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Mein Hochzeitstag.
Bislang der schönste Tag in meinem Leben.
Die Zeremonie ist vorbei, und wir sitzen auf dem sonnigen Rasen. Marc und ich betrachten den Sonnenuntergang, und ich kann spüren, wie sehr mich meine Familie und meine Freunde lieben. Ich lehne mich an Marcs breite Schulter und denke an die Gelübde, die wir unter dem Blätterdach abgelegt haben.
Sophia Rose, ich verspreche dir, dich mein Leben lang zu lieben …
Es war überwältigend, dass unsere Hochzeit im Wäldchen hinter dem Ivy College stattfand. Und dass Jen und Tanya meine Brautjungfern waren. Und dass Tom uns beim Schreiben der Gelübde unterstützt hat.
Ich blicke an meinem Hochzeitskleid aus fließender Seide hinab und weiß, dass ich kein besseres hätte finden können. Es ist traumhaft und gleichzeitig natürlich und sehr bequem. Nicht zu förmlich. In einem gestärkten, mit viel Spitze verzierten Kleid hätte ich mich nicht wohlgefühlt.
Obwohl der Himmel sich rosagrau verfärbt hat, ist es noch immer warm.
Ich lege die Hände auf den Bauch. Ob ich tatsächlich schon schwanger bin? Ich weiß, dass es noch viel zu früh ist, das mit Gewissheit zu sagen, aber …
Marcs Umarmung wird fester. »Morgen gehen wir zum Arzt.«
Er sieht toll aus in seinem schwarzen Anzug, mit seinem glatt rasierten, kantigen Kinn und den strahlend blauen Augen.
»Na gut.«
»Vielleicht solltest du später die Finger vom Hummer lassen. Für alle Fälle.«
Als Hochzeitsessen gibt es gegrillten Hummer und Steaks.
»Warum?«, frage ich.
»Weil Schwangere keine Krustentiere essen sollten.«
»Verwechselst du das nicht mit Sushi?« Ich lache. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass Krustentiere in Ordnung sind. Außerdem bin ich vielleicht gar nicht schwanger.«
»Ich sehe zu, dass jemand das mit den Krustentieren herausfindet.«
»Nein!« Ich packe seine Hand. »Wir wissen doch noch nicht einmal, ob ich wirklich schwanger bin. Ich will nicht, dass jemand etwas davon mitbekommt. Vielleicht ist es ja nur ein Fehlalarm.«
Marc verzieht das Gesicht. »Sophia …«
»Bitte, Marc. Ich google es schnell selbst, okay?« Ich ziehe mein Handy aus einer kleinen Clutch und tippe die Frage in die Suchmaske. »Hier steht, dass Krustentiere okay sind.«
Während wir uns unterhalten, entzünden ein paar Leute vom Personal die Kerzen für die abendliche Party. In den weißen Rundzelten auf der Wiese schimmern Lichterketten.
»Das ist wirklich der schönste Tag meines Lebens.«
»Freut mich zu hören«, erwidert Marc.
»Alle, die wir lieben, sind hier.«
Na ja, fast alle.
Ich blicke in den Himmel und denke an meine Mutter. Ich war zwar noch ein Kind, als sie starb, aber das heißt nicht, dass ich sie an Tagen wie diesem nicht vermisse. Komisch, ich habe heute noch gar nicht an sie gedacht, selbst als Marc und ich uns das Eheversprechen gaben. Aber als ich jetzt unsere Familie und Freunde auf der Wiese beobachte, spüre ich einen Stich in der Magengegend.
Sie wäre so gern hier gewesen. Die Natur … und Marc.
»Sophia?« Marc klingt besorgt. »Stimmt etwas nicht?«
»Eigentlich nicht, aber … vermisst du heute deine Mutter?«
»Ich habe tatsächlich vorhin an sie gedacht.« Marc starrt in Richtung der Bäume. »Während ich auf der Lichtung auf dich gewartet habe. Ich habe mir gewünscht, dass ihr euch kennengelernt hättet. Sie hätte dich bestimmt sehr gemocht.«
»Meine Mutter dich auch.«
»Vermisst du sie?«
»Ein kleines bisschen schon. Aber nur jetzt, nicht den ganzen Tag.« Ich sehe zu Dad hinüber, der über etwas lacht, was Denise sagt. »Meistens vermisst Dad sie bei solchen Gelegenheiten auch, aber ich glaube, heute hat er eine gute Ablenkung – was mich sehr freut. Als meine Mutter wusste, dass sie bald sterben würde, hat sie gesagt: ›Trauert nicht um mich. Feiert mich.‹ Sie wollte nicht, dass wir traurig sind. Und sie wünschte sich, dass mein Dad eine neue Liebe findet.«
»Sie klingt wie eine fantastische Frau.«
»Das war sie auch.«
Ich betrachte unsere Gäste und bemerke, wie ein Glücksgefühl meine ernsten Gedanken verscheucht.
Jen lacht mit Leo. Tanya sitzt auf der Lehne von Toms Rollstuhl und lächelt ihm bewundernd zu. Dad grinst zu Denise hinüber. Annabel wirbelt Daniel durch die Luft.
Auch wenn ich keine Mutter mehr habe, bin ich vom Leben reich beschenkt worden.
Die Beziehung zwischen Jen und Leo steckt noch in der Anfangsphase, sieht aber vielversprechend aus. Leo bleibt länger als geplant in London, und ich weiß, dass Jen der Grund dafür ist. Sie übernachtet ständig bei ihm und hört gar nicht mehr auf, von ihm zu schwärmen.
Tanya behauptet noch immer, zwischen ihr und Tom liefe nichts Ernstes. Aber ich merke schon an der Art, wie sie ihn anschaut, dass die beiden es durchaus ernst meinen. Außerdem hat Tanya meinen Brautstrauß gefangen, man kann also nie wissen …
Dad und Denise behaupten, dass sie es langsam angehen wollen, verbringen aber in letzter Zeit fast jedes Wochenende miteinander.
Meine »böse Stiefmutter« Genoveva tut mir ein bisschen leid. Sie ist jetzt ganz allein. Der Mann, mit dem sie meinen Dad betrogen hat, hat sie fallen gelassen, und Dad scheint sein Glück in Denise gefunden zu haben. Aber wie Jen immer sagt: Das Karma kann manchmal ziemlich fies sein. Genoveva ist selbst schuld. Ich wünschte nur, sie würde sich etwas mehr um meinen kleinen Bruder Sammy kümmern; doch leider kann niemand sie dazu zwingen, eine gute Mutter zu sein.
Als ich mich unter unseren Verwandten und Freunden umschaue, bemerke ich, dass Marcs Schwester Annabel mit einem Wachmann redet und die Stirn runzelt.
Annabel war in letzter Zeit so fröhlich. Sie hat endlich ihre Heroinsucht überwunden und ihren kleinen Daniel zurückbekommen. Aber im Moment wirkt sie … ich weiß nicht. Besorgt.
»Marc«, flüstere ich. »Ist mit deiner Schwester alles in Ordnung?«
Marc zieht die dunklen Brauen zusammen. »Warte hier«, erwidert er und springt auf.
Mich überläuft ein Schauder, obwohl es nicht kalt ist.
Als Marc zu Annabel und dem Wachmann tritt, wehen ein paar Worte ihres Gesprächs zu mir herüber.
»Nein, natürlich kann er nicht reinkommen.«
»Woher wusste er überhaupt von heute?«
Ich stehe auf. Meine Seidenballerinas versinken im feuchten Gras. Das ist mein Hochzeitstag. Wenn etwas nicht stimmt, will ich es wissen.
Marc verzieht das Gesicht, als ich über die Wiese zu ihm gehe.
»Was ist los?«, will ich wissen und fasse ihn am Arm.
»Nichts, worüber du dir Sorgen machen musst.«
»Annabel?«, frage ich.
Annabel wirft Marc einen Blick zu. »Ich mag es nicht, Geheimnisse zu haben. Nicht mehr.«
»Das ist kein Geheimnis«, faucht Marc. »Es ist nur nicht Sophias Zeit wert. Heute ist unser Hochzeitstag. Sophia braucht kein Familiendrama.«
Annabel sieht zu Daniel hinunter, der sich an ihr Bein klammert. »Hallo, kleiner Mann.« Sie drückt ihn fest an sich. »Komm, wir gehen. Schauen wir mal, ob wir noch mehr von der Zitronen-Baiser-Tarte finden, was meinst du?« Sie blickt gequält Richtung Marc, dann nimmt sie Daniel an der Hand und verlässt uns.
Marc seufzt. »Das ist das Problem mit Entzugskliniken. Dort hat sie gelernt, brutal aufrichtig zu sein.«
»Aufrichtigkeit ist gut. Ich mag auch keine Geheimnisse.«
»Es ist wirklich nur ein kleines Familiendrama, auf das wir an unserem Hochzeitstag gut und gern verzichten können. Okay?«
»Und das Familiendrama wäre?«
Marc sieht mich ernst mit seinen blauen Augen an. »Sophia, du hast sicher schon mal von der Büchse der Pandora gehört?«
»Ja«, erwidere ich. »Wie du eigentlich wissen müsstest, habe ich sie sogar geöffnet. Und heute die Liebe meines Lebens geheiratet.«
Ich sehe, dass Marc gegen ein Lächeln ankämpft. »Jetzt müssen wir nur noch glücklich bis ans Ende unserer Tage leben. Das weißt du, oder?«
»Ja«, antworte ich. »Und dazu gehört auch, dass man aufrichtig zueinander ist.«
»Ich bin dir gegenüber immer aufrichtig.« Marc drückt mir einen Kuss auf die Stirn. »Aber diese Geschichte kann warten. Denn nun, Mrs Blackwell, wird es Zeit, die Torte anzuschneiden.«