cover

Doris Jannausch

Als hätte der Teufel
die Karten gemischt

Roman

hockebooks

Winterreise

Onkel Georg war aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden – nach drei Jahren! Mit vielen anderen kam er aus Russland. Die Sieger entließen die Soldaten schubweise, keiner wusste wann und wohin, dieses grausame Spiel der Willkür war ein Akt der Rache, noch immer.

Tante Vicky schrieb an Franziska:

»Geliebtes Mädchen«,

so hatte sie die Nichte schon als Kind genannt,

»fast zehn Jahre hat er durch den Krieg verloren, und die gibt uns keiner mehr zurück. Onkel Georg ist gleich nach Regensburg gefahren, zu Onkel Franz, er hofft dort für uns eine Wohnung zu bekommen. Er möchte auf keinen Fall in die russisch besetzte Zone und meint, im Westen würde alles viel besser sein. So werden wir also, wie ich hoffe, bald unsere Zelte hier abbrechen. Wir zählen die Tage, Mona und ich. In diesem kleinen Nest, in dem wir jetzt wohnen, ist die Lage unerträglich. Ich helfe den Bauern so gut ich kann, so haben wir wenigstens etwas zu essen. Dein Vater ist längst ausgezogen und wohnt mit deiner Mutter vier Kilometer entfernt von uns. Wir vermissen ihn sehr, denn wir waren eine muntere Notgemeinschaft, trotz allem. Deine Mutter erlaubt nicht, dass er mit uns Kontakt behält, worüber ich sehr traurig bin. Er wehrt sich auch gar nicht gegen sie, er tut, was sie verlangt. Dabei sollten wir doch zusammenhalten in dieser schweren Zeit.«

Franziska ließ den Brief sinken. Hörten diese Feindseligkeiten denn niemals auf? Sie beschloss, in die Altmark zu fahren, vielleicht gelang es ihr, Frieden zu schließen. Im Theater war sie entbehrlich, außerdem brauchte sie dringend Abstand zu den Ereignissen der letzten Zeit.

Was den Reiseverkehr betraf – der hatte sich bisher nicht verbessert, jedenfalls nicht auf der langen Strecke von Sachsen in die Altmark. Die Züge, total überfüllt, gingen nur ratenweise, oft ohne Anschlüsse. Die Hamster- und Schieberwelle lief auf Hochtouren. Es hieß immer wieder aussteigen, umsteigen, streckenweise zu Fuß marschieren, Nebenlinien benutzen, Nachlösen an Schaltern. So vergingen zwei Tage, in denen Franziska nicht aus den Kleidern gekommen war und auch nicht geschlafen hatte. Die Beine taten weh vom langen Stehen, der Hunger rumorte im Bauch, der Magen gab die seltsamsten Geräusche von sich.

In Stendal ging ihr das Geld für die letzte Strecke aus. Es reichte gerade noch für eine Brühe im ungeheizten Wartesaal.

Was war zu tun? Zurückfahren ohne Geld war leider nicht möglich. Die Eltern hatten ihr angeboten, die Rückreise zu bezahlen, damit hatte sie gerechnet, doch dazu musste sie erst mal bei ihnen sein. Sie stützte die Hände auf den schmuddeligen, unabgeräumten Tisch und wünschte sich ein Wunder.

Ihr gegenüber saß ein älterer Mann und beobachtete sie.

»Verzeihung«, sagte er nach einer Weile, »ich mische mich nur ungern ein, aber Sie sehen ziemlich verzweifelt aus. Kann ich Ihnen helfen?«

Sie antwortete nicht gleich. Sollte sie dem Fremden sagen, dass ihr das Geld zur Weiterfahrt fehlte? Das hätte nach Bettelei ausgesehen. Doch der Mann gab keine Ruhe, er fragte und drängte, bis sie einen roten Kopf bekam und ihm sagte, worum es ging.

»Wenn’s weiter nichts ist!« Er lachte, holte die Brieftasche heraus und legte einen Schein auf den Tisch. »Damit wäre das Problem gelöst, hoffe ich. Wird’s reichen?«

Sie starrte das Geld an. »Aber – Sie kennen mich doch gar nicht!«

»Stecken Sie es nur ein. Sie können es mir ja zurückgeben. «

»Ich werde sofort – das heißt, es wird einige Tage dauern!«

»Wissen Sie«, sagte der Mann, »ich mag nicht, wenn jemand unglücklich ist. Und dabei – wohin man sieht: nichts als Jammer und Elend. Ich fahre zu meiner Tochter, die hat ein Baby bekommen, ich bin Großpapa, stellen Sie sich vor! Mein Schwiegersohn ist aus dem Krieg zurückgekommen, etwas lädiert, hat ein Bein verloren, aber nun ist das Baby da, ein Mädchen. Soll ich mich da nicht freuen über das Kind? Das ist doch wie eine neue Hoffnung.«

Franziska lauschte mit Tränen in den Augen. Sie gratulierte und wünschte, dass das Baby niemals einen Krieg erleben möge.

»Das hoffen wir alle«, versetzte der frischgebackene Herr Großpapa. »Davon haben wir genug. Vielleicht werden die Menschen doch noch ein wenig klüger.«

Eine Frauenstimme rief etwas über den Lautsprecher aus. Der Mann erhob sich, sagte: »Mein Zug!«, nickte zum Abschied und verschwand in der Menge, die sich zum Ausgang drängte.

»Ihre Adresse –!« Franziska wollte ihm nach, doch in dem Gedränge war es aussichtslos.

Dass es das noch gab! War dieser Fremde als Engel unterwegs, getarnt als liebender Großpapa mit Bauch und Brille? Franziska war gerührt. Diese Begegnung ließ sie wieder Mut fassen. Spätnachts kam sie in Gardelegen an. Noch neun Kilometer Fußmarsch bis zu dem Dorf, in dem die Eltern wohnten! Sie schulterte den Rucksack, wie bei ihrer Ankunft in Dresden, marschierte die schnurgerade Landstraße entlang und schlug den Mantelkragen hoch. Über die flachen Felder fegte ein eisiger Wind. Kahle Bäume froren am Straßenrand, verdichteten sich zu einem Wald. Es wurde immer unheimlicher.

Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Sie begann zu laufen, die Schritte passten sich ihrem Tempo an. Auch das noch! Sie würde weder Tante Vicky wiedersehen noch die Eltern, und in Glauchau mussten sie ihre Rollen umbesetzen. »Schade um sie«, würde Jan sagen, »war ein ganz nettes Mädchen!« Und Lukas: »Jetzt sind nur noch wir beide übrig!« Der triumphierende Ton in seiner Stimme würde nicht zu überhören sein.

Der Mensch, der sie offensichtlich verfolgte, war nun neben ihr. Ein Mörder? Er rauchte. Mörder, die rauchen, machen keinen besonders gefährlichen Eindruck. Nicht, wenn sie neben dem Opfer hergehen und fragen: »Kann ich Ihnen den Rucksack tragen?«

Sie blieb stehen und sah sich den vermeintlichen Mörder an. Ein junger Mann, dem der Vollmond ins Gesicht schien. Er sah harmlos aus. Und er wollte, wie sich herausstellte, auch in das Dorf Estedt, in dem Franziskas Eltern vorübergehend Unterkunft gefunden hatten. Nach ihrer Kehle griff er nicht, wohl aber nach dem Rucksack. Ein Bauernsohn, der nach Gardelegen in ein Tanzlokal gegangen war. Zu Fuß! Für ein Tanzvergnügen war ihm kein Opfer zu groß.

»Wir sind da.« Ein fahler Morgen dämmerte herauf, ließ alles trostlos aussehen: die armseligen Gehöfte, die Häuschen am Straßenrand. In einem davon wohnten die Eltern. Der junge Mann setzte den Rucksack vor der Tür ab, wünschte »schöne Tage!« und verschwand um die Ecke.

Maria Buresch hatte verweinte Augen. Das kam von den Sorgen, die sie sich um Franziska gemacht hatte: »Einen ganzen Tag später!«, meinte sie vorwurfsvoll, als gäbe sie Franziska die Schuld an der Verzögerung.

Auch der Vater weinte, aber vor Wiedersehensfreude. Sie drückten und küssten sich, je älter sie wurde, umso näher kam sie dem Vater, vielleicht er auch ihr. Maria war eifersüchtig, schob Franziska zum Sofa und half ihr die Schuhe ausziehen. »So viel Gesindel ist unterwegs, heutzutage«, sagte sie. »In der näheren Umgebung sind schon einige Morde passiert. Da marschierst du auf der einsamen Landstraße, so viele Kilometer – wenn du dem Mörder in die Arme gelaufen wärest –!«

Franziska meinte lachend: »Keine Angst! Heute sind nur Engel unterwegs!«

Die kleine Stube war warm, sehr warm: Küche und Wohnraum in einem, nebenan noch eine Schlafkammer. Dort lagen die Eltern. Der Vater schnarchte, dass die dünnen Wände wackelten. Franziska lag auf dem Sofa, hörte das Schnarchen – aber auch noch ein anderes Geräusch. Die Tapete neben ihr schien lebendig zu werden. Dies war ein Spukhaus! Sie machte Licht. Himmel, die Tapete saß locker, schlug Wellen, und die bewegten sich. Sie stürzte aufgeregt ins Schlafzimmer. »Was ist das?!«, fragte sie atemlos.

Die Eltern, sonst gleich außer sich, blieben ruhig.

»Die Mäuse«, antwortete der Vater. »Überall sind hier Mäuse. Hoffentlich machst du dir nichts daraus.«

»Mäuse – gleich neben meinem Bett?«, rief sie entgeistert.

»Die haben mehr Angst als du«, beruhigte sie der Vater. Er musste ohnehin aufstehen und sich auf den Weg zur Arbeit machen. Inzwischen brauchte er nicht mehr zu Fuß nach Gardelegen zu marschieren, ein Bummelzug fuhr, und der Bahnhof war nicht weit. »Du kannst dich in mein Bett legen.«

Kaum war sie eingeschlafen, weckte sie lautes Muhen. Vor dem Fenster standen Kühe und sahen zu ihr herein.

Die Mutter, inzwischen bereits angezogen, nahm es gelassen. »Nebenan ist der Stall. Wir haben uns daran gewöhnt.«

Franziska, sonst allen Tieren von Herzen zugetan, war erbost. Sie nahm ein paar Kartoffeln aus dem Korb und warf sie den Kühen an den Kopf. Die freuten sich darüber, muhten dankbar, fraßen sie auf und wurden noch zutraulicher.

Maria Buresch hatte sich recht gut den Verhältnissen angepasst, was eigentlich sehr erstaunlich war. Ohne Jammern und Klagen. Einmal nur sagte sie: »Ich würde gern bei dir sein, mit den Schauspielern zusammenkommen und ins Theater gehen. Was hast du nur für ein interessantes Leben!«

»Am Theater gibt es auch Rindviecher«, sagte Franziska. Sie tat, als amüsiere sie diese Tatsache, doch dann fiel wieder der ganze Jammer über sie her und sie fragte sich, ob die Mutter es nicht besser getroffen hatte als sie.

Am nächsten Tag ging sie zu Tante Vicky. Das ließ sie sich nicht verbieten. Es gab Streit. Franziska ging dennoch.

Nach Schenkenhorst, wo die Tante mit der kleinen Mona wohnte, waren es nochmals vier Kilometer. Franziska trabte los, die Freude trieb sie vorwärts.

Das letzte Mal hatte sie Tante Vicky vor dem Haus in der Parkstraße gesehen, als Franziska in den Pferdewagen stieg, um in Richtung Grenze zu fahren. Neben der Tante standen die Mutter und die kleine Mona. »Was wirst du bloß anfangen?«, hatte die Mutter geschluchzt, »wo es doch keine Theater mehr gibt?! Und wenn, glaubst du, die haben auf dich gewartet?« Und Tante Vicky, mit tapferem Lächeln: »Sie wird es schon schaffen!« Dieses Bild und die Worte hatten sie in den letzten Jahren begleitet.

Einsamer konnte die Gegend nicht mehr werden: ein Dorf am Ende der Welt. Der letzte Bauernhof. Durch das Tor, an den Ställen vorbei, hinauf in den ersten Stock.

»Tante Vicky!«

»Mein geliebtes Mädchen!«

Dünn war sie geworden. Das hübsche Gesicht mit den klaren, blauen Augen schmal und eingefallen, die Haare leicht angegraut. Doch sie war fröhlich wie eh und je. Und die kleine Mona? Prall und rund, mit rosigen Wangen und kastanienbraunen Haaren. Zehn Jahre war sie nun alt.

Ach ja, der geliebte, vertraute Geruch, den Franziska von Teplitz her kannte, umgab sie wieder: undefinierbar, auf jeden Fall ein bisschen nach Zitrone – frisch und behaglich.

Sie erzählten und erzählten. Die Zeit verging viel zu schnell. Gern hätte Franziska den Kopf an Tante Vickys Brust gelegt und ihr alles berichtet: von Jan und Lukas, von den vielen Verwirrungen, in die sie sich hineinmanövriert hatte, wie groß die Sehnsucht nach Jan war und wie hoffnungslos diese Liebe. Doch viel wichtiger war: dass die Geschwister Vicky und Viktor sich aussöhnten.

»Ich fahre nicht eher weg, bis ihr wieder zusammen seid!«, sagte Franziska.

»Das wird die Mutter nicht erlauben!«

»Ich werde mir schon was einfallen lassen!«, tröstete Franziska. Sie erkundigte sich nach Onkel Georg. In Regensburg sah es für ihn nicht sehr rosig aus: keine neue Existenz, keine Aussicht auf Wohnung. Onkel Franz, der zweitälteste der Buresch-Brüder, konnte ihm nicht helfen, er stand selbst vor einem Scherbenhaufen. Berufsoffizier, nichts anderes gelernt, zu alt für einen Neuanfang in irgendeiner Firma. Hätte seine Frau nicht die Idee gehabt, einen Kiosk zu eröffnen, mit Zigaretten, sauren Drops und Annahme der Lottoscheine, wären sie wohl kaum über die Runden gekommen.

Franziska dachte an den geliebten Lulatschonkel, der so gern lyrische Gedichte schrieb. Im Schrebergarten bei Wisterschan, unterhalb des Schlossbergs, hatte er sie und ihre Freundin Helga auf den Armen balanciert: ein Mädchen links, eines rechts, blonde Zöpfe, haselnussbraune Zöpfe. »Ich kann die hübschesten Mädels auf den Arm nehmen!«, hatte er geprahlt und so getan, als ließe er sie fallen. Das gab ein Geschrei! Doch er hielt sie natürlich fest, der liebe, gescheite Onkel Georg.

Er fehlte in der Runde. Sie dachten an ihn und seufzten, weil die letzten Jahre nicht sehr leicht gewesen waren, für keinen von ihnen. Franziska erschrak vor dem Gedanken: Lieber Himmel, ich fühle mich hier wohler als bei meinen Eltern.

Lieber Himmel!

Noch immer arbeitete Viktor Buresch im Amt für Handel und Versorgung, das – wie der Name ausdrückte – für die wichtigsten Dinge überhaupt zuständig war. Ab und zu konnte er etwas »Nahrhaftes« abzweigen. Zum Beispiel ließ er Bauern Schlachtscheine ausstellen, obwohl sie nicht an der Reihe waren. Die revanchierten sich mit Würsten, Speck und Eiern. Legal war das nicht. Doch durchaus vertretbar in dieser durcheinandergeratenen Zeit.

»Tante Vicky braucht euch«, sagte Franziska, als sie am Abend um den Tisch in der überheizten Küche saßen. »Sie hat uns beigestanden, bei sich aufgenommen, als wir Hals über Kopf aus der Wohnung mussten, hat den Papa aus dem tschechischen Gefängnis geholt – ihr könnt sie nicht einfach ausschließen, sie gehört doch …«

»Jetzt bin ich da«, fiel die Mutter ihr ins Wort. »Ich habe auch viel Schweres mitmachen müssen. Denk’ doch bloß an den Hunger und die Kälte in Dresden und Ebersbach.«

Franziska betrachtete die Mutter prüfend. Ein Gedanke ging ihr durch den Kopf, nahm Gestalt an, ein böser Gedanke, eine Art Erpressung, sehr gemein, aber vielleicht die einzige Möglichkeit, ein bisschen Frieden zu stiften.

»Wir hatten ja in der schlimmsten Zeit den Toni, nicht?«, sagte sie mit Nachdruck und bewusst so, dass der Vater stutzig werden musste.

»Der Toni?« Die Mutter lachte nervös.

Der Vater sah von einer zur anderen, setzte zu einer Frage an, da klopfte es an die Tür. Frau Heiland, die Bäuerin, wollte wissen, ob Herr Buresch den Schlachtschein mitgebracht habe, er wisse schon …

»Augenblick.« Der Vater holte die Aktentasche und ging hinaus zur Bäuerin und ihrem Mann. Es gab Getuschel.

Franziska nutzte die Gelegenheit, zum Generalangriff überzugehen. Sie sagte der Mutter, was sie in der Mühle von Lohmen gesehen und gehört hatte.

»Du hast gelauscht!«, rief Maria entsetzt.

»Habe ich nicht. Und wenn – darauf käme es jetzt auch nicht an.«

Die Art und Weise, den Spieß umzudrehen und auf den Angreifer zu richten, war auch nicht neu. Maria beherrschte diese Taktik von jeher.

»Du hast die Wahl«, drängte Franziska. »Entweder du nimmst den Kontakt mit Tante Vicky auf oder du lässt den Papa wenigstens zu ihr – oder ich verpetze dich.«

Im Treppenhaus verabschiedete sich der Vater. Er lachte, machte einen Witz, nun lachten alle, und dann kam er herein. »Wie war das mit diesem Toni?« Sein Gesicht wurde ernst, eifersüchtig war er schon immer gewesen.

»Tante Vicky lässt grüßen.« Franziska wechselte schleunigst das Thema. »Sie würde sich freuen, wenn ihr am Sonntag zu ihr kämet. Sie macht einen Apfelstrudel.«

Maria protestierte: »Da gehen wir auf keinen Fall hin!«

»Ich schon.« Der Vater sah aus, als fiele ihm ein Stein vom Herzen.

»Das lässt du bleiben!«, befahl Maria.

Franziska verschränkte die Arme und legte sie auf den Tisch, als mache sie sich bereit für ein umfassendes Geständnis. »Also, die Sache ist so«, begann sie, ohne die Mutter aus den Augen zu lassen. »Wir sind in Lohmen gewesen, da gibt es eine Mühle …« – Noch immer nichts? – »und in der Nacht bin ich aufgestanden und hinausgegangen, nichts ahnend.« Sie sah nun den Vater an. »Kannst du dir vorstellen, was da passiert ist?«

»Was wird schon passiert sein«, meinte der Vater arglos. »Wie ich dich kenne, hast du ein Gedicht gemacht!«

»Nein, aber als ich zurückkam, stand der Toni …«

»Na gut«, unterbrach die Mutter hastig. »Wenn ihr glaubt, dass es so wichtig ist, dann gehen wir meinetwegen am Sonntag nach Schenkenhorst!« Den Namen der Schwägerin in den Mund zu nehmen, dazu konnte sie sich nicht überwinden. Mit erhobener Stimme fügte sie hinzu: »Aber den Apfelstrudel rühre ich nicht an!«

»Das kannst du halten wie du willst.« Der Vater schloss sie dankbar in die Arme, sah Franziska an und sagte: »Eines verstehe ich nicht: Was hat das alles mit diesem Toni zu tun?«

»Gar nichts.« Franziska gab ihm einen Kuss und freute sich. »Du weißt doch, wie sprunghaft ich bin!«

Kopfschüttelnd meinte der Vater: »Ich werde nie erfahren, was in der Nacht in der Mühle passiert ist.« Er dachte kurz nach. »Aber ich bin sicher: du hast doch ein Gedicht gemacht – oder eine Geschichte geschrieben! Stimmt’s?«

»Du hast es erraten«, schwindelte Franziska. »Die Geschichte heißt ›Nächtlicher Besuch‹, und Toni spielt darin eine Rolle.«

Am nächsten Morgen, in winterlicher Dunkelheit, trat Franziska die lange Rückreise an. Der Abschied von den Eltern fiel ihr nicht leicht. Doch tröstete sie der Gedanke, dass der Kontakt mit Tante Vicky wiederhergestellt war, wenn auch mit nicht ganz fairen Mitteln. Der Zweck entschuldigt sie, hoffentlich.

Das Geständnis

Noch vor der Ankunft in Glauchau brach diese scheußliche Migräne aus. Schon als Kind hatte Franziska das Übel kennengelernt. Nach Prüfungen, Anspannungen, nach langen Proben und Vorstellungen fiel die Migräne über sie her – wie ein riesiger Raubvogel. Im Nacken fing es an, krallte sich über den Kopf bis in die Augenhöhlen und ließ rote Funken tanzen. »Rechtsseitig oder linksseitig?«, erkundigten sich Leute, die keine Ahnung hatten und es genau wissen wollten. »Ganzseitig«, antwortete Franziska dann und erntete mitleidiges Lächeln. Migräne gäbe es nur einseitig, wurde sie von den ewigen Theoretikern belehrt. Nun, da sie keine halben Sachen mochte, schien die Migräne sich darauf einzustellen und tat so, als zerreiße sie ihr den ganzen Kopf. Übelkeit im Magen, das flaue Gefühl einer nahenden Ohnmacht.

Zwei Tage hatte die Rückfahrt gedauert, endlich kletterte Franziska aus dem Zug. Keiner holte sie ab. Natürlich nicht, es wusste ja niemand, wann sie ankam. Selbst wenn es einer gewusst hätte, wäre sie dennoch nicht abgeholt worden. Sie kam sich verlassen vor, wie ein Wanderer zwischen den Welten, der sich ins Niemandsland verirrt hatte. Wie sollte sie aus diesem Irrgarten herausfinden? Da hatte sie mit frohem Mut gekämpft, alle schweren Felsbrocken, die ihr im Wege lagen, beiseitegeschoben, und nun war sie über einen Kieselstein gestolpert und auf die Nase gefallen.

Wer oder was aber war dieser Kieselstein? Ein Mann, ein Gefühl, ein unglückliches Zusammentreffen? Sie hatte ein kostbares Gefäß in den Händen gehalten, wie noch nie in ihrem Leben. Doch als sie daraus trinken wollte, war es heruntergefallen und zerbrochen. Wer war schuld daran? Einer betrügt, weil er sich vom anderen betrogen fühlt. So wächst das Misstrauen, so entsteht Kampf, Hass, Feindseligkeit. Mit einer gescheiterten Liebe beginnt es und endet in einem Krieg.

»Wie oft werde ich noch auf endlosen Straßen marschieren, den Rucksack auf dem Rücken?«, fragte sich Franziska. »Wenn mir einer tragen hilft, dann ist es eine fremde Hand. Ich bin allein.« Die kleine Stadt hatte ihren Charme verloren. Das lag wohl auch an dem eisigen Nieselregen, der wie mit Nadeln ins Gesicht stach.

Mutti Jentsch empfing sie freudig. Walterchen schwirrte um sie herum, stieß aufgeregte Laute aus und wollte sie streicheln. Ein Wunder, dass sie Franziska überhaupt erkannten! Sie sah aus, als hätte sie tagelang vagabundiert, so ähnlich war die Zugfahrt ja auch gewesen. Sie bekam einen Teller heiße, würzige Kartoffelsuppe, schrubbte sich tüchtig ab und legte sich aufs Ohr. Kaum war sie eingeschlafen, hörte sie die Türklingel, ganz weit entfernt. Ihr Schlaf war schon immer sehr leicht gewesen. »Du hörst ja sogar die Fliege an der Wand!«, behauptete der Vater immer, wenn sie als Kind aus ihren Träumen hochschreckte, weil sie glaubte, irgendein Geräusch gehört zu haben. Ihr erster Gedanke war: Wo bin ich eigentlich – und wie spät mag es sein? Sie wollte wieder hinüberdämmern, da klopfte Mutti Jentsch leise an die Tür und steckte den Kopf herein.

»Herr Kupelius ist da«, flüsterte sie. »Mit Herrn Rilke.«

»Was wollen die denn?« Die Migräne tobte stärker denn je.

»Sie haben nur gefragt: ›Ist sie schon da?‹ Was soll ich sagen?«

»Dass ich gestorben bin!« Franziska zog die Decke über den Kopf.

Nun drängte auch noch Walterchen herein und machte Faxen, wollte mit ihr albern.

»Bitte«, stöhnte Franziska, »lasst mich schlafen.«

Die Tür schloss sich vorsichtig. Franziska hörte Mutti Jentsch sagen: »Sie ist sehr müde, die Reise war anstrengend. Ich kann sie nicht wach bekommen.«

Endlich Ruhe.

Am nächsten Morgen Probe. Zum Glück für ein Stück, in dem keiner ihrer zwei Kieselsteine – wie sie Jan und Luk bei sich nannte – mit auftrat. Sie ließen sich auch nicht sehen, denn es gab eine Sitzung: Der Direktor sollte abgelöst werden. Die Sitzung fand im Rathaus statt und dauerte sehr lange.

Die Probe übrigens auch. Großmann führte Regie und wollte hinterher mit ihr unbedingt noch in die Kantine. Alfred, der gute Geist, mixte ein Heißgetränk, das ihnen einheizte. Eigentlich sollte auch Jochi in der Sitzung sein, doch er meinte: Einer müsse sich ja um die Weiterarbeit auf der Bühne kümmern.

»Es wird sich einiges hier ändern«, sagte Jochi, zupfte an seinen abenteuerlich geschwungenen Brauen und grinste Franziska an. »Sieht aus, als würde Lukas Intendant.«

»Was?!«

»Genosse ist er ja schon. Einer von den Idealisten, die glauben, Karl Marx hätte den Stein der Weisen gefunden und danach ließe sich ein Staat aufbauen. Hast du das denn nicht gewusst?«

»Über Politik haben wir nicht gesprochen«, erwiderte Franziska.

Jochi blinzelte ihr zu. »Bald kannst du wählen zwischen dem Intendanten oder dem Oberspielleiter.«

»Der Oberspielleiter bist du doch! Stehst du etwa auch nach mir Schlange?« Die Frage klang sarkastisch.

Jochi winkte lachend ab. »Ich gehe nach Greifswald, arbeite hier nur noch als Gastregisseur. Oberspielleiter wird Jan. So ist es geplant. Ist mir sehr recht. Hast du Lust, nach Greifswald zu kommen?«

»Am liebsten gleich!«

»Mit Jan natürlich, den nehme ich mit. Den brauche ich, den kann ich nicht entbehren. Ich engagiere euch beide für die nächste Spielzeit. Wie findest du das?«

»Klingt verlockend.« Franziska seufzte. »Aber Jan und ich – das funktioniert nicht. Das ist vorbei.«

»Du hast dich zwischen zwei Stühle gesetzt, mein Schatz«, sagte Jochi vorwurfsvoll. »So was geht nie gut aus.«

»Ich bin nur ein Stück weitergerückt, weil der eine Stuhl schon besetzt war«, verteidigte sie sich. »Mit einer Ehefrau. Aber das kannst du bestimmt nicht verstehen. Du bist ziemlich glücklich mit deiner Edith.«

»O ja.« Jochi zog die Stirne kraus und erinnerte Franziska an einen depressiven Widder. Der Haaransatz glich zwei Hörnern. »Wir streiten uns, dass die Fetzen fliegen. Aber was willst du dagegen tun? Liebe kommt oft in den seltsamsten Verkleidungen daher.«

»O ja«, sagte nun auch Franziska. Sie wich Jochis prüfendem Blick aus und war nicht bereit, sich weiter dazu zu äußern.

Mutti Jentsch riss die Tür auf, noch ehe Franziska den Schlüssel ins Schloss stecken konnte. »Herr Kupelius ist da!«, verkündete sie strahlend und zeigte zum Handtuchzimmer. »Er wartet schon lange.«

Franziska atmete auf Stottern ein und bemühte sich um einen gelassenen Gesichtsausdruck. Dabei übertrieb sie ein wenig, sie »outrierte«, wie es in der Theatersprache hieß, und sie sah absolut gleichgültig aus, was Mutti Jentsch erschreckte.

»Nun seien Sie aber mal nett zu ihm«, flehte sie und betrachtete Franziskas eisgekühltes Gesicht mit ihren gutmütigen Rehaugen. »Wir können ihn doch nicht immer wegschicken.« Franziska gab sich einen Ruck und trat ein.

Jan stand am Fenster. Die schmale Silhouette hob sich gegen das Licht deutlich ab, sah sensibel und verletzbar aus. Wenn er sich umdrehte, konnte er die Miene seines Gegenübers genau erkennen, während er selbst im Schutze der Dunkelheit blieb. Zufall oder Berechnung? Bei Jan konnte man nie wissen.

»Ah, du bist da«, sagte sie lässig. »Was ist los?«

Er blieb noch eine Weile stehen, wie um sich vorzubereiten, drehte sich um, sah sie an, sagte nichts.

»Ist die Sitzung schon aus?«, fragte sie, um ihm zu helfen.

Er war ganz blass und sehr dünn. »Ja«, antwortete er leise. »Lukas ist Intendant.«

»Das war vorauszusehen.« Sie hielt sich kaum noch auf den Beinen, setzte sich. »Bist du deshalb hergekommen, um mir das zu sagen?«

»Nein, nicht deshalb.«

Sie wartete auf eine Einleitung, eine Erklärung, irgendetwas. Theoretisch müsste sie ja noch auf dem Bahnsteig stehen, um ihn abzuholen, vom Zug aus Berlin, wo er – wen? – ach ja: seine Eltern besucht hatte. Franziska dachte: »Ob er etwas weiß von Luk und mir?« Doch darauf kam es jetzt nicht mehr an.

»Setz dich«, forderte sie ihn höflich auf. »Du bist gestern mit Luk hier gewesen. Weshalb?«

»Um dich zu begrüßen.«

»Alle beide?«

»Ich habe mich nicht allein her getraut«, er lächelte schwach. »Luk sollte mir beistehen. Das kann man ja wohl von einem Freund erwarten. Oder nicht?«

»Möglich.« Sie betrachtete ihn in Ruhe. Er hatte den Kopf gesenkt.

»Ich bin ein Esel«, stellte er überraschend ehrlich fest. »Ich muss dir etwas sagen.«

»Ich höre!«

»Heute Abend ist ein Konzert im Theater. Unter anderem: Capriccio Italien. Gehst du hin?«

Das sollte wohl eine Einladung sein, eine Art Wiedergutmachung, ein Versöhnungsversuch. Sie war nahe daran, alles zu vergessen und laut »Ja, ja!« zu rufen. Doch sie antwortete achselzuckend: »Kann sein.« Nach einer Pause: »War es das, was du mir sagen wolltest?«

»Nein.« Er schaute sie an, als sehe er sie zum ersten Mal. Nicht nur Zuneigung lag in seinem Blick, da schwang auch etwas von Verzweiflung und Abschied mit. »Nicht das.«

Franziska hatte das Gefühl, als schütte einer eiskaltes Wasser über sie, mit glitschigen Fischen darin, als sollte sie das Gruseln lernen, wie der Junge im Märchen, das sie als Kind so oft gelesen hatte. – Wenn Jan sie verlassen wollte oder bereits verlassen hatte, warum kam er dann? Um sie zu quälen, eine Machtprobe zu versuchen, wollte er ihre Reaktion testen? Ein innerer Schüttelfrost brach in ihr aus, es war pure Angst und sie wusste: Was jetzt kommt, wird mich umbringen. Der Kieselstein, über den ich stolpern werde, um nie, nie mehr aufzustehen. Doch sie hielt sich gut, zeigte keine äußere Regung, wartete nur. Endlich sagte er: »Ich bin verheiratet.«

»Ich weiß.«

»Du weißt? Seit wann!«

»Seit einigen Wochen«, antwortete sie.

»Von wem?«

»Hat sich herumgesprochen.«

Nun hatte sie es doch geschafft, ihn zu verwirren. Er verlor das Konzept und stöhnte: »Mein Gott, du hast es die ganze Zeit gewusst und kein Wort gesagt?«

Sie nickte und kam sich sehr edel vor. Eine Märtyrerin! Vielleicht eine Möglichkeit, ihn zurückzugewinnen.

»Wie muss dir zumute gewesen sein.« Er nahm ihre Hand und drückte einen Kuss darauf, so reuevoll, dass es ihr zu viel wurde. Sie zog die Hand schleunigst zurück. Sein schlechtes Gewissen überwältigte sie, für kurze Zeit fasste sie neue Hoffnung. »Ich hätte es dir sagen sollen«, fuhr er fort, »ich habe es ja auch versucht, am ersten Abend, als du bei mir warst, aber da …«

»Da kam deine Wirtin mit den Pellkartoffeln«, ergänzte Franziska und lächelte schwach. »Warum hast du es mir nicht später gesagt, irgendwann?«

»Weil du mir das von dem verheirateten Mann in Dresden erzählt hattest, und dass du nie mehr so etwas durchmachen möchtest. Von da an habe ich in der ständigen Furcht gelebt, du könntest es herausbekommen und mich verlassen. Das hätte ich nicht ertragen.«

»Da bist du mir lieber zuvorgekommen und hast mich stehen lassen!«

Jan legte den Arm auf den Tisch und den Kopf darauf. Sie konnte nicht anders, sie streichelte sein Haar, es glänzte kupfern in dem einzigen müden Sonnenstrahl, der sich ins Handtuchzimmer verirrt hatte.

»Übrigens wäre das für mich kein Grund gewesen, mich von dir zu trennen«, gestand sie. »Liebst du sie sehr, deine Frau?«

Er schüttelte den Kopf, stand auf, sah wieder aus dem Fenster. Es fiel ihm wohl nicht leicht, darüber zu sprechen.

»Mit meiner Frau ist das so«, erzählte er dem Fensterriegel. »Sie wäre mir nicht passiert, hätte ich nicht Soldat werden müssen. Wir haben ganz schnell geheiratet. Ich dachte, es wird alles leichter sein, wenn jemand da ist, der auf mich wartet, zu dem ich heimkommen kann, wenn alles vorbei ist, der mir schreibt und sich Sorgen macht. Verdammt noch mal«, er wandte sich um, »kannst du das nicht verstehen?«

»Nein«, antwortete sie.

»Irmgard ist zehn Jahre älter als ich!«

»Dreiundvierzig!«, stieß Franziska hervor. Was war los mit den Männern? Heirateten sie alle viel ältere Frauen? Der eine, weil er ihr Geld brauchte, der andere, damit der Krieg leichter fiel.

»Sie ist Sängerin«, erklärte Jan. »Tingelt in Berlin.«

»Und du bist bei ihr gewesen.« Franziska bemühte sich, nicht erbittert zu klingen, auch nicht übertrieben vorwurfsvoll. Aus der Stunde der Wahrheit sollte keine Szene werden.

»Wir lassen uns scheiden«, gestand er offensichtlich widerwillig. »Deshalb bin ich nach Berlin gefahren. Wir haben alles besprochen. Sie möchte ebenfalls eine schnelle, faire Scheidung, lebt mit einem Mann zusammen, den sie heiraten will. Er passt im Alter besser zu ihr. Tja«, Jan sah sie ratlos an, »das ist schon die ganze Geschichte.«

Wie komisch! Es hätte also überhaupt keine Komplikationen geben müssen. Vieles wäre nicht geschehen. Auch nicht die Stunde mit Lukas. Wirklich komisch. Nur – es lachte keiner. »Was nun?«, fragte Franziska. Noch immer der innere Schüttelfrost, obwohl, wie sie annahm, das Schlimmste überstanden war.

Er hatte noch etwas auf dem Herzen, wusste nicht, wie er es loswerden sollte. Seine Augen sahen rotgerändert aus. Er war wirklich in keiner sehr guten Verfassung. Wenn es die Sache mit Lukas war …

»Jan, hör zu.« Franziska nahm seine Hand, hielt sie an ihre Wange und genoss das Gefühl der Nähe. »Ich glaube, wir haben beide allerhand durchgemacht in der letzten Zeit, wir haben alle beide total falsch reagiert.«

»Du nicht, du nicht«, warf er ein und legte nun auch die andere Hand an ihr Gesicht. Sie saßen ganz eng beisammen, erschöpft von all den Missverständnissen und gemachten Fehlern.

»Ich auch, und darüber möchte ich mit dir sprechen.« Wenn schon Geständnisse, dann musste alles gesagt werden. »Als du in Berlin warst, da habe ich mich so verlassen gefühlt, du bist ja vorher schon sehr merkwürdig mir gegenüber gewesen, verstehst du, ich habe mit Luk gesprochen, der war ja wohl in alles eingeweiht, und er meinte …«

»Du wirst dich fragen, woher ich jetzt plötzlich den Mut nehme, dir alles zu sagen«, unterbrach Jan. Er hatte ihr nicht zugehört, war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

»Ist doch egal.« Sie wollte weiterreden, die Sache bereinigen, damit sie einander verzeihen und neu anfangen konnten.

»Ist nicht egal.« Er nahm sie fest bei den Händen, zwang sie, ihm in die Augen zu sehen und sagte mit grausamer Offenheit: »Das verdanke ich Rabea.«

Sie zog ihre Hände zurück, glaubte, sich verhört zu haben oder in einem Albtraum zu sein.

»Ich habe ihr mein Herz ausgeschüttet. Sie hat mich verstanden. Jetzt kann ich sie nicht einfach im Stich lassen, verstehst du.« Sie nickte. »Aber mich – mich kannst du …«

»Du bist stark. Du gehst deinen Weg. Aber Rabea …« – er machte verklärte Augen – »Rabea hat sich ganz und gar auf mich eingestellt. Sie ist ein einfaches Mädchen. Hat mich gern. Sie tut mir gut.«

»Ich aber nicht!«, warf Franziska ein. Er nahm sich nicht mal die Mühe zu widersprechen. Der Schüttelfrost, der in ihr tobte, wurde zu grenzenloser Wut. Sie sagte: »Du manipulierst deine Umwelt in die jeweiligen Rollen, die dir passend erscheinen. Das ist deine Art von Regie! Aber ich scheide aus, ich will nicht mehr eine deiner fehlbesetzten Hauptdarstellerinnen sein.«

»Du spielst, glaube ich, bereits in einem anderen Stück.« Er stand auf und wollte gehen.

Sie nahm ihren Mut zusammen und fragte: »Was meinst du damit?«

»Du weißt es.« Und dann ging er wirklich. Die Tür schloss sich und es klang sehr endgültig.

Franziska blieb zurück mit der halben Wahrheit: Wusste er oder wusste er nicht?! Auch gut. Sie war nicht dazu gekommen, ihr Geständnis zu machen. Luk hatte Glück. Diesmal war sie die Betrogene. Und wie es schien, würde sie es bleiben.

Sie waren quitt.

Galerie, erste Reihe

Dennoch ging sie am Abend ins Konzert.

Sie wollte nicht allein im Handtuchzimmer bleiben, verdammt zur Untätigkeit, ausgeliefert den schlimmsten Vorstellungen ihrer Fantasie. Franziska wollte sich den Gegebenheiten stellen.

Für die Mitglieder des Theaters lagen Karten an der Kasse bereit. Sie bekam einen Platz auf der Galerie, erste Reihe. Mit fast übernatürlicher Deutlichkeit nahm sie alles um sich wahr, den Trubel, die Begrüßungen, stand Rede und Antwort, lachte sogar. Ihre Sinne waren gespannt, aber das Herz besinnungslos. Lukas entdeckte sie, er schien sie erwartet zu haben, kam auf sie zu, wirkte aufgeschlossen, fast heiter, sagte: »Bitte, komm mit.«

»Wohin?«

»In die Intendantenloge.«

Richtig, er durfte ja nun seine neue Würde auskosten und sie sollte daran teilhaben. Franziska gratulierte ihm, zeigte sich überhaupt sehr herzlich und locker, es war eine gute Rolle, die sie da spielte.

»Ich möchte nicht in die Intendantenloge«, wandte sie ein. »Wir sitzen dort wie auf dem Präsentierteller. Das möchte ich nicht, lass mich auf meine Galerie.« Sie hielt ihm die Karte hin. »Siehst du, das ist mein Platz. Wir können uns ja zuwinken.«

»Augenblick.« Luk ging zur Kasse, holte sich eine Karte, den Platz neben ihr. Und weil Jochi soeben mit seiner attraktiven Edith vorbeiging, und die kleine Isolde mit ihrem großen, sehr verliebten Arno, sagte Lukas zu ihnen: »Wenn ihr wollt, könnt ihr in der Intendantenloge sitzen.«

Und ob sie wollten! Jochi nahm dieses Angebot sowieso wie eine ihm zustehende Ehre an. So kam es, dass Franziska neben Lukas saß. Der Saal war voll, das Publikum fein gemacht und ausgehungert nach Musik.

Wunderbare Augenblicke, den Beginn zu erwarten, zuzuhören, wie die Instrumente sich einstimmten. Vertraute Töne für Franziska, es erinnerte sie an die Konzertabende in Teplitz, wenn sie mit ihrer Mutter erwartungsvoll dagesessen hatte oder gemeinsam mit den Freunden der Musik lauschte. So jung war das Leben noch gewesen, so voller Hoffnung und Daseinsfreude. Kokett gingen sie damals mit ihren Gefühlen um, hielten sie für überwältigend und ließen sich zu Gedichten inspirieren. Wenn sie litten, kamen sie sich vor wie in einer Oper von Puccini, imaginäre Musik umwehte sie und sie genossen es. »Mädchen, in deinen Augen liegt ein Zauber, der hält mich ganz gefangen …«, hatte Julian vor der Haustür in der Poststraße gesungen, mit seiner schönen Stimme – und sie hatte dazu gelacht wie Musette. Glöckchenhell. Kitsch der Gefühle? Nein: Jugend.

Das Leben hatte ein anderes Gesicht bekommen. Das Herz einen Knacks. Es war nicht mehr so strapazierfähig wie vorher.

»Wie geht es dir?«, erkundigte sich Lukas.

»Danke, sehr gut, wirklich.« Und wenn es sie vor Schmerz zerrissen hätte, kein Ton der Klage wäre über ihre Lippen gekommen, am allerwenigsten vor Lukas. »Ich fühle mich wohl wie schon lange nicht mehr.«

Er schien es zu glauben. Das beruhigte sie. Denn sie traute ihm nicht. Saß er neben ihr, um Jan zu provozieren? Fühlte er sich tatsächlich zu ihr hingezogen? Wollte er auskundschaften – oder was?! Emotionsnebel rundum, als gäbe es nicht schon genug Schwierigkeiten. Den ganzen Nachmittag hatte Franziska geheult wie ein Schlosshund, nein, sie hatte in sich hineingeweint, obwohl sie Tränen hasste – bei sich und den anderen. Dennoch konnte sie nicht aufhören. Nie zuvor hatte sie so viel geweint. – Als sie sich für das Konzert zurechtmachte, verbot sie sich kurzerhand jede weitere Träne. Im Spiegel sah sie, dass ihre Augenlider überhaupt nicht verschwollen waren. Wie kam das bloß? Sie hatte sich leer geweint und dann überfiel sie diese seltsame Starre. Sie machte sich zurecht, wie sie es liebte: Das Haar mit eine Samtschleife im Nacken zusammengehalten, sie gönnte sich diese altmodische Frisur, die ihr etwas Romantisches gab. Dazu ein schwarzes Band um den Hals. Jan mochte das Band. »Ah, Frau Geheimrätin«, pflegte er zu sagen und konnte sich nicht sattsehen. »Oder Madame Pompadour?« Und dann mimte er ihren königlichen Geliebten, klatschte in die Hände und befahl dem imaginären Hoforchester, Musik von Vivaldi zu spielen.

Nun, das war vorbei.

Lukas saß neben ihr und hatte ein bestimmtes Ziel ins Auge gefasst. So auffällig, dass Franziska seinem Blick folgen musste. Jan saß da unten, in der dritten Reihe. Trotz der Kurzsichtigkeit erkannte sie ihn sofort. Neben ihm ein dunkelhaariges Mädchen, wie Franziskas Double: die gleiche Frisur, ein ähnliches Kleid, das schwarze Band um den Hals: Rabea, die Tänzerin.

»Sie sieht aus wie ich«, stellte Franziska fest.

»Mach’ dir nichts daraus«, tröstete Lukas. »Nachahmung ist die ehrlichste Form der Anerkennung.«

»Wie schmeichelhaft.« Sie schluckte schleunigst die wieder aufsteigenden Tränen.

»Diese zwei Verliebten«, meinte Luk mit nachsichtigem Kopfschütteln. »Hat er dir alles erzählt?«

»Alles. Wir haben uns ausgesprochen, in aller Freundschaft. Du wärest wohl gern dabei gewesen?«

Er überging die Frage, schob seinen Ellenbogen an ihren Arm und erkundigte sich: »Hast du ihm auch alles gesagt?«

»Wenn du das meinst, was zwischen uns … also nein, dazu gab es keinen Anlass.«

»Wie wahr«, stimmte Luk mit befreitem Aufatmen zu. »Es bleibt ihm ohnehin nicht verborgen.«

In dem Augenblick drehte Jan sich um, hob den Blick, erkannte sie. Unwillkürlich rückte Franziska von Lukas ab, doch er legte den Arm um ihre Schulter. Jan wandte sich wieder um, neigte den Kopf zu Rabea und es entspann sich eine eifrige Unterhaltung. Die schlechte Kopie lachte, etwas zu laut, warf einen koketten Blick über die Schulter hinauf zur Galerie.

Unerträglich! Ein Schmerz, wie ein Boxhieb in den Magen. Franziska saß still, schloss die Augen und dachte: So vieles habe ich überlebt. Aber jetzt geht die Welt unter und ich mit ihr. Aber nein, noch nicht!

Der Kapellmeister kam, klopfte auf das Pult, das Licht im Zuschauerraum erlosch: Fanfarenklänge, gewaltig, sehr feierlich, danach die wundervolle getragene Melodie, volksliedhaft einfach, und schließlich die Tarantella: Capriccio Italien. Ein Meisterstück. Jan liebte Tschaikowsky und als besonderes Bonbon dieses Capriccio. Die Heiterkeit seines Wesens lag in der Musik.

In der Pause wurden sie von Kollegen umringt, Franziska wollte für einen Augenblick Atem schöpfen, allein sein, das Gesicht machen dürfen, das ihrer Stimmung entsprach, sie ging ins Konversationszimmer, das war leer, sie warf sich in den Sessel, er war schäbig und stank nach kaltem Rauch, und als sie aufschaute, sah sie direkt in Jans Gesicht. Er war ebenso erschrocken wie sie, zögerte einen Augenblick, wollte fliehen, blieb aber dann doch.

»Ich wollte nur mal zum Schwarzen Brett – da ist etwas geändert worden …« Er tat sehr beschäftigt, vermied es sie anzusehen.

»Du musst dich nicht entschuldigen«, sagte Franziska. »Jeder kann hier sein, wann er will. Gefällt dir das Konzert?«

»Ja, ja.« Er schob die Brille zurecht, studierte die Anschläge, tat, als notiere er Wichtiges. Franziska lehnte sich zurück, ruhig »bis ans Herz hinan«, sah ihm zu, als agiere er auf einer Bühne. Was für ein lächerlicher, poetischer, vom Gewissenswurm geplagter Liebhaber –! Wie er zappelte mit seinen fahrigen Handbewegungen, die unterschwellige Ängstlichkeit kaschierte, sich aus seiner Schwäche in kleine Bosheiten rettete und in verzweifelte Witze. Zum ersten Mal sah sie ihn so, wie er war.

Er drehte sich um, so jäh, dass auch sie aus ihrer überlegenen Pose auffuhr. Sie tasteten sich mit den Augen ab. Dann fragte er: »Hatte ich dir eigentlich schon die Novelle zurückgegeben, die ich lesen sollte?« Sie schüttelte den Kopf. »Ist keine schlechte Geschichte: von dem alten Professor, der sein Leben überdenkt und Bilanz zieht: Er erinnert sich an die gescheiterte Ehe, an die junge Studentin, die er liebte und die viel zu früh starb, in seinen Armen, bei einem Walzer von Chopin, etwas rührselig vielleicht, aber doch recht hübsch«, lobte er, ganz Fachmann, ganz Dramaturg. »Wie bist du darauf gekommen?«

Franziska war sofort bereit, über ihre Novelle zu sprechen. Sie hatte sie Jan zur Beurteilung gegeben und freute sich, dass er sie gelesen hatte.

»Ich kannte diese junge Frau«, antwortete sie, »wenn die Geschichte auch völlig anders verlaufen ist: eine Schauspielerin, die sich in einen Betrüger verliebt, der sie sitzen lässt. Dass sie ein Kind von ihm erwartete und er einige Zeit unser Direktor war, der uns andere auch sitzen ließ und mit dem Geld verschwand, das nur nebenbei.«

»Was ist aus ihr geworden?«, erkundigte sich Jan.

Nach einigem Zögern erwiderte Franziska: »Sie sprang aus dem Fenster. Aus dem einzigen Haus, das in ihrer Straße stehen geblieben war.«

Jan schien beeindruckt. »Diese Geschichte hättest du schreiben sollen!«, sagte er.

Und sie: »Ich erfinde lieber meine eigenen Geschichten. Das Leben ist kein guter Dramaturg.«

»Da bin ich anderer Ansicht«, widersprach Jan. »Diese Novelle wirkt konstruiert. Überleg mal: Der alte Mann sitzt am Fenster. Fliederhecke im Garten, Gewitter dazu, warum nicht, ist ein Effekt, na schön. Doch dann – ich habe es nicht mehr wörtlich im Kopf –, dann schreibst du: ›Plötzlich öffnete sich die Wolkenwand und heraus schwebte die weiße Taube der Erkenntnis.‹« Er schwieg vorwurfsvoll.

»Ja und –?« Auf den Schluss war sie besonders stolz. Er war wirkungsvoll und symbolträchtig.

»Abgesehen davon«, fuhr Jan ohne Rücksicht auf ihr sensibles Dichtergemüt fort, »dass dieses komische Vieh klitschnass werden würde, denn es regnet ja, wie du schreibst – woher weiß der alte Mann, dass es der Vogel der Erkenntnis ist? Und was, bitte schön, soll erkannt werden? Der Alte stirbt und der Leser denkt: ›Was, zum Teufel, ist denn nun passiert?!‹ Könntest du das bitte erklären?«

»Nun«, Franziska ereiferte sich, »der Professor fühlt sich schuldig. Er hat vieles falsch gemacht. Das erkennt er kurz vor seinem letzten Atemzug. Er denkt über seine Bewusstseinsgrenze hinaus, sein Sinn weitet sich, darum öffnet sich für ihn der Himmel.« »Die Wolkenwand«, berichtigte Jan.

»Der Himmel hinter der Wolkenwand. Das wollte ich damit sagen.«

Jan zuckte verständnislos die Achseln. »Warum sagst du es dann nicht?«

Diese Unverschämtheit verschlug ihr die Sprache. »Das habe ich ja getan! Der intellektuelle Leser wird wissen, was der Autor meint.«

»Je nun, ich bin ein ganz durchschnittlicher Leser«, nun kam auch Jan in Fahrt. »Der Schriftsteller schreibt nicht nur für Intellektuelle. Wenn ich etwas lese, will ich es einfach gesagt bekommen. In klaren Worten! Das Pseudo-Tiefsinnige ist lächerlich. Vereinfache die Sache. Lass die komische Taube weg, erzähle den Kern der Geschichte, so schlicht es geht.«

»Du blockierst mein Talent«, empörte sie sich und sprang auf.

»Du hast mich nach meiner Meinung gefragt. Ich habe sie dir gesagt.«

»Das war Vernichtung, keine Kritik!«

Sie standen wie zwei Kampfhähne voreinander, merkten nicht, dass Lukas erschien, auf der Suche nach Franziska. Er blieb verdutzt stehen. Auf alles war er gefasst gewesen: auf Tränenausbrüche, Vorwürfe, Bekenntnisse und eine dramatische Abschiedsszene. Nicht auf Krach.

Er schüttelte den Kopf, wie ein Vater, der seine Kinder bei einer Prügelei ertappt. »Kann man euch denn keine Minute allein lassen?«

Sie dämpften augenblicklich ihren Zorn, taten heiter, machten etwas verkrampft auf locker und alberten die kämpferische Stimmung hinweg. Hinter Luk erschien Rabea. Franziska entdeckte sie sofort. Sie nahm sich zusammen und sagte zu Jan, so nett sie konnte: »Danke für deinen Rat. Ich werde die Erzählung noch einmal schreiben. Ohne Taube.«

Er antwortete: »Ach, lass nur. Sie ist auch so recht gut. Ich bin zu kritisch gewesen, verzeih.«

»Nein, nein.« Fast hätten sie sich erneut in den Haaren gelegen. Es klingelte zum zweiten Mal. »Wir müssen gehen«, sagte sie zu ihm. »Das Konzert geht weiter.«

Es war, als stünden sie auf zwei verschiedenen Bahnsteigen und jeder wartete auf seinen Zug, der in die entgegengesetzte Richtung fuhr.

»Bei Gelegenheit gebe ich dir das Manuskript zurück. Ich könnte es ja beim Portier hinterlegen.«

»Tu das bitte.«

Jan ging zu Rabea, drehte sich nochmals nach Franziska um und sagte abschließend: »Denk’ daran, was immer du schreibst oder auf der Bühne machst: Die höchste Kunst ist dann erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann.«

»Komm schon«, drängte Rabea, »wo bleibst du denn so lange?!«

Als sie verschwunden waren, meinte Lukas: »Weißt du, wie ich mir vorkomme? Als hätte ich einer Liebesszene beigewohnt.«

»Du hast eine seltsame Vorstellung von Liebe«, spöttelte Franziska.

»Ihr greift an, weil ihr so verwundbar seid!«

»Er greift an. Ich verteidige mich nur.«

Sie wollte in den Zuschauerraum, es klingelte das dritte Mal, doch Luk hatte noch etwas zu klären.

»Hör zu: Jan ist eine Rechnung, die nie aufgeht«, warnte er. »Ich kenne ihn länger als du, und doch überrascht er mich immer aufs Neue.« Seine Stimme klang belegt und sehr eindringlich. »Ich liebe dich Franziska, das habe ich noch nie zu einer Frau gesagt. Ich bin nicht so schwierig, wie es aussieht.« Er lächelte etwas befangen. »Wir kämen beide gut zurecht. Du könntest mich aus meiner Ecke holen, du hast den Schlüssel. Ist es so schlimm, mich auch ein wenig zu lieben?«

Er sah ganz entspannt aus, gar nicht mehr dämonisch.

Statt einer Antwort fragte Franziska: »Diese Rabea – was will er von ihr?«

»Er braucht sie«, antwortete Lukas. »Wie ich Lissy oder Trudchen oder sonst wen. Bei ihnen erholen wir uns von unserer Liebe.«

»Wenn Liebe Erholung braucht«, sagte Franziska, »dann sollte sie bleiben, wo sie ist. Im letzten Winkel verkümmern.«

Das Orchester spielte längst. Zu spät, die Plätze einzunehmen. Es war das erste Konzert, das Franziska nicht bis zu Ende hörte. Lukas brachte sie heim. Vor der Haustür verabschiedeten sie sich.

»Lass mir Zeit, Luk, ich muss nachdenken.«

»Wie lange?«

»Sagen wir: bis zum Heiligen Abend.«

»Das ist in acht Tagen! Ich erwarte dich, bei mir.«

Franziska war einverstanden.

Nein, kein Kuss bitte, nur eine Umarmung zum Abschied, das Feuer war verschüttet. Zu viel Schmerz. Der musste bewältigt werden.

Franziska weinte die ganze Nacht, ohne Pause. Am nächsten Morgen wusste sie, dass sie sich entschieden hatte, vorerst, für den wichtigsten Menschen ihres Lebens: für sich selbst.

Sie hörte auf zu weinen. Doch das machte die Sache nicht leichter.

Vorsicht, Glatteis!

Franziska lag auf dem Bett und las einen Brief von den Eltern. Der Vater wollte weg von dem kleinen Nest am Ende der Welt. Ein Bekannter arbeitete in Freiburg, im Schwarzwald, an der Sparkasse. Auch Viktor Buresch könnte dort anfangen, zwar nicht als Beamter, aber doch als Angestellter. Auch Onkel Georg sah eine Chance für sich und seine Familie.

Maria Buresch schrieb:

»So werden wir, wenn alles gut geht, in Freiburg eine neue Heimat finden. Doch am liebsten, mein Kind, möchte ich zu Dir! So ein Leben am Theater …«

Ein Fleck auf dem Papier zeigte, dass die Mutter beim Schreiben wieder geweint haben musste, geweint um ihr vergeudetes Leben, wie sie es zu nennen pflegte.

Nun, so würden sie also nach Freiburg gehen, alle zusammen, und sich hoffentlich gut vertragen. Aber in diesem Punkt sah Franziska nicht sehr rosig, was die Zukunftspläne der Familie betraf. Doch es war ein neuer Anfang.

Am Heiligen Abend kam die Kälte. Ein frostklarer Tag, funkelnd wie ein Diamant. Das Sonnenlicht hatte etwas Gleißendes, Gewalttätiges, tat den Augen weh.

Franziska hatte das kleine Radio angestellt, es schepperte und klirrte, doch wenigstens kam Musik ins kleine Handtuchzimmer.

Jan hatte ihr das Manuskript der Erzählung zurückgegeben, hinterlegt beim Portier, wie angekündigt. Einige Zeilen lagen dabei:

»Lass die Taube drin«, hatte er geschrieben, »ändere nur den Text. Alles knapper, kürzer, das wirkt ehrlicher. Quäle die Sprache nicht. Ach, Queck …«, den Spitznamen, abgeleitet von »Quecksilber« benutzte er nur in guten gemeinsamen Stunden, »wie wär’s mit einem kleinen Gruß vom großen Kollegen Heine?« Es folgten zwei Verse, säuberlich geschrieben mit exakter Handschrift:

»Sie liebten sich beide, doch keiner
wollt es dem andern gestehn.
Sie sahen sich an so feindlich
und wollten vor Liebe vergehn.

Sie trennten sich endlich und sahn sich
nur noch zuweilen im Traum,
sie waren längst gestorben,
und wussten es selber kaum.«

Unter dem Gedicht stand: »Soll nichts bedeuten, nur: Wenn du schreibst, dann schreibe so! Jan.«