
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel «The Lost Time Accidents» bei Farrar, Straus and Giroux, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2016
Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«The Lost Time Accidents» Copyright © 2016 by John Wray
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Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München
Der Abdruck der Zitatauszüge aus «Die Form der Zeit» von George Kubler, Frankfurt 1982, erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages, Berlin.
Redaktion Susanne Aeckerle
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ISBN Printausgabe 978-3-499-27053-6 (Taschenbuch, 1. Auflage 2016)
ISBN E-Book 978-3-644-04751-8
www.rowohlt.de
ISBN 978-3-644-04751-8
Für Edward, Barbara, Peter und Anni
Neulich nachts sah ich die Ewigkeit
Einem Ring gleich aus reinem, endlosem Licht,
Ebenso still wie hell;
Im Rund drunter verging die Zeit in Stunden, Tagen, Jahren,
Getrieben von den Sphären,
Ein gewaltiger Schatten, in den hinein die Welt
Mit all ihrem Gefolge geschleudert ward.
Henry Vaughan

Liebe Mrs. Haven,
um 08:47 Uhr EST bin ich heute Morgen aufgewacht und fand mich von der Zeit ausgeschlossen.
Ich sehe Dich vor mir, wie Du diesen Brief liest. Ich sei vor Kummer verrückt geworden, wirst Du Dir sagen, hätte den Verstand verloren, doch war ich nie klarer im Kopf. Bitte glaube mir, Mrs. Haven, wenn ich schreibe, dass dies kein Scherz ist. Ungebremst dreht sich die Zeit um mich herum, gluckert wie ein Whirlpool, wandelt sich wie ein Quantenfeld, rotiert wie eine Galaxie um ihre zentrale Nabe – in der Mitte aber ruht alles still.
Besteht die Hoffnung, wie unendlich klein auch immer, dass Du eines Tages dieses Manuskript finden und lesen wirst? Glaubte ich nicht daran, könnte ich nicht weitermachen. Und wenn ich nicht weitermache, verschwinde ich vollends.
Ein Physiker würde diesen Ort wohl eine ‹Singularität› nennen, einen Punkt in der Raumzeit, an dem die Gesetze des Kosmos nicht gelten, doch gleicht er keiner mir geläufigen Singularität. Die einzige von der Physik anerkannte Singularität ist, wie Du sehr wohl weißt, ein Punkt unendlicher Dichte und Schwere, der alles – sogar das Licht – aus jenem Kontinuum reißt, in dem Zeit existiert. Ein schwarzes Loch, mit anderen Worten, das mich längst in Stücke hätte reißen müssen.
Nur ist dieser Ort kein schwarzes Loch, da bin ich mir sicher.
Zunächst einmal ist er nämlich bequem: ein Sessel, ein kleiner Tisch, eine halbleere Flasche Foster’s Lager, ein Stapel Briefpapier, ein nachfüllbarer Federhalter aus Schildpatt jener Art, wie man ihn in Duty-free-Katalogen von Flugzeugen findet, aber im Traum nicht kaufen würde. Zudem ist es ein Ort, den ich gut kenne: die Bibliothek meiner verstorbenen Tanten in ihrer Wohnung in der 109th Street, Ecke Fifth Avenue, im vierten Stock eines verfallenen Stadthauses mit dem recht unwahrscheinlichen Namen ‹The General Lee›, am gutbürgerlichen Ende vom Central Park. Du bist nie hier gewesen, Mrs. Haven, weil nie jemand herkam – seit der Nixon-Ära haben meine Tanten keine Besucher mehr empfangen. Allerdings will ich mir sicher sein, dass Du Dir diesen Ort genau vorstellen kannst. Er ist ziemlich vollgestopft, doch ist er meine ganze Welt.
Montag, 08:47 Uhr EST
Wäre Noah von Gott beauftragt worden, eine Arche für Konsumgüter statt für Tiere zu bauen – und wäre Noah ein betrunkener Paranoiker gewesen –, hätte seine Arche vermutlich wie diese Wohnung ausgesehen. Das Zimmer, in dem ich sitze, ist sechs mal neun Meter groß, geradezu riesig für Harlemer Verhältnisse: Parkettboden, gotische Erker, die Decke braun und altersbucklig. Verschwommen erinnere ich mich aus Kindertagen an taubenblaue Wände, doch kann ich von meinem Platz aus ihre Farbe nicht erkennen. Und das liegt daran, dass bis auf einen glockenförmigen Umkreis um meinen Sessel – sowie eine Art Tunnel, der sich von einem Zimmer zum anderen schlängelt – jeder Quadratzentimeter dieser Wohnung mit Schuhkartons vollgestellt ist, mit Zeitungsstapeln, Gasbetonsteinen, Schaufensterpuppen, Verpackungschips, Gameboys, Lautsprecheranlagen, Puppenhäusern, Groschenheftchen, Sammeltellern, Kronleuchtern, Sägeböcken, Vergasern, Fahrrädern, Almanachen, Humidoren, Sturmgewehren, verschlissenen Sofas, Tafeln, VHS-Videospielern, Betamax-Videospielern, CD-Spielern, Frisbees, Pyramiden aus abgewetzten Tennisbällen, den Ausgaben eines halben Jahrhunderts Popular Mechanics, Omni, The Wall Street Journal, Amazing Stories, Scientific American, Barley Legal, Juggs und Modern Internment Magazine, Bestellkatalogen, College-Jahrbüchern, Highschool-Jahrbüchern, Betriebsanleitungen für längst nicht mehr hergestellte Produkte sowie mit allem auch nur erdenklichen, von Menschenhand gefertigten Strandgut. Uhren will ich gar nicht erst erwähnen, schließlich reden wir von Tolliver-Besitz: Chronometer jedweder Art und jedweden Modells, mit einem Pendel versehen, mit geöltem, aufgezogenem Federwerk oder summenden Schaltkreisen vermessen derart beharrlich Spanish Harlems Fortgang durch die sogenannte ‹vierte› Dimension, dass ich weinen möchte.
Ich bin mir nicht sicher, was Du über das Ableben meiner Tanten gehört hast – eine Weile stand allerhand darüber in den Zeitungen, insbesondere in der Regenbogenpresse –, nun, ein würdevolles Dahinscheiden war ihnen jedenfalls nicht beschieden. Meine Tanten hatten Mühe loszulassen, Mrs. Haven. Und das, wurde mir gesagt, liege in der Familie.
Montag, 08:47 Uhr EST
Einen ersten Hinweis darauf, dass mein Vater und ich aus verschiedenen Sternensystemen stammen, erhielt ich als Kind durch einen Witz. Es war im ländlichen Teil des Staates New York während der Hundstage eines makellosen Sommers, der, wie ich mir schon halb eingeredet hatte, niemals zu Ende gehen würde: Ich saß mit meiner Mutter in unserer schwülwarmen, sonnendurchtränkten Küche, knibbelte am Schorf meines linken Ellbogens und nörgelte darüber, wieder zur Schule zu müssen. Orson – er bestand darauf, dass ich ihn ‹Orson› nannte, niemals ‹Dad› – kam aus seinem Schreibzimmer im Souterrain und grinste aus irgendeinem Grund, den ich nie herausgefunden habe. Er hörte sich mein Geschimpfe an, bis er es schließlich nicht länger ertrug.
«Es gibt da ein Sprichwort der Venusianer, Waldy, von dem du vielleicht etwas lernen kannst.»
Ich schluckte den Köder und stellte die erwartete Frage.
«Auf der Erde mag die Zeit fliegen wie ein Pfeil», der dramatischen Wirkung zuliebe legte er eine Pause ein, «Fliegen aber mögen Bananen.»
Das war’s. Er schaute meine Mutter an, dann mich, stieß einen zufriedenen Rülpser aus und verschwand in seinen Keller wie eine Krake, die eine Tintenwolke hinter sich zurücklässt.
Orson hatte einen schrecklichen Sinn für Humor, Mrs. Haven – kein Humor ist so abgeschmackt wie der eines Science-Fiction-Autors –, doch gerade dieser Scherz saugte sich wie eine Zecke an meinem sechsjährigen Verstand fest. Als ich Jahre später herausfand, dass er ihn von den Marx Brothers geklaut hatte, führte ich einen kleinen Freudentanz auf: Damit mussten also die Groucho-Kinder fertigwerden, nicht ich. Trotzdem drängt sich mir heute diese Erinnerung auf, jetzt, da die Zeit für mich gar nicht mehr vergeht, schon gar nicht wie im Flug, und mein Leben dieser Banane gleicht: leicht angeditscht, reglos, weich und matschig, eine träge Masse, von Erinnerungen umschwärmt wie von Fliegen.
Es gab einen Grund, warum mir Orsons Scherz so unter die Haut ging: Ich wusste schon damals, dass die Zeit nicht wie ein Pfeil fliegt. Die Überzeugung, seit Newton sei jeder Physiker nur ein Schwindler oder ein Simpel (oder beides) gewesen, gilt in unserer Familie als ein Dogma, das von Generation zu Generation vererbt wird wie eine Blutrache oder eine Nussallergie. Ich wuchs in dem Wissen auf, dass die Zeit wie ein Bumerang fliegt, wie ein Satellit oder – wenn es denn unbedingt ein Pfeil sein muss – wie der Pfeil einer gutgeölten Wetterfahne. Meine Tanten haben stets behauptet, ich wäre dazu auserkoren, die Tollivers aus dem Souterrain des Vergessens zu führen, wäre derjenige, der ihren spinnerten Ansichten zum Durchbruch verhülfe, der unsere gemeinsamen Obsessionen der Welt nahebrächte: Allein deshalb hatte man mich auf den Namen meines Großonkels getauft. Ich widersetzte mich ihrer Prophezeiung, so lang ich konnte – gut zwanzig Jahre –, musste am Ende aber doch die Kärrnerarbeit für sie erledigen. Was bleibt einem mit einem Namen wie Waldemar auch anderes übrig?
Ob Du es glaubst oder nicht, Mrs. Haven, aber es gab eine Zeit, da klang der Name edel und fremd in meinen Ohren, fast wie Aragorn, Thor oder Ivanhoe. Ich war kaum mehr als ein kniehoher Rotzlöffel, wie Orson sich auszudrücken beliebte, und hielt meine Tanten und meinen Großvater (sogar Orson selbst) für Zauberer oder Halbgötter. Ich wusste nichts über meinen Namenspatron – dafür hatten sie alle gesorgt –, nur, dass er etwas Außergewöhnliches vollbracht hatte. Wenn die Sprache auf ihn kam, senkten die Erwachsenen ihre Stimme, doch wurde sein Name nur selten in den Mund genommen, fast als verlöre er mit jeder Wiederholung an Macht. Ich wuchs in dem Glauben auf, rechtmäßiger Erbe einer großen okkulten Tradition zu sein – einer, von der aber niemand sprach, solange ich noch nicht volljährig geworden war, und ich schwor mir, alles über diesen Großonkel in Erfahrung zu bringen, um meinem mystischen Geburtsanspruch möglichst gerecht zu werden, erzählte jedoch niemandem von diesem Vorhaben, nicht einmal meiner mich abgöttisch liebenden, duldsamen Mutter.
Ich muss schon früh geahnt haben, dass einmal der Tag kommen würde, an dem ich ihr damit Kummer bereitete.
Montag, 08:47 Uhr EST
Von meinem jetzigen Platz aus kann ich nicht viel sehen, sitze aber nicht allzu weit weg von den Fenstern, weshalb es mir – wenn ich den Hals recke und an einer vergilbenden Plexiglasbüste von J.W. Dunne vorbeischaue – gelingt, den lichtbesprenkelten Streifen eines Parks auszumachen. Für etwa eine Stunde am Tag haftet dieser Aussicht die Patina einer retuschierten Bilderpostkarte an: durchhängende Weidenäste, dämmrige Asphaltpromenaden, und Nutter’s Battery sowie das alte Holzbootshaus summen so geheimnisvoll, wie sie es nie zur Mittagszeit könnten. Gerade jetzt zum Beispiel geht die Sonne überm Harlemer Meer unter, ihr Licht blitzt vom Teichschlick auf und verleiht zwei übergewichtigen Wartungsarbeitern den Anschein eines frisch verliebten Paares in einer billigen Romanze. Die Welt dreht sich noch – nah genug, sie berühren zu können – und harrt geduldig meiner Rückkehr, aber die Uhr neben meinem Ellbogen – ein magnetischer Zeitmesser von Tolliver, Modell 8-Ω, präzise bis auf den 0000000000000000178sten Bruchteil einer Sekunde – bleibt, ähnlich wie bei Miss Havisham, unverrückt auf 8:47 Uhr Eastern Standard Time stehen.
So viele Kräfte mussten zusammenwirken, damit sich unsere Pfade in der Chronosphäre kreuzten, Mrs. Haven, gar, dass wir ein Bett miteinander teilten. Was für eine großartige und erschreckende Vorstellung! Verstehen wir unter der Vergangenheit eines bestimmten Ereignisses – nennen wir es Ereignis X – alle Dinge, die X beeinflussen können (wie es die breite Masse der Physiker behauptet), dann ließe sich die Gesamtheit der menschlichen Historie als die Vergangenheit unserer Affäre ansehen. Unter dem Einfluss eines Gott weiß was für giftigen Cocktails aus Furcht und Bedauern hast Du beschlossen, die Vorkommnisse der letzten sieben Monate zu ignorieren, doch glaube ich – was bleibt mir anderes übrig? –, Du könntest, wenn ich Zeugnis von unserer Geschichte ablege, bereit sein, Vergangenes wiederauferstehen zu lassen.
Ich sehe Dich direkt vor mir, wie Du beim Lesen den Kopf schüttelst, diesen prächtigen korkenzieherlockigen Kopf mit den durchschimmernden Ohren. In unmissverständlichem Ton hast Du mich aufgefordert, alle Spuren unserer Beziehung zu tilgen: Ich bekam eindeutige Anweisungen, schriftlich, es seinzulassen und mich zurückzuhalten. Ich mache Dir das nicht zum Vorwurf. Wir hatten schließlich drei Chancen – weit mehr, als wir verdienten –, und wir haben sie alle drei vermasselt.
Unser letzter, kühnster Versuch endete am Morgen des 14. August zwischen 8:17 Uhr und 11:47 Uhr MEZ in der Flitterwochensuite des Hotel Zrada in jener fatalen Kleinstadt in Mähren, an deren Namen ich mich lieber nicht erinnern will. Wir haben in Kleidern geschlafen, mit Armeslänge Abstand, zum ersten Mal in unserem heimlichen Liebesleben. Du teiltest mir mit, Du habest die ganze Nacht um einen Entschluss gerungen; ich weiß noch, wie Dein kupferfarbenes Haar ausschließlich auf eine Seite Deines Kopfes gefallen war, als wollte es den Weg zur Tür weisen. Unter Deinem linken Schlüsselbein entdeckte ich eine Konstellation von Sommersprossen – ein undeutlicher, pleiadenhafter Sternenhaufen, den ich noch nicht kannte –, und ich fragte mich, ob sie durch die kürzlich in Mr. Havens Gesellschaft zurückgelegte Safari an die Oberfläche Deiner Haut gelangt waren. Ein Bild stieg in mir auf, Du, nackt auf einem bengalischen Tiger, wie Du eine lange, gewundene Reihe Träger durch den khakifarbenen Busch anführst; ich wollte einen Scherz darüber machen, brachte jedoch nur ein halbersticktes Fiepen heraus, wie ein taubes Kind, das zu reden versucht..
Dir ist das entgangen, Mrs. Haven, weil Du mir gerade eine Rede gehalten hast. Ich beobachtete die Bewegung Deiner schönen Lippen und konnte Dir doch nicht folgen: Irgendwas Ungeheures geschah, so viel wusste ich, nur weigerte sich mein Verstand zu verstehen. Ich musste an etwas denken, was Du an unserem ersten gemeinsamen Tag gesagt hattest, damals, als wir aus dem Ziegfeld-Kino kamen, nachdem wir uns einen der typischen Hollywood-Liebesfilme angesehen hatten:
«Es müsste ein Wort für dieses Gefühl geben, Walter.»
«Für welches Gefühl?»
«Das, was man hat, wenn man aus einem Film kommt – vor allem am Tag –, wenn man meint, was draußen geschieht, gehöre immer noch zum Film.»
«Die alten Griechen haben es euphasia genannt», sagte ich, hatte das Wort aber aus dem Stegreif erfunden.
«Was bist du doch für ein cleveres Bürschchen.» Du lachtest und batest mich dann, das Wort für Dich zu buchstabieren, was ich tat. An diesem perfekten Nachmittag konnte einfach nichts schiefgehen.
«Euphasia», wiederholtest Du nachdenklich. «Das werde ich mir merken.»
Meine Erinnerungen an unsere letzten Stunden wurden seither zur Nova, schwollen an und wurden so strahlend hell, dass ich nichts weiter als das Licht sehen kann, auch wenn ich spüre – nein, auch wenn ich weiß –, dass direkt dahinter herrliche Dinge verborgen sind. Ich will entlang der Kausalkette zurückpilgern, will die Gründe hinter den Gründen erforschen und meine Fehler aufreihen, um sie mit jenen meiner unglückseligen Vorfahren vergleichen zu können. Von dem Augenblick an, als wir uns kennenlernten, kam ich mir wie ein Hochstapler vor, wie das einzig normal proportionierte Mitglied einer Familie von Zirkusfreaks, das verzweifelt seine Abstammung zu vertuschen sucht. Mit dieser Niederschrift ist damit nun Schluss, Mrs. Haven. Ich werde Dir die Tollivers erklären, Dir eine Privatführung durch unser kleines, schäbiges Kuriositätenkabinett geben, aber damit Du auch wirklich alles sehen kannst, werde ich zuvor mit der Axt auf die Vitrinen einschlagen. Und ich muss darüber hinaus mit meinem Namenspatron abrechnen, mit Waldemar Freiherr von Toula, Physiker, Fanatiker und schwarzer Zeitmesser von Äschenwald-Czas, über dessen viele Verbrechen ich endlich aussagen werde.
Ich schreibe, um Dich zu mir zurückzuholen, Mrs. Haven. Das kann ich nicht leugnen. Ich will erneut ins Kontinuum, wenn auch nur, weil es der Ort ist – oder das Feld oder der Zustand –, in dem Du existierst. Dorthin gibt es jedoch nur einen Weg, und allein den Gedanken daran finde ich entsetzlich.
Ich schreibe, um Dir vom Geheimnis der verlorenen Zeit zu erzählen.
Am 12. Juni 1903, zweidreiviertel Stunden, ehe er von einem nahezu bewegungslosen Automobil überrollt wurde, machte mein Urgroßvater eine Entdeckung, die versprach, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Ottokar Gottfriedens Toula, Vater zweier Kinder, Amateurphysiker, von Beruf Gewürzgurkenanbauer, hatte den Vormittag in seinem Labor verbracht – einer umgebauten Einlegerei direkt unterhalb des Hauptplatzes im mährischen Znojmo, der Gewürzgurkenhauptstadt des Habsburger Reiches – und wollte gerade für den Nachmittag abschließen, als ihm etwas an der Anordnung der Gegenstände auf seiner Werkbank ins Auge fiel. Laut seinen Notizen blieb er nahezu eine Viertelstunde lang reglos stehen, in der rechten Hand noch die Schlüssel, und starrte über seine linke Schulter hinweg auf die räumliche Dynamik zwischen einem Tiegel, einem Einweckglas und einer allmählich verfaulenden Winterbirne.
Ein misstönendes, penetrantes Geräusch – das Klirren des Schlüsselbundes, wie er schließlich begriff – weckte ihn aus seiner Erstarrung, woraufhin er sich mit zittrigem Schritt der Werkbank näherte. Als er einen Platz auf seinem wie stets überladenen Tisch freigeräumt, sich den Zwicker auf die Nase geklemmt und das Notizbuch unter einem Häuflein Kirschkerne hervorgefischt hatte, formte sich in seinem Kopf bereits der erste, grobe Versuch einer Theorie. Er ließ sich auf die Bank nieder, achtete sorgsam darauf, damit nicht umzukippen, und verfasste in weniger als einer Stunde jenen Eintrag – sieben Seiten in schräger, flüssiger Schreibschrift –, der über die nächsten hundert Jahre die Träume seiner Nachfahren heimsuchen sollte.
Ich kann dies unmöglich wissen, Mrs. Haven – jedenfalls nicht alles –, aber ich hoffe, Du hast ein wenig Nachsicht mit mir. Ottokars Notizen, meine einzige Quelle, sind so trocken wie Bleistiftspäne. Allein durch die mir selbst gewährte Erlaubnis zum Spekulieren sehe ich eine Möglichkeit, diese Urszene zum Leben zu erwecken und Dich gleichsam an meiner Seite zu halten – natürlich nur in potentia. Imagination ist schließlich eine Form der Zeitreise, sei sie auch noch so ruckelig und unvollständig, und letztlich ist jede Geschichte ein Täuschungsversuch.
Der hübsche Ort, in dem mein Urgroßvater lebte und starb – Znaim für die herrschende deutsche Klasse, Znojmo für die Tschechen –, war ein so blühendes wie bescheidenes, kakanisches Provinzstädtchen, das allgemein für seine hübschen Aussichten auf den Fluss Thaya bekannt war, für seine Einlegereien und für weiter nichts. Eine Postkarte aus jenem Jahr, in dem Ottokar starb, bündelt diese beiden herausragenden Merkmale zu einem einzigen, kompakten Bild mit dem Titel ‹Ein Ausflug nach Znaim›. Darauf ist ein beleibter Geschäftsmann mit Melone zu sehen, der glückselig lächelnd über der Thaya schwebt; im Hintergrund der Marktplatz in rosigem Licht. Gewürzgurken lugen ihm aus jeder Tasche, und in der rechten Hand schwingt er eine Lakenbürste wie eine Reitgerte. Möglich wird sein Flug dank einer gargantuanischen, mitternachtsgrünen, unverfroren phallischen Gewürzgurke, auf der er wie ein selbstmordsüchtiger Gaucho reitet. Ein Gedicht in der linken Ecke trägt nicht das Mindeste zur Erklärung dieser Situation bei, scheint mir aber dennoch nicht ohne Bezug zum kurzen, Don Quichotte’schen Leben meines Urgroßvaters zu sein:
Eine Gurke aus dem Lande Znaim
Ist mächtiger als der Lauf der Zeit
Die erst saure, dann leckere Lake,
Wird süßer mit jedem vergehenden Tage.
Der einzige Anspruch auf einen Platz in der Geschichte, den Znojmo darüber hinaus erheben mag, ist seltsamerweise noch enger mit dem Schicksal des armen Ottokar verknüpft. Von 1716 bis 1719 war Václav Prokop Divis in dieser Stadt heimisch, ein katholischer, eigentlich nicht weiter erwähnenswerter Priester, hätte er nicht das außerordentliche Pech gehabt, zeitgleich mit Benjamin Franklin den Blitzableiter zu erfinden. Vergessen von der wissenschaftlichen Welt, starb Divis verarmt in einem mährischen Kloster, während Franklins pausbackiges Gesicht auf jedem Hundert-Dollar-Schein prangt. Daraus ließe sich eine Lehre ziehen – und sei es auch nur jene, welche Nachteile es mit sich bringt, ein Tscheche zu sein –, doch mein Urgroßvater entschied, sie zu ignorieren.
Eigenen Angaben zufolge war Ottokar eins zweiundneunzig groß, dreiundachtzig Kilo schwer und zum Zeitpunkt seines Ablebens im neunundvierzigsten Jahr seines Daseins. Allein wegen seiner Größe und seiner vielen Eigenheiten wäre er vermutlich überall aufgefallen, im verschlafenen, bescheidenen Znojmo aber gab er geradezu eine legendäre Gestalt ab. Das ganze Jahr über trug er denselben Wollmantel, den er gern sein «musikalisches Instrument» nannte, was man sich bis heute nicht erklären kann. Der eisengraue Bart – der trotz Ottokars strenggläubigem Katholizismus geradezu danach verlangte, talmudisch genannt zu werden – war ein wundersames Etwas für die Kinder, die ihm in respektvoller Entfernung folgten und jenen Moment abwarteten, in dem mein Urgroßvater abrupt stehen blieb, sich düsteren Blicks zu ihnen umwandte und grollend ein «der Heilige Augustinus beschütze euch, kleine Füchse» brummelte, ehe er die Karamellbonbons verteilte, die er in den Manteltaschen bei sich trug. Wesentlichen Anteil an Ottokars Berühmtheit hatte nämlich seine außergewöhnliche Vorliebe für Süßigkeiten sowie die stets mit feierlichem Ernst vorgebrachte Behauptung, in seinem Leben noch niemals eingelegte Gurken gegessen zu haben.
Ungeachtet seiner Schrullen, war mein Urgroßvater ein Gentleman jener Art, die man schon damals der «alten Schule» zurechnete, ein Mann, der in gleichem Maße seiner Familie, seiner Geliebten und dem Kaiser zugetan war. Trotz seines sachlich bedingten Interesses für die jeweils neusten Einlege- und Lagerungstechniken hegte er ein geradezu leidenschaftliches Misstrauen gegen all das, was er «neumodischen Krams» nannte, insbesondere gegen dessen Exempel par excellence, die pferdelose Kutsche. Er liebte es, am Abend spazieren zu gehen, gewöhnlich in Begleitung seiner Frau sowie seiner beiden Söhne Waldemar und Kaspar, und erwiderte die Grüße seiner Nachbarn gern mit einem würdevollen Lüpfen der Melone. Zu den noch seltenen Gelegenheiten, bei denen ein Automobil vorüberfuhr, trat er unweigerlich in dessen Fahrbahn, ohne auf die ihn umwirbelnden Staubwölkchen zu achten, und donnerte dem Gefährt mit der Stimme Jehovahs ein lautes «Verbrenne!» nach. (Die Tatsache, dass die Verbrennung in Gestalt eines Verbrennungsmotors ein Automobil letztlich erst ermöglichte, war eine Ironie, auf die ihn niemand hingewiesen hatte.) Ottokar war ein Mann, der um seinen Platz in der Welt wusste – ein Mann, der, genau wie der von ihm hochverehrte Kaiser, seine Bedeutsamkeit für selbstverständlich hielt.
Doch ohne dass mein Urgroßvater es ahnte, näherte er sich ebenso wie der Kaiser dem Ende seiner Zeit.
Laut Aussage der Person, die, soweit bekannt, vor dem Unfall als Letzte mit ihm gesprochen hatte, befand sich Ottokar während seiner letzten Stunden in einem Zustand geradezu himmlischer Erregung. Bei der fraglichen Zeugin handelt es sich um eine gewisse Marta Swoboda, die knödelgesichtige Gattin des maßgeblichen Metzgers am Orte, mit der mein Urgroßvater seit seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr eine heimliche Liebschaft pflegte. Fenchelwurst war eine Spezialität in Swobodas Laden, und Ottokar besaß die Angewohnheit, an jedem Wochentag um Viertel nach zwölf, also kurz nachdem das Geschäft für die Mittagspause schloss, ein ordentlich in Wachspapier gewickeltes, mit rotem Metzgerband umschnürtes Päckchen abzuholen, das wie ein Geburtstagsgeschenk stets für ihn bereitlag. (Wo der Herr des Hauses seine Mittagsstunde verbrachte, Mrs. Haven, weiß ich nicht zu sagen; vielleicht hatte er ja auch eine Valentinka.) Für die gesamte Dauer seines erwachsenen Daseins folgten die Tage meines Urgroßvaters einem unabänderlichen Plan, der sie mit vollkommener Symmetrie in dem Labor vorbehaltene Vormittage und in Nachmittage teilte, die allein dem Gurkengeschäft gewidmet waren. Die Stunde dazwischen aber blieb für eine Runde Tarock mit seinem kleinen Martalein reserviert, die – der einzigen Fotografie nach zu urteilen, die ich je von ihr gesehen habe – alles andere als klein war und deren Fenchelwurst man nachsagte, ob nun zu Recht oder nicht, ein wahrhaftes Manna für Götter gewesen zu sein.
Mein Urgroßvater erschien an diesem verhängnisvollen Vormittag früher als gewöhnlich und betupfte sich – obwohl keine Wolke am Himmel stand – die Stirn mit einem schmutzig grauen Werkstattlappen. Marta schob ihn gleich zum enormen Sofa in ihrem Schlafzimmer und bestand darauf, dass er Schuhe und Socken auszog. Ottokar tat ihr gutmütig den Gefallen, auch wenn er protestierend einwandte, sich gesundheitlich ausgezeichnet zu fühlen, ja, sich nie kraftvoller gefühlt zu haben, während er ihr zugleich wie stets nachgab. (Es ist schon komisch, Mrs. Haven: Wenn ich mir meine Eltern beim Liebesspiel vorstelle, dreht sich mir der Magen um, doch ich spüre nicht den geringsten Widerwillen, mir vorzustellen, wie mein Urgroßvater und seine Mätresse es wie zwei liebeskranke Paviane miteinander trieben. An diesem besonderen Tag sehe ich, eingedenk der Verfassung, in der sich Ottokar befand, wie die Frau des Metzgers ihn gleich einer Velozipedistin besteigt – wobei sie für den Fall einer plötzlichen Unterbrechung die Schürze umgebunden lässt – und seine Hüften mit ihrem fülligen Leib ins Polster drückt, was das französische Emaille der Sofalehnen wie die Schale eines zu lange gekochten Frühstückseis zersplittern lässt. Schließlich waren dies seine letzten irdischen Momente, und mir gefällt der Gedanke, er hätte das Beste draus gemacht.)
Irgendwann griff Ottokar schließlich mit der Linken in seine Manteltasche und zog einige – wenn auch nicht alle, was sehr wichtig ist – jener Papiere hervor, die er an der schicksalhaften Werkbank so hastig vollgekritzelt hatte, und breitete sie in einer Reihe auf dem Tisch aus. Er gestand, sich leicht erhitzt zu fühlen, und gestattete Frau Swoboda, ihm eine Kompresse auf die Stirn zu legen. Mit dem absurd präzisen Zeitgefühl, das die Männer unserer Familie schon immer auszeichnete, richtete er sich dann um fünf vor eins abrupt auf und verkündete, dass er gehen müsse. Die Pause schien ihm gutgetan zu haben, und seine Stirn fühlte sich kühler an, nur glänzten seine Augen etwas fiebrig, wie Marta verdutzt bemerkte. Sie bemühte sich allerdings nicht, ihn zurückzuhalten, als er taumelnd auf die Füße kam und das Haus verließ.
Es war kurz nach 13 Uhr MEZ, Ruhestunde in jedem Winkel dieses narkoleptischen Reiches und nach allgemein übereinstimmenden Berichten ein schwüler Nachmittag. Die Uhr am Radnicní-Turm schlug Viertel nach eins, als Ottokar die Obroková-Straße überquerte und gedankenverloren weit ausschritt, die Hände hinterm Rücken verschränkt, den Blick auf das frisch verlegte Pflaster gesenkt und in stillem Triumph vor sich hinnickend. Zur selben Zeit drehte Hildebrand Bachling, Händler in Schmuck und Taschenuhren aus Wien, gemächlich eine Runde um den Unteren Markt und gewährte der Öffentlichkeit so viel Zeit wie nur möglich, seinen von fünfzehn Pferdestärken angetriebenen Daimler zu bewundern. Die präzise Abfolge der dann einsetzenden Ereignisse ließ sich nicht mehr rekonstruieren, obwohl sich ein halbes Dutzend Toulas darum bemühen sollten: Höchstwahrscheinlich war Herr Bachling einen Moment lang abgelenkt – vom Lächeln eines Fräuleins? Dem Duft frischen Hopfens? –, weshalb er den Mann nicht bemerkte, der ihm in die Spur lief.
Reichtum ist bekanntermaßen nur selten von Dauer, Mrs. Haven, und auch die größte Kunst bleibt ihrer Kultur, ihrer Zeit verhaftet, ein wissenschaftlicher Durchbruch dagegen ist zeitlos. Wie Galileos Theorie des Planetensystems kann eine große Theorie ergänzt werden, sie kann verbessert werden wie Darwins Prinzip der natürlichen Auslese, man kann sie letztlich, wie Newtons Postulat der absoluten Zeit, sogar verwerfen, doch wenn sie einmal aufgenommen wurde – wenn sie durchs kollektive Gedärm gewandert ist und der sozio-konzeptuellen Kette hinzugefügt wurde –, dann verschwindet sie erst wieder mit dem Untergang allen menschlichen Wissens. Mein Urgroßvater hatte gerade eine Entdeckung gemacht, die ihm nicht bloß Ruhm und Reichtum – bei manchen auch Verruf –, sondern die Unsterblichkeit einzubringen versprach. Dieses berauschende Wissen dürfte seine Gedanken auf dem Heimweg beflügelt haben, als er die morgendlichen Berechnungen aufs Neue sichtete und prüfte wie eine Glasscherben sortierende Elster. Die Nachbarn sah er nicht und erwiderte auch niemandes Gruß; er nahm nichts weiter wahr als das Kopfsteinpflaster zu seinen Füßen. Das Brummen des Daimler-Motors wurde glattweg vom Gesumm seiner Gedanken übertönt.
Was dann geschah, wurde von jedem bezeugt, der sich an diesem Tag auf dem Platz befand. Urplötzlich nahm der Fahrer den Mann wahr, der ihm vor den Wagen lief – «Er kam wie aus dem Nichts», beteuerte er bei seiner eidesstattlichen Aussage, «wie aus der Luft» –, und Bachling riss hektisch an der Handbremse seines Daimlers. Ottokar war sich seines nahenden Endes nicht im mindesten bewusst, bis der Kühler sanft an seine Wampe tippte. Wie von selbst schien sich der Mantel über die Motorhaube zu legen, so als umhüllte er schon keinen Körper mehr, und ehe Ottokar aufs Pflaster schlug, war er bereits in Hemdsärmeln. Bachling öffnete den Mund zu einem koketten, ungläubigen ‹O› und wischte in dem absurden Versuch, sein Opfer fortscheuchen zu wollen, mit dem rechten Arm über die Windschutzscheibe; ein Satz loser Papiere schraubte sich geradeso lässig und unaufgeregt spiralförmig in den Himmel, wie der Daimler das Hindernis überrollte. Die Papiere blieben mitten auf der Straße liegen – perfekt angeordnet, denke ich mir –, doch nahm niemand davon auch nur die geringste Notiz.
Niemand, bis auf einen einzigen Passanten.
Montag, 08:47 Uhr EST
Das verrückteste aller Rätsel hinsichtlich meiner Lage, Mrs. Haven, ist nicht das Problem der Zeit, sondern die Frage nach dem Raum, wie ich sie mangels eines passenderen Ausdrucks nennen will. Meine Erinnerung an das seit unserer Trennung Vorgefallene ist im besten Falle lückenhaft, ein dunkles Durcheinander wirrer Impressionen; und die Tage und Stunden, die zu diesem Fegefeuer führten, scheinen gänzlich gelöscht zu sein. Verschwitzt und wie benebelt kam ich wieder zu mir, als schreckte ich an einer schlammigen, semi-tropischen Lagune aus einem nachmittäglichen Nickerchen auf und wäre immer noch nicht wieder ganz bei mir. Welche Kraft, welches Agens hat mich hierhergebracht? Warum unter allen möglichen gerade an diesen Ort? Wer hat die dicht umlagerte, kleine Höhle für mich freigeräumt, den Tisch für mich bereitgestellt, den Sessel, den Füller hingelegt, den Stapel säurefreien Papiers? Wer hat die Flasche fast ungenießbaren Biers halb ausgetrunken?
Als wollten sie mir zusätzlich den Weg ebnen, ragen gut ein Dutzend Bücher aus dem Chaos rund um diesen Sessel auf, und ein jedes bezieht sich auf meine Arbeit: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus, Kublers Die Form der Zeit, eine Biographie Einsteins im Taschenbuchformat und Der Orden unter dem Totenkopf – Die Geschichte der SS von einem reißerisch schreibenden, unbedeutenden Deutschen namens Friedrich Fröme, um nur einige wenige zu nennen. Wie bereits gesagt, ist dies einmal die Bibliothek meiner Tanten gewesen, doch scheint mir die Buchauswahl ein bisschen zu viel des Zufalls zu sein, weshalb ich gleichsam notgedrungen annehme – wie die steifen, stets auf Sicherheit bedachten Protestanten, die Dich großgezogen haben –, dass ich von einem intelligenten Wesen an diesen Ort versetzt wurde.
Einen ersten Versuch, die Geschichte meiner Familie zu schreiben, unternahm ich, als ich noch auf dem College war, und jenes Manuskript – TOULA, SILBERMANN, TOLLIVER: EINE NARRATIVE GENEALOGIE – liegt gleichfalls in Griffweite, noch in dem zerknitterten, braunen Umschlag, randvoll mit Tolliver-Fakten und Überlieferungen, der das Letzte war, was meine Tanten mir gegeben haben. Es ist ein langatmiger Murks, ein akribisch angelegtes Sammelsurium ‹primärer› Texte – immerhin war Geschichte mal mein Hauptfach –, und wenn ich es heute lese, finde ich den staubtrockenen, geflissentlichen Ton auf geradezu groteske Weise unangemessen für eine Familie, der ‹Objektivität› stets fremd (wenn nicht gar außerirdisch fremd) geblieben ist. Mit anderen Worten, Mrs. Haven, es ist ein unausgegorener, geschmackloser Faktenbrei, also das Gegenteil dessen, worauf ich jetzt aus bin. Du hast in Deinem Leben noch kein historisches Werk gelesen. Um für Dich die Vergangenheit lebendig zu machen, werde ich sie wie einen Wachtraum angehen müssen, vielleicht auch wie einen der billigen Krimis, die sich an Deinem Bett stapeln. Ich werde mein eigenes Dasein wie einen Thriller und zugleich wie einen Sci-Fi-Schmöker schildern – was wirklich nicht allzu schwer sein sollte.
Womit ich keinesfalls sagen will, Mrs. Haven, dass mir diese Bücher nicht gelegen kämen. Der Kubler zum Beispiel – eine elegante, kunstgeschichtliche Abhandlung mit hübschem, zweifarbigem Cover, das Dir bestimmt gefallen würde – liest sich wie eine Zusammenfassung der Bemühungen meiner Familie. Nimm allein dies Zitat von Seite siebzehn:
Unsere Signale aus der Vergangenheit sind nur sehr schwach, unsere Mittel und Möglichkeiten, ihre Bedeutung zu erschließen, sind noch immer sehr unvollkommen. Die Anfänge sind viel verschwommener als die Endpunkte, die sich zumindest durch den katastrophalen Verlauf eines äußeren Ereignisses festlegen lassen. Jeden Augenblick aber wird das Gewebe verworfen und Neues als Ersatz fürs Alte gesponnen, während von Zeit zu Zeit das gesamte Gefüge zittert und erbebt, nämlich dann, wenn sich neue Formen und Figurationen etablieren.
Ottokars Tod hätte, sowohl als Ende wie als Anfang, eigens erträumt sein können, um Kublers Ansicht zu bekräftigen. Das Ende, obwohl von der Hälfte der Einwohnerschaft Znojmos bezeugt, war nebulös genug, doch führten die Fragen, die sein Tod aufwarf, in einen Sumpf, in dem sich erst seine Kinder, dann seine Enkel und schließlich gar sein Urenkel hoffnungslos verloren. Auch wenn wir Tollivers die Wissenschaft – und auch Pseudo-Wissenschaft, Science-Fiction (und in einem Fall gar ausgemachten Humbug) – zu unserer Familienreligion erklärten, blieben wir doch stets eine rückwärtsgewandte Sippschaft und zahlten für unsere Nostalgie einen schrecklichen Preis. Wie ein unbestätigtes Gerücht, ein verleumderisches Buch, ein Golem, ein fleischfressender Zombie – nie ganz lebendig und folglich auch nicht auszulöschen – überschattete Ottokars Entdeckung unser aller Leben von der Wiege bis zum Grab.
Einmal, auf einem Schulausflug nach Schottland, wurde ich vom Reiseführer belehrt, dass auf jedem besseren Clan mindestens ein alter Fluch lasten solle, und schon damals, ich war noch keine fünfzehn Jahre alt, musste ich gleich an das Geheimnis der verlorenen Zeit denken. Unzählige Male habe ich mich gefragt, was aus uns geworden wäre, wenn mein Großvater auch nur einen Tag früher vor den Daimler gelaufen wäre, nur um wieder und wieder einzusehen, dass ich mich ebenso gut fragen könnte, wie anders es um uns stünde, wenn Ottokar nie gezeugt worden wäre. Die Zeit mag sich ebenso drehen wie alles andere im Universum, Mrs. Haven, doch sind die Kausalstrecken von Ursache und Wirkung nicht minder offensichtlich, wenn sie gekrümmt verlaufen. Hätten die Tollivers ein Familienwappen, dann eines in den Farben von Einlegelake und vergilbtem Notizpapier, die, zur Möbiusschleife verdreht, vor dem Hintergrund des pechschwarzen, erbarmungslosen, interstellaren Alls prangen.
Mein Urgroßvater starb, Mrs. Haven, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen, und das Drama seines Ablebens bewirkte, dass niemand die auf die Straße gefallenen Notizen beachtete. Zudem wäre nur eine einzige Person in der Lage gewesen, die volle Bedeutung dieser Blätter zu erfassen, doch die hinderte der Anstand, nun vorzutreten. Marta Swobodas ‹Aussage› wurde vor keinem Gericht gemacht. Und selbst wenn Bachling die damals noch recht simplen Verkehrsregeln verletzt haben sollte, hätte das geringfügige Fahrtempo genügt, ihn von jedem Verschulden freizusprechen. Frau Swobodas Vernehmung, sofern sie denn als solche gelten kann, wurde von Ottokars Söhnen durchgeführt, von Kaspar und Waldemar, Erben des väterlichen Unternehmens und seiner Vorliebe für Fenchelwurst.
Die Liaison von Ottokar und Marta war beileibe kein Geheimnis gewesen, und alle Augen (die meiner Urgroßmutter vielleicht ausgenommen) blieben in den kommenden Tagen und Wochen auf Marta gerichtet, doch war sie für ihre Nachbarn wohl eine Enttäuschung. Als die Metzgerei am nächsten Tag aufmachte, stand Marta wie gewöhnlich hinter der Theke – vielleicht ein wenig wortkarger, aber ansonsten sehr gefasst. Keiner ihrer Kunden erkühnte sich, ihr zu sagen, sie möge ihrem Kummer freien Lauf lassen, und sie tat auch nicht das Mindeste, um sie zu derlei zu ermuntern.
Als Waldemar und Kaspar dann ihre Aufwartung machten, erwies sie sich allerdings als nicht ganz so schweigsam.
Zur Zeit des Unfalls waren mein Großvater und dessen Bruder Teenager – ein Jahr oder so dürfte noch am mannbaren Alter gefehlt haben –, und oft hielt man sie für Zwillinge. Waldemar war ein wenig größer als sein älterer Bruder und hatte eine elegante Art, sich aufrechten Gangs durch die Welt zu bewegen; Kaspar – mein Großvater – war dagegen ein düsterer, stiller, für sein Alter sehr geschäftsmäßig wirkender Junge mit dem festen Kinn und gutmütigen Misstrauen des Emigranten, zu dem er einmal werden sollte. Waldemar galt als Liebling seiner Mutter, Kaspar als der seines Vaters. Obwohl Kaspar nicht so fesch und erst recht nicht so wagemutig wie sein jüngerer Bruder war, ruhten auf seinem breiten Rücken die Hoffnungen der Familie. Er strahlte etwas Vernünftiges aus, das Waldemar abging: Sein Mangel an Phantasie sei, fand man, genau das Korrektiv zu den Überspanntheiten seines Vaters, das Toula & Söhne nun brauchte. Am Morgen des sechsundzwanzigsten Juni aber war den Gedanken der beiden Jungen nichts so fern wie das Gurkengeschäft. Schulter an Schulter gingen sie die sechs Querstraßen weit zu Frau Swobodas Laden, unterhielten sich dabei in ernstem und wichtigtuerischem Flüsterton und klopften unisono an die gelbe Tür.
Marta Swoboda gab, von der Leibesfülle einmal abgesehen, eine eher ungewöhnliche Metzgersfrau ab: Sie war eine sanftmütige, stets tadellos gekleidete Frau mit einer Schwäche für Operette und einer Abneigung gegen den Geruch von rohem Fleisch. (Vielleicht war es ihr Gefühl, nicht recht herzugehören – fehlbesetzt in einer Welt zu sein, die von ihr kaum Kenntnis nahm –, das sie empfänglich für den Charme meines Urgroßvaters machte.) Sie war belesen und eine fleißige Tagebuchschreiberin: Das meiste, was ich über jene Zeit erfuhr, stammt aus ihren Journalen. Der Eintrag für den Sechsundzwanzigsten zum Beispiel, exakt zwei Wochen nach Ottokars Tod und sieben Tage nach seiner Beerdigung verfasst, gab mir ein erstes Bild von meinem Großvater als jungem Mann und dessen bald so verrufenem Bruder.
Kurz nach Mittag – die gewohnte Zeit für ihr Schäferstündchen – vernahm Marta deutlich Ottokars Klopfen an der Tür und wankte nach unten in den Laden; sie war von tiefer Trauer überwältigt, schlief schmerzlich wenig und fürchtete einen Moment lang um ihren Verstand. Auch die Silhouette, die sie durch die Milchglasscheibe sah, war die von Ottokar, und vielleicht wäre sie wieder nach oben geflüchtet, wäre ihr dahinter nicht eine zweite, etwas größere und weniger kompakte Gestalt aufgefallen. Seit die Toula-Jungen dem Krabbelalter entwachsen waren, hatte Marta kaum ein Wort mit ihnen gewechselt, und der Gedanke, jetzt mit ihnen reden zu müssen, machte ihr größere Angst, als jegliches Gespenst es vermocht hätte, dennoch entriegelte sie die Ladentür.
«Mahlzeit, Frau Swoboda», sagte der Kleinere. Er schien nicht recht zu wissen, ob er sich verbeugen oder ihr die Hand reichen sollte. Der Jüngere musterte sie mit kaltem Blick.
«Guten Tag», erwiderte sie und bemühte sich, mit normaler Stimme zu sprechen, doch klang sie trotzdem merkwürdig und hörte sich an, als wollte sie ihn korrigieren.
«Ich heiße Kaspar Toula», sagte der Junge, als ob Marta das nicht wüsste, was sie sehr höflich fand. Sein Traueranzug stand ihm schlecht, ja, er sah erbärmlich darin aus. Dem Vater war er wie aus dem Gesicht geschnitten – nur kleiner, gedrungener, irgendwie sachlicher –, und allein ihn anzusehen, tat ihr in den Augen weh. Sein Bruder war die elegantere Erscheinung, notierte Marta in ihrem Tagebuch: Er sah aus, schrieb sie, «als wäre er dafür gemacht, Schwarz zu tragen». Sie lud die Jungen ins Haus, obwohl Waldemar noch kein Wort gesagt hatte, und bat sie, sich an die Theke zu setzen, während sie ihnen eine Kleinigkeit holte. Schließlich waren sie kaum mehr als Kinder.
Als sie mit einer Platte kalter Sülze zurückkam, standen die Jungen immer noch da, wo sie sie zurückgelassen hatte, mitten im Laden, Hut in der Hand, so starrten sie blinzelnd auf die um sie herum aufgehängten Fleischstücke, als wären sie zwei schulschwänzende Jungen im Zoo. Sie wollen, dachte Marta, ihren Vater verstehen. Versuchen zu begreifen, was ihn hergeführt hatte. Im selben Moment war ihr klar, dass sie Bescheid wussten, und zu ihrer Überraschung spürte sie, wie sie das erleichterte. Sie wartete, bis sich die beiden setzten und anfingen zu essen, ehe sie ihnen ein Glas Bier einschenkte und sich selbst einen Holunderlikör, um sie dann zu fragen, womit sie dieses Vergnügen verdiene.
Wieder war es Kaspar, der antwortete. «Fräulein Swoboda», murmelte er, um sogleich erschreckend dunkelrot anzulaufen. «Frau Swoboda», korrigierte er sich und starrte wie gebannt auf einen Knopf ihrer Bluse.
«Ja?»
«Sie waren eine bonne amie unseres verstorbenen Vaters?»
Dies war eher eine Feststellung als eine Frage, und Marta sah keinen Grund, es zu leugnen.
«Wie schön», sagte Kaspar sichtlich erleichtert. «Sehr gut.» Er nickte und stopfte sich Brot mit Sülze in den Mund. Marta nippte an ihrem Likör und lächelte gelassen; ihre Angst war verflogen. Einmal richtete sie ihr Lächeln auch auf Waldemar, der weder Bier noch Sülze anrührte, doch schloss er die Augen, bis sie ihren Blick wieder abwandte. Er kommt nach der Mutter, entschied sie und fragte sich, wie es Resa wohl ging.
«Frau Swoboda», begann Kaspar erneut, der offenbar wieder festen Grund unter den Füßen hatte, «worüber haben Sie und mein Vater sich unterhalten, wenn er – nun ja, wenn er Sie aufgesucht hat?»
Marta erwiderte, sie hätten über Gott und die Welt geredet oder – wie sie sich in ihrem Tagebuch ausdrückte – «über alles und eigentlich auch über nichts».
«Ich verstehe», sagte Kaspar und sah zu seinem Bruder hinüber. «Frau Swoboda», begann er ein drittes Mal und umklammerte das Bierseidel wie ein Treppengeländer.
«Ja, Herr Toula? Was ist?»
«Frau Swoboda …»
«Hat er über seine Arbeit geredet?», platzte es aus Waldemar heraus. Es waren seine ersten Worte in diesem Haus. «Hat er Ihnen gegenüber je ‹Das Geheimnis der verlorenen Zeit› erwähnt?»
Martas Blick wanderte zwischen den beiden jungen, ungeduldigen Gesichtern hin und her. «Er hatte einen Hang zum Plaudern, euer armer Vater, also weiß ich es nicht genau. Ich habe öfter einfach mal abgeschaltet.»
«Hab ich’s dir nicht gesagt?», murmelte Waldemar so verbittert, dass Marta zusammenzuckte. «Hab ich’s dir nicht gesagt?» Doch Kaspar achtete nicht auf ihn.
«Frau Swoboda – befand sich mein Vater in einem Zustand besonderer Erregung? Ich meine, als er das letzte Mal bei Ihnen war.»
Kichernd ließ Marta sich zurücksinken, und der Junge lief noch dunkler an als zuvor. «Ich muss mich entschuldigen», stotterte er. «Was ich fragen wollte …»
«Mein Bruder will Folgendes wissen», unterbrach ihn Waldemar. «War Herr Toula wegen einer bestimmten Sache vielleicht sehr aufgewühlt? Ist an jenem Tag etwas passiert, das für ihn von besonderem Interesse war?»
Marta gab zu, dass dies der Fall gewesen sei.
«Und? Was ist es gewesen?», fragte Waldemar. «Warum zum Teufel geben Sie uns keine klare Antwort?»
Mit einem Blick brachte Kaspar seinen Bruder zum Verstummen und wandte sich dann mit seiner klaren, unaufgeregten Stimme, die ihn um so vieles älter wirken ließ, an die Geliebte seines Vaters.
«Als man unseren Vater im Krankenhaus entkleidete, fand man in einer seiner Taschen einen Zettel – eine Art Nachricht, in der Ihr Name vorkommt. Möchten Sie vielleicht einmal einen Blick darauf werfen?»
Sie erwiderte, das würde sie gern, und ein Blatt blaues, zweimal gefaltetes Papier im Oktavformat wurde vor ihr auf der fettfleckigen Theke ausgebreitet.