Sophia Maria Flores

Die schöne Arabella

Vier moderne Märchen

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Titel

Die schöne Arabella

Akte R., Geständnis

Die Fähre

Die Kernperson oder: Du siehst etwas, das ich nicht bin

Impressum neobooks

Die schöne Arabella



Das Dorf war zwar klein, die Kirche aber nicht das bedeutendste Bauwerk, denn ein wenig außerhalb gab es ein Schloss, das früher dem Grafen ge­hört hatte und mit neunundneunzig klobigen Türmen bespickt war, für jedes Gut des Grafen einer, und neunundneunzig Güter und Türme durften es nur sein und nicht etwa hundert oder mehr, damit der Herr Graf seinem König keine Kompanie Soldaten stellen musste.

Während sich die anderen Kinder am nahegelegenen Löschteich tummelten, kletterte Arabella über die noch blanken Sargrohlinge, die auf dem Hof ihres Elternhauses gestapelt lagen. Behutsam rieb sie die Innenflä­chen ihrer Hände am Holz und erfühlte die Maserung. Gern schnupperte sie an den frisch gehobelten Planken. Gelegentlich schlief sie darüber ein. Fand sie der Vater so vor, zusammengerollt wie ein Kätzchen und mit dem Rücken schutzsuchend an die Wände des Sargs gekuschelt, nahm er seine Tochter vor­sichtig auf und trug sie ins Haus, wo sie unter dem Dach ein Zimmer hatte. Das gehörte ihr ganz alleine.

In Dr. Hoppelers Jungfrauenbrevier aus den zwanziger Jahren hatte die Mutter gelesen, dass körperliche Ertüchtigung und unterhaltsame Gesellschaft dazu angetan wären, gewisse Triebe zu zügeln wie den der Trinklust oder der Selbstbefriedigung. Vielleicht half sie auch gegen das Spielen in Särgen. Besorgt um die Tugendhaftigkeit ihrer Tochter, veranlasste sie Arabella zu äußerster Sauberkeit. Arabellas Vater dagegen, der nach der Geburt seiner Tochter die Hoffnungen auf einen Nachfolger für sein Geschäft glaubte begraben zu müssen, beschied sich darin, die Dinge laufen zu lassen, wie sie liefen, und in das, was andere Erziehung nannten, nicht nachhaltig einzugreifen. Morgens, wenn Arabella herunterstieg aus ihrem fliederfarbenen Himmelreich und sich in der gekachelten Küche niederließ zu Butterbrötchen und Kakao, hörte sie von der Werkstatt her bereits Kreissäge und Hobel wirtschaften, und abends, wenn sie nach Knackwurststullen und Apfel­saft wieder nach oben kletterte, war auf dem Hof noch immer keine Ruhe eingekehrt.

Allmählich wurde aus dem Töchterchen des Stellma­chers das kleine Fräulein Bella. Es kleidete sich adrett und hielt sich sauber. Den sanft gerundeten Lehmboden mit den maulwurfhügelübersäten Feldern mied es, im Gegensatz zu den anderen, die ihn zum Schlachtplatz erhoben, auf dem sie gegen die Wildgänse wüteten. Auch verzichtete sie darauf, die Streifen Mischwaldes zu durchstromern, wo die Nachbars­kinder aus Spaß in den Dämmerstunden Rehe und Hasen aufstöberten. Wurde sie von Bekannten auf ihr antiseptisches Verhalten aufmerksam gemacht, bemächtigte sich ihrer ein gewisses Frösteln, das sie zu vertreiben suchte, indem sie sich an ein Möbel aus Holz lehnte, am liebsten, wo drei Wände einen Erker bildeten. Kamen Fremde in die Tischlerei, um Geschäftsabschlüsse zu tätigen, deuteten sie Bellas Miene oft falsch. Ihnen schien, wohl auch wegen des niederdeutschen Anklangs in der Rede­weise des Mädchens, vor ihnen stünde eine Paradieswächterin, die sich pikiert von den Sterblichen abwendet. Noch bevor solche Missverständnisse sich geschäftsschädigend hätten aus­wirken können, beschieden die Eltern, es könne nicht schaden, wenn Arabella wöchentlich zweimal per Autobus in die Kreisstadt führe, um dort bei einer ehemaligen, mitt­lerweile aussortierten Orchestergeigerin, die ihnen von ihrem einheimischen Schlachter empfohlen worden war, Violinunterricht zu nehmen.

Das Zimmer, in dem die Übungen stattfanden, war reich bestückt. Schwere Jugendstilmöbel aus Teakholz und Wolkenstores unter volantbesetzten Übergardinen, weinrote Samttischdecken mit goldfarbenen Kordeln und dreiarmige, metallene Kerzenständer erweckten in dem Mädchen den Glauben an die Schönheit des Überflusses. Manchmal, für Minuten in dem Palast alleingelassen, sah sich Arabella zum Fen­ster gehen, um die Vorhangstoffe flüchtig zu betasten, sanft mit der Handinnenfläche über ihre Falten hinweg zu streichen, bis das raue Kribbeln ihr von den Fingerspitzen über die Ellenbogen ins Rückenmark kroch und sie bei dem Gedanken erschauerte, solche Berührung könne sie verzaubern. Doch das Wunder blieb aus.

Ihrem Grundsatz gemäß, aus einer Geigerin würde alles oder nichts, Solistin oder Kapellenschrummer, beharrte die alte Dame unbarmherzig auf einer gewissen Form von Schinderei, die schon in der ersten Stunde mit der theoretischen Unterweisung einsetzte. Lückenlos hatte Arabella künftig zu Beginn jeder Übungsstunde die Bestandteile der Violine namentlich herunterzubeten, von Kopf und Wirbelkasten über das Griffbrett bis zu Saitenhalterknopf und großem Sattel. Verhaspelte sie sich dabei, oder vergaß sie gar das eine oder andere Zubehör, wurde sie von ihrer Lehrerin wieder nach Hause geschickt, noch bevor sie einen Ton auf ihrem In­strument hätte erklingen lassen dürfen. In Fragen der Holzbeschaffenheit von Haus aus nicht unerfahren und den Methoden der Lehrerin zunächst noch gefügig wie alle Anfängerinnen, zeigte sich bei Arabella unterdes­sen eine fatale Neigung zum Material, ein Wohlgefallen an der sinnvollen Vereinigung unterschiedlichster Hölzer wie Tanne oder Fichte, Ahorn oder Ebenholz.

Als bald der stupide Vortrag der Wörterabteilung zu Unterrichtsbeginn soweit automatisiert war, dass Pannen weitestgehend ausblieben und man zur praktischen Seite des Violinspiels fortschreiten konnte, traktierte die alte Dame ihren neuen Schützling mit Übungen zu den verschie­densten Stellungen der linken und rechten Hand, zur richtigen Betäti­gung des Bogens und zu den Fingersätzen. Diese Übungen strengten sehr an. Hinzu kam eine Merkwürdigkeit: Miss­fiel der Lehrerin, wie Arabella die Violine hielt, schlug sie dem Mädchen mit einem zierlichen Rohrstock blitzschnell auf die Knöchel der gekrümmten Finger. Sie erklärte:

»Der Schmerz ist der beste Erzie­her.«

So erreichte sie, dass Arabella, die an dieser Lehrmeinung nicht zu zweifeln wagte, ihren Oberkörper stets gerade und ungezwungen hielt. Auch wenn sie saß, litt die Haltung fortan nicht mehr. Dennoch blieb bei dem Mädchen ein seltsamer Eindruck zurück, in welchem sich Musik und schmerzende Knöchel auf unbehagliche Weise mit­einander vermengten. Vielleicht hatte Arabellas Art, die Violine zu betätigen, deshalb immer etwas Ängstliches, was ihrer Lehrerin auf die Dauer nicht verborgen bleiben konnte.

So erwies sich das Talent des Mädchens bald als zu gering für eine große Solistinnen-Karriere. Die zwölfte Lage blieb ihr verschlossen, und beim Portamento mit dem Finger des ersten Tones zielgerichtet in jene Lage zu gleiten, in der sich der gesuchte Ton befindet, um dann erst den zweiten Finger, wie es heißt, fallen zu lassen, bereitete ihr sicht­lich Mühe.

Eines Tages, der Vortrag der daheim eingedrillten Etüden war besonders danebengeraten, stellte die alte Dame, nun selbst unlustig geworden, barsch fest:

»Kindchen, das wird nix!«

Dann betupfte sie sich mit einem parfümierten Taschentüchlein die Mundwinkel, die bei Entschei­üöäöä