Anja Rützel
Saturday Night Biber
FISCHER E-Books

Anja Rützel, Jahrgang 1973, ist Journalistin, bekennende Tierliebhaberin und überzeugter Fußballfan. Sie war Mitbegründerin von Business Punk und arbeitet heute als freie Autorin u.a. fürs SZ-Magazin, SPON und SPEX. Am liebsten jedoch geht sie raus in die Welt und schaut sich sonderbare Tiere an. Mit ihrem Hund Jurij lebt sie in Berlin.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Ein Buch, das unseren Blick für die Seltsamkeiten dieser Welt schärfen wird
Wussten Sie, dass es eingefleischte Fauchschaben-Liebhaber gibt? Haben Sie schon mal daran gedacht, sich zur Bibermediatorin ausbilden zu lassen? Einen Mäusepräparierkurs gemacht? Sich einen Tag am Halfter herumführen lassen, um sich besser in die Psyche eines Alpakas einzuführen? Mit einer Kuh gekuschelt? Anja Rützel hat es getan.
Mit unbändiger Expeditionslust und ihrem einzigartigen Blick fürs Skurrile unternimmt die Journalistin eine Reise in uns bisher unbekannte Welten: die elfjährige Freundschaft mit einem Ameisenbär, der Besuch bei einem Fauchschaben-Liebhaber, die Begegnung mit dem Weltmeister in Falkenausstopfen … Geschichten, die so schräg, witzig und wunderbar sind, dass man nach der Lektüre vor allem eins möchte: mehr.
Geschichten, die so schräg, witzig und wunderbar sind, dass man nach der Lektüre vor allem eins möchte: mehr.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Schiller Design, Frankfurt
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490141-1
Dass mir inmitten der Hirsche die Worte wegblieben, lag übrigens keinesfalls an mangelndem Förster-Vokabular. Alle paar Jahre lese ich mit entspannender Verständnislosigkeit die »Rotwild-Ansprechfibel« des Österreichischen Jagd- und Fischereiverbandes – ein Brevier für den Waidmann, in dem alle Hirschmerkmale verzeichnet sind, die beim sogenannten »Ansprechen« helfen, also der Beobachtung und Beurteilung des Wildes, die der Jäger unternimmt, bevor er einen Schuss abgibt. Zu den schönsten Begriffen, die ich aus dieser Fibel gelernt habe, zählen das »Feisthirschrudel« und der »Beihirsch«, offenbar eine Art mindermächtiger Sidekick für einen echten kapitalen Röhrer, und die Bezeichnung »Flegel« für ein- bis vierjähriges Rotwild beiderlei Geschlechts. Liebstes Fun Fact: Der Abstand zwischen den Fußspuren der linken und der rechten Hirschbeine wird vom Jäger »Schrank« genannt. Die immer noch schmunzelträchtigste Stelle ist die, an der erklärt wird, dass man an den Hinterlassenschaften des Wildes entgegen einem anderslautenden Irrglauben doch nicht das Geschlecht des Ausscheide-Tiers bestimmten könne: »Die alte ›Zäpfchen- und
Petschaft nennt der Jäger (in der Jägersprache) die Bruchfläche des jährlich abgeworfenen Geweihs, die nicht flach ist, als habe man es abgesägt, sondern eine leicht gewölbte Stelle hinterlässt, mit individueller Oberflächenstruktur. Wie ein Petschaft eben, ein stabiler Stempel, der zum Siegeln von Dokumenten dient.
Jedem einzelnen seiner Hirsche wäre eine große Instagram-Karriere beschieden, würden die Tiere nicht hier oben auf dem Berg leben, sondern unter uns Menschen. Dann müssten sie sich einreihen in die Glubschaugenwuffiflut aus Französischen Bulldoggen und Chihuahuas, die Instagram täglich überrollt. Ich bin schuldig, ich mache ja mit, zu verzückt bin ich von meinem fotogen großohrigen Hund, um ihn nicht von Zeit zu Zeit allen Online-Menschen zu präsentieren. Allerdings ist er weit davon entfernt, eine Instagram-Berühmtheit wie beispielsweise Pumpkin zu sein, der Waschbär mit einer Million Abonnenten. Wenn Pumpkin nicht gerade mit seinen Hundefreunden schmust oder Musikvideos nachstellt, sitzt er oft in verstörend menschlicher Al-Bundy-Pose auf dem Sofa, eine Hand lässig im Schritt, die andere auf dem mit Avocado und Ahornsirup angefressenen Waschbärbauch.
In ihrer Heimat Borneo werden sie auch Orang Belanda genannt, »Holländer« also, weil sie die Einheimischen mit ihrem Schmerbauch und dem rotblonden Strupphaar anscheinend an die Plantagenbesitzer der Kolonialzeit erinnern.
Ich selbst begegne dieser Dauerbedrängung und erwarteten Allzeit-Appetenz gerne durch regelmäßige, international gefürchtete Facebook-Abschaltungen. Dann deaktiviere ich mal wieder für ein paar Wochen mein Profil und nötige damit auf prusseliesenhafte Weise die ärgsten Drängler, mir wenigstens eine Mail zu schreiben, statt mich mit ihrem Anliegen nuschelig per maulfauler Facebook-Nachricht zu behelligen. Eigentlich würde ich sie natürlich am liebsten dazu zwingen, mir per Droschke ein artiges Billet zu schicken, doch damit komme ich leider wohl nicht durch.
Die Zeit, die ich durch den weggefallenen Zwang zur Ad-hoc-Kommunikation gewinne, vertändle ich gerne in diversen Onlineforen. Momentan lese ich bevorzugt in einem Forum über Beziehungsfragen, das man erreicht, wenn man auf einer Secondhandklamottenverkaufsseite durch ein paar Katzentüren schlüpft. Ich lese dort Diskussionsthemen wie »(Nicht mehr) verknallt in den Bäcker«, »Ich will den Bustypen kennenlernen! [Edit: Ich habe den Bustypen kennengelernt! Er ist ein Arsch]« und »Soll ich mein Kind Alexandra nennen?«, um aus sicherer Entfernung mitzubekommen, was bei den jungen Menschen so los ist im Oberstübchen und Herzelein. Selten fühlt es sich angenehmer an, alt zu sein, als während dieser behaglichen Herumstochereien in fremder Leut’s Liebesunrat. Sehr oft entstehen dort offenbar
Einmal auch in einer Tierklinik, wo man sich die bange Zeit im Warteraum mit mittelmäßig erbaulichen Exponaten vertreiben konnte: Museumsreife Vitrinen zeigten beispielsweise eine Rouladennadel, die aus dem Darm einer Hauskatze entfernt worden war, sowie eine ganze Handvoll Nierensteine eines Cockerspaniels in verschiedenen Größen, die aufgefädelt eine hübsche Halskette für Cruella de Vil abgeben würden. Wie beruhigend dagegen das Wissen, dass Forscher im Verdauungsapparat sezierter Kakerlaken schon Mikrobenstämme gefunden haben, die andere, weniger unverwüstliche Tierarten längst getötet hätten.
Man darf keinesfalls den Fehler machen, sich diese weltumspannende Insektenarmee bildlich vorzustellen, weil man kein passionierter Gucker von Krabbelgrusel-Filmen wie »Angriff der Killerinsekten«, »Die Fliege«, »Arac Attack« oder »Centipede Horror« sein muss, um sich bang in die Idee einzuschaudern, wie sich all diese Minikrabbler zu einem gigantischen Megakrabbler vereinen, der mit einem einzigen Fühlerstups die Menschheit ausrotten könnte.
Ähnlich unüberlegt und impulsiv hatte ich zuletzt gehandelt, als ich einmal in einer langweiligen Büromittagspause beschloss, mir mit Selbstbräuner ein Temporary Tattoo in Form eines klassischen Ankers auf den krötenbauchbleichen Unterarm zu malen. Das ging nicht besonders gut aus.
Die Erzählerin in Clarice Lispectors Roman »Die Passion nach G. H.«, die überraschend in ihrem blitzsauberen Heim eine einzelne Schabe findet, ekelt sich gerade wegen dieser Altvorderenhaftigkeit: »Eine Schabe, so alt, dass sie unvordenklich war. Was mich an Schaben immer abgestoßen hatte, war, dass sie uralt und gegenwärtig zugleich waren. Zu wissen, dass sie in ihrer heutigen Form bereits auf der Erde waren, noch bevor es die ersten Dinosaurier gab, zu wissen, dass der erste Mensch, der entstanden war, sie schon zuhaus und lebendig umherkriechend vorgefunden hatte, zu wissen, dass sie die Entstehung der riesigen Öl- und Kohlevorkommen der Welt bezeugen konnten und dass sie während des großen Vorrückens der Gletscher ebenso zugegen waren wie bei deren Zurückweichen – der gewaltlose Widerstand.« Mehr und mehr steigert sie sich in das abstrakte Schabenwesen hinein: »Es war eine Schabe, alt wie Salamander und Chimären und Greife und Leviathane.« Und erkennt bei allem Ekel doch die sonderbare Schönheit dieser Tiere: »Aber ihre Augen waren strahlend und schwarz. Die Augen einer Braut.«
Wobei man nicht gimpelhaft glauben sollte, dass man Schaben einfach mit irgendeinem beliebigen Insektenvernichtungsspray den Garaus machen könnte. 1982 wurden Schabensachverständige ins Repräsentantenhaus in Washington gerufen, weil dort seit Monaten Kakerlaken in Kaffeemaschinen hausten und unter Sofas raschelten und bislang kein Vernichtungsmittel angeschlagen hatte. Die Spezialisten stellten fest, dass die Tiere nach Jahren vergeblicher Bekämpfungsversuche gegen fast alle Mittel immun geworden waren. Fast 150 Generationen später werden Nachfahren dieses Schabenstammes immer noch als Referenztiere verwendet, wenn die Wirksamkeit neuer Insektenvernichtungsmittel erprobt werden soll. Eine prächtige Kalauervorlage für den Volkshochschulkurs »Klassisches Politkabarett«.
Ich habe meine Bücher nach Farben geordnet, so kommt es immer wieder zu solchen Zufallswiederentdeckungen farbverwandter, aber wesensfremder Bände.
Das Wort kommt aus dem Spanischen und bedeutet »Baby«. Angeblich kann man auch »Alpaclette« sagen, was angenehm verschrullt nach Gebisshaftcreme oder einer Schnauferli-mäßigen Schweizer Bergbahn klingt.
Noch lieber als an einem Alpakamalkurs würde ich nur – obgleich chancenlos – am Federal Duck Stamp Contest teilnehmen, einem seit 1949 alljährlich in den USA ausgetragenen Entenporträtierwettbewerb. Er ist das prestigeträchtigste Tiermalerei-Event überhaupt. Der Gewinner kann es anschließend durchaus zum Millionär bringen, weil die Auszeichnung seine weiteren Kunstverkäufe wahnsinnig ankurbelt und er reichlich Lizenzgebühren kassiert, wenn sein Bürzelwerk auf Tassen, Krawatten und anderem Merchandise landet. Leider landet die Siegerentenmarke nicht auf Briefen, es handelt sich vielmehr um Marken, die Jäger kaufen müssen, um ihre Feuchtgebiets-Jagdlizenz zu verlängern – um damit wiederum die Erhaltung dieser Gebiete zu finanzieren. Die sehr empfehlenswerte Dokumentation »The Million Dollar Duck« von 2016 porträtiert einige der besessenen Erpelmaler, die sogar eine kleine Erwähnung im Coen-Brothers-Film »Fargo« finden.
Die jüngste Hipstertier-Inkarnation ist der Flamingo, die Vogel gewordene Ananas des Dekowesens. Ich setze jetzt all meine Hoffnungen
auf die Wasserschweine, die für mich absolut das Zeug zum mehrheitsfähigen Trendtier haben. Nur die Quokkas könnten die Wasserschweine auf ihrem Siegeszug noch stoppen. Quokkas – oder Kurzschwanzkängurus – haben das possierliche Posergame einfach drauf, diese raffinierten Mümmelbacken. Meine Meinung.
Die Zoologie-Philosophin Donna Haraway erkundet diese Beziehung in ihrem »Manifest für Gefährten« und weist darin zum Beispiel darauf hin, dass es für einen Hund eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist, ein Haustier zu sein, weil er missliche Konsequenzen fürchten müsse, falls es ihm nicht gelinge, »die Phantasie der bedingungslosen Liebe zu erfüllen«.
Ich bin, obwohl auch eine notorische Tieranfasserin, ohnehin kein großer Streichelzoofreund, weil mir in ihnen oft der Ziegenanteil zu hoch ist, vergleichbar mit dem Rosinenvolumen in mittelklassigem Studentenfutter. Gegen Ziegen hege ich starke Vorbehalte, seit ich als etwa fünfjähriges Kind Zeuge wurde, als mein Lieblingsonkel Engelbert in einem Damwild-Streichelgehege von einem ebenfalls anwesenden, extrem renitenten Ziegenbock angegriffen wurde, der unter Umständen darüber in Rage geraten war, dass wir immerzu die niedlichen Rehe fütterten und nicht ihn, den stark muffenden, aus gelben Augen scheel in die Gegend starrenden Hörnertypen.
Der Zwischenfall prägte mich nachhaltig, denn man hatte mir damals weisgemacht, das Tier hätte meinen Onkel deshalb so heftig attackiert, weil er so ein ausgesprochen enthusiastischer Bayern-München-Fan sei, die Ziege aber naturgemäß Anhänger der Kölner
Angeblich tragen mache Halter sogar Schutzhelme gegen mögliche Spuckattacken, wenn sie ihren Lamas und Alpakas nahe kommen müssen, damit sie dieses Verhalten solcherart geschützt komplett ignorieren und damit langfristig ausmerzen können.
Und in der die prätentiösen Eismanufaktur, an der ich täglich auf dem Weg zu meinem letzten Büro vorbeilief, wirklich »hundgefertigte Eiscreme« anböte, wie ich auf ihrer schludrig handschriftlichen Angebotskarte zuerst versehentlich las. Es ist wohl unbestritten, dass die Existenz eines Grüppchens eifriger Dackel mit Kochmützen, die geschäftig in Zubern mit knallrosa Himbeereismasse rühren und heimlich und verbotenerweise immer mal wieder eine Charge Leberwursteis zubereiten und in den Verkauf bringen, das Leben auf jeden Fall schöner machen würde.
Bibergeil besteht aus einem chemischen Cocktail und ist vermutlich ein Nebenprodukt der Urinproduktion. Früher hielt man die beiden etwa hühnereigroßen, runzligen Drüsensäcke, in denen es gebildet wird, fälschlicherweise für Biberhoden. Sie liegen bei Bibermännchen wie Biberweibchen zwischen dem After und den äußeren Geschlechtsorganen, und um das darin enthaltene Sekret zu gewinnen, werden sie dem toten Tier entnommen und rauchgetrocknet. Der Geschmack des harzigen Bibergeils wird manchmal als baldrianartig, anderswo auch als »bitter, scharf und aromatisch« beschrieben. Schmeckt also ungefähr so wie Fernet-Branca, stelle ich mir vor, jenes sämtliche Innereien zusammenzurrende Bittergetränk, mit dessen Bestellung man auch bei gänzlich durchgepökelten Kaschemmen-Dauergästen noch ein anerkennendes Nicken abstauben kann. Ich trinke gelegentlich einen schönen Fernet auf Eis, zur inwendigen Giftabtötung und Desinfektion (meine persönliche Auslegung des Detox-Trends) und weil mich der fiese Geschmack immer so wohlig an diese ausgezeichnete Plemplem-Werbung mit dem durch die Lüfte segelnden Adler (eines meiner Top-3-Werbetiere) erinnerte: »Man sagt, er habe magische Kräfte.«
Angeblich brauen Traditionalisten in Skandinavien immer noch Likör aus Bibergeil. In den USA ist es von der Food and Drug Administration ganz offiziell als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen – gekennzeichnet als »natürliches Aroma« kann sich Bibergeil zum Bespiel in Vanille-, Himbeer- und Erdbeeraroma verbergen.
Obwohl der Biber grundsätzlich ein friedliches Tier ist, kann er damit auch Menschen schwere Verletzungen zufügen – oder sie zumindest eine Weile in Schach halten. In Daugavpils, der zweitgrößten Stadt Lettlands, hielt ein Biber einen erwachsenen Mann stundenlang in seiner Gewalt, indem er sich in dessen Bein festnagte. Solange die Bibergeisel sich nicht rührte, ließ das Tier den Fuß in Ruhe, bei der kleinsten Bewegung aber habe er sich sofort wieder in der Wade verbissen, berichteten lettische Zeitungen. Auch ein Anruf bei der Rettungsleitstelle brachte dem Verzweifelten keine Hilfe, weil die Menschen dort seinen Notruf für einen Scherz hielten. Also rief der Benagte einen Freund an, der sofort zur Biberstätte eilte – und unterwegs von einer Polizeistreife angehalten wurde. Als er den Grund für seine Raserei nannte, unterzogen die Beamten ihn einem ausführlichen Alkoholtest, begleiteten ihn dann aber doch zu seinem Freund in Bibergewalt, um ihn zu befreien.
Natürlich würde ich mich verstärkt für Tierarten einsetzen, die keine große Lobby haben. Zum Beispiel: Aale. Ich versuchte eine Weile, mich für sie zu interessieren, nachdem ich ein interessantes Kunstprojekt besucht hatte, bei dem Aale eine relevante Nebenrolle spielten. Eine Schauspieler- und Musikertruppe hatte dazu in ein niedersächsisches Dorf namens Heimsen geladen und inszenierte dort die Aufnahme dieses Dorfes in die »Oktavistische Internationale«, eine nur mittelgeheime Geheimgesellschaft, deren Anhänger glauben, dass das Leben in unendlichen Schleifenbahnen verläuft, wie eine umgekippte Acht, daher der Name Oktavismus (jetzt mal grob aus dem Gedächtnis zitiert). Und dass man, egal wohin man geht, doch immer auch mit dem Ort verbunden bleibt, aus dem man kommt. Wie der Aal, das Wappentier des Oktavismus: Aale schlüpfen im Atlantik, in der Sargassosee, und wandern dann drei Jahre lang an die europäischen Küsten. Und zum Ablaichen ziehen sie wieder zurück, manchmal über
5000 Kilometer, gegen den Golfstrom, zurück zum Ursprung. Dort sterben sie dann. Das klingt jetzt traurig, in Heimsen war es dafür sehr lustig. Der schönste Moment: als ein Oktavist beim Abschlusskonzert in einer Art riesigem Pauken-Kessel herumrührte und dazu die Namen diverser Aalarten und -formen skandierte: »Silberaal, Glasaal, Gelbaal, Schnepfenaal, Weltaal!«
Ein Leben als Aalberater wäre zweifellos schön, aber nicht ungefährlich. Wer sich in die Natur begibt, kann durchaus in ihr umkommen. Aldo Leopold, der amerikanische Begründer des Wildtier-Managements, starb 1948 ausgerechnet bei einem Waldbrand. Was wäre wohl ein adäquater Tod für einen Biberberater? Von einem fallenden Baumstamm erschlagen? So käme er jedenfalls als Figur in einem dieser bis zur Unerträglichkeit verpuschelten Heimatkrimis zu Tode, denke ich mir. Natürlich spricht aus mir da die blanke Verbitterung, weil aus meiner eigenen Krimiserie rund um den phlegmatischen Kommissar Pansen nie etwas geworden war. Nur eine einzige Folge brachte ich zustande: »Kommissar Pansen bläst das Halali« spielte ausgerechnet ebenfalls im Reich der Waldtiere, bei einer Jagdgesellschaft. Biber kamen allerdings nicht vor.
Und behaupten zum Beispiel, es koste den Steuerzahler pro Tier 7000 Euro, wenn eine Biberumsiedelung unumgänglich wird und man das Tier einfangen muss, um es nach Ungarn, Rumänien, Kroatien oder Serbien zu exportieren – weil der Biber dann angeblich vornehm mit dem Flugzeug reisen würde. Tatsächlich aber werden die Biber im Auto transportiert, nicht selten übernehmen die Biberberater dabei selbst die Kosten, die meist unter 200 Euro pro Tier liegen. In seiner neuen Heimat, so geht das Gerücht weiter, würde der Biber dann sofort von den Einheimischen abgeschossen, aufgegessen und als subventionierter Pelzmantel nach Deutschland zurückexportiert. Alles erfunden, natürlich.
Wohin das führt, lässt sich in einem schönen Bilderbuch nachlesen: »Mach mal Pause, Biber!« zeigt das Tier als Burnout-gefährdeten Hektiknager, der sich nie eine Pause gönnt, weil er immer so viel zu tun hat, kopflos undichte Dämme zusammenschludert und gedankenlos vor lauter Stress auch mal versehentlich das Bein eines befreundeten Elchs annagt. Bis er sich versehentlich selbst mit einem schief gefällten Baum niederstreckt und im Krankenhaus landet, wo er endlich wieder zur Ruhe und zur Besinnung kommt.
Es gibt außerdem noch kleinere Arten, die auf Bäume klettern können: den etwa kniehohen Tamandua und, noch winziger, den Zwergameisenbär, der etwa 20 Zentimeter lang ist (plus weitere 20 Zentimeter Schwanzlänge) und zwischen 175 und 400 Gramm wiegt. Er lebt in Mittel- und Südamerika und berührt als ausschließlicher Baumbewohner niemals den Boden. Nur wenige Menschen haben ihn je gesehen. Moderator und Tierfilm-Host Jeff Corwin hatte Glück und beschreibt seine Begegnung mit dem Zwergameisenbär in seinem Buch »Living on the Edge: Amazing Relationships in the Natural World« mit fast religiöser Entrücktheit: Ein »engelsgleiches Gesicht« hätte die »geheimnisvolle, fast mystische Kreatur« gehabt, »sein dichtes Haarkleid war so weich wie Kaschmir und hatte die Farbe goldenen Honigs. Es roch sogar gut, wie frisch gewaschene Wäsche.«
Vor gut hundert Jahren wurde in Stuttgart, in Nills Tiergarten, dem Vorgänger der heutigen Wilhelma, der welterste Große Ameisenbär in menschlicher Obhut geboren. Das Ameisenbärenpaar, das von 1895 bis 1902 im Tiergarten lebte, sorgte für acht Geburten. Gute Vorzeichen für Ernst-Einars Vater Paco, der 1990 aus Kopenhagen nach Stuttgart kam, um den Ameisenbärennachschub zu sichern – doch die dort schon ansässigen Weibchen Pedra und später Jola ließen ihn nicht ran. Mit Jola hatte er sogar heftigen Streit. Die beiden kämpften, bis den Pflegern ein Verdacht kam. Da sich Ameisenbären durch ihr langes Fell bezüglich ihres Geschlechts sehr bedeckt halten, lenkte einer Jola ab und reizte sie, bis sie sich auf die Hinterbeine stellte – worauf der Tierarzt ihr beherzt zwischen die Beine guckte. Jola wurde in Jolo umbenannt und zog unverrichteter Dinge nach Wien. Dort ist sie inzwischen mehrfach Vater geworden.
Es klingt ein bisschen nach einem groben Monty-Python-Scherz, aber anfangs glaubte man in Europa tatsächlich, alle Ameisenbären seien weiblich. Während der spanischen Kolonialisierung Südamerikas wurden viele der neuentdeckten Pflanzen und Tiere nach Europa verschifft, um dort öffentlich ausgestellt zu werden oder in den Wunderkammern privilegierter Sammler zu landen. Der Große Ameisenbär war unter den ersten Tieren, die man nach Europa schaffte. Weil die männlichen Vertreter nun aber ihre Hoden für gewöhnlich im Körperinneren tragen, zog man aus deren sichtbarer Abwesenheit die kühne Schlussfolgerung, es gebe überhaupt nur weibliche Ameisenbären – und die Fortpflanzung ginge mit Hilfe der Nasen vonstatten.
Auf weiteren Plätzen: »White Knuckles« von OK Go (mit sehr talentierten Kunststückhunden) und »Red Lights« von Holy Fuck (mit der cooleren Version der Keyboard-Cat), »Bitte bitte« von Kreisky (in dem die Bandmitglieder in prekären Katzenkostümen klassische Schnurrtier-Kapriolen nachspielen).
Für mich persönlich mein größter Erfolg: der Artikel über Alpakas als krisensichere Anlageobjekte – »Flauschigkeit kennt keine Konjunkturschwankungen.«
Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm hatte es so entschieden, genauer gesagt eine Dortmunder Biologin, die im dortigen Zoo die Zuchteinsatzorte der europäischen Zoo-Ameisenbären verwaltet. In ihren Händen liegt quasi die Zukunft der Art, weil sich Zoos ja gerne als riesiger Genspeicher für die Tierspezies dieser Erde verstehen. Im Fall des Großen Ameisenbären ist dies leider auch durchaus sinnvoll, denn die Weltnaturschutzunion listet ihn unter den »gefährdeten Arten« – die anderen, kleineren Ameisenbärenarten gelten derzeit noch als »nicht gefährdet«. Zwischen 2000 und 2010 sank die Weltameisenbärenpopulation um 30 Prozent. Die größte Gefahr für die Tiere besteht – neben der immer weiter fortschreitenden Verkleinerung ihres Lebensraums durch den Menschen – in Waldbränden, weil sie oft zu langsam sind, um rechtzeitig flüchten zu können, und ihr Fell zu allem Überfluss auch noch leicht entzündbar ist. 1994 starben beispielsweise 340 Große Ameisenbären bei einem einzigen verheerenden Brand in einem brasilianischen Nationalpark. Neben Bränden zählen Zusammenstöße mit Autos zu den verbreitetsten Todesursachen. In Bolivien wird der Große Ameisenbär auch immer noch gejagt – entweder rein zum Vergnügen der Jäger oder um aus seiner dicken, ledrigen Haut Sättel und anderes Reitzubehör herzustellen.
Für die Exemplare, die in Gefangenschaft leben, ist die Dortmunder Stelle nun so etwas wie das Ameisenbären-Einwohnermeldeamt
Wäre ich übrigens ein Superheld, wäre ich wahrscheinlich Deadline-Girl – ähnlich wie Peter Parker durch einen Spinnenbiss zu Spiderman wird, würden mir meine Kräfte durch einen Faultierzwicker verliehen. Zuerst würde ich mir nichts dabei denken, dass ich plötzlich eine tiefe, innere Ruhe verspüre, verstärkten Appetit auf wirbellose Kleintiere und den nahezu unbezwingbaren Drang, mich an der Deckenlampe festzuklammern und kopfüber in den Raum baumeln zu lassen. Meine alsbald entdeckte Superkraft, mit der ich mich ganz gemütlich arran
Noch heute habe ich, wenn ich gelegentlich verspätet unterwegs bin, direkt Lodengrüns Schlüssellied im Ohr: »Als ich heute früh erwachte / fand ich meine Uhr verstellt / um fünf ganze Viertelstunden / hatte jemand mich geprellt«, gefolgt von einem jodeligen Refrain: »Dennoch sing ich frisch und froh – jähiti, hohiti, hollerohidi, hollerohidi, hollerohihititi!« Klingt leicht albern, doch das Hasensingspiel bezieht sich tatsächlich parodistisch auf Richard Wagners »Tannhäuser« und die »Meistersinger von Nürnberg«.
»Korea hungry for German Bunnies« titelte atemlos eine englische Zeitung und berichtete von Vorkommnissen im »mysteriösesten Hinterhof«, wo Kreaturen in Käfigen säßen, die man »auf den ersten Blick für Hunde hält«, »mit Ohren so groß wie der Reichstag«. »Szmolinskys Augen«, berichtete der in Fahrt geratene Reporter weiter, »funkelten wie die eines verrückten Professors«, während er das Spezialfutter aus Kartoffeln, Petersilie, Weizen, Apfelstücken zusammenmische. »King Kong der Kaninchenwelt«, schrieb man anderswo, und französische Journalisten bezeichneten Robert als »monstre«.
Ich erinnere mich kurz und mit stechendem Nostalgieschmerz an diese eine, wunderschöne Wette in der allerletzten »Wetten, dass..?«-Sendung, bei der ein kleiner Junge sämtliche ihm bekannten Hunde an der Art und Weise erkennen konnte, mit der sie ihm Leberwurst vom Handrücken schleckten, wobei er sich zu sachkundigen Beobachtungen wie »leckt zart!« hinreißen ließ. Goldene Fernsehmomente! Zu schade, dass es kein TV-Format mehr gibt, bei dem man damit reüssieren könnte, sämtliche Tiere der deutschen Kaninhopliga an ihrer Absprungtechnik zu erkennen.
Kernstück meiner Bewerbungsunterlagen war ein Text über neue Designerhunderassen, damals war Jennifer Aniston gerade dabei, den Labradoodle populär zu machen, jene teddyhafte Kreuzung aus Labrador und Großpudel, und ich hatte eine längere kulturkritische Abhandlung über Puggles (Mops-Beagle), Moodles (Malteser-Pudel) und andere Hybridhunde geschrieben. Ihr erster Satz, den ich immer noch für die Krone meines journalistischen Schaffens halte: »Wenn jemand Sie auf der Straße anspricht und fragt: ›Entschuldigung, wollen Sie mal meinen Schnoodle sehen?‹ – sagen Sie nicht nein.«
Ich wurde trotzdem eingestellt, was noch einmal beweist, dass bei dieser längst untergegangenen Zeitung lustigere Leute arbeiteten, als man gemeinhin denken würde.
Den zweitschönsten Dachs wuchtete ich zu Hause auf mein Bücherregal im Wohnzimmer, wo ich ihn so positionieren konnte, dass man die komische kahle Stelle an seinem Hintern nicht sah. Den drittschönsten, der deutlich zu mopsig gestopft worden war und so verblichen aussah, als habe man ihn dauerhaft mit einem milchigen Instagramfilter überzogen, drehte ich zu fortgeschrittener Stunde auf der Weihnachtsfeier meinem Ressortleiter an. Den viertschönsten, dessen glanzlose, teilweise weggebröckelte Nase ich mit einem schwarzen Edding-Lackstift sachkundig restaurierte, schenkte ich einer befreundeten Band, die ihn ein paar Auftritte lang als schaurige Bühnendeko nutzte, bevor sie ihn nach der Hälfte der Tour an einen überschwänglichen Fan in Mannheim weiterverschenkte. Dort verliert sich seine Spur.
Obwohl es ziemlich unrealistisch war, verstrickte ich mich im Lauf des Kurses in die fixe Idee, es könnte sich dabei um die verschollene Giraffe von George IV. handeln – sie ist so etwas wie das Bernsteinzimmer der Taxidermie. Das Tier war 1827 als erstes seiner Art als Geschenk des ägyptischen Vizekönigs auf der britischen Insel gelandet und aufgrund unsachgemäßer Haltung bei Hofe nach zwei Jahren verstorben, löste vorher allerdings eine wahre Giraffomania in England aus. Frauen kleideten sich in Giraffenmuster und toupierten ihre Haare möglichst hoch, um ihren Hals nachzuahmen. König George jedenfalls war untröstlich über den Tod seiner Giraffe und ließ den Leichnam von Hofpräparator John Gould konservieren. Nachdem der Regent seine Giraffe nur um ein gutes halbes Jahr überlebte, schenkte sein Nachfolger das Präparat der Londoner Zoologischen Gesellschaft. Als deren Museum 1855 schloss, erwarb ein Pathologe namens Mr Crisp die königliche Giraffe, ihr weiterer Verbleib ist unbekannt.
Den Erzählungen des Kursleiters nach zu urteilen, musste das eine herrliche Veranstaltung sein. Einmal sei es gar zu einem Skandal gekommen, als ein Falke präsentiert wurde, der als Extra-Gimmick eine makellos lebensecht präparierte Maus mit wundersam unsichtbaren Nähten im Schnabel hielt – bis jemand entdeckte, dass der dazugehörige Präparator die Maus gar nicht präpariert hatte, sondern sich jeden Morgen in die Ausstellungshalle schlich und das Tierchen gegen ein frisch getötetes Exemplar austauschte.
Ich erzählte ihr nichts von meinen zeitweiligen Plänen, mein brachliegendes Wohnzimmer zu einem Foxroom umzugestalten, mit einem jägerjoppengrünen Sofa und etwa 12 bis 15 ausgestopften Füchsen, das müsste man dann mal sehen. Füchse sind schlaue, elegante Tiere und eignen sich darum hervorragend als theme für einen Ruhe- und Lektüreraum. Fünf Exemplare in verschiedenen Posen hatte ich bereits angesammelt, als ich den Plan vorübergehend auf Eis legte, nachdem mir verschiedene Bekanntschaften glaubhaft versichert hatten, einen solchen Reineke-Salon niemals betreten zu wollen, und mein Hund zudem gesteigertes Benage-Interesse an den Fuchspräparaten zeigte.
siehe auch »Ernst sein ist alles«, S. 229
Apropos Murmeltiere: Irgendwann, wenn ich mal eine sehr dringliche, eng bemessene Deadline einhalten muss, werde ich endlich einmal nachforschen, woher die sonderbaren Genderbezeichnungen bei den Murmeltieren stammen. Das weibliche Tier nennt man nämlich auch »Katze«, das Murmeltiermännchen wird als »Bär« bezeichnet. Und das Junge ist der »Affe« oder das »Äffchen«. Von den etwa 15 registrierten Murmeltierarten mag ich übrigens am liebsten das Menzbiers-Murmeltier, die kleinste Sorte. Sein Verbreitungsgebiet ist ungewöhnlich klein und umfasst nur den Westen des Tianshan, eines Hochgebirges in der zentralasiatischen Großlandschaft Turkestan, das sich über das Staatsgebiet von China, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan erstreckt. Das Menzbiers-Murmeltier ist nach dem russischen Zoologen Michail Alexandrowitsch Menzbier benannt (»Goals!«, würden jetzt die jungen Menschen sagen, denen ich berufsjugendlich auf Snapchat folge), der übrigens über das Skelettsystem der Pinguine