
Oliver Jungen • Wiebke Porombka
DEUTSCHE NULLEN
Sie kamen,
sahen und
versagten
C.H.Beck

«Too big to fail», sagen die Amerikaner. Da können sie von uns noch etwas lernen. Schließlich haben sich die Deutschen als Virtuosen des pompösen Untergangs einen Namen gemacht. Die Geschichte der Weltgeistpächternation zeigt, dass ein Vorhaben gar nicht groß genug sein kann, um mit Glanz und Gloria an die Wand gefahren zu werden.
In diesem Buch verneigen sich Oliver Jungen und Wiebke Porombka vor den Koryphäen unter den Versagern. Von Kaiser Wilhelm II. über Joachim von Ribbentrop und Egon Krenz bis hin zu Rudolf Scharping und Thomas Middelhoff bieten sie wertvolles Grundlagenwissen zur Geschichte der deutschen Null. Das Motto lautet: Wir müssen sie feiern, wie sie fallen. Das sind wir unserer Geschichte schuldig.
Oliver Jungen und Wiebke Porombka sind ständige Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und arbeiten als Kritiker u.a. für Deutschlandfunk, WDR, ZEIT Online und diverse Jurys. Sie haben Bücher veröffentlicht über Grammatiktheorie und Stil, Fankultur, Frankfurt am Main, Urbanität und Literatur der Weimarer Republik.
VORWORT
DER SAUPREUSSE
Heinrich von Treitschke (1834–1896) • Freizeithistoriker
DER ZAUDERZWERG
Leopold von Hohenzollern (1835–1905) • Erbprinz
DER WOLKENKUCKUCK
König Ludwig II. von Bayern (1845–1886) • Häuslebauer
DAS LETZTE EINHORN
Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) • Holzfäller
DER KURZSICHTIGE
Alfred von Schlieffen (1833–1913) • Stratege
DER SCHAUMWEINSCHLÄGER
Joachim von Ribbentrop (1893–1946) • Außenvorminister
DER AUFRÄUMER
Konstanty Gutschow (1902–1978) • Stadt-Land-Stuss-Planer
DIE NACKTE KANONE
Richard Ungewitter (1868–1958) • Freikörperkulturrevolutionär
DER WIRBELWICHT
Viktor Schauberger (1885–1958) • Scharlatan
DER DAMMHIRSCH
Herman Sörgel (1885–1952) • Weltbaumeister
DER BLECHSOLDAT
Konrad Zuse (1910–1995) • Nerd 1.0
DER HOLZKOPF
Bernhard Kimmel (1936–heute) • Panzerknacker
DER GEHEIMDEUTSCHE
Karl-Eduard von Schnitzler (1918–2001) • Kanalarbeiter
DIE DAMPFSPRITZE
Egon Krenz (1937–heute) • Parteisoldat
DER KÖNIG DER MÖWEN
Mathias Rust (1968–heute) • Tiefflieger
DER BADEMEISTER
Rudolf Scharping (1947–heute) • Politstar
DER TANTENSCHRECK
Thomas Middelhoff (1953–heute) • Notfallmanager
Heldentum ist keine Kunst. Schwert in die Hand, Pferd unter den Hintern, ab ins Nirwana. Helden gab es zu allen Zeiten in allen Kulturen, und zwar eher zu viele als zu wenige. Helden sind so etwas wie die Mückenplage der Menschheitsgeschichte. Wo es leuchtet, schwirren sie herum. Und wenn man sie zu fassen sucht, greift man ins Leere. Nichts an Helden ist individuell, alles übermenschlich, typisiert, langweilig. Ihr Ruhm ist eingefroren in Legenden, die Nachgeborene legitimatorisch vor sich hertragen. Das Missverhältnis von nationaler Aufladung und internationaler Austauschbarkeit all der edlen, identitätsstiftenden Recken wirkt im besten Falle komisch. Wie viel interessanter ist die andere Seite!
Nieten gab es freilich ebenfalls zu allen Zeiten. Dichter, die keine einzige Zeile zustande bringen, Henker, die sich ins eigene Bein hacken, das allein ist noch nicht bemerkenswert. Auf die Dimension der Niederlage kommt es an, Size does matter. Bauherren sind gemeint, die bei Bezug eines Märchenschlosses, das ihren gesamten Etat verschlungen hat, bemerken, dass die Fundamente nicht tragen; Tüftler, die das Rad neu erfinden, aber diesmal in eckig; Karrieristen, die sich aus einem Fettnapf nur durch einen beherzten Sprung in den nächsten retten. Den Koryphäen unter den Versagern also wollen wir in diesem Buch ein Denkmal setzen, einfach deshalb, weil sie es verdient haben. Denn da ist etwas in ihrem Scheitern, das sie aus der Masse der simplen Luschen ebenso heraushebt wie aus der Schar der strahlenden Sieger: ästhetische Vollendung, radikale Individualität, Charakter.
Dabei haben wir keine vergleichende Kulturgeschichte des Verlierens im Sinn. Dieses Feld überlassen wir gerne klugen Geisteswissenschaftlern. Nein, hier geht es um hemmungslose Panegyrik. Wir feiern sie mit allem gebotenen Enthusiasmus, die visionären Nulpen und wüsten Stümper, die vom Erfolg Gehörnten und vom Misserfolg Verwöhnten, all die tragischen Gestalten, die ihr Leben lang auf den Kairos gewartet und ihn dann verschlafen haben, und auch jene, die im genau richtigen Moment am richtigen Ort waren, nur um ihr weltumstürzlerisches Projekt mit voller Kraft gegen die Wand zu fahren.
Nebenbei mag dies ein Beitrag sein zur Beantwortung der immer noch durch Europa gespensternden Frage: Was ist deutsch? Die überragenden Großnullen nämlich wollen den Verfassern geradezu als Personifikationen jenes überlangen deutschen Jahrhunderts erscheinen, das spätestens mit der Reichsgründung von 1871 begann (wir berücksichtigen auch den Vorlauf) und vielleicht erst in unseren Tagen mit «Dieselgate» endet. Wäre eine so grandios idiotische, kolossal fatale Überheblichkeit, wie sie der Volkswagenkonzern zu Beginn des dritten Jahrtausends an den Tag gelegt hat, in irgendeinem anderen Land denkbar? Die Sturmtruppe des Klimaschutzes trickst beinhart die Umwelt aus – eine fast schon geniale Selbstversenkung. Vermutlich aber handelt es sich nur um das letzte Aufbäumen jenes Großnullentums, das uns, die wir nun allmählich (endlich? leider?) stinknormal werden, in der Vergangenheit ausgezeichnet hat. Die Deutschen, da ließen sie sich ein sattes Säkulum lang nichts vormachen, waren schließlich Virtuosen des pompösen Untergangs. Es fällt nicht schwer, darin die Folge einer heftigen Idealismus-Infektion zu sehen. Die Besessenheit von einer Idee, und sei sie noch so hirnrissig, verlieh den Vorzeigeknallchargen der Weltgeistpächternation nahezu unbegrenzte Energie, schenkte ihnen eine Ausstrahlung, die das Fußvolk einfach mitriss. Umso gewaltiger waren die Zusammenbrüche. Nur selten ist zuletzt noch etwas von dieser alten Grandezza aufgeblitzt, etwa in den Badehosen-Knutschfotos von Rudolf Scharping oder im fulminanten Handstand-Überschlag eines Thomas Middelhoff. Die kümmerlichen Blindgänger der Gegenwart stolpern eher über Anrufbeantworter oder Doktorarbeiten.
Es ist gar nicht so leicht, festzustellen, wo, wann und warum uns das Talent des Ungebremst-auf-die-Schnauze-Fallens abhandenkam. Es mag etwas mit dem globalisierten Neoliberalismus zu tun haben, mit der großflächigen «Entklugung» (Dieter Hildebrandt), aber ganz sicher auch mit dem Siegeszug des Matriarchats. Unter der ersten Frau an der Staatsspitze wurde die gute alte germanische Keule schließlich alternativlos durch Schlaflieder ersetzt.
Die erste Grunderkenntnis der angewandten Nietenforschung lautet in der Tat: Für die Aufnahme in die Hall of Shame haben sich in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten ausschließlich Männer qualifiziert. Wir vermuten, dass Frauen einfach das Mach-dich-zum-Affen-Gen fehlt. Hinten herum mag Heinrich von Treitschke also doch Recht behalten haben: Männer machen Geschichten, Frauen alles richtig. Folglich droht der große Ödnistod. Wir versüßen ihn mit ein wenig Nostalgie am Ende der deutschen, allzu deutschen Geschichte, dieser Ära der fröhlichen Selbstüberschätzung.
Zu den deutschen Nullen zählen wir die österreichischen übrigens stillschweigend hinzu: zum einen, weil wir die Sprache als Hauptkriterium der Kulturabgrenzung ansetzen, und zum anderen, weil das gute großnulldeutsche Tradition ist. So mag hier auch ein Österreicher dafür einstehen, was die betrachtete Spezies in nuce auszeichnet. Das tapfere Schneiderlein Franz Reichelt bietet sich für diesen Zweck an, weil seine hehre Tat vom Februar 1912 gefilmt wurde und sich heute bei YouTube bewundern lässt: Anderthalb Minuten, die mehr erzählen als ein ganzes Buch. Reichelt mag dem Beruf nach Schneider gewesen sein, der eigenen Berufung nach war er Visionär, ein Dädalus. Er glaubte an den fliegenden Menschen. So nähte er in seiner Freizeit einen sackartigen Fallschirm zusammen, der es etwa Piloten erlauben sollte, aus einem defekten Flugzeug auszusteigen. An die Gesetze der Aerodynamik und der Erdanziehung glaubte sich der Luftikus nicht gebunden, ein Schneider muss ja nicht alles wissen. So überzeugt war er jedoch von seiner eigenen Kreation, dass er den Sack nicht etwa an einer Puppe ausprobierte, sondern im Februar 1912 gleich die Weltpresse zu einer atemberaubenden Vorführung einlud: Reichelts Sprung vom Eiffelturm. Eine Kamera auf der unteren Plattform des Turms hält fest, wie der Schneider, von Gehilfen umtänzelt, in seinem Sackungetüm auf einem Stuhl balanciert, der gleich neben dem Geländer auf einem Tisch steht. Dann wagt Reichelt den Schritt über das Geländer und in den ewigen Nullenruhm. Er fällt wie ein Stein, schlägt hart auf, Erde und Staub wirbeln in die Luft. Am Ende des kurzen Clips misst einer der Herbeigeeilten mit einem Zollstock die Tiefe des beachtlichen Kraters. Das eigentlich ist es, was auch wir in diesem Buch unternehmen: die Tiefe der Krater vermessen.
Die einzelnen Kapitel sind biographisch angelegt, weil dadurch die Fallhöhen am besten zum Ausdruck kommen, machen aber Bezüge und Bezugnahmen deutlich. Die deutschen Nullen, so zeigt sich, bilden eine Gesellschaft in der Gesellschaft, einen Geheimbund, der es dieser verspäteten, von Genieabgasen benebelten Nation nach Kräften erschwerte, sich «über alles» zu erheben. Dabei war ebendiese Erhebung das Ziel vieler Nullen. Sie gehören aber nun einmal zu jener Kraft, die was auch immer will und es nicht schafft. Subversion durch Unvermögen. Sollbruchstellen im Imperium. Die Ausbreitung der Disposition zum herrlich unqualifizierten Anführertum geschieht durch Einnullung, durch psychotechnische Osmose. Die Multiplikation mit einer Null ergibt schließlich stets wieder null. Ganze Kulturen von Nebennieten lagerten sich so an die herausragenden Vertreter an, bildeten Höfe. Aus diesem Pool gingen dann neue Vorzeigeversager hervor.
Moralisch sind Nullen unzuverlässig. Sie (und nur sie) können weitgehend unbemerkt ein positives oder negatives Vorzeichen tragen. Ihr Wert bleibt dabei gleich. Vom großen Verbrecher unterscheidet eine große Null hingegen vieles, fast alles. Daher sind hier nicht einfach die deutschen Weltenbrandentfacher aufgeführt. Man fände gar kein Ende. «Unmenschen» haben nur Einlass gefunden, wenn sie aus besonderer Tollpatschigkeit in dieser Rolle gelandet sind. Die versammelte Nieten-Exzellenz entstammt dabei allen gesellschaftlichen Bereichen.
Wir beginnen mit Heinrich von Treitschke. Der an schwerer Preußeritis leidende Historiker mit Tendenz zur Wildsau legte das theoretische Fundament für das deutsche Zeitalter der Nullen, indem er eine Nationalgeschichte zurechtzwirbelte, die er am Ende selbst ad absurdum führte. Kein Weg führt vorbei an dem im Kuchenbacken erwiesenermaßen überragenden Erbprinzen Leopold von Hohenzollern, der mit einer Pobacke schon auf dem spanischen Königsthron saß, nur um sich dann eine französische Cremetorte ins Gesicht werfen zu lassen. Seinen Auftritt hat weiterhin der traumhaft bescheidene König Ludwig II., dem Wasserfälle im Schlafzimmer wichtiger waren als die Vorherrschaft Bayerns. Ebenso selbstverständlich begegnet uns sein preußisch-kaiserliches Pendant Wilhelm II., der sich immer tiefer in den Kaninchenbau pelziger Chefallüren à la Stromberg zurückzog, aber damit mehr für das deutsche Großnullentum getan hat als jeder andere.
Des Weiteren mit Lobreden bedacht werden nebst den schon genannten Vorzeige-Flops Scharping und Middelhoff das Schlitzohr Karl-Eduard von Schnitzler, dessen «Schwarzer Kanal» die beste Satiresendung aller Zeiten war, freilich ohne eine solche sein zu wollen; Bruchpilot Mathias Rust, dem in der Luft die Landebahn abhandenkam; der schamfreie FKK-Pionier Richard Ungewitter, der von der Körperhygiene in Siebenmeilenstiefeln zum nackten Wahnsinn der «Rassenhygiene» voranstürmte; Herman Sörgel, der gerne das Mittelmeer trockengelegt hätte, sodass wir heute per Elektrofahrrad nach Capri kämen, das freilich keine Insel mehr wäre; Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop, der personifizierte Untergang, der dem «Dritten Reich» weit mehr genützt hätte, wenn er im Dienste Stalins oder Churchills gestanden und deren Imperium ruiniert hätte; Konrad Zuse, der geniale Begründer unserer digitalen Gegenwart, dem das Kunststück gelang, den Computer zu erfinden und trotzdem in die Bedeutungslosigkeit zu taumeln; Räuberhauptmann Bernhard Kimmel, der kurz davor stand, mit dem Mythos vom bereuenden Schinderhannes ewigen Prominentenstatus zu erlangen, doch auf der Zielgerade falsch abbog und so die Aufnahme in das kollektive Heldengedächtnis vergeigte; der beim Holzfällen auf die Weltformel gestoßene Förster Viktor Schauberger, dem es mit seinen aberwitzigen, alle physikalischen Gesetze auf den Kopf stellenden Erfindungen gelungen ist, ganze Abteilungen der Nationalsozialisten an der Nase herumzuführen und Franz Josef Strauß den größten Bären seiner Amtszeit aufzubinden; der mit einem detaillierten Plan das krachende Scheitern des Ersten Weltkriegs minutiös vorbereitet habende Stratege Alfred von Schlieffen; der die komplette Umgestaltung Hamburgs planende Architekt Konstanty Gutschow, der trotz Hitlers Missfallen im «Dritten Reich» immer weiter aufstieg, freilich nur zu einer der größten Nullnummern im Baugewerbe; der tragische Egon Krenz, der jahrzehntelang Schwung holte, um dann, als sein Moment endlich da war, mit diesem Schwung der Jahrzehnte gegen eine Mauer zu klatschen, die es eigentlich schon gar nicht mehr gab.
Allesamt sind sie würdige Träger des Nullenverdienstkreuzes Erster Klasse. Männer wie sie bringen die Zivilisation voran, denn so fatal ihr Scheitern auch gewesen sein mag – um wie viel schlimmer wäre erst ihr Erfolg gewesen?! Aber das ist keineswegs alles. Bewunderung haben sie verdient, denn einfach hinreißend sind ihre Abstürze, dramaturgisch durchdacht, formvollendet, effektvoll, kurz: echte, große, deutsche Kunst. Wir ziehen die Hüte.
Ein Mann dreht durch. Einen Spleen hatte er schon lange, aber jetzt, an diesem Tag im Spätherbst 1879, überschritt er die feine Grenze zum Irrsinn. Er tat dies bei vollem Bewusstsein, wie man annehmen muss, denn er nähte dem Irrsinn zunächst noch ein Mäntelchen. Bei dem Mäntelchen handelt es sich um mehrere Sätze, die man als Distanzierung von dem einen, monströsen Satz lesen könnte (oder können sollte), welchen hinzuschreiben es den Berliner Professor aber doch so ungeheuer drängte. Er jubelte ihn, diesen säuischen Satz, nicht nur dem sich angeblich empörenden Pöbel unter, sondern auch der Elite: «Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde» – und ertönte dann (zunächst) doch nur aus dem seinigen.
Was Heinrich Gotthard von Treitschke empörte, war allerdings – fern von Pöbel und Elite – eine sehr private Angelegenheit, die bei ihm auch als «Kothspritzerei» firmiert. Der erste Band seines mit Herzblut verfassten, neunzehn Jahre lang zurechtgedengelten Opus Magnum, die Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, war mit Pomp und Gloria durchgefallen. Ausgelacht von der liberalen deutschen Presse als platte Geschichtsklitterung. «Von allen Seiten bespuckt», wie Treitschke jammerte. Dass das trotz vier weiterer Bände unabgeschlossene Werk einer der größten publizistischen Erfolge seiner Zeit werden und ihm die astronomische Summe von 100.000 Mark einbringen würde, ahnte der Verfasser 1879 selbst noch nicht. Er sah nur kleinliche Besserwisserei am Werk. Bestraft werden sollte offenbar sein hehres Ansinnen, den «Deutschen eine Freude zu machen». Diese Niedertracht der Presse musste einen Grund haben, dachte sich der Professor: Sie war, klarer Fall, unterwandert. Dass der wahre Grund für die Beurteilung seiner Darstellung als subjektiv verzerrte Partisanenhistoriographie schlicht darin bestand, dass es sich um subjektiv verzerrte Partisanenhistoriographie handelte, übersah Treitschke geflissentlich.
Unwissenschaftlicher jedenfalls geht es kaum. Sprachmächtig und quellensatt hebt der Autor in seiner Deutschen Geschichte die Einen in den Himmel: «Jetzt aber zeigte sich, was Blüchers Flammenblick, was sein gebieterischer Wille dem deutschen Heere war». Die Anderen – etwa die Welfen – überschüttet er mit Hohn und Schwefel: «König Ernst August war schlecht erzogen, nicht bloß aller Bildung bar, sondern ein abgesagter Feind der Wissenschaft (...), ein geborener Tyrann, gewohnt, sich selber alles, anderen nichts zu erlauben.» Aber auch edlere Feinde Brandenburgs streckt der Professor in den Staub, Heinrich Heine beispielsweise: «Der lose Schalk wollte unterhalten, rühren, verblüffen und vor allem gefallen; auf den Inhalt seiner Worte gab er nichts.»
Treitschke hatte als Rhetoriker bei allem Talent immer schon eine Tendenz zur Wildsau. So hob er auch jetzt, an diesem Tag im Spätherbst 1879, die Feder und platzierte seine aus fünf Wörtern bestehende Rache aufs Papier: «Die Juden sind unser Unglück!» Dieser eine Satz, völlig unmotiviert dem ansonsten die politische Großwetterlage abtastenden Text Unsere Aussichten angeklebt, wurde Heinrich von Treitschkes Vermächtnis. Er war obszön und primitiv genug, um ein halbes Jahrhundert später den NSDAP-Ideologen Alfred Rosenberg zu begeistern, um bei nationalsozialistischen Großveranstaltungen im Berliner Sportpalast als Banner zum Einsatz zu kommen und um jede einzelne Titelseite von Julius Streichers Hasspostille Der Stürmer zu zieren. Das war alles, was von Treitschke blieb. Ein Klingelton auf dem Naziphon. Grausamer kann man nicht scheitern.
Mit den Schlägern posieren wollte Treitschke jedoch nicht. Besonders verlogen wirkt dabei die Abgrenzung von den, wie es heißt, erregten Erörterungen der «Judenfrage» in «Antisemitenvereinen»: «Es ist des Schmutzes und der Roheit nur allzu viel in diesem Treiben», schreibt der Verfasser scheinbar erzürnt über die pöbelnden Massen, um dann aber den vermeintlich wahren Kern dieses Treibens doch zustimmend hervorzuheben: «der Instinkt der Massen hat in der That eine schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt». Natürlich ist es die «Gefahr», die im langen Jahrhundert der Nullen stets beschworen wird: Überfremdung. Es ist die erbärmliche Sorge, art- und kulturfremde Elemente könnten das deutsche Wesen ersticken. Treitschke schwadroniert, dass unablässig «eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge» jüdischen Glaubens über die Ostgrenze nach Deutschland einfalle. Ihre Nachfahren, heißt es weiter, würden «dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen». «Achtungswerthe jüdische Firmen» gebe es durchaus, «aber unbestreitbar hat das Semitenthum an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Antheil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht». Und da konnte es ungemütlich werden, jenes hosenlose Ackerfurchenvolk, das offenbar eselsgleich für Gotteslohn zu arbeiten gewohnt oder für die Marktwirtschaft einfach zu hohl war. Viele applaudierten denn auch. Endlich sagte es hier einmal jemand (und machte ein hübsches Geschäft damit): Deutschland schaffte sich ab!
Es ist sicherlich richtig, was in der Treitschke-Forschung seit Jahren betont wird: Sein Antisemitismus hat wenig mit dem der Nationalsozialisten gemein, ist nicht rassentheoretisch fundiert. Die NS-Theoretiker entfachten zwar einen regelrechten Treitschke-Kult, konnten sich aber nur unter Verrenkungen auf ihn berufen. Selbst im genannten Aufsatz, Treitschkes schärfster Attacke gegen die Juden, bezeichnete er eine eventuelle «Schmälerung der vollzogenen Emancipation» als «offenbares Unrecht». An eine Ermordung der europäischen Juden wird Treitschke im Traum nicht gedacht haben. Wohl aber schwebte ihm die Eliminierung des Fremdartigen vor, eine völlige Assimilierung (die unter den intellektuellen Juden, gegen die sich seine Schrift in erster Linie richtete, freilich längst vollzogen war): «Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: Sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge.»
Dass man tatsächlich darüber diskutiert hat, ob Heinrich von Treitschke Antisemit war, scheint kurios. Wenn nicht obige Hetzreden, was wäre dann antisemitisch? Verwundern kann allerdings, dass der Antisemitismus in Treitschkes Auffassungen bis dahin und auch hernach kaum eine Rolle spielt. Erst ab Anfang der siebziger Jahre schrieb er seinem aktuellen Lieblingsfeind, dem Liberalismus, hin und wieder eine jüdische Identität zu. Doch zählte er auch weiterhin Juden zu seinen längsten und besten Freunden. Weil man ihm schlecht aufbürden kann, was später geschah, muss man wohl sagen: Treitschke, der Querulant, hat sich mit den Juden genauso überworfen wie mit den Sozialdemokraten, mit den Kleinstaaten-Anhängern, mit den Katholiken, mit den Habsburgern, mit befreundeten Historikern wie Hermann Baumgarten und Theodor Mommsen, mit Naturwissenschaftlern, die er als «diese Apotheker und Mistfahrer» titulierte, und zuletzt sogar mit der geliebten Elite Preußens. So wird man recht einsam, aber so wird man auch zum einflussreichsten Geschichtslehrmeister des 19. Jahrhunderts.
War aber Heinrich von Treitschke eine Null? Und ob! Eine Null, wie sie im Buche steht (zumindest in diesem): hochbegabt, doch von einer fixen Idee besessen, und zwar so sehr, dass sich sein lebenslanges Projekt zuletzt selbst verschlang. Die fixe Idee hatte er sich zusammen mit seinem Ohrenleiden, das einen säbelrasselnden Ersatz für die ersehnte militärische Karriere nötig machte, in seiner Jugend zugezogen, vermutlich im frischen Wind der Revolutionszeit von 1848/49: ein schwerer Preußeritis-Infekt. Unheilbar.
Die deutsche Einigung unter Preußens Führung, das war Treitschkes Glücksformel schlechthin, auf die so gut wie alle seine Aufsätze und Reden hinausliefen. Da hilft es wenig, dass Treitschke in frühen Jahren noch als klassischer Liberaler argumentierte und sich anfangs sogar als Gegner Bismarcks und seines Aufstiegs unter Aushebelung des preußischen Parlaments gerierte, denn schon bald sah er in Otto von Bismarck – prophetisch – den Vollender des Einheitsstaates. Treitschkes Hohenzollern-Obsession nahm solche Ausmaße an, dass er nicht einmal davor zurückschreckte, den Hohenzollern selbst ihre Rolle mit dem Rohrstock einzubläuen. Und spätestens an dieser Stelle darf man auch einmal bewundernd ausrufen: Was für ein Kauz!
Doch das Kauzige hat sich offenbar verflüchtigt. Schaut man heute in ein Lexikon, scheint sich hinter dem strauchgroßen Vollbart einfach ein Historiker zu verstecken. Diese Einordnung zeugt von Einfallslosigkeit. Treitschkes Metier war die Geschichte, in der Tat, aber mit den Tugenden eines Historikers hatte er so viel am Hut wie ein Scheiterhaufen mit dem Rauchverbot. Selbst zu Zeiten eines national imprägnierten Historismus à la Leopold von Ranke, dessen Nachfolger Treitschke schließlich in Berlin wurde, war Treitschkes Welt- und Geschichtsbild exzeptionell parteiisch, ein Soldatentum der Feder. Vor allem aber war er ein Star, der die Säle füllte, ein umjubelter Schlagersänger des Geschichtsgefühls.
Treitschkes Auftritte waren patriotische Erweckungserlebnisse, nationalemotional verschwitzte Orgien, obwohl oder gerade weil niemand im Nachhinein zu sagen wusste, wovon genau eigentlich geredet worden war. Das lag nicht nur an der pathetischen Rhetorik – mal Demagogie, mal Predigt –, sondern auch am fast unverständlichen Singsang des Schwerhörigen. Sein Kollege Adolf Hausrath schreibt in seiner Erinnerung an Heinrich von Treitschke, Studenten hätten Hausrath gegenüber zu verstehen gegeben, «daß sie in den ersten Stunden ihn gar nicht hätten verstehen können, daß er viel zu schnell rede und daß sie das Schluchzen störe, mit dem er von Zeit zu Zeit, ohne es selbst zu hören, den Atem zurückziehe». Thomas Gerhards zitiert in seiner umfassenden Studie zur Wirkung und Wahrnehmung Treitschkes einen Erlebnisbericht in den Katholisch-historischen Blättern von 1864: «er redet nicht, sondern haspelt rastlos Sätze herab, deren Inhalt einem gewöhnlichen Manne unfaßbar ist». Auch von «Heulen» und «Bellen» ist die Rede. Aber eben deshalb war der Redner – zum Neid aller Kollegen, die nicht schluchzten, bellten und heulten – unfassbar beliebt. Hausrath verrieten die Studenten, dass «diese elementare Gewalt der Begeisterung sie wie ein nie erlebtes Wunder anspreche». Corpsbrüder, Adelige, Beamte, Militärs und andere böse Onkel verstopften die Hörsäle, wenn Treitschke angekündigt war. Geist war hier nicht gefragt, sondern Kanonendonner.
Dabei war Treitschke alles andere als dumm. Der Sohn eines sächsischen Generals hatte mit Erfolg eine der besten Schulen seiner Zeit besucht, die Dresdener Kreuzschule, und von 1851 an Kameralwissenschaften und Nationalökonomie studiert, was ihn sympathischerweise fürchterlich langweilte. Erfrischend hat er in Briefen darüber berichtet. 1854 schloss Treitschke sein Studium mit einer den Staat über die freie Entwicklung der Wirtschaft stellenden Dissertation ab. Überragend war diese Doktorarbeit nicht, reproduzierte sie doch vor allem die Ansichten seines Doktorvaters Wilhelm Roscher, wie Roscher selbst anmerkte. Sogar Fritz Hepner, einer der vielen sonst stets zu Lobeshymnen geneigten Treitschke-Hagiographen, schreibt im Jahre 1918: «Für bedrängte Doktoranden gewährt es unstreitig Trost, diese wissenschaftliche Erstlingsarbeit von mäßigem Wert eines Meisters wie Treitschke zur Hand zu nehmen, und die Lektüre derselben, in ihrem von Treitschke selber reichlich verspotteten Latein, wird leicht zu noch tröstlicherem Schlafe führen.» Im Jahre 1858 folgte der Dissertation eine «trostlos langweilige Habilitationsschrift» (Hepner), die noch stärker die notwendige Ordnungsmacht des Staates gegenüber den Partikularinteressen einzelner Gesellschaftsgruppen hervorhob.
Noch während der akademischen Ausbildung hat sich Treitschke von der Wissenschaft verabschiedet. Seine Leidenschaft galt zunächst der Literatur – oder dem, was er dafür hielt: Gedichte, in denen Eisen blitzt und Mut bewiesen wird. Er könne den Moment nicht erwarten, schreibt der vom Promovieren Genervte an einen Freund im Jahre 1854, wo er endlich «diese verdammten Bücher wegwerfen» könne, um sich ganz dem Dichten zu widmen. Im Studium hatte er bereits vaterländische Gesänge en masse produziert, und zwar mit deutlichem Hang zum Vierheber: «Bläht euch, ihr Segel, im Winde frei,/Strahlt stolz in den Wellen wider!/Blast zu in rauschender Melodei,/Drommeten, die Siegeslieder!/Euch segnen die Helden der alten Zeit:/mit dem Erbfeind kämpft ihr den alten Streit!» Von höchster Stelle, nämlich ihm selbst, wurden solch geblähte Zeilen als tauglich für die Ewigkeit befunden, wie aus einem anderen Brief aus dem Jahre 1854 hervorgeht: «Nach ruhiger Prüfung bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß sie ihre volle Berechtigung in sich tragen. (...) Ich werde damit so bald als möglich meine Schriftstellerlaufbahn eröffnen.» Nur zwei Dinge nämlich seien ihm noch heilig: «die Kunst und das Vaterland.»
Trompetenlyrik also, für die Treitschke, so steht es in besagtem Brief, sogar einen Bruch mit der Familie auf sich zu nehmen gewillt war. Hepner sieht sich noch einmal gezwungen, deutlich zu werden: «Daß Treitschke die Dichterei bis auf seltene Gelegenheiten beiseitelegte, kann nur als Gewinn betrachtet werden.» Indes – das ist nicht ganz richtig. Unser Dichterfreund gab zwar bald den Vierheber auf, Trompetenlyrik aber blieb alles, was er schrieb.
Treitschke war nach seiner Habilitation zunächst als Privatdozent an der Leipziger Universität geblieben und feierte erste Hörsaal-Erfolge mit seinem Berserkerstil. Das offene Wort scheute er auch jenseits der preußophilen Vorlesungen nicht. Hausrath schreibt fast verträumt: «Ganz gemütlich, ohne jemand kränken zu wollen, fand er, eine Kollegin sehe aus wie eine zertretene Wanze.» Das wagt heute nicht einmal Dieter Bohlen. Und beinahe wäre Treitschke in ein Duell geraten, als er vor mehreren Offizieren die sächsische Husarenuniform als «reine Affenjacke» bezeichnete. Überhaupt hatte er sich in der sächsischen Oberschicht bald so viele Feinde gemacht, dass ein Zerwürfnis mit dem Vater folgte und Treitschke froh war, einen Ruf an eine andere Universität zu erhalten. Diese wollte ihn zwar eigentlich nicht haben, doch wozu gibt es mächtige Verbündete? Also wurde der Ruf ausgesprochen. Nur eines stand offenbar nicht in der Macht dieser Freunde: den Preußen-Herold nach Preußen zu versetzen.
Stattdessen lag die neue Wirkungsstätte Treitschkes in Freiburg im Breisgau. Ausgerechnet im verachteten Süddeutschland! Und wie gut schneidet bei Treitschke sogar Sachsen ab im Vergleich zu Baden. «Sehr wenig» gefalle es ihm in Freiburg, diesem «Nest», schreibt er schon kurz nach seiner Ankunft an Gustav Freytag, um in weiteren Briefen nachzulegen: «die Studenten sind sehr schülerhaft und kranken an schläfriger Völlerei». Die dünkelhaften Süddeutschen, von «Haß und Neid» geprägt, hielten sich doch tatsächlich «für die eigentlichen Deutschen und den Norden für ein halbbarbarisches Land. Dazu ein zuchtloses Maulheldentum, an das ich nicht ohne Ekel denken kann.» Ähnlich deftig wurde das zuckrige Bächlestädtchen an der Dreisam wohl erst wieder mit Tocotronics «Freiburg»-Song abgewatscht. Kurz und gut: Der in den sonnigen Süden Abkommandierte lebte dort «in der fast vollständigen Einsamkeit».
Treitschke legte bald noch eins drauf und signalisierte öffentlich in Richtung Berlin: Einzig «das gute Schwert des Eroberers» könne dafür sorgen, Süddeutschland mit dem Norden zusammenzuschweißen. Einmal in Fahrt, forderte er in einem weiteren Aufsatz auch gleich noch die Annexion mehrerer Mittelstaaten durch Preußen, darunter das väterliche Sachsen, was so vermessen war, dass sogar die preußische Zensur die Veröffentlichung vorübergehend unterband. Damit war denn auch der Bruch mit dem Vater endgültig.
Als 1866 der Krieg Preußens gegen Österreich ausbrach, nahmen die Drohungen gegen Treitschke zu, nicht ganz unverständlich, schließlich hatte er die längste Zeit für diesen Krieg trompetet. Er verließ nun Baden, das sich neben Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover, Kurhessen, Hessen und weiteren Ländern auf die Seite der verhassten Österreicher stellte. Über eine akademische Zwischenstation in Kiel gelangte Treitschke 1867 an eine weitere bedeutende Universität, und die lag – Potzblitz! – wieder in Baden. Und wiederum hatte diese Universität lautstark gegen Treitschkes Berufung protestiert. Der Prorektor schrieb gar an den zuständigen Minister, dass man bezweifeln müsse, «ob der geistige Zustand des Herrn von Treitschke noch als ein normaler betrachtet werden könne». Es half nichts. Treitschke setzte in Heidelberg bald seine Klagen über die «Charakterlosigkeit» des Südens fort. Und wieder stürmten die national gesinnten Zuhörer seine Vorlesungen, wieder heulte er für Preußen, wieder schluchzte er für den Krieg, diesmal gegen Frankreich.
In den Himmel, also nach Preußen, gelangte Heinrich von Treitschke erst nach der von ihm lauthals begrüßten Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871. Im Herbst 1873 berief man ihn, nunmehr auch Reichstagsmitglied, auf den vakant werdenden Lehrstuhl Leopold von Rankes an der Friedrich-Wilhelms-Universität von Berlin, obwohl nicht nur Ranke und der Historiker Johann Gustav Droysen, sondern die meisten Fakultätsangehörigen dagegen waren. Doch nichts und niemand hielt diesen Stürmer und Verdränger auf. Selbstredend folgten sogleich die nächsten Verwerfungen. Zunächst lieferte sich Treitschke, der soziale Unterschiede für naturgegeben hielt, ein Scharmützel mit den Sozialdemokraten. Scharf, aber wirkungslos schossen die Genossen zurück. Im Hamburger Sozialdemokrat erregte sich ein Autor, dass Treitschke als Sohn eines wohlhabenden Generals selbst zum Beweis für die Verkommenheit der Verhältnisse tauge: «Lebten wir in einem gerechten Staate, der die Güter nach den Leistungen verteilte, so hätte ein solcher Schwachkopf niemals studieren dürfen.»
Kaum war dieser Kampf gewonnen – im Oktober 1878 nahm der Reichstag Bismarcks harsches Sozialistengesetz an; Treitschke hatte als einziger liberaler Reichstagsabgeordneter übrigens für die erste, noch extremere Fassung gestimmt –, folgte der antisemitische Rundumschlag, mit dem dieses Kapitel begonnen hat. Man muss vielen Zeitgenossen zugutehalten, im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit, den Treitschkes Aufsatz auslöste, eine äußerst vernünftige Position eingenommen zu haben. Der am stärksten auftrumpfende Gegenredner hat sich freilich nicht mit Ruhm bekleckert: Der Althistoriker Theodor Mommsen richtete 1880 zwar scharfe Worte gegen Treitschkes gehässigen Antisemitismus, stimmte aber inhaltlich den meisten Positionen Treitschkes zu und forderte die Juden gar zur Konversion auf. Nach einiger Zeit verzog sich der Rauch.
Kaum war dann im Jahre 1882 der zweite Band der Deutschen Geschichte erschienen, wurde auch dieser zuverlässig verrissen, diesmal am deutlichsten von dem Liberalen Hermann Baumgarten, einem alten Freund Treitschkes – leider kein Jude, sondern Pastorensohn. Wieder fuhr der Gekränkte schwere Waffen auf, schoss also diesmal auf den Liberalismus. Es folgte ein Schlagabtausch zwischen der nationalliberalen Rechten, Treitschkes Partei, und den tatsächlich liberalen Intellektuellen. Wiederum setzte sich – man staunt und staunt – Treitschkes Linie durch. Der immer mehr zu einem Absolutisten im Geiste sich wandelnde Haudegen wurde 1883 mit dem bedeutenden Verdun-Preis ausgezeichnet, und er erbte nach dem Tod Leopold von Rankes im Jahre 1886 auch noch dessen Ehrentitel «Historiograph des preußischen Staates».
Doch als veritable Null hatte Treitschke kein Gespür dafür, wann er am Ziel war. So ließ er nicht locker mit seinen ein- und auspeitschenden Texten, nahm schließlich sogar die Hohenzollern selbst ins Visier, die seiner Meinung nach der Führerschaft im Reich, wie sie unter Kaiser Wilhelm I. noch vorbildlich ausgefüllt worden sei, unwürdig geworden waren. Im vierten Band der Deutschen Geschichte, den er Kaiser Wilhelm II. gleich nach dem Erscheinen 1894 zukommen ließ, war vom «sprichwörtlichen Undank» der Hohenzollern die Rede. Den aktuellen Regenten hatte er geradezu als Lachnummer vorgeführt (nicht zu Unrecht, siehe Kapitel vier dieses Buches, aber Treitschke schrieb ja keine Nullengeschichte). Der Kaiser war nicht amüsiert, aber wagte es nach Zureden seiner Berater nicht, den Autor öffentlich zu brüskieren. Ein durchgeknallter Generalssohn aus Sachsen war mächtiger geworden als der deutsche Kaiser – das war nicht der Höhepunkt von Treitschkes Karriere, sondern der Moment seiner Niederlage. In dieser Sekunde brach Treitschkes gesamtes Werk in sich zusammen, weil das Fundament unterhöhlt, der Hauptlehrsatz widerlegt war. Mit diesem Preußen war kein Staat zu machen.
Zwei Jahre später verstummte die Trompete. Mit dem würdelosen Gezerre um ein Denkmal, das erst dreizehn Jahre nach Treitschkes Tod eingeweiht werden konnte und 42 Jahre später kleinlaut wieder eingeschmolzen wurde, endet die ganz unglaubliche Geschichte einer Blendgranate am Übergang zwischen alter und neuer Welt. Fast an böse Zauberei gemahnt der unaufhaltsame Aufstieg dieses militanten Dichters, der gewissermaßen das theoretische Fundament für das deutsche Zeitalter der Nullen gelegt hat.