Das Buch
Nur drei Musiker weltweit haben als Solokünstler und mit ihrer Band jeweils über 100 Millionen Tonträger verkauft – Phil Collins ist einer von ihnen. »Another Day In Paradise«, »You Can’t Hurry Love«, »One More Night«, »Sussudio« – große Songs mit großen Geschichten. Mit »In The Air Tonight« etwa hat der Ausnahmemusiker das Ende einer seiner drei Ehen in einen zeitlosen Hit verwandelt. Überhaupt – dieses Leben! Phil Collins erzählt rückhaltlos alles: von einem Filmdreh mit den Beatles, von Sessions mit Eric Clapton, Tina Turner und Adele, von der großen Zeit mit Genesis und davon, wie er auf einer Tournee heiratet, um sich später via Fax (beinahe) wieder scheiden zu lassen – und Jahre darauf gänzlich im Alkohol zu ertrinken. Phänomenale Höhen wie bizarre Tiefen: In diesem Buch ruft jede Zeile: »Take A Look At Me Now!«
Der Autor
Phil Collins, 1951 in London geboren, ist Schlagzeuger, Sänger, Produzent und Schauspieler - vor allem aber einer der einflussreichsten Musiker der Popkultur. Sowohl mit der Rockband Genesis als auch als Solokünstler prägte er wie kein Zweiter die Musik der Achtziger- und Neunzigerjahre: Über 280 Millionen verkaufte Tonträger sprechen für sich. Seit 2016 läuft nicht nur eine große Neuausgabe aller Studioalben, auch das Bühnen-Comeback konnte der Großmeister der Popmusik unlängst feiern.

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Not Dead Yet – The Autobiography bei Century, London.
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5. Auflage
Copyright © Philip Collins Limited 2016 First published by Century an imprint of Cornerstone Publishing.
Cornerstine Publishing is part of the Penguin Random House group of companies.
Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,
unter Verwendung zweier Fotos von © Lorenzo Agius (Cover vorne) und © Mick Gregory (Cover hinten)
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-19835-0
V002
www.heyne.de
Was Sie hier lesen, ist mein Leben, erzählt aus meiner Perspektive.
Das deckt sich vielleicht nicht mit der Erinnerung anderer Beteiligter, doch ich erzähle es so, wie ich mich erinnere.
Ich war mein Leben lang überzeugt davon, dass wir alle unsere »Kamera-Verschlusszeiten« haben, aufgrund derer wir uns ganz unterschiedlich oder überhaupt nicht an eine Szene erinnern. Manchmal kann daher eine Erinnerung das Leben eines Menschen prägen, während die anderen Beteiligten den Vorfall vielleicht schon längst vergessen haben.
PC
Inhalt
Prolog
Greatest Hits und andere Ohrwürmer
1 Not Drowning But Waving
Oder: Meine Anfänge, meine Kindheit und wie das Verhältnis zu meinem Vater ins Wanken geriet
2 Einem anderen Takt folgen
Oder: Die Abenteuer eines naiven Jugendlichen in den Sechzigern, der unbedingt auf die Bühne und Schlagzeug spielen will
3 »Drummer sucht Band, besitzt eigene Sticks«
Oder: Warten auf die große Chance in Swinging London. Wie schwer kann das sein?
4 Die Ballade von All Things Must Pass
Oder: Triff die Beatles (nicht)
5 Die Genese von Genesis
Oder: Die Anfänge meiner Anfänge
6 Vom blauen Eber zum Fuchskopf
Oder: Mit Genesis auf Tour und in der Klamottenkiste
7 Lamb Lies Down, Sänger macht sich davon
Oder: Durchbruch in Amerika, aber auf Kosten der Band
8 Familienmann, Frontmann
Oder: Der Versuch, alle zufriedenzustellen. Ergebnis: so lala
9 Schicksalhafte Scheidung
Oder: Wie durch mehrere Amerika-Tourneen meine erste Ehe in die Brüche geht, meine Solo-Karriere in Gang kommt und schließlich »In The Air Tonight« entsteht
10 Mein Marktwert steigt
Oder: Wie sich ein paar im Schlafzimmer entstandene Songs ganz gut verkaufen
11 Hallo, ich hab zu tun!
Oder: Die Königsjahre, mehr Hits, mehr Tourneen und mehr Projekte, als vermutlich ratsam sind. Tut mir leid…
12 Hallo, ich hab zu tun! Teil 2
Oder: Immer mehr
13 Live Aid: Wie ich es vermasselt habe
Oder: Jetzt übertreibe ich es
14 Der große Gehirnraub
Oder: Ich versuche, das häusliche Glück zu erhalten und Stadien zu füllen (gleichzeitig), werde Filmstar (kurzzeitig) und brüskiere den Thronfolger (unabsichtlich)
15 Mal im Ernst, Leute
Oder: Das aktuelle Zeitgeschehen – und eine private Affäre
16 Faxgate
Oder: Lassen Sie mich das klarstellen – ich habe mich nicht per Fax von meiner Frau scheiden lassen. Aber ich weiß, wie es aussieht.
17 Taxgate
Oder: Ich habe mich in eine Schweizerin verliebt. Also folge ich meinem Herzen, nicht dem Geld
18 Große Band, große Affen, große Liebe
Oder: Ich bin der King des Swing…
19 Ich lasse alles hinter mir
Oder: Ohrenschmerzen, Herzeleid und ein Abschied für immer
20 Einschalten, ausschalten
Oder: Eine Genesis-Neuauflage, eine Broadway-Premiere und eine Familientrennung
21 Zwangsjacke erforderlich
Oder: Wie ich mich fast zu Tode saufe
22 Da kommt noch was
Oder: Wieder eins – eine fünfköpfige Band, eine vierköpfige Familie und das Leben eines Mannes (sein Körper nicht zu vergessen)

Prolog
Greatest Hits und andere Ohrwürmer
Ich kann nichts hören.
So sehr ich auch versuche, die Blockade zu lösen, mein rechtes Ohr macht dicht. Ich wage einen kleinen Vorstoß mit dem Wattestäbchen. Ich weiß, dass man das nicht tun soll – das Trommelfell ist sehr empfindlich, vor allem wenn es sein Leben lang Trommelgeräuschen ausgesetzt war.
Aber ich bin verzweifelt. Mein rechtes Ohr ist kaputt. Und es ist mein gutes Ohr, links ist mein Gehör schon seit zehn Jahren angeschlagen. War es das jetzt? Ist es mit der Musik nun doch vorbei für mich? Bin ich endgültig taub?
Stellen wir uns folgende Szene vor (zartbesaitete Leser dürfen gerne den Blick abwenden): Ich stehe unter der Dusche. Wir schreiben den März 2016, und ich bin daheim in Miami. Es ist der Morgen vor einem ganz besonderen Auftritt – nach Jahren stehe ich zum ersten Mal wieder auf der Bühne, und – was noch wichtiger ist – es ist der erste richtige Auftritt mit einem meiner Söhne, mit dem 14-jährigen Nicholas.
Der Junge wird Schlagzeug spielen, der alte Herr wird singen. Zumindest ist das der Plan.
Spulen wir ein bisschen zurück: 2014 startete Little Dreams USA, der amerikanische Ableger der Stiftung, die meine Ex-Frau Orianne und ich im Jahr 2000 in der Schweiz gegründet hatten. Little Dreams unterstützt Kinder mit Unterricht und bietet ihnen Coaching und Orientierungshilfe in den Bereichen Musik, Kunst und Sport.
Um die Sache in den USA ins Rollen zu bringen und Spenden zu sammeln, hatten wir für Dezember 2014 eine Konzertgala geplant. Doch dann hatte ich mit einer Reihe gesundheitlicher Probleme zu kämpfen. Am Tag des Konzerts war ich körperlich nicht in der Lage zu singen.
Ich musste Orianne anrufen, die Mutter von Nic und seinem Bruder Mathew, der gerade erst zehn geworden war, und ihr mitteilen, dass meine Stimme weg sei und ich nicht auftreten könne. Ich sagte ihr nicht, dass auch mein Selbstvertrauen weg war: Man kann nur eine bestimmte Menge schlechter Nachrichten in ein Telefongespräch mit seiner Ex-Frau packen. Vor allem wenn es die dritte Ex-Frau ist.
Sechzehn Monate später muss ich einiges wiedergutmachen. Aber 2016 ist nicht nur ein neues Jahr, vielmehr habe ich auch das Gefühl, dass ich ein neues Ich habe – ich bin bereit für diesen Auftritt. Ich kann allerdings kein komplettes Konzert geben, daher brauchen wir noch andere Künstler als Verstärkung.
Doch selbst mit dieser musikalischen Unterstützung wird mir bald klar, dass es bei dieser Show hauptsächlich auf … mich hinausläuft. Ein Szenario, das ich aus den 40 Jahren meines Lebens kenne, als eine Tour auf die andere folgte, und aus den 30 Jahren, in der ein Genesis- oder Soloalbum das nächste jagte: Ich werde in eine Rolle hineingedrängt, die ich nicht komplett selbst kontrolliere. Aber da komme ich nicht mehr raus. Nicht, wenn ich meinen 66. Geburtstag noch erleben will.
Einige alte Musikerkollegen werden mich unterstützen und kommen zu den Proben nach Miami, und auch Nic ist dabei. Er weiß, dass wir »In The Air Tonight« spielen werden, aber sobald klar ist, was für ein guter Schlagzeuger er mittlerweile ist, nehme ich noch ein paar Songs dazu: »Take Me Home«, »Easy Lover« und »Against All Odds«.
Die Proben laufen super; Nic hat wirklich seine Hausaufgaben gemacht. Mehr noch – er ist besser, als ich in dem Alter war. Wie bei allen meinen Kindern platze ich fast vor väterlichem Stolz.
Beruhigenderweise fühlt sich meine Stimme dieses Mal gut und kräftig an und klingt auch so. Einmal sagt Gitarrist Daryl Stuermer, ein langjähriger Weggefährte: »Kann ich die Vocals bitte auf dem Monitor haben?« Ein gutes Zeichen – niemand will den Sänger auf dem Monitor, wenn er beschissen klingt.
Am nächsten Morgen, am Tag des Konzerts, stehe ich also unter der Dusche. Und dann ist mein Ohr tot. Und wenn ich nichts hören kann, kann ich natürlich auch nicht singen.
Ich rufe bei einem der vielen medizinischen Spezialisten in Miami an, die ich mittlerweile auf Kurzwahl gespeichert habe. Eine Stunde später sitze ich im Arztzimmer, und ein HNO-Spezialist setzt seinen Spezialsaugapparat, der mich an eine Tunnelvortriebsmaschine erinnert, an meinen beiden Ohren an. Sofortige Linderung stellt sich ein. Noch bin ich also nicht taub.
Auf der Bühne spielen wir an jenem Abend im Jackie Gleason Theater »Another Day In Paradise«, »Against All Odds«, »In The Air Tonight«, »Easy Lover« und »Take Me Home«. Nic, der nach dem ersten Song von der Menge begeistert bejubelt wird, handhabt das alles ganz hervorragend.
Ein Riesenerfolg, viel besser, als ich gedacht hatte – und noch dazu machte der Auftritt richtig Spaß.
Nach dem Konzert bin ich allein in meiner Garderobe. Ich sitze da, nehme alles in mich auf, erinnere mich an den Applaus und denke: »Das habe ich vermisst.« Und: »Ja, Nic ist wirklich gut. Wirklich, wirklich gut.«
Dieses gute Gefühl nach einem Konzert – ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich das noch einmal erleben würde. Als ich 2005 meine letzte Solotournee unternahm, 2007 die letzte Tour mit Genesis abschloss und mich 2010 auch davon verabschiedete, neue Alben aufzunehmen, war ich überzeugt, dass es das war. Zu dem Zeitpunkt war ich mit Spielen, Komponieren und Auftritten ein halbes Jahrhundert lang im Showgeschäft aktiv. Die Musik hatte mir mehr gegeben, als ich mir je hätte vorstellen können, sie hatte mir aber auch mehr genommen, als ich je befürchtet hatte. Ich war fertig.
Und doch, hier in Miami, im März 2016, stelle ich fest, dass sie nun etwas ganz anderes bewirkt hat als in den vielen Jahren davor: Anstatt mich von meinen Kindern zu trennen, von Simon, Nic und Matt und ihren Schwestern Joely und Lily, bringt mich die Musik mit ihnen zusammen.
Wenn es etwas gibt, das hilft, die Spinnweben abzuschütteln, dann ist es das gemeinsame Spielen mit den eigenen Kindern. Auch eine Milliarde Dollar würden mich nicht dazu bringen, wieder mit Genesis auf Tour zu gehen. Die Chance, zusammen mit meinem Jungen aufzutreten, schon eher.
Aber bevor wir nach vorne schauen, müssen wir zurückblicken. Wie bin ich hierhergekommen und warum?
Dieses Buch zeigt meine Sicht der Dinge. Dinge, die passiert sind, Dinge, die nicht passiert sind. Ich werde keine alten Rechnungen begleichen, aber einiges richtigstellen.
Als ich mein Leben im Geist noch einmal durchging und meine Vergangenheit betrachtete, gab es natürlich einige Überraschungen. Zum Beispiel wie viel ich gearbeitet hatte. Wer sich an die Siebzigerjahre erinnert, der war eindeutig nicht auf so vielen Genesis-Tourneen wie ich, Tony Banks, Peter Gabriel, Steve Hackett und Mike Rutherford. Und wer sich an die Achtzigerjahre erinnert, dann tut es mir leid wegen des verpatzten Auftritts bei Live Aid.
Im Jahr 2016 haben wir viele Künstler meiner Generation verloren. Anlass für mich, über meine Sterblichkeit und Schwächen nachzudenken. Doch dank meiner Kinder muss ich auch an meine Zukunft denken.
Noch nicht taub. Noch nicht tot.
Das sind keine neuen Gefühle. Der Tod meines Vaters traf mich, den Hippie-Sohn, in dem Moment, als meine Entscheidung, eine Karriere als Musiker einzuschlagen, anstatt mein Leben lang für eine Versicherung zu schuften, erste Früchte trug. Ebenso unerwartet traf mich der Tod von Keith Moon und der von John Bonham, die im Abstand von zwei Jahren starben und gerade einmal 32 Jahre alt wurden. Ich verehrte die beiden. Damals dachte ich: »Die beiden sollten eigentlich ewig leben. Sie sind unverwüstlich. Sie sind Schlagzeuger.«
Mein Name ist Phil Collins, und ich bin Schlagzeuger und weiß, dass ich nicht unverwüstlich bin. Das ist meine Geschichte.
