Das Buch
Wiedersehen macht Freude? Die Teilnehmer eines Klassentreffens in Undeloh sind sich da nicht so sicher. Denn einer ihrer Klassenkameraden wird tot in der Sauna eines Luxushotels aufgefunden. Kein Zweifel: Es war Mord. Inka Brandt und ihr Team, Polizeipsychologe Sebastian Schäfer und Rechtsmedizinerin Teresa Hansen, übernehmen die Ermittlungen. Bald taucht eine weitere Leiche auf. Wer hat es auf die ehemaligen Schulkameraden aus der Lüneburger Heide abgesehen?
Erst tief in der Vergangenheit der Opfer und der Gemeinde Undeloh finden sich Hinweise auf den Täter. Er wird keine Ruhe geben: Denn Rache lässt Menschen ungeheuerliche Dinge tun. Das müssen auch Inka und ihr Team bald am eigenen Leib erfahren …
Die Autorin
Angela L. Forster lebt und arbeitet im Hamburger Süden, dessen bezaubernde Landschaft mit der Nähe zum Alten Land und der Lüneburger Heide sie immer wieder zu neuen Geschichten inspiriert. Sie arbeitete als Journalistin für regionale Zeitungsverlage und als Textkorrespondentin.
Von Angela L. Forster sind in unserem Hause erschienen:
Heidefeuer
Heidegift
ANGELA L. FORSTER
Heidegift
Ein Fall für Inka Brandt
Kriminalroman
Ullstein
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ISBN 978-3-8437-1394-8
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016
Umschlaggestaltung: ZERO Media GmbH, München
Titelabbildung: © Getty Images/Johner Images (Schaf);
© Getty Images/Ezra Bailey (Vögel); © Image Source/Chris Cole
(Heide, vorne); © Image Source/Craig Easton (Heide, Horizont, Himmel); © Heinz Wohner/Look-foto (Haus)
E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Die Tiere morden, um zu leben, aber wir …?
Hermann Löns 1866–1914
Sommer 1997
Die Sonne schien unerbittlich. Ein flammendes Rot, das durch die Baumspitzen schoss und keine Gnade kannte.
Ihre Hilfeschreie durchschnitten die brennende Augustluft wie die außer Rand und Band geratenen Messer des Messerwerfers, der beim Wanderzirkus in Egestorf um Zuschauer warb.
Ein Spiel, sagten sie. Er und seine Schwester hätten das Streichholz mit dem roten Schwefelkopf gezogen. Das Glückslos, wie sie sagten.
Immer weiter folgten sie den Schulkameraden in die Heide. Abseits der Wanderwege stapften sie durch Heidekraut, vorbei an Wacholderwäldchen und Heidschnuckenherden.
Sie müssten leise sein, sagten sie, sonst würden sie nicht wiederkommen. Doch er wusste, sie würden niemals kommen.
Er kannte die Lüneburger Heide wie den Schuhkarton unter seinem Bett, in dem er alles Mögliche aufbewahrte. Und er wusste, in diese Ecke des Naturschutzgebietes, weit hinter dem Wilseder Berg, fernab ausgeschilderter Wander- und Reitwege, verirrte sich kein Mensch.
Zwölf war er gewesen, als sein Vater ihn auf frühmorgendliche Herbstjagd mitgenommen hatte. Auf dem Hochsitz hatten sie gesessen, den ganzen Tag.
Ein Reh war die Ausbeute gewesen, das sie am Abend nach Hause schleppten. Er hörte noch den Schuss, der sich mit ohrenbetäubendem Knall gelöst hatte, sah, wie Vaters kräftige Schulter mit einer Leichtigkeit den Rückschlag auffing. Wie schämte er sich, dabei gewesen zu sein, ein Tier getötet zu haben.
Es muss sein, erklärte Vater ihm, während er das erlegte Tier auf die Laderampe des Geländewagens warf und mit einer Plane zudeckte. Die Jagd ist notwendig. Das Rotwild breitet sich zu sehr aus und frisst die jungen Bäume kahl.
Verstehen wollte er das nicht. Drei Tage baumelte das aufgeschlitzte Tier, zum Ausbluten festgebunden, an einem Haken an der Hofwand. Hin und her schwang es bei jedem kräftigen Windstoß, warf letzte Blutspritzer an die graue Wand, auf das Kopfsteinpflaster, verfolgte ihn mit dunklen Kulleraugen, wenn er auf das Loch in der Stirn des Tieres stierte. Morgens musste er an ihm vorbei zur Schule gehen. Den Rehbraten, den Mutter mit Speck gespickt und mit Klößen und Rotkohl am Sonntag servierte, hatte er nicht angerührt.
Nie und nimmer, keinen Bissen.
Langsam senkte sich die Dämmerung über die Heidelandschaft, Wolken überschatteten die letzten Bäume. Wie spät war es? Ob die Straßenlaternen leuchteten? Sie sollten längst zu Hause sein. Ihre Eltern würden sich Sorgen machen.
Er leckte sich über die trockenen Lippen. Lass uns mit dem Rufen aufhören, hatte er seine Schwester vor einer Weile gebeten, wir müssen mit unseren Kräften sparsam umgehen, bis sie wiederkommen und uns befreien. Das hatte er gehört. Schauspieler sagten das im Fernsehen, wenn sie in der Klemme steckten. Er wusste, das würde nicht geschehen. Sie hatten sie reingelegt.
Käme er nur an den rosafarbenen Rucksack seiner Schwester heran, er könnte ihr die Kakaotüte und die Packung Butterkekse reichen, die sie immer mit sich rumschleppte und womit sie ihre Barbiepuppen fütterte. Er mochte keine Barbiepuppen und noch weniger Kakao, das war etwas für kleine Mädchen. Jetzt gäbe er seinen Schatz aus dem Schuhkarton her für einen Schluck von diesem süßen Zeug. Bitte, einen kleinen Schluck, damit das Kratzen und Brennen im Hals aufhört.
Mit ausgestreckten Fingerspitzen versuchte er, die Hand seiner Schwester zu erreichen. Er wollte sie streicheln, ihr Mut zusprechen. Es gelang ihm nicht. Mit ihren neun Jahren war sie so zierlich und klein wie eine Sechsjährige. Er war fast vierzehn, und es war seine Aufgabe, sie zu beschützen. Pass immer gut auf deine kleine Schwester auf, wenn ihr in die Heide geht. Wie der Hänsel auf die Gretel. Die Worte seiner Eltern dröhnten in seinem Kopf.
War es im Märchen nicht Gretel, die die Geschwister aus den Fängen der bösen Hexe befreite?
Als die Nacht anbrach, war die Luft, trotz der hochsommerlichen Tagestemperaturen, eisig kalt. Ihre Körper zitterten im Gleichklang. Um sie herum war alles finster. Im Gebüsch knackte es, Laub raschelte, etwas huschte aufgescheucht vor seinen Füßen vorbei. Ein Kaninchen, ein Fuchs, ein Wolf? Die Wölfe sind in die Lüneburger Heide zurückgekehrt. Das hatten sie gerade in der Schule durchgenommen.
Sein Blick folgte dem Geräusch, doch er konnte nichts erkennen. Er war zu müde. Seine Augen brannten, und seine Beine wollten nachgeben, aber das Seil, das die drei Schulkameraden um Schenkel, Hüfte und Oberkörper geschlungen hatten, war fest, viel zu fest, als dass er sich auch nur einen Zentimeter hätte bewegen können. Er drehte den Kopf und sah zu seiner Schwester. Ihr blonder Zopf lag auf ihrer mageren Schulter, sie atmete leise. Ein bisschen schlafen, ausruhen, ja, das würde ihm auch guttun. Sein Kopf sank auf die Brust, und die Augenlider schlossen sich, als würde jemand gewaltsam daran ziehen.
Als er die Augen wieder aufschlug, wusste er nicht, wie lange und ob er überhaupt geschlafen hatte. Er fror, die Kälte hatte seinen Kinderkörper weiterhin im Griff. Mit den Fingerspitzen versuchte er den Knoten des Seils zu lösen, die raue Rinde des Baumes scheuerte an seinen Handgelenken, bröckelte ab und rieselte auf den Waldboden. Der Vollmond schien durch die Zweige, ein Käuzchen rief durch die Nacht, und der Nebel, der allmählich aufzog und immer dichter wurde, ließ jeden Strauch und Baum lebendig werden, jedes kleinste Insekt zu einem Fabelwesen heranwachsen.
Er ruckelte seinen Oberkörper hin und her, kaum ein paar Zentimeter, zu wenig, um sich und seine Schwester aus den Schnüren zu befreien. Er durfte nicht versagen, seine Eltern nicht enttäuschen. Er musste auf sie aufpassen. Er hatte es versprochen.
Wütend schlug er mit dem Kopf gegen den Baumstamm. Sein Herz schlug laut gegen seine Rippen, und er wusste nicht, ob er einfach aufhören sollte zu atmen. Ging so etwas? Delphine konnten das, das sagten die Meeresbiologen im Fernsehen. Du siehst viel zu viel fern, hörte er Mutters Worte. Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester, sie weiß sich ohne Flimmerkasten zu beschäftigen.
Kühle Luft streifte sein Gesicht. Die Sonne ging auf.
Das Heidegedicht von Hermann Löns fiel ihm ein, heute sollte er es in der Schule aufsagen. Über Tage hatte er es auswendig gelernt, sogar geträumt hatte er davon.
Sommer
Über die Heide ziehen Spinneweben
Von Halm zu Halm ihr silberweißes Tuch.
Am Himmelsrande weiße Wölkchen schweben
Und weißes Wollgras wimpelt überm Bruch.
Es glüht die Luft wie ein Maschinenofen,
Kein Menschenleben regt sich weit und breit,
Der Baumpieper nur schmettert seine Strophen
Und hoch im Blau der Mäusebussard schreit.
In rosa Heidekraut den Leib ich strecke …
O Grabesschlaf, …
Wenn dieser müde Menschenleib verwest, …
»Ich weiß es nicht mehr, ich habe die letzten Strophen vergessen. Der Lehrer wird mit mir schimpfen.«
Er sah zum Himmel auf.
»Lieber Gott, bitte hilf uns. Lass uns nicht alleine«, betete er.