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Das Buch

Gibt es ein Leben mit Kindern? Ja, sagt Martin Zingsheim – nur eben ein völlig anderes. Als dreifacher Vater weiß er, worauf man sich mit der Nachkommenschaft einlässt: auf wenig Ruhe und viel Kommunikation und auf eine völlig neue Sicht der Dinge. Denn die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen bedeutet weder Naivität noch Schlichtheit, sondern bietet die Möglichkeit, unser absurdes Welttheater in mikrokosmischen Dimensionen zu studieren. Kinder sind von einer philosophischen Wirkung, da man als Elternteilchen unweigerlich beginnt, über sich und Gott und die Welt nachzudenken. In seinem Buch schreibt Zingsheim nacheinander über die wichtigsten Themen des Lebens – was insofern einer Beschönigung gleichkommt, da mit Kindern eigentlich immer alles gleichzeitig und entgegen unserer Ordnungsvorstellung vonstatten geht …

Der Autor

Martin Zingsheim studierte Musikwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Philosophie in Köln. Sein Studium schloss er mit der Promotion über Neue Musik ab. Seit 2011 tritt er mit diversen Kabarett-Programmen auf. Zuletzt erhielt er 2015 den Deutschen Kleinkunstpreis (Förderpreis) und 2016 den Salzburger Stier.

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MARTIN ZINGSHEIM

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Ullstein

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ISBN 978-3-8437-1411-2

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Umschlagabbildung: © Tomas Rodriguez (Autorenfoto); © FinePic®, München

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Für meine drei Lausbuben

Inhalt

Über das Buch und den Autor

Titelseite

Impressum

Widmung

1. Menschenskinder
Oder: »Papa, kannst du gar nicht mit Stiften schreiben?«

Anmerkung zum Kapitel

2. »Komm, sag mal Pantoffel.« – »Poffel!«
Kinder und Sprache

3. »Brings you the kinder ins bed?«
Pseudoenglisch als Geheimwaffe

4. Ich will, du sollst, du musst, man kann nicht einfach, lass das bitte …
Kinder und Erziehung

Anmerkungen zum Kapitel

5. Kulturschock
Von reichen Witwen, mittelalterlichen Traktaten und den Immobiliati

6. »Ich möchte aber mal ein Haus essenund die Fenster auch!«
Kinder und Ernährung

7. Atemlos durch die Nacht
Beziehungsweise: Träum was Schönes!

8. »Dann schrei ich dich aber bestimmt gleich mal dolle an, Papa!«
Kinder und Konflikte

9. »Ja, wie sieht’s hier denn aus?« – »Siehst du doch!«
Terror, Zirkus und Theater

10. Sauwetter
Warum für Kinder Sonne und Regen gleich schön sind

11. »Wohnen die Engel oben in den Wolken drin?«
Kinder und Spiritualität

12. »Jetzt sei mal schön brav.« – »Warum?«
Jenseits von Gut und Böse

13. Scheiße
Entscheidend ist, was hinten rauskommt

14. »Papa, warum sieht dieser Kindergarten aus wie ein Gefängnis?«
Von wegen Namen tanzen

15. »Können in einem Orchester auch Frauen spielen?«
Kinder und Geschlechtlichkeit

16. Alleine!
Beziehungsweise: »Kannst du mir helfen, das selber zu machen?«

17. »… sonst fahren wir nach Hause!«
Habemus feriam

18. »Was ist das für ein schwarzer Kasten da?«
Fernseher

19. »Stehenbleiben! Hände hoch! Stillgestanden!«
An die Hand nehmen

20. »Guck mal, Papa, wie die Schnecke innen drin aussieht …«
Warum Kind und Wissenschaftler derselbe Beruf sind

21. »Hallooo, wo hast du denn heute mein Geschenk?«
Ommas und Oppas

22. »Auf keinen Fall … unter keinen Umständen … meinetwegen mach halt.«
Grenzen

23. »Wie soll dein kleiner Bruder denn heißen?« – »Blumentopf!«
Kinder und Humor

24. »Papa, wie früh ist es?«
Zeitumstellung

25. Lalala
Kinder und Musik

26. Kinder machen, Bücher lesen
Bücher machen, Kinder lesen

Epilog

Feedback an den Verlag

Empfehlungen

1.

Menschenskinder

Oder: »Papa, kannst du gar
nicht mit Stiften schreiben?«

Kinder gibt es viele. Bücher auch. Trotzdem machen irgendwelche Leute andauernd neue. Offensichtlich ist also beides nur recht schwer zu vermeiden. Zuversichtlicher bin ich persönlich im Hinblick auf Kinder, da sie sich im Gegensatz zu Büchern deutlich schlechter durch digitale Medien ersetzen lassen. Obwohl, wer weiß.

»Hallo, ich habe drei Kinder. Und Sie?«

»Glückwunsch, ich habe vier iPhones.«

»Toll!«

Ich selbst habe drei. Also Kinder. Bücher wahrscheinlich auch. Zumindest wirklich und wahrhaftig gelesene, durchstudierte, aufgesogene, liebgewonnene. Auch hier herrscht eine gewisse Verwandtschaft. Bücher wie auch Kinder kennt man in der Regel irgendwie haufenweise, ja massenhaft, aber eine tiefe Verbindung hat man lediglich zu einigen wenigen und auch erst dann, wenn es schon zu spät ist, also nachdem sie das eigene Leben komplett über den Haufen geworfen haben.«1 Was ja wohl auch der Sinn ist. Sowohl von großer Literatur als auch von kleinen Menschen.

Dieses Buch ist unterteilt in mehrere thematische Kapitel, was in jedem Fall einer Beschönigung gleichkommt, da im Zusammenhang mit Kindern immer alles gleichzeitig und entgegen erwachsenen Ordnungsvorstellungen vonstattengeht. Davon handelt dieses Buch: vom chaotischen Zauber, den die verrückten Winzlinge in das Leben pseudokompetenter Erwachsener bringen. Die fraglos viel zu steile These lautet daher: Die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen bedeutet weder Naivität noch schlichte Einfachheit, sondern die Auseinandersetzung mit den existentiellen Fragen unseres Daseins: Wer bin ich? Was kann man alles essen? Wer hat die Erde gemacht? Und warum sind eigentlich immer nur die eigenen Pupse lustig?

Sämtliche von mir zitierte Experten sind im Übrigen ausnahmslos ehrlich. Ehrlich in dem Sinne, dass ich sie mir ganz ehrlich selbst ausgedacht habe. Fußnoten sind quasi die Sportwagen der Intellektuellen. Braucht niemand, machen aber ganz schön was her.

Ein Leben mit kleinen Kindern bietet die Möglichkeit, unser absurdes Welttheater in mikrokosmischen Dimensionen zu studieren. Wer sich dafür interessiert, ob und wenn ja, inwiefern Sprechen und Denken überhaupt miteinander zu tun haben, wer sich für Existenzkämpfe und emotionale Zusammenbrüche, für herzzerreißende Liebesgeschichten, für Ausgrenzung und Versöhnung, für unbändige Freude und fundamentale Zerstörung interessiert, der sollte mal einen Spielplatz aufsuchen. Dort ereignet sich das ganze Drama des Lebens. Nur in lustig. Bitte achten Sie insbesondere als Mann darauf, stets selbst ein Kind dabeizuhaben. Das kommt sonst sehr komisch. Leihen Sie sich zur Not eines aus.

Natürlich liegt es nahe zu denken, ich hätte im Hinblick auf dieses Buch meine Söhne intensiv beobachtet und eingehend über sie nachgedacht. Und das stimmt ja auch. Viel mehr aber noch habe ich aufgrund meiner Kinder über mich selbst, mein Denken, mein Sprechen und mein Handeln in der Welt nachdenken müssen. Das werde ich den dreien niemals vergessen. Meinen Kindern ist dieser Umstand im Zweifel ziemlich wurscht.

»Nichts ist so wichtig, als dass es einem Kind nicht im Zweifel mal komplett egal sein könnte.« Nikola Luhfrau: Individualisiert perspektivierte Weltwahrnehmung als Brennpunkt unumgänglicher Kontingenz. Frankfurt a. M. 1967, S. 4522

Kinder ermöglichen einem also vor allem eines: Freiheit. Freiheit von der eigenen, lediglich gefühlten Wichtigkeit. Insofern geht es im Folgenden gewissermaßen um den 27-Jährigen, der drei Kinder bekam und verschwand. Nicht als Mensch, aber als ein primär um sich selbst kreisendes Individuum.

Der ein »Überleben mit Nachwuchs« thematisierende Untertitel dieses Buches suggeriert wenig subtil, dass es sich bei Kindern nicht nur, aber auch um Probleme handelt. Und das ist korrekt so. Ich allerdings finde Probleme toll. Grundsätzlich sind mir Menschen mit Problemen auch weitaus sympathischer als Leute mit Lösungen. Die sind ja meistens das eigentliche Problem. Ein Problem zu haben ist die meines Erachtens sinnvollste Einstellung zur Welt, denn sie bedeutet, dass man Interesse an Lösungen hat. Insofern bin ich voll und ganz bei Tucholsky, wenn er sagt: »Meine Probleme möchte ich haben.« Möchte ich nämlich wirklich. Kinder haben ständig Probleme. Täglich. Und zwar mit fast allem. Deshalb kann man so viel von ihnen lernen.

Üblicherweise beginnen Bücher mit Vorworten, denn wir Menschen scheinen eine Phase des Übergangs zu benötigen, bevor wir mit etwas richtig loslegen. Mit Kindern ist es ganz ähnlich. Folgte die Geburt mit zum Beispiel nur neunminütigem Abstand auf den Geschlechtsverkehr, so wären sexuelle Höhepunkte und Panikattacken wohl zeitgleich einsetzende Phänomene. Stattdessen hat aber die Natur vor die Geburt, diesem eigentlichen Startschuss in ein neues Leben voll dauerhafter Liebe und permanentem Wahnsinn, eine Art vierzigwöchiges Vorwort geparkt. Dass dann doch alles völlig anders kommt, ist anscheinend gewollt und bei Büchern im Übrigen nicht viel anders.

Wie ich hörte, müssen sich Autorinnen und Autoren für die Herstellung von Büchern häufig in konzentrierte Abgeschiedenheit zurückziehen. So etwas macht mir Angst. Fünfzehn Jahre schottisches Kloster für einen Bestseller? Das ergibt kaum Sinn. Es sei denn, man schreibt ein Buch über schottische Klöster. Reichen stattdessen nicht auch vier Nächte im Etap-Hotel Dortmund-West? Reduktion aufs Wesentliche findet man schließlich überall.

Für mein Buch musste ich überhaupt nicht ausziehen. Das war schon mal von Vorteil. Statt in die Einsamkeit zu gehen hieß es, nahe dran zu sein beziehungsweise zu bleiben und alles aufzusaugen. Am besten steht man für solch ein Schreibprojekt permanent mit Laptop, Handy und Tablet bewaffnet an der Wiege oder neben dem Sandkasten. Das ist zumindest deutlich besser für den familiären Zusammenhalt als fünfzehn Jahre Schottland. Man braucht halt relativ strahlungsresistente Kinder. Oder man steigt auf Stift und Papier um.

In vorliegendem Buch wurde hier und da genderneutral formuliert. Wenn ich Eltern schreibe, so meine ich stets alles und jeden, der sich alleine, zu zweit, zu dritt, als Mama, als Papa, als Mama und Papa, als Papa und Papa, als Mama und Mama oder sonst wie um das Wohlergehen der ihm und/oder ihr anvertrauten Kinder kümmert. Die Geschichte von Eltern als ausschließlich Mamas und Papas ist neben zahllosen erfreulichen Erfahrungen auch eine von Gewalt und Missbrauch geprägte Geschichte. Wovor bitte haben also jene Menschen Angst, die beispielsweise gleichgeschlechtlichen Paaren Erziehungs- und damit Liebes-, Sorgfalts- und Reflexionskompetenz absprechen?

Es kann, nein, es wird passieren, dass ich mir im Verlauf dieses Buches selbst widerspreche. Aber das Leben ist eben voller Widersprüche. Hat man eigenen Nachwuchs, kennt man diese unauflöslichen Paradoxien nur zu gut. Man liebt die Kinder über alles, sie sind das Schönste und Beste überhaupt – und dennoch ist es so unendlich toll, wenn sie gerade mal weg sind. An ihnen haften tut man selbstredend trotzdem immer und unabänderlich. Hat man das Glück, als Eltern zu zweit zu sein, handelt es sich zumindest nicht um Einzelhaft. Übrigens wären meine Frau und ich, wie viele andere Eltern auch, sehr, sehr gerne alleinerziehend. Aber es mischt sich ständig jemand ein: Freunde, Bekannte, Stiftung Öko-Test und hoffentlich nicht bald auch noch das Jugendamt.

Ach ja, was außerdem wichtig ist: Dieses Buch ist kein Fachbuch. Nicht dass es schlecht recherchiert wäre. Es ist gar nicht recherchiert. Und es ist kein Ratgeber. Machen Sie also bitte nichts nach. Sonst fahren wir nach Hause!

Anmerkung zum Kapitel

1 Frederick Planlos: Nachkommenschaft. Eine humanitäre Katastrophe? Bielefeld 1998, S. 17

Fledermaus.tif

Meines Erachtens eine beeindruckende zeichnerische Reduktion aufs Wesentliche. Und übrigens eine Fledermaus.