Das Buch
Eine Reise in die beste Zeit meines Lebens
Als Nina eines Abends beim Zubettgehen sagt: »Ach Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganzen schönen Sachen, weißt du?«, bekommt Wolf Küper eine Ahnung davon, dass eine Million gemeinsam verbrachter Minuten womöglich sehr viel wertvoller sein könnte als eine glänzende Karriere. So beginnt eine Weltreise nach Thailand, rund um die Südinsel Neuseelands und quer durch Australien. Mit an Bord sind Ninas nur wenige Monate alter, also vollkommen ahnungsloser Bruder Mr. Simon, Vera, die Mutter der beiden, und Nina, die offiziell schwerbehindert ist – oder von einem anderen Planeten stammt, wie sie von sich selbst sagt. Zu viert verlassen sie Deutschland, um sich endlich Zeit für die großen Träume und kleinen Augenblicke zu nehmen.
Der Autor
Wolf Küper, geboren 1973 in Bremerhaven, promovierte im Bereich der Internationalen Umweltpolitik. Er arbeitete mehrere Jahre als Tropenforscher in den Regenwäldern Südamerikas sowie als Gutachter für die Vereinten Nationen. Bis ihn seine vierjährige Tochter eines Abends überzeugte, dass es eigentlich Wichtigeres gibt als eine glänzende Karriere. Seine Entscheidung für die Familie hat er nie bereut. Zurzeit lebt er in Bonn.
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WOLF KÜPER
EINE MILLION MINUTEN
Wie ich meiner Tochter einen Wunsch erfüllte
und wir das Glück fanden
Knaus
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Copyright © der Originalausgabe 2016
beim Albrecht Knaus Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Illustrationen: Martina Frank
Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-641-19581-6
V003
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Für Vera
Ay, no hay que llorar, que la vida es un carnaval,
es mas bello vivir cantando
Eigentlich kann man nicht sagen, dass Dr. Dr. K. F. Finkelbach schuld daran war, dass ich gerade – wie in den letzten 72 331 Minuten eigentlich jeden Tag – am Strand einer ziemlich einsamen Insel südlich der Grenze von Myanmar und Thailand in meiner Hängematte hänge. Neben mir die für einen Augenblick friedlich vor sich hin spielenden Kinder und daneben wiederum die vier großen Tüten mit Muscheln und Fragmenten erstaunlicher Meeresbewohner. Von »Schuld« kann schon allein deshalb keine Rede sein, weil ich die Situation ja durchaus erfreulich finde, jedenfalls verglichen mit dem, was ich eigentlich sonst gerade machen würde, wenn alles einigermaßen normal verlaufen wäre und ich mal wieder irgendwo zwischen Flughafen-Lounges, Hotels und Konferenzzentren unterwegs wäre. Aber es war alles anders gekommen, und irgendwie hatte das schon auch etwas mit Dr. Dr. Finkelbach zu tun.
PRAXIS VON HERRN DR. DR. K. F. FINKELBACH
BONN (50° 44’ N, 7° 5’ O)
RHEINLAND, DEUTSCHLAND
PROLOG
WAS IST NASS UND FÄLLT VOM HIMMEL?
Finkelbach war der sehr angesagte Psychologe, der mit uns die erste echte Untersuchung durchführte. Kognitiv-wahrnehmungsmäßig. Er hatte eine bemerkenswerte Zahl von gerahmten Urkunden an den Wänden, die ihm spezielle Ausbildungen für die Arbeit mit Kindern aller Art bescheinigten. Außerdem war er eine Koryphäe in der Durchführung von Intelligenz- und Verhaltenstests, die er sogar selbst mit entwarf. Zu guter Letzt war er gerade an diesem Tag auch noch bestens gelaunt, oder hatte sich das jedenfalls so vorgenommen, und wenn sich überhaupt jemand seine Laune aussuchen kann, dann sind das doch wohl Psychologen.
Also lehnte er sich nach jeder Frage betont entspannt zurück, auch wenn das für mich eher etwas bemüht wirkte. Die ersten vier Antworten hatten ihn irritiert, definitiv, da gab es hier eine kurze Schrecksekunde, dort ein flüchtiges Stirnrunzeln oder ein leichtes Zucken an seinem linken Auge. Aber ein gestandener Psychologe lässt sich eben nicht so leicht aus der Ruhe bringen.
Daher: Jetzt, mit Elan vorgetragen, Frage Nr. 5: »Was ist nass und fällt vom Himmel?«
Vor besagtem Herrn Dr. Dr. Finkelbach sitzt aufrecht und ziemlich klein für den ziemlich großen Bürostuhl das zu testende Subjekt, ein, laut ärztlichem Befund »zierliches, situativ sensibles Mädchen, anfangs etwas zurückhaltend und unsicher im Kontakt, später sehr lebhaft und kooperativ«. Es handelt sich dabei um meine Tochter Nina, und man kann selbst beim besten Willen nicht behaupten, sie sei nur durch Zufall hierher geraten. Nina hört aufmerksam zu und zieht nun leicht die Nase kraus, was sie meistens so macht, wenn sie überlegt.
Es dauert – wie üblich – recht lange, bis eine Antwort kommt. Unter zehn Sekunden ist bei ihr eigentlich selten eine Antwort zu haben, es sei denn, es geht um die Entscheidung zwischen diesem »Der-kranke-Elefant-findet-einen-tollen-Freund«-Spiel und etwas beliebig anderem, da ist es immer klar, und sie muss nicht groß nachdenken. Doch schließlich, nach sehr sorgfältigem Abwägen, hat sie sich festgelegt, und die Nase entspannt sich. Herr Finkelbach zieht die Augenbrauen hoch und höher und wartet auf den richtigen Begriff für das Nasse vom Himmel.
»Ein Hund«, sagt dann das Kind triumphierend und schaut Herrn Finkelbach an, als wollte es die Wirkung dieser Antwort auf keinen Fall verpassen. Ich pruste los, was Dr. Dr. Finkelbach mit einem halb verzweifelten, halb genervten Seitenblick in meine Richtung quittiert. Also möglichst schnell wieder seriös schauen, das kann ich schon aus beruflichen Gründen sehr gut, weil ich ja ständig mit Leuten zu tun hatte, die ganz wichtig sind. Und bei Wichtigen muss man vor allem immer eins sein, nämlich ernsthaft: Niemals bessere Laune haben als der Kunde, das ist die Spielregel Nr. 1 bei der Beratung, insbesondere von Politikern.
Für einen kurzen Moment schaut Herr Finkelbach Nina hilflos an, fängt sich aber wieder und sagt in merklich verlangsamtem Tempo: »Du kannst noch mal nachdenken, Nina. Also, es ist ganz nass« (bedeutungsvolle Kunstpause), »und es fällt vom Himmel herunter.« Seine hohe Stirn schimmert etwas, vielleicht vom Regen.
Aber er ist natürlich auf dem Holzweg, wenn er denkt, Nina würde sich irgendwie von ihrer Idee abbringen lassen. Selbstverständlich besteht sie fröhlich auf dem Hund. Also wiederholt Nina nun ihrerseits die Antwort, ebenfalls betont langsam, damit auch der Herr Finkelbach es verstehen kann. Zur Erläuterung fügt sie noch an, es handle sich um einen zotteligen schwarzen Hund, wobei sie nun mit den Händen einen beachtlich großen Umriss in die Luft malt, der vermutlich den Hund andeuten soll, aber viel zu rund geraten ist, weil sie natürlich gar keinen Hundeumriss zeichnen kann. Damit keine Missverständnisse aufkommen, fährt sie fort, man müsse da vorher natürlich mehrere Teppiche darunterlegen oder am besten so ein Bällebad. Und dann, wumms, würde dieser ganz nasse Hund da hinfallen, und man könnte eigentlich sofort mit ihm spielen, obwohl man ihn eventuell vorher noch föhnen könnte, denn nasse Hunde würden ein bisschen komisch riechen, und vielleicht wäre ihm auch etwas kalt vom Fliegen. Und so weiter.
Eine Stunde und mehrere Dutzend unglaubliche Antworten auf völlig normale Fragen später ist Nina beziehungsweise Herr Dr. Finkelbach fertig, und wir können nach Hause.
Im Fahrstuhl fragt Nina mich flüsternd, ob es sein könnte, dass Herr Finkelbach etwas »innervös« gewesen sei, aber im Übrigen sei der eigentlich richtig nett gewesen, und es hätte Spaß gemacht, sich so lustige Geschichten auszudenken. Mir sitzt ein Kloß im Hals, ich bin ziemlich fertig nach Ninas fulminantem Auftritt, und fast hätte ich allen Ernstes einer fröhlichen, nichtsahnenden Vierjährigen eine Standpauke darüber gehalten, dass es im Leben Situationen gibt, in denen es wirklich um etwas geht, in denen das Leben einfach kein Spaß ist, in denen es echte Konsequenzen hat, wenn etwas schiefgeht, in denen man sich einfach an die Spielregeln halten muss und so weiter, eben die komplette Ernst-des-Lebens-Lyrik aus der Erwachsenenwelt, die mir insgeheim schon seit Längerem selbst so merkwürdig vorkam. Und warum sie denn nicht einfach »Regen« gesagt habe, damit es richtig gewesen wäre, und an eigentlich allen anderen Stellen eben auch etwas, was einigermaßen normal geklungen hätte. Schließlich hätten wir ja doch vorher darüber gesprochen, dass das nicht alle verstehen, wenn man eben, wie Nina von sich sagt, ein bisschen aus einer anderen Welt kommt, wo alles anders ist und Dinge wie fliegende, große Säugetiere durchaus üblich sind.
Ich hole schon tiefer Luft, dann plötzlich blicke ich aus Versehen im Fahrstuhlspiegel in mein Gesicht, es dauert eine Millisekunde, bis ich begreife, dass das ja ich bin, der verspannte Typ, der mich mit einer zornigen Falte zwischen den Augen anblickt, und dann treffen sich mein und Ninas Blick, und ich sehe, wie sie versucht, in meinem zu lesen. Da nehme ich ihre kleine Hand, und wir gehen ein Eis essen – nicht ohne die Schokolade zwischen Nasenspitze und Kinn ganz abzuwischen, bevor wir zu Hause sind. So kurz vor dem Essen ist Eisverzehr eine nichtöffentliche Ausnahme nur zwischen Nina und mir, auch wenn ich mir keine Illusion mache, dass meine Frau Vera es nicht trotzdem merkt, wenn das Kind so ungefähr sein Eigengewicht in Eis verspeist hat.
Der Ernst des Lebens erreicht uns wenige Wochen später per Post; in einem ganz schlichten beigen Umschlag kommt er daher, wie irgendeine Werbesendung oder eine Rechnung über 11 Euro 55. Das ist eines von diesen Ereignissen, auf das man sich eigentlich die ganze Zeit vorzubereiten versucht, um sich dann im entscheidenden Moment völlig überrumpelt zu fühlen. Ich muss mich setzen, als ich den Brief aufmache, obwohl ich ja schon längst weiß, was kommt. Ich überspringe den üblichen lateinisch-griechischen Fließtext aus grotesken Namen für diverse körperliche Phänomene, die uns schon hinlänglich bekannt sind. Dahinter steht jetzt ein neuer, ebenfalls altsprachlicher Text mit bizarren Ausdrücken für einige ausgefallene »kognitive und spezifische Verhaltensauffälligkeiten«. In einigen Bereichen sind die Ergebnisse sozusagen unterirdisch: ein nasser Hund zum Beispiel, so sympathisch er auch sein mag, (insbesondere dann, wenn er auch noch fliegen kann), das gibt genau null Punkte in so einem standardisierten Test. Selbst ein echter K. F. Finkelbach biegt das in der wohlwollendsten und kreativsten Auswertung nicht hin. Und um 90 Grad gedrehte Zeichnungen von Menschen, die aussehen wie von einem Lkw überfahrene Aliens mit zu vielen Gliedmaßen an nicht dafür vorgesehenen Stellen, sind ebenfalls nicht besonders zielführend, wenn es um die Untersuchung der »Auge-Hand-Koordination und der visuell-kognitiven Verarbeitungskapazität« sowie eines einigermaßen akzeptablen Intelligenzquotienten geht.
Im Prinzip war – soweit ich das einschätzen konnte – Nina eigentlich klar, dass Hände normalerweise an Armen befestigt und mit ungefähr fünf Fingern bestückt sind, aber eine derart authentische Darstellung schien ihr wohl zu bürokratisch zu sein, einmal abgesehen von ihren echten Problemen, die schon damit anfingen, dass sie ja noch nicht einmal den Stift richtig halten konnte. Sie war in ziemlich jeder Hinsicht nicht, wie Kinderpsychologen, Pädagogen, Ärzte und Bildungspolitiker sich ein Kind vorstellen, und das fand sie auch ganz prima so. Die Entfernung zwischen Ninas denkwürdiger Performance bei Finkelbach und dem »statistischen Durchschnitt altersgleicher Kinder« betrug gefühlt mehrere Planetenumfänge, und diese wunderbare Welt im Kopf meiner Tochter war aus der Sicht psychologischer Standardtests ein komplettes Paralleluniversum, das durch ziemlich jedes Raster einfach durchfiel.
Ninas Aktion bei Finkelbach war noch harmlos im Vergleich zu dem, was sich sonst in einem Alltag abspielt, in dem sich ein Mensch unbekümmert und äußerst gut gelaunt an keine einzige Spielregel hält. Man kann ja einen Menschen in einem solchen Fall nicht einfach ignorieren, nur weil er alles durcheinanderbringt, vor allem, wenn es das eigene Kind ist. Klar, beim Fußball, da hätte man sie ganz sicher nach kürzester Zeit einfach vom Platz gestellt. Aber dann hätte man auch das wirklich merkwürdigste Fußballspiel der Welt verpasst. Seit dieses kleine Mädchen beherzt durch mein so sorgfältig verplantes Leben torkelte wie eine Mischung aus Charlie Chaplin und Pinocchio, lief alles unter Garantie extrem anders, als ich mir das auch nur im Entferntesten vorstellen konnte. Mein großer Plan A zum Beispiel hatte eigentlich darin bestanden, schnellstmöglich Karriere zu machen. Daran hatte ich jahrelang unter Hochdruck gearbeitet, und tatsächlich, vor der Vertragsstaatenkonferenz der Vereinten Nationen in Brasilien war es endlich soweit: Ich hatte die Wahl zwischen der fantastisch bezahlten Arbeit als Gutachter für die Vereinten Nationen und einer hervorragenden Position als Wissenschaftler an einem renommierten Forschungsinstitut in Kapstadt. Der Vertrag lag schon in meinem Schreibtisch, ich musste das Ding nur noch unterschreiben.
Aber seitdem Nina auf den Plan getreten war, war an eine internationale Karriere nicht mehr zu denken.
Plan B war dementsprechend schon deutlich »vernünftiger« gewesen. Zweimal berufstätig mit einmal Kind in Bonn bitte. Spezial? Nein danke, normal. Aber auch in dieser Variante bescherte uns Nina mit viel Elan und dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein einer Vierjährigen eine Situation nach der anderen, die mit Standardrezepten nicht zu bewerkstelligen waren. Auch ohne mein atemloses Jetset-Leben als Wissenschaftler und Gutachter für internationale Organisationen, bestehend aus glamourösen Geschäftsessen, mal wieder unglaublich wichtigen Meetings, Projekt-Deadlines, offiziellen Empfängen und weniger offiziellen Hintergrundgesprächen rund um den Globus, nagte der chronische Zeitmangel an uns allen. Mir ging langsam die Puste aus. (Nina hatte erst die Woche zuvor bemerkt, dass ich einen wachsenden Bauchansatz hatte, den sie gütigerweise als »lustig« bezeichnete.) Aber irgendwie klammerten wir uns an die Idee, irgendwann würde unser Leben schon wieder einigermaßen normal verlaufen. Oder halbwegs oder wenigstens viertelwegs normal. Die Fiktion von der Normalität ist hartnäckig. Schließlich sorgt sie dafür, dass alles funktioniert. Jedenfalls theoretisch.
Aber damit war es jetzt vorbei. Der Brief von Finkelbach in seiner schwarz-weißen Unbestechlichkeit hatte eine unüberhörbare Botschaft: Ja, Ihr Leben wird in Zukunft genauso schräg aussehen wie in den letzten vier Jahren. Mindestens. Wahrscheinlich war das alles sogar erst der Anfang. Mit freundlichen Grüßen.
Einen Plan C hatten wir nicht. Aber dafür hatten wir ja Nina. Wenige Tage später, als ich Nina abends ins Bett brachte, wurde ich nach dem wirklich sehr engagierten Vorlesen von Geschichte Nr. 1 routinemäßig darauf hingewiesen, dass gute Väter prinzipiell mehr als nur eine Geschichte vorlesen würden (bei solchen Gelegenheiten sprach Nina tatsächlich immer im Plural).
Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich aber leider nur noch zehn Minuten hätte, weil ich noch ganz viel zu tun hatte. Das stimmte tatsächlich – es war 20 Uhr 23 und meine To-do-Liste war erst, um es optimistisch zu sagen, halb leer. Und morgen war der letzte Abgabetermin für ein Manuskript für die UNESCO.
»Zehn Minuten?! Zehn Minuten für drei Geschichten? Du bist ja etwas verwirrt«, krähte Ninas Stimme irgendwo aus dem Kissenberg, zwei Arme kamen daraus hervor und zogen mich am Nacken. »Ach Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganzen schönen Sachen, weißt du?«, sagte Nina und quetschte meine Wangen zwischen den Handflächen, so dass ich aussehen musste wie diese Putzerfische innen an einer Aquariumscheibe. »Eine Million Minuten. Du kannst mir morgen eine Geschichte von einer Million Minuten erzählen, ja? Dann kannst du auch heute noch deinen Stress erledigen, is’ gut?«
Es gibt sicher nicht viele Dinge, die so irritierend sind, als wenn einen die eigenen Kinder plötzlich an die eigenen großen Träume erinnern. Es muss wohl dieses kurze Hintereinander gewesen sein zwischen dem Brief von Finkelbach und Ninas Eine-Million-Minuten-Idee, irgendwo war da anscheinend ein psychischer Schwellenwert überschritten worden. Jedenfalls war genau dieser Moment im Kinderzimmer derjenige, in dem es mich erwischte. Da ging ein Riss mitten durch das Selbstverständnis, mit dem ich täglich meine 1440 Minuten verbrachte. In meinem Tagebuch, dass ich seit Ninas Geburt führte, hatte ich es ausgerechnet: 24 x 60 Minuten = 1440 Minuten.
Der Riss ging auch mitten durch das normale Leben, bestehend aus Karriereplanung, Produktivität und Wachstum, privater Rentenvorsorge, Kinder-Outsourcing an die Kinderbetreuung, Besprechungen über Wohnaccessoires mit Innenarchitekten, Power-Napping und hektischen Kindesübergaben an Bahnhöfen, angesagten und abgesagten Kochabenden, Kurzurlauben und Wellness-Auszeiten. Vor allem aber ging dieser Riss quer durch die Idee, es sei völlig selbstverständlich, wenn man für eigentlich alles Zeit hat, außer für die Dinge, die einem am allerwichtigsten sind.
Kennen Sie diesen Moment im Film The Truman-Show, in dem der unfreiwillige Hauptdarsteller einer Live-Fernsehshow, Truman Burbank, auf dem endlosen Ozean Richtung Sonne segelt und dann völlig unvermittelt mit dem Bug des Segelbootes in die himmelblau bemalte Gipswand kracht, die er seit Jahrzehnten für den Horizont gehalten hat? Das war fundamental, irreversibel. Und auch für mich gab es seit dem Abend mit Ninas Frage eine Welt hinter der Kulisse des ganz normalen Alltags. Da war nichts zu machen. Genauso wenig, wie man Burbank einreden konnte, hinter der Himmelsattrappe sei eigentlich gar nichts Spannendes, so war für mich die »Million Minuten« nicht mehr wegzudenken. Ganz abgesehen von der erstaunlichen, beinahe systematischen Hartnäckigkeit, mit der Nina in den kommenden Wochen immer wieder darauf zurückkam.
Eines Nachmittags hatte ich das Kinderzimmer betreten, ohne dass sie es mitbekommen hatte. Sie stand vor dem Bett ihres Brüderchens, den sie aus irgendwelchen Gründen »Mr. Simon« nannte, und redete in beschwörendem Tonfall auf ihn ein. »Wirklich! Verstehst du? Eine ganze Million! Da kann man alles machen, was man will.« Mr. Simon, wenige Monate alt, stimmte ihr mit einem begeisterten, zahnlosen Lächeln zu. Er hatte ja keine Ahnung, worauf er sich da einließ.
Wegen derartiger Vorkommnisse war ich ehrlich gesagt auch nicht sehr überrascht, als Vera mir an einem der Abende darauf tief in die Augen blickte – unser Lieblingswein stand schon da – und anfing, darin zu schwelgen, wie wir als Rucksacktouristen monatelang in Lateinamerika unterwegs gewesen waren. Ob ich eigentlich glücklich sei mit dem Leben, das wir momentan führten? Unwillkürlich musste ich daran denken, wie am Abend zuvor wieder einmal der Kandidat einer Gewinnshow gesagt hatte, dass er im Falle eines Hauptgewinns »erst mal eine große Reise« machen würde. Noch einer! Wenn man den Leuten genau zuhört, sprechen tatsächlich acht von zehn Kandidaten von diesen Reisen, die sie jetzt endlich machen wollten. Und hatte ich nicht auch selbst, ohne es zu merken, meine großen Träume längst stillschweigend in das Irgendwann verschoben? Rückte dieses Irgendwann nicht in Wahrheit von Tag zu Tag in immer weitere Ferne? Erst die Arbeit, dann das Spiel. Erst die Realität, dann die Träume. Erst der Jackpot, dann die Reise. Aber eigentlich braucht man doch gar nicht eine Million Euro. Sondern eine Million Minuten! Erst Nina mit der für sie typischen, ebenso spektakulären wie unbekümmerten Langsamkeit in allen Lebenslagen hatte mich darauf gebracht, dass die Zeit ja eigentlich einem selbst gehört. Und zwar lange bevor man sich bei der großen Gewinnshow anmeldet. Die Zeit, das ist doch das eigene Leben, das schon da ist, bevor man aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen anfängt, es erst einmal in Geld zu tauschen, um sich dann beinahe verstohlen hier und da und irgendwann ein bisschen etwas zurückzukaufen vom eigenen Leben. Wie wär’s, sich davon eine Million Minuten zu nehmen? Jetzt?