Cover

Julia Cagé

Rettet

die Medien

Wie wir die

vierte Gewalt

gegen den

Kapitalismus

verteidigen

Aus dem Französischen übersetzt
von Stefan Lorenzer

C.H.Beck


Über das Buch

In Zeiten knapper Kassen, in denen immer weniger Redakteure die Spalten der Zeitungen füllen müssen und eine hohe Auflage wichtiger ist als eine fundierte Recherche, sinken Qualität und Umfang der Berichterstattung. Zugleich steigen die Möglichkeiten der politischen Beeinflussung durch Eigentümer, Lobbygruppen und Unternehmen.

Julia Cagé legt dar, dass es sich nicht um das Versagen einzelner Journalisten handelt, sondern dass die rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen geändert werden müssen, wenn wir die demokratische Öffentlichkeit funktionsfähig halten wollen. Denn Demokratien sind auf die Existenz von Qualitätsmedien angewiesen, die es der Bevölkerung ermöglichen, sich breit zu informieren, und Raum geben für die politische Willensbildung.

Zum Autor

Julia Cagé ist Assistant Professor für Wirtschaft am Institut d’Études Politiques (Sciences Po) in Paris.

Inhalt

Einleitung: Für eine neue Unternehmensform in den Medien

Verlorene Illusionen

Medien sind keine Ware

Medien und Demokratie

Die Medien retten

Kapitel 1: Informationszeitalter?

Informationen jenseits der Medien

Eine Fülle von Rechts- und Finanzierungsformen

Was ist Information?

Die Journalisten und der Presseausweis

Die Zahl der Journalisten

Eine Revolution der journalistischen Tätigkeit

Immer weniger Journalisten … pro Zeitung

Ins Netz gegangen

Sinkende Qualität der Inhalte?

Mehr Online-Inhalte?

Kapitel 2: Zerplatzte Hoffnungen

Entstehung der Zeitungswerbung

Immer mehr Werbung?

Immer weniger Werbung

Immer mehr Wettbewerb?

Grenzen des Wettbewerbs

Folgeschäden des Wettbewerbs

Immer mehr Internetleser?

Werden die Medien künstlich am Leben erhalten?

Wie umfangreich sind die Pressehilfen wirklich?

Presseförderung im Kontext

Die Pressehilfen reformieren

Die Hoffnung auf ein neues «goldenes Zeitalter»

Freiheitsverluste

Kapitel 3: Ein neues Modell für das 21. Jahrhundert

Das Gesetz des Marktes überwinden

Der Markt und die Märkte

Nicht gewinnorientierte Medien

Unternehmensführung und Aktien

Meine Weltreise

Der Preis der Unabhängigkeit

Grenzen

Das Beispiel der Genossenschaften

Ein neues Modell: die Mediengesellschaft

Kapital und Macht

Stimmrechte in der Mediengesellschaft

Veranschaulichung

Die Vorteile der Mediengesellschaft

Eine Alternative zum System der Pressehilfen

Schlussbetrachtung: Kapitalismus und Demokratie

Das Ende der Postkutsche

Endspiel?

Anmerkungen

Einleitung

Für eine neue Unternehmensform in den Medien

1984. Der Wind treibt ein paar Papierfetzen vor sich her. Wozu noch Zeitungsausschnitte aufbewahren, wenn der Teleschirm ununterbrochen seine Statistiken ausspuckt? Orwells Albtraum hält sich in der Spannung zwischen dem Versprechen eines neuen Informationszeitalters – der Teleschirm ist rund um die Uhr in Betrieb wie ein Dauernachrichtensender – und dem Dunkel der Desinformation. Die «Arbeit» seines Helden, eines «Journalisten», besteht sie nicht darin, alte Artikel aus der Times zu frisieren, um das Vergangene mit der neuen «Wirklichkeit» in Einklang zu bringen?

2015. Die Bildschirme haben unser Leben in Beschlag genommen, und auf Twitter oder Facebook, per SMS oder Snapchat wird längst «Neusprech» gesprochen. In Zeiten des digitalen Journalismus, der Smartphones und sozialen Netzwerke ist die Information allgegenwärtig. Sie beobachtet uns.

Nie zuvor gab es so viele Informationsproduzenten wie heute. Allein Frankreich kommt auf mehr als vierhundert Zeitschriftentitel, an die hundert Radiosender und Zehntausende Blogs, Twitterkonten und andere Informationsplattformen. Die Vereinigten Staaten zählen fast 1000 lokale Fernsehsender, mehr als 15.000 Radiosender und etwa 1400 Tageszeitungen.

Und doch waren diese Medien, so paradox es klingen mag, nie zuvor ökonomisch so schwach. Alle amerikanischen Tageszeitungen bringen es zusammen nur auf die Hälfte des Umsatzes von Google, dessen Geschäft im Sortieren von Inhalten besteht, die andere produziert haben. Jede Information wird ad infinitum weiterverbreitet, zumeist in identischer Form. Nicht bloß Nachrichtensender, die in einer Endlosschleife dieselben Bildsequenzen wiederholen, auch Zeitungen verwenden immer mehr Energie darauf, Agenturmeldungen immer schneller auf ihre Websites zu stellen. Als sei die maximale Reaktionsgeschwindigkeit beim Kopieren und Einfügen wichtiger als die Beschaffung von Originalinformationen. Und zugleich wird in den Redaktionen immer mehr Personal abgebaut. Das Entscheidende aber ist, dass die Medien aufgrund ihrer Produktionsstruktur dem unbegrenzten Wettbewerb mit einer stetig wachsenden Zahl von Akteuren nicht gewachsen sind.

Wir leben in den besten und zugleich schlimmsten Zeiten. In gewisser Hinsicht haben wir allen Grund, optimistisch zu sein: Noch nie gab es so viele Zeitungsleser. Die Zahl der Online-Leser ist so schwindelerregend hoch, dass bestimmte «Zeitungen» – tatsächlich fast ausschließlich Blogs – ihre «Beiträger» nach Anzahl der Aufrufe entlohnen.

Die Statistiken, die von Nutzerzahlen im zweistelligen Millionenbereich berichten, beruhen zu einem großen Teil auf einer Illusion. Überprüft man sie auf ihren Realitätsgehalt, geben sie weit weniger Anlass zur Schwärmerei. Zudem mögen Zeitungen zwar ein wachsendes Publikum erreichen, aber es gelingt ihnen nicht, aus ihrer neuen digitalen Leserschaft finanziell Profit zu schlagen. Im Gegenteil: Indem sie in dem Glauben, ihre Zukunft hänge davon ab, den Online-Werbeeinnahmen hinterherlaufen, verlieren die Zeitungen in jeder Hinsicht. Einerseits sinkt die Qualität und mit ihr die Druckauflage, andererseits schlagen sich die Erfolge im digitalen Bereich nicht im Gewinn nieder. Und was tun die Zeitungen? Sie warten, bis das Licht ausgeht.

Verlorene Illusionen

Die Medien stecken in einer schweren Krise. Beispiele für Massenentlassungen und Redaktionsschließungen in den Printmedien häufen sich – und das auf der ganzen Welt. Frankreich hat 2012 zwei überregionale Tageszeitungen verloren, France-Soir und La Tribune. Die Gruppe Nice-Matin, deren Jahresabschluss 2012 operative Verluste in Höhe von 6 Millionen Euro ausgewiesen hatte, musste 2014 Insolvenz anmelden. Diesem Schicksal ist die Tageszeitung Libération gerade noch entgangen. Aber Ende 2014 gab sie die Entlassung eines Drittels ihrer Mitarbeiter bekannt, während beim Figaro ein Sozialplan für «freiwilliges Ausscheiden» den nächsten jagt, und die Zeitung Sud-Ouest ihre Belegschaft reduziert. In Deutschland wurden 2013 mehr als 1000 Stellen abgebaut. Und in Spanien sind zwischen 2008 und 2012 an die 200 Medien von der Bildfläche verschwunden.

In den Vereinigten Staaten sieht es kaum besser aus. Die Website Newspaper Death Watch beklagt das Verschwinden von 12 Lokalzeitungen seit 2007 und nennt ebenso viele, die «vom Aussterben bedroht» seien. Viele Landkreise haben aufgrund des Zeitungssterbens keine Tageszeitung mehr.[1] Die Chicago Tribune und Los Angeles Times erscheinen zwar noch, aber 2008, als die Arbeitsplatzverluste bei amerikanischen Zeitungen auf über 15.000 stiegen, mussten auch sie Insolvenz anmelden.[2]

Die Krise hat jedoch nicht nur die Printmedien getroffen. Während bei France Télévisions einem Ende 2013 in Kraft getretenen Sozialplan für freiwilliges Ausscheiden 361 Stellen zum Opfer fielen, kam es Anfang 2015 nach Haushaltskürzungen und Streichungen öffentlicher Mittel bei Radio France zum längsten Streik in der Geschichte des Senders. In Großbritannien kündigte die BBC an, bis 2016 im Nachrichtenbereich 220 Stellen im Rahmen eines Sozialplans einzusparen, der auf den Namen «Delivering quality first» hört, und behauptet, «der Programmqualität oberste Priorität einzuräumen». Ein Fall von englischem Humor? Darauf folgte, als Sahnehäubchen auf einem unverdaulichen Kuchen, im Juli 2015 die Ankündigung, aufgrund sinkender Einnahmen aus Fernsehgebühren noch einmal 1000 Stellen streichen zu müssen.

Darüber darf man eines nicht vergessen. Die Medienkrise ist nicht neu. Sie geht nicht auf den Siegeszug des Internets oder die Wirtschaftskrise von 2008 zurück. Man übersieht nur zu leicht, dass noch jede technologische Neuerung – vom Radio über das Fernsehen bis zu Onlinediensten – von lautstarken Protesten zunächst der Presse, dann aller konkurrierenden Medien begleitet wurde, die das Ende nahe glaubten und Alarm schlugen. Und selbst im Stammland der Werbung, den Vereinigten Staaten, sind die Werbeeinnahmen der Zeitungen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) schon seit 1956 rückläufig.

Dennoch hat sich die Krise in den letzten Jahren radikal verschärft. Die Lage der traditionellen Medien ist inzwischen ernst, ja verzweifelt. Informationen werden aufgegriffen, verbreitet, vervielfältigt. Aber diese Informationen, die zu produzieren so viel kostet, werden reproduziert, ohne bezahlt zu werden. Und die Medien wohnen ihrem Leichenschmaus mehr oder weniger widerstandslos bei. Ironie der Geschichte: Der Begründer der Massenpresse in Frankreich, Emile Girardin, der vielen als einer der ersten Medienunternehmer gilt, hatte 1828 den Pressemarkt mit dem Voleur erobert, einer Wochenzeitschrift, deren Geschäftsidee einfach darin bestand, die besten Artikel aus anderen Zeitungen wieder abzudrucken …

Medien sind keine Ware

Ob sie dieser Krise der traditionellen Medien gewahr werden oder nicht – die Bürger schenken ihnen immer weniger Vertrauen. Obwohl das Interesse an der medial verbreiteten Information groß bleibt, traut heute weniger als ein Viertel der Franzosen den Medien über den Weg. Und glaubt man einer 2014 vom Gallup Institut durchgeführten Erhebung, so sind es in den Vereinigten Staaten gerade noch 22 %, die Zeitungen, 19 %, die dem Internet, und 18 %, die Nachrichtensendungen vertrauen. Woher rührt ein derartiges Misstrauen?

Misstrauen gegenüber Zeitungen, Journalisten und Herausgebern gibt es nicht erst seit gestern. Ende des 19. Jahrhunderts hatten der Panamaskandal und die Affäre um die Kredite, die Frankreich an Russland vergeben hatte, der Öffentlichkeit vor Augen geführt, wie korrupt bestimmte französische Zeitungen waren. Und auch die damaligen amerikanischen Zeitungen standen in der Kritik. Bis weit ins 19. Jahrhundert dienten sie im Grunde Politikern als Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit; und die wenigsten Blätter waren unabhängig.[3] Das soll freilich nicht vergessen machen, wie besorgniserregend das gegenwärtige Misstrauen ist – sowohl in absoluten Zahlen als auch gemessen am Ideal der Information und Transparenz, das sich mithilfe der neuen Technologien – im Prinzip – einlösen ließe. Und vielleicht mehr noch gemessen an den demokratischen Hoffnungen, die das 20. Jahrhundert in sie gesetzt hatte.

Seit der Befreiung von deutscher Besatzung 1944 ist man in Frankreich durchaus gewillt, Presseunternehmen einen Sonderstatus einzuräumen. Aber allen Lippenbekenntnissen und guten Absichten zum Trotz – der Befund bleibt unverändert. Ein Zeitungsverlag ist in der Regel ein Privatunternehmen, meist in der Form einer Handelsgesellschaft, das den Gesetzen des Profits, dem Markt und den allmächtigen Anteilseignern gehorcht. Und in der Tat: Medien lassen sich kaufen, verkaufen oder verramschen. Wie zum Beispiel France-Soir: Bis in die 1970er Jahre eine angesehene auflagenstarke Zeitung, dann der Hersant-Gruppe in die Hände gefallen, durch Streiks zurückerobert und über einen Monat nicht am Kiosk erhältlich, endete das Blatt 2011 im Säckel eines russischen Milliardärs, Alexander Pougatchev, der sich gleich wieder von ihm trennte.

In den Vereinigten Staaten wurden Zeitungen in den letzten Jahren dutzendfach verkauft, wie allein die 71 für 2011 ausgewiesenen Zeitungsverkäufe durch die Investmentbank Dirk, Van Essen & Murray belegen, oder auch der Verkauf ihrer Zeitungen durch die Media General Inc. im Jahr darauf. Dies sind nur ein paar Beispiele für den kapitalistischen Zugriff auf Medien, die als beliebige Waren behandelt werden und deren Eigentümerstruktur oft alles andere als transparent ist. Nicht besser sieht es bei lokalen Fernsehsendern aus, die zum Beispiel in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten so rasch wie nie zuvor den Besitzer gewechselt haben.

Dennoch haben die Medien in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, in Großbritannien oder auch in Italien häufig Innovationsgeist bewiesen. Viel schneller als in Frankreich hat sich dort ein nicht gewinnorientierter Journalismus entwickelt. Auf der einen Seite gibt es Medien ersten Ranges, die von Stiftungen getragen werden, wie der Guardian in Großbritannien oder die Bertelsmann-Gruppe in Deutschland. Und auf der anderen Seite neue Medienabenteuer, die dem Non-Profit-Modell folgen, etwa ProPublica, 2008 von zwei amerikanischen Milliardären, Herbert und Marion Sandler, ins Leben gerufen. Dass Herbert Sandler Präsident des Verwaltungsrats von ProPublica ist, belegt zugleich, dass auch in diesen neuen Medienstrukturen gilt: Die Macht bleibt dort, wo das Geld sitzt.

Medien und Demokratie

Hier liegt die zentrale Herausforderung, der dieses Buch sich stellen möchte: ein neues Unternehmens- und Finanzierungsmodell vorzuschlagen, mit dem die Informationsmedien den beiden Gefahren begegnen können, denen sie heute ausgesetzt sind.

Einerseits sind die Medien allzuoft zu Marionetten einflusshungriger Milliardäre geworden. In welcher Demokratie leben wir, wenn wir schon glücklich sein müssen, dass sich in letzter Sekunde ein Immobilienspekulant und ein Mobilfunkanbieter zusammentun, um eine Traditionszeitung wie Libération zu retten? Sollen wir ein neues «goldenes Zeitalter» der amerikanischen Medien willkommen heißen, weil ein paar Millionäre großzügig ihre prall gefüllten Börsen für ein paar in die Jahre gekommene Zeitungen zücken?

Sowenig eine wirkliche Demokratie dadurch überleben kann, dass sie sich ihr politisches Leben von einigen wenigen finanzieren lässt, die über unerschöpfliche Mittel verfügen, sowenig dürfen jene Medien, die für die Qualität demokratischer Auseinandersetzungen einstehen sollen, schutzlos der Einflussnahme steinreicher Milliardäre ausgeliefert sein. Daher ist es unerlässlich, nicht bloß für Presse- und Sendervielfalt einzutreten, sondern über einen Pluralismus des Eigentums an den Medien, eine breit gefächerte Kapitalbeteiligung nachzudenken, bei der die Stimmrechtsmehrheit nicht in den Händen einiger weniger liegt.

Andererseits lehrt uns die Erfahrung, dass Medien, die ganz Eigentum ihrer Belegschaft sind – wie es bei den Sociétés coopératives ouvrières de production (SCOP), den Produktionsgenossenschaften in Frankreich und anderswo der Fall war –, zum Scheitern verurteilt sind. Die Idee eines selbstverwalteten Journalismus bleibt Utopie, zumindest, wenn man sich strikt an das Prinzip «ein Beschäftigter, eine Stimme» hält. Und auch die Leser- und Redakteursgesellschaften haben sich für die Zeitungen, die sie sich zugelegt haben, nicht als Allheilmittel erwiesen.

Der Fall von Le Monde zeigt, wie sehr Konflikte zwischen einem mittellosen «Referenzaktionär» (der «Redakteursgesellschaft») und den Aktionären, die über die wirkliche Kapitalmehrheit verfügen, eine gute Unternehmensführung behindern können, wenn sie nicht im Voraus geregelt werden. Es gilt daher, einen neuartigen, zeitgemäßen Mittelweg zu finden. Eine neue Form der Kapitalbeteiligung, mit geteilter Kontroll- und Entscheidungsgewalt. Eine neue, für die Medienwelt (und vielleicht nicht nur für sie) geeignete Form der Aktionärsdemokratie.

Die Medien retten

Um diese Widersprüche zu überwinden, stellt dieses Buch ein neues Modell des Medienunternehmens für das 21. Jahrhundert vor und schlägt dafür explizit die Rechtsform einer «nicht gewinnorientierten Mediengesellschaft» vor, die zwischen Stiftung und Aktiengesellschaft liegt. Ein Modell, das auch von den erfolgreichen Versuchen nicht gewinnorienterter Geschäftspraktiken bei Medien und großen Universitäten inspiriert ist.

Dieses anspruchsvolle Modell erlaubt es, die Finanzierung der Medienakteure zu sichern, indem ihr Kapital eingefroren wird, und durch Einführung verbindlicher Statuten zugleich die Entscheidungsgewalt externer Anteilseigner einzuschränken. Es schafft neuen Raum für Leser- und Mitarbeitergesellschaften; und es schafft die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen zur Förderung des Crowdfunding. Gleichzeitig ermöglicht diese Rechtsform eine Reform der Presseförderung, die in einem Land wie Frankreich, wo sie besonders komplex ist, drastisch vereinfacht werden müsste, während etwa in den Vereinigten Staaten, wo sich der Staat aus seiner Verantwortung zurückgezogen hat, die den Medien gewährten Mittel deutlich erhöht werden sollten.

Eine solche Rechtsform würde die Qualität der Medien sichern, weil sie für Stabilität ihres Eigenkapitals und Nachhaltigkeit der Investitionen sorgt. Die Medien dürfen nicht länger Tummelplatz für Milliardäre sein, die es nach willfährigen Marionetten gelüstet, – und auch keine Kapitalanlage für profithungrige Spekulanten auf der Suche nach dem großen Coup. Indem man die Entscheidungshoheit der größten Anteilseigner einschränkt und Lesern, Hörern und Fernsehzuschauern ebenso wie Journalisten eine solide Gegenmacht verleiht, ermöglicht dieses Modell eine demokratische Wiederaneignung der Information sowohl durch die, von denen sie produziert, als auch durch die, von denen sie konsumiert wird. Die Medien dürfen weder den Meinungsmachern überlassen werden noch denen, die das Geld haben, um Einfluss auf unsere politischen Entscheidungen zu nehmen.[4]

Kapitel 1

Informationszeitalter?

Leben wir in einer Informationsgesellschaft? Gibt es eine unaufhörlich wachsende Zahl von Journalisten und, allgemeiner gesprochen, eine wachsende Zahl von Personen, die Meldungen produzieren – oder sind sie im Aussterben begriffen? Werden wir immer besser informiert – oder hat die journalistische Qualität vielmehr abgenommen zugunsten einer Überfülle, eines nicht abreißenden Stroms von Neuigkeiten, die gar keine sind?

Bevor man Vorschläge zur Überwindung der gegenwärtigen Krise der Medien macht, müssen wir sie genau analysieren und verstehen, wer Informationen produziert, wie sie verbreitet und von wem sie konsumiert werden. Es geht nicht allein um Informationen, wie sie uns heute von den Medien präsentiert werden, sondern allgemeiner, um Kenntnisse im weiteren Sinne, wie sie vom Kulturbetrieb, von Universitäten, Museen, aber auch Theatern und Kinos vermittelt werden. Es geht um Information als öffentliches Gut, um Information als Grundlage der politischen Teilhabe und der Demokratie selbst.

Information ist ein öffentliches Gut – aber eines, das wie eine ganze Reihe anderer kultureller Güter nicht unmittelbar von der öffentlichen Hand, vom Staat selbst, produziert werden kann. Wenn also das Wirtschaftsmodell der Medien neu durchdacht werden muss, dann am Schnittpunkt von Markt und Staat, von öffentlichem und privatem Sektor. Die Lösungen wie die Probleme sind die einer Wissensökonomie im 21. Jahrhundert.

Modelle, die das eine und einzige Gesetz des Marktes und des Gewinns zu überwinden helfen, ohne darum staatlicher Kontrolle anheimzufallen, haben sich in den verschiedensten Zweigen der Erkenntnis- und Kulturproduktion längst bewährt. Die Medien sollten sich daran ein Beispiel nehmen, um den Horizont ihrer Möglichkeiten zu erweitern und ihre Krise zu überwinden.