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Für Heather Howell,
die mich so zum Lachen bringt,
dass ich Seitenstechen kriege,
und die in jeder Hinsicht hinter mir steht und genau zu dem Zeitpunkt in mein Leben getreten ist, als ich jemanden wie sie an meiner Seite brauchte.
Vielen Dank, meine Liebe!

Rose

Es nervt mich, dass ich so klein bin. Noch nie in meinem Leben bin ich auf den Gedanken gekommen zu sagen: Wow, klein zu sein ist total cool! Kein einziges Mal. Ständig hat man Probleme, Gegenstände zu erreichen, die sich weiter oben befinden. Wie jetzt zum Beispiel. Elle hatte mich angewiesen, die Gläser auszupacken und sie in das Regal hinter der Bar zu räumen. Doch das erwies sich als weitaus schwieriger, als ich zugeben wollte.

Ich konnte die Oberkellnerin nicht leiden. Dafür war sie einfach zu gemein, sah zu gut aus und war obendrein auch noch groß. Sie hatte keine Ahnung, wie schwierig es für jemanden von gerade mal einem Meter sechzig ist, auf einem wackeligen Barhocker mit den Händen voller Gläser zu stehen und das Gleichgewicht zu halten. Na, aber vielleicht wusste sie es ja haargenau und piesackte mich mit Absicht.

Ich lehnte mich vor, um ein weiteres Glas in den dafür vorgesehenen Halter zu schieben. Der Hocker kippelte, doch ich bekam das wieder in den Griff, indem ich mich mit angehaltenem Atem ganz vorsichtig zurückbewegte. Jetzt nur noch zwei weitere Schachteln. Wenn sich in jeder davon nur nicht gleich zehn Gläser befunden hätten!

»Sollte was kaputtgehen, werden dir die Kosten vom Lohn abgezogen. Das ist im Budget nämlich nicht drin«, sagte jemand hinter mir in schleppendem Tonfall. Die Stimme war mir vertraut. Ich bekam sie nicht oft zu hören, sondern eigentlich nur, wenn ihr Besitzer sich über mich ärgerte.

Früher einmal war das anders gewesen. Da hatten sich beim Klang dieser Stimme meine Ängste zerstreut, und ich hatte mich geborgen und sicher gefühlt. Inzwischen bekam ich nur noch kalte, unverbindliche Worte zu hören. Ich dachte ja immer, irgendwann würde mich das nicht mehr so treffen. Von wegen.

Die Zeit hatte uns beide verändert. Anstatt ihn zu lieben, bis mir die Luft wegblieb, hätte ich ihn am liebsten in sein hübsches Gesicht geschlagen und meine Zelte hier wieder abgebrochen.

»Komm runter da, Rose«, befahl River barsch, »und mach dich lieber anderswo nützlich. Ich hole jemanden, der das besser hinkriegt als du.«

Immerhin erinnerte er sich diesmal an meinen Namen. In der vergangenen Woche hatte er mich zu drei verschiedenen Anlässen mit Rachel, Daisy oder Rhonda angesprochen. Doch nach meinen ständigen Berichtigungen musste etwas hängen geblieben sein. Klar, dieser Mann hatte in seinem Restaurant lauter neue Angestellte am Start, und in knapp zwei Wochen würde die große Eröffnungsfeier stattfinden. Er stand also ganz schön unter Druck. Aber dennoch. Der Junge, den ich einst gekannt hatte, war freundlich, rücksichtsvoll und, ja, ein Held gewesen. Mein Held!

Irgendwann in den vergangenen zehn Jahren hatte River dann den Namen »Captain« angenommen und sich zu einem sehr kaltschnäuzigen Menschen entwickelt. Er ließ nichts mehr an sich ran. Sogar seine Freundin, die ach so nette Elle, schien zu seiner weicheren Seite keinen Zugang zu haben. Der Seite, die mir so vertraut gewesen war wie niemandem sonst. Vermutlich existierte sie inzwischen gar nicht mehr.

»Elle hat mir gesagt, ich soll die Gläser einräumen.« Ich sprang vom Hocker und reckte mich, so gut es ging. Schon als wir beide sechzehn waren, hatte River mich überragt. Inzwischen hatte er es auf einen Meter neunzig gebracht.

Ohne auf meine Worte einzugehen, wies er mit dem Kopf in Richtung Küche. »Brad braucht Unterstützung bei den Kochutensilien, die gerade geliefert worden sind. Hilf ihm dabei. Ich finde schon jemanden, der nicht so klein geraten ist wie du, um die Gläser fertig einzuräumen.«

Vor Beschämung lief ich knallrot an. Schließlich hatte ich mich ja nicht ungeschickt angestellt oder etwas kaputt gemacht. Es hatte alles prima geklappt. Langsam zwar, aber immerhin.

»Ich mache das schon. Meine Größe hindert mich nicht daran, diese Aufgabe zu erledigen, falls du das gemeint haben solltest«, konterte ich.

Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, schlenderte River zur Tür. »Wir eröffnen in zwei Wochen. Wäre schön, wenn die Gläser bis dahin eingeräumt sind.«

»Blödmann!«, murmelte ich, als er weg war. Ich hätte die Gläser am liebsten selbst verstaut, aber bei meinem Glück würde ich am Ende tatsächlich eine ganze Schachtel fallen lassen. Damit wäre ich diesen Job los, und das konnte ich mir nicht leisten. Als ich nach jahrelanger Suche herausgefunden hatte, dass ich River hier in Florida, genauer gesagt: in Rosemary Beach finden würde, war ich kurz entschlossen mit Sack und Pack hierhergezogen.

Die Jobangebote in der Kleinstadt waren rar, aber ich hatte Glück gehabt. Das Haus, das ich angemietet hatte, war winzig und lag knapp außerhalb der Stadtgrenze, doch es war erschwinglich, und ich fühlte mich dort gut aufgehoben. Mehr brauchten wir nicht.

Es handelte sich um das Gästehaus eines der Anwesen direkt am Strand. Im Haupthaus wohnte eine ältere Dame namens Diana Baylor, die überglücklich zu sein schien, nicht mehr allein auf dem Grundstück wohnen zu müssen. Es war für alle nur von Vorteil.

Allerdings hätte ich ohne diesen Job keinen Grund gehabt, mich in Rivers Nähe aufzuhalten. Dabei hatte ich eine Mission, auch wenn mir inzwischen gewisse Zweifel kamen. Immer wieder musste ich mich daran erinnern, dass ich das alles nicht für mich tat. Seit Ann Frances vor neun Jahren auf die Welt gekommen war, spielten meine Bedürfnisse und Wünsche nur noch eine untergeordnete Rolle.

Zu ihrem fünften Geburtstag hatte sie sich nur eine einzige Sache gewünscht: Sie wollte ihren Vater kennenlernen. Seitdem hatte auf ihren Wunschlisten immer nur das eine gestanden: Sie wollte ihren Dad treffen. Ich dachte mir Ausreden aus und versuchte den Umstand wettzumachen, dass sie nur mich hatte. Doch dann fing ich an, mich auf die Suche nach dem Jungen zu machen, den ich so sehr geliebt und für dessen Sicherheit ich alles geopfert hatte.

Rückblickend fragte ich mich, ob das womöglich ein Fehler gewesen war. Seit Franny ihre Bitte geäußert hatte, kam es mir vor, als hätte ich sie durch meinen Versuch, River zu retten, im Stich gelassen. Doch damals war ich ja selbst noch ein Kind gewesen und hatte von jetzt auf gleich eine Entscheidung treffen müssen, die die einzige Person auf der Welt betraf, die ich liebte.

»Wirst du eigentlich noch mal fertig mit dem Job, oder stehst du einfach da und drehst Däumchen?« Elles wütende Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ihr langes, dunkles Haar war um ihre Schultern drapiert, und sie funkelte mich mit ihren katzenartigen grünen Augen an. Keine Ahnung, warum sie beschlossen hatte, mich zu hassen. Aber so war’s.

»Captain hat gesagt, ich soll besser Brad in der Küche helfen.« Ich bemühte mich, mir meine Abneigung gegen sie nicht anmerken zu lassen. Wenn sie sich bei River beschwerte, würde ich garantiert gefeuert.

Elle war einer der größten Stolpersteine in meinem Plan. In Frannys Welt hatte jemand wie sie nichts verloren. Sosehr meine Tochter sich nach einem Treffen mit ihrem Vater sehnte, er musste sich ihrer auch würdig erweisen. Nachdem ich nun zwei Wochen unter ihm gearbeitet hatte, sah ich in dieser Hinsicht eigentlich schwarz, und ich fragte mich, ob ich Franny ihren einzigen Wunsch erfüllen könnte.

»Na, dann mal los. Du vergeudest deine Zeit, dabei gibt es jede Menge zu tun.« Als wüsste ich nicht, wo die Küche war, deutete Elle in die entsprechende Richtung.

Ich nickte und machte mich auf den Weg. Es gab keinen Grund, mich auch nur eine Sekunde länger als nötig in ihrer Nähe aufzuhalten.

Captain

Nichts lief nach Plan. Kurz vor der Eröffnung hätte alles in trockenen Tüchern sein müssen, aber ich hatte mir mit der Einstellung des Personals einfach zu viel Zeit gelassen. Gut, das war eindeutig meine Schuld. Doch allmählich zweifelte ich auch an meiner Auswahl der Angestellten. Es war eine Sache, ein bereits bestehendes Restaurant zum Laufen zu bringen, aber eine völlig andere, eine ganz neue Filiale zu eröffnen. Da ich nicht vorhatte, in dieser Branche alt zu werden, fragte ich mich, wie viel meiner Energie ich in das Restaurant stecken wollte.

Mit meiner Vergangenheit war ich durch, aber der Zukunft ins Gesicht zu sehen erwies sich als gar nicht so einfach. Vielleicht musste ja eine völlig neue Herausforderung her. Sobald der Laden hier richtig gut lief, würde ich die Leitung abgeben und mich in irgendeinem Fischerort nach einer Bar direkt am Pier umsehen. Eine Bar für ein paar Fischer war vielleicht eher mein Ding.

Aber zunächst musste dieses Lokal eröffnet werden und erfolgreich laufen. Und das nicht nur, weil ich das dem Besitzer Arthur Stout schuldig war, sondern auch, weil ich alles, was ich anpackte, auch zu einem Abschluss brachte. Was Arthur mir bezahlte, würde reichen, um mir besagte Bar am Pier zu kaufen. Dann würde mein Leben endlich entspannter sein.

Elle kam in mein Büro gestürmt. »Diese Rothaarige müssen wir feuern! Die ist für die Arbeit hier einfach nicht geschaffen!«

Ich brauchte nicht zu fragen, wen sie meinte. Das wusste ich auch so. Rose Henderson war zierlich und mit sagenhaften Kurven und dem Gesicht eines Engels ausgestattet. Die hübsche Brille, die sie trug, tat ihrem guten Aussehen keinen Abbruch, sie rückten ihre Augen lediglich ins rechte Licht. Na, und genau deshalb hatte Elle sie auf dem Kieker. Sie mochte keine Konkurrenz und betrachtete Rose offensichtlich als Bedrohung. Nicht, weil ich ihr Grund dazu gegeben hätte, sondern weil Rose jedem männlichen Wesen, das hier arbeitete, ins Auge stach. Sie war aber auch ein Hingucker!

»Welche Rothaarige gleich wieder?«, fragte ich, ohne von meinen unausgefüllten Bestellungen aufzusehen.

»Die Kleine. Die, die nichts gebacken kriegt. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Gläser ins Barregal einräumen, und prompt hat sie sich bei dir beschwert! Ich bin Oberkellnerin, Captain. Darüber kann sie sich nicht einfach hinwegsetzen!«

Ich hatte Elle als Oberkellnerin eingestellt, weil ein guter Freund von Arthur sie wärmstens empfohlen hatte. Dass ich sie schon am Tag nach unserem ersten Gespräch in meinem Büro vögelte, war eigentlich nicht geplant gewesen, aber sie hatte es schwer darauf angelegt, und heiß war sie auch. Ich sah kein Problem darin. Ich mochte gertenschlanke, große Frauen, wie sie eine war. Leider bildete sie sich ein, nur weil sie in meinem Bett schlief, könnte sie mir jetzt sagen, wo’s langging. Das gehörte dringend klargestellt.

»Nicht wir haben Rose eingestellt, Elle, sondern ich. Und wir werden niemanden feuern. Sie hat nicht über deinen Kopf hinweg gehandelt. Sie ist schlicht nicht an das Regal rangekommen. Früher oder später wäre sie vom Stuhl gestürzt, und es hätte Scherben gegeben. Deshalb habe ich ihr eine andere Arbeit zugewiesen.«

Auch wenn ich nicht zu Elle hochsah, spürte ich, wie es in ihr gärte. Meine Antwort passte ihr nicht. Elle hatte sich da einfach nicht im Griff. Aber ihre Blowjobs waren erstklassig.

»Ich will aber nicht, dass sie hierbleibt!«

Endlich sah ich zu ihr auf. Sie machte einen Schmollmund, als würde sie gleich losheulen. Eigentlich hätte es dämlich aussehen müssen, aber irgendwie hatte Elle den Dreh raus, dass es mich antörnte. Ich rollte mit dem Schreibtischstuhl vom Tisch weg und klopfte auf meine Schenkel. »Komm her«, befahl ich mit immer noch ernster Miene.

Sie bewegte sich langsam um den Schreibtisch herum und biss sich dabei auf die Unterlippe. In ihren Augen loderte Erregung auf. Wenn ich Elle beruhigen musste, war Sex wie immer das Mittel der Wahl.

»Wenn du deinen süßen Mund einsetzt, um mich scharf zu machen, dann musst du ihn auch einsetzen, damit ich komme«, erklärte ich ihr, als sie vor mir stehen blieb.

»Wo möchtest du mich?«, fragte sie atemlos.

»Auf den Knien.«

Sie kam meinem Wunsch sofort nach und machte sich an meinem Hosenbund zu schaffen.

Ich schlang mir eine Strähne ihrer dunklen seidigen Haare um den Finger, während sie erst meine Jeans und dann meinen Boxerslip runterzog, bis sie mein gutes Stück in ihren Händen hielt.

»Steck ihn so tief in den Mund, wie es nur geht«, erklärte ich und streichelte sie am Hals.

Sie beugte sich vor und schloss die Lippen um meinen Schwanz, und ich legte stöhnend den Kopf zurück. Ich brauchte das heute. Gegen Stress gab es nichts Besseres.

»Los, mach weiter!« Ich legte eine Hand an ihren Hinterkopf und drückte sie sanft zu mir, damit ich noch tiefer in ihren Mund gleiten konnte.

Der Würglaut, den sie von sich gab, törnte mich nur umso mehr an.

»Das machst du gut, verdammt gut machst du das!«, lobte ich sie, denn ich wusste, das spornte sie zu Höchstleistungen an. »Ja, saug an ihm, genau so … Tiefer! Oh, ist das gut …«

Es klopfte an der Tür, und Elle erstarrte. Ich hielt schnell ihren Kopf fest, damit sie nicht zurückwich.

»Ich bin beschäftigt!«, rief ich. »Verschwinden Sie!«

Als die Person daraufhin schwieg, tätschelte ich Elle den Kopf, damit sie ihr Werk zu Ende brachte. Was sie auch tat.

Eine Stunde nachdem Elle mein Büro verlassen hatte, ging ich in die Küche, um mich zu vergewissern, dass das bestellte Küchenzubehör auch eingetroffen war. Mein Stresslevel war gesunken, und Elle hatte wieder genügend Selbstbewusstsein getankt, dass sie Rose fürs Erste in Ruhe lassen würde.

Beim Betreten der Küche wurde ich von Gelächter begrüßt: von Brads tiefem Glucksen, gefolgt vom Lachen einer Frau. Ich folgte dem Geräusch in den hinteren Küchenbereich und entdeckte Brad, der mit etwas Mehlartigem bestäubt war. Rose hielt sich den Bauch und bekam vor Lachen kaum noch Luft. Nun drehte sie sich zu mir um.

Ihre Augen funkelten belustigt, und mir wurde es plötzlich eng ums Herz. Irgendwie kamen mir diese himmelblauen Augen vertraut vor, doch es war mehr als das. Es war, als hätte ich Rose schon mal gesehen, während sie lachte. Hätte ihr Gelächter gehört. Wieso schmerzte meine Brust bei ihrem Anblick nur so, als ob ich sie … vermisst hätte? Ich kannte sie doch gar nicht!

Viel zu schnell machte sie wieder ein ernstes Gesicht, wischte sich die Lachtränen weg und sah zu Brad. Ich machte sie eindeutig nervös, aber gut, ich war ja auch nie sonderlich nett zu ihr gewesen. Sie war ja nur eine meiner Angestellten, und ich würde schon bald wieder verschwinden. Ich war nicht hier, um mich mit jemandem anzufreunden.

»Sorry, Boss. Ich habe gerade nach der Schachtel auf dem Regal da drüben gegriffen und, na ja, du siehst ja selbst, was passiert ist«, meinte Brad grinsend.

Ich riss meinen Blick von Rose los und musterte ihn. Er zwinkerte Rose zu und versuchte vergeblich, sich das Mehl abzuklopfen. Der Bursche brauchte eine Dusche. Was den Vorteil hatte, dass die beiden dadurch auch wieder auf Abstand gehen mussten.

Rose

Franny kam auf mich zugerannt, und ihre blonden Locken hüpften. Mrs. Baylor saß mit einem Fruchtsaft in der Hand und einem breitkrempigen Strohhut auf dem Kopf unter einer Eiche. Die beiden waren inzwischen beste Freundinnen, und Mrs. Baylor hatte angeboten, auf Franny aufzupassen, während ich arbeitete. Sie sagte, auf die Art habe sie eine Beschäftigung und gleichzeitig Gesellschaft.

Franny hatte in ihrem Leben nie so etwas wie Großeltern gehabt. Dabei wünschte sie sich so sehr, wie die anderen Kinder in ihrem Umfeld von einer Mama, einem Papa, Geschwistern, Großeltern, Cousinen und Cousins, Tanten und Onkeln umgeben zu sein. Doch das konnte ich ihr leider nicht geben: Seit meinem fünften Lebensjahr war ich in verschiedenen Pflegefamilien untergebracht gewesen und mit sechzehn schließlich weggerannt – so etwas wie eine Familie hatte ich also nicht. Daher gab es bis auf Franny nur eine einzige Person in meinem Leben, die ich als Familie bezeichnen konnte: River.

Meine Kleine hatte meine Haarfarbe geerbt – meine natürliche, wohlgemerkt –, meine Augen und leider auch meine zierliche Statur. Nur ihr Teint war anders als meiner. Ich war ein sehr heller Typ, während Frannys Haut bei Sonnenschein rasch einen goldbraunen Ton annahm, selbst wenn sie sich nur kurz im Freien aufhielt. Das hatte sie von ihrem Vater. Den Sinn für Humor und das Lächeln hatte sie auch von ihm. Aber das waren Dinge, die nur einer Mutter auffielen. Für alle anderen war sie mir wie aus dem Gesicht geschnitten.

»Mami, ich hab einen Fisch gefangen! Einen echten, lebendigen Fisch! Aber ich habe ihm den Haken aus dem Maul gezogen und ihn ins Wasser zurückgeworfen, damit er nicht stirbt. Ich wollte ihn doch nicht töten. Hoffentlich hat ihm der Haken nicht zu doll wehgetan. Mrs. Diana meint, das ist schon okay. Fische sind dazu da, gegessen zu werden, hat sie gesagt. Aber ich wollte, dass er seine Familie wiederfindet. Die hat ihn ja vielleicht schon vermisst!«

Während ihrer langen Erklärung hatte Franny kaum Luft geholt. Nun schlang sie mir die Arme um die Taille und drückte mich fest. »Ich hab dich vermisst, aber wir haben total viel Spaß gehabt. Wir haben nämlich Schokobrownies gebacken!«

Ich beugte mich zu ihr runter, küsste sie auf den Kopf und sah zu Mrs. Baylor hinüber, die mir ein warmherziges Lächeln schenkte. Dann stand sie auf und ging auf uns zu. Im Wind tanzte ihr das lange, trägerlose Kleid um die Beine. Wie stilvoll und glamourös sie noch immer wirkte!

»Wie war es bei der Arbeit?«, erkundigte sie sich.

»Gut, vielen Dank«, erwiderte ich lächelnd. »Ich habe gehört, Sie hatten einen wunderschönen Tag?«

Mrs. Baylor lächelte Franny liebevoll an. »Die Kleine ist ja wirklich ein kleiner Sonnenschein. Aber eine Anglerin ist sie nicht.«

Franny kicherte und zog an meiner Hand. »Komm, wir gehen rein und essen Brownies!«

»Stimmt, wir könnten dem Abendessen mit den Brownies eine luxuriöse Note geben«, meinte Mrs. Baylor und deutete auf das Haupthaus. Nie schien sie es eilig zu haben, uns wieder loszuwerden. Ob sie Franny wohl vermissen würde, wenn die Schule nächste Woche wieder losging? Die beiden waren sich so nahegekommen. Zumindest wusste ich aber, dass Franny jeden Tag mit einem Leckerbissen und einer Umarmung begrüßt werden würde, wenn sie aus dem Schulbus stieg.

Das machte alles so viel einfacher. Es war mir nicht leichtgefallen, unser Heim in Oklahoma zu verlassen. Franny hatte Freunde dort, und durch meinen Job als Sekretärin an ihrer Schule war ich immer in ihrer Nähe gewesen. Der Umzug hierher war schon heftig gewesen, aber ich hatte es für Franny getan. Und insgeheim auch für River.

Je mehr ich allerdings von River sah, desto öfter wünschte ich mir, wir wären in Oklahoma geblieben. Aber ich wollte meine Entscheidung nicht bereuen.

Vierzehn Jahre zuvor

Wieder eine neue Pflegefamilie. Zu keiner hatte ich bisher eine Beziehung aufgebaut. Längst erhoffte ich mir gar keine echte Aufnahme in einer Familie. Inzwischen kam es mir nur noch darauf an, dass man mich in Ruhe ließ und ich jeden Tag etwas zu essen bekam. Kummer und Hunger hatte ich schon genug erlebt.

Cora stand mit der üblichen verkniffenen Miene und angespannten Haltung neben mir. Sie rechnete auch nicht damit, dass ich lange hierbleiben würde. Wir machten das alles schließlich nicht zum ersten Mal durch. Seitdem mich meine Mutter vor acht Jahren auf dem Parkplatz eines Supermarkts ausgesetzt hatte, war ich von einer Familie zur nächsten weitergereicht worden. Cora Harper war die zuständige Sozialarbeiterin und hatte mich an die jeweiligen Pflegefamilien vermittelt.

»Sei schön brav, Addison. Streite dich nicht mit ihnen. Und beschwer dich nicht. Wenn dir etwas aufgetragen wird, dann tu’s. Schau, dass du gute Noten kriegst, und hör auf, dich in der Schule zu raufen. Diese Familie könnte die richtige für dich sein. Sie wünschen sich eine Tochter. Du musst einfach nur brav sein.«

Ich war immer brav. Zumindest versuchte ich es. Ich stritt mich nicht. Ich bat nur um Essen, wenn mir vor Hunger der Bauch knurrte, und in der Schule hatte ich nur das eine Mal zu raufen angefangen, als ein anderes Mädchen mich hingeschubst und blöd angeredet hatte. Ich tat mein Bestes, um brav zu sein. Allerdings war mir klar, dass mein Bestes nicht gut genug war. Die Hoffnung, das könnte hier anders sein, konnte ich mir abschminken.

»Ja, Ma’am«, erwiderte ich höflich.

Cora sah mich seufzend an. »Du bist so ein hübsches Kind. Wenn du dich nur anständig benehmen würdest, dann könntest du eine Familie finden, in der du bleiben kannst.«

Am liebsten hätte ich erwidert, dass ich mich ja anständig verhielt. Es lag mir auf der Zunge, aber ich verkniff es mir und nickte nur. »Ja, Ma’am.«

Ich folgte Cora die Stufen zu einem hübschen gelben Haus hinauf. Es hatte eine rundum verlaufende weiße Veranda und gefiel mir echt gut. Die anderen Häuser, in denen ich gewohnt hatte, hatten längst nicht so gepflegt ausgesehen. Die meisten waren alt und rochen komisch.

Bevor Cora an die Tür klopfen konnte, öffnete sie sich langsam. Ein hochgewachsener Junge stand vor uns. Er hatte blonde Haare, die ein wenig zu lang und struppig waren. Seine grünen Augen wanderten von Cora zu mir. Dann runzelte er die Stirn. Ich hatte noch nie einen so schönen Jungen gesehen. Und ausgerechnet er starrte mich düster an. Dabei hatte ich nicht mal was verbockt!

»Du bist ja klein. Ich hätte gedacht, du wärst in meinem Alter!«

Ich hasste es! Ständig musste ich mir anhören, ich sei zu klein für mein Alter, und in der Schule wurde ich deswegen gehänselt. Ich straffte mich, um größer zu wirken. »Vielleicht bist du ja einfach ein bisschen zu groß!«, fauchte ich.

Cora legte mir die Hand um die Schulter und drückte so fest zu, dass ich zusammenfuhr. Ihre langen Fingernägel gruben sich in meine Haut und erinnerten mich, dass ich es diesmal nicht vermasseln durfte. Sonst würde ich als Nächstes in ein Mädchenheim gebracht, und ich wusste, dass dort Albträume wahr wurden. Ich hatte genug Geschichten davon gehört.

»Sorry«, murmelte ich und versuchte, die Schmerzen zu ignorieren, die durch Coras Klammergriff entstanden.

»Lassen Sie sie los. Sie tun ihr doch weh!«, sagte der Junge wütend. Erstaunt sah ich zu ihm hoch. Er wirkte so, als würde er jeden Moment auf Cora losgehen. »Verdammt, sie ist so winzig. Was drücken Sie da so fest zu!«

»River Kipling! Hüte deine Zunge!«, ertönte eine Stimme. Dann erschien in der Tür die Frau, die meine schlimmste Feindin werden sollte.

Captain

Ich riss die Augen auf, warf die Decke zurück und fuhr hoch. Dann rutschte ich an die Bettkante und holte tief Luft. Ich war schweißgebadet, und mein Herz hämmerte noch immer wie wild. Diesen Traum kannte ich nur zu gut, doch er hatte mich schon eine ganze Weile nicht mehr heimgesucht. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr kämpfte ich gegen einen Dämon an – den, der mir das Herz entrissen und es mir nie zurückgegeben hatte. Das Leben konnte so grausam sein.

Ich hatte Männer getötet. So viele Männer. Männer, die den Tod verdienten. Männer, die Kinder missbraucht hatten. Männer, die auf diesem Erdball nichts verloren hatten. Mit jedem von ihnen rettete ich sie. Sie, die ich im Stich gelassen hatte. Sie, die ich nicht hatte retten können. Was hatte ich nicht alles versucht, um die entsetzlichen Erinnerungen daran aus dem Kopf zu kriegen, doch selbst zehn Jahre später träumte ich noch davon, wie ich sie verloren hatte. Weil ich nicht stark genug gewesen war, um sie zu retten. Ich kniff die Augen zusammen, holte tief Luft und vergrub das Gesicht in den Händen. Jeder Atemzug brannte.

Unvermittelt hatte ich Addy wieder vor mir, hübsch wie immer, wie sie mich anlächelte und ihr blondes Haar im Wind tanzte. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, vollständig zu sein. Doch es war nur eine Sinnestäuschung. Eine süße Erinnerung. Eine der letzten, die ich von ihr hatte. Aber der Traum veränderte sich so schnell. Alles rot. Addy in einer Blutlache, und alles, was ich sehen konnte, war sie. Die Frau, die mich großgezogen hatte, beobachtete lachend, wie Addy starb. Ich schrie jedes Mal, war aber nicht in der Lage, zu ihr zu gelangen. Konnte mich nicht vom Fleck rühren. War nicht imstande, sie zu retten oder auch nur zu halten.

Sie war meine Seelengefährtin gewesen. Meine zweite Hälfte. Schon als Kind wusste ich, sie würde die beste Freundin sein, die ich je hatte. Ich hatte nicht lang gebraucht, um zu begreifen, dass ich sie liebte. Einmal befürchtete ich sogar, ich würde sie zu sehr lieben.

Die Gedanken an Addy schmerzten unbeschreiblich. Immer noch wartete ich darauf, dass der Schmerz irgendwann nachlassen und der Tag kommen würde, an dem ich lächelnd an unsere gemeinsame Zeit zurückdenken konnte. Aber ich ahnte schon, dass dieser Tag nie kommen würde. Sie hatte mir zuliebe ihr Leben hingegeben. Sie, die so schön und zerbrechlich gewesen war. Dabei hatte ich sie immer nur beschützen und in den Armen halten wollen.

Bevor ich zur Arbeit ging, musste ich mich von diesen Gedanken frei machen. Es war Monate her, seit ich das letzte Mal von Addy geträumt hatte. Diese Träume kamen normalerweise, wenn irgendetwas die Erinnerung an sie wachgerufen hatte. Keine Ahnung, was diesmal der Auslöser gewesen war. Warum sie in meine Träume zurückgekehrt war, die sich so oft in Albträume verwandelten. Aber durch irgendetwas war sie mir wieder ins Gedächtnis gerufen worden.

Elle war es garantiert nicht. Ich achtete darauf, nie etwas mit einer Frau anzufangen, die mich an Addy erinnerte. Daher hatte ich grundsätzlich keine blonden und zierlichen Frauen auf dem Radar. Einmal hatte ich es versucht, doch die Erinnerungen waren derart auf mich eingestürmt, dass ich fast zusammengebrochen wäre und mir professionelle Hilfe suchen musste. Überhaupt hatten die Erinnerungen an sie mich eine Weile so mitgenommen, dass ich fast wünschte, ich wäre mit ihr aus dem Leben geschieden. Ohne ihr Lächeln kam es mir sinnlos vor.

Doch irgendwann hatte ich doch einen Weg für mich gefunden. Auch wenn er darin bestand, anderen das Leben zu nehmen. Was ich im Nachhinein aber nicht bereute. Ich hatte getan, was getan werden musste, um mich selbst zu retten und Perverse davon abzuhalten, sich an Kindern zu vergreifen. Legal war es nicht, aber das Gesetz ging mir in diesem Fall am Arsch vorbei.

Ich stand auf, duschte und strengte mich an, alle Gedanken an Addy aus meinem Kopf zu verbannen.

Als ich zwei Stunden später mein Büro betrat, saß Major Colt mit seinem Dauergrinsen auf dem Sofa gegenüber von meinem Schreibtisch. Hätte der Kerl nicht so gute Voraussetzungen mitgebracht, hätte ich ihn nicht mit Benedetto DeCarlo zusammengebracht. Es war beeindruckend, wie er in seiner Freizeit den unbekümmerten Sonnyboy geben und ganz nebenbei gegen Cash Leute umlegen konnte. Ich dagegen kam als genau das rüber, was ich war: ein Arschloch. Ich besaß nicht seinen Charme, aber ehrlich gesagt wollte ich ihn auch gar nicht.

»Warum bist du hier, Colt?« Ich warf meine Schlüssel auf den Schreibtisch.

»Sieht so aus, als hätte mein nächstes Zielobjekt irgendwelche Connections in dieser Gegend. Also kann ich mich hier in Rosemary Beach während der Arbeit ein bisschen vergnügen. Manche von den Frauen hier haben vielleicht Beine, ich sag’s dir …!«

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, aus welchem Grund Benedetto ihn nach Rosemary Beach geschickt haben sollte. Vielleicht war es auch gar nicht Benedetto gewesen, sondern Cope, der Mann, den er zu seinem Nachfolger heranzüchtete. Den Nachnamen des Typen kannte niemand. Wir wussten nur, dass er das Sagen hatte und dass man sich besser nicht mit ihm anlegte.

»Cope hat dich geschickt?«, fragte ich.

»Yes. Ich hab nur noch mit ihm zu tun. DeCarlo zieht sich ja langsam zurück.«

Vermutlich war ich der Einzige, mit dem Benedetto noch persönlich verkehrte. Für mich war er eine Art Vaterfigur. Ich war ein verängstigtes Kind gewesen, als er mich unter seine Fittiche genommen und mir ein Ziel im Leben gegeben hatte.

»Pass auf, dass du ihn nicht verärgerst«, warnte ich Colt. Ich hatte erlebt, wie Cope jemanden einfach nur deshalb getötet hatte, weil es ihm gerade passte. So etwas fand ich beängstigend. Der Kerl stellte keine Fragen. Er beendete das Spielchen einfach und haute ab. Jemandem wie Benedetto mochte so etwas gefallen – mir nicht. Ich brachte jemanden nur dann um, wenn er es verdiente. Nicht in den Augen des Gesetzes, sondern in meinen. Nichts anderes zählte für mich. Wenn ich der Meinung war, ich könnte damit jemanden retten, der es brauchte, dann betätigte ich den Abzug.

Major lachte in sich hinein. »Yeah, schon klar. Der ist echt krass drauf.«

Cope war mehr als das, doch das würde Major noch früh genug herausfinden.

»Ich habe zu tun, Colt. Bist du aus einem bestimmten Grund hier?«

Major erhob sich und zuckte die Achseln. »Nö, wollte eigentlich nur Bescheid geben, dass ich ein Weilchen hier bin.«

Toll. Fantastisch. Scheiße!

In diesem Moment klopfte es an der Tür. »Herein!«, rief ich und hoffte, mir stünde so früh am Morgen nicht noch mehr Ärger bevor.

Als Erstes fiel mein Blick auf diese Brille. Rose! Dann erinnerte ich mich wieder an ihr Lachen vom Vortag, und mein Magen zog sich zusammen. Hatte sie schon wieder meinen Albtraum ausgelöst? Hoffentlich nicht! Schließlich wollte ich ihr deswegen nicht kündigen müssen. Doch wenn sie meine Dämonen wieder weckte, war eine Zusammenarbeit nicht länger möglich.

»Kann ich dir helfen?«, fragte ich und bemühte mich, bei ihrem Anblick nicht nervös zu werden.

Sie sah verunsichert zu Major und dann wieder zu mir. »Meine Tochter ist krank. Heute Morgen ist sie mit Fieber aufgewacht, und da die Dame, die sich tagsüber um sie kümmert, schon älter ist, sollte sie Franny besser nicht zu nahe kommen. Außerdem muss ich sie zu einem Arzt bringen.«

Mir fiel ein Stein vom Herzen, dass ich Rose heute nicht sehen würde. »Wie lange wird das dauern?«

Rose spannte ihren ganzen Körper an, und es kam mir vor, als müsste sie sich mit aller Macht zurückhalten, um mich wegen meiner herzlosen Bemerkung nicht anzufauchen. Beinahe hätte ich gegrinst.

»Hoffentlich verschreibt der Arzt meiner Tochter ein gutes Medikament, damit sie morgen so fit ist, dass ich wieder arbeiten kann.« Ihr Tonfall kommunizierte genau das, was ihr Körper versuchte, nicht zu sagen. Sie war stinksauer auf mich.

»Das Kind hat keinen Vater?« Aus irgendeinem verrückten Grund wollte ich sehen, wie sie ausrastete.

Doch anstatt die Krallen auszufahren und irgendetwas zu kontern, wurde sie kreidebleich. Ich hörte, wie Major einen Kraftausdruck murmelte, der an mich gerichtet war, ganz klar. War der Kindsvater etwa tot oder was? Hätte ich doch die Schnauze gehalten!

»Ich glaube nicht … nein«, flüsterte sie, bevor sie zurücktrat und die Tür hinter sich schloss.

»Mann, bist du ein Arschloch«, murmelte Major gereizt. »Die ist doch echt Zucker, ey! Außerdem so was von heiß. Und sie ist alleinerziehend.«

Er hatte recht, also schwieg ich. Ich war Rose eine Entschuldigung schuldig.

Rose

Halsentzündung. Die würde nach einem Tag noch nicht vorbei sein. Entsprechend würde ich mindestens zwei Tage mit Franny zu Hause bleiben müssen, bevor das Antibiotikum ausreichend angeschlagen hatte und ich zur Arbeit zurückkehren konnte. Bei dem Gedanken, dass ich das nun meinem Boss beibringen musste, bekam ich Bauchschmerzen.

Rivers – nein, Captains – Reaktion auf meine Meldung, ich müsse wegen Franny zu Hause bleiben, hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Es gab keinen Grund, länger hierzubleiben. Immerhin wusste ich jetzt, was aus dem Jungen geworden war, der all die Jahre mein Herz vereinnahmt hatte. Ich wusste nun auch, dass ich Franny keineswegs einen tollen Vater vorenthalten hatte. Captain war ein Arschloch. Den brauchte sie nicht kennenzulernen. Außerdem fragte ich mich, ob er mir Frannys Krankheit überhaupt geglaubt hatte. Ich wollte mir sein Verhalten jedenfalls nicht gefallen lassen. Es reichte, aus, basta!

Vorsichtig lugte ich ins Schlafzimmer, das wir uns teilten, und sah, dass Franny dank der Medizin, die ich ihr gegeben hatte, friedlich schlummerte. Ich holte die Tasse mit geschmolzenem Eis, die neben ihrem Bett stand, und verließ den Raum auf Zehenspitzen wieder. Als Nächstes stand der Anruf bei Captain an. Wenn er mir wegen der Sache Stress machte, würde ich einfach kündigen, bevor er mich entlassen konnte. Es würde sich in der Stadt schon ein anderer Job finden, dem ich nachgehen konnte, bis wir das Geld für einen weiteren Umzug zusammenhatten.

Ich brachte uns beide auch allein prima durch. Trotzdem bedauerte ich es nicht, hergekommen zu sein. Ich konnte jetzt eine Tür endgültig hinter mir schließen und nach vorn blicken. Wenn ich mich künftig mit anderen Männern verabredete, dann ganz ohne Schuldgefühle. Ich würde nicht länger jedes Mal Rivers Gesicht vor mir haben, wenn mich ein Mann bat, mit ihm auszugehen. Von nun an würde ich es tun, wenn er mir gefiel. Keinen einzigen Tag würde ich mehr mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen verbringen.

Um Franny nicht zu wecken, ging ich zum Telefonieren hinaus. Mit etwas Glück würde Elle rangehen und sich bei dem Gespräch mal wieder danebenbenehmen. Dann könnte ich einfach das Handtuch werfen. Wunderbar!

»Hallo?« Captains tiefe Stimme vibrierte über das Handy. Ich ärgerte mich darüber, wie sehr ich seine dumme Stimme mochte.

»Captain? Ich bin’s, Rose. Meine Tochter hat eine Halsentzündung, und ich muss zwei Tage mit ihr zu Hause bleiben«, erklärte ich und wartete nervös auf seine Antwort.

»Okay, geht klar. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.«

Einen Augenblick blieb mir die Luft weg. Hatte ich ihn richtig verstanden?

»Und was meine Bemerkung von vorhin angeht«, fügte er hinzu, »das tut mir leid. Es war unhöflich von mir, total daneben. Ich hätte dich das nicht fragen dürfen. Du ziehst allein ein Kind groß und arbeitest hart. Das hätte ich respektieren müssen.«

Ich lauschte ihm verblüfft, und alles, was ich ihm an den Kopf hatte knallen wollen, blieb mir im Hals stecken. »Bist du noch dran?«, fragte er. Ich schaffte es zu nicken, auch wenn er das nicht sah.

Ich schluckte, öffnete wieder den Mund und brachte quiekend ein »Danke!« heraus.

Captain stieß einen tiefen Seufzer aus und schwieg einen Augenblick.

Wartete er darauf, dass ich noch etwas sagte? Pech gehabt. Seine Antwort hatte mich umgehauen, und ich war sprachlos.

»Ruf mich einfach an, wenn du wieder arbeiten kannst. Aber kümmere dich erst mal um deine Tochter, wir schaffen es so lange auch ohne dich.« Er beendete das Gespräch, ohne meine Erwiderung abzuwarten, was wohl daran lag, dass er sowieso nicht mit einer Antwort rechnete.

Ich hielt mein Telefon in der Hand und starrte es benommen an. Hatte dieses Gespräch wirklich stattgefunden?

»Mami?«, rief Franny von drinnen. Ich ging zu ihr.

Über Captains Motive würde ich mir später Gedanken machen.

Vierzehn Jahre zuvor

Du isst gern, hm?«, meinte River mit einem amüsierten Grinsen von der anderen Tischseite aus.

Wäre er nicht so ein hübscher Anblick gewesen, hätte ich ihn einfach nicht beachtet, aber ich sah ihn so gern lächeln. Selbst wenn er mich veräppelte. Ich lief rot an, weil ich mich dafür schämte, alles so schnell in mich hineingeschlungen zu haben. Aber wer wusste schon, ob das Essen nicht plötzlich ausblieb? Solange mir volle Teller hingestellt wurden, hatte ich vor, auch kräftig reinzuhauen.

Als Erwiderung nickte ich nur.

»Du wirst hier immer was zu essen kriegen, keine Bange«, versicherte er mir, als hätte er meine Gedanken erraten.

Dieser Junge kannte nur dieses Leben und wusste gar nicht, was es bedeutete, Hunger zu haben. Ich schon! Und ich wusste auch, dass Gutes nie lange anhielt. Also musste man es genießen.

»Irgendwie hab ich gedacht, sie würden heute mit uns essen, aber Dad ist nicht rechtzeitig zum Dinner heimgekommen, woraufhin Mom sich schmollend verzogen hat. Das passiert oft. Aber daran gewöhnt man sich.«

Ich schob eine weitere Gabel Kartoffelbrei in den Mund. Solange sie mir was zum Essen hinstellten, war es mir egal, wo meine Pflegeeltern aßen.

»Viel reden tust du ja nicht gerade.«

Ich schluckte und legte meine Gabel beiseite.

River war recht nett, auch wenn er mich gern auf den Arm nahm. Vielleicht konnten wir ja Freunde werden, solange ich hier war. Aber dafür musste ich ihm die Chance geben, mich kennenzulernen.

»Das Hühnchen ist total lecker«, sagte ich schließlich, weil mir sonst nichts einfiel.

Sein Lächeln verwandelte sich in ein ausgewachsenes Grinsen, dann brach er in Gelächter aus. Diesmal erglühte mein Gesicht, und er schüttelte lachend den Kopf. »Nein, es ist nur … Alles ist gut. Ich freue mich, dass dir das Hühnchen schmeckt, Addison.«

»Addy«, flüsterte ich.

Er verstummte und beugte sich zu mir. »Was hast du gesagt?«

Ich nahm all meinen Mut zusammen und sah ihm in die Augen. »Ich heiße Addy.«

Seine Mundwinkel wanderten nach oben, und seine grünen Augen funkelten. »Das gefällt mir, Addy!«

»Danke. Addison ist viel zu lang und klingt so altmodisch.«

Immer noch lächelnd zuckte er die Achseln. »Ich finde nicht, dass es altmodisch klingt, aber Addy passt zu dir.«

»Meine Mom hat mich Addy genannt«, gestand ich zu meiner Überraschung. Sonst redete ich nie über sie.

»Was ist mit deiner Mutter passiert?«

Ich wollte es ihm erzählen. Sonst wollte ich es nie jemandem erzählen, aber diesem Jungen schon. »Sie hat mich vor vielen Jahren verlassen … auf dem Parkplatz eines Supermarkts …«

Captain

A