch nicht dorthin, wo es hingesetzt wurde. Doch es ist nicht wichtig für das Gesamtbild. Wenn, dann geschah es aus der Unschärfe vergangener Zeit, aus der Distanz, die sich ergibt, und nicht mit Absicht. Mit der Bitte, darüber gelassen hinwegzulesen, dankt und grüßt
Andy Zahradnik
Als es bei der Hirsch Therese am 28. Februar 1946 losgegangen ist, ging es gerade hoch her in dem Bauernhaus im steierischen Weinberg. »Sautanz« heißt das dort am Lemberg. Das Schlachtfest war in vollem Gang und die Mostkrüge wurden mehr als einmal wieder aufgefüllt, gestemmt und mit großen Schlucken geleert. Die Musi spielte auf. Getanzt und gefeiert wurde, dass sich die Balken bogen. Die hochschwangere Therese mittendrin. Die Wienerin, die mit ihrer Familie die ausgebombte Wohnung in der Hauptstadt hinter sich gelassen hatte, um in der Steiermark Kraft zu tanken für den Nachwuchs. Galt es doch, sich bald um zwei Kinder und den Mann zu kümmern.
Wien war kaputt. Mehr oder weniger. Gustav August Hirsch, angehender Arzt und zu dieser Zeit in Oberwart tätig, ein Mann, der jeden Tag den weiten Weg über die Hügel von Weinberg in die Stadt, in die Arbeit, mit dem Rad zurücklegte, war in der kleinen Stube zugegen, als bei seiner Frau die Wehen einsetzten.
Eigentlich hatte der Mediziner dabei nicht wirklich etwas verloren, denn für solche Fälle gab es ja die Schollinger. Die wusste mehr als die meisten Ärzte zusammen, denn sie hatte in der Gegend so gut wie jedem kleinen Menschlein dabei geholfen, in dieser Welt anzukommen. Die Schollinger wurde in dieser kalten Nacht geholt und machte das, was sie schon so oft getan hatte: Kinder entbinden. Während in der kleinen Stube gepresst, geschrien und geschwitzt wurde, blutige Tücher gegen frische Tücher ausgetauscht wurden, Wasser aufgekocht und der Schollinger gereicht wurde, steigerte sich vor der grob gezimmerten Holztüre der Sautanz zum Höhepunkt. Es tobte die Musi, es schlugen die schweren Schuhe auf den Holzboden und keine zwei Meter daneben wurde entbunden und der Rosenkranz gebetet. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes … »Es is’ a Bua!«
Der Bub wird zuerst gewaschen, dann mit frischem Schweineschmalz eingerieben und schließlich in Tücher gewickelt. Der Schmalzwickerl. Cervi – der junge Hirsch. Die Familie war nun zu viert. Mutter Therese, Vater Gustav, Schwester Luitgard und der Bub, der auf den Namen Ludwig getauft werden soll. So steht es im Eintrag beim Standesamt in Geiseldorf.
Vier Wiener in der Steiermark. Sie waren an einem Ort angekommen, an den sie ursprünglich der Wunsch der Großmutter nach Sommerfrische viele Jahre zuvor geführt hatte. Man blieb der Gegend treu. Bis heute. Im Fuchs-Haus mit der Adresse Weinberg 62 kam Ludwig Hirsch auf die Welt. Eine Woche später rieb die Schollinger einen anderen Buben, in einem anderen Bauernhaus, nicht weit vom Fuchsbau mit frischem Schweineschmalz in sein junges Leben: Gottfried Gerngross. Der Freund des Hirsch-Wickerl. Wir treffen ihn später in diesem Buch.
Ludwig Hirsch, der Wiener, war in der Steiermark geboren worden. Von der Landluft in die Stadtluft. Zwei völlig verschiedene Welten. Dort der zerbombte Haufen, der nur im Sommer einigermaßen bewohnbar war, wo die Leute verhungerten und erfroren. Hier die Steiermark, wo Lebensmittel vorhanden waren und an Brennholz kein Mangel herrschte. In Weinberg verhungerte und erfror niemand. Es gab keinen Schwarzmarkt und die russische Zone endete an der burgenländischen Grenze. Die Steiermark war britisch. Der Arzt in Ausbildung, Gustav Hirsch, war somit bei seinem Weg von und zur Klinik nach Oberwart ein Grenzradler, der seine Familie versorgt und in Sicherheit wusste.
Ludwig Hirsch wuchs in Weinberg bei St. Magdalena auf und ging hier das erste Jahr zur Schule, bis die Wohnung in Wien, im zweiten Bezirk, wieder einigermaßen bewohnbar war. Sein Jugendfreund, Gottfried Gerngross, mit dem der am Land heranwachsende »Weana-Bua« viel Zeit in der Steiermark verbracht hatte, und Ludwigs Schwester Luitgard, »Lutti« genannt, sie erinnern sich in diesem Buch an die Kindheit, die frühen Jahre. An das Kind Ludwig. An den Buben, der bereits die ersten Anzeichen davon erkennen ließ, welches Talent in ihm steckte. Der scheue Mensch, der die Einsamkeit suchte, wurde er erst später. Als Bub war Hirsch der klassische Lauser, wie uns Lutti erzählen wird. Einer, der auf der Gasse mit anderen Buben durchaus auch die kleinen Fäuste fliegen ließ. Der Jugendliche, der im Wiener Prater mit einer Gang unterwegs war …
Einige wenige Sätze, Erinnerungen, Erzählungen Ludwigs an die frühen 60er-Jahre, seine Zeit als Prater-Bua, als er später die Schule, das Gymnasium geschmissen hat, sind zum Teil in früheren Interviews erhalten.
Aber es bleibt eine kurze Zeitspanne im Leben des Teenagers Hirsch, von der nur Bruchstücke von Überlieferungen vorhanden sind. Da war seine Zeit als Twen, in der er sich auf den »Hippie Trail« begeben hat. Tausende junge Menschen waren ab Mitte der 60er-Jahre nach Indien, Afghanistan, nach Goa und Kathmandu aufgebrochen. High sein – frei sein – überall dabei sein – war das Motto. Abenteuertraum und Befreiungsschlag gegen das Establishment. Hippie Trail – immer dem Geruch, dem Rauch, der Nase nach, zu den besten Haschischplantagen der Welt. Die Liebe zum grasgrünen Graserl wird ihn sein Leben lang begleiten.
Erste Etappe Richtung Asien war Istanbul. Die Stadt am Bosporus war Knotenpunkt, aber für zahlreiche Hippies auch Kopfbahnhof. Viele fuhren nicht weiter in den Iran oder nach Indien, sie blieben in einem dieser billigen Hotels in Istanbul hängen. Das Gülhane Oteli am Gülhane Park war eine dieser Adressen, wo Backpacker mit dünner Brieftasche unterkamen. Ludwig Hirsch war einer von ihnen. Ob es das Gülhane war, ist nicht bestätigt, aber in einem dieser Hotels war er, wie er später einmal seiner Frau Cornelia erzählt hat.
Musik war von Anfang an wichtig. In der Teenagerzeit spielte er in seiner ersten Rockband. Die Schule hingegen, das Gymnasium Vereinsgasse, war jedenfalls nicht seine Welt. Eine Schulbank in der ersten Reihe, die blieb den guten Schülern vorbehalten. Ludwig war keiner von ihnen, musste immer hinten sitzen. Auch weil das Verhältnis zwischen den Lehrkräften und ihm beidseitig gestört war. Alte Nazis waren darunter. Ideologisch in den dunklen Jahren stecken geblieben. Keine Lehrer, die einen Freigeist beeindrucken konnten. Dazu kam noch: Durch seine Kurzsichtigkeit und ohne Brille hatte er alles, was vorne an die Tafel geschrieben wurde, sowieso nicht mitbekommen. Als sinnlos empfand Ludwig weitere Schulbesuche und ging einfach nicht mehr hin. Im Zeugnis standen dann keine Noten, sondern da war nur »nicht abgeschlossen« zu lesen. Es war ihm egal. In dem Buch »Ganz privat – Österreichische Popstars, wie sie niemand kennt« von Peter Pauswek und Gerald Teufel schrieb Hirsch: »Ich war ein bisserl so ein Scheiß-drauf-Typ. Wenn es in der Schule nicht mehr geht, ist das völlig wurscht. Mit 20 Jahren ist das völlig egal, ob du bei der Matura durchgeflogen bist oder nicht. Es ist nur wichtig, dass man die Ohrwascheln und die Augen aufmacht. Der lebende Beweis dafür bin ja ich. Ich bin nicht so geworden wie meine Eltern oder wie die Erwachsenen um mich herum. Ich habe mich nie eingeigelt. Ich war immer unterwegs. Eigentlich habe ich damals voll gelebt.«
Die Teenagerzeit waren die frühen 60er-Jahre. Von der Großen Sperlgasse war die Familie Hirsch in die Vorgartenstraße gezogen. Man blieb innerhalb des Bezirkes. Im »Zweiten« – der Leopoldstadt. Vor der Nazizeit war ein großer Teil des Bezirkes die sogenannte Mazzesinsel. Ein prosperierendes Judenviertel. Im Jahr 1938, am 9. und 10. November, zog der braune Terror durch die Straßen, zerstörte Tempel, Schulen, Geschäfte. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis wieder jüdisches Leben auf der Insel einzog.