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Fußnoten

So kolportiert es Bernhard in der autobiographischen Schrift Die Kälte. Es stimmt allerdings gar nicht. Der Bernhard-Forscher Manfred Mittermayer hat nachgeschaut; zwar wurde der Name falsch geschrieben, aber tatsächlich stand in der Todesanzeige nicht »Pavian«, sondern »Pabjan«.

Mein Verleger Wolfgang Hörner machte mich aufmerksam auf die sogenannten Meßrelationen. Auf den Buchmessen von Frankfurt und Leipzig wurden Druckschriften verteilt, die über die politischen und militärischen Ereignisse seit der letzten Messe berichteten. Diese Periodika aus dem 16. Jahrhundert gelten als Vorläufer der Zeitung, Meßrelationen sind gesuchte Sammlerstücke, wie Hörner aus eigener Erfahrung weiß.

»Ich sitze im Sacher, esse eine Wurst und lese die Zeitungen. Da schaue ich hoch und gerate regelrecht in Furcht (…), gegenüber sitzt der Thomas Bernhard und isst auch eine Wurst und liest die Zeitung.«

Udo Jürgens im Gespräch mit Alexander Gorkow

 

 

 

 

 

Das Zeitungslesen in Thomas Bernhards Leben und Werk ist leider schlecht erforscht, aber es genügt ja erst einmal, ihn selbst zu lesen. Man erfährt dann, dass er schon früh einen existenziellen Bezug zur Zeitung hatte.

Wenn man seiner Schilderung Glauben schenken darf, erfuhr Bernhard als junger Mann vom Tod seiner Mutter aus der Salzburger Zeitung. Allerdings hatte die den Namen der Mutter falsch geschrieben, statt Hertha Fabjan stand da Hertha Pavian.[1] Als Thomas Bernhard dieser Fehler ein paar Tage später beim Begräbnis durch den Kopf ging, wurde er von einem so heftigen Lachkrampf erfasst, dass er den Friedhof verlassen musste. Die Welt war für ihn tragisch und komisch, sie war beides zugleich, und das meiste, was er von dieser Welt wusste, hatte er, natürlich, aus der Zeitung.

Thomas Bernhard scheint mir deshalb ein idealer Zeitungsleser, weil er eine Zeitung nicht einfach gelesen hat, um sich zu »

Wie sehr Bernhard dem Zeitungslesen verfallen war, erfährt, wer die Aufzeichnungen seines Nachbarn in Ohlsdorf liest. Ein Jahr lang hatte der Immobilienmakler und Ferkelhändler Karl Ignaz Hennetmair seine fast täglichen Begegnungen, Besuche, Autofahrten, Spaziergänge mit Bernhard protokolliert. Unter dem Titel Ein Jahr mit Thomas Bernhard sind sie als Buch erschienen. Zu den Hauptaufgaben des Nachbarn gehörte es, Bernhard mit Zeitungen zu versorgen, sieben las er täglich, und man könnte einen durchschnittlichen Bernhard-Tag im Jahr 1972 so beschreiben: vormittags Zeitungslesen, nachmittags spazieren, abends fernsehen.

 

Die berühmteste Stelle über seine Zeitungssucht findet sich in Wittgensteins Neffe, diesem wunderbaren autobiographischen Text aus dem Jahr 1982. Als Bernhard während der Salzburger Festspiele dringend einen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung lesen wollte, fuhr er von seinem Wohnort Ohlsdorf achtzig Kilometer nach Salzburg, von Salzburg weiter nach Bad Reichenhall, dann nach Bad Hall und von Bad Hall nach Steyr. Am Schluss war er auf der Suche nach einer Neuen Zürcher Zeitung durch ganz Oberösterreich gefahren. Und auch wenn sich bestimmt nur wenige seiner Leser an die einzelnen Stationen der Suche erinnern können, so ist

Heute kann man die NZZ praktisch überall bekommen, zur Not digital. Heißt das, dass ein Geistesmensch heute praktisch überall existieren kann? Oder heißt es gerade umgekehrt, dass es keine Geistesmenschen mehr gibt, weil sich Geist nur dort bilden kann, wo Mangel, Abwesenheit und Aufschub ist? Ich würde für Letzteres plädieren, stünde mir nicht meine Angst vor einem billigen Kulturpessimismus im Weg.

Immerhin, um jene NZZ zu lesen, nach der Thomas Bernhard damals so verzweifelt gesucht hatte, musste ich selbst eine kleine Reise unternehmen, wenn

Beim Blättern am Folianten blieb ich zuerst an den Vermischten Nachrichten hängen. Aus einem Flugzeug wurden Diamanten geraubt, als es in Beirut zwischenlandete. Auf einem unbewachten Bahnübergang in Martigny fuhr ein Lastwagen in einen Zug, wie durch ein Wunder gab es nur einen Leichtverletzten, der Sachschaden war hingegen beträchtlich. Die anderen Unfälle, die in der Zeitung stehen, endeten tödlich. Wer 1968 eine Zeitung liest, lebt nicht nur im Bewusstsein von Vietnamkrieg

Der Vietnamkrieg ist in dieser Ausgabe allerdings nur eine Marginalie: Die Delegierten des 19. Pariser Vietnamgesprächs sind der Hotels überdrüssig und suchen nach Wohnungen. In Norditalien sind die Studenten aus den Sommerferien zurück und haben nichts Besseres zu tun, als ihre Demonstrationen fortzusetzen. Der Korrespondent der NZZ regt sich auf, und ich frage mich, ob Thomas Bernhard diesen Artikel auch gelesen hat und sich über den Korrespondenten aufgeregt hat, der sich hier aufregt. Zeitungslesen als Erregungskunst.

Präsent ist die Invasion der Sowjets in der Tschechoslowakei, die ein paar Tage alt ist. Vielleicht ein

Im Sommer 1968 könnte das ein Italowestern sein, im Roxy läuft einer. Oder hier Die Liebe einer Blondine, klingt wie ein Sexfilm, ist aber der neue Miloš Forman.

Aber jetzt zum Feuilleton. Das Feuilleton befand sich damals noch weit vorne in der NZZ. Ein Gedicht springt ins Auge. Es ist aus dem Tschechischen übertragen. Man will es vor der sowjetischen Invasion allegorisch lesen: »Ein kleines Volk im Meer des Feindes« usf.

Aber natürlich hat Thomas Bernhard zuerst den Bericht von den Salzburger Festspielen gelesen, deshalb wollte er ja unbedingt die NZZ haben. Zaide ist ein Opern-Fragment, das nur selten gespielt wurde. Der Artikel ist detailkundig, jede einzelne der seltenen Aufführungen wird notiert. »Nach der Uraufführung der André’schen Ausgabe in Frankfurt (1866) nur in Wien,

1968 war ich vier Jahre alt. Thomas Bernhard habe ich natürlich erst viel später entdeckt, und auch das Zeitungslesen in den Cafés, wie er es vorgelebt hat. Aber ich lese bis heute gerne die Zeitung in einem Café, auch wenn wir Zeitungsleser in den meisten dieser Cafés nun eine Minderheit bilden, wenn es nicht gerade ein Café ist, das in Charlottenburg liegt und von sogenannten Altachtundsechzigern frequentiert wird. Jetzt zum Beispiel sitze ich im Kant-Café in der Kantstraße, es ist nicht wirklich alt, kein Wiener Kaffeehaus, aber es hat in den gelbbraunen Wänden, Stühlen

Einen Zeitungsständer gibt es im Kant-Café dagegen noch, eine taz liegt darin und eine Morgenpost, und eben in diesem Augenblick, es ist wahr, tritt eine Frau an meinen Tisch und fragt, ob sie die Süddeutsche haben kann, die neben meinem Laptop liegt.

Die Frau ist vielleicht sechzig Jahre alt, ihre Haare sind hennarot gefärbt, die Stimme rauchig, das Gesicht verlebt, wilde Träume. Ich gebe ihr die Süddeutsche gerne.

Später sitzen ein älterer Mann und eine ältere Frau in einer Ecke. Sie unterhalten sich über ein Theaterstück. Beim Aufstehen sagt die

 

Thomas Bernhard war besessen vom Tod, den wir ein Leben lang von uns fernhalten, was einigen besser, anderen schlechter gelingt, und natürlich hielt Bernhard zu denen, denen es schlechter gelingt. Aber wer leben will, muss den Tod nun einmal warten lassen und dem Leben einen Raum geben, und etwas von dieser großen Bewegung des Wegschiebens wiederholt sich noch in den kleinen Schritten zum Glück; ein Zigarettensüchtiger schiebt den Moment auf, in dem er zur nächsten Zigarette greift, und

Aber wir wollen ja keine Süchtigen mehr sein und sind gerade dabei, ein Glück zu verspielen. Nicht, dass wir tatsächlich nicht mehr süchtig wären, wir sind Informationssüchtige, Kommunikationssüchtige. Aber aus dieser Sucht eine kleine Philosophie des Aufschubs zu entwickeln, scheint unmöglich, denn auf unseren Endgeräten ist ja alles gleich da. Und so werden Ratgeber und Sachbücher des Verzichts geschrieben, man liest von Selbstversuchen, in denen einer für Wochen oder Monate freiwillig auf das Handy

Kant-Café,