Cover

ULF TORRECK

FEST

DER

FINSTERNIS

Historischer Thriller

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Vollständige deutsche Erstausgabe 03/2017

Copyright © 2016 by Ulf Torreck

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Michael Meller Agency GmbH, München

Redaktion: Heiko Arntz

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von © shutterstock/Marcin Krzyzak

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-19054-5
V002

www.heyne.de

Nichts, wovon auf den folgenden Seiten die Rede sein wird,

ist wahr. Mit Ausnahme derjenigen Gedanken,

Ereignisse und Dinge, die ich frei erfunden habe

»Er hat die Finsternis der Latrinen ertragen, weil in der Scheiße nach Mitternacht sich manchmal die Sterne spiegelten.«

Durs Grünbein

»Die verfallenen Altäre sind von Dämonen bewohnt.«

Ernst Jünger

»Der Mensch ist ein schönes, böses Tier.«

Donatien-Alphonse-François, Marquis de Sade

ERSTES BUCH

Die Mühlen Gottes

1

DANSE MACABRE

Im August 1805 herrschte die Pest bereits den dritten Monat über Brest. Leise wie ein Dieb in der Nacht war sie aus einer der Gossen aufgestiegen und hatte die Stadt und ihre Bewohner innerhalb weniger Tage in ihren Bann geschlagen. Seither lagen die Straßen und Plätze tagein, tagaus verlassen da. In Rinnsteinen und auf Trottoirs häufte sich der Unrat. Ein Festmahl für Ratten, Krähen, Raben und Möwen. Ein dumpf drückender Gestank machte den Menschen das Atmen schwer. Selbst der Himmel schien niedriger über den Dächern zu hängen, seit die Seuche ihre Herrschaft über die Stadt angetreten hatte. Brest schien dem Willen und der Macht seiner Bewohner entzogen und vollständig dem Tod ausgeliefert. Jenem wahren Herrn der Welt, in dessen Schuld jeder von uns vom ersten bis zum letzten Atemzug steht. Seit Mitternacht fiel kalter Nieselregen, der mit dem steifen Wind vom Meer her in die Stadt wehte und wenigstens einen Teil des Leichengestanks vertrieb.

In einem Bürgerhaus beim Marktplatz trafen sich an diesem Morgen Louis Marais, der Polizeichef und amtierende Präfekt von Brest, und der Marinearzt Docteur Couton. Seit dem Ausbruch der Seuche war Marais jeden Morgen um dieselbe Zeit von seinem Büro in der Präfektur zum Haus des Marinearztes gegangen, um die Anzahl der Toten zu erfahren und sich mit ihm über die Lage in der Stadt zu beraten.

Marais war ein großer, schlanker Mann mit einem kantigen Gesicht und dünnen Lippen. Seine schmale, leicht gebogene Nase vermittelte den Eindruck von Selbstsicherheit und Strenge. Obwohl er hier in Brest ein mächtiger Mann war, bevorzugte er einfache, schlichte Kleider. Er war kein besonders umgänglicher Mann. Falls er seit seiner überstürzten Versetzung hierher nach Brest in der Stadt so etwas wie einen Vertrauten gewonnen hatte, dann war das der Doktor Couton. Leutselig, mollig und stets geradeheraus dem Leben zugewandt, bot der Marinearzt schon äußerlich ein auffallendes Gegenbild zu dem sehnigen Marais.

Obwohl Coutons Opferzahlen heute Morgen zum dritten Mal in Folge erfreulich niedrig ausfielen und Marais eigentlich Grund zur Freude hätte haben sollen, blieb seine Mine angespannt.

Couton, der Marais’ Miene zu deuten wusste, trat zu dem mächtigen alten Bauernschrank, holte zwei Gläser heraus, füllte sie mit einem guten Schluck Rum und reichte eines davon an Marais.

»Sie müssen endlich etwas gegen den Spuk des Abbé Maurice unternehmen!«, forderte er den Präfekten auf.

Nachdem die Kirchen und Kapellen mit dem Ausbruch der Seuche über Wochen hin verwaist gewesen waren, hatte Abbé Maurice, der Priester der Fischerkirche von Saint-Petrus, begonnen, seine Runden durch die verlassenen Straßen der Stadt zu machen. Eine Handglocke schwingend, rief er die Menschen in ihren verrammelten Häusern zu Gebet und Buße auf. Seine einsamen Aufrufe zeigten schon bald Wirkung. Bereits am zweiten Tag schloss sich ihm ein erstes verlorenes Häuflein Gläubiger an.

Dies hatte Coutons Missfallen erregt. Denn in Zeiten der Seuche stellten Menschenansammlungen eine Gefahr dar. Und obwohl der Doktor immer wieder darauf hinwies, ignorierte Marais die Warnung. Immerhin hatte der Abbé sich seit Ausbruch der Pest aufopfernd um seine Schäfchen gekümmert. Unermüdlich war er dem Doktor und dessen Gehilfen zur Hand gegangen. Und solange das Häuflein, das dem Abbé durch die Gassen folgte, nicht allzu sehr anwuchs, war Marais der Ansicht, dass man ihn gewähren lassen solle. Couton schalt ihn daraufhin einen sentimentalen Narren.

Waren dem Abbé zunächst vor allem Leute aus den Fischerkaten und Seemannshäusern am Hafen gefolgt, so gewann er nach und nach auch Anhänger unter den Bewohnern der besseren Viertel. Aber immer noch hatte sich Marais gescheut, dem Treiben ein Ende zu bereiten.

Eines Abends war Couton zornig in Marais’ Büro gestürmt, um ihm klarzumachen, dass es nun wahrlich genug sei. Der letzten Prozession des Abbé waren fast fünfzig Menschen gefolgt. »Wenn darunter auch nur einer gewesen ist, der die Seuche noch nicht hatte – bei dieser verdammten Prozession hat er sie sich ganz gewiss an den Hals geholt«, rief er. »Und es wird schlimmer werden, Marais! Gestern soll der verrückte Narr verkündet haben, dass man nun endlich den Satan aus der Stadt zu treiben hätte. Wenn es irgendetwas gibt, woran man in diesen Zeiten in Brest glauben will, dann ist es Satan. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht nur von Stunden, bis Sie den Aufruhr am Hals haben, den wir beide so sehr fürchten!«

Marais hatte es bisher vermieden, sich mit eigenen Augen ein Bild von den Umzügen des Abbé zu machen. An jenem Nachmittag ging er endlich zur Rue de Siam, um sich die Prozession anzusehen.

Gekleidet in seine schwarze Soutane, mit der Rechten die Glocke schwingend und in der Linken ein einfaches Holzkreuz himmelwärts reckend, führte der Priester an diesem Tag um die hundert Männer, Frauen und Kinder zum Hafen und den Fluss hinunter, bis zu seiner Fischerkirche Saint-Petrus.

Wenn diese Leute so sehr um Gottes Hilfe flehten, dachte Marais dabei, wie konnte er ihnen dabei im Weg stehen? Zumal die Lage in der Stadt tatsächlich gespannt war und es womöglich nur einer einzigen Fehlentscheidung bedurfte, um die Volksseele vollends zum Kochen zu bringen. Dieser eine Fehler, fürchtete Marais, könnte in dem Verbot der Prozessionen bestehen, das Couton verlangte.

Trotz Coutons Drängen war der Zug der Gläubigen daher weiterhin unbehelligt geblieben. Marais’ einziges Zugeständnis bestand darin, dass er überall in der Stadt Plakate anschlagen ließ, die vor den Gefahren von Ansammlungen in den Zeiten der Pest warnten.

Die Seuche hatte auch von dem so leutseligen und fröhlichen Doktor ihren Tribut gefordert. Er war blasser geworden, wirkte übernächtigt und fahrig.

»Wenn der Rückgang der Toten ruchbar wird, schreibt man es nicht Ihrer Umsicht oder meinen Bemühungen zu«, erklärte er, »sondern diesem verrückten Priester und dessen Gebeten.« Und, so erläuterte Marais, dass man, bevor die Seuche endgültig auslief, stets einen solchen Rückgang der Opferzahlen beobachtete, der die Menschen dazu verleitete, ihre Vorsicht fahren zu lassen, was wiederum dazu führte, dass alles noch viel schlimmer wurde als zuvor.

Marais hatte strikte Order erteilt, kein Wort über die Gesamtzahl der Toten verlauten zu lassen, dennoch hatte sich die Nachricht vom ersten Abflauen der Seuche wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet und führte eben jene Situation herbei, vor der Couton so eindringlich gewarnt hatte.

Eine große Gruppe von Anhängern des Abbés hatte sich zu allem Überfluss seit gut einer Woche zusammen mit dem Priester im Inneren der Kirche von Saint-Petrus eingeschlossen, um dort solange gemeinsam zu beten, bis Gott endgültig den Fluch der Pest von der Stadt nahm. Sogar noch größer als die Gruppe in der Kirche war jene Menschenmenge, die sich vor dem Kirchenportal versammelte, um wiederum den Menschen im Innern mit ihren Gebeten beizustehen. Es hatte vier Tage gedauert, bis die letzten Stimmen in der Kirche verstummten.

An diesem regnerischen Morgen nun war endgültig klar, dass in der Kirche nur noch Leichen zu finden sein konnten.

»Sie müssen dem Spuk ein Ende bereiten, Marais. Die Toten können nicht länger in der Kirche bleiben!«, forderte Couton und stellt mit einem lauten Knall sein leeres Glas ab.

Auch Marais leerte sein Glas und nickte ihm zu.

»Machen Sie sich bereit, Doktor! Ich habe für neun Uhr einen Zug Soldaten zur Kirche beordert. Ich erwarte Sie dort«, sagte er, nahm seinen Dreispitz und verließ das Haus des Arztes.

Pünktlich um neun Uhr befahl Marais einem Zug Marinesoldaten, eine starke Ankerkette am Kirchenportal von Saint-Petrus zu befestigen, anschließend spannte man drei Pferde davor und riss so das Portal aus den Angeln.

Couton hatte zuvor darauf bestanden, dass jeder der Soldaten Handschuhe trug und sich ein in Essig getränktes Tuch vors Gesicht band. Eine Vorkehrung, deren Notwendigkeit sich als Segen erwies. Im Innern von Saint-Petrus herrschte ein infernalischer Gestank.

Dem Trupp Soldaten bot sich ein grauenhafter Anblick. Wie groteske Puppen, ausgezehrt und steif, lagen die Toten auf dem Boden der Kirche. Viele von ihnen waren am Ende zusammengekrochen. In geisterhaft bleichen Haufen hatten sie sich ineinander verschlungen. Ihre Gesichter waren bizarre lederne Masken, Augen und Münder standen offen. Hitze und Gestank hatte Schwärme von Fliegen, Ratten und Maden angelockt, die in leeren Augenhöhlen, Mündern und Ohren wimmelten. Ein Karneval des Todes, gefeiert von Maden, Kakerlaken, Ratten, Spinnen und Fliegen.

Der Kirchenboden war von einem schlüpfrig schimmernden Belag überzogen – gebildet aus Fäkalien und geronnenem Blut. Ratten tummelten sich darauf, die auch schon von den reglosen Leibern gekostet hatten, und auf den klebrigen Bodenplatten waren Abertausende Fliegen verendet. Das prächtig leuchtende Grün ihrer vertrockneten Leiber wirkte auf Couton und die Marinesoldaten wie Hohn. So einige unter den Soldaten schauten ängstlich zur Statue des Heilands hinauf und bekreuzigten sich.

Die Blicke des Doktors blieben lange auf zwei Frauen haften, die ihre Kleinkinder im Arm hielten, als hätten sie bis zum Schluss gehofft, sie allein durch jene Geste vor dem unausweichlichen Ende bewahren zu können.

Und Marais?

Er war zwar als Erster – noch vor seinen Männern und dem Doktor – ins Kircheninnere eingedrungen, hielt seinen Blick jedoch all die Zeit niedergeschlagen und hatte seither noch kein Wort von sich gegeben.

Es war eine furchtbare Arbeit, die ineinander verkrallten Leichname voneinander zu lösen und draußen auf die herbeigerufenen Karren zu verladen. Obwohl Soldaten während ungeliebter Tätigkeiten gewöhnlich dazu neigten, ihre Handgriffe mit Flüchen und derben Witzen zu begleiten, fiel an jenem Tag in Saint-Petrus außer einigen gemurmelten Stoßgebeten kaum ein Wort.

Während die Marinesoldaten die ersten Toten aus der Kirche schleppten, befahl Marais den Männern plötzlich mit kratziger Stimme, ihre Arbeit zu unterbrechen. Ohne weitere Erklärung stieg er zur Empore hinauf und sah von dort aus eine Zeitlang schweigend auf den mit Leichnamen bedeckten Kirchenboden hinab, bis er den Männern schließlich durch ein knappes Handzeichen befahl, weiterzumachen.

Auch nach fünf Jahren, die er hier in Brest hauptsächlich mit Verwaltungsangelegenheiten verbrachte, hatte Marais nichts von dem geschulten Auge und kühl kalkulierenden Verstand des begabten Polizisten verloren, der er einst in Paris gewesen war. Und etwas an Lage und Anordnung der Leichen war ihm ins Auge gefallen.

Weshalb waren die Leichname in drei deutlich voneinander getrennten Gruppen angeordnet, fragte er sich. Sicher, es entsprach menschlichem Verhalten, sich in der höchsten Not aneinander zu drängen, um in der Berührung mit dem Nachbarn Schutz und Trost zu suchen. Doch weshalb hatten sich hier drei Gruppen gebildet – nicht eine einzige, oder womöglich ja auch zwei? Sondern drei? Von denen eine im Übrigen deutlich kleiner war als die beiden anderen.

Erst nachdem er sich von der Empore aus einen Überblick über den gesamten Kirchenraum verschafft hatte, gelangte Marais zu einer Erklärung.

Kurz vor dem Ende mussten einige der im Kircheninneren gefangenen Menschen versucht haben, zu fliehen. Aber sie waren von den anderen mit allen Mitteln daran gehindert worden, das verrammelte Kirchenportal aufzubrechen, um nach draußen zu gelangen. Dies musste die größte Gruppe, jene nächst dem Kirchenportal, gewesen sein. Eine zweite, nur etwas kleinere Gruppe, die sich kaum zehn Schritte von ihnen entfernt befand, war die ihrer Gegner. Und die zehn oder zwölf Gestalten, welche sich in einem Halbkreis um den Abbé Maurice zum Sterben niedergelegt hatten, bildeten die der Anführer.

Steif und mit vorgerecktem Kinn verharrte Marais auf der Empore. Seine Augen wirkten stumpf und seine Finger hatten sich um die glatte Brüstung gekrallt.

Der Anblick des stocksteif hinter der Brüstung stehenden Marais erzeugte in Couton maßlosen Zorn. Der Doktor war mit seinen Sanitätern und Freiwilligen seit dem Ausbruch der Seuche Tag für Tag unterwegs gewesen, um den Kranken Linderung zu verschaffen. Er war angespannt, erschöpft und übernächtigt. Für ihn hatte Marais die Schweinerei hier in Saint-Petrus im Grunde ebenso zu verantworten wie der wahnsinnige Abbé Maurice.

Je länger Couton zu Marais hinaufsah, umso größer wurde sein Zorn. Zumal Couton sicher war, dass Marais’ scheinbar so überhebliche Gelassenheit zwangsläufig auch die Moral der Männer beschädigen musste. Denn die fieberten geradezu nach einer kleinen Geste des Anstands und Mitgefühls vonseiten ihres Präfekten. Doch Marais hatte sich dort oben in Mantel und Hut wie ein böser dunkler Engel hinter der Empore aufgebaut.

Couton ließ alles stehen und liegen, und stürmte durch die Kirchenbänke hindurch zur Empore, um Marais zur Rede zu stellen. Der Zorn des Doktors verrauchte jedoch, sobald Marais ihm auf der Empore still das Gesicht zuwandte und für einen Augenblick sein in Essig getränktes Tuch herabstreifte.

Marais’ Wangen glänzten feucht. Nicht vor Schweiß, sondern von Tränen, die ihm ungehindert aus den Augen rannen.

Die Finger des Präfekten hatten sich dabei so fest um den Handlauf der Brüstung gekrallt, dass sie vor Anspannung beinah so unnatürlich weiß und dünn wirkten, wie die all jener Toten da unten am Kirchenboden.

Plötzlich peinlich berührt, wandte sich Couton wortlos wieder ab und lief zur Treppe zurück.

Weder der Doktor noch die Marinesoldaten konnten ahnen, dass Marais dort oben Zwiesprache mit seinem Gott hielt, während ihm Tränen des Zorns über die Wangen liefen. Tränen des Zorns über seine eigene Feigheit und Tränen des Zorns über den Abbé Maurice, der jeden Anstand und jedes Mitgefühl verriet, als er seine Gefährten daran hinderte, dieser irdischen Hölle zu entkommen.

Es dauerte bis zum Abend Saint-Petrus von den Leichnamen zu räumen. Zum Ende waren die Männer erschöpft wie nie. Zur körperlichen Erschöpfung gesellte sich die geistige. Marais ließ ihnen Sonderrationen an Wein und Rum austeilen. Zugleich wies er auf den letzten Karren, auf dem sich inzwischen auch der Leichnam des Abbé Maurice befand. »Dass mir keiner auf die Idee kommt, ihn etwa gesondert zu bestatten! Er kommt ins Massengrab zu allen anderen!«, befahl er. Den Marinesoldaten war anzusehen, wie unangenehm ihnen der Befehl war, einen Priester in einem Massengrab zu verscharren.

Zurück in seinem schmucklosen Büro in der Präfektur, ging Marais das Briefeschreiben schwerer als sonst von der Hand. Obwohl er Nacht für Nacht in einem Brief an seine Frau Nadine die Ereignisse in der Stadt zusammenfasste, hatte er selbst seit über einem Monat nichts mehr von seiner Familie gehört. Nadine lebte mit ihrem Sohn Paul in einem Örtchen außerhalb der Stadt. Marais hielt sie dort für sicher vor der Seuche. Seine Briefe an sie bewahrte er verschnürt mit einem roten Band in einer Schublade seines Schreibtischs auf. Und genauso würde Nadine es mit ihren Briefen an ihn halten, so hatten sie es abgesprochen, als Marais sie vor dem Quarantänebefehl zuletzt gesehen hatte. Er hätte es nicht für opportun gehalten, darauf zu bestehen, dass man mit der täglichen Lebensmittellieferung, auch die Briefe seiner Frau in die Stadt brachte. Die Pest wütete zwar auch außerhalb der Stadtmauern, hatte dort aber nicht so fest Tritt fassen können wie innerhalb Brests.

Sechs Tage nach den Ereignissen in Saint-Petrus empfing Couton Marais besonders gut gelaunt zu ihrer morgendlichen Besprechung. Gewöhnlich bat er ihn dazu in sein Wohnzimmer, in dem es stets angenehm nach frischem Tee duftete, der inzwischen eine Seltenheit in Frankreich geworden war. »Letzte Nacht gab es nur einen Toten, Louis. Ein Fischer mit Lungenentzündung. Ich denke, es ist für dieses Mal überstanden.«

Sie einigten sich darauf, dass man – nur um wirklich sicher zu gehen – noch zwei weitere Tage warten sollte, bevor Marais die Quarantäne über Brest endlich aufheben ließ.

Auf diese Nachricht hin strömten die Menschen aus ihren Häusern und nahmen die Plätze, Gassen und Straßen ihrer Stadt so rasch und reibungslos wieder in ihren Besitz, dass es Marais beinah wie ein Wunder vorkam. Die Fröhlichkeit der Leute dort unten auf dem Platz kam ihm schäbig vor. Ihm war, als trampelten sie auf den Gebeinen der Toten herum. Andererseits entsprach aber genau dies nun einmal dem Lauf der Welt.

Marais zog den Packen Briefe hervor und schob ihn in eine Kuriertasche. Er rief nach seinem Burschen Sergeant Strass und befahl ihm, zwei gute Pferde aufzusatteln.

Der Titel Bursche war irreführend, denn Sergeant Strass war ein Mann, der die Blüte seiner Jahre längst hinter sich hatte. Er war kräftig und untersetzt, das Haar grau und unordentlich, und er war seinem Herrn seit Jahr und Tag treu ergeben.

Strass schob zwei geladene Pistolen in die Satteltaschen. Außerdem hatte er zwei blanke Säbel dabei. Schon zu gewöhnlichen Zeiten trieb sich allerhand Gelichter auf den Straßen Frankreichs herum. Jetzt jedoch mochte nur Gott allein wissen, wie viele Strauchdiebe, Totschläger und Verzweifelte sich während der Quarantäne um die Stadt angesammelt haben mochten.

Marais hatte seine Familie von Anfang an nicht in Brest haben wollen, das ihm mit seinen Sträflingen im Marinegefängnis, den Soldaten, betrunkenen Seeleuten, Händlern und rauen Fischern nicht als der rechte Ort für eine Frau und ein kleines Kind erschienen war. So hatte er keine Zeit verloren, gleich nach seiner Versetzung jenes Haus in der kleinen Ortschaft etwas außerhalb der Stadt zu erwerben, wo sein Sohn in Frieden zwischen Weiden, Feldern, Sand und Meer aufwachsen würde.

Doch bereits nach wenigen Minuten Reitzeit hörten Marais und Strass von einem Bauern, dass vor einiger Zeit in der Gegend um Marais’ Haus ein begrenztes Aufflackern der Seuche zu verzeichnen gewesen war. Ihr Ritt durch flache windgepeitschte Wiesen und Felder zog sich für Marais scheinbar endlos hin. Obwohl er in Wahrheit kaum mehr als eine Stunde dauerte.

Als Marais sein Haus verlassen und dessen Türen verrammelt vorfand, ritten sie zum Pfarrhaus des kleinen Sprengels direkt an der Küste, zu dem das Haus zählte. Dort erfuhren sie von dem alten Gemeindepriester, was geschehen war.

»Ihre Frau und Ihr Sohn, Monsieur le Préfet, waren die letzten Toten. Wir glaubten es schon überstanden zu haben. Es waren ja auch nur fünf, die sich die Pest aus unserem Dorf geholt hat. Doch als es begann, bestand Madame Marais darauf, dass man Sie nicht benachrichtigt. Es gebe in Brest Wichtigeres, worum Sie sich zu sorgen hätten, sagte sie.«

Strass empfand Marais’ äußerliche Ruhe angesichts der Schreckensnachricht des Gemeindepriesters beinah als unerträglich. Der Pfarrer begleitete Marais auf den Friedhof, der etwas abseits von der aus grauem Stein errichteten Kirche auf der Kuppe eines Hügels lag. Windflüchter und ein paar halb verwitterte Engelsstatuen bildeten seinen einzigen Schmuck. Viele Gräber waren uralt und ihre Steine schon vor Jahrzehnten so tief in die Erde eingesunken, dass sie unter dem harten Gras kaum noch auszumachen waren.

Marais schickte den Priester mit einer herrischen Geste zurück und blieb mit gesenktem Haupt und dem Hut in der Hand lange bei dem Fleckchen Erde stehen, das als letzte Ruhestätte seiner kleinen Familie diente.

Strass konnte nur erahnen, was in dem Präfekten vorgehen mochte. Haderte er mit seinem Gott? Das wäre nur zu verständlich gewesen. Strass sah, wie Marais den Hut wieder aufsetzte, und als er das Friedhofstor erreichte, hätte ein zufälliger Beobachter in seiner Haltung keine Spur mehr von der Last seines Schmerzes bemerkt.

»Wohin, Monsieur?«, fragte Strass.

»Zum Haus.«

Marais trieb sein Pferd unbarmherzig an. Strass folgte ihm in einigem Abstand.

Das zweistöckige Haus war ein massives Gebäude, errichtet aus demselben grauen Stein wie die Kirche, die umliegenden Höfe und der Dorfladen. Es lag am Rande des Ortes und verfügte über gute Glasfenster, eine feste Tür aus dickem Buchenholz und war umgeben von einem sorgsam gepflegten Garten, der sicherlich der ganze Stolz von Madame Marais gewesen war.

Marais sprang von seinem Pferd und band es an einen Ring in der niedrigen Steinmauer, die den Vorgarten vom Rest des Grundstücks trennte. Er befahl Strass zu warten, presste sich sein Taschentuch vor Nase und Mund und betrat das Haus.

Strass hörte, dass Marais drinnen die Treppe hinaufging, und sah dann, wie er nach und nach alle Fenster im Haus schloss und sogar die Fensterläden verriegelte, als bereitete er das Haus auf einen bevorstehenden Sturm vor.

»Dein Feuerzeug!«, forderte Marais Strass auf, nachdem er wieder zu ihm getreten war. Der Sergeant kramte in seinen Taschen und brachte Stahl und Stein zum Vorschein.

Marais öffnete die Kuriertasche, nahm die Briefe an Nadine und ging mit dem Bündel und Strass’ Feuerzeug wieder ins Haus. Als Marais wenige Minuten später wieder aus dem Haus trat, quoll bereits Rauch unter dessen Tür hervor.

Als einige Dorfbewohner aufgeschreckt von dem Geruch des Feuers mit Wassereimern zu Hilfe eilen wollten, befahl Strass ihnen barsch zu verschwinden.

Zwei Stunden oder länger stand Marais in seinem dunkelblauen Mantel mit dem schwarzen Dreispitz auf dem Kopf und dem hellen Tuch vorm Gesicht regungslos zwischen dem brennenden Haus und der Scheune. Ein paarmal war es Strass, als hätte er ihn irgendetwas rufen hören. Doch das Feuer prasselte so laut, dass er sich auch geirrt haben konnte.

Strass verstand nur zu gut, was seinen Herrn antrieb. Er war der Sohn eines wandernden Scherenschleifers und aufgewachsen unter Hausierern, Gauklern, Bettlern und Taschendieben, wie sie die Märkte der Kleinstädte unsicher machten. Ganz gewöhnliche Leute mochten ihre Häuser nach dem Tod ihrer Liebsten ausräuchern, tünchen und umgestalten. Das fahrende Volk jedoch nahm auf dieselbe Weise Abschied von seinen Toten, wie Marais dies tat: Indem die Menschen deren Wagen mit all ihrer Habe darin verbrannten und so die Seelen ihrer Toten freisetzten.

In Brest erzählte man sich, Marais stamme aus einer Beamtenfamilie in der Auvergne. Doch Strass begriff: Marais musste wie er selbst unter fahrendem Volk auf der Straße aufgewachsen sein. Vielleicht war er gar ein gitan, ein Zigeuner. Doch da er Marais stets für dessen unbestechlichen Gerechtigkeitssinn geschätzt hatte, sandte er für ihn ein stilles Gebet zum Himmel. Es war das Gebet eines alten Soldaten: »Herr, mein Gott, vergib ihm seine Schuld. Du musst. Denn Du hast ihn so geschaffen, wie er ist.«

Auf dem Marktplatz und in den Straßen der Hafenstadt herrschte ein fröhliches Treiben, als die beiden Männer vor der Präfektur von ihren Pferden absaßen. Man feierte ausgelassen die neu gewonnene Freiheit mit Wein, Musik und Tanz. Gegen elf Uhr nachts sollte sogar ein Feuerwerk das Volksfest krönen. Die Stimmnung hatte etwas von einem unverhofften Karneval.

Marais nahm von dem Trubel jedoch kaum etwas wahr. Er war in seinem Büro und ordnete seine Akten. Sein Nachfolger würde seine Angelegenheiten in einem vorbildlichen Zustand vorfinden. Marais’ Entschluss stand fest: Er würde sich, sobald alle Akten geordnet waren, eine Kugel in den Kopf jagen.

Nie hätte er gedacht, dass er einmal an Gottes Güte und unermesslichen Gnade zweifeln würde. Wenn man bedachte, wo einst seine Wiege gestanden hatte und wie weit er es schließlich gebracht hatte, so war nachvollziehbar, dass er sich all die Jahre für einen von Gott Begünstigten gehalten hatte. Nicht einmal seine erzwungene Versetzung aus Paris hierher nach Brest hatte etwas an seiner Überzeugung, ein Glückskind zu sein, ändern können. Obwohl die ersten Monate hart gewesen waren, war es ihm gelungen, sich gut in dem neuen Leben einzurichten. Er hatte Nadine an seiner Seite gehabt, die ihm stets eine Stütze gewesen war.

Nun war all dies zunichtegemacht worden.

Er war selbst schuld gewesen. Er hätte auf Couton hören sollen und niemals zulassen dürfen, dass dieser wahnsinnige Priester sich mit seiner Gefolgschaft in Saint-Petrus verbarrikadierte. Ein wenig mehr Entschlusskraft und Schneid, und er hätte das Schlimmste verhindern können.

Doch er hatte nichts unternommen.

Und zu all dem kam der Tod seiner Familie. Während er an ihrem Grab stand, dem Priester zuhörte, der ihn mit seinen seltsam ausgelaugten Worten zu trösten versuchte, raste Marais gegen seinen Gott, der diese Katastrophe zugelassen hatte. Denn lag nicht alle Macht bei Gott? Und war er daher für seine Versäumnisse nicht ebenso zu verdammen, wie Marais für die seinen? Womöglich ja sogar mehr noch als der schwache Mensch Louis Marais? Doch während er später sein Haus brennen sah, begriff er, dass er nicht Gott allein verantwortlich für sein Unglück machen durfte. Nein, sein Entschluss stand fest.

Das Furchtbarste an seinem Vorhaben, sich selbst ein Ende zu setzen, war, dass er damit auch jedes Versprechen auf ein Wiedersehen mit seiner Frau und seinem Sohn verspielte, die er in diesem Augenblick sicher und glücklich in Gottes Paradies wusste. Denn Suizid war eine Todsünde und würde Marais in die Hölle verdammen.

Doch was war ein Leben allein und mit dem Wissen, dass er diese Leute in Saint-Petrus ihrem Tod ausgeliefert hatte, obwohl es in seiner Macht gestanden hätte, sie davor zu bewahren? Verdammt zum ewigen Fegefeuer war er durch seine Versäumnisse als Präfekt ohnehin. Diese Welt war ihm seit Nadines und Pauls Tod Hölle genug. Besser jetzt und hier durch eigene Hand ein rasches Ende machen, als in dieser leeren und furchtbaren Welt weiter zu existieren, bis er eines Tages auf natürlichem Wege in Gottes Hölle gelangte.

In einem polierten Ebenholzkasten auf dem Aktenschrank lagen zwei gut geölte Duellpistolen, die er von seinem Vorgänger in der Präfektur übernommen hatte. Marais hob den Kasten herunter, legte ihn vor sich auf den Tisch und öffnete ihn. Zusammen mit den beiden Waffen lagen auch Putzstock, Pulverbeutel, Zündblättchen und eine Handvoll Bleikugeln in dem Kasten. Er prüfte nacheinander beide Pistolen auf ihre Funktionstüchtigkeit und entschied sich für jene, die ihm um einen Hauch besser ausbalanciert erschien. Dann roch er misstrauisch an dem Schießpulver und zerrieb ein wenig davon zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war staubtrocken und gut angemischt. Zuletzt suchte er die Kugel aus. Er griff nach dem Militärdolch, der ihm als Brieföffner diente, und schnitt zwei tiefe Kerben in das weiche Blei der Kugel ein.

Für Marais war es eine Frage von Anstand und Würde, gerade in diesem letzten Akt auf Erden nicht zu versagen. Er war ein Mann, der mit Schusswaffen umzugehen wusste. Eine gekerbte Kugel würde beim Eindringen in seinen Schädel in Splitter zerspringen, die ihm sein Hirn zu Brei zermahlen würden.

Marais lud die Waffe, legte sie dann wieder auf den Schreibtisch, trat ans Fenster und sah einen Moment dem ausgelassenen Treiben auf dem Marktplatz zu. Er wunderte sich über das offensichtliche Zutrauen in die Welt und in die Zukunft, das die Leute dort unten so kurz nach der Katastrophe beflügelte. In seinem eigenen Herzen fand er dafür keinen Platz mehr.

Er ging wieder zum Schreibtisch, ergriff die Waffe, trat zwei Schritte in die Mitte des Raumes, setzte den Lauf der Pistole an den Kopf und schloss die Augen.

Was war das schon? Die Krümmung seines Fingers, dann – Dunkelheit. Ein einziger kurzer Moment.

Er versuchte es.

Nichts.

Er war unfähig, seinen Finger zu krümmen.

Verblüfft über sich selbst setzte er die Waffe ab, betrachtete sie verlegen und setzte sie erneut an den Kopf.

Doch wieder wollte es ihm nicht gelingen.

Erschöpft ließ Marais sich auf den Stuhl sinken. Er war schweißgebadet. Ganz offensichtlich war er außerstande, einen Schlussstrich zu ziehen. Zu dem Versagen als Präfekt und Beschützer seiner Familie kam nun noch die Erkenntnis, ein Feigling zu sein.

Draußen, am Nachthimmel, explodierten die ersten bunten Sterne des Feuerwerks.

Marais erhob sich und holte eine Flasche Cognac aus dem Aktenschrank, stellte ein Glas dazu, das er zuvor mit seinem Hemdzipfel vom Staub befreite, und schenkte sich einen kräftigen Schluck ein.

Wie vielen Menschen war es wohl ähnlich ergangen, fragte er sich. Selbstmord war eine Angelegenheit, die sich im Verborgenen abspielte. Die Welt erfuhr vom Ergebnis. Doch niemals hörte man etwas darüber, wie oft dieser oder jener sich die Schlinge wieder vom Hals streifte, wie oft er die Waffe wieder absetzte oder wie viele verzweifelte Schwimmzüge einer noch vollführte, bevor er sich schließlich widerstandslos den Fluten überließ.

Marais trank den Cognac in zwei gierigen Schlucken und füllte das Glas erneut. Eine tiefe Ruhe durchströmte ihn. Ein drittes Glas Cognac – ebenso hastig hinuntergeschüttet wie die beiden zuvor.

Draußen explodierten immer noch bunte Bälle und strahlende Sterne, die dann wirbelnd aus dem klaren Nachthimmel wieder zur Erde herabstürzten.

Jetzt galt es.

Er dachte darüber nach, es hier am Schreibtisch zu tun. Doch würde das die Dossiers und Aktenstücke, die er darauf geordnet hatte, mit seinem Blut besudeln. Was ihm als unzulässig und würdelos erschien. Also griff er nach der Duellpistole, löste sich vom Schreibtisch und trat wieder in die Mitte des Raumes.

Er setzte den Lauf an den Kopf, atmete tief durch und schloss die Augen.

Doch wieder gelang es ihm nicht, seinen Finger dazu zu bringen, den Abzug durchzuziehen. Für eine Schrecksekunde wähnte er sich in einer Hölle, die zynischerweise der Welt glich, die er gerade so verzweifelt zu verlassen versuchte.

Aber er war am Leben und erneut gescheitert.

Wie sehr er sich doch nach der Dunkelheit sehnte. Wie sehr er sich vor sich selbst ekelte.

Verzweifelt sank er auf den Stuhl.

Marais hätte nicht zu sagen vermocht, wie lange er so dagesessen hatte. Es musste bereits Mitternacht gewesen sein, als es plötzlich an der Tür klopfte und Strass hereintrat.

»Ein Bote aus Paris, Monsieur. Er sagt, er müsse seine Antwort gleich haben.«

Strass legte die Depesche, die der Bote gebracht hatte, auf Marais’ Schreibtisch, wandte sich um und verließ das Zimmer. Marais sah ihm nach. Dann wandte er sich der Depesche zu. Bei dem Siegel darauf handelte es sich um das des Polizeiministers. Außerdem war Dringend darauf vermerkt und zweimal unterstrichen worden.

Fast fünfzehn Jahre lang war Marais Polizeiagent in Paris gewesen. In dieser Zeit hatte er seine größten Erfolge gefeiert und es zum wohl berühmtesten Polizisten in Frankreich gebracht. Trotzdem hatte Monsieur le Ministre Joseph Fouché ihn vor fünf Jahren, zwei Monaten und zwölf Tagen mithilfe einer raffinierten Intrige seines Postens enthoben und hierher nach Brest verbannt.

Mit einer einzigen Ausnahme hatte Marais keinen Mann je so tief verachtet wie den Polizeiminister Fouché. Marais hatte seinen Beruf immer als eine Art Spiel begriffen. Wenn man so wollte, war der Beruf des Polizisten eine Variante der Jagd. Aber zur Jagd – wie zum Spiel – gehörte es, dass man sich nach einer Niederlage als guter Verlierer gab. Fouché jedoch war dazu nicht fähig gewesen. Für ihn bedeutete jede Niederlage eine persönliche Demütigung, die es auszuwetzen galt – und zwar um jeden Preis.

Marais wog die Depesche in der Hand. Ich könnte sie verbrennen und den Boten ohne Antwort zurückschicken, dachte er.

Letztlich siegte sein Pflichtbewusstsein. Dies war ein amtliches Dokument, und es war an ihn persönlich gerichtet. Er war schließlich immer noch Beamter.

Marais erbrach das Siegel.

Monsieur,

dringende Ermittlungen erfordern Ihre unverzügliche Rückkehr. Ernennung zum Commissaire du Police Judiciaire hiermit erfolgt. Einsatzort: Sicherheitsbüro Paris, Rue Sainte-Anne.

Joseph Fouché, Paris

Ungläubig begriff Marais, dass Fouché ihm seinen alten Posten anbot. Natürlich bedeutete der Posten eines Commissaire, gemessen an seiner Stellung hier in Brest, einen gewissen Abstieg. Aber es bedeutete auch, dass die Dinge in Paris schlimm stehen mussten, wenn der alte Fuchs über seinen Schatten sprang und sich ausgerechnet an Louis Marais wandte.

Marais hatte ein Talent dafür, Morde aufzuklären. Das wusste Fouché besser als jeder andere im Ministerium. Daher lag die Vermutung nahe, dass es ein Mord war, der den Minister dazu bewog, nach ihm zu rufen.

Was nun, fragte sich Marais, sollte er wirklich nach Paris zurückkehren?

Noch vor wenigen Augenblicken wollte er seinem Leben ein Ende setzen, doch er hatte es nicht vermocht. Und jetzt rief dieses verhasste Leben nach ihm, als wäre nichts geschehen. Marais fragte sich mit bitterer Ironie, wer ihn hier in Gestalt dieser Depesche in Versuchung führte – Gott, der Herr, oder jener alte kahlköpfige Betrüger, den man gemeinhin Satan nannte?

Letztlich, sagte er sich, war es gleich. Was hatte er schon zu verlieren? Nichts.

Er erhob sich, trat zur Tür.

»Strass! Ein Pferd! Meinen Mantel! Einen Koffer für die Papiere!«, rief er.

Die Tür öffnete sich, und Strass steckte seinen Kopf durch den Spalt.

»Monsieur le Préfet?«

Marais war bereits aufgestanden und trug unter dem Arm den Ebenholzkasten mit den beiden Pistolen.

»Worauf wartest du? Hast du mich nicht verstanden? Beweg dich!«

Strass’ eilige Schritte verklangen im Flur.

Als an diesem Morgen die Sonne aufging, stattete Marais Couton einen kurzen Abschiedsbesuch ab. Bevor er das Haus des Doktors verließ, legte er den Ebenholzkasten mit den beiden Duellpistolen auf dessen Schreibtisch ab. »Bewahren Sie das für mich auf, Couton. Womöglich werde ich eines Tages danach schicken lassen.«