Agustín Martínez
Monteperdido –
Das Dorf der verschwundenen Mädchen
Kriminalroman
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
FISCHER E-Books
Hoch oben im Schatten bedrohlicher Pyrenäen-Gipfel liegt isoliert das Dorf Monteperdido. Hier ist man seit Generationen eng miteinander verstrickt. Vor fünf Jahren sind zwei elfjährige Mädchen aus Monteperdido verschwunden, die Freundinnen Ana und Lucía. Noch immer kann die verschworene Gemeinschaft nicht vergessen, als auf einmal völlig unerwartet die inzwischen sechzehnjährige Ana wieder auftaucht – bewusstlos in einem Wagen, der in eine Schlucht vor Monteperdido gestürzt ist.
Kommissarin Sara Campos von der Bundespolizei lässt sofort die Straßen absperren. Was ist mit Lucía geschehen? Ist sie noch am Leben? Die Berge um Monteperdido schweigen, trügerisch rauschen die Pappelwälder, gefährlich schwillt der reißende Fluss Esera an. Die Bewohner des Orts sind eng miteinander verbunden: verwandt, verschwägert, als Taufpaten, Schulkameraden, Mitglieder der Bruderschaft Santa María. Gemeinsam trotzen sie den langen Wintern. War es ein Fremder oder einer von ihnen, der die Mädchen entführt hat?
Sara Campos und ihr Vorgesetzter, Inspektor Santiago Baín, müssen mit der lokalen Polizei zusammenarbeiten. Vor fünf Jahren, als die Mädchen verschwunden sind, wurden fatale Fehler gemacht – das darf nicht wieder geschehen. Doch Monteperdido hat seine eigenen Regeln.
Agustín Martínez ist einer der renommiertesten Drehbuchautoren Spaniens und schreibt unter anderem für viele erfolgreiche Krimiserien. Auf einer Fahrt mit seiner Familie in die Pyrenäen hörte er, wie die Einheimischen über den Fall eines vermissten Kindes sprachen. Es entstand die Idee zu ›Monteperdido‹, seinem ersten Roman – der begeistert aufgenommen wurde und in viele Sprachen übersetzt wird. Agustín Martínez wurde 1975 in Lorca geboren, studierte in Madrid audiovisuelle Kommunikation und arbeitet auch als Autor und Redakteur fürs Radio.
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Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2015
unter dem Titel ›Monteperdido‹
im Verlag Plaza & Janés, Barcelona
© 2015 Agustín Martínez / Magnolia TV España S.L.U. / Penguin Random House Grupo Editorial, S.A.U., Barcelona
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Die Gedichtzeilen, die Ana zitiert, stammen aus
- Jorge Luis Borges, ›Ich bin‹ und ›Die weiße Hirschkuh‹, beide aus der Sammlung ›Die tiefe Rose‹, in: Gesammelte Werke Band 9, Der Gedichte dritter Teil, herausgegeben von Fritz Arnold, übersetzt von Gisbert Haefs, Carl Hanser Verlag 2008
- Paul Valéry, ›Der Friedhof am Meer‹, in: Werke, herausgegeben von Jürgen Schmidt-Radefeldt, übersetzt von Rainer Maria Rilke, Insel Verlag 1992
Covergestaltung: buerosued.de, München
Abbildungen: DEPOSITPHOTOS
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403796-7
Für Laura, weil sie allem Sinn verleiht.
In Gedenken an Gonzalo Martínez Montiel.
Obwohl ich weiß (zu wissen glaube), was er zu diesem
Roman gesagt hätte, hätte ich es so gern gehört.
»Lass die Mädchen doch spielen«, sagte Raquel.
Ihre Tochter war eine Anhöhe hinaufgeklettert und vergrub die Hände im Schnee. Ihre Füße hatten kleine schwarze Löcher im makellosen Weiß hinterlassen. Oben angekommen, richtete sie sich auf und breitete unsicher die Arme aus. Es sah aus, als würde sie jeden Moment das Gleichgewicht verlieren und in den Schnee kullern. Sie lachte, als ob sie heftig gekitzelt würde.
Dann bückte sie sich, um einen Schneeball zu formen. Sie war aufgeregt wie am Weihnachtsmorgen, sie juchzte und quietschte vor Freude. Vor lauter Begeisterung glitt ihr der Schnee immer wieder durch die Finger. Ana war elf.
»Sie werden sich noch weh tun, du wirst sehen«, unkte Montserrat, während sie sich neben Raquel auf eine Bank setzte.
Montserrats Tochter Lucía stand am Fuß der Anhöhe. Sie duckte sich, um dem Schneeball auszuweichen, den Ana gerade zu formen versuchte. Die beiden waren Nachbarsmädchen. Sie waren gleichaltrig, und sie waren unzertrennlich.
»Sie tun sich nicht weh, wenn sie in den Schnee fallen«, widersprach Raquel. »Und außerdem machen sie sowieso, was sie wollen.«
Als Ana am Morgen gesehen hatte, dass es geschneit hatte, war sie in die Küche gestürmt, wo Raquel gerade den Frühstückstisch abräumte, und hatte ihre Mutter angebettelt, mit ihr zum Spielen nach draußen zu gehen. Raquel versprach es ihr, obwohl sie lieber im warmen Haus geblieben wäre. Vor dem Mittagessen gingen sie nach nebenan zu Montserrat. Als die Tür geöffnet wurde, stürmte Ana sofort hinein. »Schneeballschlacht!«, rief sie.
Kurz darauf gingen Raquel und Montserrat mit ihren Töchtern spazieren. Ana und Lucía liefen ein paar Meter voraus, dick eingepackt in ihre Mützen, Handschuhe und Daunenjacken. Die von Ana war pink, die von Lucía dunkelblau. Zwei bunte, kreischende, hüpfende Kugeln, die kreuz und quer durch den Schnee rannten und erst stehen blieben, als sie den Park erreichten.
Die Anhöhe, die Ana hinaufgeklettert war, war eigentlich die Rutsche, die unter dem Schnee verschwunden war. Ana bewarf Lucía von oben mit Schneebällen und versuchte, so tief zu sprechen, wie sie nur konnte. Sie wollte ein Oger sein, ein böses Monster. Lucía ging hinter der Schaukel in Deckung, die sich in einen weiß überzuckerten Schutzwall verwandelt hatte.
Es war ein wolkenloser Tag, die Sonne brachte den Schnee zum Glitzern und schien warm auf Raquels Haut. Sie schloss die Augen und atmete tief die Luft aus den Bergen ein, klar und kalt wie ein Gebirgsbach. Neben ihr vergrub sich Montserrat in ihrem Mantel.
Der Wind rauschte leise in den Bäumen. Das Rauschen war wie ein weiches Bett, über dem die Schreie und das Lachen der Mädchen tanzten. Raquel saß still da und erinnerte sich an die Wärme und den Geruch ihres Mannes, der sie beim Aufwachen unter der Bettdecke umarmt hatte.
Der Fluss floss lautlos dahin, unter einer dünnen Eisschicht verborgen.
Das Dorf lag ruhig und reglos unterm Schnee.
Ein Hirsch trat aus dem Wäldchen, das den Park umgab. Als hätte sie seine Gegenwart gespürt, öffnete Raquel die Augen. Auf seinem Geweih und auf seinem Rücken lag Schnee. Er kam genau auf sie zu, ohne Angst und ohne auf die Kinder zu achten.
»Das gibt’s doch nicht«, murmelte Montserrat.
Raquel bedeutete ihr, still zu sein und nicht nach den Mädchen zu rufen. Der Hirsch kam ganz nah an die Bank heran, auf der sie saßen. Seine Hufe versanken im Schnee. Die Sonne verlieh seinem Fell einen rötlichen Schimmer. Er erschien Raquel größer als jeder andere Hirsch, den sie je gesehen hatte. Als er nur noch ein paar Schritte entfernt war, schloss Raquel erneut die Augen. Sie stellte sich vor, wie er ganz nahe kam und kurz innehielt, um sie anzusehen und an ihr zu schnuppern. Sie konnte seinen Atem spüren. Als wäre es der Atem dieses Dorfes, dieser Berge.
Als sie die Augen wieder öffnete, war der Hirsch verschwunden.
Die Mädchen bewarfen sich lachend mit Schneebällen.
Raquel wusste, dass sich dieses Bild in ihr Gedächtnis einbrennen würde. Dass sie es irgendwann wieder hervorholen würde, wie jemand, der Schutz an einem vertrauten Ort sucht.
Ana M. M. und Lucía C. G. (beide 11), verließen am vergangenen Donnerstag gegen 17 Uhr die Schule Colegio Valle de Esera und machten sich wie jeden Tag auf den Heimweg nach Los Corzos, einer Siedlung etwas außerhalb von Monteperdido, Provinz Huesca. Doch dort kamen sie nie an.
»Uns ist bewusst, dass die ersten Stunden entscheidend sind. Wir haben nicht so viel erreicht, wie wir erhofft hatten, aber wir werden nicht aufgeben, bis Ana und Lucía wieder zu Hause sind«, sagte ein Polizeisprecher. Er verneinte außerdem, dass es an der Stelle, wo sich die Spur der Mädchen verliert, Anzeichen von Gewalt gegeben habe, die auf einen dramatischen Ausgang schließen ließen.
Die Eltern der Mädchen wollten keine öffentliche Stellungnahme abgeben, ließen jedoch durch einen Sprecher der Familien mitteilen, dass sie zutiefst erschüttert und fassungslos seien. Ihren Töchtern sei der Nachhauseweg bestens vertraut, so dass auszuschließen sei, dass sie sich verlaufen haben könnten. Sie fragten sich, wer die beiden entführt haben könnte, und hofften darauf, dass die Mädchen diese Frage schon bald selbst beantworten würden.
Monteperdido, in einer spektakulären Gebirgskulisse inmitten zweier Nationalparks in den Hochpyrenäen gelegen, ist ein beliebter Urlaubsort. Ana und Lucía waren im Dorf bekannt und beliebt. Sie waren gute Schülerinnen und, da sie Tür an Tür wohnten, unzertrennlich.
Die Einwohner beteiligen sich mit großem Einsatz an der Suche, doch angesichts des ausbleibenden Erfolgs macht sich allmählich Besorgnis im Ort breit. Niemand hat etwas gesehen oder gehört; es ist, als hätten sich die Mädchen in Luft aufgelöst. Die Polizei hat eine Sonderkommission gebildet.
»Wir wissen, dass es schwierig ist, aber wir bitten um Geduld und darum, die Privatsphäre der Familien zu achten«, so ein mit dem Fall betrauter Ermittler. »Die Situation ist traumatisch, aber wir hoffen, den Fall so schnell wie möglich lösen zu können. Dafür brauchen wir jede Unterstützung, sowohl der Nachbarn als auch der Medien.«
»Wir wollen einfach glauben, dass es den Mädchen gutgeht. An diese Hoffnung klammern wir uns«, sagte ein enger Angehöriger der Mädchen. Ein Hoffnung, die ganz Monteperdido eint.
Fünf Jahre später