
Doris Jannausch
Roman

Als die Obstbäume an den Ufern der Elbe ihr Herbstkleid angelegt hatten, brach bei den Schülern der Theaterschule der Frühling aus, mitten zwischen den dunklen Häusern der Fabrikstadt Aussig. Doch das ungetrübte Glück währte nicht lang, die ersten Schwierigkeiten stellten sich ein: Der im Lehrplan vorgesehene Reitunterricht entfiel, denn es gab keine Pferde mehr. Auch keinen Fechtlehrer, der sie in dem für die Bühne unerlässlichen Fach hätte unterweisen können. Der zur Schule gehörende Saal wurde von einem kriegswichtigen Amt beschlagnahmt, und sie wussten nicht, wo sie bleiben sollten. So zogen sie von einem Raum zum anderen, wurden überall vertrieben. Endlich eroberte »ihr Doktor« ein altes Schulzimmer in der Wallstraße. Es lag in einem feuchten Keller, der keine Fenster hatte und nicht gelüftet werden konnte. Für die Schüler wurde dieser trostlose Raum ein Palast.
Die nächste Enttäuschung blieb nicht aus. Als sie erfuhren, dass es mit dem Rollenstudium noch ein ganzes Jahr Zeit hätte und sie vorerst nur Sprechübungen oder höchstens kleine Gedichte durchnähmen, waren sie ärgerlich und sehr traurig. Die Begeisterung ebbte ab, sie merkten plötzlich, dass der Raum schmutzig war, die Lichtleitung defekt, das spärliche Mobiliar morsch. Und überhaupt! Was sollte das mit Kunst zu tun haben, wenn der Lehrer unentwegt auf dem Zwerchfell herumdrückte und sie nichts anderes taten, als idiotische Übungen zu leiern: »Barbara saß nah am Abhang, sprach gar sangbar – zaghaft langsam …« oder »O Sonne, thronst so wolkenlos, schon flog der Vogel hoch empor …«
Unerträglich. Viel schlimmer als bei Deggarter, da hatte man wenigstens auch Rollen studiert, ganz abgesehen von dem Zauber, den er ausstrahlte. Der Sprechlehrer, Herr. A. – wie sie ihn nannten –, verbreitete weder Zauber noch Glanz. Er war dick, hatte Plattfüße und schwitzte erbärmlich. Prophezeite ihnen, dass sie den Wert der Sprechübungen später gewiss erkennen würden, denn die Stimme gewänne dadurch an Klang und Farbe.
Allerdings sah es in den ersten Wochen nicht danach aus. Margit-Jorindes Worte klangen in der Höhe schrill, während sie in der Tieflage knödelte. Traude-Medea bekam die Stimme nicht aus der Kehle in die Nasenwurzel, wo sie hingehörte. Und Kurt, der längst kein Kavalier mehr war, kam mit seinen Lippen nicht zurecht und führte bei den Übungen die wildesten Verrenkungen aus. Herrn A. standen die Schweißtropfen auf der Stirn. Er wurde nicht müde zu versichern, wie viele selbstlose Opfer ein Bühnenlehrer bringen und wie sehr er sich beherrschen müsse, um nicht verrückt zu werden.
Letzteres wären sie bestimmt geworden, hätte es nicht die Ballettstunde gegeben! Der Ballettsaal befand sich im Keller des Theaters – sie schienen aus den Kellern nicht mehr herauszukommen! Man gelangte zu ihm durch endlose Gänge, auf denen die Schaben und Mäuse Mazurka tanzten. Der Saal selbst war recht hübsch, zwei große Spiegel standen an der Wand, ein gewichtiger Flügel gab ihm ein fast großartiges Aussehen.
Das Herrlichste von allem aber war der Ballettmeister! Wenn der braun gelockte, schlanke Italiener in ihren Gesichtskreis trat, schlugen die Herzen höher. Margit, die eine Schwäche für den Tanz besaß, übertrug diese spontan auf den Meister. Seitdem war ihr strubbeliges Haar weich und gepflegt, fiel locker auf ihre Schultern. Es gelang ihr, ihn mit tränenvollen Augen zu bestricken. Er bevorzugte sie insofern, als sie mit ihm vortanzen durfte: Walzer, Polka oder Ausdruckstanz.
So ging das bis zur bitteren Enttäuschung. Das kam so: Margit hatte Alfredo gebeten, ein italienisches Lied zu singen, was er verlegen abschlug. Ach, wie hinreißend verlegen er doch sein konnte! Am Ende der Stunde, als sie schweißtriefend am Flügel standen, sagte er: »Also gut – wenn es euch Freude macht, singe ich ›O sole mio‹.«
Unter lautem Jubel setzte er sich an das Instrument. Erika, die ihre ernste Strebermiene nie ablegte, trompetete ein donnerndes »Ruhe!«, dass selbst der Meister, der eben beginnen wollte, die Hände erschrocken von den Tasten zurückzog.
Endlich war es so weit. Mit betörendem Belcanto begann er zu singen. Verzaubert lauschten die Schüler. Als er geendet hatte, schwelgten sie in Begeisterung. Margit seufzte hingebungsvoll: »Fantastisch!« Traude sah ihn unter halb geschlossenen Lidern feurig an und flüsterte: »Umwerfend!« Franziska klatschte in die Hände und rief: »Herrlich! Herr-lich!« Erika beschränkte sich auf ein sachliches »Sehr nett«.
Kurt grinste von einem Ohr zum anderen und enthielt sich der Kritik.
Alfredo betrachtete seine verliebten Schülerinnen der Reihe nach, dann meinte er: »Es ist wirklich eines der schönsten italienischen Lieder. Freut mich, dass es euch gefällt. Übrigens ist es auch das Lieblingslied meiner Braut.«
Worauf Kurt in schallendes Gelächter ausbrach.
Kurz darauf saßen sie im Ankleideraum und wussten kaum, wie sie hineingekommen waren. Sie fühlten sich schmählich hintergangen. Bekümmert starrten sie vor sich hin, merkten nicht, wie die Zeit verging. Nach geraumer Weile erklärte Kurt, noch immer mit diabolischem Grinsen: »Ich kenne seine Braut. Sie heißt Sebastian und ist Lokalredakteur an der Zeitung.«
»Woher weißt du das?«, fragte Erika streng.
Kurt zuckte die Achseln. »Woher schon! Das weiß doch das ganze Theater.«
Ein Todesstoß! Sie saßen wie erstarrt, konnten es nicht fassen, bis Erika in ihrem sachlichen Ton sagte: »Kommt duschen, Kinder! Sonst verpassen wir den Unterricht.«
Der Winter war vergangen, die Zeit der Kirschen hatte begonnen. Der märchenhafte Zauber in Rosa und Weiß verblühte längst an den Ufern der Elbe. Früchte lockten an den Bäumen. Die Dörfer träumten in der Sonnenglut. Majestätisch spiegelte sich die Burgruine Schreckenstein in dem ruhig dahinfließenden Fluss.
Sommer!
Mehr denn je roch es in den Straßen Aussigs nach der »Chemischen«, ein Geruch nach faulen Eiern, der sich drückend über die Stadt legte und Kopfschmerzen verursachte. Doch die Schüler waren glücklich und voller Hoffnung. Seit einigen Wochen hatten sie sogar einen eigenen Klassenraum, der ihr zweites Zuhause wurde: das Café Biedermeier in der Teplitzer Straße, unweit des Theaters. Vier hohe Fenster, durch die das Sonnenlicht hereinflutete, Polsterbänke an den Wänden, auf denen Franziska, die einzige »Auswärtige«, ihren Mittagsschlaf halten konnte. Große Spiegel und ein Flügel, auf dem sie zur Freude ihrer Kolleginnen alle Stücke spielte, nach denen sie bei Alfredo getanzt hatten. Leider verdrängte sie die Oberstufe, die kurz vor der Reifeprüfung stand, oft rücksichtslos aus diesem Palast. Dann flüchteten sie auf die Terrasse hinter dem Haus, sprachen dort ihre Rollen durch, paukten Dramaturgie, Theatergeschichte und Philosophie. Oder ließen sich in der Sonne schmoren. Wenn aber die Oberstufe auch hier ihre älteren Rechte geltend machte, gingen sie einfach einige Häuser weiter ins Café Foussek »Ringeln« essen. Das waren merkwürdige Gebilde aus einer undefinierbaren, rosaglasierten Masse, gefüllt mit weißem Schaum, die man ohne Zuckermarken bekam.
Als Abschluss des ersten Schuljahres machten sie mit Herrn A. einen Ausflug zur Burgruine Kamaik. Es war ein herrlicher Sommertag, als sie in die Wiesen wanderten und durch die Elbberge zogen, diese halb erwachsenen Kinder, die ein Jahr zwischen Staub und Mauern zugebracht hatten. Die frische Luft tat ihnen gut.
Traude und Erika hatten sich Herrn A. angeschlossen, liefen weit voraus. Margit, Kurt und Franziska streiften hinterher. Margit hatte sich lachend eine rote Mohnblume ins Haar gesteckt, was ihr etwas Spanisches gab, Franziska schmückte sich mit einer Kornblume. In Kamaik kehrten sie ein, ließen sich vergnügt an einem Tisch nieder. Als sie die Mahlzeit beendet hatten, leckte sich Herr A., der mehr denn je schwitzte, genießerisch die Lippen und meinte: »Jetzt möchte ich Kirschen essen!«, wobei er Franziska bedeutsam anblickte. »Wollen Sie nicht im Dorf fragen, ob uns jemand welche verkaufen kann? Nehmen Sie noch ein Mädchen mit.«
Sie war einverstanden und winkte Margit, die freudig aufsprang.
Ihre Mühe blieb vergeblich. Die Kriegsgesetze verboten den Bauern bei hohen Strafen, Obst an private Käufer abzugeben. Unverrichteter Dinge traten sie den Rückzug an. Unter der uralten, riesigen Linde auf dem runden Platz blieben sie stehen. Es roch nach Heu. Das Dorf war in heißes Mittagsschweigen gehüllt, nur die Gänse schnatterten, und eine Katze miaute, während sie sich träge in der Sonne reckte. Die Mädchen hielten sich an den Händen und sahen in die fernen, blauen Berge. Stiller Friede, ganz ungewohnt. Margit sprach mit leiser Stimme ein Gedicht Eichendorffs:
»… und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.«
Noch bevor sie geendet hatte, hörten sie hinter sich einen Ruf. Als sie sich umdrehten, sahen sie bei der Kirche den roten Rock Erikas und das entsagungsvolle Gesicht Traudes.
»Wir gehen auch!«, rief Erika von Weitem, und als sie Traude verwundert anblickten, fügte sie hinzu: »Ich habe sie einfach mitgeschleift.« Nun wussten sie Traudes ergebungsvolle Miene zu deuten.
»Keine einzige Kirsche haben wir bekommen«, erklärte Margit resigniert. »Die Leute rücken nichts raus.«
Erika lachte spöttisch. »Ihr seid eben Stümper! Passt auf, wir kriegen mindestens fünf Kilo.«
Franziska und Margit wünschten beiden Glück, gingen zurück ins Gasthaus, wo Herr A. gähnend herumsaß, ein Zeichen, dass die Unterhaltung zwischen Kurt und ihm nicht sonderlich aufregend gewesen sein musste. Enttäuscht blickte Herr A. auf ihre leeren Hände. Doch er war bald versöhnt, als Franziska auf dem verstimmten Klavier »La Paloma« spielte, während Margit mit elegischer Stimme, an Alfredo denkend, dazu sang.
Nach kurzer Zeit trafen die anderen ein, ebenfalls mit leeren Händen, suchten krampfhaft nach Ausreden: »Wir hätten schon, aber …« Die Begründung verschluckten sie und drängten, um abzulenken, zum Aufbruch.
Auf dem Weg nach Tschernosek trafen sie auf einer Wiese Bauern, die Kirschen vom Baum pflückten. Nach eindringlichem Flehen Herrn A.s und seiner Beteuerung, dass sie vom Theater seien, schüttelten die netten Menschen saftige Früchte vom Baum. Es regnete Kirschen. Und sie durften alle, alle aufsammeln. Sie bekamen sogar zwei leere Körbe dafür. »Ihr müsst’s aber auch was singen, wennzer schon vom Zirkus seid’s!«, verlangten die Bauern.
Als Erika ihnen gekränkt erklären wollte, dass Theater und Zirkus nicht dasselbe seien, machte Franziska ihr ein Zeichen und schlug vor, einen Schlager zu singen. Sie taten es mit Inbrunst. So laut und falsch, dass die Gönner sie unterbrachen: »Ach was – ihr braucht’s auch nix zu singen!«
Worauf sie jubelnd die Kirschen aufklaubten, sich die Taschen vollstopften und die Körbe füllten. Danach zogen sie fröhlich weiter. Sogar Traude streifte ihre Reserviertheit ab und tanzte mit den anderen den Wiesenweg hinab. An einem Waldrand warfen sie sich ins Gras und wären fast eingeschlafen, hätte Erika nicht plötzlich gerufen: »Kinder, wo haben wir Herrn A. gelassen?«
Jetzt erst merkten sie das Fehlen ihres Beschützers, doch sie waren zu faul, um nach ihm zu sehen. Müde blinzelten sie den Abhang hinauf, wo schließlich zuerst der Kopf, dann die anderen Körperteile des Lehrers auftauchten. Keuchend schob er seine Massen heran, die bis zum Rand gefüllten Kirschkörbe tragend, lachenden Gesichts, während er triumphierend erzählte, wie er den Bauern noch ein zusätzliches Kilo abgeschwatzt hatte. Das trug er in einem Beutel auf dem Rücken.
»Sicher hat er ihnen Sprechtechnik beigebracht«, flüsterte Erika kichernd. Traude aber sprang mit einem graziösen Satz an seine Seite, mit ihm und den Kirschen kokettierend und auf mindestens ein Kilo hoffend, wobei sie sich allerdings gründlich verspekulierte.
Nach einer Stunde kamen sie in Tschernosek an. An der Dampferanlegestelle erfuhren sie, dass bis zur Abfahrt des Dampfers nach Aussig noch Zeit blieb, und sie beschlossen, im Elbhotel ihren Durst zu stillen.
Im schattigen Garten bestellten sie den berühmten »Tschernoseker«. Obwohl sauer angeblich lustig machen soll, versetzte er sie in schläfrige Stimmung. Doch als der Dampfer endlich kam, wurden sie wieder munter. Sie fanden Plätze am Heck und sangen die Lieder mit, die eine Blaskapelle spielte. Als der Schreckenstein auftauchte, begrüßten sie ihn mit stürmischem Jubel. An der Schleuse beobachteten sie gespannt, wie das Wasser fiel und wieder anstieg.
Margit stand gedankenverloren an der Reling und sprach den Monolog der Iphigenie. Traude erging sich in nostalgischen Träumen und malte in Worten ein plastisches Bild jener Zeit, als auf der Burgruine Schreckenstein noch Raubritter hausten, die den vorbeifahrenden Schiffen heimtückisch Fallen stellten, um sie auszurauben. Inbrünstig schloss sie: »Bestimmt waren auch sehr schöne Raubritter dabei!«
Herr A. nickte dazu und spuckte die Kirschkerne versonnen in die Elbe.
Der Winter stand vor der Tür. Seinen Vorboten, den Sturm, hatte er schon geschickt. Er heulte durch die Straßen, dass jeder froh war, wenn er sich in einer warmen Stube verkriechen konnte.
Die Zwischenprüfung hatten alle Schüler bestanden. Nun saßen sie bis spätnachts über Büchern und Rollen.
Eines Tages kam die Überraschung: Dr. Groß, Gründer der Theaterschule, Hauptlehrer und Intendant, an dem sie mit großer Verehrung hingen, teilte Franziska vor der Klasse mit, dass sie in der »Jungfrau von Orléans« den ersten Pagen spielen dürfe, der sogar zwei Sätze zu sprechen hatte.
Nach der ersten Probe wusste sie so viel, dass sie nach drei Fanfarenstößen im ersten Aufzug auf die Bühne treten, »Ratsherrn von Orléans flehn um Gehör!« rufen und darauf mit einer Verbeugung abgehen sollte. Sechs Auftritte später hatte sie wieder nach Fanfarenklängen zu melden: »Ein Herold kommt vom engelländ’schen Feldherrn!«
Die Generalprobe kam. Sie ist das Aufregendste am Theater: Die Schauspieler streiten, der Inspizient rast, der Regisseur schreit, das Personal flucht.
Franziska stand mit ihrem Barett in der Hand abseits und drückte sich daran die Finger wund. Ihr war übel.
Der Gong ertönte, Ruhe trat ein. Margit, die in Franziskas Nähe blieb, um ihr seelische Stütze zu geben, nahm sie plötzlich an der Hand, zog sie in die Toilette, schob ihr einen Korken in den Mund ließ sie immer wieder die Sätze sprechen: »Ratsherrn von Orléans flehn um Gehör! – Ein Herold kommt vom engelländ’schen Feldherrn!« Auf einmal hörten sie im Gang Türen schlagen, laute Stimmen, ein Schrei: »Der Page! Wo bleibt der Page? Verdammt noch mal – der Page!«
Franziska stolperte hinaus, dem Inspizienten in die Arme, der sie durch die eiserne Tür stieß, während er stöhnte: »Viermal hat er schon geblasen, der König hat schon fünfmal gefragt: Was gibt’s?« Mit erbarmungslosem Schwung schleuderte er sie auf die Bühne, dass ihre hundertmal vor dem Spiegel geübte Verbeugung in bedenkliches Straucheln überging. Mit Schaudern sah sie die wütenden Blicke der Darsteller, sah, wie der König mit der Faust auf den Thron schlug und sein »Was gibt’s?!« zum sechsten Mal geradezu herausbrüllte. Alles verschwamm vor ihren Augen, die Bühne begann sich zu drehen, sie holte tief Luft und rief: »Ein Herold von Orléans kommt – vom engelländ’schen Feldherren!« Worauf die vergessenen drei Ratsherrn auf die Bühne stürzten.
Entsetzt bemerkte Franziska ihr neues Vergehen. Der Schreck saß ihr in der Kehle. Sie fühlte sich talentlos und unfähig. Wenig später erklang aufs Neue die Fanfare, sie rannte auf die Bühne und schmetterte: »Ratsherrn flehn um Gehör!«
Darauf betrat der Herold mit zornigen Blicken den Schauplatz. Nun war alles vorbei! Fassungslos über ihre Dummheit sank Franziska auf einen Balken hinter der Bühne und weinte. Weinte, dass die Wimperntusche sich mit den anderen Farben vermischte und über ihr Gesicht lief. Die Zukunft schien zerstört. Als ihr angebeteter Doktor sie hinaus auf den Gang rief, um ihr dort ihre ganze Schusseligkeit klarzumachen, dachte sie, das Ende sei gekommen. Die verächtlichen Blicke der Schauspieler, die ohnehin nichts vom Nachwuchs wissen wollten, brannten wie Feuer. Die Vorwürfe der Mitschüler, die ihre Ehre durch sie verloren glaubten, regneten wie Schläge auf Franziska herab: »Wie konntest du nur …«, »Hättest du doch …« und »Warum bist du …«.
Doch auf Regen folgt Sonnenschein, auf eine verkrachte Generalprobe eine gute Premiere. Das war schon immer so. Alles klappte vorzüglich. Franziska rief ihre beiden Sätze derart überzeugend, verbeugte sich mit echter Pagenhaftigkeit, dass sie sich wunderte, warum das Publikum am Ende nicht immer nur ihren Namen rief.
Der Doktor klopfte ihr lächelnd auf die Schulter. Die Schauspieler blickten sie freundlich an, selbst der König nickte ihr ein wohlwollendes »Gute Nacht, mein Kind« zu.
Die kühle Nachtluft tat ihr gut. Sie lief zum Bahnhof und stieg in den Zug nach Teplitz. Er war fast leer. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf.
»Auch ich werde spielen, viele Rollen, die ich liebe! Vielleicht am Theater in Eger oder in Reichenberg oder sogar in Teplitz-Schönau? Ach, wenn nur dieser Krieg nicht wäre. Dieser Krieg …«
Im Zug noch schlief sie ein.
Das zweite Schuljahr ging mit raschen Schritten seinem Ende zu. Außer Käthchen, Franziska, Rautendelein aus der »Versunkenen Glocke« hatte sie noch die Ingeborg von Curt Goetz studiert, eine moderne Rolle aus einer Komödie. Modernes war schwieriger zu spielen als Klassisches. Dr. Groß meinte: »Wer einen Dialog zu sprechen versteht, wie es zum Beispiel Viktor de Kowa kann, wer ein Stück von Curt Goetz richtig zu spielen fähig ist, der hat viel gelernt.« Beides beherrschten die Schüler noch lange nicht, doch sie übten unentwegt, locker zu werden.
Nach wie vor wollte Franziska das Gretchen spielen, wie sie es bei Deggarter gelernt hatte, nur leider – sie bekam die Rolle nicht. Margit war Gretchen, denn man teilte die Schauspieler nach Rollenfächern ein: Muntere-Naive, Sentimentale, Salondame, Charakterspielerin, Heldin.
»Ich kann doch nicht mein Leben lang Naive und Muntere bleiben«, beklagte sich Franziska, als sie wieder im Café Foussek saßen und »Ringeln« aßen. »Warum kriege ich keine tragische Rolle?«
Traude-Medea ließ den Zuckerschaum auf der Zunge zergehen, machte schmale Augen, denn sie war als Salondame gedacht und antwortete: »Weil du nicht reif genug bist. Wie willst du ein liebendes oder gar verlassenes Mädchen spielen, das ein Kind bekommt, wenn du noch nichts erlebt hast?«
Nichts erlebt? Und die Küsse von Dascha und Julian, die Nacht in Welchau, wo um ein Haar das Unvermeidliche passiert wäre? Sie berichtete stolz davon, was allgemeine Heiterkeit auslöste. Was sind schon einige Küsse? Ins Bett musste man mit einem Mann, ins Bett!
Mit fast neunzehn war das ein Versäumnis, das sah Franziska ein. Sie beschloss, die Theaterschule nicht eher zu verlassen, bevor sie sich ihren Faust gewählt hatte. Deggarter fiel ihr ein, und sie dachte daran, ihn aufzusuchen. Seit der Eignungsprüfung hatte sie ihn nicht mehr gesehen, außer auf der Bühne. Seither waren fast zwei Jahre vergangen.
Zwei Jahre!
An einem schulfreien Tag pilgerte sie nach Teplitz. Die Stadt war grau geworden, ohne Glanz. Fast nur Soldaten auf den Straßen, Verwundete mit einem Bein oder nur einem Arm. Dunkel und ärmlich gekleidete Menschen. Keine Springbrunnen mehr im Park, keine bunten Scheinwerfer. Die verblühten Rosen nicht erneuert, Unkraut wucherte zwischen den ungepflegten Beeten. Leer die Pavillons, die Musik verstummt.
Als sie durch den Kurpark ging, hörte sie ihren Namen rufen. Sie drehte sich um, sah einen Soldaten im hölzernen Rollstuhl, der ihr zuwinkte. Es dauerte eine Weile, ehe sie ihn erkannte: der Hübner Klaus! Zögernd ging sie auf ihn zu, mit schlechtem Gewissen, weil sie ihn zuletzt auf dem Sportfest hatte stehen lassen.
Jetzt strahlte er und schüttelte ihr die Hände. »Franzi, na so was!« Auch sein Vater, der den Rollstuhl schob, begrüßte sie herzlich.
»Was ist denn mit dir, Klaus?« Sie zeigte auf seine Füße, die seltsam leblos auf dem Holzbrett standen.
»Zehen abgefroren«, gab er munter zurück, drehte sich nach den vorbeigehenden Mädchen um, pfiff ihnen nach, flachste mit ihnen. »Bei der Schlacht um Stalingrad dabei gewesen. Bin zu früh wieder heimgeschickt worden, darum haben wir sie verloren.« Dann sang er im Marschrhythmus: »Ja, in Russland gibt’s ein schönes Mägdelein, und das heißt – zwo, drei, vier – Maruschka …« Er lachte und beruhigte sie: »Mach bloß nicht so ein entsetztes Gesicht, Franzi! Auch ohne Zehen geht das Leben weiter. Für mich jedenfalls ist der Krieg zu Ende. Aber ich werde bald wieder tanzen können. Ist nur ’ne Übungsfrage. Und was machst du?«
»Ich – studiere Theater.«
Das amüsierte den Hübner Klaus, weil er noch nie gehört hatte, dass man Theater studieren kann. Er meinte: Nun ja, feinsinnig sei sie schon immer gewesen. Es klang spöttisch, aber gutmütig.
»Du weißt eben, was du willst«, sagte er, schnalzte mit der Zunge und zog sie mit Blicken aus. »Warte nur, bis ich da raus bin …« Er gab dem Rollstuhl einen kumpelhaften Klaps, seine Augen funkelten. »Ich bin noch nie mit einer Schauspielerin gegangen.«
An dem bekümmerten Gesicht seines Vaters erkannte Franziska die Wahrheit. Keine Zehen mehr. In Russland abgefroren. Hatte sich freiwillig gemeldet, der Junge, der so begeistert gewesen war und nicht älter als neunzehn. Und er? Er lachte, machte Zukunftspläne, als sei nichts passiert.
»Klaus, es tut mir so leid …« Doch er wollte keinen Trost, wollte nur blödeln mit ihr. Sie tat ihm den Gefallen, der Vater nickte ihr dankbar zu.
Nachdem sie sich verabschiedet hatte, ging Franziska weiter, durch den Kurgarten, in Richtung Badeviertel. Die Unternehmungslust, mit der sie gestartet war, um Deggarter zu verführen oder besser: mit der sie ihn dazu bringen wollte, sie zu verführen, verließ sie, machte einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz. Vor dem Haus Nummer drei blieb sie stehen, um sich zu konzentrieren, wie auf eine Rolle beim Vorsprechen. Dann lief sie die Treppe hinauf und klingelte dreimal kurz an der vertrauten Tür.
Gleich darauf stand er vor ihr, nicht seine verblühte Frau. Nein, er! Es konnte gar nicht anders sein. Sein düsteres Gesicht hellte sich auf, er zog sie erfreut ins Zimmer, sah sie bewundernd an, fand, sie sei erwachsener geworden und noch viel hübscher. Nach seiner Frau rief er diesmal nicht, er bereitete selbst den Kaffee, servierte souverän. Franziska warf ihm verführerische Blicke zu, auf die er nicht einging. Er schien amüsiert, wartete ab, sagte nur: »Meine Frau ist verreist.« Mehr nicht. War das ein Angebot? Doch er tat nichts dergleichen, kam ihr keinen Schritt entgegen. Franziska redete und redete. Mit spielerischer Lustigkeit berichtete sie von der Schule, schilderte Personen, spielte sie vor. Er lachte. Stand auf, nahm sie in seine Arme, sie verlor ihre Atemlosigkeit und schwieg verwirrt. Fiel jetzt, in dieser Minute, eine lebenswichtige Entscheidung? Sie dachte an Daschas Mahnung, den Mund beim Küssen zu öffnen, hob ihm den Kopf entgegen, sah etwas wie befremdetes Staunen in seinem Blick. Warum drängte er sie nicht zur Couch? Sie riskierte einen Schritt in diese Richtung, doch er hielt sie zurück mit einer Art von beruhigendem Umarmen, als wolle er einen Amoklaufenden aufhalten. Dieser Vergleich fiel ihr ein, sie löste sich von ihm, strich das Haar hinter das Ohr, lächelte verlegen.
»Haben Sie etwas von Julian Pawlik gehört?«, fragte sie, um einen Übergang zum Abschied zu finden. Sie wollte weg von ihm. Sie fühlte sich gekränkt, beleidigt, abgelehnt.
»Du suchst einen Mann, weil du denkst, wenn du mit ihm im Bett warst, bist du eine richtige Frau«, sagte er behutsam.
»Ja.« Sie sah ihn erstaunt an. »Woher wissen Sie das?«
Er schüttelte nachsichtig den Kopf, kehrte wieder zum Sie zurück.
»Jeder jungen Schauspielerin wird dieser Unsinn eingeredet. Meist von eigennützigen Regisseuren, die mit ihr schlafen wollen oder von unreifen Kollegen, die tatsächlich daran glauben.«
»Meine Mitschülerinnen …«
»Na also.« Er setzte sich, zog sie zu sich auf die Lehne, auf der sie ungeschickt balancierte, mit einer Mischung von Weglaufenwollen und Sich-ihm-an-die-Brust-Werfen. »Man reift nicht in einer Stunde, die man mit einem anderen schläft. Das Bett ist nicht so wichtig für die Empfindung. Man reift durch Liebe.« Nach einer Pause: »Liebst du mich denn?«
Sie zögerte, sagte schließlich: »Ich war einmal sehr verliebt in Sie.«
»Ich weiß.« Sehr erfahren und weise sah er aus, als er das sagte, viel älter als ihr Vater, und sie begriff plötzlich nicht mehr, was sie von ihm gewollt hatte. »Man verliebt sich oft in deinem Alter, das ist ganz normal. Auch du hast mir gut gefallen – und gefällst mir noch immer.«
»Warum aber …« Sie stand auf, wusste nicht, wie sie die heikle Frage stellen sollte, doch er verstand auch so.
»Ich mache mir keinen Jux mit einem unschuldigen, begabten Mädchen, das ich noch dazu unterrichtet habe. War denn nichts mit Julian Pawlik?«
»Ich wollte nicht.« Sie kam sich recht albern vor. »Wozu?«
»Eben«, nickte er. »Wozu? Jetzt absolvieren Sie erst mal hübsch Ihr Studium. Seien Sie froh, dass das überhaupt möglich ist in dieser verrückten Zeit. Wenn Sie wollen, nehmen Sie die nächste Gelegenheit wahr, mit einem Mann zu schlafen. Damit Sie selber beurteilen können, ob sich hinterher etwas ändert. Eher haben Sie ja doch keine Ruhe. Und vergessen Sie nicht: Sie wählen ihn, nicht umgekehrt. Aber ich glaube, das haben Sie ohnehin begriffen.«
»Ja«, sagte sie artig.
»Versuchen Sie es. Möglicherweise geschieht ein Wunder, Sie stehen auf und spielen das Gretchen!« Er lachte. Es klang überhaupt nicht anzüglich oder spöttisch, sondern herzlich, dass sie davon angesteckt wurde. »Was haben Sie eigentlich gegen Ihr Rollenfach? Die heitere Muse ist die schwerste, wissen Sie das nicht?«
»Aber ich möchte die Zuschauer erschüttern, sie zum Weinen bringen«, wandte sie ein. »Das ist doch der Sinn der Kunst.«
Deggarter korrigierte lächelnd: »Kunst sollte in erster Linie unterhalten und ergötzen.«
»Sagen Sie«, seufzte Franziska.
»Sagt Aristoteles«, meinte Deggarter und brachte sie zur Tür. »Übrigens habe ich nichts mehr von Julian Pawlik gehört. Sehen Sie doch mal nach ihm.«
Franziska kam nicht dazu, nach Julian zu sehen, wie Deggarter ihr geraten hatte. Sie büffelte für die Abschlussprüfung. Auch überschlugen sich die Kriegsereignisse, sie hatte genug damit zu tun, nicht hinzuhören, wenn darüber gesprochen wurde.
Die Schlacht von Stalingrad war längst verloren, seit dem vergangenen Winter. Die Alliierten hatten in dem verbündeten Italien Fuß gefasst, und nun ging es von allen Seiten los mit dem Vormarsch auf das Tausendjährige Reich. Wenn der Führer ermutigende Worte zu seinem gläubigen Volk sprach, wurde auch bei den Bureschs das Radio auf volle Lautstärke gedreht.
»Es ist herrlich, in einer Zeit zu leben, die den Menschen große Aufgaben stellt«, jubelte er, während die schwarzen Jalousien vor den Fenstern heruntergelassen wurden, um den feindlichen Bombern kein Ziel zu geben. Die Angriffe auf große Städte im Altreich vermehrten sich, man starb im Kollektiv. Der Führer rief mit sich überschlagender Stimme: »Sie können uns unterdrücken, sie können uns meinetwegen töten – kapitulieren werden wir nie!«, was von heulenden »Heil«-Rufen begleitet wurde. Nach wie vor erinnerte der Vater Franziska allen Ernstes daran: »Du kannst dem Führer dankbar sein, dass du ein Stipendium in der Theaterschule bekommen hast. Bei den Tschechen wäre das unmöglich gewesen.«
Dr. Groß zog die Schüler für kleinere Aufgaben auf der Bühne heran. Sie spielten Nonnen, Studenten, Japanerinnen, bekamen pro Abend drei Mark dafür. Es war wundervoll. Der Bühnen- und Maskenbildner Hannes König erteilte ihnen Unterricht im Schminken: historisch, chinesisch, klassisch, modern oder für Knabenrollen. Lippen mit dem Pinsel nachziehen, dick oder dünn, je nachdem, ob die Rolle Vollblütigkeit oder Gefühlskälte verlangte.
Hannes König war nicht sehr groß, wirkte graziös wie ein Rokokokavalier, hatte sanft gewelltes, rötliches Haar und Sommersprossen in dem hageren Gesicht. Wenn er sich über Franziska beugte, um sie zu schminken, spürte sie seinen Geruch.
»Ihre Augenbrauen sind sehr schön«, sagte er eines Tages. »Nur ein wenig zu dicht. Wir übermalen sie mit nasser Seife und schminken sie darüber mit einem Stift. Dünner, feiner, zarter. Sie haben zu energische, dunkle Brauen, noch dazu an der Nasenwurzel zusammengewachsen.«
Das ärgerte sie. An der Nasenwurzel zusammengewachsene Augenbrauen fand sie unmöglich. Darum rasierte sie die Brauen ab, zog sie neu, exotisch nach oben verlaufend. Hannes König bekam einen Lachanfall, als er sie sah. Also ließ sie die Brauen wieder wachsen.
In den letzten Monaten gab es öfter denn je Fliegeralarm. Für jede Nacht wurde im Theater eine Luftschutzwache von drei Mann eingeteilt, auch die Schüler wurden herangezogen.
Als Franziska an die Reihe kam, hatte sie wieder mal ihren hartnäckigen Bronchialkatarrh. Sie hustete, doch meldete sie sich nicht krank. Durch Training ignorierte sie Erschöpfung und Krankheit, das ging ganz gut. Jeder Tag in ihrem Leben war wichtig. Wie sollte sie ihn ausfallen lassen? Sie hustete sich durch die Nacht, legte sich auf die Liege in dem kleinen Sanitätsraum und wachte eisern. Falls ein feindlicher Angriff kam, das Theater in Brand steckte, konnte sie noch immer löschen. Mit wem? Mit dem Portier und …
Er kam etwas später, so um ein Uhr nachts, und er war kein anderer als Hannes König.
Er kam herein, sah die erkältete, fiebrig glühende Franziska, braute einen heißen Tee, drückte ihr von dem halb verblühten Strauß auf dem Tisch drei herabgefallene rote Rosenblätter in die Hand, die sich kühl und lebendig anfühlten, ging zum Flügel auf die Bühne, spielte Chopin. Lockte mit Tönen. Sie kam ihm nach, der Husten war gemildert durch den Tee, die Rosenblätter in der Hand. Es war wie in einem Willi-Forst-Film. Verheißungsvolle Blicke, Sehnsucht in den Augen. Sie lehnte sich über den Flügel, sah ihn schwärmerisch an, unterdrückte den Hustenreiz und atmete tief ein.
»Ich bin heute ja so verliebt …« Das spielte er nun tatsächlich, auch er kannte die Filme genau.
Faust, der Gretchen verführte. Sie ließ sich bewusst in die Rolle hineinmanipulieren. Er spielte, sie hörte zu. Zeigte Verständnis. Dann verließ er den Flügel, ging zurück in den Sanitätsraum, erwartete sie. Der Portier war in dem Kabäuschen am Bühneneingang eingeschlafen.
»Noch einen Tee?«, fragte Hannes König.
»Ja, wenn Sie auch …«
Er brachte ihn ihr. Setzte sich auf den Rand der Liege, auf der sie sich ausruhte, hielt die Tasse. Sie trank, hustete, trank. Diese Hitze! Er machte das Licht aus, legte sich auf sie, küsste sie. Entkleidete sie. Zum ersten Mal geschah es. Es tat weh. Scheußliches Gefühl. Sie umarmten sich, und es war schon vier Uhr früh. Der Sanitätsraum hatte keine Fenster. Dunkelheit. Danach drehte Hannes König den Schalter an. Das Licht über ihrem nackten Körper. Er betrachtete sie andächtig und sagte: »Du bist schön!« Immer nur: »Du bist schön!« Was sollte sie damit anfangen? Sie wusste, dass sie nicht schön war, schön wie Margret Pletsch aus der Oberstufe, mit den langen, blonden Haaren, der hohen Stirn und den braunen, erschrockenen Augen. Margret, die nach Abschluss des Studiums ein Engagement am Aussiger Theater bekommen hatte und die Haitang im »Kreidekreis« spielen durfte, weil sie so schön war. Nicht sonderlich begabt – nur schön. Alles fiel ihr in den Schoß. Sogar der Regisseur.
»Du bist schön«, beteuerte Hannes König und warf sich wieder über sie. Abscheulich, das in die Hand gedrückt zu bekommen, das sich anfühlte wie ein weichlicher Parasol, der langsam unter ihrem Griff steif wurde. Danach sollte man das Gretchen spielen können?
Deggarter hatte recht gehabt. Die Sache war bedeutungslos. Mit dem Frühzug fuhr Franziska zurück nach Teplitz, schlief sich aus, ging am Nachmittag mit den Eltern ins Café Fenstergucker, weil Sonntag war, dachte: »Nun bin ich eine richtige Frau!« Doch alles war wie sonst. Nur das unangenehme Gefühl in den Fingern, in denen der Parasol gelegen hatte. Immer wieder lief sie zur Toilette, um sich die Hände zu waschen.
»Was hast du denn?«, erkundigte sich Maria Buresch. »Durchmarsch oder so was?«
»Ja, Durchmarsch«, antwortete Franziska und wünschte, Julian käme ins Café, damit sie ihm sagen könnte: »Du, jetzt bin ich eine richtige Frau!« Doch Julian kam nicht.
Traude lachte sie aus und begriff nicht, dass sie keinen Spaß an der Sache gehabt hatte. Auch Margit wunderte sich, und Erika enthielt sich jeder Kritik, weil das Thema unter ihrer Würde war.
Hannes König sah sie nur selten, denn der Schminkunterricht war abgeschlossen. Weder machte sie Anstalten, ihn zu treffen, noch schien er neugierig auf sie. Der Willi-Forst-Film war beendet. Wieder einmal wurde ihr klar, dass die Erwachsenen unrecht hatten, wenn sie behaupteten: »Den ersten Mann in ihrem Leben vergisst ein Mädchen nie!« Franziska hatte Hannes König schon am nächsten Morgen vergessen, als sie mit dem Zug nach Hause gefahren war.
Ihre Abschiedsgedanken galten der Schule. Mit einer wehmütigen Feierlichkeit, die Menschen zu beherrschen pflegt, wenn die Worte »zum letzten Mal« bewusst werden, wohnten sie den Proben bei, genossen den Unterricht und saßen öfter denn je im Café Foussek, um über die Zukunft zu reden und »Ringeln« zu essen.
Bis spät in der Nacht hockten sie im Biedermeier, übten Ensembleszenen, hörten einander Rollen ab, beratschlagten und diskutierten. So nahte der Tag der Reifeprüfung, dem sie nicht ohne Furcht entgegensahen. Als einzig Zuversichtlicher zeigte sich Kurt, der eigentlich am meisten hätte zittern müssen, da er weder Sprechtechnik noch seine Rollen noch die theoretischen Fragen beherrschte. Auf die Aufregung der Mädchen reagierte er mit unverschämtem Grinsen.
Einen Tag vor der großen Prüfung fand die Ballettprüfung statt, die ihnen nur einige Grundschritte der Nationaltänze und eine improvisierte Ausdrucksstudie abverlangte.
Am Nachmittag hielt Dr. Groß noch eine letzte Unterrichtsstunde auf der Bühne ab. Der sonst so Beherrschte zeigte deutliche Spuren von Nervosität, er entließ seine Schüler mit einem Händedruck und aufmunterndem »Nur Mut und ruhig Blut!«
Als Franziska am nächsten Morgen vom Bahnhof kam und die Teplitzer Straße entlangging, war sie ebenso aufgeregt und erwartungsvoll wie vor zwei Jahren. Aussig erschien ihr feierlicher als sonst. Das »Biedermeier« lag verlassen da. Die grüne Kuppel des Theaters war in leuchtendes Sonnenlicht getaucht.
Auf dem Balkon saß Margit. Ihr dunkles Haar fiel ihr ins Gesicht, sie hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und las in einem Rollenbuch. Franziska rief sie an. Margit hob den Kopf, ihre besorgte Miene hellte sich auf, sie winkte Franziska eilig herauf. Oben fielen sie sich vor Angst um den Hals, setzten sich ins Foyer und warteten.
Bald gesellte sich Erika zu ihnen, lächelnd, ihre Erregung hinter einem missglückten »good morning« verbergend. Traude kam mit der ihr eigenen Ruhe hereingestelzt, doch sie merkten, dass sie eine weiße Nase hatte. Die zwei Neuen, die vor einem Jahr dazugekommen waren, Ruth und Gudrun, sahen bleich aus. Von Weitem hörten sie Kurt, der schon auf der Treppe brüllte: »Achtung, der Doktor kommt!«
Sie liefen zu ihren Stühlen, die sie in der sich steigernden Unruhe verlassen hatten, und setzten sich. Doch nichts rührte sich. Erst als Kurt die Stille mit schmetterndem Gelächter unterbrach und sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlug, wussten sie, dass er sie reingelegt hatte. Doch waren sie zu aufgeregt, um mit ihm zu streiten.
Bald kam der Doktor wirklich, hielt eine kurze Ansprache, schickte sie in das Konversationszimmer gegenüber der eisernen Tür und bat sie zu warten. Alles genau wie damals zur Aufnahmeprüfung. Es ging zu wie in einem Gänsestall. Margit, die immer wieder den Satz aus Gretchens Kerkerszene: »Weh, weh, sie kommen! Bittrer Tod!« ausrief, konnte sich nicht beruhigen, weil ihr zweites »Weh!« schnarrte. Darum beglückte sie die anderen unentwegt mit Weh-Rufen. Traude hatte einen Korken zwischen den Zähnen und leierte: »Barbara saß nah am Abhang« oder »Heulsturm dräuend beuget Bäume«.
Gudrun saß auf einem Stuhl, hielt ihr Zwerchfell und maß ihren Atem mit der Stoppuhr. Ruth ließ immer wieder ihr flehentliches »Kinder, seid doch still!« vernehmen. Erika, die ihre sonst so unerschütterliche Sachlichkeit an diesem denkwürdigen Tag völlig verloren hatte, stampfte wütend mit dem Fuß auf und verschwand in die Toilette, von wo aus man sie »Maria Stuart« repetieren hörte. Welch ein Aufenthalt für eine Königin!
Endlich stürzte Kurt herein. »Sie kommen!«, rief er wild mit den Armen fuchtelnd.
Sie liefen zum Fenster, sahen ein Auto vorfahren, die Prüfungskommission aussteigen und ins Theater gehen. Es war so weit! Nach einer Zeit ängstlicher Spannung wurde zur theoretischen Prüfung aufgerufen.
Da saßen sie nun der Kommission von der Reichstheaterkammer gegenüber, viele Fragen stürmten auf sie ein. »Welche Bedeutung hatte Lessing für das Theater? Wie heißen Shakespeares Königsdramen? Nennen Sie den Titel der ersten Oper. Woraus ist sie entstanden? Wie geht der fünffüßige Jambus? Nennen Sie ein Beispiel«, und vieles mehr. Am Ende waren die Prüfer ebenso abgekämpft wie die Schüler, tupften sich den Schweiß von der Stirn, flüsterten miteinander und beschlossen, mit der praktischen Prüfung zu beginnen.
Es war wie bei allen Prüfungen: Die Schüler schwankten bleich und zitternd durch die eiserne Bühnentür, um nach einigen Minuten glühend und atemlos herauszustürzen. Nach zwei Stunden war auch das vorüber, die Kommission zog sich zur Beratung zurück und teilte kurz darauf das Resultat mit: Margit, Ruth, Gudrun und Franziska hatten sehr gut abgeschnitten. Traude wurde ermahnt, noch fleißig weiterzulernen. Erika und Kurt waren durchgefallen. Wieder standen sie wie vor zwei Jahren vor dem Doktor, der ihnen glücklich die Hände schüttelte. Sie gratulierten sich gegenseitig, nur Erika fiel schluchzend auf einen Polstersitz des Foyers.
Nach der Aufregung trat Erschöpfung ein, mitten beim »Ringelessen« im Café Foussek. Sie wollten nichts weiter als schlafen.
Es war ein lauer Sommerabend. Ein letzter Duft von Linden hing über den Straßen Aussigs, die Stadt war still geworden. Ein leichter Wind wehte den Geruch der »Chemischen« herüber.
Langsam ging Franziska den altbekannten Weg. Noch einmal an dem Haus vorbei, in dessen Keller sich das erste Klassenzimmer befunden hatte. Über den Marktplatz zum »Biedermeier«, das dunkel, still und mit geschlossenen Fensterläden dastand. Vorüber an der Post, durch den Bühneneingang in das Theater.
Noch einmal setzte sie sich in den Konversationsraum, ging durch die eiserne Tür auf die Bühne, nahm Abschied von allem, was ihr lieb geworden war. Stieg die Treppen hinauf zum Foyer, in dem an schwülen Sommertagen, während des Unterrichts, angenehme Kühle geherrscht hatte. Im Frühjahr war durch die Fenster ein Duft von Jasmin hereingekommen. Ganz stark. Sie ging wieder hinunter, warf einen Blick in den Sanitätsraum, lächelte, dachte an die Rosenblätter, die ihr ein König hier in die Hand gedrückt hatte, an ein Erlebnis ohne Belang, schlenderte durch den langen Gang mit den Garderoben. Ein Lichtstrahl von der gegenüberliegenden Post fiel auf das Schild »Rauchen verboten«, das schief an der eisernen Bühnentür hing. Franziska rückte es gerade.
Sehr gern wäre sie in Aussig engagiert gewesen. Doch die Vakanzen waren besetzt. Dr. Groß hatte seine Lieblingsschüler trotzdem unterbringen können: Margit ging ans Stadttheater Graz. Ruth nach Zoppot. Franziska nach Wien. Die Theateragentin Frau von Emmering suchte vielseitig begabte junge Schauspieler für das Theater an der Front. Weil Franziska tanzen, ein wenig singen und auch recht gut improvisieren konnte – ihren Bruder würde sie nun nicht mehr blindlings anschreien, wenn er auf einem Seil zwischen Himmel und Erde herumturnte –, hatte Dr. Groß sie empfohlen. Mit dem Gretchen wäre es ohnehin vorläufig nichts geworden. Die Soldaten an der Front brauchten Ablenkung. Bekannte Stars machten längst Wehrmachtstourneen an der vordersten Front. Warum nicht auch sie? Vielleicht traf sie dort zufällig Dascha oder Gogsch. Ganz egal, wohin es ging: Hauptsache auf der Bühne stehen und spielen dürfen.
Spielen! Was für ein kokettes Wort für Schwerstarbeit.
Als Franziska die Tür des Bühneneingangs hinter sich schloss, rief jemand ihren Namen. Es war Ruths muntere Stimme, die sie aufschreckte.
»Mädchen, was hast du denn?«, fragte Ruth, die Franziska noch nie so ernst gesehen hatte. Sie war ja schließlich die Muntere vom Dienst.
»Abschiedsschmerz.« Franziska lachte schon wieder. »Du auch?«
Ja, Ruth auch. Sie nickten einander zu, mit Tränen in den Augen, die sie albern fanden. Dann marschierten sie schnurstracks zum »Continental« in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo die Abschiedsfeier stattfinden sollte. Die anderen waren schon versammelt, bis auf Traude, die am Morgen ohne Abschied abgereist war. Sie saßen in dem kleinen Vereinszimmer. Etwas Vibrierendes lag in der Luft. Der Doktor verbarg seinen Abschiedsschmerz, erzählte heitere Episoden aus seinen Anfängerjahren. Margits Augen waren größer als sonst, ihre Stimme klang zu laut, sie sprach über die Lofoten, was keinen interessierte, nicht mal sie selbst. Doch sie redete mit Begeisterung, nur um zu sprechen. Das half ein wenig, denn die Tränen saßen im Hals. Erika erschien nicht so sachlich wie sonst. Ruths Wangen sprühten Feuer, Gudruns Gesicht war blass und schmal, die Lippen des Doktors zuckten ab und zu. Immer wieder sahen sie sich an, als wollten sie sich die Züge der anderen einprägen für ein ganzes Leben.
Als sie in weinseliger Stimmung aus dem Hotel traten, umfing sie sommerlicher Duft der Nacht. Sie begleiteten den Doktor nach Hause, sprachen noch einmal von erlebten glücklichen und aufregenden Stunden, dann schwiegen sie. Als es Mitternacht schlug, umarmten sie sich und versprachen, alle Jahre, wo immer sie sein mochten, in Aussig zusammenzutreffen. Dann trennten sie sich, riefen sich gute Wünsche für die Zukunft zu und freuten sich über jedes Wort, das sie aus der Entfernung verstehen konnten.
Franziska zählte die Stunden bis zur Abreise. Noch fünf Tage. Zu Hause war es langweilig. Mit der Mutter Arm in Arm durch die Stadt zu schlendern und »für Schwestern« gehalten zu werden, mit ihr ins Café zu gehen, machte ihr längst keine Freude mehr. Auch wenn sie die ehemaligen Schulfreundinnen traf, wusste sie nicht viel zu sagen. Alles war fremd geworden. Wichtig blieb nur das Theater.
Oft sprach der Führer. Dann saßen die Eltern in der gemütlichen Wohnküche, hatte den Volksempfänger auf der kleinen Konsole neben dem Fenster angestellt und hörten andächtig zu. Seine sich überschlagende Stimme wurde immer hektischer. Ab und zu sprach Dr. Goebbels. Er redete wie ein pathetischer Pastor in singendem Tonfall, setzte künstliche Pausen und wartete, bis der Applaus abebbte, als sei er von Herrn A. unterrichtet worden. Ein glänzender Schauspieler. Franziska verzog sich dann ins Wohnzimmer, um an ihrem kleinen Sekretär Geschichten zu schreiben. Wenn der Vater hereinkam und fragte: »Willst du nicht zuhören?«, schüttelte sie den Kopf. »Du schreibst, als hinge der Endsieg davon ab«, meinte der Vater missbilligend und schloss die Tür.
Die Ungeduld, endlich spielen zu können, trieb sie aus der Wohnung, hinauf zur Rosenburg mit dem romantischen, verfallenen Gemäuer. Sie saß vor dem Gedenkstein im uralten Schlosshof:
»Johann Wolfgang von Goethe weilte in Stadt und Burg Graupen am 17. August 1810.«
Das war fast genau einhundertdreiunddreißig Jahre her. Das Mückentürmchen hatte er gepriesen, der große Kollege, der ein dünnblütiger Schauspieler gewesen war. An der Mauer mochte er gestanden haben, den Titanenblick gerichtet ins weite Land. Wogende Getreidefelder in der Ebene. Im Tal die Wallfahrtskirche Mariaschein. Weiße Wolkentürme am tiefblauen Himmel. Das träumende kleine Dorf Graupen zwischen den Hügelhängen. Der Duft des reifen Getreides und der blühenden Wiesenblumen. Die Silhouette des Schlossbergs zerfloss in der Sonne.
So zu stehen und den Abend abzuwarten!
Glück, dachte Franziska, das ist: an der Mauer der Rosenburg zu lehnen, in die Landschaft zu schauen, die bestandene Reifeprüfung in der Tasche, ein Engagement in Aussicht. Sich freuen auf das bevorstehende, wundervolle Leben.
Am 15. August fuhr Franziska nach Wien. Die Eltern begleiteten sie zum Bahnhof, fuhren sogar bis Aussig mit, von wo sie den Zug über Prag nach Wien nehmen sollte. Der Vater hatte ihr ein Erste-Klasse-Billett gekauft, verstaute ihren schweren Koffer im Gepäcknetz, legte ihr ans Herz, sich sofort mit Onkel Karl und Tante Bertchen in Verbindung zu setzen. Da Karli Berufsoffizier war und in diesen Tagen in eine nahegelegene Garnison abkommandiert werden sollte, war es nicht sicher, ob Franziska ihn in Mauer, wo er mit Tante Bertchen wohnte, antreffen würde. Hinzu kam erschwerend, dass sie in ein kleineres, aber eigenes Häuschen übersiedelten.
»Tante Bertchen wird dir sagen, was zu geschehen hat«, sagte der Vater. »Irgendwo wirst du schon bleiben können.«
Tante Bertchen war das ehemalige Komtesserl, das Onkel Karl, der älteste der Buresch-Brüder, geheiratet hatte. Jeder in der Familie wusste, dass sie viel mehr an ihrer Mutter hing als an ihrem Mann. Natürlich wohnte Frau von Röcknitz bei Bertchen und Karl. Franziska hatte nur wenig Lust, zu den zwei adeligen Damen zu gehen, die das Haus wie eine Festung gegen alles, was Buresch hieß, abschirmten. Sie wollte lediglich zu Onkel Karl.
Nun, das würde sich finden, wenn sie erst in Wien angekommen war.
Nur zwei Leute saßen im Abteil. Eine ältere, sehr vornehm wirkende Dame mit ihrem Sohn. Letzterer ungefähr Anfang dreißig. Dunkelhaarig, sehr schüchtern. Der Zug hatte in Aussig zwanzig Minuten Aufenthalt. So ergab es sich, dass die Eltern mit der Dame ins Gespräch kamen, sich vorstellten. Die Dame war Wienerin, der Sohn und sie hießen Sturm. Ein bewegter Name für einen so schüchternen Herrn.
»Nicht an der Front?«, fragte Viktor Buresch, lachend zwar, doch mit leichtem Vorwurf, wie es sich für einen Patrioten gehörte.
»Mein Sohn ist freigestellt«, antwortete die Dame, während sie ihn liebevoll, mit leichter Sorge betrachtete. »Er ist Direktor in unserem Betrieb, einer Wirkwarenfabrik. Leider nicht ganz gesund. Es ist nichts Schlimmes, aber in Wien kann er nützlicher sein als an der Front. Wir haben soeben einen unserer Filialbetriebe besucht. Nicht, Heinzi?«
Heinzi, groß und recht ansehnlich, nickte brav. Er musterte Franziska freundlich, sie wurde rot und starrte an ihm vorbei zum Fenster hinaus.
»Wenn Sie unsere Tochter während der Fahrt unter Ihre Fittiche nehmen könnten«, bat der Vater und ließ Charme spielen. »So ein junges Ding, zum ersten Mal allein in einer fremden Stadt! Der Zug kommt um Mitternacht in Wien an. Ob Sie ihr helfen könnten, ein Zimmer zu finden, bis sie am nächsten Morgen zu meinem Bruder fahren kann?«
Franziska protestierte. Doch die Dame versprach: »Natürlich kümmern wir uns um Ihre Tochter. Nicht, Heinzi?«
Er versicherte ebenfalls, dass man sich um Fräulein Buresch kümmern würde. Dann mussten die Eltern aussteigen. Der Zug fuhr ab. Winken, Zurufe, ein paar Tränen. Vorbei am Schreckenstein, die vertraute Gegend verschwand – nach Wien, nach Wien!
Es war nett, mit der Dame und ihrem Sohn zu plaudern. Franziska erzählte von der Theaterschule und wie sie in Wien proben würde für die bevorstehende Wehrmachtstournee.
»Sie soll im September losgehen, nach Griechenland. Ich freue mich darauf. Ende August kommt meine Mutter für einige Tage nach Wien, da habe ich Geburtstag, und außerdem bringt sie mir warme Sachen für den Winter.«
»An die Front, um Theater zu spielen!«, rief die Dame erschrocken. »Sie haben aber Mut, mein Kind.«
»Meine Freunde sind auch an der Front«, sagte Franziska. Sie sprach über Dascha, Gogsch und auch über Julian, der wie Heinzi Sturm nicht eingezogen worden war. »Weil sein Herz nicht in Ordnung ist!« Die Zeit verging wie im Flug.
Ab und zu stand Franziska mit Heinzi Sturm am Gangfenster. Sie unterhielten sich über das Theater, von dem er allerhand verstand. Sie sprachen über Musik. Über Horaz. Über die Odyssee. Es gab nichts, worüber Heinzi nicht Bescheid wusste. Wohlwollend blickte Frau Sturm zu ihnen hinaus: Wenn sie den Kopf wandten, winkte sie ihnen zu.
Spät am Abend fuhren sie in Prag ein, das Franziska nicht kannte, obwohl es nicht sehr weit von Teplitz entfernt lag. Punkt Mitternacht waren sie in Wien.