Hilde Spiel
Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation
Ein Frauenleben an der Zeitenwende
FISCHER Digital
1758–1818

Hilde Spiel, Dr. phil., Prof., wurde 1911 in Wien geboren. 1936 heiratete sie den Schriftsteller Peter de Mendelssohn und ging mit ihm nach London. Von 1963, bis zu ihrem Tod 1990, lebte sie wieder in Wien. Bekannt wurde Hilde Spiel als Autorin von Romanen, Novellen und Reiseberichten, von brillanten Essays und Kritiken und als Übersetzerin.
Hilde Spiel, die Erzählerin mit dem Spürsinn des Historikers, hat die Biographie einer bedeutenden, zu Unrecht vergessenen Frau geschrieben, die in ihrem Wiener Salon alle großen Geister der Aufklärung und Romantik versammelte – eine Biographie, durch die der befreiende Atem einer aufgeklärten Kulturepoche weht und der bedrückende Sturm der Weltgeschichte vom Siebenjährigen Krieg bis zum Wiener Kongreß.
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ISBN dieser E-Book-Ausgabe: 978-3-10-561432-7
Übrigens habe ich ganz unparteiisch und ohne alle Absicht geschrieben, und weder den Juden noch den Christen zum Besten geredet, und befürchte daher in dieser Absicht keine Vorwürfe. Stets habe ich die Lehre vor Augen gehabt, daß man aus den Beispielen einzelner Personen keine Schlüsse auf ganze Nationen ziehen müsse, welches ich für unbillig erkenne. Daher habe ich denn alles sorgfältig vermieden, was sowohl Christen als Juden zur Mißdeutung dienen und einer Parthei nachtheilig sein könnte; und dies schien mir Pflicht zu sein.
JOH. BALTH. KÖNIG
Annalen der Juden in den deutschen Staaten
Berlin 1790
Im ruhigen Licht des Alltags, im Gewitterleuchten bewegter Zeit sind wir umflutet von zwei Wirklichkeiten. Die eine begleitet uns vom Tage unseres Eintritts in die Welt bis an den Tod. Die andere fließt vom Anbeginn der Menschheit um uns und durch uns bis an das Ende alles irdischen Lebens. Über die meisten von uns rauscht und schäumt der Strom der Geschichte hinweg; er spült die Spuren unseres Daseins in die Tiefe, um sie auf immer zu tilgen. Nicht mehr ändern wir an seinem Lauf, als hätte sich ein leichter Kiesel vom Ufer gelöst und wäre eine Weile mitgetrieben, oder als hätten ein paar Regentropfen ihn unmerklich angeschwellt.
Aus der ersten in die zweite Wirklichkeit vorzustoßen, das Weltgeschehen aufzuhalten oder gar in eine neue Richtung zu lenken, ist nur wenigen vergönnt. Gleich Talsperren, Felsblöcken oder stetig kreisenden Strudeln zeichnet die Stelle sich ab, an der ihr Erdenwirken den Fluß der Ereignisse unterbrach. Nicht immer ist es nötig, tatkräftig einzugreifen, um aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüberzuragen. Manche Menschen sind vom Zufall an eine weithin sichtbare Windung des Zeitenstroms gestellt, wo mehr als ein Gewässer in ihn mündet. Wie eine kleine Insel, die unversehrt inmitten des rieselnden Zusammenlaufs ruht, dauern sie fort als Merkmale einer Schicksalswende. Ganz ohne ihr Tun, nur durch ihr Sein, erlangen sie Ewigkeit.
Den Anspruch auf unvergänglichen Bestand erwerben sie freilich nicht ohne ein Maß von Größe. Die Frau, deren Leben hier berichtet wird, schob sich nicht hemmend oder fördernd in den Fortgang der Dinge. Doch sie war sich bewußt, aus welchem Volk, in welche Zeit und an welchen Ort sie geboren war, und sie füllte ihren Platz in der Geschichte mit Anmut, Geist und Würde. Ihr Ort war ein Europa, zerrissen von den Kämpfen der Könige, vom Aufstand der Völker, von Krieg und Revolution. Ihre Zeit spannte den Bogen vom mittelalterlichen Dunkel des Denkens über die Aufklärung bis zum neuerlichen Zwielicht der Reaktion. Ihr Volk war jenes, von dem schon Tacitus gesagt hatte, es gleiche keinem anderen auf dieser Welt, und das sein Anderssein mit ständiger Schmach und Lebensgefahr bezahlte. Doch sie verhalf ihm, für einen kurzen Augenblick, zur Ebenbürtigkeit. In ihrer Person erkannten die Großen der Erde ein gleichberechtigtes Wesen. In ihr ehrten sie, was seit Jahrtausenden verachtet worden war.
Als sie starb, beklagte Felix Mendelssohns Mutter in ihr die »interessanteste Frau in Europa«. Sie war es keineswegs. Sie stand nur sichtbar an der Stelle, wo Europa am interessantesten war. Unter den Heroinen der Emanzipation war sie lediglich die erste, nicht die klügste. Sie war kein intellektuelles Phänomen wie die Rahel, kein romantisch-schwärmerisches wie Dorothea Schlegel, kein erotisch-sentimentales wie die arme Henriette Herz. Sie war ein soziales Phänomen, das allein durch seine Ausstrahlung wirkte. Nicht ohne Grund findet sich von ihr kein Brief, kaum ein Zeugnis aus eigener Hand. Ihre ephemere Gestalt, ihr ungreifbarer Reiz haben sich nur im Spiegel ihrer Zeitgenossen erhalten. Aber die Erscheinungsform, die ihr eigen war, wandelte sich zum Gleichnis. Keine Prophetin und keine Weise – eine große Dame wurde zum Sinnbild der Befreiung ihres Volkes.
In der Berline, die im Frühsommer 1776, mit häufigem Pferdewechsel und in bedächtigen Tagereisen, südwärts über Dresden und Prag zur kaiserlichen Residenzstadt fuhr, saß ein junges Paar von Stand und ohne ersichtlichen Makel. Die preußische Braut, der Wiener Bräutigam waren à la mode gekleidet: im Reifrock die Dame, mit schmaler Taille, Spitzenärmelchen und tiefem Ausschnitt, der Herr mit Haarzopf und Beutel, in Kniehosen, die ganz verdeckt von Stulpenstiefeln und Rockschößen waren; der abgeschnallte Degen lag neben ihm auf dem Sitz.
Sie hatten Diener und Zofe bei sich, die mit reichlichem Gepäck in einer zweiten Kutsche folgten. So schickte es sich für die Tochter eines Mannes, der ihr und jeder ihrer neun Schwestern siebzigtausend Taler mitzugeben imstande war; nicht anders für den Sohn eines Mannes, dessen Nachlaß ein Jahrzehnt später Dreiviertel Million Gulden Wiener Währung betragen sollte. Die Braut hatte ein Palais in der Berliner Burgstraße und ein Landgut vor dem Schlesischen Tor verlassen, um in ein vornehmes Stadthaus auf dem Graben in Wien zu ziehen. Ihr Vater, wie der ihres Bräutigams, war wohlgeübt im Umgang mit Monarchen. Er stand dem Thron des Königs so nahe wie sein Palais dem Schloß am Kupfergraben. Vom einfachen Bürger trennte ihn, ganz wie den hohen Adel, eine unüberbrückbare Kluft.
Eine Kluft trennte auch die beiden Länder, denen die jungen Leute angehörten. Als die Braut geboren wurde, waren zwei Jahre des Siebenjährigen Krieges vorbei. Selbst der Friede, den sie bereits mit wachen Sinnen erlebte, versöhnte Preußen nicht mit Österreich. Jener erbitterte Kampf im Herzen Europas, an dem der Brautvater, indem er seinem König zum Sieg verhalf, sich selbst bereichert hatte, ließ die Völker in tiefem, nie mehr ganz verschwundenem Gegensatz zurück. Zwar erfuhren jetzt beide den gleichen Aufschwung, der die ausgebluteten Provinzen hier wie dort in neuen Wohlstand versetzte; zwar hatten sie, gemeinsam mit Rußland, das hilflose Polen unter sich verteilt; zwar griff der eigenwillige Reformgeist des großen Friedrich auf die habsburgischen Erblande über und erfaßte, wenn nicht die Kaiserin, so doch ihren Sohn – der dem ehemaligen Feind zweimal bewundernd die Hand gereicht hatte –, wie auch ihren Kanzler Kaunitz, einen vorsichtigen Voltairianer und duldsamen Mann. Doch ein neuer Streit stand vor der Tür. Zwei Jahre nach der Hochzeit des jungen Paares sollten preußische und österreichische Soldaten, von ihren Herrschern um Bayerns willen in den Krieg geschickt, sich im nördlichen Böhmen wieder gegenüberstehen. Sie kämpften nicht; sie gruben einander bloß die Kartoffeln aus. Aber die Liebe zwischen den beiden Ländern war darum nicht angewachsen.
Die Brautleute in der Berline hatten allen Grund, an diesen Zwisten nicht teilzunehmen. Dennoch lief zeitlebens zwischen ihnen eine unsichtbare Trennungslinie, die zuweilen rot aufzuleuchten schien gleich einem Warnungssignal. Mit siebzehn Jahren hatte das Mädchen die eigene mit der österreichischen Heimat vertauscht. Sie war an die siebenundfünfzig, als es in einem Geheimbericht in den Tagen des Wiener Kongresses von ihr hieß, die Dame sei »scandaleusement prussienne«. Hochgewachsen und schlank, mit langer gerader Nase und schönen, etwas vorquellenden hellblauen Augen, wirkte sie, wenn auch keineswegs norddeutsch, doch berlinisch neben den kleinen, fülligen, feingliedrigen Wienerinnen, rührten auch ihre Frische, ihr rascher Witz, ihre rastlose Beweglichkeit unverkennbar von der scharfen reinen Luft der Stadt, aus der sie stammte. Der Bräutigam, zehn Jahre älter, aber in seiner künftigen Ehe durchwegs von gedämpfterer Auffassungsgabe und langsamerem Geist, hatte das gutmütige, ausdruckslose Gesicht und weiche Kinn so vieler österreichischer Bürger. Kurz, sie wären beide, hätten nicht gewisse Züge wie allzu füllige Lippen oder eine leicht gesenkte Nasenwand kaum merklich auf eine ältere Herkunft hingewiesen, passable Vertreter ihrer Nationen gewesen. Doch so ganz passabel waren sie nun wieder nicht.
Als die Berline nämlich, am zweiten oder dritten Tag der Reise, vor dem Dresdener Stadttor zu halten kam, umstellten sächsische Zöllner das Fahrzeug und forderten den Reisenden ihre Papiere ab, die sie sodann mit anzüglichen Seitenblicken auf ihre vornehme Gewandung und Allüre in genaueren Augenschein nahmen, um schließlich den geringen, aber beschämenden Leibzoll von zwanzig Groschen einzuheben. Wenige Wochen später, im August desselben Jahres 1776, sollte das gleiche einem berühmteren Mann widerfahren. Auch Moses Mendelssohn, dem Verfasser des ›Phädon‹ und Sieger über Kant im Wettstreit um den Preis der preußischen Akademie, wurde am Tor von Dresden jene Maut abverlangt, die sonst nur für den Durchzug von Ochsen und Schweinen eingehoben wurde. Ein sächsischer Freund des Philosophen, der davon erfuhr, bewog die Behörden, Mendelssohn die zwanzig Groschen wiederzuerstatten, worauf dieser den Betrag »mit zehnmal so starker Beilage« der Stadtarmenkasse übergab. War dem Brautpaar zuletzt, aus bestimmten Gründen, ebenfalls der Zoll erlassen worden, so hatte sich der Augenblick dem Bewußtsein des Mädchens doch eingeprägt. Denn in ihrem Merkbuch, einem der wenigen erhaltenen Zeugnisse eigener Hand, findet sich ein Reim von Moses Ephraim Kuh, der fünf Jahre früher anderwärts im Sächsischen ähnlich schmachvolle Erfahrungen machte. Dieser rührend naive Mann, selbst ein ›Douanier‹ der Dichtkunst, hatte seinen Gram in einem kleinen Zwiegespräch zwischen dem ›Zöllner in E.‹ und einem reisenden Juden niedergelegt:
Z.Du, Jude, mußt drey Thaler Zoll erlegen.
J.Drey Thaler? Soviel Geld? mein Herr, weswegen?
Z.Das fragst du noch? weil du ein Jude bist.
Wärst du ein Türk’, ein Heid’, ein Atheist,
So würden wir nicht einen Deut begehren,
Als einen Juden müssen wir dich scheren.
J.Hier ist das Geld! – Lehrt euch dies euer Christ?
Das Brautpaar fuhr weiter, an der Elbe entlang, durch die Sächsische Schweiz in das Erbland Böhmen und hier, umwogt von gelbem Weizen, zur alten Stadt Prag. Der Junihimmel war blau. Doch ein Schatten war über die jungen Vermählten gefallen und begleitete sie weiter auf ihrem Weg, über die steinichten Hügel des Grenzlands ins Niederösterreichische, durch das dunkelgrüne Waldviertel hinab in die Ebene bis an den Strom, der sie breit schäumend ins Wiener Weichbild führte. Auch hier, als ihre Postpferde an der Maut gegenüber der Leopoldstadt zum Stehen kamen und die Braut, den Blick auf die grauen Häuser und hohen Türme der kaiserlichen Residenz gewandt, die unwirsche Frage der Wachtposten nach Aufenthaltsbefugnis und Toleranzpapier hörte, auch hier hob dieser Schatten sich nicht. Er schwebte seit ältester Zeit über den ihren und war in der prunkvollen, leichtlebigen Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation noch um einige Tönungen dunkler als daheim im königlichen Berlin.
Von hier aus hatte, als Leopold der Erste die Wiener Juden im Jahre 1670 vertrieb, eine Reihe angesehener Familienhäupter an Friedrich Wilhelm von Brandenburg die Bitte um Schutz und Unterkunft gerichtet. Wehmütig klagten sie seinem Residenten in Wien, einem gewissen Andreas Neumann, »daß ihnen gleichsam der Erdboden und die Welt verschlossen sey, welche doch Gott für alle Menschen geschaffen« habe. Der Große Kurfürst, von religiöser Milde und politischer Klugheit bewegt, entschloß sich, zumal ihr Volk seit den Tagen seines Vorfahren Johann Georg in der Kurmark geduldet war, nunmehr fünfzig von ihnen ein Asyl zu bereiten. Die Mark und das Herzogtum Krossen litten, gleich dem übrigen Deutschland, noch an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Das Land war verwüstet, die Bevölkerung gering und verarmt; der Handel lag darnieder. Friedrich Wilhelm versprach sich von den Einwanderern jenen merkantilen Nutzen, die sie seiner jüngst erworbenen Stadtgemeinde Halberstadt schon seit langem eingebracht hatten. In Berlin lebte zu dieser Zeit nur ein einziger Mann ihres Glaubens, Israel Aron aus Glogau, der hier seit fünf Jahren als Hoflieferant mit Kind und Kegel ansässig war. Nun öffnete, keineswegs zu Arons reiner Freude, der Kurfürst den Wienern die Tore, setzte ihr jährliches Schutzgeld auf acht Taler fest, erlaubte ihnen den Hauskauf und schrieb ihre Privilegien auf zwanzig Jahre aus. Ehe diese Frist verstrichen war, wurden sie von eben dem Leibzoll, der in Sachsen noch ein Jahrhundert später eingehoben wurde, befreit.
Solch billige Behandlung, wie sie ihnen noch an keinem Orte Deutschlands zuteil geworden war, mußte ihnen freilich derart den Kamm schwellen lassen, daß sie sich alsbald betrugen, als wären sie Menschen wie alle anderen auch. Sie. begannen untereinander zu eifern und zu hadern, schnitten einander die Ehre ab, übervorteilten der eine den andern und schwangen sich da und dort zu Reichtum und hohen Ämtern auf, um hierauf den Rest ihrer Gemeinde tief unter sich zu lassen. So war, in den letzten Jahren des Kurfürsten und noch mehr am Hofe Friedrichs des Ersten, dieses kunstsinnigen und baulustigen Monarchen, der sich wohl an Wuchs, jedoch nicht an Milde von seinem stattlichen Vater unterschied, der Juwelier Jost Liebmann zu großem Einfluß gelangt. Er verdankte diesen seiner Frau, einer geborenen Esther Schulhoff aus Prag, die sich jung dem Hoffaktor Aron hatte vermählen lassen und nach dessen Tod alle erlangte Macht auf ihren zweiten Gatten übertrug. Der König schätzte ihn hoch. Jost ging bei Hofe aus und ein, und als er gestorben war, erfreute sich seine Witwe der gleichen Gunst. Sie brachte es dahin, daß sie »nebst ihren Kindern von der übrigen Judenschaft vorzugsweise eximiret ward«, und genoß sogar die Freiheit, unangemeldet in Friedrichs Gemächern zu erscheinen, was besonders den Kronprinzen sehr verdroß. Es sei jedoch, so wird berichtet, die Liebmannin eine wunderschöne Frau gewesen, deren Gegenwart der König wohl gelitten habe. Einmal sei der Kronprinz in des Vaters Beisein ungnädig zu ihr gewesen, dieser habe ihm den scharfen Ton verwiesen und solcherart in dem Kronprinzen »eine Erbitterung wider alles was Liebmännisch aussah, hervorgebracht, welche er aber nur erst in Ausübung kommen lassen konnte, da er selbst König geworden war«.
Hatte Friedrich der Erste von Preußen vom Großen Kurfürsten die Milde geerbt und war er auch der Juwelierswitwe ins Garn gegangen, so fiel das Provinzialreglement, das er den Juden der Mark Brandenburg im Jahre 1700 gab, nicht durchwegs zu ihrem Besten aus. Gewisse Vorrechte, die sie sich bereits erworben hatten, wurden ihnen wieder entzogen. Niemand unter ihnen sollte Kramladen und Buden haben, der solche nicht schon 1690 gehabt. Ungemünztes Gold und Silber sollten sie nicht aus dem Lande führen, sondern in die Münze abliefern. Der Ankauf von Häusern und Immobilien wurde ihnen untersagt, und einigen von ihnen, den »Schulkläppern, Schulmeistern, Präzeptoren, Musikanten und Todtengräbern«, jeglicher Handel verboten. Mit jenem geübten Blick für ihre finanzielle Verwertbarkeit, der den deutschen Fürsten, seien sie nun Habsburger, Hohenzollern, Wittelsbacher oder wer sonst immer gewesen, im Umgang mit Juden eigen war, setzte Friedrich ihr jährliches Schutzgeld auf insgesamt zweitausend Dukaten hinauf. Es sollte auch niemand getraut werden, der nicht vor der Heirat einen Goldgulden errichtet hatte. Dafür durften in Berlin drei Bethäuser unterhalten werden, eines für die Liebmannin und ihren Anhang, eines für den nahezu ebenso mächtigen Koppel Rieß, und ein drittes für die übrige Gemeinde.
Über dieser letzten Verfügung gerieten die Juden einander alsbald in die Haare. Die vor Jahrzehnten aus Wien Zugereisten und die längst im deutschen Norden ansässig Gewesenen hatten keine Lust, ihren Gott gemeinsam zu ehren. Es bildeten sich Parteien, von denen die eine nur des Rieß und der Liebmannin Bethäuser gelten lassen wollte, die andere aber auf dem sofortigen Bau der allgemeinen Glaubensstätte bestand. Ein gewisser Markus Magnus, Diener und Günstling des Kronprinzen, suchte die Liebmannin aus ihrer Vorrangstellung zu verdrängen, im Laufe der Zeit entstanden die größten Unruhen und Zerrüttungen in der Gemeinde, und schließlich machten Magnus und die Witwe einander den Prozeß. Die eigensinnigen Widersacher kamen vor eine Kommission, der unter anderen der geheime Etatsrat Freiherr von Bartholdi angehörte, die Liebmannin steckte sich hinter den König, worauf dieser das schon erfolgreiche Versöhnungswerk der Kommission untergrub – kurz, der Tempelbau zu Berlin zog einen Rattenschwanz von Klagen und Quertreibereien nach sich, bis endlich die erregte Judenschaft besänftigt und im Jahr 1712 der Grundstein gelegt werden konnte.
Eine zweite, schlimmere Heimsuchung, die ebenfalls von einem aus ihrer Mitte angezettelt wurde, hatten die kurmärkischen Juden noch unter Friedrichs Regierung zu erleiden. Ihr ehemaliger Glaubensgenosse Franz Wentzel, der die Taufe genommen hatte, brachte der Obrigkeit in eilfertiger Liebedienerei zur Kenntnis, daß ein Passus in dem hebräischen Gebet Olenu die Person des Heilands auf das schändlichste verletze. In diesem Gebet nämlich, das zweimal am Tage und am Sabbat gar dreimal gesprochen wurde, »führten sich die Juden lästerlich auf«, indem sie bei den Worten »wir knien und bücken uns, aber nicht vor dem gehengten Jesu«, als »vor einem Greuel« ausspuckten und von dem Ort etwas hinwegsprängen. »Es steht zwar«, erklärte der besagte Wentzel, »diese Lästerung in keinem Gebetbuche ausgedruckt, allein es ist Raum gelassen und wird so fort den zarten Kindern eingebläuet und von ihnen auswendig gelernet.«
Seit den mittelalterlichen Bezichtigungen der Hostienschändung und des Ritualmords war keine so schwerwiegende Anklage erhoben worden. Von seiner Geistlichkeit bedrängt, ordnete der König die genaueste und schärfste Untersuchung an, man berief die Ältesten aller brandenburgischen Judengemeinden nach Küstrin und ließ jeden von ihnen, im strengen Einzelverhör, seine Deutung des Gebetes Olenu geben. Einige sagten, das Gebet sprächen sie wohl, aber die bewußten Worte nicht. Andere legten den Worten »Hevel verick«, unter denen jener Wentzel den »gehengten Jesu« verstanden haben wollte, den Sinn von Narren, Heiden oder Götzendienern zugrunde. Die dritten wiesen darauf hin, daß das Gebet Olenu von dem Propheten Josua stamme, zu dessen Lebzeiten der christliche Erlöser noch nicht erschienen war. Da ihre Vorfahren seit mehr als dreitausend Jahren gewohnt waren, an einer gewissen Stelle dieses Gebetes auszuspucken, so täten sie es auch, jedoch »spucketen sie keinem zu Hohn«.
Der einzige Ausweg aus dieser Unklarheit schien, die Juden dazu zu verhalten, bei dem ihnen seit alters her auferlegten gräßlichen Eid jede böse Absicht dieses Gebetes abzuschwören. Dazu waren sie auch bereit. Doch der König, vielleicht durch Einflüsterungen der Liebmannin, wahrscheinlich aber durch eigene Einsicht davon abgebracht, verfügte mit jener landesväterlichen Fürsorge, die der gute und kluge Fürst – ein Freund von Leibnizens Lehre – auch den verachtetsten seiner Bürger angedeihen ließ, ein Dekret, worin er ihnen den Gebrauch der Worte »Hevel verick«, das Spucken und Wegspringen verbot, sie aber gleichzeitig von der peinlichen Notwendigkeit jenes Eides befreite:
»Wenn Wir mit erbarmenden Augen das arme Juden-Volk, so uns Gott in Unsern Landen unterwürfig gemachet, ansehen, so wünschen Wir wohl herzlich, daß dis Volk, welches der Herr ehemals so hoch geliebet, und vor allen andern Völkern zu seinem Eigenthum erwehlet hatte, endlich von seiner Blindheit möchte befreyet und mit Uns zu einer Gemeinschaft in dem Glauben an den aus ihnen selbst gebohrnen Messiam und Heyland der Welt gebracht werden: Weil aber das große Werk der Bekehrung zu dem geistlichen Reich Christi gehöret, und Unsere weltliche Macht keinen Platz darin findet, Wir auch die Herrschaft über die Gewissen der Menschen dem Herrn aller Herrn einig überlassen; so müssen Wir Zeit und Stunde abwarten, welche der barmherzige Gott sie zu erleuchten, seinem allein gnädigen Willen vorbehalten hat, indessen sie mit Geduld ertragen, und die Mittel zu ihrer Bekehrung mit aller Liebe und Sanftmuth anwenden lassen: Wie Wir dann hiermit insonderheit die Geistlichen und Seelensorger ermahnet haben wollen, so oft sie Gelegenheit dazu ersehen, sich zu bemühen, wie sie dis ungläubige Volk mit Sanftmuth gründlich überzeugen, und dem Messia, Unserem Herrn, zuführen mögen, und alle und jede, so den Namen Christi unter Uns bekennen, ernstlich dahin anweisen, ihnen Ärgerniss nicht zu geben, und keinen Stein des Anstoßes in den Weg zu legen, dagegen Wir aber auch die Bosheit, da sie sich wider Christum Jesum, Unsern Herrn und Heyland, und sein Reich erheben wollte, zu wehren und sie mächtiglich zu stören, Uns höchst verpflichtet zu seyn achten.«
Die fragwürdigen Praktiken des Gebetes Olenu wurden ihnen zwar »von nun ab bis zu ewigen Zeiten« untersagt, doch keine kränkende Absicht damit verbunden:
»Wir versehen Uns aber allergnädigst, daß die Juden diesem Unserm Gebot, welches Wir in allergnädigster Erwägung, daß sie ehemals Gottes geliebtes Volk gewesen, und daß sie nach dem Fleisch die Befreundten Unsers Heylands seyn; mit Liebe, Mitleiden und Erbarmung gegen sie verknüpfet haben, sonsten aber die Ehre Unsers Gottes von Uns unumgänglich erfordert, so vielmehr allerunterthänigsten Gehorsam bezeigen werden, weil ihnen darinn nicht das Geringste wider ihre Religion, Ceremonien, Aufsätze oder Gebräuche angemuthet wird. … Die nun hierin Unserm allergnädigen und ernstlichsten Willen gehorsam nachleben werden, haben sich Unsers Landesväterlichen Schutzes und Schirms wie andere getreue Unterthanen, noch fernerhin allerunterthänigst zu erfreuen.«
So schrieb im Jahre 1703, da an keinem anderen Fleck in den deutschen Landen jemand an die »fleischliche Freundschaft« des unseligen Volks mit dem Erlöser erinnert werden wollte, zu Cölln an der Spree ein preußischer König. Es war, seit den Tagen ihres großen, gnädigen und gerechten Schirmherrn Karls des Fünften, das erste Zeichen mildtätiger Gesinnung, dessen sich die Juden erfreuten. Es war das Aufflackern eines menschlichen Mitgefühls, das in Friedrichs Urenkeln, aber auch in gelehrten und einfachen Männern seines Landes Widerhall finden sollte, noch ehe das Jahrhundert zu Ende ging. Sein Sohn indes, aus den bereits erwähnten Gründen der väterlichen Haltung feindlich, handelte in dieser Sache anders und nach eigenem Ermessen. Er hatte keine Liebe, ja nicht einmal Nachsicht für diese fremde Gemeinschaft, die sich aus mangelndem Entgegenkommen wie aus eigenem Widerstreben in das brandenburgische Volk nicht eingegliedert hatte. Doch er zeigte sich vorerst, wie es seiner Natur entsprach, in den meisten Fällen so gerecht wie streng. Der Liebmannin freilich, deren Schönheit durch zunehmendes Alter wie durch zänkische Überheblichkeit inzwischen geschwunden war, wurde nach seiner Thronbesteigung der Zutritt zum Hof untersagt, ein zehn Wochen langer Hausarrest anbefohlen und jeder Anspruch an das Erbe des verstorbenen Königs, der mit etwa hunderttausend Talern in ihrer Schuld stand, bei Androhung schwerer Strafen verwehrt. Zwar wurde ihr nach diesem argen Handel der allerhöchste Schutz von neuem zugebilligt, doch starb sie gramgebeugt ein Jahr nach Friedrich des Ersten Tode. Vor ihrem Hinscheiden bat sie darum, daß ihres königliches Freundes schönste Gabe, eine goldene Kette, mit ihr begraben werde.
Auch Markus Magnus, der im Auftrag des Kronprinzen gegen sie geeifert hatte, wurde nunmehr vom König aus seiner Nähe entfernt. Statt dessen setzte er den Moses Levi Gumperz aus Cleve zu seinem Oberhof- und Kriegsfaktor ein, mit der Erlaubnis, daß dieser sich mit seiner Familie und Dienerschaft häuslich niederlassen könne, wo er wolle, der Judenkommission nicht unterworfen sei und ungehindert die Tore Berlins passieren dürfe, jedoch nicht ohne sich der Zollvisitation zu unterwerfen. Ja, er gestattete diesem Mann, dessen Familie sechs preußischen Herrschern in ununterbrochener Aufeinanderfolge gedient und sich bisher in allen Hoflieferungen gut benommen hatte, bereits im Jahre 1717, einen Degen zu tragen, welche Erlaubnis sämtlichen Juden im Land auf das strengste versagt war.
Mit dem ihm eigenen Gerechtigkeitssinn, den der Soldatenkönig allerwärts bewies, hob er sodann in seinem neuen Judenreglement die seit 1671 erlassenen drückenden Gesetze auf. Auch er fand nichts daran, sich diese Erleichterungen gut bezahlen zu lassen. Achttausend Taler – vielleicht auch achtundzwanzigtausend Taler, wenn man anderen Berichten glauben darf – waren der Preis für den Widerruf der väterlichen Erlasse aus dem Jahr 1700 und die Abkaufung des gelben Flecks, den die Juden das Mittelalter hindurch als Kainszeichen getragen hatten. An solche praktischen Gnadenakte hatte der Landesvater Friedrich, in seiner barmherzigen Besorgnis um das Seelenheil des armen Judenvolkes, nicht gedacht. Überdies wurde nun auch auf andere Weise der bestehende Zustand verbessert, wie etwa durch ein neues Gesetz, daß die Kinder Privilegierter nach gewissen Abgaben im Lande verbleiben durften und daß der Schutzbrief einer Witwe auf ihren zweiten Gatten übertragbar war.
So ließ sich denn Friedrich Wilhelms des Ersten Herrscherzeit günstiger an, als man auf Grund seiner frühen Erbitterung »wider alles was Liebmännisch aussah«, hätte annehmen können. Sie wäre auch weiterhin wohlwollend geblieben, hätte die Judenschaft ihn nicht im Jahre 1721 auf das höchste erbost. Der Münzjude Veit war gestorben und mit mehr als hunderttausend Talern im Rückstand geblieben. Wie reich er auch zu seinen Lebzeiten erschienen war, es fand sich nach seinem Tode kein Vermögen, und niemand wollte wissen, wo es geblieben war. Gewiß war Veit, der in all seinen Geschäften als rechtschaffener Mann bekannt war, in einem Augenblick dahingegangen, der seinen Schuldnern so wohl wie er seinen Gläubigern wehe tat. Doch der König wollte nicht glauben, daß in der Tat kein flüssiges Geld vorhanden war, beharrte in der Meinung, die ganze Judenschaft hielte dessen Verbleib geheim, und entschied über Nacht, sie in den großen Bann zu tun. Diesen ließ er am 15. August, nachdem man sie sämtlich in ihren Tempel getrieben hatte, in Gegenwart des Oberhofpredigers Jablonsky über sie verhängen.
Ein Jahr darauf kam in Berlin der Vater unserer Braut zur Welt.
Indes die Reisekutsche, nachdem ihre Insassen visitiert und des Eintritts in die Mauern Wiens für würdig befunden waren, die steile Rotenthurmstraße hinauf und, am Stephansdom vorbei, auf den Graben fuhr, mochte die Berlinerin mit einiger Wehmut der weiten Alleen und Prospekte ihrer Vaterstadt gedenken. Hier standen die Häuser schmalbrüstig und verwinkelt in unordentlichen Reihen, drängten sich um die Kathedrale wie ungebärdige Schafe um ihren Hirten und gaben keinerlei Aussicht auf Höfe, Gärten, Brunnen oder blaue Himmelsflecken frei. Nur wenig später sollte ihr Landsmann Friedrich Nicolai diese »engen, krummen, ungleichen Gassen« in unverblümteren Worten rügen, als die junge Frau sie an diesem Tage zu äußern wagte: »Ansehnliche Plätze sind wenige, und keines der Monumente auf denselben gibt einen guten Anblick. Daher hat die eigentliche Stadt Wien an den meisten Orten gar kein sonderliches äußeres Ansehen.« Was gar die Pestsäule auf dem Graben betraf, auf die ihr Auge von nun ab an jedem Morgen fiel, so fand Nicolai sie »scheußlich, ein ungeheures Gemengsel von unzusammenhängenden Dingen. Kein Kunstkenner, welcher der großen Eindrücke, so die simplen und edlen Werke der Bildhauerkunst gewähren, gewohnt ist, kann diese Masse von ungruppierten und ohne Effekt übereinander gethürmten Figuren mit einigem Wohlgefallen betrachten.« Daheim, so meinte er, bewiese man in diesen Dingen weitaus besseren Geschmack.
Nicht allein der kreuzbrave Nicolai, ein preußischer Pedant und Puritaner, den jenes inbrünstige Barock erschreckte, stellte das Berlin des großen Friedrich hoch über das theresianische Wien. Auch der Brautvater, noch im finsteren Bann seiner Gemeinde geboren, erblickte in den mustergültigen Ausmaßen, den soldatisch ausgerichteten Straßen, den abgezirkelten Rondellen, geometrischen Plätzen und drakonisch einfachen Fassaden seiner Stadt eine Gewähr, daß in ihr Ordnung herrsche – im Baustil wie in des Königs Gemüt. Vorbei die Tage, da herrscherliche Willkür sich in Gnade und Ungunst als gleichermaßen wankelmütig erwies. Vorbei des launischen Landesvaters wechselnde Frühlingsmilde und Aprilgewitter, vorbei auch des Soldatenkönigs pragmatische Justiz, die ein plötzlicher Argwohn über den Haufen werfen konnte.
Jetzt war in Berlin, vom scharfen hellen Geist der französischen Enzyklopädisten erweckt, ein neuer Verstand am Werk, geradlinig wie seine Perspektiven. Kein sanftmütiges Mitleid mit dem Volk, das der Herr einst geliebt und von sich gestoßen hatte, kein mystischer Traum von dessen Bekehrung durch strenge Zucht, keinerlei Gefühlsduselei aus Haß oder Neigung trübten das Urteil dieses Königs. Was immer er tat, war von Räson diktiert. Aus dem märkischen Sand begann eine neue Stadt mächtig hervorzuwachsen. Gleich seinem Vater, mit dem ihn sonst wenig verband, hing Friedrich an dem Spruch: »Der Kerl hat Geld, soll bauen!« Woher der Reichtum kam, kümmerte ihn wenig, solange die Stadt daran groß wurde und gedieh. Wie der Soldatenkönig plante auch er, sie reichlich zu »peuplieren« – mit salzburgischen, mit böhmischen Protestanten, wer immer da kam. In dieser bunten Gemeinschaft war ein fest umrissener Platz für die von ihm gering geachteten, aber nützlichen Juden. Seit 1572 hatten die Hohenzollern sie in ihrer Kurmark geduldet. Auch er dachte nicht daran, sie jemals zu vertreiben. In Grenzen, die nach wie vor eng gezogen waren, verbürgte er ihre Sicherheit.
Als, noch unter seines Vaters Herrschaft, die ersten salzburgischen Emigranten nach Preußen gekommen waren, hatten die dort ansässigen Juden sie reich beschenkt. Von ihren Landsleuten befragt, wie sie dazu kämen, erwiderten sie: »Es sind Fremdlinge wie wir und Bürger wie ihr.« Auch unter dem großen Friedrich wurden sie noch durchaus als Fremdlinge behandelt. Im ersten Jahrzehnt seiner Regierung änderte sich weiter nichts, als daß ihre Beschränkungen einer gründlichen und vernünftigen Prüfung unterzogen wurden. Als deren Quelle nannte der Finanzrat Manitius »das ex papatu originirende odium religiosum«, welches »der Ursprung alles Unglücks und des Verfolgungsgeistes in der Welt ist«. Dieser Widerwille gehörte jedoch, seiner Meinung nach, der Vergangenheit an. »Bey jetziger täglich mehr und mehr sich aufklährender Einsicht in allen facultäten wird nicht leicht jemand noch so einfältig seyn, daß er propter dissensum in conceptibus und der differenten Gedanken und Meynungen in Religionsbegriffen das inveteratum odium religionis annoch billigen und einer gantzen nation deshalb die toleranz, den Schutz und officia humanitatis zu versagen, vor recht und billig halten sollte!« Dennoch fiel das revidierte Generalprivileg von 1750 nicht viel freundlicher als die vorhergegangenen aus. Vorerst hatte Friedrich weder Lust noch Grund, die bestehenden Härten zu mildern. Er gestattete eine etwas erhöhte Familienzahl; sonst blieb alles beim alten oder wurde gar widerrufen, wie etwa das Recht, »zwei Kinder anzusetzen«. Dieses erhielten sie später gegen eine Zahlung von siebzigtausend Talern zurück. Als das Gesetz vollendet war und den Juden mitgeteilt wurde, baten sie allein, daß es nicht veröffentlicht werde. Man erfüllte ihren Wunsch.
Nicht, daß des großen Friedrich Odium, das er zwar keineswegs religionis, aber dennoch generis causa gegen sie empfand, zuweilen nicht in Spott gegen ihre Gegner umgeschlagen hätte! In eben jenem Jahr 1750, da er, der Mahnung seines Finanzrats zum Trotz, die immer noch drückenden Verordnungen seiner Vorgänger bestätigen ließ, mokierte er sich aus Herzenslust über seinen eigenen Liebling Voltaire, dessen Habgier sich einem berlinischen Juden gegenüber allzu offenkundig erwiesen hatte. Mit diesem, einem gewissen Hirsch, war Voltaire in einen verwickelten Handel eingetreten, der zu Uneinigkeiten führte und in einen Prozeß auslief. Da der Philosoph sich in Berlin bereits mehrere unsaubere Dinge hatte zuschulden kommen lassen, fiel das Urteil des Königs und anderer, die ihn kannten, dahin aus, daß er wohl auch hier eine Niederträchtigkeit begehen und selbst einen Juden habe überlisten wollen. Während der Prozeß beim Kammergericht schwebte und sowohl Voltaire als auch sein Widersacher Hirsch die öffentliche Meinung für sich einzunehmen suchten, schrieb Friedrich eine Komödie, die Voltaires Vorgehen lächerlich machte, unter dem Titel ›Tantale en procès‹. Der freie Geist Voltaire, vom Spott seines Freundes zur Rache gereizt, warf fortab seinen wütenden Haß auf die Juden. Der königliche Schöngeist änderte seine Haltung ihnen gegenüber nicht; er umzirkelte sie weiterhin wie seine Paradeplätze, umfriedete sie und schränkte sie ein. Doch sein Gefühl für Proportion, von der in seinem neuen Privileg auch mehrfach die Rede war, wies ihnen ihren festen Ort in diesen Schranken.
Diesen Ort verdankten sie, wie schon zu des Großen Kurfürsten Zeit, allein ihrer Nützlichkeit. Als Heereslieferanten waren sie Friedrich, der vom ersten Tag seines Antritts in Kriege verwickelt war, von großen Diensten. Bald aber kam der Augenblick, ihren Nutzen in höchstem Maße zu beweisen. Kurz ehe der König in Sachsen einfiel, um zum dritten und letzten Mal, Schlesien an sich zu bringen, schloß er mit dem Schutzjuden und Hofjuwelier Veitel Ephraim einen Münzkontrakt, nach welchem er ihm die Ausprägung aller Geldsorten seiner Länder übertrug. Mit jenem Ephraim begann der Aufstieg einer kleinen Zahl eng miteinander verschwägerter Familien, die einige Dezennien später das Gesellschaftsbild Berlins entscheidend beeinflussen sollten. Es waren die ›Juifs de Frédéric le Grand‹, deren Handelssinn und Finanzverstand ebenso viel zur Größe Preußens beitrugen wie deren Töchter zu einer fruchtbaren Verbindung seines Erbadels mit dem Adel des Geistes und der Kunst.
Ihr Aufstieg rührte aus dunklen, oft mit Schimpf belegten Transaktionen der Familiengründer mit ihrem ehrgeizigen König. Er führte sie aus überfüllten Behausungen, in denen sie mit ihrem reichen Kindersegen und Anhang dicht aneinander klebten, in prächtige Paläste nahe dem Thron. Seine Ursprünge waren der heftige Trieb des großen Friedrich, sich und Preußen zu wachsender Macht und reicherem Landbesitz zu verhelfen, nicht minder als die anfechtbaren Methoden, durch die seine Münzmeister ihm die Mittel dazu verschafften. Sie taten dies, wie schon die Wipper und Kipper des Mittelalters, wie so viele ergebene Diener deutscher Fürstenhöfe vor ihnen, durch fortgesetzte Münzverschlechterungen, zum Teil geradezu durch Falschmünzerei.
In der Gilde der Hofjuden, die vor langem geschaffen worden war, aber in diesem Jahrhundert bereits einen wahren Stand darstellte, befanden sich die Münzer immer am bedrohtesten Ort. Seit das Recht, Geld zu prägen, vom Kaiser auf alle, auch die geringsten seiner Fürsten und Bischöfe, übergegangen war, hatten die verschiedenen Währungen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ihren festen Wert verloren. Unablässig wurde ihr Gold- oder Silbergehalt verringert und wieder erhöht, einmal war diese, dann wieder jene Münze im Schwange, und die Herrscher auch der kleinsten Staaten scheuten sich nicht, im Falle von Geldnot schweres Metall mit leichterem zu verschmelzen, ohne daß dabei deren Kaufkraft herabgesetzt worden wäre. Überdies waren die deutschen Silbergruben seit dem Dreißigjährigen Kriege erschöpft, die Fürsten sahen sich gezwungen, ihr Edelmetall aus dem Ausland zu erwerben, und dieser Handel war nicht allein schwierig, weil der Preis des Silbers alljährlich stieg, sondern auch gefährlich, weil das Gesetz mancher Länder dessen Ausfuhr gänzlich verbot.
Wie gewöhnlich fiel das undankbare Geschäft, dem kein selbstbewußter Kaufmann sich unterziehen wollte, den mühsam um ihre soziale Erhöhung ringenden Juden zu. Eine Reihe von ihnen, darunter die Münzmeister Simon Michael in Wien, Levin Veit in Berlin, Gerd Levi in Sachsen, Baruch Hollander in Hessen, verrichtete ihre Aufgabe unangefochten und in aller Ruhe, schaffte Silber herbei und prägte Münzen aus, wie ihr Landesherr es angeordnet hatte. Sobald es einem solchen Herrn aber einfiel, das Geld in seinem Lande zu entwerten, ging es jenen an den Kragen, denen der Befehl übertragen worden war.
Kaiser Ferdinand der Zweite war mit zweifelhaftem Beispiel vorangegangen, als er um 1620, nachdem er auf Rat des Grafen Paul Michna minderwertige Taler mit gehaltenem Zwangskurs hatte ausprägen lassen, diese seinem Hoflieferanten Jakob Bassevi in Zahlung gab. Als Bassevi die schlechten Taler notgedrungen in Umlauf brachte, entlud sich die ganze Wut des Volkes auf ihn. Das gleiche widerfuhr dem Münzmeister Veitel Ephraim, den der große Friedrich vor dem Dritten Schlesischen Krieg die guten alten Münzen im Land gegen solche eintauschen ließ, die er, mit trügerischem Silberglanz versehen, zu geringerem als dem Nennwert ausgeprägt hatte.
Von außen schön, von innen schlimm,
Außen Friedrich, innen Ephraim!
So sang man bald in den preußischen Landen und nannte, nachdem des Königs Einbruch in Sachsen gelungen war und sein Münzer dort neue eindrittel Stücke von niedrigem Gehalt in Umlauf brachte, dieses Geld verächtlich die »Blechkappen« oder »Ephraimiten«. Mit solchen in großer Eile und Menge verbreiteten Heckmünzen wurden die Truppen und alle Bedürfnisse der Armee bezahlt, die Zivilbesoldungen berichtigt und allgemein Handel getrieben. Die am Kriege beteiligten Fürsten, der Landgraf von Hessen-Kassel, der Herzog von Braunschweig und andere auch – mit der einzigen Ausnahme von Hannover – taten es nach. Bald war der ganze deutsche Norden mit diesen Geldern überschwemmt; ja sie drangen bis nach Holland, wo man sie zwar vorsorglich anhäufte, um nach dem Friedenschluß preußisches Holz und Getreide wohlfeil erstehen zu können, ihren fragwürdigen Wert aber keineswegs übersah. In Holland prägte man eine satirische Schaumünze, auf der Friedrich im Gespräch mit Ephraim abgebildet war, dem er freundlich die Wange streichelte. Die Inschrift lautete: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.«
So wurde der Herrscher wie sein Handlanger mit reichlichem Spott bedacht. Nicht allein Spott, auch Haß sollte freilich Ephraim ernten, und oft war es nahe daran, daß ihn das getäuschte Volk zum Galgen schleppte – hätte nicht, wie ein Pamphlet damals schrieb, Jakobs Engel die Leiter umgestoßen. Gleichwohl waren solche Finten, die des kleinen Mannes Tasche leerten, um den Säckel des Staats zu füllen, der einzige Weg, sieben Jahre lang Krieg gegen eine übermächtige Koalition zu führen, ohne daß außerordentliche Steuern erhoben oder die Steuerschulden angewachsen wären. Überdies: sie waren ein Abweg, den der König an der Seite seiner Kipper und Wipper betrat.
Vollzog sich der Aufstieg der friderizianischen Juden im Zwielicht zweifelhafter Praktiken, so vollzog er sich auch in einer Atmosphäre des Haders und der versuchten Ehrabschneiderei, wie diese schon einmal, zur Zeit der Liebmannin und des Markus Magnus, in der Berliner Gemeinde zu beklagen gewesen waren. Bald nämlich, nachdem Ephraim, erst mit seinen beiden Schwägern, dann mit seinen Söhnen, vom bloßen Silberlieferanten zum Pächter der Münze befördert worden war, entstand eine Gegenpartei, die allein im Sinn hatte, ihn aus seinem Amt zu verdrängen. Diese Gegenpartei, gebildet aus Herz Gompertz, dem Gatten von Ephraims Schwester Clara, einem gewissen Daniel Itzig und dessen Schwager Moses Isaac, erreichte im Oktober 1755, daß ihr die Pacht der sämtlichen sechs Münzstätten des Landes an Ephraims Stelle übertragen wurde. Der Grund des plötzlichen Wechsels ist nicht mehr klar zu ersehen; wahrscheinlich war Ephraims Pachtsumme von der Gegenseite überboten worden.
Als jedoch die Münzjuden einander in aller Öffentlichkeit vorzuwerfen begannen, daß sie noch mehr Scheidemünze als befohlen geprägt und dadurch den Kurs weiter verschlechtert wie den Silberpreis allzu hoch getrieben hätten, gebot der König, in ähnlicher Bedrängnis wie sein Großvater Friedrich, ihm mit derlei Prozessen nicht lästig zu fallen. Während des Krieges setzten sich die Kämpfe der feindlichen, aber eng verschwägerten Gruppen fort. Häufig wechselten die Münzen ihre Verwalter, wobei nicht allein der König, sondern auch seine Generalkommissäre und Intendanten, die eine gegen die andere Partei auszuspielen wußten. Erst im Jahre 1758, als Ephraims gefährlichste Gegner, der Generalmajor von Retzow und sein eigener Schwestermann Herz Gompertz, gestorben waren, gelang es ihm, mit dessen bisherigen Verbündeten Moses Isaac und Daniel Itzig ein Konsortium zu bilden, das von nun an die gesamten Münzaufträge des Königs übernahm.
Daniel Itzig ist der Mann in all diesen wirren und unerquicklichen Machenschaften, der uns fortab beschäftigen wird. Als er, hochgeachtet und hochbetagt, wenige Monate vor der Jahrhundertwende aus dem Leben schied, waren die umstrittenen Anfänge seiner Laufbahn vergessen. Dieser Patriarch, dessen Name die Ahnentafeln nicht nur reicher Handelsleute, großer Künstler und bedeutender Gelehrter, sondern auch blaublütiger Erben des Uradels zieren sollte, hatte sich die Gunst seines Königs durch devoteste Dienste erworben. Daß er dabei den eigenen Vorteil nicht übersah, ist nicht zu leugnen. Dennoch war die Art, wie er sich und seine Kindeskinder von der Bürde der Armut und verachteten Geburt befreite, obschon weniger romantisch, doch keineswegs unehrenhafter als die der Raubritter, welche auf ihren festen Burgen gesessen und Vorüberziehende ausgeplündert hatten. Vor allem erforderte sie Mut – den Mut zur peinlichen Maßnahme, die unweigerlich auf Widerstand stoßen muß; den Mut, eines anspruchsvollen und, wie man sehen wird, illoyalen Auftraggebers Sündenbock zu spielen; den Mut, unbegründeten Haß der Gemeinschaft durch begründetes Ärgernis zu schüren; den Mut schließlich, geifernd übertriebene Anwürfe der Nachwelt auf sich zu nehmen – wie denn auch Jahre später Carlyle von den »aufgedunsenen Kreaturen Ephraim und Itzig« sprach, die sich »in schmutzigem, durch den Ruin ihrer Nachbarn gewonnenen Wohlstand wälzten«, während in dem verbürgten Lebenswandel zumindest des letzteren nichts von unbarmherzigem Eigennutz, vieles dagegen von seinem Fleiß und Scharfblick, seinem menschenfreundlichen Wesen und großen Wohltätigkeitssinn zeugt.
Besseren Leumund als bei Carlyle, der Daniel Itzig mit seinem ursprünglichen Widersacher Ephraim in Bausch und Bogen verdammte, genoß dieser bei unbefangeneren Zeitgenossen. In einer ›Charakteristik von Berlin‹, die 1784 in Philadelphia erschien, wurden sein edler »Churakter und unbescholtener Wandel« besonders hervorgehoben. Friedrich Wilhelm der Zweite erwähnte bei öffentlichem Anlaß sein »bekanntes anständiges Wohlverhalten und uneigennütziges Betragen«. Und der wackere Johann Balthasar König, ein Geschichtsschreiber jener Zeit, stellt ganz allgemein fest, »die Juden hätten sich bei diesem Betriebe vortrefflich benommen«, und es sei zu bezweifeln gewesen, »daß die Christen so viel Feinheit und Verschlagenheit geäußert haben würden, wäre ihnen dies Geschäft übertragen worden«. Nicht die besonnene Schilderung Königs freilich, sondern das erregte Aburteil Carlyles war geeignet, das Bild dieser Männer im Bewußtsein späterer Zeiten zu verankern – denn die Geschichte ist nicht weniger fehlbar und voreingenommen als ihr böswilligster Chronist.
»Er war von hoher edler Gestalt, von sanfter schöner Gesichtsbildung, hatte einen kühnen, durchdringenden, aber freundlichen Blick; überhaupt ein wohlwollendes, einnehmendes und zugleich ehrfurchtgebietendes Wesen, mit einem Worte, er war ein sehr schöner Mann. Seine ganze Haltung, Ton und Gebärde bekundeten männliche Würde, es war, als wäre er von Hause aus zu etwas Höherem berufen, als wäre er von Natur für zarte Sitte und feine Bildung geschaffen, um in veredelten Kreisen sich bewegen zu können.« In solcher Verklärung lebte Daniel Itzig unter seinen Glaubensgenossen fort. Ihn einen schönen Mann zu nennen, würde man heute zögern. Das kleine Porträt, das einer seiner Nachfahren auf einem kärntnerischen Schlosse aufbewahrt, zeigt einen Hausvater von ernster und milder Miene, in dessen gespitzter Nase jene Schlauheit, um dessen wägend geschürzte Lippen jene Umsicht wohnt, mit deren Hilfe er sich zum mächtigsten Mann der preußischen Judenheit aufgeschwungen hatte. Allein aus seinen großen wasserblauen Augen spricht die Neigung zu zarter Sitte und feiner Bildung, von der sein Lobredner berichtet. Die gleichen hellen und klaren Augen besaß Mariane, seine Frau, die ihm in langer Ehe sechzehn Kinder geboren hatte. Sie vererbten sich, wie wir bereits gesehen haben, auch auf seine Tochter, unsere Braut.
Die Abkunft Daniels läßt sich nicht allzuweit verfolgen, keineswegs ins Mittelalter wie die so vieler deutscher Judengeschlechter. Nur dies ist bekannt, daß sein Großvater Daniel Jafe in Grätz daheim war und 1679 die Geburt eines Sohnes Isaac begrüßte, der später nach Berlin ging, sich dort mit Kela Eschwege vermählte, deren Familie seit hundert Jahren in dieser Stadt saß, und den Pferdehandel aufnahm. Dieser Isaac – oder Itzig – Daniel Jafe, der 1714 auf der Liste der zugelassenen Juden auftaucht, hat bereits Friedrich Wilhelm dem Ersten gelegentlich die Remonten liefern dürfen. Außer seinem Sohne Daniel, der ihm im vierundvierzigsten Lebensjahr geboren wurde, besaß er drei Söhne und zwei Töchter, darunter Bela, die den Bruder mit ihrem Gatten ins Münzgeschäft brachte. Ob die Geschwister älter oder jünger waren, welches Gewerbe sie ausübten, ist nicht bekannt. Daniel Itzig, »von zu Hause aus zu etwas Höherem berufen«, muß sich jedenfalls früh zu einem geschickten Finanzmann entwickelt haben, denn er war erst zweiunddreißig, als er mit seinem Schwager Moses Isaac und dessen Konsorten Herz Gompertz die sechs Münzstätten Berlin, Magdeburg, Cleve, Aurich, Breslau und Königsberg in Pacht übernahm.
1748