Herbert Jost-Hof

Die Ruinen des Reichtums - Die Reste von Leben

Ein amerikanischer Reigen

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Titel

Chesters Vermächtnis

Jack

Eine altmodische Geschichte

Freunde

Impressum neobooks

Chesters Vermächtnis




Die Stadt ist jetzt kalt,

doch ich liebe sie eben:

die Ruinen des Reichtums,

die Reste von Leben...




Prolog



Kaugummi oder kein Kaugummi? – Was zeigt die Uhr? – Fünf vor sechs. Zu spät. Kein Kaugummi. Wenn sie pünktlich sind, müssen sie jeden Moment auftauchen. Und dann macht das einen schlechten Eindruck. Es wird so schon schwer genug....



Die junge Frau tritt nach einer Dose, die auf dem Bürgersteig liegt, direkt an der Hausecke, kickt sie ein Stück die Straße hinunter.



Nancy zieht den Kragen der Jacke hoch. Es ist kühl. Herbst scheint schon in der Luft zu liegen, dabei hat der Sommer noch nicht einmal begonnen. Vielleicht ist es ein Geruch. Vielleicht etwas anderes. Mag sein, der leichte Nebel, der sich nicht entschließen kann, ob er Nebel bleiben oder Nieselregen sein möchte.

Sie fährt sich über ihr langes Haar. Es fühlt sich etwas feucht an. Feucht und glatt.


Du wirst das nicht tun“, hatte ihre Mutter sie angeschrien, „ich lasse nicht zu, dass du deine Herkunft verleugnest.“

Schau hin“, hatte Nancy zurückgebrüllt und ihr T-Shirt hochgezogen, „fällt dir was auf? Ich bin schwarz, ob ich glatte Haare habe oder krause. Der Friseur macht mich nicht weiß, Ma. Was soll die ganze Scheiße?“

Dann hatte sie die Hand ihrer Mutter im Gesicht gespürt. Es tat nicht weh. Sie hatte die Erinnerung an ein Geräusch, das aber nicht wirklich da gewesen war, ein Laut von etwas, das zerbricht. Ihr waren die Tränen gekommen und sie war weggelaufen. Das war fast zwanzig Jahre her.



Sie erschreckt sich, als die beiden um die Ecke biegen. Ein junges Paar, aneinander geschmiegt. Das könnten sie sein...

Nancy kneift die Augen zusammen. Nein, nein, die beiden sind ZU jung. Oder?

Sie gehen vorbei. Also waren sie es nicht. Und wenn sie gar nicht kommen? – Das wäre auch nicht unbedingt neu. Es passiert. Ab und zu. Diese hier werden die .... die wievielten sein? Wie viele waren schon da? Vierunddreißig? Fünfunddreißig?



Jetzt kommen andere um die Ecke. Ein ganzer Pulk. Die U-Bahn hat sie freigelassen: Einzelne, Paare, kleine Gruppen.

Die beiden fallen Nancy sofort auf, weil sie langsam gehen, an den Häusern hoch schauen. Das sind sie: ein ziemlich großer junger Mann. Erstaunlich groß, denn er sieht eigentlich wie ein Latino aus. Komisch, damit hatte sie nicht gerechnet. Nicht bei diesem Namen. Hübsch. Ein gutes Gesicht. Gute Kleidung. Anzug, gestreiftes Hemd, Krawatte, das ist gut.

Er hat die Hände in den Hosentaschen. Die Frau hat sich an seiner linken Seite eingehängt. Links. Zur Straße hin....


Okay, das gibt zehn Punkte Abzug, hübscher Mann. Aber trotzdem ist er eigentlich süß. Und es kann nicht jeder gerade aus der Tanzschule kommen. Die Frau ist ... eigentlich zu billig für ihn. Gefärbte Haare, zu viel Schmuck. Zu viel und zu billig. Hose, Pullover ... hübscher Pullover. Schade, dass es den nicht auch in ihrer Größe gab. Und ein Lippenstift wie eine Leuchtreklame am Time Square...


Nun haben die beiden sie fast erreicht. Nancy lächelt ihr Geschäftslächeln. Das kann sie gut. Sie hat es lange genug vor dem Spiegel geübt.



Sie streckt ihre Rechte nach den beiden aus, als seien sie befreundete Kinder, die sie mitnehmen möchte, um ihnen ihre neuen Spielsachen zu zeigen.

Pagett nimmt die Hand. Er sieht noch besser aus, wenn er lächelt.



Die Pause war genau eine zehntel Sekunde zu lang, um es tatsächlich glaubhaft erscheinen zu lassen. Sie sind nicht verheiratet. Das ist gut. Ein schmutziges kleines Geheimnis... das ist gut.




Ein fürchterliches, dummes kleines Ding, denkt Nancy, wo hat er die aufgetrieben? – Na, egal. Die Karten sind verteilt. Gut verteilt. Zu ihrem, Nancys, Vorteil.

Sie wendet sich um, hebt die Arme in einer weiten Geste und fragt mit einer Stimme, als würde sie ein stuckbeladenes Barockschloss präsentieren: Ist DAS nicht ein TRAUM?


Pagett und Miranda folgen ihrem Blick an der Fassade hinauf. Das ist ein schönes Stadthaus aus den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Und aus Backsteinen. Gepflegt, sauber...




Das ist eine blöde Frage, denn zu keinem anderen Zweck sind sie an diesem Abend zu diesem Ort gekommen. Aber es ist ja auch nur rein rhetorisch, nur um Stimmung zu machen.

Nancy lacht, die beiden Besucher lachen. Alles stimmt.

Also die kurze Treppe zum Eingang hinauf, vor der Haustür für einen Moment anhalten. So wie immer. Halbe Drehung nach rechts, während sie den Schlüssel aus der Tasche zieht...






Das ist gut, denkt Nancy, sehr gut. Hoffentlich hört er auf sein kleines Mäuschen. Es wird nicht schwer, IHR die Wohnung zu verkaufen. Sie wird es nicht kapieren. Vielleicht kann man sie trennen, wenn sie oben sind...


Das Schloss schnappt auf. Nancy drückt die schwere alte Tür nach innen.



Kein Widerspruch. Natürlich nicht. Ihre Hand findet den Lichtschalter ohne hinzusehen. Ein leises Knacken, als sie ihn umlegt, ins Monumentale erhöht vom Echo des Treppenhauses. Ein dramatisches Geräusch, mit dem die ebenfalls dramatische Beleuchtung angeht. Nancy weiß, sie kann sich auf den Effekt verlassen.



Pagett pfeift durch die Zähne.



Nancys Stimme vibriert mit Hall. Sie gibt den beiden einen Moment Zeit, über den Eingangsbereich zu staunen: die schweren Wand- und Deckenlampen, Art Déco und ein Vermögen wert, wären sie echt; die Mamorverkleidungen, die elegante metallene Hülle des Fahrstuhls und das geschmiedete Geländer der Treppe, die sich um den Metallkäfig des Aufzugs windet.

Dann öffnet sie die Scherengittertür und lädt das Paar mit einer kurzen, eleganten Geste ein, den Lift zu betreten.




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