ISBN: 978-3-96152-027-5
1. Auflage 2016, Oldenburg
© 2016 Schardt Verlag, Oldenburg, www.schardtverlag.de
Umschlag: Rainer Griese, Troisdorf unter Verwendung eines Photos der Autorin.
Alle Rechte vorbehalten.
Bruno sah auf das Familienphoto, das er samt Silberrahmen vor einer Woche vom Institutsschreibtisch wieder nach Hause mitgenommen hatte, zusammen mit einigen Kartons voller Manuskripte und Bücher. Jetzt war er wirklich pensioniert, oder, wie es in der Sprache der Universität hieß, emeritiert. Ein Emeritus! Unglaublich! Sein Leben lang hatte er über seine alten Kollegen gelächelt, wenn sie, mit einem Blumenstrauß im Arm, der dann an die Gattin weitergereicht wurde, nach der Verabschiedung durch den Dekan wehmütig den jüngeren Kollegen die Hand gaben. Die meisten von ihnen kamen nach wie vor an ihre alte Arbeitsstelle, saßen Vormittage lang in der Bibliothek und schrieben und forschten weiter, als wären sie noch im Amt. Hin und wieder mischten sie sich auch in die Besetzungspolitik ein und intrigierten mit Hilfe alter Beziehungen, um ihre Kandidaten zu favorisieren. Zu diesen Unentwegten, die nicht aufhören konnten, wollte er nicht gehören.
Ja, das alte Bild mit ihm in der Mitte, Irene an ihn gelehnt, auf der einen Seite die ungewöhnlich ordentlich frisierte Martina, und, neben Irene, Christoph in Anzug und Krawatte. Eine gestellte Welt, die mit dem wirklichen Familienleben nicht viel zu tun hatte. So viel er sich auch zurückerinnerte, wo sein eigentlicher Platz innerhalb der Familie gewesen war – abgesehen von seinem Schreibtisch – er kam sich immer so vor, als sei er in der Luft gesessen, schwebend in oder über einer Familie, die ihr tägliches irdisches Leben ohne ihn abwickelte.
Aber so ein Photo hielt schwärmende Studentinnen ab – Kolleginnen allerdings weniger. Er lächelte unwillkürlich, dachte an Silvia, die ihm immer noch schrieb, obwohl sie jetzt in Norddeutschland lebte, Ordinaria, und seit ein paar Jahren sogar mit einem Kollegen von der Wirtschaftswissenschaft liiert war. Er hatte Irene nie etwas erzählt von ihrem Kongreßabenteuer in Bonn, wozu auch. Es war besser so. Ohnehin wäre Irene zu der Zeit nicht mehr eifersüchtig gewesen, so wie früher. Wann hatte sie sich geändert? Nach ihrer Affäre mit André, dem französischen Kollegen, der ein Semester lang bei ihnen gewohnt hatte. Auch Irene hatte nichts erzählt. Aber er hatte es geahnt, es eigentlich nicht so genau wissen wollen. André hin, André her, wir müßten ihm Andechs zeigen, mit ihm auf den Hohenpeißenberg, der eigentlich Hohenpreißenberg bei ihnen hieß, weil alle Besucher aus Norddeutschland stets in Trance fielen bei dem Gebirgspanorama. André war in Lyon versunken wie Silvia in Hamburg, und Irene – hier legte er das Photo weg. Zu viel Erinnerung hielt ab vom Alltäglichen, das er bewältigen mußte.
Er wollte die Kartons noch eine Weile im Gang stehen lassen und erst später einige Regale ausräumen. Vielleicht sollte er allmählich darüber nachdenken, sich von bestimmten Büchern ganz zu trennen und sie einer der neu gegründeten Universitäten überlassen. Weder Martina noch Christoph hatten seine Fächer studiert. Was sollten sie mit einer solchen Fachbibliothek, die schon fast zwei Zimmer füllte? Die Trennung von seinem Beruf war erst der Anfang. Er verscheuchte die traurigen Gedanken und setzte sich an den Schreibtisch.
Glückskinder. Wie war er auf diese Überschrift gekommen? Seine bisherigen Publikationen hatten wissenschaftliche Titel, etwa »Das Kulturphänomen der Abwesenheit. Eine Untersuchung zur Präsenz von Eltern und Erziehern.« Niemand, außer Kollegen oder Studenten, las solche Bücher. Und jetzt: »Glückskinder«. Seine früheren Kollegen würden bestenfalls schmunzeln. »Jetzt wird er alt, alt und populär.« In der deutschen Wissenschaft war populär stets das Gegenteil von wissenschaftlich. Möglichst wenige sollten eingeweiht sein, sich um Verstehen bemühen müssen. Das Nachschlagen von Fremdwörtern war schon Teil des Lesens. Mit zunehmendem Alter kam ihm diese Schreiberei immer fragwürdiger vor. Wieso sollten nicht auch andere Leute als seine Institutsangehörigen lesen und verstehen können, was er sagen wollte. Deswegen hatte er vor zwei Jahren, gerade als Irene gestorben war, mit dem Konzept zu diesem Buch angefangen.
Es war im Sommer gewesen, und Martina, seine Tochter, verbrachte mit ihren zwei kleinen Kindern eine Woche Urlaub bei ihm. Sie bewohnte immer noch ihr altes Zimmer im ersten Stock, von dem aus man einen ungehinderten Blick auf den See und auf Andechs hatte. Auch ihre alte Einrichtung war hiergeblieben, ergänzt durch ein Kinderbettchen. Und wenn Thomas, ihr Mann, mitkam, konnte man das Sofa zum Doppelbett ausziehen. An einem dieser warmen Sommerabende, als sie Thomas vom Zug abgeholt hatten und miteinander auf der Veranda Wein tranken und Käse aßen, fingen die beiden Jungen davon an, was sie am nächsten Tag alles unternehmen wollten.
»Es paßt so wenig in die Stunden«, seufzte Thomas. Die beiden in ihrem Wunsch, möglichst viel in einen Tag zu packen – er würde mit den Enkeln einen Spaziergang zu einer alten Freundin machen, die sich freute, wenn sie mit den beiden spielen konnte –, flößten ihm Mitleid ein. Sie kamen ihm vor wie Hans Wundersam in der Geschichte vom Wunschhimmel. »Das will ich, und das!« – das Wesentliche war eben noch nicht dabei. Noch als die beiden diskutierten, ob sie an ihrem kostbaren freien Tag zuerst an die Osterseen fahren sollten und dann weiter zum Bergsteigen Richtung Garmisch – und am Abend nach München ins Kino und hinterher noch in eine der neuen Bars –, da senkte sich über ihn die Tarnkappe des Nachdenkens, und die Idee zu seinem neuen Buch war entstanden. Sie jagten mit Wucht ihrem Glück nach, und wieviel Zeit man auch investierte, es war nie genug.
Als Thomas und Martina einmal zu einem Festmahl heimgekommen waren – einer von den beiden hatte irgendein Examen bestanden, und Irene verbrachte Stunden in der Küche, um das Ereignis kulinarisch würdig zu begehen – da rief Thomas auf einmal mitten beim Essen aus: »Wieso bin ich jetzt schon bei der Hälfte meines Schnitzels? Bald werde ich’s aufgegessen haben, oh je!« Sie hatten alle schrecklich gelacht. Aber es war eigentlich nicht zum Lachen. Die Vergänglichkeit des Glücks, wenn auch nur in Form eines Schnitzels, war nur allzu schmerzlich klar gewesen. Ja, dachte er, kaum das Glück begriffen, ist’s schon wieder um die Ecke. Irene tauchte auf, in ihrem Hochzeitskleid. Nein, diese Erinnerung mußte er verscheuchen. Wissenschaft! Klarheit! Weg von den ablenkenden Einzelheiten! Aber waren es denn nicht gerade diese Einzelheiten, die ihn aufs Thema gebracht hatten und deren Verknüpfung er anderen erläutern wollte? Wieso hatte das Glücklichsein keine Rolle gespielt in seiner Jugend? Waren sie denn nicht glücklich gewesen? Das merkte man ohnehin erst hinterher. Sollte er mit einem erfundenen Sokrates-Dialog beginnen?
Mein lieber Alcibiades, du willst also glücklich sein.
Ja, Sokrates.
Dann sag mir, was du dazu brauchst.
Eine ganze Menge.
Es ist also viel, wovon du denkst, es sei nötig zum Glücklichsein.
Das will ich meinen.
Dann zähl mir doch einiges davon auf.
Da ist erst einmal Wohlstand, dann Ansehen, dann Gesundheit, dann Liebe und natürlich Freunde.
Und das alles zusammen ist Glück?
Ob das wohl eine gute Idee war, mit solchen umständlichen Dialogen zum Kern des Problems langsam vorzustoßen? Er wollte eine Pause machen. Kurz entschlossen packte er das dünne Manuskript an die rechte Seite seines Schreibtischs und ging nach unten. Ein Spaziergang, um die Gedanken erst einmal durch die Natur zum Verschwinden zu bringen, damit sie dann, erholt und ausgeruht, sich wieder weiterverfolgen ließen.
Er ging den Seeweg entlang, vorbei an seinem Lieblingsrestaurant, das er meistens nachmittags besuchte, wenn auf der Terrasse Tische und Sonnenschirme aufgestellt waren und man durch das goldene Seegras hindurch auf den blauen, grauen oder grünen See schauen konnte. Nie war es laut in diesem Restaurant, auch nicht an heißen Sommertagen, wenn alle Tische besetzt waren. Die Sicht auf den See befriedete die Menschen, und sie saßen ruhig und in Gedanken versunken da, den Blick aufs Wasser gerichtet.
Diesmal hatte er keine Lust auf Cappuccino, jedenfalls noch nicht. Er ging an der Schwingtür vorbei, den Bahndamm entlang, vorbei an den kleinen Badehäuschen, dem etwas größeren Yachthaus und den alten Einfamilienhäusern, in denen das Jahr über kaum einer wohnte. Als er zu der Birke mit den vielen verwachsenen Stämmen kam – Martina und Christoph waren als Kinder virtuos darin herumgeklettert –, sah er von weitem eine Frau mit Hund sich nähern. Weiße Leinenjacke, Blue Jeans – und der kleine Spitz rannte schon zu ihm hin und sprang an ihm hinauf. Eine Frauenstimme rief: »Nicht springen, Milva!« aber das war wie eine Begrüßung, und der kleine Hund sprang um Bruno herum, bis der sich hinunterbeugte und ihn streichelte.
»Du bist aber heute zeitig dran mit deinem Abendspaziergang.«
»Ja«, lachte die Frau, »ich bin gerade mal wieder allein, Ludwig ist in Tegernsee beim Arzt, aber er schafft es auch ohne mich.«
Ludwig, ihr Mann, war bei einem befreundeten Mediziner wegen seiner chronischen Bronchitis in Behandlung. Manchmal schnaufte er so angestrengt, als hätte er Asthma.
»Und da hast du sicher noch nicht zu Mittag gegessen«, vermutete Bruno.
»Schau mich an«, lachte sie, »ob ich das wirklich brauche.«
Unter ihrer hellen Jacke trug sie ein hellblaues T-Shirt, am Halsausschnitt eine kleine Perlenkette. Ein bißchen kleiner als Bruno, aber insgesamt eine große Frau. Und, immer noch, eine schöne Frau, gepflegt und sorgfältig frisiert. In einem früheren Leben war sie sogar einmal Weinkönigin gewesen. Sie stammte aus dem südlichen Baden und konnte trotz über 30jährigem Aufenthalt am Ammersee ihren Markgräfler Singsang nicht verleugnen. Inge war eine alte Freundin von Irene gewesen. Die beiden Ehepaare waren auch manchmal gemeinsam in Urlaub gefahren, Mallorca fiel ihm ein und das Pustertal. Wie lange war das eigentlich schon her?
Inge hatte bemerkt, daß Bruno ganz woanders war. »Na, wieder mit großen Gedanken beschäftigt?«
»Ja, stell dir vor, ich habe dran gedacht, ob du wohl mit mir ins Seehaus gehen magst, auf einen Kaffee oder was auch immer.«
»Das ›was auch immer‹ vergessen wir«, meinte sie. »Ich habe gerade fünf Kilo abgenommen.«
»Sei nicht kindisch«, erwiderte er. »Du siehst gut aus, und du weißt das auch.«
Er drehte um, und sie gingen nebeneinander zur Terrasse hinunter, einen Weg durch Gebüsch, der auch im Sommer kühl war. Sie bestellten Cappuccino, sahen auf den See und schwiegen.
Irene saß bei ihnen auf dem rechten freien Stuhl.
Es vergingen ein paar Minuten. Beide schlürften den Milchschaum.
»Hast du schon den Ammerseekurier von heute gelesen?« fragte Inge.
»Reingeholt hab ich ihn schon, aber zum Lesen bin ich noch nicht gekommen.«
»Ich war ganz durcheinander heute, als ich das Photo einer Schulfreundin von Tommy sah. Ihre Leiche haben sie in Herrsching am wilden Ufer gefunden, dort, wo wir hin und wieder nach altem Holz gesucht haben.«
Ludwig schnitzte gerne, und manchmal durchforsteten sie Uferstreifen oder nahegelegene Wäldchen nach passenden Holzstücken.
»So jung«, meinte Bruno. »Was da wohl vorher wieder passiert sein mag.«
Inge seufzte. »Ich bin erleichtert, daß Tommy und Stefan feste Freundinnen haben. Du weißt ja, was ich früher ausgestanden habe, als sie beide Motorradrallyes fuhren. Aber die beiden Mädchen sind energischer, als ich das war. Sie mußten ihre Motorräder verkaufen.«
Bruno lachte. »Das war wieder Wasser auf die Mühlen von Ludwig! Ein echter Hellmer, so sein Spruch, weiß immer, was er zu tun hat. Er tut ganz einfach, was seine Frau will.«
»Diese Evelyn«, fuhr Inge fort, »war schon in der Schulzeit ein Problemkind. Hin und wieder kam sie zu uns zum Mittagessen, du weißt ja, bei uns spielt das keine Rolle. Da gab’s immer große Portionen. Schau mich an!«
»Hör auf zu kokettieren, Inge! Deine Figur ist immer noch gut.«
»Du alter Schwindler! Wie gesagt, Evelyn war anders als die Mädchen in Tommys Klasse. Auf mich machte sie immer den Eindruck, als wäre sie nicht ganz da.«
»Drogen?«
»Nein, das glaube ich nicht. Tommy hätte das gewußt. Wäre sie älter gewesen, hätte man sagen können, sie war mit großen Gedanken beschäftigt.«
»Du meinst, mit Problemen?«
»Ja, sicher. Ich weiß auch, daß Tommy und sie nicht aneinander interessiert waren. Ich hatte immer den Eindruck, er brachte sie aus Mitleid zum Essen mit. Sie war ja auch extrem dünn.«
»Und da hast du sie kräftig aufgepäppelt?«
»Sie hat wirklich immer viel gegessen, ganz anders als die Mädchen, die sonst bei mir am Tisch saßen. Stefans Birgit zum Beispiel. Da wurde immer nur genippt, ein Häppchen abgeschnitten, ewig auf der Gabel gehalten, damit es so aussah, als würde man essen. Du kennst ja diese Schlankheitsesser, denen im Grunde nichts mehr schmecken darf. Nein, Evelyn hat immer kräftig zugelangt.«
»Hatte sie denn keine richtige Familie?« Bruno fragte mehr aus Höflichkeit, weil er das Mädchen nicht kannte, aber Inge Gelegenheit geben wollte, von der Toten zu sprechen.
»Ich glaube, sie war irgendwie vernachlässigt, nicht gerade unsauber, aber, sagen wir mal, verschlampt. Alte, ausgelatschte Schuhe, ein Anorak, drei Größen zu weit, lappig, verwaschene T-Shirts. Nur ihre Haare, die waren immer frisch gewaschen. Sehr schöne Haare übrigens. Trotzdem war sie nicht beliebt in der Klasse, hatte nicht mal eine Freundin, einen Freund schon gar nicht. Aber Tommy meinte, Mama, sie mag dich. Gezeigt hat sie’s nicht, vielleicht nur durch ihren Appetit. Ganz brav sagte sie immer zum Abschied, vielen Dank für das gute Essen, Frau Hellmer.« Inge seufzte. »Vielleicht hätte ich mich mehr um sie kümmern müssen, nach allem, was Tommy so erzählte.«
»Was hat er denn erzählt?«
»Na, von dieser komischen Kühlschrankordnung bei ihnen daheim. Sie hat ja noch eine ältere Schwester, die als Sekretärin in Weilheim arbeitet, drei Jahre älter. Sie und die Mutter, die in München in einer Bank arbeitet, was genau, weiß ich nicht, haben einen Kühlschrank mit drei Fächern daheim in der Küche. Für jede der drei Frauen ist ein Fach reserviert, in dem alles das steht, was sie eben so gerne essen. Tommy war mal nach einem Schulausflug bei Evelyn im Haus, und sie fragte ihn, ob er was trinken wolle, ja, Orangensaft. Den sah er im Kühlschrank stehen. Sie aber meinte, nein, den kann ich dir nicht anbieten, der ist im Fach meiner Schwester. Ich hab noch eine Fanta, die kannst du haben. Und daraufhin erklärte sie ihm das System. Unser Tommy erzählte mir das dann, weil er gar nicht verstehen konnte, wie sowas funktioniert. Na, stell dir vor, wie das bei uns zugeht. Ich bin ständig am Einkaufen und Heimschleppen und Auffüllen, die Kerle putzen vielleicht was weg. Übrigens, Mittag- oder Abendessen gab’s auch nicht bei Evelyn, jeder nahm halt aus seinem Fach, worauf er gerade Appetit hatte.«
»Und der Vater?«
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich gab’s keinen mehr, weil ja auch kein Kühlschrankfach für ihn da war.«
»Weißt du, wie sie umgekommen ist?«
»Nein, das stand nicht in der Zeitung.«
Beide schwiegen. Durchs Schilf sah man aufs andere Ufer, und irgendwo dort hatte sich womöglich eine Tragödie abgespielt, ganz in ihrer Nähe, und doch zu weit weg, als daß sie etwas gemerkt hätten.
»Was macht deine Arbeit?« Inge hatte das Gefühl, zu viel geredet zu haben.
»Ich bin immer noch beim Sortieren, bei der Vorarbeit. Das Glück will sorgfältig geplant sein.«
»Du mit deinem Glück«, lachte Inge. »Als ob man Glück planen könnte. Es kommt, wenn man’s am wenigsten erwartet, und es verschwindet genauso unvermutet. Hinterher ist man gescheiter, aber nicht unbedingt glücklicher.«
»Ja«, meinte Bruno und schaute auf seine leere Cappuccinotasse, »genau das macht eine Definition so schwer. Es ist ja immer eine quasi retrospektive Erkenntnis, die man dazu verwendet. ›Glück war‹ statt ›Glück ist‹. Man müßte Historiker sein. Die Glücksmomente der verschiedenen Völker.«
»In England die Krönung von Elisabeth oder die Hochzeit von Charles und Diana. Und bei uns 1989! Unabhängig von Königen, das war unser absolutes Glücksjahr!«
»... wenn die Euphorie das Glück ausmacht, dann schon, dann hast du recht. Aber gerade im nachhinein ...«
»Jetzt mäkle nicht rum, Bruno. Erinnere dich, wie glücklich wir vor dem Fernseher saßen und Champagner miteinander getrunken haben, die ganze Nacht, als die Leute über die Mauer stiegen.«
»... und wie Irene weinte und sagte, meine Tante ist zehn Jahre zu früh gestorben. – Alle sterben zu früh.«
Inge faßte Brunos Hand. »Wir leben, und wir halten die Erinnerung an sie hoch. Was anderes können wir nicht tun. Ich muß jetzt so langsam wieder heimmarschieren. Zum Abendessen hab ich einen Zander, ein Riesenvieh. Das schaffen wir nicht alleine. Du mußt uns helfen! Um sieben Uhr?«
»Eine nette Art, deine Einladung als Hilfe in der Not zu tarnen. Du weißt, da kann ich mit meinem Helfersyndrom nicht widerstehen!«
»Also pünktlich um sieben! Und danke für den Cappuccino!«
Sie erhob sich, der Spitz kam gleich unter dem Tisch hervor, und beide verschwanden hinter den Sträuchern.
Bruno blieb noch in der Wärme sitzen. Das Gemurmel um ihn herum, die tiefe Bläue des Sees, der wolkenlose Himmel, war das Glück? Nein, das war eine schöne Kulisse fürs Glück. Glück mit der Natur allein gab es nicht. Darüber wollte er jetzt nicht mehr grübeln. Er stand auf und zahlte.
Es war Zeit, an den Schreibtisch zu gehen und endlich ein paar Einleitungssätze zu schreiben. Er freute sich auf seine Arbeit. Und das war schließlich auch Glück, wenn auch nur ein Teil davon.
Als er das Gartentor öffnete und die Margeriten sah, die er immer beim Rasenmähen stehen ließ, die hellroten und rosa Rosen, die Irene vor vielen Jahren gepflanzt hatte, den duftenden Lavendel dazwischen, da kamen ihm doch wieder Zweifel. Ja, die Natur konnte ein Glücksgefühl hervorrufen – bei ihm allerdings war das so eng mit Irenes Gartenarbeit verbunden, daß ihm irgendein Blumenbeet gleichgültig gewesen wäre. Hier aber sah er Irene zwischen den Pflanzen, wie sie mit bloßen Händen in der Erde wühlte und vor sich hin murmelte. Manchmal hatte er sie dabei ertappt, wie sie ihren Mund in eine Rosenknospe hielt oder beim Gießen die Sträucher anlächelte. War sie da glücklich gewesen?
Es war heiß. Er würde heute selber gießen müssen. Nach Regen oder Gewitter sah es nicht aus. Vor dem Arbeiten könnte er noch einmal kurz schwimmen. Seine Badehose zog er gleich an, warf sich den Bademantel über und ging über die Straße zu seinem Badesteg. Als hätte er auf ihn gewartet, kam ihm auch schon sein Nachbar entgegen, ein pensionierter Deutschlehrer vom Weilheimer Lea-Pfister-Gymnasium, an den Christoph schlechte Erinnerungen hatte. Hin und wieder redeten sie über den Gartenzaun, aber es gab wenig Gemeinsamkeiten. Er grüßte kurz und ging gleich ins Haus.
Von außen war der Unterschied der Lebensweisen schon an der Gartenanlage sichtbar. Herr Kuder schnitt regelmäßig und akribisch seine Wacholderhecke, eine undurchdringliche Mauer, genau in der von der Gemeinde vorgeschriebenen Höhe. Nie ragte ein Zweig auf die Straße hinaus. Brunos Gartenbegrenzung war mehr oder minder zufällig entstanden. Holunderbüsche, Ahorn und Eschen wuchsen unterschiedlich empor. Anfangs hatte Herr Kuder noch manchmal bemerkt: »Wildwuchs! Wildwuchs sollte man eindämmen!« Aber Bruno und auch Irene gefiel die Wildnis. Wenn sie vergaßen, die Äste abzuschneiden, kamen Briefe von der Gemeinde. Bruno überlegte sich Erwiderungen, weil die Eltern des Bürgermeisters eine ähnliche Hecke wachsen ließen und nur selten zur Schere griffen. Bruno hatte insgeheim seinen Nachbarn im Verdacht, bei der Gemeinde wegen der Hecke zu intervenieren. Seine Nichte war die Schwiegertochter des Vorstands vom Baureferat – wie überhaupt die Beziehungen der Leute hier von Verwandtschaft, Verschwägerung und gemeinsamem Schulbesuch herrührten. Da konnte er sowieso nicht mithalten. Sie hatten damals das alte Haus gekauft, weil Martina die Luft in der Stadt schlecht vertrug und alle möglichen Allergien entwickelte. Aufs Land! Aber da hatte sich gezeigt, daß Pollen und Milben auch mit guter Landluft nicht beizukommen war. So viele Kinder mit den seltsamsten Allergien hatten sie kennengelernt. Es erstaunte ihn immer wieder. Waren denn diese Kinder nicht unter idealen Voraussetzungen aufgezogen worden? Weder hatten sie Hunger gelitten noch unter Bombenangriffen gezittert. Waschmaschinen sorgten für saubere Kleidung, Flaschensterilisierung für bakterienfreie Trinkgefäße. Wie anders war das in seiner Kindheit gewesen.
Da stehe ich am Ufer des schönsten Sees der Welt und denke an die Kriegszeit! Er schüttelte sich. Sollte ich kein Talent für das Glück des Augenblicks haben?
Das Wasser war aufgewühlt, und Wellen schlugen ihm entgegen, als er losschwamm. Er mochte dieses bewegte Wasser am späten Nachmittag. Es erinnerte ihn ans Meer. Er schwamm weit hinaus, sah zur Rechten die Gebirgskette, vor sich Andechs und gegenüber das Kieselufer von Aidenried. Da fiel ihm das tote Mädchen ein. Und Martina. Als sie noch zur Schule ging, hatte Irene diese ständige Unruhe in sich. Obwohl sie wenig sagte, wußte er doch, daß sie voll von Ängsten und Befürchtungen war, besonders, als der Führerschein gemacht war. Autofahrten mit angetrunkenen Jungen, Discobesuche, Sauforgien, Drogen. Sie waren von all dem verschont geblieben, und er dachte daran, wie Irene nach der Abiturfeier unvermutet in Tränen ausgebrochen war. Ihn hatte das erschreckt. »Ach Gott, bin ich erleichtert!« seufzte Irene.
Um Christoph hatten sie sich nicht sorgen müssen. Er war ein typisches zweites Kind, unauffällig, weder extrem begabt noch besonders faul. Er flutschte geräuschlos durch die Schulzeit, holte sich, was er brauchte, und fiel weder durch Aufsässigkeit noch durch Faulheit auf. Seine Schulaufgaben erledigte er genauso unspektakulär wie seine Rolle in der Familie, wo er Martinas Bundesgenosse war, wenn es darum ging, in schwierigen Situationen zu vermitteln. Auch mit seinen Freunden hatte er einen ruhigen Umgang, denn er hörte meistens zu. In der Abiturzeitung hatten sie ihn als Papa Freud karikiert, und keiner war erstaunt, als er dann tatsächlich Psychologie studierte. Er hatte Lego, Indianer, Computer und Schach gespielt, und bis heute war er noch Mitglied in seinem Heimatschachklub. Schon während der Schulzeit freundete er sich mit Kathrin an, die aus der Parallelklasse stammte. Abiturfahrt, Studium, Examen: alles zeitgleich mit Kathrin. Und so hatten sie seit Jahren eine therapeutische Gemeinschaftspraxis, wechselten sich mit der Betreuung ihrer Tochter ab und beschäftigten eine Haushaltshilfe, die auch mal auf die kleine Anna aufpaßte. Sie kamen sehr oft zu Besuch, und da ging es ganz anders zu, als wenn Martina mit ihren beiden Söhnen durchs Haus tobte. Anna war ein stilles Kind, das pünktlich Mittagsschlaf hielt und kein Theater machte, wenn man sie abends ins Bettchen legte. Bruno hatte Sohn und Schwiegertochter im Verdacht, daß sie nach dem Tod von Irene irgendeine geheime Behandlung mit ihm machten. Aber er kam zu keinem Schluß, und weil beide keine Fachausdrücke verwendeten, wenn sie mit ihm redeten, vergaß er es bald.
Er war heute weit hinausgeschwommen, trotz der Wellen. Es freute ihn immer, wenn er nur die Wasserfläche vor sich sah und keine anderen Schwimmer. Das war Teil jenes Ich-bin-noch-nicht-alt-Gefühls, das ihn auch bei einfachen Tätigkeiten immer öfter heimsuchte. Noch kann ich das Holz hacken, noch autofahren, noch das meiste von dem, was ich mein Leben lang getan habe.
Am Steg lag sein Bademantel, der heiß von der Sonne war. Das tat gut nach dem kühlen Wasser. Glück? Ja, warum nicht. So primitiv war das eben meistens. Bis zum Abendessen mit den Freunden blieben ihm noch zwei Stunden am Schreibtisch.
Kurz vor sieben holte er seinen Lieblingswein aus dem Keller, einen dunklen Lagrein, und schnitt ein paar Rosen für Inge ab. Er setzte sich in seinen alten Volvo, der mittlerweile 200.000 Kilometer auf dem Buckel hatte.
Von der großen Holzterrasse leuchteten schon ein paar Kerzen, als Bruno sein Auto abstellte. Milva kam ihm auf der Treppe entgegen gesprungen und wuselte um seine Beine herum. Es duftete nach Fisch und Buttersoße. Ludwig kam aus seiner Fernsehecke hervor und umarmte seinen Freund.
»Schön, daß du uns heute abend unterstützt beim Vertilgen dieses Ammerseehais.«
Inge hatte ein blaues Seidenkleid an, und auch das Tischtuch war blau, gedeckt war die weißblaue Dießener Keramik. Auf den Leinenservietten lag je eine Blüte blauer Borretsch.
Bruno stellte den Rotwein auf den Tisch. Hier war er auch zu Hause, fühlte sich wohl, konnte reden oder schweigen, ohne daß jemand ihn kommentierte. Hier konnte er auch seine politischen Ideen äußern, ohne daß es deswegen Zerwürfnisse gegeben hätte. Er wußte, daß die beiden nicht seine Partei wählten. Obwohl sie so alt waren wie er, kam es ihm manchmal so vor, als wären sie seine Eltern, jedenfalls die Eltern, die er sich gewünscht hätte: tolerant, humorvoll, nie nachtragend.
Ludwig holte Sprudel aus dem Keller, Inge werkelte am Ofen. Er setzte sich schon auf seinen Platz und holte sich den Ammerseekurier von der Bank.
Und da sah er das Photo. Ihm wurde heiß, trotz des kühlen Windhauchs auf der Terrasse.
Ja, das war sie. Kein Zweifel. Lange schaute er das Photo an, ihre langen, dunklen Locken, ihr molliges Kindergesicht.
Erschrocken zerdrückte der die Zeitung in seiner Hand. Sollte er für sich behalten, daß er sie gekannt hatte? Jetzt jedenfalls, vor dem Essen, wollte er noch nichts sagen.
Es gab einen der berühmten Sommersalate, dann den Zander mit Kartoffeln und am Schluß noch Käse und ein Eis. Sie hatten übers Wetter geredet, über die Regatta vom letzten Wochenende und über die bevorstehende Geburtstagsfeier von Inges Freundin, die auf einem Schiff stattfinden sollte.
»Magst du noch einen Espresso?« Ludwig stand auf und bediente die Kaffeemaschine.
»Ich habe übrigens das Photo des toten Mädchens gesehen. Ich kenne sie.«
Es wurde auf einmal still.
»Was?« Inge schrie leise auf. »Du hast sie gekannt? Davon weiß ich gar nichts. Wann war denn das?«
»Im vergangenen Sommer. Da saß sie eines Morgens auf dem Steg, als ich schwimmen ging.«
»Ja, und?«
»Sie stand gleich auf und entschuldigte sich. Aber ich ließ sie da sitzen und lud sie hinterher zum Frühstück ein. Sie rührte mich, machte einen einsamen Eindruck.«
»Und, kam sie mit?«
»Ja, sie sagte gleich ›ja, ich hab Hunger‹. Und das stimmte auch. Sie hat fast ein halbes Brot aufgegessen, und die Marmelade fand sie auch gut, war noch aus alten Beständen.«
»Hat sie gesagt, wie sie heißt?«
»Ja, Eva sollte ich sie nennen. Sie kam noch ein paar Mal, hat noch zweimal mit mir gefrühstückt und einmal nachgefragt, ob sie im Gartenhaus in ihrem Schlafsack übernachten könnte. Ich hab’s erlaubt, schließlich haben unsere Kinder in den Ferien auch ständig dort geschlafen. Nach dieser Nacht war Eva dann verschwunden, und heuer kam sie überhaupt nicht.«
»Was hat sie denn so erzählt?«
»Daß sie Lehrerin werden wolle, für die Grundschule.«
»Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, so verschlossen, wie sie sich immer gab.«
»Verschlossen? Nein, diesen Eindruck machte sie nicht auf mich. Sie hat sogar meine Bibliothek eingehend inspiziert, hat mich gleich gefragt, was man mit Soziologie alles anfangen kann. Aber ich äußerte mich eher skeptisch über die Berufsaussichten von promovierten Soziologen. Schließlich kenne ich eine ganze Reihe von Arbeitslosen aus diesem Fachgebiet. Sie hat nur resignierend mit den Schultern gezuckt: ›Ist auch schon egal, was man studiert, gebraucht wird man sowieso nicht hinterher.‹ Sie verabschiedete sich und meinte, künftig werde sie mich nicht mehr belästigen, weil sie einen Freund aus Herrsching hätte, mit einem Segelboot.«
»Evelyn, einen Freund? Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Aber sie war doch nicht häßlich!«
»Nein, das nicht, aber irgendwie uncharmant. Naja, geradeheraus, das schon. Nicht dieses Augenaufschlagen und Lächeln und dann lässig die Haare aus der Stirn pusten.«
Bruno erinnerte sich, daß sie gesagt hatte: »Sie sind aber ein netter Seegrundbesitzer. Die meisten hätten schon die Polizei geholt, wenn ein Fremder auf ihrem Steg sitzt.« Aber das erzählte er nicht.
Vielleicht hätte er überhaupt nichts erzählen sollen, denn Inge meinte: »Du solltest mit der Polizei reden.«
»Wieso ich? Ihr kanntet sie doch besser.«
»Ja, aber das ist länger her. Am besten, wir gehen miteinander. Ich kenne den Polizeichef von hier. Seine Tochter habe ich zusammen mit Stefan jede zweite Woche nach Utting zum Basketballtraining gefahren. Wenn du einverstanden bist, dann rufe ich Herrn Berger an und mache einen Termin aus.«
»Ich weiß nicht«, meinte Bruno unschlüssig.
»Was gibt’s denn da noch zu überlegen. Wir werden der Polizei auch nichts anderes erzählen als das, was wir eben besprochen haben.«
»Glaubst du nicht, daß die Polizei das ohnehin schon weiß? Vielleicht meinen sie, wir machen uns nur wichtig.«
»Nein, wo denkst du hin? Die können aus jeder kleinen Information ganz andere Schlüsse ziehen als wir Laien.«
»Mir scheint, du hast zu viele Krimis im Fernsehen angeschaut. Da sind die Kriminalbeamten immer besondere Schlauköpfe. Wenn ich mir dagegen die Polizisten ansehe, die hier auf Jagd nach Radfahrern gehen! Da verstecken sie sich hinter dem Kunstpavillon, um dann schnell hervorzuschießen und ihre Strafzettel zu verteilen.« Ludwig schüttelte den Kopf. »Da habe ich kein großes Zutrauen.«
»Inzwischen darf man ja mit dem Rad die ganze Strecke fahren«, meinte Inge.
»So werden auch bei der Polizei Stellen eingespart. Wer weiß, ob überhaupt jemand an unseren Erinnerungen interessiert ist.« Bruno wollte das Thema beenden.
Aber Inge gab nicht auf. »Was hast du eigentlich dagegen, daß wir sagen, was wir wissen? Wir haben ja nichts zu verbergen, im Gegenteil.«
Bruno verstand jetzt Ludwig, der immer darüber witzelte, daß man gegen Frauen nichts ausrichten könne. »Ce que femme veut, Dieu le veut, und gegen den Willen einer Frau sind wir eben machtlos.«
Bruno gab auf. »Na, von mir aus, gehen wir halt hin.«
»Morgen früh rufe ich an, und dann gebe ich dir Bescheid. Du bist ja zu Hause, oder?«
»Am Schreibtisch, wie eh und je«, sagte Bruno.