Caleb Krisp


Aus dem Englischen von
Petra Koob-Pawis
Vignetten von
Eva Schöffmann-Davidov


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1. Auflage 2016
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe
cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2016 Caleb Krisp
Erstmals erschienen 2016 unter dem Titel
»Somebody stop Ivy Pocket«
bei Bloomsbury Publishing, London
Übersetzung: Petra Koob-Pawis
Umschlagkonzeption und -illustration: Eva Schöffmann-Davidov
CK · Herstellung: UK
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-15690-9
V001
www.cbj-verlag.de

Kapitel 1
»Was hast du uns diesmal mitgebracht, Ivy?«
Ich klopfte auf die Tasche meines Kleids. »Blüten im Wind. Es ist fürchterlich berührend und handelt davon, dass man tot umfällt und in einer warmen Brise davonschwebt.«
Ezra Snagsbys Hängebacken schwabbelten ganz prächtig, als er mir zunickte. »Sehr gut.« Er sah mich unter dem Dickicht seiner buschigen Augenbrauen hervor besorgt an. »Du liest es genauso vor, wie es dort steht, nicht wahr, Ivy?«
»Ja, mein Lieber. Jedes einzelne langweilige Wort.«
Er nickte erneut, aber diesmal galt sein Nicken Mutter Snagsby, die schrecklich würdevoll war. Selbst wenn die Kutsche über ein Schlagloch fuhr und wir wie Lumpenpuppen hin und her geschüttelt wurden, blieb Mutter Snagsby stocksteif sitzen.
»Blüten im Wind habe ich Miss Carnage zu verdanken«, sagte ich und strich mein allerbestes königsblaues Kleid (mit der weißen Schärpe) glatt. »Seit Mr Abercrombie verschwunden ist, führt sie die Bibliothek. Der gute Mann wurde zuletzt irgendwo zwischen den griechischen Sagen und französischen Romanen gesichtet. Alles höchst geheimnisvoll. Miss Carnage ist erst seit ein paar Wochen in der Bibliothek, aber sie hat mich bereits fürchterlich ins Herz geschlossen.«
»Das ist ja sehr interessant, Ivy«, seufzte Ezra und lehnte den Kopf gegen die Kutschenwand. Kaum waren seine Lider zugefallen, fing der alte Mann auch schon zu schnarchen an. »Schneller, Kutscher«, bellte Mutter Snagsby und stieß mit der Spitze ihres Schirms gegen das Kutschendach. »Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«
Als ich vor drei Monaten von Miss Frost nach London zu den Snagsbys geschickt worden war, hatte ich keinerlei Erfahrung gehabt, wie es ist, eine Tochter zu sein. An meine leibliche Mutter kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass sie tot ist. Miss Frost hat mich einst mehr oder weniger zufällig in einem grässlichen Haus gefunden, auf dem Schoß meiner leblosen Mutter liegend. Schnell hat sich herausgestellt, dass ich als Tochter ein echtes Naturtalent bin.
»Du hast eine Peitsche, Mann, also benutze sie auch«, plärrte Mutter Snagsby und streckte den Kopf zum Fenster hinaus. »Oder muss ich erst auf den Kutschbock klettern und die Zügel selbst in die Hand nehmen?«
Die Snagsbys waren ein entzückendes Paar. Steinalt. Köpfe wie leicht ramponierte Melonen. Zueinanderpassende Buckel. Aber wunderbar liebevoll. Unbeschreiblich kuschelig. Ihre Tochter Gretel war auf einem Mädcheninternat in Paris, sodass ich in den Genuss ihrer ganzen Liebe kam. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass ich ihr Augapfel war. Die Sonne, die ihre Tage erhellte.
»Schiel nicht so, junge Dame«, blaffte Mutter Snagsby und bedachte mich warmherzig mit einem finsteren Blick. »Sonst hält man dich noch für eine Taschendiebin.«
Mutter Snagsby überhäufte mich großzügig mit solchen kleinen Häppchen mütterlicher Ratschläge und Liebesbezeugungen. Stets wies sie mich darauf hin, was ich besser machen konnte, damit ich nicht mehr ganz so abscheulich war. Das war wirklich herzallerliebst von ihr.
»Sitz gerade«, befahl sie mir. »Wenn ein Mädchen nicht mit ansehnlichen Zügen oder hübschen Haaren gesegnet ist, muss es mit anderen Fertigkeiten zu überzeugen wissen – mit einer guten Haltung, gewählter Sprache und makellosen Manieren.«
»Und du, liebe Mutter, weißt sie sehr wirkungsvoll einzusetzen«, sagte ich und unterstrich meine Worte mit einem verständnisvollen Lächeln. »Deine großzügige Anwendung von Puder wirkt wahre Wunder. Erstaunlich, wie wenig es braucht, um eine solche Verbesserung zu erzielen.«
Mutter Snagsby schüttelte den Kopf, als wäre ich der größte Einfaltspinsel. »Was hat Miss Frost sich nur dabei gedacht, dich vor unserer Türschwelle abzusetzen?«
»Miss Frost ist wunderbar«, schwärmte ich. »Sie schien genau zu wissen, wie gut wir zueinanderpassen.«
Mutter Snagsby schüttelte erneut den Kopf. Zweifellos versuchte sie die Freudentränen zu unterdrücken, die jeden Augenblick aus ihren Knopfaugen hervorzutreten und uns alle zu überschwemmen drohten. Die Snagsbys kamen so gut wie nie auf Miss Frost zu sprechen. Sie kannten sie nur flüchtig und hielten sie für eine reisende Gouvernante. Und trotzdem war Miss Frost zu Ohren gekommen, dass die beiden auf der Suche nach einer Tochter waren. Sie fragten mich nie, woher ich Miss Frost kannte oder wieso ich in Butterfield Park gewesen war. Genau genommen zeigten die Snagsbys nicht das geringste Interesse an meinem früheren Leben.
»Richte deinen Zopf«, sagte Mutter Snagsby. »Deine Haare sehen aus, als wärst du in einen Sturm geraten.«
»Was ja auch stimmt«, erwiderte ich und zupfte mein Haar zurecht. »Als ich heute Morgen die Milch geholt, Brot gekauft, den Speck für euer Frühstück besorgt und deine Schuhe zum Reparieren gebracht habe, blies ein grässlicher Wind. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein Obstverkäufer durch die Luft flog und gegen eine vorbeikommende Kutsche geschleudert wurde. Der arme Mann zerbrach in drei Teile. Zutiefst tragisch.«
»Humbug«, knurrte Mutter Snagsby.
»Er würde das sicher anders sehen, meine Liebe«, widersprach ich ernst. »Denk doch nur an seine Frau und seine elf Kinder.«
Die Snagsbys ahnten natürlich nichts vom Uhrendiamanten. Ich war in fürchterlicher Versuchung, ihnen von dem Geheimnis zu erzählen, das ebenso entzückend wie entsetzlich war, aber ich hatte Miss Frost mein Wort gegeben. Außerdem waren die Snagsbys einfache Leute. Weltfremd. So feinsinnig wie Rührei. Es würde sie nur verängstigen, wenn sie wüssten, dass ich eine unschätzbar wertvolle und lebensgefährliche Halskette trug.
»Wir machen keine Spazierfahrt durch den Park«, knurrte die alte Ziege. »Also hopp, hopp!«
Wir waren tatsächlich etwas in Eile. Und daran war ganz allein der Tod schuld. Mein bestes blaues Kleid. Das Gedicht in meiner Tasche. Das Maßband, das um Ezras knochigen Hals baumelte. Die Snagsbys verdienten ihren Lebensunterhalt damit, Särge herzustellen. Snagsbys preisgünstige Bestattungen war ein florierendes Geschäft, das die Kunden mit großzügigen Rabatten für maßgefertigte Särge lockte.
»Der Aufbahrungssaal war heute Morgen in einem fürchterlichen Zustand«, sagte Mutter Snagsby und schenkte mir einen Blick voll mütterlicher Zuneigung. »Wenn unser Auftrag erledigt ist, wirst du ihn putzen, bis alles blitzt und blinkt. Verstehst du mich, junges Fräulein?«
»Das ist schwer zu sagen, meine Liebe«, erwiderte ich. »Du hast die Angewohnheit, zu nuscheln – es ist einfacher, mir vorzustellen, was du gesagt haben könntest, und dementsprechend zu handeln.«
Bevor Mutter Snagsby in helle Begeisterung ausbrechen konnte, kam die Kutsche mit einem Ruck zum Stehen. Der klapperdürre Ezra wurde vornübergeschleudert und landete direkt vor meinen Füßen. Der arme Kerl schreckte aus seinem Schlaf hoch und stöhnte schmerzerfüllt. Dann griff er sich an den Rücken und richtete sich langsam auf.
»Beweg dich, Ezra, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit«, fauchte ihn seine Frau an und spähte hinaus auf eine trostlose Häuserreihe.
»Wenn du Rückenschmerzen hast, kann ich dir ein ausgezeichnetes Heilmittel empfehlen«, sagte ich, während die Kutschentür bereits aufschwang. »Dazu braucht es nur eine Tasse Schmalz, ein Garnknäuel, drei Karotten und eine Feldmaus.«
Ezra gluckste laut, was schrecklich unangebracht war. Mutter Snagsby verdrehte die Augen und stieß ihren Ehemann zur Kutsche hinaus. Dann richtete sie ihren Blick auf mich.
»Das ist ein Haus des Todes«, sagte sie streng. »Du weißt genau, welches Benehmen ich von dir erwarte. Halte dich im Hintergrund, bis du gebraucht wirst, und wenn es so weit ist, dann mach, was man von dir verlangt. Verstanden?«
Ich nickte.
Mutter Snagsby stieg aus der Kutsche und ich folgte ihr.
»Dem Himmel sei Dank, dass Sie gekommen sind!«
Mrs Blackhorn war eine atemberaubende Gestalt: dicker Bauch, teigige Wangen und schlimmer Mundgeruch. Aber am beeindruckendsten war das, was auf ihrem Kopf saß. Eine prächtige Krone aus goldenen Ringellocken, die immer wieder über ihre Brauen rutschte. Mrs Blackhorn war andauernd damit beschäftigt, sie hochzuschieben, während sie am Krankenbett ihres Ehemanns einen großen Wirbel veranstaltete.
»Ich zähle schon die Minuten!«, kreischte sie und umklammerte dabei ihr staubtrockenes Taschentuch. Energisch scheuchte sie uns in die verdunkelte Schlafkammer. »Der arme Mr Blackhorn wird nicht mehr lange auf dieser Welt weilen, der Arzt sagt, sein Herz macht langsam schlapp. Ich habe ihn Tag und Nacht umsorgt – nicht umsonst nennt er mich einen Engel.«
»Teufelin würde es eher treffen!«, bellte der sterbende Mann, der ein aschfahles Gesicht hatte, und hob seinen Kopf aus dem Kissen. »Ich muss in diesem schmuddeligen, flohverseuchten Bett sterben, während du mein Geld für elegante Seidenbänder und törichte Lockenfrisuren ausgibst.«
Ezra nahm sein Maßband und widmete sich der grässlichen Aufgabe, Mr Blackhorns Maße zu nehmen.
»Still, mein Lieber«, sagte Mrs Blackhorn und bedeckte den Kopf ihres Gatten mit einem feuchten Tuch. »Das Fieber spricht aus ihm. Ich werde ihn lieben bis zum Ende aller Zeiten, wie es sich gehört, aber wenn er erst einmal von uns gegangen ist, halte ich es nur für recht und billig, mir die eine oder andere Wohltat zu gönnen. Zum Beispiel meine entzückenden Haare frisieren zu lassen und so weiter.« Sie tätschelte ihre Locken, als wären sie aus gesponnenem Gold. »Selbstverständlich habe ich Naturlocken.«
Ich lachte. Ziemlich laut sogar. Mrs Blackhorn wirbelte herum und sah mich finster an. Leider machte ihre Lockenpracht die Bewegung nicht mit, sodass ihr liebliches rundes Gesicht hinter einem Wust Haare verschwand. Während das arme Geschöpf die Frisur richtete, zog mich Mutter Snagsby vom Totenbett weg.
»Das junge Fräulein hat ein Gedicht ausgesucht, das Ihnen etwas Trost spenden soll, Mr Blackhorn«, sagte sie laut. »Eine Dienstleistung, die wir seit Neuestem allen unseren Kunden kostenlos anbieten.«
Mr Blackhorn zog das Tuch vom Kopf. Die Kerze hinter seinem Bett warf gespenstische Schatten auf sein Gesicht. Der Kranke hatte eingefallene Wangen und einen grauen Schnurrbart, aber in seinen Augen lag immer noch ein Funkeln. »Habe ich nicht schon genug gelitten?«
Seine Frau drehte sich um und sah ihn kummervoll an. »Es wird ein Trost für seine Schwester sein, wenn ich ihr schreibe, dass die letzten Worte, die George vernommen hat, die Verse eines schönen Gedichts waren. Fang an, Mädchen.«
»Die letzten Worte?«, stieß Mr Blackhorn hervor. »Ich bin noch nicht tot, Martha, also schick diese vermaledeiten Sargmacher weg! Mir geht es so gut wie seit Tagen nicht mehr.«
»Das stimmt nicht!«, tadelte ihn seine Frau entschieden. »Du stirbst, George, also wehre dich nicht länger.« Sie betupfte ihre Augen, ihre Brust hob und senkte sich. »Ich wünsche mir nur, dass mein geliebter Gatte in Frieden dahinscheidet.«
Mutter Snagsby nickte mir zu, woraufhin ich das Gedicht aus meiner Tasche angelte und loslegte.
Meine wahre Liebe erlischt gleich einem sterbenden Licht
Ihre Seele entweicht und verweht wie Blüten im Wind
Dem Zeitenlauf des Lebens entflieht der Mensch nicht
Muss sich dem Tod ergeben wie Blüten dem Wind.
Es war ein scheußliches Gedicht. Langweilig, bedeutungsschwer und düster. Es war grauenvoll! Aus diesem Grund fuhr ich folgendermaßen fort:
»Mrs Blackhorn schwört Stein und Bein,
ihr Gatte werde immer ihre große Liebe sein.
Die arme Kuh müsste vor Kummer zerfließen,
doch sie schafft es nicht mal, eine Träne zu vergießen.«
Mrs Blackhorn schnappte nach Luft und schlug die Hand vors Gesicht. Mr Blackhorn gluckste vergnügt und klatschte in die Hände. Wie herrlich vielversprechend!
Ich dichtete weiter:
»Mr Blackhorn verabschiedet sich in Frieden vom Leben
Bald lässt er die Flöhe allein im Bett zurück
Hat der alte Griesgram erst den Löffel abgegeben
Findet seine Frau mit einer neuen Perücke ihr Glück.«
»Hör sofort auf!«, zischte Mutter Snagsby. Dann wandte sie sich Mrs Blackhorn zu. »Ich entschuldige mich für das Mädchen, ich habe ihr ausdrücklich untersagt, eigene Reime zu erfinden.«
»Ich fand es großartig«, erklärte Mr Blackhorn.
Seine Frau war an seinem Bett zusammengesunken und kreischte etwas Unfreundliches in meine Richtung. Mutter Snagsby versuchte sie zu trösten, während Ezra mich zu einem Stuhl in der Ecke schob. »Setz dich, Ivy«, wies er mich an. »Und warte, bis wir fertig sind.«
Nachdem Mrs Blackhorn endlich aufgehört hatte, wie ein Schaf zu blöken, verließ sie das Zimmer, um sich frisch zu machen und ihre Perücke zurechtzurücken. Ein Dienstmädchen brachte eine Kanne Tee für die Snagsbys und ein Glas Milch für mich. Ich hasste warme Milch. Widerliches Zeug. Aber aus irgendeinem Grund bestand Mutter Snagsby darauf, dass ich es trank, während sie und Ezra wie immer die letzten geschäftlichen Einzelheiten zum Sarg besprachen und was weiß ich nicht alles.
»Schäm dich«, schimpfte mich Mutter Snagsby, als sie mir das Glas reichte. »Das war unverzeihlich von dir. Trink die Milch und halte deinen Schnabel.«
Ausnahmsweise gehorchte ich ihr.
»Wach auf!«
Ich zitterte. Nein, eine Hand hatte mich an der Schulter gepackt und rüttelte mich.
»Wach auf, sage ich.« Es war Mutter Snagsby. »Wach sofort auf!«
Ich öffnete die Augen. Verspürte ein Brennen in der Brust. Sah mich heftig blinzelnd um. Dann gähnte ich wie ein Kleinkind und streckte die Arme aus. Ich brauchte ein oder zwei Augenblicke, um zu erkennen, wo ich mich befand. In Mr Blackhorns düsterem Schlafzimmer. Nur dass das Zimmer schon nicht mehr Mr Blackhorn gehörte. Ein Laken bedeckte seinen leblosen Körper. An seiner Seite weinte seine schluchzende Frau echte Tränen.
»Aber ich dachte … Mr Blackhorn sagte doch, es ginge ihm schon besser«, murmelte ich leise.
»Er hat sich geirrt«, antwortete Mutter Snagsby.
»Wie lange habe ich geschlafen?«
»Lange genug«, sagte Mutter Snagsby und nahm das leere Milchglas, das ich auf dem Tisch neben mir abgestellt hatte. »Das scheint langsam zur Gewohnheit zu werden, junges Fräulein. Schläfst du nachts nicht?«
»Im Gegenteil, ich schlafe wie ein Stein, meine Liebe.« Ich stand auf, setzte mich aber sofort wieder hin, denn um mich herum drehte sich alles. In den vergangenen Monaten war ich tatsächlich hin und wieder vom Schlaf übermannt worden. Immer dann, wenn ich ein Gedicht am Bett eines Sterbenden vorgelesen hatte. Merkwürdige Sache. Und da war noch etwas. Meine Brust war schrecklich heiß. Ich legte die Hand an mein Herz. Die Wärme ging nicht von meiner Brust aus, sondern vom Uhrendiamanten. Gewiss gab es eine vernünftige Erklärung dafür. Ich wusste nur nicht welche.
Ezra schlurfte zu Mrs Blackhorn und bezeugte ihr sein Beileid.
Ganz anders Mutter Snagsby. Sie reichte Mrs Blackhorn die Rechnung. »Meine Leute werden die Leiche innerhalb der nächsten Stunde abholen.« Der Ton, den sie der trauernden Witwe gegenüber anschlug, war kühl und geschäftsmäßig. »Der Tod verrichtet sein Handwerk schnell, Mrs Blackhorn. Ich empfehle Ihnen, keinen Blick mehr unter den Totenschleier zu werfen. Behalten Sie Ihren Gatten so in Erinnerung, wie er war. Um alles Übrige kümmert sich Snagsbys preisgünstige Bestattungen.«
Mrs Blackhorn nickte stumm.
»Er hat seinen Frieden«, sagte Ezra. »Das wird Ihnen gewiss ein Trost sein.«
»Ja, das hätte ich gedacht«, sagte Mrs Blackhorn matt.
Mutter Snagsby griff nach ihrem Schirm, dann winkte sie mich und Ezra zu sich.
»Lasst uns gehen«, sagte sie und marschierte schnurstracks zur Tür. »Unsere Arbeit ist getan.«


Kapitel 2
Jeden Sonntagmorgen Punkt neun verschwanden die Snagsbys. Was ich als große Erleichterung empfand. Der Grund war Adelaide Snagsby, Ezras Lieblingsschwester. Einmal die Woche zogen die Snagsbys ihre beste Kleidung an und machten sich auf den Weg zu Adelaides Fremdenpension in Bayswater. Nur ich war nicht eingeladen.
Denn ich existierte ja nicht.
Die Tatsache, dass ihr Bruder ein zwölfjähriges Dienstmädchen von zweifelhafter Herkunft adoptiert hatte, schien die engstirnige dumme Pute nicht verkraften zu können. Deshalb hielt man mich geheim. Ich blieb mit einer Liste von Aufgaben zurück, während die Snagsbys loszogen, um Sahnetorte in sich hineinzuschaufeln und über das Wetter zu plaudern.
Manchmal veranstaltete ich deswegen einen grandiosen Aufstand. Aber nicht heute. Mutter Snagsby grollte immer noch wegen des Gedichts für Mr Blackhorn. Zwei Tage war das nun schon her und sie hatte seither kaum ein Wort mit mir gesprochen.
»Wir sind spät dran«, murmelte Ezra und kam aus der Werkstatt geschlurft. Ezra fertigte sämtliche Billigsärge in der Kutschenremise im hinteren Garten, verbrachte allerdings auch viel Zeit damit, unter einem Mandelbaum zu dösen.
»Mutter Snagsby ist in der Küche«, sagte ich und schob Schaufel und Besen beiseite, um ihn durchzulassen.
Das Haus der Snagsbys war schmal und hoch und schien jede Art von Staub geradezu magisch anzuziehen. Im Erdgeschoss befand sich das Bestattungsgeschäft – der Aufbahrungssaal und das Empfangszimmer für die Kunden waren hübsch und elegant. Im Obergeschoss befand sich die Wohnung – die Räume dort waren verblasst, abgenutzt und düster (mit Ausnahme von Gretels Zimmer).
Ezra warf einen Blick Richtung Küche und kratzte sich an seinen Hamsterbacken. »Speck?«
Ich nickte. »Es ist ihr dritter Teller.«
Mutter Snagsby hatte eine unnatürliche Schwäche für Speck. Sie aß ihn eimerweise. Die arme Mrs Dickens (Haushälterin und Köchin in einer Person) schickte mich ständig zum Metzger, um Nachschub zu holen.
Seufzend setzte sich der alte Mann auf einen Stuhl unter das Porträt seiner Tochter Gretel. In jedem Zimmer des Hauses befanden sich Gemälde von ihr, sogar in der Küche – für jedes Lebensjahr eines, angefangen von der Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen war, bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag, als man sie aufs Mädcheninternat nach Paris schickte. Und alle hatte Mutter Snagsby höchstpersönlich gemalt. Sie konnte recht gut mit dem Pinsel umgehen. Das Bild über Ezras kahlem Kopf zeigte Gretel im Alter von zehn oder elf Jahren, wie sie auf einem Pferd saß und sehr vergnügt dreinblickte.
»Das kann nicht gut für sie sein«, murmelte Ezra leise. »Immer dieser Speck.«
»Keine Sorge, mein Lieber«, sagte ich und wischte meine Hände an der scheußlichen Schürze ab, die ich auf Anweisung von Mutter Snagsby tragen musste. »Als ich Dienstmädchen bei den Midwinters war, hat Miss Lucy einen ganzen Winter lang nichts außer Rüben gegessen.« Ich lächelte Ezra aufmunternd an. »Es hat keinen großen Schaden angerichtet. Nun ja, abgesehen davon, dass ihre Haut sich grünlich verfärbt hat. Und wenn ich mich recht entsinne, hatte sie auch kein Gefühl mehr im Gesicht. Aber abgesehen davon war sie munter wie ein Fisch im Wasser.«
»Steh auf, Ezra!«, fuhr Mutter Snagsby ihn an und eilte hinaus in den schmalen Gang.
Ezra sprang sofort auf, denn er war fürchterlich gehorsam. Mutter Snagsby wischte sich die Fettreste des Specks vom Kinn und beäugte mich frostig. »Was sitzt du hier herum, junges Fräulein? Der Staub löst sich nicht von alleine in Luft auf!«
»Darf ich euch darauf hinweisen, dass ich als eure Tochter nicht abstauben und polieren und fegen sollte wie ein kleines Aschenputtel. Ganz zu schweigen davon, dass ich Besucher an der Tür empfange, reihenweise Teekannen heranschleppe und deine höllische Unterwäsche wasche.«
»Und was wäre aus dir geworden, wenn Ezra und ich dich nicht bei uns aufgenommen hätten?« Mutter Snagsby streifte sich blassgrüne Handschuhe über, passend zu ihrem blassgrünen Kleid. »In diesem Haus wird gearbeitet und jeder muss mithelfen, auch Töchter.«
Mutter Snagsbys Alter war schwer einzuschätzen. Ihr Gesicht war bemerkenswert. Eine dicke weiße Puderschicht bedeckte ihre dellige Haut. Feine Falten umrahmten die hellblauen Augen und den schmalen Mund. Das schwarze Haar war an den Schläfen von weißen Strähnen durchzogen, und über der Oberlippe prangte ein enorm großer Leberfleck, der aussah wie ein kleiner Plumpudding.
»Aber zum Leben gehört mehr dazu, meine Liebe«, gab ich zu bedenken und hob die Kehrschaufel auf. »Warum bekommen wir nie Besuch? Habt ihr denn gar keine Freunde?« Im selben Moment schnappte ich nach Luft, denn ich hatte einen grandiosen Geistesblitz. »Ich habe eine Idee! Wir könnten einen zauberhaften Nachmittagstee veranstalten und einige Mädchen meines Alters dazu einladen. Stellt euch vor, wie nett es wäre, wenn zur Abwechslung einmal Leute in unser Haus kämen, die nicht eine aufgebahrte Leiche anschauen wollen?«
»Das ist völlig ausgeschlossen«, lautete Mutter Snagsbys steife Antwort. »Aber da du anscheinend auf Gesellschaft aus bist, junges Fräulein, schlage ich vor, dass du, nachdem du deine Pflichten erledigt hast, zur Bibliothek gehst und ein paar passende würdevolle Gedichte aussuchst – statt sie dir selbst auszudenken. So etwas gehört sich nicht.«
Ezra setzte seine Mütze auf und öffnete die Haustür. »Halte dich an die Hauptstraßen, Ivy«, ermahnte er mich, so wie immer. »Keine Abkürzungen, hast du gehört?«
»Ja, mein Lieber«, seufzte ich ergeben.
Die Snagsbys traten hinaus in die Morgensonne und weg waren sie.
Auf dem langen Fußmarsch von Paddington zur Bibliothek verlor ich mich in Grübeleien. Es war meine Nachdenkzeit. Mir ging ziemlich viel durch den Kopf. Jede Menge Geheimnisse. Die Snagsbys hatten nicht die geringste Ahnung von meinen Abenteuern in Paris oder von meiner Reise nach England mit Miss Always oder von den Ereignissen in Butterfield Park. Mutter Snagsby missbilligte ja schon die Art, wie ich abstaubte, ich mochte mir gar nicht erst vorstellen, wie sie die Nachricht aufnehmen würde, dass ich tot war. Oder zumindest halb tot.
Und dann war da noch die Sache mit dem Uhrendiamanten, jenem verfluchten magischen Stein, der mich schon vor vielen Monaten hätte töten sollen, als ich ihn zum ersten Mal anlegte. Dieses Schmuckstück besitzt nämlich eine große Macht: Es stiehlt Seelen. Von den unschuldigen Narren, die dumm genug sind, die Halskette anzulegen, bleiben nur verdorrte Hüllen zurück. Genau dieses Schicksal hatte die arme Rebecca ereilt.
Zudem konnte das Schmuckstück Bilder der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zeigen. Aber seit ich über die Hausschwelle der Snagsbys getreten war, hatte sich der Diamant als Enttäuschung erwiesen. Lange Zeit hatte ich keine einzige Vision mehr gehabt. Dies hatte sich erst geändert, als ich in Mr Blackhorns Schlafzimmer aufgewacht war und die Wärme des Steins auf der Haut gespürt hatte.
Das wiederum hatte mich auf die Idee gebracht, dass der Diamant mir vielleicht etwas zeigen wollte. Daher war ich, kaum dass wir wieder zu Hause waren, in mein Zimmer geeilt und hatte den Stein angestarrt. Würde er mir einen Einblick in meine tragische Vergangenheit gewähren? Oder in meine ruhmreiche Zukunft? Vielleicht würde er mir einen verwirrenden Hinweis darauf geben, warum der Uhrendiamant mich nicht ein für alle Mal getötet hatte, so wie alle anderen. Aber nein. In dem Stein war nur die Gegenwart zu sehen – London im Licht der untergehenden Nachmittagssonne. Ein schwerer Schlag für mich.
Kühle empfing mich, als ich durch die imposanten Türen der Bibliothek von London trat. Sie war wie ein Bienenstock, in dem gelehrte Emsigkeit herrschte. Überall waren Menschen, die mit großer Begeisterung lasen. Andere schleppten Bücherstapel und unterhielten sich im Flüsterton. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen, so wie ich es überall tat. Aber wonach hielt ich eigentlich Ausschau? Ganz sicher nicht nach Miss Frost. Es war kaum damit zu rechnen, dass sie plötzlich auftauchte und mich auf ein spannendes Abenteuer mitnahm. Am Bahnhof in Suffolk hatte sie mir versprochen, dass sie stets ein Auge auf mich haben würde, auch wenn ich sie nicht sehen konnte. Was das anging, hatte ich meine Zweifel.
Die gefährlich übergeschnappte Miss Always war ebenfalls wie vom Erdboden verschwunden. Seit sie in Butterfield Park vom Dach gesprungen war, hatte ich die verrückte Kuh nicht mehr gesehen. Falls sie mich wirklich für den Dual hielt – jene Retterin, die ein ganzes Volk von einer verheerenden Seuche heilen würde –, warum war sie dann nicht schon längst aufgetaucht? Warum hatte sie nicht versucht, mich zu schnappen und nach Prospa zu verschleppen (der geheimnisvollen Welt, aus der sie und Miss Frost kamen)? Vielleicht hatte Miss Frost recht gehabt, und London war tatsächlich der einzige Ort, an dem Miss Always nicht nach mir suchen würde.
»Du bist falsch hier, Ivy.«
Ich lächelte. »Tatsächlich?«
Miss Carnage deutete auf das Schild vor mir – Mystik und das Okkulte. »Die Gedichtabteilung ist oben.« Sie knuffte scherzhaft meinen Arm. »Gerade du müsstest das doch wissen.«
Ich kannte Miss Carnage erst seit ein paar Wochen, aber sie erfüllte alle Erwartungen, die man an eine Bibliothekarin stellen konnte. Schäbige Kleidung. Schrecklich dicke Brillengläser. Ergrauende Haare, die zu einem Mit-mir-ist-nicht-zu-spaßen-Dutt hochgesteckt waren. Schiefe Nase. Riesiges Kinn. Zähne so groß wie Schrifttafeln. Sie war mollig und bewegte sich wie eine Ente, mit kleinen watschelnden Schritten.
»Sie haben recht«, sagte ich. »Ich war mit meinen Gedanken woanders.«
»Es beunruhigt mich, dass du so viel Zeit mit traurig-düsteren Gedichten verbringst«, sagte Miss Carnage sehr bestimmt. »Es geht mich zwar nichts an, aber meiner Meinung nach ist es der Gesundheit eines jungen Mädchens nicht zuträglich, Sterbenden Gedichte vorzulesen. Ganz und gar nicht zuträglich.«
Ich nickte seufzend. »Es ist nicht so lustig, wie man meinen könnte.«
Miss Carnage spähte in den schmalen Gang zwischen den Bücherreihen. »Dass du geistesabwesend in diese Abteilung gegangen bist, war ganz sicher kein Zufall. Angesichts des Geschäfts deiner Eltern wundert es mich nicht, dass Mystik und das Okkulte eine gewisse Faszination auf dich ausübt.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Eigentlich nicht, meine Liebe.«
Miss Carnage überging meine Antwort und sagte: »Die Bücher, die hier stehen, behandeln in der Tat finstere Themen. Dinge, mit denen du keinerlei Erfahrung hast, wie zum Beispiel Verbindungen zum Reich der Geister, Fluchgegenstände und Gespenstererscheinungen.«
»Keine Erfahrung?«, schnaubte ich. »Miss Carnage, ich habe mehr Geistererscheinungen gesehen, als Sie einsame Abende am Kaminfeuer verbracht haben.«
»Gütiger Himmel.« Miss Carnage schob ihre Brille über die krumme Nase. »Du hast Gespenster gesehen? Echte Gespenster?«
»Dutzende«, erwiderte ich. »Rachsüchtige. Traurige. Verlorene.«
»Wie faszinierend!« Miss Carnage zog mich den Gang entlang und ließ im Gehen den Blick über die Buchrücken schweifen. »Wenn das so ist, habe ich hier einige Bücher, die dich sicherlich interessieren werden. Manche von ihnen sind allerdings derart aufrührerisch, dass sie auf allgemeine Ablehnung stoßen.« Sie blickte sich suchend um, als würden wir gerade am Bahnsteig auf einen Zug warten. »Die Bibliothek hält einige dieser Bücher unter Verschluss, weshalb die Werke in Vergessenheit geraten sind. Bücher über Gespensterdinge, Welten innerhalb von Welten … und all so was.«
Miss Carnage sah mich erwartungsvoll an.
»Ehrlich, meine Liebe, ich bin nicht im Geringsten –«
»Da haben wir es ja!« Sie zog blitzschnell fünf Bände aus dem Regal. »Wenn du von Geistern heimgesucht wirst, musst du dich mit dem entsprechenden Rüstzeug bewaffnen, um sie wieder loszuwerden.« Miss Carnage überreichte mir voller Enthusiasmus den Bücherstapel. »Das oberste ist am interessantesten – Berühmte Geister von Schottland und Wales von Miss Geraldine Always.«
»Eine grässliche Frau«, hörte ich mich murmeln.
»Du kennst die Verfasserin?«
Ich nickte. »Um die Wahrheit zu sagen, hielt ich sie für eine Freundin, für eine Busenfreundin sogar, aber das war ein fürchterlicher Irrtum. Ist Ihnen so etwas auch schon einmal passiert, meine Liebe?«
Stille.
Ich blickte hoch – aber von Miss Carnage war weit und breit nichts zu sehen.
Im selben Moment hörte ich hinter mir die Fußbodendielen knarzen. Ich wirbelte herum in der Erwartung, die weichherzige Bibliothekarin zu sehen. Aber der Gang war leer. Wie seltsam. Vielleicht lag es daran, dass ich gerade über Miss Always nachgedacht hatte, oder daran, dass ich plötzlich ganz allein zwischen den langen, düsteren Bücherreihen stand. Was auch immer es war, ich setzte mich rasch in Bewegung, um schleunigst von hier wegzukommen.
Als ich aus dem Gang hinaustrat, verspürte ich eine geradezu beschämende Erleichterung. Die Geschäftigkeit an den Lesetischen war eine willkommene Ablenkung für mich. Das war vielleicht auch der Grund dafür, warum ich den Fuß, der sich mir plötzlich in den Weg stellte und mich ins Stolpern brachte, nicht bemerkte. Ich fiel der Länge nach hin. Das laute Getöse, als meine Bücher zu Boden polterten, zerriss wie eine ohrenbetäubende Symphonie die Stille.
Als ich mich aufrappelte, fiel mein Blick zuerst auf ein Paar schwarze Stiefel, dann auf den Saum eines eleganten lilafarbenen Rocks.
»Also wirklich, meine Liebe«, sagte ich und sammelte hastig die Bücher ein. »Sie sollten besser aufpassen, wohin Sie gehen. Wenn ich nicht die über alles geliebte Tochter zweier ungeheuer aufrechter Sargmacher wäre, würde ich Ihnen mit einem Buch über rachsüchtige Gespenster eins über den Kopf ziehen.«
Mit großer Würde stand ich auf, blickte meiner Angreiferin ins Gesicht – und schnappte überrascht nach Luft.
Matilda Butterfield lächelte zwar, aber ihre hübschen Augen funkelten boshaft. »Da bist du ja, Pocket.«
