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Gustav René Hocke

Manierismus in der Literatur

Sprach-Alchimie und esoterische Kombinationskunst

hockebooks

28.
Der Erfinder Gottes

Integration im Menschen

Die christliche Menschheit muss an diesem dramatischen Wendepunkt, der von damaligen Europäern viel intensiver erlebt wurde als von heutigen Bewohnern dieses Erdteils die Folgen der Zertrümmerung von Atom-Kernen, wie Johannes Rist es sagte, derart »Angst« erlebt haben, dass die »Zunge am Gaumen klebte«. Damals handelte es sich um das Weiterbestehen geistig-sinnvollen Seins, heute auch um das Weiterbestehen biologischen Daseins. Die Auflösung des geistig Absoluten führte damals zu einer ähnlichen Konsternation wie heute die anarchische Bedrohung unseres physiologischen Zellen-Agglomerats. Diese (damalige) Gefahr erkannte, wenn auch im Kampfeseifer dämonisch übertreibend, im Europa jener Zeit mit prophetischer Intelligenz der Erfinder Blaise Pascal.

Hyperbolik des Herzens und Elliptik des Verstandes! In extremen manieristischen Situationen sind ihre Opfer Monstren des Herzens und Monstren des Verstandes. Einem der größten integrierenden Geister Europas, Blaise Pascal (1623–1662), zwang sich in der Gefahr der Auflösung eine neue Methode geistiger Harmonik auf: eine subtile Erkenntnistheorie neuen Gleichgewichts, eine metaphysisch-religiöse Moralistik, angeregt und aufgebaut durch die »raisons du cœur«, durch die Vernunftgründe des Herzens.[878] Diese neue, aber ganz und gar anti-manieristische Paradoxie formulierte Pascal nach seiner dramatischen Konversion von 1654. Wir möchten die manieristische Epoche von Pontormo bis Gracián und Kircher mit diesem Datum in Agonie treten lassen, wobei wir uns bewusst sind, dass dieses Verdämmern um 1654 in den verschiedenen Regionen und Provinzen Europas, von unausrottbaren geistigen Schmollwinkeln ganz zu schweigen, nicht gleichzeitig, gleichsam kollektiv erfolgte. Mit Pascal tritt in höchster Konzentration, wie auch immer man ihn werten mag, ein anderer »Geist« auf. Wir folgen damit einer letzten Spur zur Charakterisierung der »manieristischen Urgebärde«, des »problematischen«, des sogenannten »modernen« Menschen. Der totalen Reversion tritt in einem weltgeschichtlich dramatischen Sinne die totale »Kon-version« gegenüber.

Die Angriffe Pascals auf die Kasuistik verstärkten zunächst die »Barock«-Tendenzen der Kirche. Pascal trat selbst schon früh für das massive »Persuadere« durch emotionelle Mittel ein, also gegen den »Perspektivismus« des analysierenden und moralisch versetzenden Intellekts.[879] Fast gleichzeitig mit ihm machte die Kirche ihre große anti-kasuistische Kehrtwendung. Auch Pascal gab somit der Kirche Elemente zu ihrer neuen restaurativen Überzeugungsgebärde, die dann zum sogenannten Hoch-Barock führte. Er erkannte, wie bald auch die Kirche, dass die völlige »kasuistische« Adaption an jeweils zeitgenössische »Problematik« des jeweils »modernen« Menschen die Welt in ein kriminelles (lat. »crimen« heißt auch Laster) Labyrinth des moralisch Unentwirrbaren hätte verwandeln können.

Doch blieb Pascal nicht in der apologetisch-restaurativen Gebärde des »Barock« stecken. Am Montag, den 23. November 1654, erlebte er seine »Vision«. Er stand, christlich leibhaftig, plötzlich vor dem Absoluten. Dieses Erlebnis entzog ihn allen historisch bedingten Situationen des Glaubens. Der Mensch, ein Mensch, stand jäh wieder in einem Raum des Übergeschichtlichen. Damit geschah eine Herausforderung an die Menschheit, um deren Antwort sich vielleicht erst heute die besten Geister Europas bemühen. Es handelt sich um die Integration der beiden Urgebärden der Menschheit. Zum Problem der zwei »Urgebärden«, die sich, wie wir oft hervorgehoben haben, in einer reicheren, freieren, größeren, echteren »Dritten« vereinen können, sollte man den selten zitierten Satz von Pascal in einem seiner Briefe beachten: »Die Wahrheit, die uns dieses Geheimnis erhellt, ist die, dass Gott den Menschen mit zwei Arten der Liebe erschaffen hat: mit der Liebe zu Gott und der Liebe zu sich selbst; aber es ist das Gesetz der Liebe zu Gott, dass sie kein Ende hat, es sei denn in Gott selber, und es ist das Gesetz der Liebe des Menschen zu sich selbst, dass sie endlich und auf Gott bezogen ist.«[880]

Jede Art von Perfektionismus (grandeur) und jede Art von subjektiver Ver-tracktheit, also jede Art von Elend (misère) kann und muss Mittel, nicht zu einer Re-Version oder gar Per-Version, sondern einer Kon-Version zum Absoluten hin werden. Person und Werk Pascals kann man, nicht allein für seine Zeit, als Gleichnisse betrachten für eine nicht nur vitale mystische, sondern auch geistige, logische Überwindung der »Problematik des modernen Menschen«.

»Integration« in einem Menschen

Vor seiner Vision von 1654 war der junge Mathematiker und Erfinder aus bürgerlichem Hause, Blaise Pascal, zeitweise das, was man im Europa seiner Zeit im vereinfachenden Sinne als »manieristisch« hätte bezeichnen können: Dandy, Freigeist, Concettist, Preziöser, Salon-Psychologe, Relativist, als Montaigne-Verehrer Skeptiker, vielleicht sogar Spieler,[881] Melancholiker, manchmal auch im Sinne des »mauvais caractère«, sicher auch »Gehemmter«, doch war seine »Bekehrung«, zumindest seit 1646, durch seine starke religiöse Dämonie längst vorbereitet. Über sein erotisches Leben ist nur bekannt, dass er eine adlige Dame verehrte und zeitweise an Heirat dachte. Aenigmatiker war er auch. Er liebte Wortspiele, kryptografische Anagramme aller Art, und eins seiner Lieblingswörter heißt »Chiffre«. Das Porträt seiner Jugend ist faszinierend: Weltmann, Verschwender und »Intellektueller«, Opfer des Jähzorns und Freund der Armen, vor allem »Maschinist«, als Neunzehnjähriger Erfinder einer der ersten Rechenmaschinen, also Daidalos-Jünger, nachdem er schon mit 16 Jahren einen aufsehenerregenden Traktat über die Kegelschnitte und mit 23 Jahren eine nicht minder berühmte Abhandlung über das Vakuum geschrieben hatte.[882] Über Pascals Rechenmaschine schreibt seine Schwester Gilberte: »Dieses Werk wurde als etwas Neues in der Natur angesehen.«[883] Man kann sich Pascal in seiner mondänen Zeit gut vor einem Konvexspiegel vorstellen, als einen geistigen Bruder Parmigianinos. Unter den Preziösen lernt der junge Dandy den »Esprit de finesse« kennen, als Mathematiker weiß er um den »Esprit de géometrie«. Verworren leichte Lebens- und Denkart und orthodox-rationale Denkmethodik werden ihm bald unerträglich.

»Konfusion ohne Absicht«

Der Stil Pascals hat, auch und gerade nach der Konversion, viele manieristische Elemente: Oxymora, Paradoxien, so etwa: »Erkennt doch die Wahrheit der Religion in der Dunkelheit der Religion selbst.« »Größe und Elend des Menschen« usw. Wir sind daher nicht verwundert, auch bei ihm die berühmte Formel zu finden, die von der graeco-orientalischen Magie über Tesauro und Gracián bis zu Baudelaire und Breton uns so oft begegnet ist: »Die immer aufs neue wunderbare Verbindung, welche die Natur, in Einheit verliebt, zwischen den anscheinend voneinander entferntesten Dingen herstellt.« »Sein Stil«, heißt es in neuen französischen Darstellungen, »ist ein Stil der Paradoxien, der Überraschung, der Verblüffung, der bizarren Entsprechungen.«[884] Manierismen dieser Art finden sich noch unter den letzten der uns überlieferten 924 Pensées. So schon in »Pensée« Nr. 373: »Konfusion ohne Absicht: das ist wirkliche Ordnung, die meinen Gegenstand durch Unordnung immer kennzeichnen wird.« Doch distanziert sich Pascal bald von diesen paralogischen Stilmitteln, vor allem nach der »Konversion«. Immer schärfer unterscheidet er, wie es seit der Antike üblich ist, »zwei Stile«, aber nun sozusagen gegen Gracián, der den verwickelten, »gesuchten« asianischen Stil vorzog. »Zwei manières gibt es, durch welche die Bilder sich der Seelen bemächtigen, den Verstand und den Willen. Die beste ist die erste; doch die gewöhnlichere, obgleich anti-natürliche, ist die gewollte, denn alles, was Mensch heißt, neigt meistens dazu, mehr dem Gefälligen als dem Beweisträchtigen zu glauben. Diese Art ist niedrig, unwürdig, fremdartig.«

Pascal hasst daher auch die Komödie bzw. die Tragikomödie, eine der manieristischen Gattungen par excellence. Man müsse sich, empfiehlt er, zum »natürlichen« Stil entschließen, und nicht das als groß bezeichnen, was klein ist, und nicht das, was klein ist, groß.[885] Also Ablehnung der Ellipse wie der Hyperbel. »Wenn man dem natürlichen Stil begegnet, ist man verwundert und entzückt, denn man glaubte einem Autor zu begegnen, und man findet einen Menschen.« »Universale Menschen heißen weder Dichter noch Geometer; sie sind beides zugleich.« »Exzessive Eigenschaften lehnen wir ab, wie zu viel Geräusch, zu viel Licht, zu viel Ferne, zu viel Nähe, zu viel Länge, zu viel Kürze.« »Extreme Dinge sind für uns so, als existierten sie nicht.« Wer nur mit dem Verstand schreibt (wie Descartes), ist »nutzlos und unsicher«. Die bloße Phantasie (imagination) ist »die Herrin der Irrtümer und Falschheiten«. »Diese stolze Macht« hat »im Menschen eine zweite Natur erzeugt«. (Ausdruck davon ist ein Wort Paul Claudels : »Die Ordnung ist das Vergnügen der Vernunft, aber die Unordnung das Entzücken der Phantasie.«[886] Wieder, selbst bei Claudel, die »Phantasiai insanes« des Quintilian!)

Es wird klar, dass Pascal den »style naturel« nach seiner Zeit als Libertin und Preziöser theoretisch vorgezogen hat, dass er die Kasuisten vor allem bekämpft hat, weil er sie als Verkörperung des Manierismus und auch der Skepsis ansah, auch wenn er die Skepsis Montaignes als Methode anerkannte und benutzte, um die Selbstherrlichkeit der »raison« zugunsten der christlichen Mysterien zu erschüttern. Er hasste die Kasuistik, weil sie die Unsicherheit, die Problematik des Menschen gleichsam verabsolutiert hatte, er verachtete aber auch die manieristische Mystik der uns bekannten Binet und Le Moyne wegen ihrer gesuchten, preziösen Subtilitäten.[887]

Doch bleibt das Spannungsverhältnis in Pascal, die Spannung zwischen den »deux manières«, bis zu seinem Tode stark und entscheidend. Der bloße Dualismus allerdings wird in seinem Werk durch ein neues absolutes Verhältnis zur Aussage und Mit-teilung überwunden, durch einen einzigartigen Akt individueller Re-Mythisierung, ähnlich wie bei Dante und Shakespeare, bei Bach und Goethe, bei Calderón und Rembrandt.

Diese Integration hat eine einzige Wurzel: Erfahrung einer geistigen Gotteskindschaft im wachsten Geist und dadurch – gegen alle Krisen – Rückgewinnung von Sicherheit, Gewissheit, Freude, Ordnung, Harmonie, Autorität.

»Freude, Freude, Freude«

Geschenkt wurden sie Pascal durch die Vision vom November 1654, die er in dramatischer Bewegtheit in seinem berühmten »Memorial« festgehalten hat, auf einem Blatt Papier, das erst nach seinem Tode, in seinen Rock eingenäht, gefunden wurde. In einem Feuerschein wird ihm die einzig mögliche Ur-Ordnung offenbar: »Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.« Daraus ergibt sich: »Gewissheit Freude. Gefühl Freude.« »Gott Jesu Christi« … »Größe der menschlichen Seele«. Wieder dreimal hintereinander geschrieben: »Freude, Freude, Freude.« »Gänzliche Unterwerfung« unter »Jesus Christus und unter meinen geistlichen Lenker«. »Ewig in der Freude für einen Tag der Mühsal auf Erden.« Im Gnadenerlebnis des Christus-Gottes versöhnen sich alle Gegensätze. Es beginnt die Integration der Gegensätze Gott und Mensch, Größe und Elend des Menschen, Freude und Melancholie, Ordnung und Verzweiflung, Optimismus und Pessimismus, Ursprünglichkeit und Berechnung.

Es »leuchtet« Pascal durch diese »Fülle von Licht« ein, dass der Mensch (auf sich gestellt) eine »Chimäre« ist, ein »Monstrum«, ein »Chaos«, ein »Subjekt« von Widersprüchen, ein »Ruhm und Ausschuss des Universums«,[888] mit einem Wort eine Disharmonie, ein Oxymoron, ein Zwitterwesen zwischen Tier und Engel. Eine Discordia Concors ist nur in Gott, in Christus, möglich. Alles andere ist Trug und Wahnsinn. »Erkennt also, Hochmütige, welches Paradox ihr selbst seid! Demütige Dich, ohnmächtige Vernunft; schweige, stumpfsinnige Natur.« Erlebt wird also eine mystisch religiöse Concordia mit einem Ausbruch von Seligkeit, weil sie diesem Geist, einem der scharfsinnigsten, die Europa je besessen hat, diesem begnadeten »Ingenium«, als die einzig mögliche Art der Rückgewinnung von Ur-Einheit erscheint. Auf eine sublime Art erfährt auch Pascal Wahnsinn, und er weiß es: »Die Menschen sind derart notwendigerweise wahnsinnig, dass es Wahnsinn wäre, durch einen anderen Wahnsinnsstreich nicht wahnsinnig zu sein.«[889] Ein in diesen Zusammenhängen bemerkenswerter Satz! Der Wahn-Sinn, wie ihn der Problematiker erlebt, kann nur in die rechte Bahn (»Mein höchster Lenker«) kommen, wenn die transzendentale Wahrheit, durch Gnade, im Menschen Ereignis wird.

Das Concetto der »Wette«

Doch ist das Drama Pascals noch verwickelter. Man hat, wie wir meinen, den ersten »Pensées« (»Concetti« heißen im Französischen auch »Pensées«) gegenüber den späteren (ab Nr. 547) zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wir bitten den Leser um Geduld, wenn wir den Stufen dieser im damaligen Europa beispiellosen Peripetie folgen. Die erste Reaktion Pascals – nach dem »Ausdruckszwang«[890] von 1654 – ist eine überzeugen-wollende »Gebärde«. Nach seiner »Genesung« spielt er mit der Weltangst der Menschen. Er verfährt so, als wenn er sie noch hätte. Er verhält sich bewusst »manieristisch«, aber nur, um damit besser überzeugen, um »heilen« zu können. Dabei bedient er sich auch einer »kasuistischen« Methode auf höherer Ebene. Er spricht das Gefühl an und erweckt gleichzeitig Skepsis, im Sinne Montaignes, um Misstrauen gegen immanente Vernunft einzuflößen. In dieser kurzen Phase der »Pensées« ist er typisch »barock«. Seine Abhandlung über die »Kunst des Überzeugens« hat verschmitzt pädagogischen, listig didaktischen Charakter. Er erzeugt künstlich Weltangst.[891]

Um diese auszunutzen, bedient er sich, der Erfinder des Roulettes, in der ersten Hälfte der »Pensées« noch eines verspielten, manieristischen Tricks: des ebenso berühmten wie berüchtigten Concetto der »Wette«, des »Pari«. Vereinfacht erklärt: einem manieristischen Libertin schlägt er eine theologische Wette vor. Ausgangspunkt: Endergebnis, nach Vernunftgründen völlig ungewiss. Wett-Gegenstand: Gott. Frage: Gibt es ihn oder nicht? Beweise für die Existenz Gottes gibt es – für den Libertin – keine. Hat es nun Sinn, einzusetzen für die Nicht-Existenz des »Unbekannten«, »Verborgenen«, des »Deus Absconditus«, des ewig verhüllten, aenigmatischen Gottes? Pascal macht es seinem fiktiven Dialogpartner, dem landläufigen Skeptiker, klar, dass es nützlicher sei, für die Existenz Gottes zu »wetten«, denn man könne schließlich die Wette nur verlieren oder gewinnen. Hat man gegen Gott eingesetzt, so bleibt – im irdischen Leben – ohnehin die rationale Gewissheit aus, dass es Gott tatsächlich gibt. Man verharrt also weiterhin in »Problematik«, »Verzweiflung«, im abstrusen Dasein des »Malcontent«. Hat man aber für Gott »gewettet«, so könnte man – nach dem Tode – die Gewissheit über seine Existenz erhalten, und dann hat man alles gewonnen. Was aber geschieht, falls man für Gott gewettet hat und sich nicht damit zufriedengeben kann, die Tatsache seiner Existenz erst nach dem Tode zu erfahren? Pascal sagt: »Jeder Spieler fordert mit sicherem Glauben den Zufall heraus, um mit Ungewissheit zu gewinnen.« Wenn man für Gott wettet, wird der dafür einsetzende Mensch werden: »treu, ehrlich, bescheiden, dankbar, wohltätig, aufrichtiger Freund, echt.«[892] Mit anderen Worten, so sagt Pascal, schon im »geordneten Leben« wird man an sich selbst erkennen, dass man richtig eingesetzt hat. Der also aufgeforderte heterodox-manieristische Freigeist antwortet, nach Pascal, darauf: »Die Rede reißt mich hin, sie entzückt mich …«

Das theologische Pari-Concetto Pascals darf man als das berühmteste Concetto der manieristischen Literatur bezeichnen. Doch bedeutet es viel mehr. Es setzt »abêtir« voraus (verdummen), also Verzicht auf Rechthaberei der ingeniösen »Vernunft«, d. h. Verzicht auf die pseudo-rationalistische »Seins«-Korrektur à la Daidalos. »Abêtir« ermöglicht aber den Aufschwung anderer innerer Mächte, derjenigen der dionysisch-irrationalen unkomplizierten Verbundenheit mit allem Sein. Der »Erfinder« Pascal, das intellektuelle Genie, verknüpft hier von Neuem das Apollinische mit dem Dionysischen. Es wird also Daidalos, der seine Künste selbst verfluchte, in die Schranken verwiesen. Das ist Pascal nicht leicht geworden. An einer Stelle der »Pensées« lobt er den Erfinder Archimedes fast so wie Christus: »Archimedes, demütig, gebührte die gleiche Verehrung. Er lieferte keine sichtbaren Schlachten, allen aber schenkte er seine Erfindungen.«[893] An diesem Punkt (Pensée 794) hat allerdings Pascal seine daidalische Vergangenheit ganz überwunden. Schon vor dieser wehmütig-stolzen Absage an das Artifiziell-Erfinderische hatte er begriffen, warum Christus sich nur in »Figuren«[894] offenbaren konnte, dass er den universalsten »Clef du Chiffre«[895] darstellte.

Das setzt eines voraus: die Hingabe an die »Raisons du cœur«, an die Vernunftgründe des Herzens, jedoch nicht im Sinne der sentimentalen Mystik, sondern im Sinne des »fühlenden Geistes«, des »intelletto d’amore«, des »liebenden Geistes«, des »Wert-Gefühls«.[896] »Das Herz kennt Vernunftgründe, die der Vernunft unbekannt sind. Ich sage: das Herz liebt das universelle Sein auf natürliche Weise.«[897] »Das Herz hat seine Ordnung, der Geist die seine, d. h. nach Grundsatz und Demonstration. Das Herz hat andere [Methoden]. Man sucht keine Beweise für das Geliebt-Werden, indem man methodisch die Gründe dafür darlegte: es wäre lächerlich.«[898] Das ist Prophetie in Bezug auf Methodik: die intellektuelle Kombinationskunst kann nur ins Irre führen. Wer den Kernraum des Herzens kennt, braucht nicht auf Irr-Wegen, über den Irr-Wald, durch das Labyrinth zum fiktiven Erlösungsraum vorzudringen. Das Labyrinth entschwindet dem Bewusstsein, das der Gnade teilhaftig geworden ist. »Der Mensch ist selbst das wunderbarste Ereignis der Natur, denn er begreift nicht, was Körper ist, und noch weniger, was Geist ist, und am allerwenigsten, dass ein Körper mit Geist verbunden werden kann.«[899] Für einen Denker vom Range Pascals hat also das Mysterium des Leib-Seele-Problems zu labyrinthischen Verwirrungen geführt. Die »Problematik« aller »modernen« Menschen ergibt sich aus dem Ur-»Problem« der Zweiheit von Stoff und Geist. Insofern ist das Labyrinth ein Sinnbild dieser dramatischen Erz-Antinomie des Menschengeschlechts. Doch wollen wir unseren letzten Ergebnissen nicht vorgreifen. Pascals Ariadnefaden bietet uns noch viel größere Überraschungen als derjenige des Novalis.

Der Mensch selbst also enthält in sich »zwei Stile«, er ist zwei Stile, nämlich Körper und Geist.[900] Deswegen können wir die in diesem oder in dem anderen Sinne verschleierte Urwahrheit nicht unmittelbar erkennen. Christus allein, als Gottmensch, als Inkarnation des Dualismus Körper-Geist, ist das metaphysisch gültige Vereinigungs-Bild. Das Kreuz! Die Vereinigung von Vertikaler und Horizontaler. Das höchste Oxymoron = leidende Freude. Es gibt somit keine »Geschichte« des Menschengeschlechts. Zur Integration der beiden Urgebärden gibt es nur eins: »Die gesamte Folge von Menschen im Verlaufe der Jahrhunderte muss wie ein einziger Mensch betrachtet werden, der immer besteht und der ununterbrochen erfährt …«[901] Wir fügen hinzu: eines adamischen Menschen mit zwei Ausdruckszwängen, die ihn zu einer doppelten Ausdrucksgebärde veranlassen, mit einer unendlichen Skala von individuellen Variationsmöglichkeiten. Doch aus beiden kann sich bisweilen – seltene Höhepunkte in der Geschichte des menschlichen Geistes – Integration, Kontamination, Interferenz, ein Chiasmus dieser Gebärden ergeben. Manierismus wäre somit, nach Begriffen Toynbees, eine weltgeschichtliche Herausforderung, die Klassik eine weltgeschichtliche Antwort, doch höchsten Ranges nur: in der Integration. Pascal nennt diese para-humane Gebärde die wahre »belle manière«. Sie ist nur möglich, wenn man nicht allein individuelle Problematik, sondern auch die Problematik des Geschichtlichen überwindet, also nur noch aus sich selbst schafft … vor Gott. »Jesus wird bis zum Ende der Welt sterben; während dieser Zeit sollte man nicht schlafen«.[902] Was ist »belle manière«? »Leben und Tod in guter Art empfangen, das Gute und das Schlechte.«[903]

Unsere Religion: »Weise und wahnsinnig«

Damit ist die erste Stufe der Integration erreicht. Sie ermöglicht es uns jetzt, nach Pascal, Geschichte zu begreifen – jenseits der Geschichte, jenseits der im Ge-schichteten der Vergangenheit immer aggressiven Paradoxien. Wer die antinomischen Urgebärden der Menschheit zu vereinen vermag, kann das Ur-Rätsel erfassen, das Rätsel des »verborgenen Gottes«. Christus vereint die Extreme, deswegen ist »unsere Religion weise und wahnsinnig«.[904] Und nun schließt Pascal, dem man Anti-Historismus vorgeworfen hat, ohne die Gründe für diese Abneigung zu begreifen, auf seine Weise mythische Religionsgeschichte auf.

Es gibt »zwei Arten von Menschen in jeder Religion: die Heiden beten Tiere an, die andern einen einzigen Gott«. »Die sinnlichen Juden halten die Mitte zwischen Christen und Heiden. Die Heiden kannten Gott nicht und liebten nur das Irdische. Die Juden kannten den wahren Gott, aber sie liebten nur das Irdische.«[905] »Abraham war noch von Götzenwerk umgeben, als Gott ihm das Mysterium des Messias offenbart.«[906] »Die Ägypter waren von Götzen-Anbetung und Magie infiziert.« Doch glaubte schon Moses »an das, was er nicht sah«.[907] Die Griechen und Römer hingegen verfielen den falschen Gottheiten. Der Ursprung eines Glaubens an einen nicht-sichtbaren Gott liegt, für Pascal, im Herzen des »asianischen Judäa«, das er bewundert und preist, dessen gewollte »Rätsel«-Situation er jedoch bald gegen die Rätsellosigkeit des Neuen Testaments nur als Vorstufe des deutlich Geoffenbarten empfindet.

Para-historische Konkordanz

Diese letzten Gedankengänge Pascals ermöglichen uns eine auch meta-historische Erklärung des Dualismus von Asianismus und Attizismus, zumal Pascal beide, Altes und Neues Testament, als notwendige Bestandteile für eine universale »Integration« betrachtet. Die Zeugnisse des Alten Testaments sind für Pascal »bewunderungswürdig, unvergleichlich, völlig göttlich«[908]. »Im jüdischen Volk offenbart sich das erste Weltgesetz.«[909] Der Juden religiöses Selbstvertrauen ist einzigartig. Das Alte Testament ist »das authentischste Buch der Welt«.[910] Dagegen hat Homer nur einen »Unterhaltungsroman« geschrieben.[911] Auch der Juden spätere Überlieferungen sind aufschlussreich, so Talmud und Kabbala.[912] Doch hatten die Juden die Weise, Gott nur in »Rätseln« zu offenbaren. »Das Alte Testament enthält die Figuren zukünftiger Freuden, das Neue Testament bietet die Mittel, mit denen man sie erreichen kann.«[913] Das sind – religionsgeschichtlich – verwegene Interpretationen, aber sie zeugen, wie wir sehen werden, für einen höheren Integrationswillen, für ein Streben nach para-historischer Konkordanz von »Asianismus« und »Attizismus«.

Gott offenbarte sich den Juden in »Chiffren«, und auch deswegen mussten sie Christus, nach Gottes Vorsehung, verleugnen. Sie, die Juden, haben »choses figurantes«, bildliche Dinge, derart geliebt, »dass sie die Wirklichkeit zu verkennen begannen«[914]. Insofern sind die Christen »illegitime Kinder der Juden«.[915] Bei den Juden ist die Wahrheit immer nur »bildlich«. »Im Himmel ist sie entschleiert. In der Kirche ist sie bedeckt, in Bezug auf das Bild.«[916] Aber: »Das Bild ist eine doppeldeutige Chiffre.«[917] »Ein Porträt enthält Anwesenheit und Abwesenheit, Vergnügen und Unbehagen. Die Wirklichkeit schließt Abwesenheit und Unbehagen aus.«[918] Das Alte Testament ist also, weil »chiffriert«, wie jede Chiffre doppeldeutig.[919] Doch hat das Neue Testament den »clef du chiffre«, den Schlüssel zu diesem Geheimnis geliefert[920]. Christus und die Apostel haben alle Rätsel des Alten Testaments gelöst, sie haben die »Siegel aufgebrochen«, »den Schleier niedergerissen«, »den Geist enthüllt«.[921] Somit gibt es »zwei Ereignisse«: »eines des Elends, um den hochmütigen Menschen zu erniedrigen, eines, um den demütigen Menschen in Glorie zu erheben.«[922] Christus hat also nicht nur alle Gegensätze, Paradoxien, Rätsel, Chiffren, Verbergungen jeder Art offenbar gemacht. Er hat auch alle Kryptogramme durch seine Inkarnation gelöst. Nach ihm sind alle Ver-Rätselungen daher nur noch: »Buchstaben«, »tötende« Buchstaben. Nach der Menschwerdung Christi gibt es nur noch ein Ur-Kryptogramm: Gott – Mensch = Menschen-Gott. In Christus sind alle Widersprüche »akkordiert«.[923] Doch bleibt es wahr, dass sich nur im »Zufall« des Wechselspiels »das Mysterium erfüllt«.[924] Hierin liegt die notwendige »Manière« der Offenbarung Christi.[925] Gott desintegriert, indem er sich offenbart, er erwartet von demjenigen, dem er sich offenbart, Integration. Wie ist sie – als vereinheitlichende Gebärde – möglich?

Als »sein Eigen erweisen«

Der große Kritiker Sainte-Beuve nannte Pascal in seiner Studie über Port-Royal, das Jansenisten-Kloster, dem Pascal so viel religiöse Anregung verdankte, den »letzten der großen Heiligen«. (»Heilig« im Sinne des etymologischen Ursprungs des deutschen Wortes; »als sein Eigen erweisen«, d. h. Gott sein Eigen erweisen, aber auch für Gott als Mensch sein tiefstes Eigenes erweisen).[926] Vor uns steht sicherlich die faszinierendste Verkörperung des geistigen Adels Europas. Hier ist mehr als Re-Mythisierung erreicht. Die Inkarnation wird wieder als einzig mögliche Wirklichkeit erfahren, als einzig mögliche Einheit von Welt und Überwelt, von Mensch und Logos.

Pascal ist das europäische Genie der Reintegration des Mythischen in Verfallszeiten – auf geistige Weise. Jakob Böhme gleicht ihm, trotz seiner spekulativen Naivität, in überraschender Ähnlichkeit. In Pascal und Böhme berühren sich höchste theosophische Leistungen Frankreichs und Deutschlands, in dieser »Konkordanz« erfüllt sich die so fruchtbare französisch-deutsche Dialektik auf ebenso geheimnisvolle wie harmonische Art. Pascal versuchte, verworrene »Haltungen« neu zu verknüpfen, Böhme wollte die säkularisierte Sprache regenerieren, wenn er z. B. jeden Vokal als eine »Stufe und Haltung in der ewigen Selbstgeburt Gottes« erneuert haben wollte. Und Leibniz? Er steht mit anderem, nicht mit religiösem, sondern mit philosophischem Wahn-Sinn auf der gleichen Stufe, wenn er schreibt, es drücke jede Monade oder Einzelseele das ganze Universum nach ihrer Art aus … »Tout l’univers à sa manière«. Die Seele ist also – wieder – ein individueller Spiegel, in dem sich die Totalität des Universums widerspiegelt. Leibniz will »universale Ordnung und Einheit«. Er will »epidemischen Geisteskrankheiten« begegnen. Er sucht die »ultima realitas entis«, er will die Verwirklichung der »prästabilierten Harmonie«. »Die mechanistische Idee versagt, wenn sie angewendet wird auf das Reich des Seelischen und Geistigen.« »Beide Reiche gehen aus einer einzigen Quelle hervor.« »Der Schöpfer aller Dinge verhält sich wie der Erzeuger zweier Uhren, die genau gleich konstruiert sind und die daher fortgesetzt die gleiche Zeit angeben.«[927] Und Angelus Silesius? Hören wir sein jetzt ganz und gar un-manieristisches Gebet-Gedicht:

 

»Soll ich mein letztes End’ und ersten Anfang finden,
So muss ich mich in Gott und Gott in mir ergründen.
Und werden, das was er: ich muss im Schein ein Schein,
Ich muss ein Wort im Wort, ein Gott im Gotte sein.«[928]

29.
Signum Crucis

Sträflinge Gottes

Möglich sind jedoch »Integrationen« dieser Art nur durch das tiefste innere Drama aller Manieristen, durch ihre verborgenste Spannung, durch ihr faszinierendes Kranken am Widerspruch vor allem von Geist und Materie … im Menschen. Einmal suchen sie Wahrheit im extrem Geistigen, in Phantasiai, dann im extrem Körperlichen, in hemmungslosem Sensualismus. In dieser Spannung leben sie. Für sie sind ja die meisten Menschen nicht einmal gefallene Engel, sondern nur Nachfolger Adams, des gefallenen Menschen. Tragikomik im Spiegel: Seitdem müssen diese Wesen, die einst »reine« geistige Natur waren, täglich Materie und geschlachtete Lebewesen verschlingen und verdauen, um leben zu können. Doch blieb ihnen, in dieser entsetzlichsten aller Demütigungen, der Funken göttlichen Geistes: die Erkenntnis- und Kombinationskraft. Dieser Widerspruch zwischen materieverschlingender Maschine und ekelempfindendem Bewusstsein im Menschen, angeblich der Kreuz-Weg aller Geschöpfe, ist er nicht gerade den »Problematikem« – als tragi-grotesker Welt-Widerspruch – unerträglich? Ihre Melancholie, Manier, Manie scheint einer Allergie vor diesem bio-psychischen Chemismus zu entspringen. Viele von ihnen enden, in einem fanatischen Streben, archaische Dualismen dieser Art zu überwinden, im Wahnsinn, im Gefängnis, im Laster, im Elend, im Selbstmord, schlimmer noch (für sie): in vorausgeahnter rascher Vergessenheit. Sie leiden also viel stärker als die mit robustem Appetit Begabten, als die Selbstgerechten, Pharisäer und Prall-Gesunden, unter dem Fluch, der Adam traf. Viele von ihnen empfinden sich daher als ausgesuchte Sträflinge Gottes. Sie erfahren es täglich, dass sie dieses Fluchs wegen, dieser unzählbaren Hektoliter Tierbluts wegen, die für die Erhaltung auch ihres körperlichen Lebens vergossen werden, aufgrund eines »unerforschlichen Ratschlusses« nicht nur ver-tiert wurden, sondern auch noch dazu gezwungen wurden, sich Stücke von Tierleichen einzuverleiben. Für geistigen Hochmut muss man also endlos Fetzen ermordeter Tiere verspeisen!?[929] Doch ist für die wachsame Klugheit ingeniöser Manieristen von Rang eines als metaphysisches »Widerstandserlebnis« viel aufregender geworden: die Tatsache, dass die Strafe, derlei zu verschlingen, nur im Nachdenken als Strafe empfunden werden mag, nicht aber im Trieb: denn diese Strafe wird durch angeborene Genuss-Sucht erleichtert, bequem gemacht, also entsetzlich ver-rätselt. Im Menschen wird der Hunger auf Getötetes mittels der Genuss-Empfindung wachgehalten. An der Einverleibung des vielfach köstlich Zu-Gerichteten empfindet man Freude, und die Manieristen sind oft talentvolle Gastronomen oder zumindest wissende Gourmands, wie auch immer sie sonst alles »Gegenständliche« verachten. Zwischen dieser Art von saturnischer Verzweiflung und epikureischem Genuss sind bei ihnen die Grenzen ungefähr so undeutlich wie in den Polar-Gebieten, sicherlich aber »dramatischer« als in den viel fauleren »Types digestifs« unserer heutigen »christlichen« Pharisäer. Doch begnügen sich epigonale Manieristen meist früh damit, das Sein als Paradoxie zu empfinden, und es dabei zu belassen. Die letzte Harmonisierung des Komplizierten ist zumindest den zahllosen »Minores« nicht gegeben.

Außen und Innen

Apollo erfasste das gesamte, das über allen Relativitäten in sich ruhende Sein, sofern es sich um Abbild der Mysterien in Schönheit handelte. Auch in ihrem antagonistischen Verhältnis zu »Natur« und »Geist« (beides in Fülle gleichzeitig sein wollend) gehören die Manieristen, berauscht und wollend, genießend und angeekelt, den dionysischen Scharen an. Zwischen süßer, genießender Ohnmacht und gieriger Sinngebung bleiben sie getrieben im Werden der Erscheinung. Sein und Werden erscheinen ihnen als Aggregat-Zustände. Wenn es also ästhetisch wahr ist, dass Apollo, attizistisches Sinnbild, das Über-Rätsel des Seins »harmonisch« löste, dann ist Nietzsches Wort richtig: Höchste Schöpfung der Kunst erfolgt aus der Einheit des Apollinischen und Dionysischen. Aus der Begegnung von Dionysos und Daidalos aber werden uns alle Erregungen, alle Salze, alle Zweifel, alle Torturen, alle Erschütterungen, alle Fragwürdigkeiten vermittelt, durch die es geistig durchschnittlichen Zeitaltern überhaupt erst möglich wird, das Labyrinthische wieder als das zu begreifen, was es – nach dem babylonischen Ur-Mythos – ursprünglich ist, als ein Urbild des Seins, als Weltleib, der sich nach außen in seiendem, unveränderlich ewigem apollinischen Glanz erstreckt, in dessen Innern jedoch die vertrackten Eingeweide-Irrgänge uns daran erinnern, dass wir als Erscheinung Sumpf sind und Fäulnis, Verdammnis und Vergänglichkeit, Gestank und Tod. In seiner äußeren Geordnetheit umfasste das Labyrinth das Sein, in seiner inneren Verwirrung das Werden. Auf der Außenfläche sind klare, übersehbare Wege möglich, in der Höhle gibt es nur »Biegungen«, »Windungen«, »Verwirrung«.[930] Vom labyrinthischen Ur-Mythos aus gesehen, bleibt der Nur-Manierist Innenräumen des Labyrinths zugeordnet, der Klassizist der im apollinischen Azur glänzenden Haut … des äußeren »Weltleibs«.

Das integrierende Genie im Sinne Pascals hat seine eigene Perspektive: es sieht die Einheit dieses Phänomens, die Einheit von »schöner« äußerer Form und »kompliziertem« Inhalt. Das integrierende Genie findet eine Antwort auf diese Antinomie des Daseins: Schönheit! Para-manieristische und para-klassizistische Schönheit. Schönheit, deren Antwort auf Rätsel unerklärlicher ist als die wahnsinnigste Rätselfrage schlechthin, weil sie in der Gnade Gottes steht.

Das Oxymoron Mensch-Gott verblasst also vor dem Ärgernis Gott-Mensch, die Dionysos-Apollo-Duade vor ihr wie die Zwiespältigkeit Dionysos-Daidalos. Die Trinitas, die Überwindung der »zwei Stile« durch den »integrierenden« dritten Stil: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Der Ariadnefaden ist ein Symbol der europäischen Heterodoxie. Das Kreuzzeichen ist das Erlösungszeichen der Orthodoxie. Ein vollkommeneres Zeichen als das Kreuzzeichen gibt es nicht. In seiner umfassenden Gebärde bezeichnet es Fülle, Schöpferkraft, Unermesslichkeit (Vater) … Fassbares, Ansprechbares, Verständliches, An-Sprechendes (Sohn) … Verstehen von Wahrheit, von Sinn, von Zusammenhang … (Geist). Aus Kraft und Sinn wird Frucht, das erlösende Kind – und sicherlich nicht: Untergang der daidalischen Hybris schon vor der »Geburt«.[931]

Geheime Krankheit

»Ganz oben birst eine Säule«, schreibt einer der größten Dichter am Anfang des Neo-Manierismus unserer Zeit, »und ihre beiden Enden verschieben sich. Noch ist nichts eingestürzt. Ich kann den Ausgang nicht wiederfinden. Ich steige hinab und ich gehe wieder hinauf. Ein Turm. Labyrinth. Niemals habe ich da herausgekonnt. Für immer bewohne ich ein Gebäude, das einstürzen muss, ein Gebäude, das von einer geheimen Krankheit bearbeitet wird.« So Charles Baudelaire.[932] Für Kafka sind wir »mit dem irdisch befleckten Auge gesehen, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind, und zwar an einer Stelle, wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, dass der Blick es immerfort verliert, wobei Anfang und Ende nicht einmal sichtbar sind. Rings um uns aber haben wir die Verwirrung der Sinne oder in der Höchstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach der Laune und Verwundung des einzelnen entzückendes oder ermüdendes kaleidoskopartiges Spiel«. Geheime Krankheit! So die geheime Krankheit der Manieristen. Sie glauben, im »tierischen Labyrinth«[933] stecken zu bleiben, während sie ihm oft längst entronnen sind, im Gegensatz zu denen, die glauben, längst schon auf der Sonnenseite seiner Außenfläche zu liegen. Die Furcht vor Todgeburt, vor Leben, das schon vor der Erfüllung sinnloser Tod sein könnte, liegt nicht darin die stärkste, die erschütternde Wirkung schöpferischer Manieristen? Durch sie blicken wir ins entsetzlich Leere, aber in diesem Leeren sieht uns vielleicht eines an, fahl, saturnisch, von zuckendem Schwefellicht immer wieder erhellt: die Nachtseite der Gottheit. Und nicht nur sie: die so vermeintlich helle Seite unserer Erde erfahren wir durch sie in nicht selten berechtigtem Dunkel. Ihr Zerrspiegel stellt auch, aus alltäglicher Erfahrung, den »Sinn« der Tag-Seite unseres Planeten infrage. Sie, die Manieristen, ahnen die mögliche sinn-lose Selbstvernichtung der Menschheit auf der Erde, weil sie der Nachtseite der Gottheit so verbunden sind. Die Widersprüchlichkeit der sie umgebenden »politischen« Welt – gerade von heute – beginnt jede Ver-tracktheit der Phantastik zu übertreffen. Das Kollektiv-Absurde in Europa, das Absurde als Oberbegriff für das Phantastische jeder Art, beginnt das individuelle manieristische Ausschweifen und manieristische Verkünsteln jeder Weise innerhalb nur ästhetischer Bezirke zu übersteigern. Das Abstruse der Welt-Gesellschaft des 20. Jahrhunderts, hat es nicht das Absurde des »Manierismus«, sofern es sich um eine Ausdrucksgebärde nur in der Kunst, Musik, Literatur usw. handelt, bereits übertroffen? Die »Phantastik« der manieristischen »Träumer« scheint zu einer Harmlosigkeit zu werden gegenüber den grotesken Verrichtungen der heute angeblich – politisch – verantwortungsvoll handelnden Menschen.

Der Zustand der heutigen Welt veranlasst den »Problematiker«, sieht er nur diese Welt, sicherlich nicht zu dem Ruf Pascals : »Freude, Freude, Freude!« Die Überwelt mag er – der Problematiker – ahnen, sogar anerkennen, aber welcher Religiöser – kirchlich oder nicht – bringt heute das Drama unserer Zeit, so wie Pascal, derart zum Ausdruck, dass ein Libertin sagen könnte: »Ich bin hingerissen?« Die bedeutenden Manieristen, die am teleologischen Sinn Darbenden überhaupt, haben sie eine neue Funktion in ihrer Geschichte: eine anti-kompromisslerische Funktion, die Aufgabe, durch »Negation« Gewissen zu wecken, um die größte menschliche Katastrophe aller Zeiten zu vermeiden: den Einheits-Tod von Geist und Natur?

Kreuzung von Licht und Finsternis

Im Kreuzzeichen werden Himmel und Erde, Raum und Zeit aufgespalten. Wird die daidalische Spaltung der Materie stärker sein? »Der letzte Adam, da er hilflos an seinem Kreuze hängt, schreit in äußerster Todespein – umsonst! – hinauf zum Himmel: ›Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?‹« Warum heute und hier? Das Achsenkreuz der Zweck-Geometrie hat das erlösende Kreuzzeichen verdrängt. »Der am christlichen Kreuze entstehende Raum ruft Allgegenwart hervor, das Achsenkreuz der Geometrie zieht All-Vernichtung an. Et Trinitatis speculum / Illustravit saeculum.«[934] Das Kreuz ist auch eine Kreuzung von Licht und Finsternis, wie Grünewalds Hände der betenden Magdalena. Unsere Epoche hat, wie selten zuvor, für eine von beiden mit gleichen Einsätzen zu wetten. Könnte die glückliche Aufforderung dazu nur wieder einem Heiligen gelingen? Wird er uns erwachsen in der heutigen Dürre? Die Signatura Crucis ist uns heute zum Symbol schlichter Bitte geworden.

Anhang

Europäische Concetti

Eine Miniatur-Anthologie

Zum Abschluss eine Miniatur-Anthologie europäischer Concetti, zwei manieristische Epochen konfrontierend, die Zeit zwischen 1520 und 1650 und die Zeit zwischen 1850 und 1950. Zum Verständnis wie zur Interpretation bieten unsere Abschnitte I – III genügend Elemente. Was die Anordnung angeht, folgen wir dem gleichen Prinzip wie bei der Disposition unserer Metaphern-Beispiele in Abschnitt II, d. h., wir fangen mit Spanien an usw. Diese kleine Sammlung ließe sich natürlich bis ins Unermessliche ergänzen. Der Raummangel zwingt uns zur Knappheit. Es wird also keinerlei Vollständigkeit beansprucht. Bereits übersetzte Texte sind in den Anmerkungen gekennzeichnet. Alle anderen wurden von uns übertragen, im Sinne anspruchsloser »Dolmetsch«-Versuche. Leider gestattet es der Raummangel nicht, mit den Übertragungen auch die fremdsprachigen Originale zu bieten. Wer diese nachlesen will, findet am Ende dieser Sammlung Referenzen.

I. Spanien

Luis de Góngora (1561–1627)[935]

Das Meer

Nichts hilft dem Meer, sich Heere anzuwerben
Von Robben, Seelöwen und Riesenwalen,
Nichts hilft ihm, seinen Ufersand zu bleichen
Mit so viel erster Tollheit Unglückszeichen,
Dass Geier selbst den Zoll des Mitleids zahlen,
Nichts, dass es Berge häuft des Schaumes an
– Weil selbst das Schreckbild von so bösem Sterben
Erneuten Wahnsinn nicht verhindern kann.

Es drängt das Meer in einen Bach hinein,
Der, wie ein durst’ger Zecher,
Sich ihm entgegenstürzt von hoher Quelle
Und aus dem engen Becher
Nicht nur viel Salzflut trinkt, nein, sein Verderben,
Scheint er ja doch ein Schmetterling zu sein
– Sein Flügel in die Welle –
Der in dem Schimmerlicht der See will sterben.

 

Der Fluss

Und Gutsgebäude in sein Silber schlingend,
Von Farmen überhöht dann fließt er breit,
In majestätischer Geschlossenheit,
Bis wiederum in Glieder
Der Inseln Schar mit grünen Parenthesen
Des Stroms Periode teilt, die allzu große.
So wechselt er sein Wesen
Von hoher Grotte an, die ihn gebiert,
Bis hin zum Jaspisschwall, in dessen Schoße
Sein Feu’r verraucht, sein Name sich verliert.

 

Das Schloss

Aus Schlössern aber triebst Du unsern Gast,
Wo in den hohen Räumen
Der Blick, schwindelerfasst,
Nur an der Schönheit noch sich halten kann,
Und die sich gegen Maß und Regel wild
In Porphyrkleid und Jaspissockel bäumen!

 

Federico García Lorca (1899–1936)

Der Schatten meiner Seele

Schatten meiner Seele
flieht in Alphabeten-Dämmerung
in Nebeln von Büchern
und von Worten.

 

Das Meer

Das Meer ist
Der Luzifer des Azurs.
Gefallener Himmel,
Im Willen Licht zu sein.

 

Mein Traum

Konfuses Labyrinth
Schwarzer Sterne
Meine Illusion bricht entzwei
Fast wie Verfaultes.

II. Italien

Giambattista Marino (1569–1625)

Narziss

Er sieht es, das Bild (in der Quelle), grüßt, der Tor, und schöpft
Aus verlogener Ähnlichkeit wahres Empfinden.
Er, der Liebende, er, der Geliebte, frierend und glühend vereint
Pfeil und Ziel, Bogen und Schütze;
Neidet der fließenden, vergehenden Feuchte
Die weichen Umrisse und das stolze Trugbild;
Eifert dem Werte nach, von dem er entblößt;
Seinen Nebenbuhler ans Ufer ruft der Fluss.

 

Tanzfigur

Wenn jäh erstarrt der Schwung, der Lauf ermattet,
In einem Augenblick nur dann die Art sich rasch verwandelt:
Mit bewunderungswürdiger Erd-Messkunst
Öffnen die Tänzer sanft den Zirkel ihrer bisher nur unbestimmt
schweifenden Füße.

 

Vor dem Turnier

Schon zog Venus aus dem Ganges das blonde Haar,
Überlassend Apoll seine goldnen Herbergen,
Und, entwunden den Grenzen Indiens,
Peitschte sie den fliegenden Pferden den Rücken,
Um bald sich dann zu spiegeln im geschliffenen Metall
Gereckter Helme und funkelnder Kürassen,
Sodass im Blitzstrahl des Morgenlichts
Ganz mit Sonnen bald übersät erschien das Feld.

 

Marcus Valerius Martial

Wiese ist er und Meer und Himmel.
Wie viele Blumen, Perlen und Sterne
Verbergen in sich, wie geheime Lehren,
Deine bunten Schriften, scharfsinniger Iberer.
Heiter und ernst
Vermag es Dein Geist, Dein Stil,
In dessen Süße Salz gemischt ist, der Biene gleich,
Zu stechen und aus den Wunden Honig zu saugen.

 

Mein Porträt (Das B. Schidoni malen sollte)

Nimm’ die Strenge des Frosts und der Flamme,
Das Schauern der braunschattigen Nacht,
Die Blässe des Todes und vereine dies alles;
Mach’ daraus, wenn Du kannst, ein seltsam Gemisch;
Nimm’ alles Dunkle des Trübsinns,
Pein und ewige Finsternis,

Was bitter in Liebe, was Versagen im Glück,
Was Scheitern und Elend in der Natur;

Wähl’ dazu das Gift der Hydra, die Stürme
Des libyschen Golfes, und vermenge dann
Mit Seufzer und Tränen Deine Farben.

So, Schidoni, wirst Du wahr und getreu

Mein Bild machen. Doch willst Du es
Lebend haben, so gib ihm kein Leben.

 

Das Wunderbare

Des Dichters Ziel ist das Wunderbare.
(Ich meine das der Meister, nicht der Krüppel);
Wer nicht verblüffen kann, soll sich striegeln lassen.

 

Giacomo Lubrano (1619–1693)

Leuchtkäfer

Lebende Blitze und irrende Fackeln
Beleidigen hell die blindesten Schatten,
Fast beflügelte Zauberer
Verwandeln sie Flucht in Blitz und Flug in Strahl.

 

Der Zitterroche

In schlüpfriger Lethargie schuppiges Opium,
Mit lebenden Synkopen zuckende Laune,

Missgeburt des Meeres, die gierig eisige

Epilepsie aushaucht von zitterndem Winter.

 

Phantastische Zedern

Ländliche Frenesien, blühende Träume
Duftende Pflanzen-Delirien
Gartenlaunen, belaubte Proteen,
In lieblichem Wahn verwirrte Zedern.

Pflanzen des Kadmos gleich,
Dem Herbst schenken sie kriegerische Turmwälder,
Oder ehebrecherische Spiele Pomonas
Erzeugen im Boden täuschende Monstren.

 

Giuseppe Artale (1628–1679)

Die Geliebte beim Würfelspiel

Was Du schüttelst sind irrende Reliquien,
Knochen und Punkte, beredte Ziffern;
Von Trauerstößen und Tränenstürzen
Künden sie im Dir unbekannten tragischen Spiel.
Sie singen, Lydia, eine Totenmesse Deinem Aussehen,
Schwarze Noten, Todeszeichen, schrillende Knochen.
Spielst Du oder stirbst Du? Siegst Du bisweilen,
Verlierst Du täglich; stundenweis’ lebst Du und stirbst für
Augenblicke.

 

Gewissen

---Ich werde
Heute Nacht
Den Biss des Gewissens spüren
Gleich einem Gebell
Das sich in der Wüste verloren.

 

Heute Abend

Brüstung kühlenden Windes
Um heut Abend
Meine Schwermut daran zu kühlen.

III. Frankreich

Amadis Jamyn (1538–1592)

Fische in der Luft

Sommer wird Winter sein und Frühling Herbst
Luft schwer und Blei leicht.
Fische werden in der Luft reisen,
Stumme gute Stimme haben.
Wasser wird Feuer und Feuer Wasser werden,
Ehe ich mich erneut verlieben soll.

 

Agrippa d’Aubigné (1552–1630)[936]

Diana

Die kühne, keusche Art, ihr Aufzug, ihr Geleit –
Gesteh, wenn Du, mein Herz, ihr Antlitz siehst, ihr Kleid
Und über ihrer Stirn der bleichen Sichel Glühen,
Ihr Auge ungezähmt, das alles zähmt, und weh!
Wie sie so schön und rau, so sanft und schön, gesteh:
Diana tötet uns, die wir für tot verschrien.

 

Theophile de Viau (1590–1626)

Ausgleich

Der Zephir schenkt sich den Fluten,
Die Fluten gaben sich dem Monde hin,
Die Schiffe den Matrosen,
Die Matrosen ihrem Glück.
Alles, was das All empfängt,

Alle Geschenke es zurück uns schenkt.

 

Saint-Amant (1594–1661)

Erwachen neben Flora

Das Gras lächelt wollüstig der Luft entgegen.
Von diesem üppigen windungsreichen Deck aus

Sehe ich zartes Sonnenfeuer der Brust der Welle
schmeicheln.

 

Aus dem »Ballett du Landy«. Paris 1627

Fliegender Kentaur

Ein Ungeheuer werdet Ihr sehen,
Einen fliegenden Kentaur, dann ein Kind,
Das älter ist als seine Mutter,
Mit einer Lichtschuppe, dargeboten vom Elephanten.

 

Louis de Neufgermain (1574–1662)

Für Fräulein Dinton

Jede Fromme hasst den Tändler,
Der zur Predigt nach Charenton geht;
Sie liebt auch nicht den Mondänen,
Den Bösen, die künstliche Brust,
Klingeln am Hals; sein Mund macht »din«,
Und mit seiner Flöte macht sie »ton«.
Durch Einklang von »ton« und »din«
Dame Harmonie erzeugt: »Dinton«.
Seine Flöte erzeugend – »dre lin din din«
Und ihre Stimme säuselnd »ton ton ton«.

 

Claude Cherrier (geb. 1713)

Chimären-Mensch (à la Arcimboldi)

Er hat einen Garde-Korps (Körper)
Glieder von Perioden,
Einen Brücken-Kopf,
Eine Theater-Fassade (Gesicht)
Schach-Züge,
Die Stirn (Front) eines Bataillons,
Ochsenaugen (Dachfenster)
Einen Donau-Mund (Mündung)
Sägezähne, …
Einen Flaschenhals,
Meeresarme,
Marmoradern,
Wein-Geist usw.

 

Arthur Rimbaud (1854–1891)

Vokale

A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau, Vokale,
Eines Tages werde ich Euer verborgenes Entstehen sagen,
A, schwarzer behaarter Panzer kriechender Fliegen,
Die um grausamen Stank schweifen
Schattenbucht; E, Reinheit von Dämpfen und Zelten,
Lanze stolzer Gletscher, weiße Könige, Dolden-Erzittern,

Purpurnes I, gespültes Blut, Lachen schöner Lippen
Im Zorn oder in reumütiger Trunkenheit.

U, Zyklen, göttliches Schwingen grünlicher Meere,
Friede tierübersäter Weiden, Ruhe der
Falten, welche Alchimie breiter forschender Stirn eingräbt;
Oh, schrillste Zinke seltsamer Grellheit,
Schweigen von Welten und Engel überquert;
– O Omega, violetter Strahl Seiner Augen.

 

Stéphane Mallarmé (1842–1898)[937]

Tot ist der Himmel

Tot ist das Blau –, zum Urstoff will ich eilen,
O gib des Grausen und der Sünde Tief
Dem Dulder, der dir naht die Streu zu teilen,
Worauf das frohe Vieh der Menschen schlief.
 

Rauch der Trauer

Es war an deines ersten Kusses Segenstag,
Und wenn mein Sinnen auch mich oftmals quälen mag,
Nun war es wissend trunken von dem Rauch der Trauer,
Den selbst ohn’ späten Reueschmerz und ohn’ Bedauer
Die Ernte eines Traums im Herz lässt, das ihn pflückte.

 

Guillaume Apollinaire (1880–1918)

Überfahrt

Dem schönen Dampfer von Port-Vendres
Waren Deine Augen die Matrosen
Und wie zart waren die Wellen
In der Gegend von Palos

Wie viele U-Boote in meiner Seele
Schwimmen und streifen wartend
Auf das stolze Schiff, in dem so laut ruft
Der Chor deines brennenden Blicks.
 

Geschichte

Schicksale undurchdringliche Schicksale
Erbsen geschüttelt von Wahnsinn
Und diese zitternden Sterne
Falscher Frauen in Euren Betten,
Wüsten, von Geschichte bedrückt.

 

Raymond Queneau (geb. 1903)

Kreuz und Kresse

Suresne Asnière hin und her geht man
Am Fluss entlang am Meanderwald
Zieht der Stein bellt ein Hund
Auf zartfleischigen Pfaden
Saint-Cloud Croissy Kreuz und Kresse
Die im Flusse sich mengen
Die Blume im Feld der Pilz
Und das Moos, das sich gefällig macht.

 

Lucien Becker (geb. 1911)