Andrew Lane
Young Sherlock Holmes 7
Tödliche Geheimnisse
Aus dem Englischen
von Christian Dreller
FISCHER E-Books

Andrew Lane ist der Autor von mehr als zwanzig Büchern, unter anderem Romanen zu bekannten TV-Serien wie ›Doctor Who‹ und ›Torchwood‹. Einige davon hat er unter Pseudonym veröffentlicht. Andrew Lane lebt mit seiner Frau, seinem Sohn und einer riesigen Sammlung von Sherlock-Holmes-Büchern in Dorset.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Book
Die englische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel ›Young Sherlock Holmes – Knife Edge‹
bei Macmillan Children’s Books, London, England
© Andrew Lane 2015
Für die deutschsprachige Ausgabe
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: bürosüd°, München
Lektorat: Lana Schmitz
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403293-1
ISBN 978-3-10-403293-1
Gewidmet meinen sachkundigen und freundlichen UK- und US-Lektoren (Gaby Morgan und Wes Adams) für ihre unglaubliche Unterstützung – was sie trotzdem nicht davon abhält, mich wegen Fehlern und Überarbeitungen zur Brust zu nehmen – sowie all den Lektoren und Übersetzern im Ausland, die an diesen Büchern mitgearbeitet haben. Dank gebührt ebenfalls Talya Baker, die dieses Manuskript so perfekt redigiert hat, und nicht zu vergessen meiner wunderbaren und so geduldigen Presseagentin Beatrice Cross. Danke euch allen – ich bin euch etwas schuldig.
Ebenso gewidmet Peter Darvill-Evans, Rebecca Levene, Andy Bodle und Simon Winstone, weil sie von Anfang an für mich dagewesen sind und mir die Chance gaben, mich zu beweisen. Auch euch schulde ich etwas.
Völlig hingerissen beugte sich Sherlock Holmes in seinem Sitz vor, als der junge Mann auf der Bühne seine Violine an die Schulter brachte, das Kinn an den Kinnhalter schmiegte und den Bogen hob, um ihn zunächst reglos über den Saiten schweben zu lassen. Das flackernde Licht der den Bühnenrand säumenden Gaslampen tauchte den Violinisten in tanzende Schatten, wodurch es aussah, als würden innerhalb weniger Augenblicke Hunderte von verschiedenen Ausdrücken über sein Gesicht spielen.
Das Publikum schien immer gespannter zu werden. Einen ewigen Moment lang hatte es den Anschein, als hätte man ein Taschentuch hören können, das auf den Boden flatterte, so still war es im Theater geworden. Dann begann er zu spielen.
Der erste Ton schwoll wie aus dem Nichts an, bis er den ganzen Zuschauerraum erfüllte – so rein und so herrlich, dass Sherlock ein ganzes Jahr seines Lebens dafür gegeben hätte, wäre er selbst in der Lage, so einen Ton zu spielen. Es kam ihm fast unmöglich vor, dass etwas, das im Grunde nur aus Holz und Darmsaiten bestand und von einem fehlbaren Menschen gespielt wurde, der Perfektion so nahe kommen konnte.
»Er spielt auf einer Stradivari«, flüsterte Rufus Stone Sherlock von der Seite zu. Doch Sherlocks Aufmerksamkeit war so auf den jungen Mann auf der Bühne fixiert, dass er die Worte seines Freundes und Mentors kaum wahrnahm. Er konzentrierte sich ganz auf die Musik, auf die Abfolge der Töne und Akkorde, die der kleinen Bühne entsprangen, als wären sie etwas absolut Reales, während das Theater und das Publikum einer immateriellen Welt entstammten. Niemals hätte Sherlock sich vorstellen können, dass es möglich wäre, so wunderschön Violine zu spielen.
Die folgenden fünfundvierzig Minuten lauschte Sherlock der Musik – beinahe ohne zu atmen und gleichgültig gegenüber allem, was um ihn herum geschah – während der Violinist eine Reihe von Stücken zum Besten gab. Das ein oder andere – ein paar spanische Tänze sowie einige populäre Opernmelodien – erkannte Sherlock von seinen eigenen Übungen wieder, aber viele Stücke waren neu für ihn. Er vermutete, dass der Mann sie selbst komponiert hatte, da er völlig in ihnen aufzugehen schien. Einige waren nicht nur wunderschön, sondern auch so teuflisch kompliziert, dass die linke Hand des Künstlers schnell wie ein Schemen über das Griffbrett huschte.
Nach einer Weile merkte Sherlock, dass sein Bruder Mycroft, der auf der anderen Seite neben ihm saß, unbehaglich auf seinem plüschgepolsterten Sitz hin- und herrutschte. Dieser war eigentlich viel zu klein für ihn, so dass seine Ellenbogen permanent gegen Sherlocks Arm und den seines anderen Nachbarn stießen. Sherlock konnte hören, wie Mycroft hin und wieder ein Schnaufer entfuhr, als würde er unbewusst versuchen, allen in seiner Umgebung zu signalisieren, wie unglücklich er war und dass er am liebsten woanders wäre. Vielleicht jedoch geschah es gar nicht so unbewusst. Vielleicht war sich Mycroft voll und ganz darüber im Klaren, welche Signale er an die zunehmend gereizter werdenden Leute in seiner Umgebung aussandte, und scherte sich schlicht und einfach nicht darum.
Nach einer besonders schwierigen Tonsalve, die der Violinist dem Instrument entlockte, als wäre es nichts, endete die erste Hälfte des Konzerts. Der Musiker verbeugte sich unter enthusiastischem Applaus, und der Vorhang fiel.
»Gott sei Dank«, brummte Mycroft. »Ich hatte schon langsam befürchtet, ich wäre gestorben und in der Hölle gelandet. Wer, sagten Sie doch gleich, ist dieser junge Fiedler?«
Sherlock äugte zur Seite, wo Rufus Stone saß. Der Ausdruck auf Stones Gesicht war irgendwo in den unklaren Gefilden zwischen Belustigung und Wut angesiedelt. »Sein Name lautet Pablo de Sarasate«, antwortete Stone mit sorgsam kontrollierter Stimme. »Er ist Spanier, sechsundzwanzig Jahre alt und vermutlich der vollendetste Violinist seit Niccolò Paganini.«
»Hm«, brummte Mycroft. »Also, ich hätte eine Blaskapelle im Park vorgezogen. Das wäre eine viel melodischere Musik für meine Ohren.«
»Und die Liegestühle dort wären viel bequemer für Ihre …« Stone zögerte. Sherlock fühlte mit ihm – technisch gesehen war Mycroft Stones Vorgesetzter. »… für Ihre natürlichen Sitzbedürfnisse«, beendete Stone verbindlich den Satz.
»Ich empfinde das dringende Verlangen nach einem großen trockenen Sherry«, verkündete Mycroft, als hätte Stone überhaupt nicht gesprochen. »Meint ihr, uns bleibt genügend Zeit, die Bar zu besuchen während dieser willkommenen Unterbrechung von dem Gejaule auf der Bühne?«
Stone zuckte zusammen und öffnete schon den Mund, um etwas zu erwidern, aber Sherlock kam ihm zuvor. »Ich glaube, das wäre eine gute Idee«, sagte er.
Stone ergriff Sherlock am Ellenbogen, als sie sich den Weg durch die Sitzreihen hindurch zum Mittelgang bahnten. »Dein Bruder bringt mich noch mal ins Grab«, zischte er. »Wenn schon nicht wegen der gefährlichen Undercover-Jobs, mit denen er mich beauftragt, dann garantiert weil ich ihm irgendwann einen Kinnhaken verpasse, wenn er sich noch viel länger darüber auslässt, wie sehr er diese Musik hasst.«
»Ich weiß nicht einmal, warum er überhaupt mitgekommen ist«, sagte Sherlock. »Das hier gehört nicht gerade zu der Art von Zeitvertreib, der ihm normalerweise Vergnügen bereitet.«
»Er meinte zu mir, dass er sich mit uns beiden in einer behaglichen und ungezwungenen Umgebung unterhalten wolle.«
»Trotzdem …« Sherlock blickte sich im Zuschauerraum um. »Es muss doch etwas geben, was seinem Geschmack eher entspricht als das hier.«
Stone verzog das Gesicht. »Kann sein, dass ich ihm gegenüber erwähnt habe, ich würde dich mit ins Theater nehmen, ohne dabei genauer darauf eingegangen zu sein, was wir uns ansehen. So im Nachhinein betrachtet, könnte dein Bruder gedacht haben, dass wir kein Konzert, sondern ein Theaterstück besuchen.«
»In der Tat weiß er ein gutes Melodrama zu schätzen«, räumte Sherlock ein. »Er hat mir einmal erzählt, dass Shakespeares Hamlet ihm alles Nötige über skandinavische Politik beigebracht hat.«
Sie befanden sich nun im Mittelgang und steuerten auf die Bar zu. »Was hältst du vom Konzert?«, fragte Stone.
»Es ist unglaublich.« Sherlock hielt einen Moment inne, als er sich die Gefühle vergegenwärtigte, die ihn während Sarasates Violinenspiel überwältigt hatten. »Seine Technik ist einfach makellos.«
»Er wird es noch zu großer Berühmtheit bringen«, bestätigte Stone. »Du kannst wirklich froh sein, ihn in einem so frühen Stadium seiner Karriere zu erleben.«
Sie erreichten die Bar. Mycroft schob sich durch die Menge, wie eine Galeone, die sich durch raue, schwere See pflügte. Wenige Minuten später hatten sie sich in einem Fenstererker niedergelassen und nippten an ihren Drinks.
Mycroft nahm einen Schluck von seinem Sherry und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Wenn das trocken sein soll«, klagte er, »dann ist die Themse eine dürre Ödnis.« Er schüttelte schwerfällig den Kopf. »So etwas passiert einem nun mal, wenn man die komfortable Umgebung seines Büros, seines Clubs oder seiner Wohnung verlässt.« Er hob den Blick zu Sherlock und Stone. »Ich denke, ich werde nicht mit zur zweiten Hälfte der Aufführung kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Musik hörenswerter, geschweige denn mein Sitz bequemer wird. Ich möchte jedoch noch etwas loswerden, bevor ich gehe.« Seine Aufmerksamkeit Sherlock zuwendend, fuhr er fort. »Seit unserer Rückkehr aus Irland hast du jetzt schon einen Monat in London verbracht, und wir müssen eine Entscheidung fällen, was deine Zukunft anbelangt. Die Kosten für dein Hotelzimmer und die Verpflegung sind im Großen und Ganzen zwar nicht sehr hoch, andererseits jedoch auch nicht zu vernachlässigen. Mit dem Tod von Onkel Sherrinford sehe ich bedauerlicherweise keine Möglichkeit, dass du nach Farnham zurückkehren könntest.«
»Was ist mit … unserem Zuhause?«, fragte Sherlock leise.
»Die dortige Situation ist unverändert.« Mycrofts Gesicht war ernst. »Vater ist immer noch mit der britischen Armee in Indien und Mutter weiterhin ans Bett gefesselt, zu schwach sich durchs Haus zu bewegen. Das Einzige, was sie zu sich nimmt, sind hin und wieder eine Scheibe Toast und ein paar Schlucke Tee. Ich fürchte um ihr Leben.«
»Und … unsere Schwester?«
Mycroft schüttelte den Kopf. »In Abwesenheit elterlicher Führung ist sie dem Zauber eines, wie ich informiert wurde, höchst ungeeigneten Verehrers verfallen. Ich habe versucht, mit ihr darüber zu reden, aber sie will einfach nicht auf die Stimme der Vernunft hören. Nein, ich fürchte, dass unser Familienanwesen auch kein geeigneter Ort für dich ist.«
»Welche anderen Möglichkeiten gäbe es denn?«, fragte Stone.
»Du könntest mir ein paar Räumlichkeiten in London besorgen«, warf Sherlock ein. »Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, hier zu leben. Ich liebe diese Stadt.«
»Du bist fünfzehn«, hob Mycroft hervor. »Ich werde dich nicht allein in solch einer heruntergekommenen Metropole leben lassen.«
»Tatsächlich bin ich sechzehn«, korrigierte Sherlock ihn. »Ich komme mittlerweile ganz gut alleine klar, ganz hervorragend sogar. Ich brauche niemanden mehr, der auf mich aufpasst.«
»Ach wirklich?« Mycroft bedachte Sherlock mit zweifelndem Blick und musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Wie ich weiß, hast du wieder Umgang mit deinem Freund, diesem verrufenen Kanalherumtreiber Matthew Arnatt, der offensichtlich seine schwimmende Unterkunft nach Camden Locks verlegt hat. Ich bin ebenfalls darüber im Bilde, dass ihr beide euch sowohl auf diversen Märkten in London herumgetrieben als auch einige Ausflüge auf der Themse unternommen habt. Lauter Eskapaden, während der du …« Er hielt einen Moment inne und warf einen Blick auf Sherlocks Hände. »… in sage und schreibe fünf Schlägereien verwickelt worden bist und dreimal nur durch eine Flucht über die Dächer entkommen konntest. Darüber hinaus bist du achtmal von der Polizei aufgegriffen und verhört worden. Ist es das, was du unter hervorragend alleine klarkommen verstehst?«
Sherlock öffnete den Mund, um etwas zu seiner Verteidigung zu sagen, doch Stone ergriff zuerst das Wort. »Das alles können Sie lediglich durch einen Blick auf Kleidung, Gesicht und Hände Ihres Bruders feststellen?«, fragte er. »Mr Holmes, ich war zuvor schon immer von Ihren Schlussfolgerungen beeindruckt, aber das ist einfach verblüffend.«
Mycroft warf sich stolz in die Brust, wie ein großer Kater, dem man anerkennend über das Fell strich.
Woraufhin Sherlock es sich nicht verkneifen konnte, etwas klarzustellen: »Das alles weiß er nur, weil er mich verfolgen ließ und seine Agenten ihn tagtäglich mit ihren Berichten versorgt haben.«
Mycroft kniff verärgert die Lippen zusammen.
»Stimmt das?«, fragte Stone mit enttäuschter Stimme.
»Unser junger Sherlock hier hat die Angewohnheit, sich in Schwierigkeiten zu bringen«, grunzte Mycroft, »und in Abwesenheit unseres Vaters obliegt es meiner Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass er seinen einundzwanzigsten Geburtstag an Körper und Geist unversehrt erlebt.«
»Ich dachte, ich wäre derjenige, der auf ihn aufpassen soll«, murmelte Stone und wandte den Blick ab, um durch das Erkerfenster die sich vor dem Theater drängende Menschenmenge zu betrachten.
»Sie hatten andere Dinge für mich zu erledigen«, hob Mycroft in einem Ton hervor, aus dem keinerlei Entschuldigung herauszuhören war. »Und außerdem hätte Sherlock Sie erkannt. Seine Fähigkeit, hinter Verkleidungen und Masken zu schauen, hat sich in den letzten beiden Jahren merklich verbessert.« Er warf einen Blick auf Sherlock und hob eine Augenbraue. »Ich bin, wie ich gestehen muss, irgendetwas zwischen amüsiert, erfreut und verärgert darüber, dass du deine Verfolger entdeckt hast.«
Sherlock bedachte seinen Bruder mit einem Lächeln. »Nicht nur das. Im Hotel habe ich einen Pagen gefunden, der in etwa meine Größe und Statur hat. Hab ihm einen Schilling und meinen Mantel gegeben und ihn dazu gebracht, statt meiner durch London zu spazieren. Deine Leute haben nicht das Geringste gemerkt.«
»Da irrst du dich«, antwortete Mycroft gelassen. »Sie sind euch beiden gefolgt. Er ist in einen Tingeltangel gegangen und du ins Britische Museum.«
»Oh«, erwiderte Sherlock ein wenig geknickt.
»Da wäre ebenfalls noch die Frage zu klären, wie es mit deiner Ausbildung weitergeht«, fuhr Mycroft fort, als hätte die vorherige Diskussion überhaupt nicht stattgefunden. »Du bist vor dem Examen von der Deepdene Schule genommen worden. Und was deine seither erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen anbelangt, so mögen diese dich vielleicht viel darüber gelehrt haben, wie man sich in einer Schlägerei behauptet, über Hausdächer klettert und wie die Welt funktioniert. Doch auf den Gebieten des Lateinischen, Griechischen, der Naturwissenschaften sowie der englischen Literatur haben sie deine Talente bedauerlich brach liegen lassen.«
»Ich sehe keinen Nutzen darin, etwas über tote Sprachen oder alte Bücher zu wissen«, murmelte Sherlock.
»Mag vielleicht sein«, konterte Mycroft, »aber der Rest der Welt ist da anderer Meinung – zumindest der Rest, der zählt. Um dir eine lukrative Stelle im Staatsdienst oder einer der großen Banken zu sichern, wirst du jede Menge Dinge lernen müssen, die du womöglich nicht für wichtig hältst. Und es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass du das auch tust.«
»Dann schickst du mich also zurück in die Schule«, sagte Sherlock und spürte, wie ihm das Herz schwer wurde. Er hatte diesen Moment gefürchtet. Sein Leben während der letzten beiden Jahre war interessant, aufregend, ja sogar gefährlich gewesen. Er war in fremde Länder gereist, und er hatte Dinge gesehen, die er niemals für möglich gehalten hätte, hätte er sie nicht selbst erlebt. Er war ganz auf sich allein gestellt gewesen und hatte es überlebt. Er würde nicht einfach so wieder in die Schule zurückgehen können und widerspruchslos das machen, was die Lehrer ihm befahlen. Das war vorbei. Er war nicht mehr derselbe wie noch vor zwei Jahren, als er die Deepdene Schule am Ende des Sommersemesters verlassen hatte, in Schuluniform und mit gepackten Koffern.
»Nein«, sagte Mycroft jedoch zu Sherlocks Überraschung. »Wir müssen nach vorne blicken und nicht zurück. Das wäre ein fataler Fehler. Nein, ich glaube, dass deine Zukunft auf einer der großen Universitäten liegt. Daher schlage ich vor, dass du dich fürs Erste entweder in Cambridge oder Oxford niederlässt, um dort bei einem erfahrenen Tutor Einzelunterricht in den wichtigen Fächern zu nehmen – im Hinblick darauf, dass du in zwei Jahren auf eine dieser Universitäten gehen wirst.«
»Cambridge liegt näher an unserem Familienanwesen … wenn Vater nach Hause zurückkehrt«, sagte Sherlock und spürte, wie ihm etwas leichter ums Herz wurde. Womöglich könnte die Sache doch noch ein gutes Ende nehmen.
»Ich habe Bekannte in Oxford«, fuhr Mycroft jedoch fort. »Daher schlage ich vor, dich dorthin zu schicken. Wie du dich erinnerst, habe ich vor ein paar Jahren selbst in Oxford studiert. Es war zwar nicht gerade die glücklichste Zeit meines Lebens, aber ich weiß sowohl die Bildung als auch die Freunde zu schätzen, die ich dort gewonnen habe. In diesem Zusammenhang ist vor allem ein gewisser Charles Lutwidge Dodgson zu erwähnen. Er ist mittlerweile Dozent für Mathematik und hat sich auf das Gebiet der Logik spezialisiert. Ich werde dir eine Unterkunft in der Stadt besorgen, und er wird dich täglich eine Stunde unterrichten, wenn er nicht gerade anderweitig durch Vorlesungen oder eines seiner merkwürdigen Hobbys beschäftigt ist. Und dann gab es da auch noch einen Polizeibeamten namens Weston, mit dem ich einige sehr interessante Konversationen geführt habe.«
Sich rasch Mycrofts Vorschlag durch den Kopf gehen lassend – nun ja, wohl eher eine vollendete Tatsache als ein Vorschlag, wie Sherlock fand – musste er feststellen, dass es mehrere Dinge gab, die seine Aufmerksamkeit erregten. Ein Dozent in Logik klang faszinierend. Sherlocks Verstand hatte immer auf die Logik gebaut, und er fand das Vertrauen, das andere Leute in Glück, Glauben oder Aberglauben setzten, ziemlich merkwürdig. Sein ehemaliger Lehrer und Freund Amyus Crowe hatte viel dazu beigetragen, dass er auf rationale Weise dachte. Er hatte das Gefühl, dass es ihm tatsächlich gefallen könnte, Logik zu studieren.
»Was macht dieser Charles Lutwidge Dodgson denn ansonsten so Merkwürdiges?«, fragte er.
»Zuerst einmal interessiert er sich für diese neumodische Sache, die man Fotografie nennt. Sagt dir das etwas?«
Sherlock runzelte die Stirn und versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, was er darüber gelesen und gehört hatte. »Das ist ein Verfahren, das die Einzelheiten einer Szene nicht mittels einer Zeichnung oder eines Gemäldes einfängt, sondern dadurch, dass man das von dieser Szene ausgehende Licht auf eine chemisch präparierte Glasplatte fallen lässt und so das Bild direkt aufnimmt, richtig?«, sagte er.
»In der Tat. Die involvierten Chemikalien enthalten ein Silbernitrat, das sich verfärbt, wenn es mit Licht in Kontakt kommt, so habe ich es jedenfalls verstanden. Was die Fotografie anbelangt, so befinde ich mich etwas im Zwiespalt. Einerseits ist das Endresultat viel weniger schön als ein gemaltes Bild und wird lediglich durch unterschiedliche Grautöne wiedergegeben. Andererseits bildet es genau das ab, was tatsächlich da ist, und nicht das, was der Künstler für real hält. Entweder die Fotografie bleibt eine flüchtige Modeerscheinung, oder sie wird noch einmal die Porträt- und Landschaftsmalerei ersetzen und vielleicht beträchtlich zur Aufklärung von Verbrechen beitragen – da bin ich mir noch nicht so sicher. Darüber habe ich mich schon häufig mit meinem Bekannten bei der Polizei unterhalten.«
»Eben hast du ›zuerst einmal‹ gesagt …«, wies Sherlock hin. »Was sind seine anderen Hobbies?«
»In seiner Freizeit betätigt er sich außerdem als Schriftsteller von Kinderbüchern, unter dem Pseudonym ›Lewis Carroll‹. Vor allem eines mit dem Titel Alice im Wunderland hat die Phantasie der Öffentlichkeit gefesselt und verkauft sich ziemlich gut. Es ist bei Macmillan und Co erschienen, einem angesehenen Verlag. Man sagt sogar, dass Ihre Majestät Queen Victoria es gelesen hat und ihre wohlwollende Zustimmung bekunden ließ.«
»Ein Kinderbuch?«, sagte Sherlock und konnte sich gerade so ein Naserümpfen verkneifen.
»So ist es, und noch dazu ein ziemlich merkwürdiges. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Geschichte über ein Mädchen, das in einen Kaninchenbau fällt und dort auf eine phantastische Welt stößt, die von sprechenden Tieren bewohnt wird – oder das gerade eingeschlafen ist und das Ganze nur geträumt hat. Aber möglicherweise steckt auch noch eine tiefere Bedeutung im Werk, und es handelt sich tatsächlich um eine Satire auf mathematische und logische Konzepte.«
»Haben Sie es gelesen?«, fragte Rufus Stone.
»Natürlich nicht«, schnaubte Mycroft, mied jedoch beharrlich Stones und Sherlocks Blick, so dass sein Bruder sich fragte, ob er die Wahrheit sagte. »Aber wir kommen vom eigentlichen Punkt ab. Ich habe Mr Dodgson einen Brief ins Christ Church College geschrieben, und er hat sich bereit erklärt, dich als – in jedem Sinn des Wortes – außerordentlichen Studenten anzunehmen. Ich sehe mich gerade in Oxford nach einer Unterkunft für dich um. Vermutlich wird die Wahl auf eine jener untadelhaften Studentenunterbringungen nahe Christ Church fallen.«
»Und wirst du dafür sorgen, dass mir auch in Oxford jemand auf Schritt und Tritt folgt, so wie hier in London?«, fragte Sherlock.
»Werde ich das denn müssen?«, konterte Mycroft.
Bevor Sherlock etwas erwidern konnte, sagte Stone: »Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.«
Ein Gong ertönte und kündigte das Ende der Pause an.
»Ich sollte jetzt gehen«, sagte Mycroft. Aber er machte keine Anstalten, sich von seinem Platz im Fenstererker zu erheben. »Oder vielleicht bleibe ich auch noch auf einen weiteren trockenen Sherry. Ihr beide könnt euch wieder hineinbegeben, um dem Rest dieses infernalischen Radaus zu lauschen. Sherlock, ich werde dir in den nächsten Tagen eine Nachricht zukommen lassen, um dir mitzuteilen, wo du wohnen wirst und wann du aufbrichst und mit deinen Unterrichtsstunden beginnst.«
Sherlock öffnete schon den Mund, um zu widersprechen. Doch ein Blick in das Gesicht seines Bruders genügte, um ihn gleich wieder zu schließen. Hatte Mycroft erst einmal einen Entschluss gefasst, gab es für ihn kein Zurück mehr.
Als der Gong zum zweiten Mal ertönte, begaben sich Sherlock und Stone wieder in den Zuschauersaal. Sherlock blickte kurz über die Schulter zurück. Mycroft saß immer noch im Erker – er füllte den Erker aus, um genauer zu sein – und nippte an seinem Sherry. Während Sherlock seinen Bruder so beobachtete, näherte sich diesem ein Mann. Er trug eine verwaschene Jacke und eine Hose, die deutlich zu kurz für ihn war. Zögernd blieb er in einem gewissen Abstand vor Mycroft stehen. Sherlocks Bruder hob den Blick und bedachte den Mann mit einem Nicken. Daraufhin zog dieser einen Umschlag aus der Tasche, um ihn Mycroft auszuhändigen. Mycroft holte ein kleines Messer hervor, schlitzte den Umschlag auf und nahm den darin enthaltenen Brief heraus. Er überflog das Schreiben und seufzte dann. Sherlock war zu weit entfernt, um etwas zu hören. Aber er konnte deutlich erkennen, wie Mycrofts Lippen folgende Worte formten: »Schon wieder dieses Mortimer Maberley-Problem! Ich habe keine Ahnung, was ich da seiner Meinung nach tun kann!«
Selbst wenn er sich eigentlich auf einer abendlichen Unterhaltungsveranstaltung befand, dachte Sherlock, schien sein Bruder trotzdem zu arbeiten. Kopfschüttelnd wandte Sherlock sich ab. Er liebte seinen Bruder, dennoch ging dieser ihm in zunehmendem Maße auf die Nerven. Denn obwohl Sherlock langsam erwachsen wurde, behandelte Mycroft ihn immer noch wie ein Kind.
Die zweite Hälfte des Konzerts war – auch wenn er es nicht für möglich gehalten hätte – künstlerisch und von der instrumentalen Handhabung her noch erstaunlicher als die erste. Aber Sherlock konnte es nicht mehr richtig genießen. Unablässig wanderten seine Gedanken zu dem zurück, was sein Bruder gesagt hatte – und dazu, wie er sich selbst seine Zukunft vorstellte.
Er empfand keine große Liebe zu Farnham. Es war eine nette Stadt mit netten Leuten, doch für ihn war sie nie mehr als eine Zwischenstation in seinem Leben gewesen. Eine Raststätte, jenen ähnlich, die die Überlandpostkutschen nutzten, um ihre Fahrt zu unterbrechen, damit die Passagiere eine Mahlzeit zu sich nehmen und schlafen konnten, bevor die Reise weiterging. London andererseits hatte ihn während seines kurzen Aufenthalts bereits in den Bann gezogen. Die Stadt war fast wie ein Mensch – sie hatte ihren eigenen Charakter, ihre eigenen Stimmungen, und sie konnte sich von einem Moment auf den anderen verändern. Er liebte sie, und wenn er könnte, wollte er den Rest seines Lebens dort verbringen.
Aber erst einmal … Oxford. Daran schien kein Weg vorbeizuführen. Das Problem war bloß, dass in Mycrofts Kopf bereits alles wie eine Reihe von Dominosteinen arrangiert war: Zwei Jahre in Oxford als Schüler dieses Charles Dodgson, im direkten Anschluss daran Aufnahme an der Universität und irgendein Studium, das ihm schließlich einen Abschluss in einem nutzlosen Fach bringen würde, gefolgt wiederum von einem öden Job in der Regierung oder einer Bank, wiederum gefolgt von … ja, von was eigentlich? Einem Lebensabend als Pensionär irgendwo am Meer? So hatte er sich sein Leben nicht vorgestellt.
Natürlich hatte er eigentlich nicht wirklich einen Plan für sein Leben. Im Moment ließ er sich einfach treiben und streckte seine Fühler aus, um zu sehen, wohin die Strömungen ihn verschlagen würden. Irgendwo in seinem Hinterkopf schlummerte eine vage Vorstellung. Die Vorstellung, dass er sein logisches Denkvermögen sowie seine Fähigkeit, komplexe Probleme zu durchdringen und auf die ihnen innewohnenden simplen Wahrheiten zu reduzieren, nutzen könnte, um daraus eine tragfähige Karriere zu machen. Doch als was? Als eine Art Polizist? Oder Geheimagent vielleicht, so wie einer von denen, die seinem Bruder regelmäßig Bericht erstatteten?
Er seufzte. Je älter er wurde, desto komplizierter schien das Leben zu werden.
Dieser Gedanke führte ihn fast automatisch zu Virginia Crowe. Früher einmal hatte er gedacht, sie und er würden so etwas wie ein gemeinsames Leben vor sich haben – auch wenn er sich nie getraut hatte, sich konkrete Gedanken über die Natur dieses Lebens zu machen. Es schien damals einfach so, als würde sie immer für ihn da sein, und er für sie. Aber nun war sie in Amerika, verlobt mit jemand anderem, und ihr Vater – der Mann, der Sherlock in zwei Jahren mehr beigebracht hatte, als er bis zu diesem Zeitpunkt in seinem ganzen Leben gelernt hatte – unterrichtete vermutlich irgendjemand anderes Sohn. Das Leben hatte offensichtlich andere Pläne mit Sherlock.
Wobei es nett wäre, überlegte Sherlock bitter, wenn es ihn irgendwann auch wissen lassen könnte, wie diese nun konkret aussahen.
Das Konzert ging zu Ende. Der Violinist wurde mehrere Male vom fortwährenden Applaus des Publikums zurück vor den Vorhang gerufen. Stone war aufgestanden und klatschte wie wild. Sherlock tat es ihm nach, doch er war nicht mit dem Herzen dabei. Gedanken an Oxford, Studienabschlüsse und Banken drängten sich beharrlich in den Fokus.
Zusammen mit dem Rest des Publikums bahnten die beiden sich schließlich ihren Weg aus dem Theater. Draußen auf dem Gehweg wandte Stone sich Sherlock zu und gab ihm die Hand. »Gute Nacht, Sherlock«, sagte er und fügte dann hinzu: »Lass dich von den Worten deines Bruders nicht entmutigen. Er mag seine Pläne haben, aber letztendlich ist es dein Leben. Folge deinem Herzen.«
»Danke«, erwiderte Sherlock und schüttelte Stone die Hand. »Aber wohin auch immer es mich verschlägt, so hoffe ich, Sie werden mich ausfindig machen. Ich habe bisher in meinem Leben nicht viele Freunde gewonnen, aber Sie sind für mich einer davon.«
Stone nickte. »Genau wie du für mich.« Er lächelte. »Ich habe Freunde in der Gegend von Oxford – na ja, um ehrlich zu sein, habe ich so ziemlich überall Freunde. Farnham war immer nur irgendein beliebiger Ort, an dem ich lebte, während ich einen Job zu erledigen hatte – einen Job, aus dem dann sehr viel mehr wurde, wie ich betonen sollte. Ich könnte ebenso gut in Oxford wie in Farnham leben. Und ich muss sagen, die Aussichten, gute Musik zu hören und zu spielen sind dort sehr viel größer. Wundere dich also nicht, wenn ich dir dort irgendwann in die Arme laufe.« Er hob die Hand zu einem angedeuteten Abschiedsgruß an den Kopf. »Wir sehen uns, Sherlock. Sei vorsichtig, und pass auf dich auf.«
Stone verschwand in der Menge, und Sherlock wandte sich um. Er hatte gerade erst zwei Schritte getan, als plötzlich jemand neben ihm sagte. »Worum ist es da denn eben gegangen?«
Es war Matty – Matthew Arnatt. Sherlock erkannte die Stimme, ohne hinsehen zu müssen.
»Schien ziemlich ernst zu sein«, fuhr Matty fort. »Sah aus wie ›Auf nimmer Wiedersehen, und lebe wohl!‹. Du hast doch nicht etwa vor, wieder nach China zu verduften, oder?« Mattys Ton klang beiläufig, doch Sherlock konnte ein unterschwelliges Unbehagen in der Stimme seines Freundes ausmachen. Matty hatte Sherlock einmal erzählt, dass er während seines ganzen Lebens hatte mit ansehen müssen, wie um ihn herum Freunde und Familienangehörige verschwanden.
»Es ist Mycroft«, gestand Sherlock, ohne ihm den Blick zuzuwenden. »Er hat Pläne für mich. Er will, dass ich nach Oxford gehe.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen. Sherlock wagte nicht, Matty ins Gesicht zu sehen. Sein Freund und er hatten während der letzten beiden Jahre viel Zeit miteinander verbracht, waren jedoch durch seine ungeplante Reise nach China auseinandergerissen worden. Auch wenn sich die beiden seit ihrem Wiedersehen in Irland – vor allem während der Wochen in London – erneut sehr nahegekommen waren, war er sich nicht sicher, ob Matty es gefallen würde, wenn sie gleich wieder getrennt werden würden.
Er sollte eine Überraschung erleben.
»Oxford ist nett«, sagte Matty. »Man kann mit dem Kanalboot hinfahren, so ziemlich die ganze Themse rauf. Bin schon dagewesen, wirklich ’n sehr schöner Ort. Jede Menge feine Pinkel, die halb aufgegessene Sachen auf den Flusswiesen rumliegen lassen, wenn sie mit ihrem Picknick fertig sind, und jede Menge zerstreute Dozenten, die das Gleiche machen. Reiche Beute für jemanden wie mich. Selbst die Schwäne essen da besser als die Leute hier in London.«
»Dann würdest du mit mir kommen?«, fragte Sherlock und traute sich endlich, Matty ins Gesicht zu blicken.
Der Junge lächelte. »Warum nicht?«, sagte er. »Diese Stadt ist einfach zu groß für mich, und die Markthändler sind zu gerissen. Ist schwer, ’ne ordentliche Mahlzeit zu kriegen, ohne dass sie dir zweimal am Tag hinterherjagen. Wann hauen wir ab?«
»Bald, denke ich«, erwiderte Sherlock.
»In Ordnung. Ich habe alles auf dem Kanalboot, was ich brauche, und Harold kann es gar nicht erwarten, wieder in Bewegung zu kommen. Er ist nicht wie mein altes Pferd Albert. Der wollte einfach nur am Fleck stehen und die ganze Zeit Gras und Heu fressen. Harold läuft gerne herum.«
»Kriegst du dein Boot denn wirklich die Themse hinauf?«, fragte Sherlock. »Schließlich ist es ein breiter Fluss und kein Kanal.«
Matty nickte. »Es ist möglich, aber wegen der Flussbreite etwas knifflig. Gar nicht mal so sehr, solange du nur die Themse entlangfährst, sondern eher wenn du vom Fluss runter und in den Oxford Canal musst. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vielleicht besser, wenn wir geradewegs den Grand Junction Canal hochschippern, um dann oben in den Oxford Canal einzubiegen statt gleich unten schon und um uns nicht von Süden, sondern von Norden Oxford zu nähern.«
»Hört sich gut an«, sagte Sherlock und suchte Mattys Blick. »Hör mal, bist du sicher, dass du mitkommen willst? Mach das nicht nur, weil du denkst, dass ich jemand brauche, der auf mich aufpasst.«
Matty nickte. »Jep, bin ich.« Es schien, als wäre er schon im Begriff weiterzugehen, als er plötzlich den Blick abwandte. »Das heißt, wenn du mich dabeihaben willst. Ich meine, wenn du lieber alleine sein willst …«
»Nein«, sagte Sherlock entschieden. »Es mag Zeiten geben, wo ich alleine sein möchte, aber definitiv auch welche, wo ich Freunde brauche … und davon habe ich nicht gerade viele.«
»Schätze mal, dass ich dann wohl mit muss«, sagte Matty mit schiefem Lächeln.
»Schätze, das musst du wohl«, echote Sherlock.
»Und außerdem …«, begann Matty und brach dann ab.
»Außerdem was?«
»Tja, ich sag’s nicht gerne. Ist nicht sehr nett.«
»Tu dir keinen Zwang an.«
»Na ja, ich schätze, in Oxford werden wir deinen Bruder weniger zu sehen kriegen.«
Sherlock dachte einen Augenblick nach. Mycroft aus London herauszubekommen wurde immer schwieriger. Eigentlich wurde es sogar immer schwieriger, ihn auch nur aus dem Diogenes Club herauszubekommen. Es schien eine eindeutige Verbindung zwischen seiner Abneigung zu reisen und seiner wachsenden Körperfülle zu geben. »Ich bezweifle«, erwiderte Sherlock schließlich, »dass Mycroft dort so viel Zeit mit uns verbringen würde wie hier in London.«
»Das ist gut.« Matty warf Sherlock einen Blick von der Seite zu. »Ist nicht so, dass ich ihn nicht mag, sondern eher, dass er mich nicht leiden kann. Und außerdem versucht er dauernd, mir was beizubringen … Zeugs wie Lesen und Schreiben zum Beispiel. So was brauch ich nicht.«
Sherlock rief sich die Auseinandersetzung ins Gedächtnis, die er nur vor etwa einer Stunde mit seinem Bruder geführt hatte. Er hatte Mycroft gesagt, dass er nichts über alte Sprachen und alte Bücher wissen müsse. War das nicht mehr oder weniger eine verfeinerte Version dessen gewesen, wovon Matty gerade gesprochen hatte? Vielleicht sollte er weniger wählerisch bezüglich der Fakten sein, denen er Zutritt in seinen Verstand gewährte. Er schüttelte sich, um den unangenehmen Gedanken zu verscheuchen.
»Lass uns irgendwo was zu essen besorgen«, sagte er, das Thema wechselnd. »Kannst du was empfehlen?«
»Borough Market macht gerade zu. Da wird es jede Menge Pasteten und Äpfel geben, die übrig geblieben sind.«
»Übrig geblieben?«, hakte Sherlock nach.
»Na ja, jedenfalls wenn der Standbesitzer uns den Rücken zudreht. So wie ich’s sehe, tun wir denen nur einen Gefallen. Würden wir die Sachen nicht nehmen, müssten sie sie nach Hause und am nächsten Tag wieder zurück zum Markt schleppen. Wobei die Wahrscheinlichkeit nicht gering ist, dass das Zeugs über Nacht verdirbt und jemand Bauchschmerzen kriegt, wenn er’s isst.«
»Wo du recht hast, hast du recht«, sagte Sherlock. »In Wirklichkeit erweisen wir der Allgemeinheit nur einen Dienst.« Er klopfte Matty auf die Schulter. »Lass uns gehen, und auf dem Weg kannst du mir mehr über Oxford erzählen.«
Fünf Tage später brachen sie auf, nachdem Mycroft seinem Freund Charles Lutwidge Dodgson einen Brief geschrieben und schon kurz darauf eine Antwort erhalten hatte. Mycroft zeigte Sherlock das Schreiben beim Mittagessen. Darin stand:
Mein lieber Mycroft,
danke für Deinen Brief, der mich in einem Zustand des Glücks und bei außerordentlich guter Gesundheit angetroffen hat. Ich hoffe, das Gleiche kann auch von Dir gesagt werden. Obwohl ich Deinen Namen nie in den Zeitungen lese, bin ich doch sicher, dass – auf welches Feld auch immer Du Dich begeben haben magst – Du etwas aus Dir gemacht hast. Ich hege nur die teuersten Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit hier in Oxford, obwohl es nun schon eine geraume Weile her ist, dass es Dich in die weite Welt verschlagen hat. Was mich anbelangt, so reise ich, wie Du vielleicht gehört hast, in ganz andere Welten, wenn auch nur in meiner Vorstellung. Einige dieser Welten sind mathematischer, andere phantastischer Natur – sie sind in meinen Augen jedoch der stumpfsinnigen Gediegenheit des angeblich »realen« Lebens vorzuziehen.
Ich würde mich natürlich mehr als glücklich schätzen, Deinen Bruder Sherlock in der Kunst der Logik zu unterrichten. Ich erinnere mich gut, wie ich Dich immer darum beneidet habe, dass Du neben Deiner Schwester nur diesen einen Bruder hast, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ich sage und schreibe zehn Geschwister habe, deren sämtliche Geburtstage ich mir merken muss. Ebenso erinnere ich mich daran, wie Du immer über Sherlock zu sprechen pflegtest, als Du hier warst. Für gewöhnlich war aus Deinen Worten eine gewisse Mischung aus Stolz und Verzweiflung herauszuhören – vor allem als er eine lebende Kröte in Deinem Koffer versteckte, kurz bevor Du Dich zum Sommersemester hierher aufgemacht hast. Oder aber als er einen Aufsatz umgearbeitet hat, den Du während der Ferien verfasst hattest – in einer perfekten Kopie Deiner Handschrift, aber mit Schlussfolgerungen, die sich nur einem Irren erschließen würden. Wie gut erinnere ich mich noch daran, wie Du diesen Aufsatz dann in einem meiner Seminare laut und mit wachsender Panik vorgelesen hast, als Du merktest, dass sich der Inhalt mehr und mehr von dem entfernte, was Du Deiner Erinnerung nach eigentlich geschrieben hattest! Was haben wir gelacht! Ich kann natürlich nicht für Sherlocks Aufnahme in Christ Church oder irgendein anderes Oxforder College garantieren – das wird von seinen Fähigkeiten und seinem Auftreten abhängen –, aber mit dem Familiennamen der Holmes im Rücken und einer Empfehlung meinerseits sollte er gute Chancen haben.
Ich habe mir die Freiheit erlaubt, ihm eine Unterkunft bei einer hiesigen Landlady von gutem Charakter zu beschaffen, einer Mrs McCrery, die in 36 Edmonton Crescent wohnt, also nur einen Katzensprung vom Christ Church College entfernt. Für die Summe von einem Schilling die Woche erhält er dort Unterkunft und volle Verpflegung – sprich Frühstück und Abendessen. Ich hoffe, das ist akzeptabel. Ich habe in der Vergangenheit selbst bei ihr logiert und empfand ihre Standards bezüglich Sauberkeit als untadelig, ihren Pfirsichauflauf als absolute Sensation und ihre Rindfleischpastete als pure Perfektion.
Ich freue mich schon darauf, wenn Sherlock sich irgendwann in naher Zukunft in meinen College-Räumlichkeiten vorstellt. Und ich freue mich auch, Dich bei Deinen regelmäßigen Besuchen wiederzusehen, auf dass wir unsere alte Bekanntschaft auffrischen mögen.
Stets der Deine
Charles
Mycrofts einzige Äußerung, als er den Brief wieder von Sherlock entgegennahm, beschränkte sich auf: »Die Kröte hatte ich ganz vergessen.«
»Was ist mit ihr geschehen?«, fragte Sherlock unschuldig.
»Sie wurde zu einer Art College-Maskottchen«, erwiderte sein Bruder. »Jedenfalls bis zu einem unglückseligen Vorfall, in den der Hund eines Professors involviert war.«
»Ist sie etwa gefressen worden?«, fragte Sherlock entsetzt. Er hatte nicht gewollt, dass der Kreatur irgendein Leid geschah.
»Nein, der Hund hat versucht, sie zu fressen, ist daran aber fast erstickt. Der Professor hat sie dem Tier aus dem Rachen gezogen und dann in einem Wutanfall in den Fluss geschmissen. Falsch gelenkte Wut natürlich, hat sich die Kröte im Wasser doch außerordentlich wohl gefühlt – besser vermutlich, als sie es jemals zuvor im College getan hat. Definitiv jedoch besser als der Hund, der daraufhin nie wieder etwas gefressen hat, ohne es sorgfältig zu inspizieren und erst einige Male zu drehen und zu wenden.«
Mycroft hatte Sherlock angeboten, ihm ein Zugticket nach Oxford zu spendieren, was Sherlock in Erinnerung an seine Unterhaltung mit Matty abgelehnt hatte. Ihm war die Vorstellung viel sympathischer, gemächlich über die Kanäle zu reisen, während sie die vorbeiziehende Landschaft in sich aufnahmen – gemeinsam als Freunde. Als er Mycroft seinen Plan präsentierte, hatte dieser nur ein Schnauben von sich gegeben und gemurmelt: »Wie unzivilisiert. Wie unbequem.«
Seinen letzten Tag in London verbrachte Sherlock damit, noch einmal seine Lieblingsorte aufzusuchen: die Themsebrücken, die Buchläden in der Charing Cross Road, den Londoner Zoo und Paddington Station mit seinem geschäftigen Treiben. Er würde London vermissen, sogar sehr, und als er sich die Baker Street hinauf vom Bahnhof entfernte, schwor er sich, dass er eines Tages zurückkehren würde, um hier zu leben.
Am vereinbarten Tag packte Sherlock seine Habseligkeiten zusammen – Kleidung, seine Violine und diverse Bücher – und fuhr in einer Droschke nach Camden Lock, wo Matty ihn auf seinem Boot erwartete. Sie brachen auf, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, wobei sich sein Freund sehr wohl der gemischten Gefühle bewusst war, die für Sherlock mit der Abreise verbunden waren. Matty hingegen schien glücklicher, als Sherlock ihn seit langer Zeit erlebt hatte. Sein Freund war in vielerlei Hinsicht das exakte Gegenteil von Mycroft Holmes. Er war dürr, wo Mycroft fett war, intuitiv, wo Mycroft sich von Logik lenken ließ, kritisch, ruhelos und aktiv, wo Mycroft ein gesetztes und faules Gemüt an den Tag legte. Das Einzige, was die beiden verband, war ihre Vorliebe fürs Essen.
Harold, Mattys Pferd, trottete unverdrossen auf dem Treidelpfad dahin und schleppte das Kanalboot langsam, aber stetig den Grand Junction Canal voran. Matty stand am Heck, wo er mittels des Steuerruders dafür sorgte, dass sie sich weder mit dem Bug voran in die Uferböschung pflügten noch in die Mitte des Kanals abtrieben, wodurch Harold ins flache Wasser gezogen worden wäre. Sherlock hatte sich im Schneidersitz am Bug niedergelassen, von wo aus er nach Hindernissen und Tunneln Ausschau hielt, während er die Gedanken schweifen ließ und Felder, Wälder, Straßen und Flüsse an ihnen vorbeizogen. Immer wenn ihnen ein Kahn begegnete, der in entgegengesetzter Richtung unterwegs war – meist mit Kohle, Holz oder Metallrohren beladen –, hob Sherlock den Finger an die Stirn, was der Mann auf dem anderen Kahn mit gleicher Geste erwiderte. Jedes Mal, wenn sie an eine Schleuse gelangten – eine jener mit Toren versehenen, riesigen Kammern, durch die sich das Wasserniveau des Kanals auf die Höhe der ihn umgebenen Landschaft anheben oder senken ließ –, sprang Sherlock mit einem Satz ans Ufer und führte Harold zu einer Haltestelle. Kaum hatte Matty alsdann das langsam ausgleitende Boot vorsichtig in die Kammer gesteuert, musste Sherlock sich mit ganzer Kraft gegen die langen Hebelbalken stemmen, um das erste Paar massiver Holztorflügel hinter ihnen zu schließen. Dann hatte er die in das zweite, ebenso massive Torflügelpaar eingelassenen Schieber zu öffnen, woraufhin das Wasser von der anderen Seite in die Schleusenkammer strömte und der Wasserpegel samt Boot in der Kammer anstieg, bis das zweite Torpaar geöffnet werden konnte. Selbst als er sich im Schweiße seines Angesichts abrackerte, Schleusentore öffnete und schloss und an den metallenen Schieberkurbeln drehte, musste er über den Einfallsreichtum staunen, mit dem der Mechanismus konstruiert worden war. Nicht zu fassen, wie der menschliche Erfindergeist sich etwas so Kompliziertes, so Nützliches und Cleveres hatte ausdenken können.
Die beiden aßen, wenn sie hungrig waren – Sachen, die sie von Farmen oder Tavernen kauften, an denen sie vorbeikamen – und legten sich schlafen, sobald es für eine gefahrlose Weiterfahrt zu dunkel wurde. Statt ihr Fortkommen an den vorbeiziehenden Städten und Dörfern zu bemessen, wie er es bei einer Reise auf der Straße oder per Eisenbahn getan hätte, ertappte Sherlock sich dabei, wie er den Verlauf ihrer Route an den Namen der diversen Schleusen verfolgte, durch die sie kamen, sowie an den Flüssen, die entweder unterhalb des Kanals vorbeiflossen oder in ihn mündeten. Bei denjenigen, die sich ihm ins Gedächtnis hefteten, handelte es sich um Black Jack’s Lock, Iron Bridge Lock und Lady Chapel Lock sowie Masbourne River, Bulbourne River und Chess River. Das einzig größere Bevölkerungszentrum, das er bewusst wahrnahm, war Aylesbury, ein Marktstädtchen, in dem die beiden für einen Tag haltmachten, um sich dort umzuschauen und etwas Käse und Pasteten zu kaufen.
Schließlich verließen sie den Grand Junction Canal, um auf dem Oxford Canal weiterzufahren.
»Der läuft zwischen Oxford und Cambridge«, rief Matty ihm vom Heck aus zu, mitten während ihres mühsamen Abbiegemanövers in den abzweigenden Kanal. »Ist vermutlich für die ganzen Studenten, die an einem der beiden Orte rausfliegen und ihr Glück dann im anderen versuchen möchten. Kann vielleicht nicht schaden, wenn de das weißt.«
»Ich schreib’s mir hinter die Ohren«, erwiderte Sherlock.
Als sie sich Oxford näherten, begann Sherlock Anzeichen für zunehmenden Wohlstand wahrzunehmen: größere Häuser, errichtet auf großzügigen Anwesen; Gebäude, die nicht aus grobbearbeiteten Steinen aus der Umgebung bestanden, sondern aus feingehauenem Material, das aus weit entfernten Steinbrüchen herbeigeschafft worden war. Darüber hinaus zeichnete sich die Kleidung der Leute durch eine bessere Qualität aus, wobei die üblichen flachen Schiebermützen zunehmend Strohhüten wichen.
Ein Haus, an dem sie eines Abends in der Dämmerung vorbeikamen, erweckte seine besondere Aufmerksamkeit. Die untergehende Sonne tauchte es in ein makabres, blutrot leuchtendes Licht, und die diversen, scharf vorspringenden Zierornamente entlang des Dachrandes sahen aus wie Zähne, die am dunkler werdenden Himmel nagten. Da war etwas Merkwürdiges an der Struktur des Gebäudes – die Art, wie die Flügel an das Hauptgebäude stießen, wie sich die unterschiedlich gefärbten Linien aus Stein, die die Grenzen zwischen den Geschossen markierten, um die Vorderfront herumzogen: All das erweckte ein unbehagliches, ja sogar leicht Übelkeit erregendes Gefühl in ihm. Es schien weder parallele Linien noch Winkel von exakt neunzig Grad zu geben, was dem Haus eine seltsame, schief wirkende Anmutung verlieh. Allerdings erweckte es trotzdem nicht den Anschein, dass es jeden Moment umfallen könnte. Vielmehr sah es aus, als wäre es ganz bewusst in dieser Weise errichtet worden – konstruiert mittels einer Geometrie, die nicht auf den Regeln basierte, wie Sherlock sie in der Schule gelernt hatte. Etwas an der Art und Weise, wie ihm die schwarzen leeren Fenster entgegengähnten, ließ ihn an Augen denken, die mitleidlos auf ihn hinabstarrten … ihn taxierten und für mangelhaft befanden.
Er schüttelte sich. Bestimmt hatte die eintönige Reise einfach nur schon zu lange gedauert, mal abgesehen davon, dass er hungrig war. Seine Phantasie – normalerweise der ruhigste Teil seines Verstandes – ging wohl mit ihm durch.
»Siehste das Ding da?«, rief Matty.
»Ja«, erwiderte Sherlock leiser, als er beabsichtigt hatte. Es war, als würde etwas in ihm nicht wollen, dass das Haus sie hörte.
»Komisch, was?«
»Ja.« Er hatte das Gefühl, als müsse er seine Antworten so knapp und präzise wie möglich halten, um möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Ist nur ein mies entworfenes Haus«, erwiderte er scharf. »Kein Grund, in Panik zu geraten.«
»Harold mag es nicht«, unterstrich Matty, und in der Tat schien das Tier vor dem Gebäude zu scheuen und so weit von ihm zurückzuweichen, wie es ihm das Seil erlaubte, das ihn mit dem Boot verband. Matty musste sogar weiter in den Kanal hinaussteuern, um zu verhindern, dass sie ans Ufer gezogen wurden.
Sherlock blickte auf das Haus zurück, als das Boot sie in langsamer, aber stetiger Fahrt an dem unheilvollen Gebäude vorbeitrug. Fast schien es, als würde das Gebäude sich bewegen, als würde es seine Frontseite und die schwarzen Fenster stetig auf sie gerichtet halten. Er wollte gerade schon den Blick abwenden, als das Licht der untergehenden Sonne auf eine Gestalt auf dem Dach fiel, die sich von den Schornsteinen und den aus Stein gemeißelten Verzierungen abhob. Für den normalen Betrachter sah sie wie ein Wasserspeier aus, wie ein steinerner Dämon, der dort oben thronte und Ausschau über das Grundstück hielt.
Aber wer würde schon sein Haus mit nur einem einzigen Wasserspeier ausstatten – und diesen vor allem auf dem Haus platzieren? Wasserspeier sah man normalerweise an Kirchen und Kathedralen, und dort meist in Gruppen und nicht einzeln. Waren sie nicht als Wasserabflüsse gedacht, wenn es regnete? Wer würde nur einen einzigen Abfluss anbringen, und das auch noch auf dem Dach?
Noch während Sherlock diese Gedanken durch den Kopf gingen, rührte sich die massige Gestalt auf einmal und bewegte sich zur Seite. Gleich darauf langte sie mit dem rechten Arm nach oben, um den Rand eines Schornsteins zu packen und sich so gegen eine plötzliche Windböe zu wappnen, die die Wasseroberfläche des Kanals aufwühlte und jäh gegen die Bordwand drückte. Die Gestalt wirkte auf Sherlock, als wäre sie über zwei Meter groß. Ihr Brustkorb war so gewaltig wie ein Fass, und der kahle Kopf war nicht glatt, wie es normalerweise bei einem Mann mit Glatze der Fall gewesen wäre, sondern wies merkwürdig unebene, ja holprige Konturen auf. Darüber hinaus kamen Sherlock die Arme übermäßig lang vor. Er schauderte, und eine unerklärliche Furcht durchdrang ihn. Dann blinzelte er, und plötzlich war die Gestalt verschwunden. Wie zuvor zeichnete sich auf der Dachlinie nichts anderes ab als Schornsteine und spitze Verzierungen.