Javier Marías
Der Gefühlsmensch
Roman
Aus dem Spanischen von Elke Wehr
FISCHER E-Books
Mit einem Nachwort des Autors

Javier Marías, 1951 als Sohn eines vom Franco-Regime verfolgten Philosophen geboren, veröffentlichte seinen ersten Roman mit neunzehn Jahren. Seit seinem Bestseller ›Mein Herz so weiß‹ gilt er weltweit als beachtenswertester Erzähler Spaniens.
Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Nelly-Sachs-Preis sowie dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Seine Bücher wurden in über vierzig Sprachen übersetzt.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de.
Treffen sich ein Opernsänger, eine unglückliche Frau und ihr despotischer Bankiersmann in einem Zugabteil – außerdem gibt es noch einen Gesellschafter, der der unglücklichen Frau in Madrid, wohin der Zug unterwegs ist, die Zeit vertreiben soll, wenn ihr Mann wichtigen Bankgeschäften nachgeht. Daraus muss sich nicht zwangsläufig eine Geschichte entwickeln, bei Javier Marías tut es dies aber, und zwar dramatisch, kurzweilig und zum Schreien komisch: Opernsänger verliebt sich in die unglückliche Natalie, sie betrügt ihren Mann, der erschießt sich daraufhin. Schon in diesem frühen Roman, den Marías 1986 geschrieben hat, lässt sich erkennen, was den großen Erzähler Spaniens ausmacht: Er konzentriert sich nicht auf die Handlung selbst, sondern auf die Inszenierung der Handlung, und zwar bis zur Perfektion. Ein raffinierter, poetischer und amüsant polemischer Roman über die Liebe.
»Ehemann. Ehefrau. Liebhaber. Es ist die alte Geschichte, die Javier Marías abwandelt, und doch liest sie sich bei ihm wie neu, ganz unerhört.« (Sigrid Löffler anlässlich der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an Javier Marías)
Erschienen bei FISCHER E-Books
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch
Frankfurt am Main, September 2016
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
des Piper Verlags, München
Die Originalausgabe erschien 1986 unter dem Titel
›El hombre sentimental‹ bei Editorial Anagrama, Barcelona 1986
© 1986 Javier Marías
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 1992 Piper Verlag GmbH, München
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH,
Hedderichstraße 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402001-3
Das spanische sueño bedeutet sowohl Schlaf als auch Traum (A.d.Ü.)
Barceloneser Fußballverein (A.d.Ü.)
A Daniella Pittarello,
che magari siga existiendo.
I think myself into love,
and I dream myself out of it.
Hazlitt
Ich weiß nicht, ob ich euch meine Träume erzählen soll. Es sind alte, aus der Mode gekommene Träume, die eher zu einem Jüngling als zu einem erwachsenen Mann passen würden. Sie sind überladen und präzise zugleich, etwas behäbig, wenngleich voller Kolorit, wie es die Träume einer versponnenen, jedoch im Grunde einfachen Seele, einer sehr ordentlichen Seele sein könnten. Träume, die mit der Zeit etwas ermüdend sind, weil derjenige, der sie träumt, immer vor ihrem Ende aufwacht, als erschöpfe sich der träumerische Impuls in der Darstellung der Einzelheiten und lasse das Ergebnis außer Acht, als sei die Tätigkeit des Träumens die einzige noch ideelle und zweckfreie Tätigkeit. Ich kenne also das Ende meiner Träume nicht, und es mag unbesonnen sein, sie zu erzählen, ohne eine Schlussfolgerung oder eine Lehre anbieten zu können. Und doch erscheinen sie mir phantasievoll und sehr intensiv. Das Einzige, was ich zu meiner Entlastung anführen kann, ist, dass ich ausgehend von dieser Form der Dauer – diesem Ort meiner Ewigkeit – schreibe, die mich erwählt hat.
Was ich heute Morgen träumte, als es schon Tag war, ist jedoch etwas, was wirklich geschah und was mir geschah, als ich etwas jünger oder weniger alt war als jetzt, obwohl es noch nicht zu Ende ist.
Vor vier Jahren reiste ich meiner Arbeit wegen und kurz bevor ich wie durch ein Wunder meine Angst vor dem Fliegen überwand (ich bin Sänger), eine bestimmte Zeitlang, insgesamt etwa sechs Wochen, sehr häufig mit dem Zug. Diese kurzen, ständigen Reisen führten mich durch den westlichen Teil unseres Kontinents, und bei der vorletzten dieser Reisen (von Edinburgh nach London, von London nach Paris und von Paris nach Madrid in einem Tag und einer Nacht) sah ich zum ersten Mal die drei heute Morgen geträumten Gesichter, die nämlichen Gesichter, die von damals bis heute, das heißt vier Jahre lang, (jeweils) einen Bereich meiner Phantasie, einen Großteil meiner Erinnerung und mein ganzes Leben ausgefüllt haben.
In Wahrheit ließ ich einige Zeit verstreichen, bis ich sie anschaute, als warnte mich etwas davor oder als wollte ich unbewusst die Gefahr und das Glück hinauszögern, die daraus folgen würden (aber ich fürchte, dass dieser Gedanke eher meinem Traum als der damaligen Realität angehört). Ich las gerade einen Band der prätentiösen Memoiren eines österreichischen Schriftstellers, aber von einem bestimmten Augenblick an war ich so verärgert (tatsächlich geriet ich heute Morgen geradezu in Harnisch), dass ich ihn zuklappte, und entgegen meiner Gewohnheit, wenn ich in der Eisenbahn reise und mich nicht unterhalte, lese, mein Repertoire durchgehe oder mich an Misserfolge oder Erfolge erinnere, schaute ich nicht »direkt« die Landschaft an, sondern die Mitreisenden in meinem Abteil. Die Frau schlief, die Männer waren wach.
Der erste Mann sah, anders als ich, die Landschaft an; er saß mir genau gegenüber, den mächtigen Kopf mit dem krausen grauen Haar nach rechts gewandt, während eine auffallend kleine Hand – so klein, dass es schien, als könnte sie keinem echten menschlichen Körper angehören – langsam über die Wange strich. Ich konnte seine Gesichtszüge nur im Profil sehen: Bei aller Unbestimmbarkeit seines Alters – er besaß eine jener fast magischen Erscheinungen, die den Eindruck erwecken, als widerstünden sie über Gebühr dem Druck der Zeit, als würde die Drohung eines baldigen Todes und die Hoffnung, nunmehr für immer in einem unversehrten Bild fixiert zu sein, ihre Anstrengung belohnen – wirkte er jedoch mehr als reif aufgrund jener üppigen, wie mit Raureif bedeckten Vegetation, die ihn krönte, und aufgrund zweier Einkerbungen – holzige Zäsuren in einer glatten Haut – zu beiden Seiten eines unkonturierten und im Grunde ausdruckslosen Mundes, die gleichwohl an jemanden denken ließen, der jahrelang bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit bereitwillig ein Lächeln aufgesetzt hatte. In diesem präzisen Augenblick seiner undefinierbaren Jahre empfand man ihn als friedlich, sah man ihn klein von Gestalt und vermögend, mit einer eleganten, wenn auch leicht abgetragenen und etwas kurzen Hose – die Schienbeine fast entblößt – und einem funkelnagelneuen Jackett, in dessen Stoff sich zu viele Farben mischten. Ein Mann, den der Reichtum spät erreicht hat, dachte ich; vielleicht ein mittlerer Unternehmer, unabhängig, aber strebsam. Da mir sein Blick entging, den er nach draußen richtete, hätte ich nicht sagen können, ob es sich um eine vitale oder um eine schwermütige Person handelte (obwohl er stark parfümiert war und damit eine überlebte, aber noch immer unüberwundene Eitelkeit verriet). Jedenfalls schaute er ungewöhnlich aufmerksam, fast könnte man sagen, sprechend, so als verfolge er in diesem Augenblick das Entstehen einer Zeichnung oder als sei das, was sich seinen Augen darbot, Wasser oder Feuer, denn von beidem kann man bisweilen nur schwer den Blick lösen. Aber die Landschaft ist niemals dramatisch, so wie es das Entstehen einer Zeichnung oder das bewegliche Wasser oder das veränderliche Feuer ist, und deshalb bringt ihre Betrachtung den Müden Erholung und langweilt diejenigen, die nicht ermüden. Ich mit meiner robusten Statur und einer Gesundheit, über die ich mich nicht beklagen kann, wenn ich bedenke, dass mein Beruf eine wahrhaft eiserne erfordert, ermüde gleichwohl sehr rasch, weshalb ich mich entschied, meinerseits die Landschaft zu betrachten, »indirekt« und durch die unsichtbaren Augen des Mannes mit den kleinen Händen, der eleganten Hose und dem verwegenen Jackett. Aber da es schon dunkel wurde, sah ich kaum etwas – nur Halbreliefs – und dachte, dass der Mann vielleicht sich selbst im Fensterglas betrachtete. Ich zumindest konnte ihn nach einigen Minuten, als nach dem kurzen, zögerlichen Schimmer einer noch immer nördlichen Abenddämmerung das Licht seine sanfte Niederlage erlitt, abgebildet, verdoppelt, wiederholt in der Fensterscheibe sehen, fast ebenso deutlich wie in der Wirklichkeit. Kein Zweifel, entschied ich, der Mann forschte seine Gesichtszüge aus, er betrachtete sich selbst.
Der zweite Mann, der mir schräg gegenübersaß, hielt den Blick unverwandt nach vorn gerichtet. Er besaß einen jener Köpfe, deren bloße Betrachtung jeden innerlich beunruhigt, der noch einen nicht freigeräumten Weg vor sich hat oder, mit anderen Worten, der noch von seiner eigenen Anstrengung abhängt. Die Kahlheit, die verfrüht eingetreten sein musste, hatte weder seine Selbstzufriedenheit noch die Unstillbarkeit seines Machthungers geschwächt, und sie hatte auch nicht den verletzenden Ausdruck seiner Augen gemildert – oder auch nur getrübt –, die es gewohnt waren, rasch über die Dinge der Welt hinwegzugleiten – gewohnt, von den Dingen der Welt verwöhnt zu werden –, und die Farbe des Cognacs besaßen. Seine eigene Unsicherheit hatte sich erlaubt, lediglich den Tribut eines gepflegten schwarzen Schnurrbarts zu zahlen, der seine plebejischen Gesichtszüge verbarg und ein wenig vom Fettansatz seines Kopfes, seines Halses und seines zur Konvexheit neigenden Brustkorbs ablenkte, ein Fettansatz, der in anderen, von ihm unterworfenen Augen noch immer als Robustheit hätte gelten können. Dieser Mann war ein Potentat, ein Ehrgeizling, ein Politiker, ein Ausbeuter, und seine Kleidung, vor allem das glänzende Jackett und die Krawatte mit Krawattennadel, schien von jenseits des Atlantiks zu kommen oder vielmehr von einer höflichen europäischen Konzession an den Stil, den man in Übersee für elegant hält. Er mochte zehn Jahre älter sein als ich, aber ein krampfartiger Zug, der sich sogleich bei dem angedeuteten Lächeln bemerkbar machte, an dem sich seine wulstigen Lippen ab und zu stumm versuchten – wie jemand, der seine Körperhaltung verändert oder die Beine übereinanderschlägt oder wieder nebeneinanderstellt, mehr nicht –, ließ mich denken, dass diese präpotente Person womöglich ein kindliches Element in ihrem Charakter barg, das, in Verbindung mit ihrem energischen Äußeren, die Reaktion eines jeden, der es zu erfassen wüsste, zwischen Spott und Schrecken – mit einigen Tropfen irrationalen Mitleides – schwanken ließe. Vielleicht war dies das Einzige, was ihm im Leben fehlte: dass seine Wünsche verstanden und erfüllt wurden, ohne dass er sie ausdrücken musste. Selbst im sicheren Gefühl, sie zu verwirklichen, sähe er sich vielleicht gezwungen, ein ums andere Mal auf Tricks, Drohungen, Verwünschungen, Ohnmachten zurückzugreifen. Aber womöglich nur, um sich zu amüsieren, womöglich, um in regelmäßigen Zeitabständen seine komödiantischen Talente auf die Probe zu stellen und nicht an Geschmeidigkeit zu verlieren. Womöglich, um die Unterwerfung vollkommen zu machen, denn ich weiß nur zu gut, dass es keine wirksamere noch dauerhaftere Unterwerfung gibt als jene, die auf einer Vorspiegelung oder, mehr noch, auf etwas beruht, was nie existiert hat. Dieser Mann, den ich in meinem Traum von Anfang an für ebenso feige wie tyrannisch hielt, schaute mich – ebenso wenig wie der andere – nicht ein einziges Mal an, zumindest dann nicht, wenn ich es hätte bemerken können, das heißt, während ich ihn anschaute. Dieser Mann, von dem ich jetzt zu viel weiß, schaute, wie gesagt, gleichmütig vor sich hin, als stünde auf dem leeren Sitz, den er sicher nicht wahrnahm, der detaillierte Bericht einer ihm bekannten Zukunft geschrieben, den er lediglich einer Überprüfung unterzog.
Während also diese ausbeuterische Person ihr ganzes Gesicht sehen ließ und das fast magische Individuum weiter nichts als das Profil, war die Frau, die zwischen beiden saß, mit der die Männer vielleicht reisten oder vielleicht auch nicht, vorläufig völlig gesichtslos. Sie hielt den Kopf aufrecht, aber vor ihrem Gesicht hing das glatte, kastanienbraune Haar, das bewusst nach vorne geworfen war, vielleicht um den leichten Eisenbahnschlaf vor dem Licht zu schützen, vielleicht auch, um nicht grundlos das Bild von Intimität und Gelöstheit zu bieten, um das sie selbst nicht wissen würde, ihr schlafendes und lebloses Bild. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, und die Winterstiefel mit extraflachen Absätzen ließen nur den oberen Teil des Unterschenkels sehen, der sich in einem Knie fortsetzte, auf dem der schwache Schimmer der Strümpfe sich verdichtete, und am Rand eines schwarzen Rockes endete, der mir aus Wildleder zu sein schien. Die ganze Gestalt, mit Ausnahme des Gesichts, machte den Eindruck von Makellosigkeit, von Bestimmtheit, von Vollendung, von Richtigkeit, so als ließe sie weder Veränderungen, Verbesserungen noch Widerspruch zu – wie die bereits zu Ende gegangenen Tage, wie die Legenden, wie die Liturgie der etablierten Religionen, wie die Gemälde vergangener Jahrhunderte, an die zu rühren niemand wagen würde. Die Hände, im Schoß liegend, ruhten zugleich aufeinander, die rechte mit offener Handfläche, die linke – senkrecht aufgestützt – mit halbgeschlossener Faust. Aber der Daumen dieser Hand – lange Finger, leicht knochige Finger, wie von jemandem, der vor der Zeit der Versuchung unterliegt, der Jugend Lebewohl zu sagen – bewegte sich leicht, mit Unterbrechungen, so wie sich manchmal jemand unwillkürlich und krampfartig bewegt, der gegen seinen Willen schläft. Sie trug eine altmodische Perlenkette; sie trug eine rote Stola um den Hals; sie trug einen doppelten Silberring am Mittelfinger. Die Haarmähne, die sie sicherlich mit einer einzigen, oft ausgeführten Kopfbewegung in diese Lage gebracht hatte, erlaubte nicht, sich auch nur ausgehend von einem einzigen sichtbaren Merkmal eine Vorstellung von der Gesamtheit der Gesichtszüge zu machen, so dicht fiel sie wie ein undurchsichtiger Vorhang herab. Deshalb betrachtete ich eingehend die Hände. Außer der Bewegung des Daumens gab es noch etwas, was mir auffiel: Nicht so sehr die – kräftigen, weißlichen, gepflegten – Fingernägel als die Haut ringsum wirkte abscheulich abgebissen oder verbrannt, so sehr, dass man veranlasst war zu glauben, die Haut der Zeigefinger – denn es war vor allem die der Zeigefinger – existiere gar nicht, und zu zweifeln, sie habe jemals existiert. Die Ränder dieser Fingernägel hatten eine schwere Entstellung an der Hautoberfläche erlitten, die ein hässliches Rot hinterlassen hatte, wie es typisch ist für eine Entzündung, oder aber ihr Fleisch lag bloß. Ich dachte, wenn es sich um das Letztere handelte (denn ich konnte es nicht genau erkennen), dann war dies nicht so sehr eine Arbeit der ungesehenen Schneidezähne der schlafenden Frau und des Mädchens, das sie einmal gewesen war, als eine Arbeit der Zeit selbst, denn die Verkümmerung – darum schien es sich zu handeln – bedarf der mangelnden Benutzung und Tätigkeit, des Willens zur systematischen Beseitigung nicht weniger als des zeitlichsten aller Dinge, das zugleich alle Dinge am meisten ihrer Zeitlichkeit enthebt, das heißt der Gewohnheit (oder ihres immer späten Abkömmlings, des Gesetzes, das ankündigt, dass die Zeit der Gewohnheit vorüber und zugleich das Ende der Enthebung ist). Ich begann gerade, meine Gedanken ein wenig um diese Fragen kreisen zu lassen, von denen ich nichts verstehe und in Wirklichkeit nichts weiß, als eine starke Erschütterung des Zuges bewirkte, dass jenes leuchtende, glatte, kastanienfarbene Haar plötzlich einen Augenblick lang das Gesicht entblößte, das es bewachte. Dieses Gesicht erwachte nicht, und es dauerte nur wenige Sekunden, bis alles wieder in seine vorherige Lage zurückfand, aber an den vollen, zusammengepressten, angespannten Lippen, an den zusammengepressten, angespannten und von winzigen geröteten Adern durchzogenen Augenlidern (an den ungesehenen, geschlossenen Augen) sah ich, dass die schlafende Frau – wie soll ich sagen? – litt. Vielleicht sah ich, dass sie sich in Melancholie verzehrte.
»Ich will nicht wie ein Idiot sterben«, habe ich dieser Frau kurze Zeit darauf in einem engen und dunklen Hotelzimmer gesagt, dessen Schäbigkeit ich damals nicht wahrzunehmen vermochte, ein Zimmer mit nackten Wänden, in dem die grauen oder vielleicht trauertragenden oder einfach als überflüssig betrachteten Bettdecken auf dem sauberen, wenn auch schwärzlichen Teppichboden lagen, auf dem nicht einmal Platz war, um ein paar Schritte zu tun, da zwei halbausgepackte Koffer den Platz einnahmen, auf dem man die Schritte in ein Badezimmer hätte tun können, das so leer und so weiß war, dass zwei Zahnbürsten – granatrot und grün –, die in ein und demselben Glas standen, dessen Cellophan verschwand, ohne dass wir gewusst hätten, in welchem Augenblick noch wer es hatte verschwinden lassen, den Blick anzogen wie der Dolch die Hand oder der Magnet das Eisen, dermaßen, dass, als eine der beiden Zahnbürsten in der letzten Nacht, die ich dort verbrachte, fehlte, die Keramik und die Fliesen und die Kacheln sich mit dem Granatrot der Zahnbürste färbten, die dort geblieben war, und diese Farbe vereinnahmte sogar das Schwarz des Necessaires, das ich auf dem gläsernen Bord ließ, damit es nach dem Fortgang irgendeine Veränderung gab oder Trauer in dem Badezimmer herrschte, das so leer und so weiß war und zu dem man kaum gelangen konnte über die halbausgepackten Koffer und die als überflüssig betrachteten und auf den Boden geworfenen Bettdecken hinweg, als ich in einem Hotelzimmer kurze Zeit darauf derselben Frau sagte oder gesagt habe: »Ich will nicht wie ein Idiot sterben, und da ich eines Tages unausweichlich werde sterben müssen, möchte ich in meiner Zeit vor allem für das Einzige Sorge tragen, was sicher und unausweichlich ist, aber allem zuvor möchte ich für die Form meines Todes Sorge tragen, denn die Form ist nicht so sicher noch unausweichlich. Es ist die Form unseres Todes, für die wir Sorge tragen müssen, und um dafür Sorge zu tragen, müssen wir für unser Leben Sorge tragen, denn dieses, das nichts an sich ist, wenn es aufhört und ersetzt wird, wird gleichwohl das Einzige sein, aus dem wir am Ende das Wissen beziehen können, ob wir wie ein Idiot sterben oder ob wir auf annehmbare Weise sterben. Du bist mein Leben und meine Liebe und mein erkennendes Leben, und weil du mein Leben bist, möchte ich niemand anderen als dich neben mir haben, wenn ich sterbe. Aber ich möchte nicht, dass du plötzlich an mein Sterbebett eilst, nachdem du erfahren hast, dass ich dem Tod nahe bin, oder dass du zu meiner Beerdigung kommst, um dich von mir zu verabschieden, wenn ich dich nicht mehr sehen noch deinen Duft atmen, noch dein Gesicht küssen kann, nicht einmal, dass du bereit bist oder suchst, mich in meinen letzten Jahren zu begleiten, weil wir beide unsere jeweiligen jämmerlichen oder getrennten Leben überlebt haben, denn das ist mir nicht genug. Ich möchte vielmehr, dass das, was in der Stunde meines Todes anwesend ist, die Verkörperung meines Lebens ist, und das ist nichts anderes als das, was dieses Leben gewesen ist, und damit du es gewesen bist, ist es nötig, dass du von jetzt an und bis zu diesem meinem letzten Augenblick an meiner Seite gewesen bist. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du in dieser Stunde nur eine Erinnerung wärst und dich mit anderen Dingen vermischen würdest und einer fernen, verschwommenen Zeit angehörtest, die unsere deutliche jetzige Zeit ist, denn nichts verabscheue ich mehr als die Erinnerung und die ferne Zeit und die Vermischung, die ich immer herabzusetzen und zu leugnen und zu begraben versucht habe in dem Maße, wie sie entstanden, in dem Maße, wie jede gewürdigte und überhöhte Gegenwart aufhörte, Gegenwart zu sein, um sich in Vergangenheit zu verwandeln, und von dem besiegt wurde, von dem ich nicht weiß, wie ich es nennen soll, wenn nicht ihre eigene, ungeduldige Nachwelt oder ihr Nicht-Jetzt. Deshalb darfst du jetzt nicht fortgehen, denn wenn du jetzt fortgehst, dann nimmst du mir nicht nur mein Leben und meine Liebe und mein erkennendes Leben, sondern auch die erwählte Form meines Todes.«
Ich erinnere mich noch genau, wie sie mir zuhörte, während sie auf dem Bett eines Hotelzimmers lag: Sie trug keine Schuhe mehr, war aber noch bekleidet, sie stützte sich auf die Ellenbogen und hatte die Beine angewinkelt; der leicht hochgerutschte graue Rock ließ einen Teil des Oberschenkels sehen, die kastanienfarbene, leuchtende, glatte Haarmähne fiel zu der Seite herab, wo ich mich nicht befand; und der sanfte, ironische und ernste Blick ruhte so starr auf meinen nicht stillstehenden Lippen, dass er mir das Gefühl gab, ich sei nur Lippen und meine Lippen seien die einzigen Verantwortlichen und Urheber dessen, was von ihnen kam.
»Und wenn ich vorher sterben würde?«
»Alles ist möglich«, antwortete ich als Erstes. Aber ich glaube, ich tat es, um die einzige andere übliche und zulässige Antwort zu bemänteln oder ein wenig hinauszuschieben (ich tat es, um Zeit zu gewinnen), die danach kam, die sie erwartete und die ebenso jeder Sterbliche erwartet hätte, der in diesem Augenblick, wie sie, auf jenem Bett gelegen wäre: ›Aber dein Tod wäre auch der meine.‹ »Aber dein Tod wäre auch der meine«, sagte ich derselben Frau, und so, genau wie in der Oper, habe ich es ihr auch mehrere Male in meinem Traum heute Morgen wiederholt.
Mein Beruf zwingt mich oft zu einem sehr einsamen Leben in den großen Hauptstädten der Welt, und Madrid, die Stadt, in der ich einen guten Teil meiner Kindheit und einen weiteren meiner Jugend verlebt habe, war vor vier Jahren keine Ausnahme. Damit nicht genug, erschien mir die Stadt, nachdem ich lange Zeit nicht dort gewesen war, einsam und traurig wie wenige, die ich auf meinen zahlreichen Reisen durch das Ausland gesehen habe. Mehr noch als die englischen Städte, die schlimmsten des Erdkreises, die heruntergekommensten und die feindlichsten; mehr noch als die Städte in Ostdeutschland, in denen eine solche Disziplin und eine solche Gedämpftheit herrscht, dass jemand, der pfeifend auf der Straße geht, einen Kataklysmus heraufbeschwört; mehr noch als die Schweizer Städte, die wenigstens sauber und ruhig sind und der Phantasie Raum lassen, eben weil sie nichtssagend wirken.
Madrid hingegen scheint es eilig zu haben, alles zu sagen, als sei es sich bewusst, dass seine einzige Möglichkeit, den Reisenden zu erobern, in der Betäubung und in zügelloser Heftigkeit liegt. Deshalb erlaubt es sich kein langes Abwarten, kein Hindeuten und keinen Vorbehalt, und damit erlaubt es dem Reisenden auch nicht (und schon gar nicht dem ständig geplagten Bewohner), die geringste phantasievolle oder imaginäre Hoffnung zu entwickeln, es könnte noch etwas anderes existieren – etwas Verborgenes, Unausgedrücktes, Übergangenes oder einfach nur Mögliches – außer dem, was sich ihm schamlos darbietet, sobald er einige Schritte durch seine schmutzigen und stickigen Straßen tut. Madrid ist ländlich und großmäulig und birgt kein Geheimnis, und nichts ist so traurig und so einsam wie eine Stadt ohne scheinbares Geheimnis oder den Schein eines Geheimnisses, nichts ist so abschreckend, nichts ist so bedrückend für den Besucher. Ich war in meinem Traum wie auch vor vier Jahren ein Besucher dieser Stadt, obwohl ich in ihr oder in einem ihrer Vororte gelebt habe, als ich noch ein Kind war und gänzlich von meinem Stiefvater abhing, der mich nach dem Tod meiner Mutter aufnahm und von Barcelona dorthin brachte. (Ich bin viele Jahre lang ein sogenannter armer Verwandter gewesen: Ich bin es im wortwörtlichen Sinne gewesen, und zwar während der Zeit, die ich in Madrid wohnte. Aber obwohl ich vor vier Jahren schon lange kein armer Verwandter mehr war und mehr als genug zum Leben verdiente, fühlte ich mich aufgrund meiner sehr langen Abwesenheit und des äußerst spärlichen Kontakts, den ich seit meiner Volljährigkeit mit meinem ehemaligen Wohltäter pflegte, damals in Madrid ebenso als Besucher wie wenige Wochen zuvor in Venedig und Mailand und Edinburgh.)
In all diese Städte führte und führt mich noch immer, wie ich schon sagte, mein Beruf, einer der traurigsten und einsamsten, die es gibt, entgegen der Meinung, welche die meisten Leute von uns haben, die uns nur von der Bühne, von den Schallplattenhüllen, von den Plakaten oder von irgendeiner Galaveranstaltung im Fernsehen kennen, das heißt immer geschminkt. Denn so viel ist gewiss, wir unterscheiden uns nicht wesentlich von den Handelsreisenden, mit dem Vorbehalt, dass dieser Beruf allmählich zu existieren aufhört, im Verschwinden begriffen ist, wahrscheinlich weil die Verantwortlichen der Unternehmen, obwohl im Allgemeinen sehr pragmatische und wenig menschenfreundliche Leute, sich darüber klargeworden sind, dass niemand ein so zerrissenes und hartes Leben führen kann. Ich habe von Handelsreisenden gehört, die im Irrenhaus gelandet sind oder einen angehenden Kunden ermordet oder in einem Luxushotel Selbstmord begangen haben, wohl wissend, dass die ungewöhnlichen Exzesse (Hallenschwimmbad, Sauna, Massagen, hard drinks, aber vor allem die chemische Reinigung) vergeblich von einem posthumen Gehalt abgezogen werden würden, das sie wohlweislich überzogen hatten und das ohnehin niemand mehr beziehen würde. Wenigstens mit gebügeltem Anzug sterben.