Buch
Alice Bassi, 36 Jahre alt und Produktionsassistentin bei einem kleinen TV-Sender in Mailand, wurde soeben von ihrer großen Liebe verlassen. Als würde das nicht schon reichen, geschieht ihr in der Arbeit ein Missgeschick nach dem anderen, und das auch noch vor den Augen des neu angeheuerten, gutaussehenden Unternehmensberaters Davide, der dem maroden Sender wieder auf die Beine helfen soll. Alice bangt um ihren Job – und ist kurz vor dem Verzweifeln. Doch dann begegnet ihr Tio, ein exzentrischer Schauspieler, der sich mit Horoskopen auskennt und gemeinsam mit ihr ein Fernsehformat entwickelt, das liebeskummergeplagten Menschen mit astrologischem Rat zur Seite steht. Aber können die Sterne wirklich alles richten? Und vor allem: Können sie Alice’ Männerprobleme lösen?
Autorin
Silvia Zucca hat englische Literaturwissenschaften studiert und war genau wie ihre Protagonistin jahrelang bei einem TV-Sender in Mailand angestellt. Heute arbeitet sie als Autorin und Übersetzerin und widmet ihre ganze Zeit dem Schreiben. Die Rechte an ihrem Debüt Alles eine Frage der Sterne haben sich noch vor Erscheinen in 16 Länder verkauft.
Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und www.twitter.com/BlanvaletVerlag
Silvia Zucca
Alles eine Frage
der Sterne
Roman
Deutsch von Ingrid Ickler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
Guida astrologica per cuori infranti bei Editrice Nord s.u.r.l.
Dank an Simon & The Stars für die astrologische Beratung
facebook.com/simonandthestars
1. Auflage
Copyright der Originalausgabe © 2015 by Silvia Zucca
Vermittelt durch Laura Ceccacci Agency
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2016 by Blanvalet
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Angela Troni
Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de
Umschlagmotiv: © www.buerosued.de
KW · Herstellung: kw
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-16596-3
V001
www.blanvalet.de
Für meinen Vater
zu seinem runden Geburtstag
und für meine Mutter,
die mir das Lesen beigebracht hat
Prolog

Sternzeichen auf Standby
Es gibt Tage, da spürst du es in den Knochen. Du wachst auf und weißt genau, dass alles schiefgehen wird, dass du besser im Bett bleiben, dich auf die Seite drehen und dir die Decke über den Kopf ziehen solltest.
In einem Film würde man jetzt meine Stimme aus dem Off sagen hören, dass ich keine Lust habe aufzustehen, sondern es Zeit für mein SURVIVAL-KIT unter dem Bett ist.
Dort lagern in einer Kiste neben einem Foto des Sixpacks von Hugh Jackman Marshmallows, ein Päckchen Puffmais zum Popcorn Selbermachen und diverse Spielfilme, natürlich auf VHS-Kassetten, von deren Existenz der Videothekar meines Vertrauens, vor dem ich die Cineastin mime, auf keinen Fall erfahren darf.
Denn statt der drei großen K, die in diesem Fall nicht für den Ku-Klux-Klan, sondern für Kubrick, Kiarostami und Kusturica stehen, deren Filme ich in vorderster Front in meinem Billy-Regal im Wohnzimmer stehen habe, verstecke ich unter dem Bett Streifen wie Notting Hill, Dirty Dancing, Pretty Woman und Ghost …
Ich gebe es zu: Immer wenn in meinem Leben etwas total danebengeht, dann gebe ich mir eine Überdosis Schnulzen. Nur warum müssen es ausgerechnet diese romantischen Komödien aus den 1980ern und 1990ern sein? Warum werde ich nicht erwachsen und diese Filme bleiben schwärmerische Erinnerungen an meine Kindheit, wie die Madeleines bei Marcel Proust? Ich habe keine Chance. Kaum flimmern die ersten Bilder über den Schirm, kehre ich in die geschützte und sichere Welt aus Kindertagen zurück, die mir vorgaukelt, im Leben hätte alles seine Ordnung, und auch wenn zwischenzeitlich alles schiefgeht, wartet immer ein Happy End, punktgenau bei Minute 120, gerade rechtzeitig vor dem Abspann.
Heute ist einer dieser Tage. Das ist mir klar, kaum dass mich das Schrillen des Weckers aus dem Schlaf gerissen hat. Ich bin in Versuchung, in großer sogar, dem nachzugeben, doch ganz offensichtlich haben meine Survival-Kit-Tage die Tendenz, bevorzugt montags aufzutreten, immer dann, wenn bei der Arbeit ein ultrawichtiges Meeting angesetzt ist, nur vergleichbar mit einem UNO-Gipfel.
Ich wusste schon gestern Abend, dass die volle Dröhnung Vergiss mein nicht! keine gute Idee war. Zumindest ab dem Moment, als ich mich entschloss, meine aufkommende Melancholie in einer Flasche Louis Roederer zu ertränken. Mit dem Champagner wollten wir eigentlich unser Einjähriges feiern, wozu es nicht mehr gekommen ist.
Es gibt Momente im Leben, in denen du dir mit voller Absicht wehtun willst. Einer davon war gestern Abend, und so gesehen, endete er erfolgreich: über der Kloschüssel.
Während ich die Decke zur Seite schiebe und mich in die Küche schleppe, in der Hoffnung, dass ein massiver Koffeinschub wahre Wunder wirken und mich wieder zum Leben erwecken wird, schalte ich wie in Trance das Radio ein, um die Nachrichten zu hören und mich daran zu erfreuen, dass es anderen noch schlechter geht als mir.
Schließlich raffe ich mich auf und schlurfe ins Bad. O mein Gott. Aus dem Spiegel starrt mich eine weibliche Version von Dorian Gray im Pyjama an. Mit den Augenringen ähnele ich einem Panda mit Perücke.
Carlo, ich hasse dich. Mit diesem Gefühl sammele ich die Reste meines Selbst zusammen, genau wie die Überbleibsel meiner gestrigen Fressorgie, die noch überall herumliegen.
Carlo ist mein Ex-Verlobter. Fünf gemeinsame Jahre. Fünf Jahre, sieben Monate, zwölf Tage und vier Stunden (jedenfalls ungefähr) haben wir zusammengewohnt, bis vor zwei Jahren. Sicher, in zwei Jahren kann man sich ein neues Leben aufbauen, und das habe ich auch gemacht. Oder besser, ich habe es versucht, wenn ich mir die Liste seiner Nachfolger so durch den Kopf gehen lasse (der letzte war Giorgio, von ihm stammt übrigens der Champagner). Das Problem ist, dass die anderen kamen und gingen, während Carlo geblieben ist. Auch wenn wir nicht mehr zusammen waren. Ich habe immer geglaubt, dass unsere Beziehung etwas ganz Besonderes war, mehr als die übliche Liebe, etwas Komplexeres, eine Art Seelenverwandtschaft. Wie in Harry und Sally.
Immer dann, wenn mir wieder mal einer dieser Typen das Herz gebrochen hatte, habe ich mich auf Carlos Sofa geflüchtet. Umgekehrt war es genauso, denn auch er heulte sich bei mir über seine flüchtigen Eroberungen aus. Immer in dem Bewusstsein, dass sie genau das bleiben: vergänglich.
Und jetzt das: Carlo wird heiraten. In drei Monaten. Woher ich das weiß? Durch Facebook. Diese blöde Gans von Cristina hat es auf ihrem Profil der ganzen Welt verkündet. Ich bin schwanger, Carlo und ich werden im September heiraten, an meinem Geburtstag!
Er war wahrscheinlich zu feige, um es zu posten. Na toll. Gratulation. Meine allerherzlichsten Glückwünsche. Und dazu einen Arschtritt, so gewaltig wie der Mailänder Dom. Dabei habe ich sie anfangs für eine Freundin gehalten.
Nicht, dass ich an Cristinas Stelle sein möchte. Gott bewahre! Es ist nur so, dass eigentlich ich als Erste heiraten sollte. Nicht Carlo. »Ladies first«, heißt es doch immer, oder?
Damit kommen wir zu meinem dringendsten Problem: mein Alter. Ich bin nicht mehr ganz taufrisch, die dreißig liegen schon eine Weile hinter mir. Ich möchte endlich den Richtigen kennenlernen, mich ernsthaft verlieben (und ebenfalls geliebt werden, so der Plan), eine Familie gründen. Stattdessen komme ich mir vor, als müsste ich mich für den Ball der einsamen Herzen anmelden, so trostlos ist mein Liebesleben.
»… mehrere Gewerkschaften ihre Teilnahme an dem für heute angesetzten Streik des öffentlichen Nahverkehrs bestätigt. Streikbeginn ist heute um Viertel vor neun, Streikschluss bei Fahrplanende, mit einer kurzen Unterbrechung von fünfzehn bis achtzehn Uhr …«
Ich sitze auf der Toilette, den Kopf auf den Knien, als ich aus dem Hintergrund die Stimme des Radiosprechers höre.
»Oh, verdammt!«
Die Nachricht wirkt auf meine Nerven wie eine Adrenalindusche. Das Meeting beginnt um halb zehn, und mein Auto ist noch bis Mittwoch in der Werkstatt.
Alice, komm in die Gänge! Wie konntest du das vergessen? Es ist bereits 8:04 Uhr, wenn die Uhr im Bad richtig geht. Von hier bis zur Straßenbahnhaltestelle dauert es etwa zehn Minuten, damit bleiben mir nicht einmal mehr zwanzig, um mich von Des Satans jüngster Tochter Carrie in eine Low-Budget-Version der Miss Italia zu verwandeln.
Ade Dusche, ade Glätteisen. Ade Nagellack. Den werfe ich aber in die Handtasche, wer weiß, vielleicht habe ich im Büro noch etwas Zeit, mich ein wenig aufzuhübschen. Ich schalte den Turbo ein und greife zu einem meiner Standardoutfits, um nicht auch noch über Klamotten nachdenken zu müssen.
Schneller als eine Einhundertmeterläuferin sprinte ich durch die Wohnung, stehe nach exakt zehn Minuten auf der Straße und verfluche mein chronisches Chaos, weswegen ich von vornherein darauf verzichtet habe, nach einem Schirm zu suchen.
Im sintflutartigen Regen rase ich zur Haltestelle, wo ich auf einige schlecht gelaunte Fahrgäste treffe, die dicht gedrängt auf die Ankunft der Linie 4 warten.
Es ist 8:16 Uhr, und die Vermutung macht die Runde, dass die letzte noch fahrende Bahn es nicht rechtzeitig bis zum Anschlusszug schaffen wird. Ich rechne in Gedanken nach. Von hier bis zum Bahnhof dauert es zu Fuß eine Viertelstunde … Schon überquere ich mit eiligen Schritten die Straße und versuche mich nicht darüber aufzuregen, dass mir der Regen in den Jackenkragen läuft und meine Frisur endgültig ruiniert.
»Was für ein Scheißtag! So ein Scheißtag!«, fluche ich in Endlosschleife.
An einer roten Fußgängerampel ernte ich einen missbilligenden Blick von einer rüstigen Achtzigjährigen, die mit ihrem Einkaufsroller neben mir steht. »Wissen Sie nicht, dass Schimpfwörter nicht in den Mund einer Dame gehören, mein Fräulein? Wie wollen Sie denn so einen Ehemann finden?«
Mir liegt eine patzige Antwort auf der Zunge, aber ich konzentriere mich auf die Ampel, und als sie auf Grün springt, spare ich mir den Atem und renne weiter.
Während meine bunt geringelte Strumpfhose allmählich bis zu den Knien feucht wird, denke ich mit Bedauern an mein Survival-Kit, besonders an Ghost. Da ist wenigstens klar, dass Patrick Swayze am Ende nicht noch mal seine Meinung ändert, Demi Moore verlässt und eine andere schwängert.
»Meine Damen und Herren, es tut mir leid, aber der letzte Zug ist schon durch«, sagt der Bahnbedienstete, der gerade das Rolltor schließt.
Das kann doch nicht wahr sein. Ein Albtraum. Womit habe ich das nur verdient? Was habe ich in meinem letzten Leben Schreckliches getan? Habe ich etwa kleine Kinder auf dem Oktoberfest frittiert oder wertvolle Gemälde zerstückelt? Oder dem durchgeknallten Produzenten von Highlander II eins übergezogen?
Ich klammere mich an den letzten Strohhalm und suche im Adressbuch meines Handys nach der Nummer der Taxizentrale. Nach einer weiteren Viertelstunde im strömenden Regen naht mein rettender Engel: Wapiti 28 47.
»Guten Tag«, begrüße ich den Taxifahrer ohne allzu große Überzeugung.
Der braungebrannte Typ, der glatt als Double von Crocodile Dundee durchgehen könnte, mustert mich einen Moment und zeigt dann auf die zusammengefaltete Tageszeitung auf dem Rücksitz. »Gnädige Frau, könnten Sie sich bitte auf die Zeitung setzen? Sonst machen Sie mir das Polster nass.«
Sicher. Klar. Ich hasse es, wenn man mich Gnädige Frau nennt. Und jetzt muss ich mich auch noch in eine Zeitung einwickeln wie ein Barsch auf dem Fischmarkt. »Aber natürlich«, antworte ich betont freundlich. Ärger mit Crocodile Dundee? Das fehlt mir gerade noch. Am Ende setzt er mich kilometerweit vom Büro entfernt auf die Straße? Nee, nee, das Risiko ist mir zu groß.
»Ganz schön lästig, dieser Streik, was?«, fragt er und fährt los.
»Das können Sie laut sagen.«
»Zum Glück gibt’s ja Wapiti.«
Er mustert mich im Rückspiegel. Mit seinem markanten Gesicht, den blauen Augen und der Kunstlederweste sieht er wirklich wie ein verwegener Cowboy aus. Am Rückspiegel baumelt ein indianischer Traumfänger mit vielen Federn. »Was heißt das noch mal?«, frage ich.
»Schön, dass Sie nachfragen. Der Wapiti ist ein kanadischer Elch, der in der schamanischen Medizin als heiliges Tier gilt. Er ist das Symbol für Harmonie. Menschen, die ihn als spirituellen Führer haben, kommen vielleicht nicht als Erste ans Ziel, sind aber beharrlich und vergeuden dabei keine unnötige Energie.«
Na ja. Hoffentlich bringt mich dieser Wapiti bis Viertel nach neun an mein Ziel.
»Sie scheinen ziemlich ausgepowert zu sein, wenn ich das so sagen darf. In Ihrem Alter sollte man damit anfangen, auf sich zu achten. Haben Sie es schon mal mit Edelsteintherapie versucht?«
In meinem Alter? In meinem Alter? Herr im Himmel, lass mich aus diesem als Citroën verkleideten Elch aussteigen! Für wie alt hält der Typ mich? Gut, ich bin ungeschminkt, habe Augenringe wie ein Panda, und meine Haare sehen gerade schlimmer aus als die von Johnny Depp in Edward mit den Scherenhänden. Aber mit einem Fuß im Grab stehe ich deshalb noch lange nicht, verdammt noch mal!
Noch nicht. Das passiert erst einige Minuten später, als Wapiti in der Parkbucht vor Mi-A-Mi zum Stehen kommt, dem kleinen Fernsehsender, für den ich seit zehn Jahren Tag für Tag schufte. Die Wagentür öffnen und in eine riesige Wasserpfütze treten sind eins. Perfekt.
»Was bin ich Ihnen schuldig?«, frage ich mit unterdrückter Wut.
»Zweiundzwanzig Euro fünfundsechzig. Aber zweiundzwanzig fünfzig passt auch.«
Hat der Schamane gerade zweiundzwanzig Euro gesagt?
Ich nehme den Geldbeutel aus der Tasche. Und stelle fest, dass ich nur noch zehn Euro in bar dabeihabe. Mist. Wie bringe ich das bloß dem Wapiti-Crocodile-Dundee bei? Vor meinem inneren Auge sehe ich schon, wie er mich mit Heilsteinen bewirft. »Entschuldigen Sie mich einen Moment …«
Als ich den Blick hebe, taucht zufällig meine Kollegin Raffaella vor mir auf. Adretter Gucci-Regenmantel, passender Schirm und passende Gummistiefel. Alles in Mauve. An ihr gleiten die Regentropfen geradezu ehrfurchtsvoll ab. Natürlich sitzt auch ihre Frisur perfekt.
»Oh, wir kommen mit dem Taxi«, sagt sie und zwinkert mir zu. »Wir lassen es uns aber gutgehen …«
»Raffa, warte bitte! Kannst du mir dreizehn Euro leihen? Ich gebe sie dir beim Mittagessen zurück, wenn ich am Geldautomaten war.«
»Aber natürlich, meine Liebe. Sicher, dass dreizehn reichen?«, antwortet sie und hält mir einen Zwanzigeuroschein hin. »Jetzt nimm schon, mit dem Rest kannst du dir einen heißen Tee aus dem Automaten holen. Du siehst erschöpft aus.«
Ich zahle, verabschiede mich von Dundee und gehe mit Raffaella in Richtung Eingang. Ich war noch nie so glücklich, meine Karte in die Stechuhr stecken zu dürfen. Geschafft! Es ist 9:17 Uhr. Noch eine knappe Viertelstunde, um einen Menschen aus mir zu machen.
»Ach, du lieber Himmel, Alice, was hast du denn mit dem Rock gemacht?« Raffa steht hinter mir und deutet auf mein Hinterteil.
Als ich die Jacke nach oben ziehe, weiß ich warum. Ich habe den Abdruck eines Zeitungsartikels auf der Pobacke kleben. Wapiti-Dundee und seiner genialen Idee, mich auf der Zeitung zu platzieren, sei Dank.
Eilig verabschiede ich mich von ihr und renne die Stufen in Richtung Aufnahmestudios hinauf. Dort sind die Toiletten, vor allem ist dort aber die Garderobe mit den Requisiten. Hoffentlich haben die was in meiner Größe da.
»Guten Tag.«
Vor dem Kaffeeautomaten neben dem Regieraum steht ein Mann, der sich zu mir umdreht und mich von Kopf bis Fuß mustert. »Sind Sie neu hier? Haben Sie sich verlaufen?«
Neu? Ich? Wohl eher er. Seiner Statur, den Designer-Jeans, dem magnetischen Blick und den eisgrauen Haaren nach zu urteilen, ist er ein Schauspieler, der sich für eine Rolle in Liebesleid bewirbt, der Soap, die wir derzeit im Studio Alpha drehen. Vielleicht ist für heute Vormittag ein Vorsprechen angesetzt? Er wirkt ein bisschen wie Richard Gere, nur größer. Meiner Meinung nach hat er gute Chancen.
»Neu bin ich schon eine ganze Weile nicht mehr, wenn ich ehrlich sein soll«, antworte ich der Maxi-Ausgabe von Richard Gere. »Eher gebraucht«, füge ich hinzu. So ist das immer: Wenn ich nervös bin, gebe ich irgendwelchen Schwachsinn von mir. Mein Gesicht ist ein einziges Desaster, und der Fleck auf meinem Hinterteil und sein stechender Blick machen mich ziemlich nervös.
Schnurstracks gehe ich auf die Garderobe zu, wo ich zwei Röcke finde. Der hautenge kanariengelbe kommt nicht in Frage, der kurze dunkle Faltenrock ginge zur Not, wenn er nicht mit Pailletten bestickt wäre. Tweety oder Britney Spears? Ich entscheide mich für Britney, immerhin sind die Pailletten ebenfalls dunkel und fallen nicht allzu sehr auf.
»Kompliment, Sie sehen gut aus. Welche Sendung moderieren Sie?«, fragt mich der Mann, der seinen Kaffee fertig getrunken hat und gerade den Plastikbecher in den Papierkorb wirft.
»Oh, ich … nein, ich moderiere nicht«, erwidere ich und schenke ihm ein schmachtendes Lächeln. Na ja, wenn er annimmt, dass ich vor der Kamera stehe, sehe ich vielleicht doch nicht so übel aus.
»Ach so, ja. Das hatte ich auch angenommen, aber nachdem Sie diesen Rock aus der Schneiderei geholt haben …«
Ich verziehe mich eilig und winke ihm zum Abschied zu. Das Damoklesschwert schwebt noch immer über mir. Keine zehn Minuten mehr bis zum Meeting.
Ich habe gerade noch Zeit, mir die Haare mit Papierhandtüchern trocken zu reiben und mich zu schminken, zumindest das Basisprogramm. Danach sind zwar die Pandaringe verschwunden, dafür ähnele ich jetzt eher einem Stachelschwein. Hoch lebe die Tierwelt.
»Oh, Alice, da bist du ja endlich!«, herrscht mich Enrico an, mein Chef. »Ruf in der Bar an, sie sollen uns eine Thermoskanne Kaffee bringen, und hol Pappbecher. Und Servietten.«
Seit meinem Halbtagsjob in der Pizzeria habe ich einen gewaltigen Karrieresprung gemacht.
Als ich in den Sitzungsraum komme, ist noch keiner da. Ich habe genügend Zeit, die Notizblöcke und Kugelschreiber zurechtzurücken, die Wasserkaraffen zu füllen und die Stifte für das Whiteboard zu kontrollieren. Da ich danach immer noch allein bin, sage ich mir, dass ich noch Zeit habe, um mich um den Fingernagel zu kümmern, bei dem der Lack abgesplittert ist, dauert ja nicht lange.
Gerade als ich die letzte Schicht auftrage, betritt Carlo den Raum, wirft mir einen scheuen Blick zu und deutet ein verlegenes Lächeln an. Er könnte nicht mal ein Bonbon klauen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich gebe mich unbeteiligt. Schließlich sieht der Verhaltenskodex der emanzipierten Frau das Zurschaustellen einer gewissen Gleichgültigkeit vor. Schnell pinsele ich mir auch noch die anderen Nägel an, als ob sie die Mona Lisa und ich da Vinci wären.
Aus den Augenwinkeln erkenne ich, wie Carlo sich hinsetzt. Weit weg von mir. Sehr gut. Ich puste mir auf die Nägel und bewege anmutig die Finger. Nur ich zähle, alles andere ist nicht wichtig.
Dann räuspert sich jemand, und ich blicke auf.
Die anderen sind da. Raffa schüttelt den Kopf und geht auf Enrico zu, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Cristina legt Carlo eine Hand auf den Arm. Er runzelt die Stirn und macht immer noch einen verlegenen Eindruck. Überstrahlt wird die Szenerie von unserem Intendanten, der zusammen mit der Maxi-Version von Richard Gere vor dem Whiteboard steht. Der räuspert sich erneut.
»Nun denn, wenn die junge Dame mit ihren Nägeln fertig ist, können wir anfangen, Herr Intendant.«
Ich schließe die Augen und denke an die Dirty-Dancing-Kassette unter meinem Bett. Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?, sagt Patrick in dem Film. Daraufhin steht Baby voller Selbstvertrauen auf und zeigt den anderen, aus welchem Holz sie geschnitzt ist, obwohl sie aussieht wie ein hässliches Entlein und noch dazu eine Riesennase hat. Was für eine Revanche!
Ich dagegen bleibe wie versteinert sitzen, denn hier ist kein Patrick Swayze, der mir helfend die Hand reicht. Nach der ich noch nicht einmal greifen könnte, ohne mir die frisch lackierten Nägel zu ruinieren.
Stattdessen steht da dieser Typ, den ich für einen attraktiven Schauspieler gehalten habe, der sich für drei Zeilen Text in die Warteschlange einreiht und sich schon wie Robert De Niro in Taxi Driver fühlt. Das freundliche Lächeln von eben ist verschwunden. Seine streng blickenden Augen sind schmale Schlitze.
»Gut«, sagt der Intendant, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Wie ihr wisst, sind wir eine kleine Firma. Eine kleine und doch so großartige Familie, die weiter wachsen möchte. Der Zeitpunkt ist gekommen, um einen großen Sprung nach vorne zu wagen. Das wird nicht leicht, vor allem in der gegenwärtigen Krise, und verlangt gewisse Anstrengungen von uns allen. Aber wir müssen uns verändern, um nicht unterzugehen. Im Hinblick auf die notwendige Neustrukturierung des Senders ist Davide Nardi zu uns gestoßen. In den folgenden Monaten wird er die Arbeitsabläufe in der Firma beobachten und analysieren, um uns hinterher sagen zu können, wo Optimierungspotenzial besteht. Wo und wie wir etwas verändern, etwas erweitern oder etwas einsparen können …«
Ich fixiere Nardi, als würde ich ihn zum ersten Mal sehen, oder besser gesagt: Ich habe eine Vision von ihm mit schwarzer Kapuze und Sichel in der Hand. Denn genau das ist sein Job, im Auftrag des Chefs Köpfe rollen zu lassen, um Personalkosten einzusparen.
Und ich habe mich ihm in suboptimalem Zustand präsentiert, Stichworte: Faltenrock und Fingernägel.
Am Ende des Meetings klopft mir Raffa gönnerhaft auf die Schulter und mustert mich, als ob sie sich von einer Sterbenden verabschieden würde. »Das mit dem Geld für das Taxi hat Zeit, ich war gerade bei der Bank. Du kennst mich ja, ich denke immer an alles«, sagt sie schließlich und zwinkert Nardi zu. Um gleich darauf mit den Augen zu klimpern.
Mir wird schlecht. Als ich auf die Tür zugehe, höre ich Nardi sagen: »Natürlich sind auch Ihre Ideen zur Neustrukturierung willkommen. Wer ein innovatives Konzept oder ein erfolgversprechendes Sendeformat im Kopf hat, nur Mut und her damit. Wir werden alles gebührend prüfen.«
Vielleicht eine Sendung mit dem Titel Jobsuche – hopp oder top? mit dem Untertitel Wie man einen neuen Job findet? Zehn Jahre Berufserfahrung, einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften und ein Diplom der Filmhochschule – alles für die Katz!
»Sicher ein Virus.«
Ich hebe den Kopf. Ich sitze auf dem Boden einer Toilettenkabine, die Ellbogen auf den geschlossenen Deckel der Kloschüssel gestützt. Der beste Ort, um über meine Zukunft nachzudenken.
Vor mir steht ein schlaksiger junger Mann mit blonden Haaren und einem auffälligen Ohrring im linken Ohrläppchen. »Bitte?«
Er lächelt mich an, kauert sich neben mich und schüttelt den Kopf. »Entschuldige, dass ich dir das sagen muss, aber du siehst wirklich nicht gut aus.«
»Heute ist nicht mein Tag«, seufze ich. »Im Moment ist alles schwierig. Alles geht in die falsche Richtung, aber auch alles!«
Er berührt meine Hand. Am Mittelfinger trägt er einen Ring mit seltsamen Symbolen darauf. »Ich weiß«, sagt er und nickt.
Ich sehe ihm in die Augen, und er macht den Eindruck, als wüsste er es wirklich. Als würde er alle Antworten kennen. Wie die gute Fee von Aschenputtel, nur eben die männliche Version. Seine Haare sind blondiert, die Augen mit Kajal geschminkt und dazu noch der Ohrring.
Er mustert mich freundlich und sagt dann: »Du bist Waage, oder?«
Widder

Habt ihr sie vor Augen, diese Männer aus einem Guss? Typ rauer Cowboy, die nie Fragen stellen, vor allem weil sie keinen grammatisch korrekten Satz formulieren können? Das ist der Widder. Ein schlichter Charakter, der bewundernd vor epochalen Erfindungen wie dem Rad oder der Entdeckung des Feuers steht, aber unfähig ist, Zwischentöne wahrzunehmen, die der gesunde Menschenverstand vorgibt, zum Beispiel in Sachen Körperhygiene oder Galanterie. Jemand, der sexuelle Promiskuität für lästig hält.
Kurz gesagt: Tarzan war mit Sicherheit Widder. Falls ihr euren Partner nicht vom Baum klauben und ihn nicht dreimal am Tag daran erinnern wollt, dass es Zeit für einen Toilettengang ist, dann sucht euch wen anders.
1
Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal am azurblauen Himmel der Waagefrau
So hat alles angefangen, heißt es, wenn man von den wirklich wichtigen Dingen im Leben spricht. Die einem am besten dann widerfahren sollten, wenn man gut drauf und energiegeladen ist. Mit rasierten Beinen und ausreichend Parfüm auf der Haut. Aber ich muss es ja immer anders machen und erlebe den alles entscheidenden Moment auf dem Fußboden einer Bürotoilette, mit feuchten Haaren und mascaraverschmiertem Gesicht.
»Eine … Waage?«, wiederhole ich.
»Das ist ein Tierkreiszeichen«, erklärt er mir.
»Ich weiß, was das ist«, sage ich. Was mich wirklich verblüfft: Er hat recht. Ich bin tatsächlich Waage.
Er steht auf, ohne den Blick von mir abzuwenden, und reicht mir die Hand. Sie ist warm. Mit einer sicheren Bewegung zieht er mich hoch und befreit mich damit aus einer hochnotpeinlichen Situation.
»Entschuldige, aber daran glaube ich nicht. Astrologie ist was für Esoteriker. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter.«
Er zuckt mit den Schultern und hält mir erneut die rechte Hand hin. »Ciao, ich bin Tio.«
»Tio? Was ist das denn für ein Name?«, frage ich, als ich ihm die Hand schüttele. »Übrigens, ich bin Alice.«
»Ein Künstlername. Die Kurzform von Tiziano. Ich bin Schauspieler. Mach dir keine Gedanken, die meisten Leute glauben nicht an Horoskope. Aber alle lesen sie.«
Während ich zum Waschbecken gehe, denke ich darüber nach, dass er schon wieder recht hat. Ich habe mich auch schon öfter dabei ertappt.
Ich wasche mir das Gesicht. Dabei versuche ich so selten wie möglich in den Spiegel zu blicken, denn mir ist klar, dass ich aussehe wie ein Monster aus einem Horrorfilm von Dario Argento.
»Weißt du, was mich wirklich wütend macht?«, frage ich ihn und versuche mir wenigstens den Hauch eines Lächelns abzuringen. »Wenn ich in meinem Horoskop lese, dass ich eine Glückssträhne und mindestens drei Sterne in Sachen Liebe, Finanzen und Gesundheit habe, während ich mich beschissen fühle, weil ich gerade verlassen worden bin und mein Job wackelt. Dann würde ich am liebsten den Typen anrufen, der sich das Horoskop aus den Fingern gesogen hat, um ihn niederzumachen und vor Gericht zu zerren. Kurz gesagt: Wenn mein Horoskop positiv ist, mein Leben aber gerade den Bach runtergeht, fühle ich mich, als gehöre ich nicht dazu. Ich stelle mir dann immer vor, dass alle anderen mit meinem Sternzeichen in den Bus des Glücks steigen, während der Fahrer mir an der Haltestelle die Tür vor der Nase zugemacht hat.«
Tio sieht mich verwundert an, dann lächelt er. »Okay. Aber eben bist du in den Bus eingestiegen. Was sage ich, in das Flugzeug des Glücks, und zwar Business Class.« Er zwinkert mir zu und nimmt meinen Arm. »Wir bitten die verehrten Fahrgäste die Sicherheitsgurte anzulegen. Hier spricht Ihr Kapitän Tio. Wir heben in wenigen Sekunden ab.«
Gemeinsam gehen wir zur Tür.
»Weißt du, was dein erster Glücksmoment sein wird? Ich lade dich zum Essen ein. Ich habe nämlich etwas zu feiern. Ich habe eine Rolle in Liebesleid bekommen.«
Ich lächele ihn an. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels, auch wenn gerade ein Tsunami dein Leben überflutet hat. »Dabei erklärst du mir dann bitte, was du auf dem Frauenklo zu suchen hattest.«
»Nun ja, eigentlich ist es das Männerklo.«
Als ich die Tür öffne, stehen wir vor Carlo, der bei meinem Anblick zusammenzuckt.
Verdammt …
»A… Alice!« Er kratzt sich am Kopf, während sein Lächeln sich in eine Grimasse verwandelt. »Hör mal, ich wollte mit dir reden.«
Natürlich gönne ich anderen ihr Glück, keine Frage, aber wir wollen mal nicht übertreiben. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist ein Ausbruch von Carlos Hochgefühl wegen seiner bevorstehenden Vaterfreuden.
Hilfesuchend wandert mein Blick zu Tio, und ich wünschte, er würde mir ein Seil zuwerfen, um mich aus dem Treibsand zu retten, in dem ich feststecke.
Das Wunder geschieht. Tio benimmt sich wie die gute Fee.
»Entschuldige, wir sind gerade auf dem Weg zum Essen … ein Arbeitsessen«, sagt er so professionell und überzeugend, dass ich fast selbst daran glaube.
Der perfekte Satz, wenn ein Mann und eine Frau gemeinsam die Herrentoilette verlassen. Als Schauspieler ist er wirklich eins a.
»Du bist eigentlich ein dicker Mann, der sich in einem dünnen Körper versteckt, oder?«
In Rekordzeit hat Tio alles heruntergeschlungen, was er sich auf den Teller geladen hatte, als wäre er drei Tage ohne Nahrung eingesperrt gewesen. Ich dagegen stochere noch immer in den dampfenden Makkaroni herum.
»Ich habe einen guten Stoffwechsel und stehe ständig unter Strom, bin rastlos und nervös. Typisch Zwilling.«
»Schon wieder Astrologie. Wie hast du eigentlich erraten, dass ich Waage bin? Das interessiert mich.«
Tio richtet sich auf und klopft sich aufs Brustbein, um einen Rülpser zu unterdrücken. »Im Moment stehen die Sterne für die Waage etwas ungünstig. Saturn ist schon den ganzen Monat rückläufig. Seit einigen Tagen steht die Sonne im Widder. In dieser Konstellation häufen sich für die Waage komplizierte Situationen und Stress, sowohl in emotionaler als auch in beruflicher Hinsicht. Außerdem steht die Venus im Negativquadranten mit Jupiter, Pluto in Opposition und Uranus im …«
Ich klimpere mit den Wimpern, denn einerseits habe ich kein Wort verstanden, andererseits gefällt mir die Erklärung, dass ich das Opfer eines stellaren Chaos bin.
»Jetzt ist mir alles klar. Es hat gar nichts mit mir zu tun. Ich kann es auch nicht ändern. Es gibt keinen Ausweg.«
Tio fängt an zu lachen und tätschelt mir die Hand, als wäre ich eine alte Freundin. »Aber nicht doch. Es ist nur eine Momentaufnahme, und die Konstellationen ändern sich schnell. Sieh es doch mal so: Das Bewusstsein für astrologische Zusammenhänge kann dir dabei helfen, bestimmten Entwicklungen vorzubeugen und negative Erlebnisse zu vermeiden. Ich meine, wenn du weißt, dass es regnen wird, was tust du dann? Du nimmst einen Schirm mit.«
Ich pruste los. Er bleibt ungerührt.
»Ich will ja nicht jammern, aber davor ist auch schon alles schiefgelaufen.« Klar, es gab in den letzten beiden Jahren auch Glücksmomente, doch es war wie in der Achterbahn. Die Aussicht ist fantastisch – aber nur bis zum Doppellooping und der Todesspirale.
Tio seufzt. »Waagegeborene haben derzeit kein leichtes Leben, das liegt am Saturntransit und dauert etwa zwei Jahre. Da kannst du nichts machen. Er ist nun mal der Planet der Härte, der Disziplin und der Prüfungen im Leben. Aber die gute Nachricht lautet, dass der Saturn momentan im Skorpion steht, und wie bei allen sich langsam bewegenden Planeten dauert es dreißig Jahre, bis er wieder in den Orbit der Waage kommt.«
»Mors tua vita mea.«
»Alice …«
Als ich den Kopf hebe und Tio über die Schulter spähe, erkenne ich Carlo, der an der Bar aufgetaucht ist. Immer noch in Habachtstellung. Gut.
»Was willst du? Siehst du nicht, dass ich mich gerade unterhalte?«
»Alice, bitte, ich weiß, dass …«
»Wenn das so ist, warum nervst du mich dann? Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin? Unterbreche ich dich etwa, wenn du dich mit jemandem unterhältst?«
Selbst Tio dreht sich einen Moment lang um, dann wendet er sich mir wieder zu und rollt mit den Augen.
»Schade, dass er kein Skorpion ist«, zische ich ihm zu. Er wird das Saturnchaos wohl erst in zwölf Jahren erleben, würde ich mal schätzen. Zu spät, um sich darauf zu verlassen. Vielleicht gibt es ja noch einen anderen Planeten, bei dem es etwas schneller geht.
Carlo läuft feuerrot an. Immerhin etwas, stelle ich zufrieden fest.
Als er geht, höre ich Tio sagen: »Bei ihm muss Mars nahe am Himmelszenit stehen. Das macht äußerst aggressiv und wenig diplomatisch.«
Ich winke ab, um die Sache herunterzuspielen. »Das ist nur mein Ex … Ist schon eine Weile her.« Ehrlicherweise müsste ich sagen, mein Ex-Ex-Ex-Ex-Ex, wenn ich an all die frustrierenden Beziehungen danach denke. Falls ich nicht noch einen vergessen habe. »Wir haben eine sehr … komplizierte Beziehung.«
»Was für ein Sternzeichen ist er?«
»Wassermann.«
Tio wirft einen Blick auf die Uhr. Nach der Mittagspause muss er in die Schneiderei, sein Kostüm soll angepasst werden. »Der Wassermann symbolisiert Freiheit und Experimentierfreude. Es fällt ihm schwer, Wurzeln zu schlagen. Er liebt das Risiko und alles Unvorhersehbare.«
Oha, da hat er ja gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ganz offensichtlich ist Carlo ein Risiko eingegangen, und nach dem positiven Schwangerschaftstest muss er auch noch Wurzeln schlagen. Jetzt habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn so abgekanzelt habe. Ich blicke mich suchend an der Bar um, aber er ist wohl schon gegangen. Ob ich wirklich Mars für mein Benehmen verantwortlich machen kann?
»In der Tat herrscht zwischen Wassermann und Waage eine gewisse Harmonie«, fährt Tio fort, »aber wenn es im Bett nicht stimmt, entwickelt der Wassermann einen gewissen Hang zur Flucht. Die gute Nachricht ist, dass die beiden eine tiefe und echte Freundschaft verbinden kann.«
Das ist nicht wirklich neu. Mich erfasst eine dumpfe Melancholie. Es ist weder meine noch Carlos Schuld, dass unsere Beziehung gescheitert ist. Die gemeinsame Zeit hat gezeigt, dass wir einfach nicht zusammenpassen. Wir hatten es gehofft und wirklich gewollt. Im Grunde hatten wir die gleichen Interessen, die gleichen Ziele, aber die Wege, auf denen wir sie erreichen wollten, waren ganz und gar verschieden. Ein Beispiel: Ich bin kreativ chaotisch, während er total penibel ist und alles alphabetisch ordnen muss, von den DVDs bis zum Inhalt der Küchenschränke. Die Kekse standen bei uns neben dem Kerbel und nicht etwa beim Tee oder beim Zucker.
»Siehst du? Jetzt weißt du, dass es mit einem Wassermann aller Voraussicht nach gar kein gutes Ende nehmen kann. Die Waagegeborenen leiden meistens in Beziehungen mit Sternzeichen, die exzentrisch oder übermäßig steif sind, wie Steinböcke, Jungfrauen oder Stiere. Du brauchst einen stolzen Löwen, ein Alphamännchen, das dominant ist und trotzdem ein Auge auf seine Partnerin hat. Oder einen abenteuerlustigen Schützen. Was den Skorpion angeht, lass mich nachdenken …«
»Äh, nein, bitte keinen Skorpion«, sage ich und stehe auf. »Ich hatte schon genug Stress mit meinem Saturn, soll sich doch der Skorpion jetzt mit ihm herumschlagen. Ohne mich. In zwei Jahren können wir vielleicht noch mal drüber sprechen, wenn er ihn wem anders angedreht hat.«
Als ich mich vor der Schneiderei von Tio verabschiede, tauschen wir unsere Telefonnummern aus, und er verspricht, sich bald zu melden. Dann küsst er mich auf beide Wangen und flüstert mir ins Ohr, dass wir unser Zusammentreffen der günstigen Trigon-Konstellation zu verdanken haben.
Einen Augenblick lang bin ich versucht, ihn der Gruppe »Hoffnungslose Fälle« hinzuzufügen, die mein Adressbuch bevölkert, aber ich beschließe, ihm noch eine Chance zu geben. Warten wir’s ab.
2
Eine zweite Chance für den Widder
Obwohl ich Tios astrologischen Theorien skeptisch gegenüberstehe, muss ich zugeben, dass sie mich faszinieren. Insgeheim gefällt mir so etwas sogar. Der Gedanke, dass es eine Vorbestimmung gibt, eine höhere Macht, gibt mir ein gutes, sicheres Gefühl. Vor einiger Zeit hatte ich mal mit dem Gedanken gespielt, mit Feng-Shui anzufangen. Natürlich nicht nur die Soft-Version mit rosa Kissen hier, grüner Vorhang da. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die ganze Wohnung umzugestalten.
Das war kurz nachdem meine beste Freundin Paola geheiratet hat.
In den letzten Jahren habe ich nie alleine gewohnt. Ich bin gerne in Gesellschaft, und Paola war die dritte und letzte meiner Mitbewohnerinnen. Wie ihre beiden Vorgängerinnen Sara und Marta hat sie sich irgendwann verliebt und nach vier Monaten die Koffer gepackt. Nach ihrem Auszug begann ich darüber nachzudenken, ob meine Wohnung vielleicht der Katalysator für zwischenmenschliche Beziehungen war. Eine Art Eheanbahnungsinstitut des Schicksals. Zieh bei mir ein und du wirst in Kürze heiraten.
Sosehr ich meine Freundinnen mag, jetzt wäre eigentlich ich mal an der Reihe. Da Sara, meine erste Mitbewohnerin, zu ihrem Freund gezogen ist, Marta, die zweite, geheiratet, und Paola, die dritte, sogar ein Kind bekommen hat, schienen die wundersamen Kräfte offensichtlich stärker zu werden.
Deshalb also Feng-Shui. Ich habe versucht, die Möbel umzuräumen, um die Energieströme auf mich zu lenken. Ich habe die Zimmer getauscht, habe sogar mein Bett in das Zimmer meiner früheren Mitbewohnerinnen gestellt.
Alles ohne Erfolg. Ich bin da wie Obelix. Der Zaubertrank hat keinerlei Wirkung auf mich. Im Gegenteil, danach ist alles noch schlechter geworden. Der Typ, mit dem ich damals zusammen war, musste urplötzlich noch mal über alles nachdenken und hat mich verlassen, vermutlich wegen der allzu optimalen Rahmenbedingungen.
Wutentbrannt stellte ich alles wieder um und benutzte die Seiten aus dem Feng-Shui-Handbuch zum Fensterputzen. Auf diese Weise hat mir Feng-Shui dann doch noch eine gewisse Klarheit gebracht.
Versteht mich bitte nicht falsch. Ich freue mich für jede meiner Freundinnen, vor allem für Paola. Es ist schön, dass sie einen so großartigen Mann wie Giacomo gefunden hat und die beiden sich so sehr lieben. Immerhin weckt das in mir zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass es auf dieser Welt doch noch wahre Liebe gibt.
Heute freue ich mich besonders auf unser Treffen, denn seit Sandro da ist, sehen wir uns nur noch selten. Giacomo hat angeboten, sich um das Baby zu kümmern, damit wir etwas trinken gehen und uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen können. Fünfzehn Jahre Freundschaft haben uns zusammengeschweißt und zur Psychoanalytikerin der jeweils anderen werden lassen. Wenn es einen Lehrstuhl für Emotionale Pathologie gäbe, wir hätten alle beide einen Ehrendoktor!
Mit dem ersten Spritz stoßen wir auf die Geburt an (das Thema haben wir bereits lang und breit ausdiskutiert, trotzdem pressen wir noch ein paar letzte Details heraus), auf Sandros Grimassen (die Paola verblüffend echt nachmachen kann) und auf die elementare Wandlung der Frau vom Individuum zur Mutter und der damit verbundenen Ausdehnung des eigenen Selbst auf eine andere Person. Mit den philosophischen Fragen ist allerdings bereits in der zweiten Runde Schluss. Als Nächstes wenden wir uns prosaischeren Themen zu, wie zum Beispiel Sex (in letzter Zeit bei uns beiden eher vernachlässigt, wenn auch aus verschiedenen Gründen), Männer (auch da ist bei mir nichts zu holen) und schließlich Sternzeichen (Astrologie in Bezug auf Sex und nicht zuletzt auf die Suche nach dem Richtigen, das passt für beides).
»Also ich habe mal irgendwo gelesen, dass Skorpione besonders feurig sind.«
»Nach Tios Meinung ist es nicht entscheidend, ob ein Sternzeichen besondere Vorzüge hat, sondern ob es mit deinem kompatibel ist. Da ist schon was dran. Genau wie an der These, dass es auf die Persönlichkeit ankommt«, verkünde ich und hebe mein halb leeres Glas (ich gehöre zu den Menschen, bei denen das Glas immer halb leer ist).
»Nehmen wir Carlo. Er ist Wassermann. Mit der Waage, also mir, gibt es anscheinend einige Übereinstimmungen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Danach läuft alles auseinander. Und Carlo hat da echte Probleme.«
»Inwiefern? Du hast dich doch immer beschwert, dass er so penibel ist.«
»Ist er ja auch, aber in Beziehungen löst sich bei ihm immer alles auf. Wie viele Frauen hatte er nach mir? Er verliert sofort das Interesse an ihnen. Genau wie bei mir. Carlo war keine Liebe fürs Leben.«
Paola räuspert sich. »Aber Cristina ist schwanger … und die beiden heiraten.«
Das halb leere Glas ist nach einem tiefen Schluck ganz leer. »Stimmt. Trotzdem löst sich alles auf.« Ich bleibe dabei. Es kann unmöglich sein, dass nur bei mir alles auseinandergelaufen ist. Dass er mich nicht heiraten wollte, weil es mit mir einfach nicht gepasst hat.
Paola lässt die Sache auf sich beruhen und zuckt mit den Schultern. »Seinen Samen hatte er jedenfalls nicht unter Kontrolle. Er scheint mir nicht gerade der Typ zu sein, der sich ruck, zuck in eine Vaterschaft stürzt.«
Wir prusten los vor Lachen.
»Lass uns von ernsten Dingen sprechen. Wie wirst du mit dem neuen Problem auf der Arbeit umgehen?«
Das neue Problem auf der Arbeit hat einen Namen: Davide Nardi.
Ich seufze und winke der Bedienung. Für dieses Thema brauche ich einen dritten Spritz. »Keine Ahnung. Mein Plan besteht darin, möglichst wenig aufzufallen. Kennst du diese Dokumentarfilme, in denen kleine Tiere mit angstverzerrtem Blick versuchen, ihren räuberischen Feinden zu entkommen, indem sie sich als Blatt oder als Stein tarnen? Ich überlege, mich als Teppich oder Schreibtisch zu tarnen und darauf zu spekulieren, dass er mich und meine Existenz vergisst.«
Paola beugt sich zu mir vor und nimmt meine Hand, noch bevor ich nach dem Glas greifen kann (ausnahmsweise mal voll).
»Warum nutzt du die Situation nicht für dich? Seit Jahren beschwerst du dich darüber, dass deine Arbeit nicht wertgeschätzt wird. Du versuchst schon immer, nicht aufzufallen. Mein Küken, du bist inzwischen erwachsen und bereit für den großen Karrieresprung.«
Ich werde jetzt ganz bestimmt nicht darauf herumreiten, dass aus einem Küken ein gackerndes Huhn wird, das früher oder später in irgendeinem Topf landet. »Das wäre schön, aber …«
»Dein Problem ist dein fehlendes Selbstbewusstsein.« Paola sieht mich mit ihrem Analystenblick an. »Wenn du nicht selbst an dich glaubst, wie kannst du da erwarten, dass es jemand anders tut? Nimm nur mal die Sache mit den Männern. Wer soll sich für dich interessieren, wenn du ihnen immer nur das Eine zu bieten hast … dein Bedürfnis geliebt zu werden? Du willst keinen Mann, du willst einen Stützbalken.«
Das Problem mit Paola ist, dass sie punktgenau ins Schwarze trifft.
»Zurück zu Nardi, was soll ich deiner Meinung nach machen?«
»Na ja, dich auf alle Fälle nicht verstecken, das ist schon mal klar. Tritt die Flucht nach vorne an und zeig ihm, was du draufhast. Du bist kreativ und intelligenter als die meisten deiner Kollegen.«
Kreativ und intelligent.
Im Hintergrund lauert das Thema Die Waffen der Frauen. Let the river run/let all the dreamers wake the nation … Ich komme mir vor wie Melanie Griffith und bin bereit, in den Ring zu steigen, um meinen Job zu behalten und mir ein Büro mit Panoramafenster zu erkämpfen. Und mich in der Zwischenzeit vielleicht noch von meinem Harrison Ford zum Traualtar führen zu lassen … Nur wer sollte das sein? Nardi vielleicht?
O mein Gott.
»Entschuldige mich einen Moment. Ich muss aufs Klo.« Ich stehe auf.
Die Kollateralschäden von drei Spritz sind eine volle Blase und wirre Gedanken. Ich lasse mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen, und wie es scheint, entwirrt das auch mein Gedankenknäuel. Wie absurd, an Nardi (auch nur einen Moment, einen einzigen winzigen Moment) als potenziellen Prinzgemahl zu denken. Habe ich vielleicht das Stockholm-Syndrom?
Als ich zu Paola zurückkehre, habe ich einen Wimpernschlag lang den Eindruck, als würde ich doppelt sehen. Dann bemerke ich, dass jemand neben ihr sitzt.
»Ciao, ich bin Luca.«
Ich scanne: männlich, weiß, zwischen fünfunddreißig und vierzig. Haare: hellbraun. Augen: braun. Schultern: nicht übel. Vor allem: kein Ring an der linken Hand.
»Angenehm, Alice.«
Ich werfe Paola einen Blick zu, dessen Subtext lautet: Wie kommt es, dass ich nur einen Moment lang weg sein muss und schon hast du einen Mann an deiner Seite?
»Luca ist ein Kollege von der Zeitung«, erklärt sie.
»Allerdings. Ein Kollege, der sich sehr wundert, dass sich die frischgebackene Mama abends in einer Kneipe herumtreibt.«
Ich grinse und nehme zwischen den beiden Platz. »Ich habe sie auf diesen sündigen Weg geführt.«
»Richtig so!« Dieses Mal scannt er mich. Das Resultat quittiert er mit einem anerkennenden Lächeln. »Man sollte sein Sozialleben nicht aufgeben. Diesen Fehler habe ich gemacht. Für mich gab es nur noch meine Freundin, romantische Spaziergänge Hand in Hand, Abendessen zu zweit bei Kerzenschein …«
Freundin? Halt. Er ist vergeben. Gefahr. Ampel auf Rot.
Mein eben noch verführerischer Gesichtsausdruck verwandelt sich in ein verständnisvolles Lächeln à la Oma Duck.
»Und dann – BANG! – hat Anna mich verlassen, weil sie ihren Freiraum brauchte.«
»Oh«, sagen Paola und ich im Chor.
»Das wusste ich nicht, tut mir leid«, sagt Paola und wirft mir einen Blick zu.
»Jetzt versuche ich die alten Freundschaften wieder aufzufrischen. Und das Leben zu genießen, irgendwie.«
Armer, armer Junge! Wer weiß, wie sehr er gelitten hat, denkt Schwester Alice.
»Das ist auch gut so. Ich warte auf ein paar Leute, wir wollen tanzen gehen.« Luca steht auf. »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, Alice. Bring doch Paola mit, wenn es passt.«
Dann schauen wir ihm hinterher, wie er zu einigen Typen an die Bar geht.
»Das tut mir wirklich leid für ihn, der Ärmste. Er ist echt nett. Und gut in seinem Job.«
Ich tue ganz unbedarft und leere meinen Spritz bis zum letzten Tropfen. »Weißt du zufällig, welches Sternzeichen er ist?«
Paola zieht die Augenbrauen hoch und deutet ein Lächeln an. »Widder, glaube ich.«