DER GESANG DES ERHABENEN
Anaconda
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Die Übersetzung der Bhagavadgita von Richard Garbe erschien erstmals 1905 bei Haessel in Leipzig.
Die vorliegende Ausgabe folgt der zweiten verbesserten Auflage Leipzig 1921. Die Umschrift originalsprachlicher Namen und Begriffe wurde vereinfacht. Einleitung, Anmerkungen und Anhang wurden geringfügig gekürzt. In früheren Ausgaben durch Kleindruck als spätere Hinzufügungen kenntlich gemachte Verse sind in dieser Neuausgabe durch schwächeren Druck des
herausgerückten Verszählers gekennzeichnet.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
© 2016 Anaconda Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umschlagmotiv: Indian School, »The Battle of Kurukshetra, from Mysore, India« (1800–1825), Private Collection /
Photo © Christie’s Images / Bridgeman Images
Umschlaggestaltung: dyadesign, Düsseldorf, www.dya.de
ISBN 978-3-7306-9151-9
V002
www.anacondaverlag.de
Dhritarashtra sprach:
1 Was taten die Meinigen und die Pandavas, als sie sich auf dem heiligen Feld, auf dem Kuru-Feld, kampfbegierig versammelt hatten, o Samjaya?
Samjaya sprach:
2 Als König Duryodhana die Schlachtreihe der Pandavas aufgestellt sah, da trat er zu seinem Lehrer13 und sprach folgende Worte:
3 »Schau dieses große Heer der Pandu-Söhne, o Lehrer, wie es aufgestellt ist von deinem klugen Schüler, dem Sohn des Drupada, [d. i. Dhrishtadyumna].
4 In ihm sind Helden, große Bogenschützen, die dem Bhima und Arjuna im Kampf gleichen:Yuyudhana,Virata und Drupada, der große Krieger;
5 Dhrishtaketu, Cekitana und der tapfere König der Kashis; Purujit, Kuntibhoja und der heldenhafte König der Shibis;
6 Der mutige Yudhamanyu und der tapfere Uttamaujas; der Sohn der Subhadra14 und die Söhne der Draupadi 15 – alle große Krieger.
7 Nun aber vernimm [auch], o trefflichster Brahmane, wer die ausgezeichnetsten unter uns sind, die Führer meines Heeres; damit du sie kennest, nenne ich sie dir:
8 Du [selbst], Bhishma, Karna und Kripa, der Sieger im Kampf; Ashvatthaman, Vikarna und der Sohn des Somadatta [Bhurishravas];
9 Und viele andere Helden, die um meinetwillen ihr Leben hingeben, mit verschiedenen Waffen kämpfend und alle im Streit erfahren.
10 [Trotzdem] ist dieses, unser von Bhishma befehligtes Heer nicht ausreichend, während das von Bhima befehligte Heer jener ausreichend ist.
11 Und so möget ihr denn alle bei allen Vorgängen,je auf eurem Platze stehend, vor allem Bhishma beschützen!«
12 Da, ihm Begeisterung erregend, stimmte sein [Duryodhanas] machtvoller Ahnherr16, der älteste der Kurus, [d. h. Bhishma] ein Löwengebrüll an und blies laut die Muschel.
13 Und darauf erschallten plötzlich Muscheln, Pauken, Trommeln, Tamburine und Trompeten; das Getöse ward gewaltig.
14 Da bliesen auch der Madhava [Krishna] und der Pandava [Arjuna], auf dem großen, mit weißen Rossen bespannten Wagen stehend, in ihre himmlischen Muscheln:
15 Hrishikesha [Krishna] in die Pancajanya, der Schätzeerbeuter [Arjuna] in die Devadatta. Der wolfsbäuchige [Bhima], der Vollbringer furchtbarer Taten, blies die große Muschel Paundra;
16 König Yudhishthira, der Sohn der Kunti, die Anantavijaya; Nakula die Sughosha und Sahadeva die Manipushpaka.
17 Auch der König der Kashis, der treffliche Bogenschütze, und Shikhandin, der große Krieger, Dhrishadyumna, Virata und der unbesiegliche Satyaki,
18 Drupada, die Söhne der Draupadi und der starkarmige Sohn der Subhadra17, sie bliesen von allen Seiten, o König, ihre Muscheln, jeder nach seiner Art.
19 Dieser gewaltige Lärm, der Himmel und Erde durchdröhnte, zerriß die Herzen der Leute Dhritarashtras.
20 Als nun der Pandava [Arjuna], der einen Affen im Banner führte, die Leute Dhritarashtras in Schlachtordnung dastehen sah; erhob er seinen Bogen, während die Geschosse begannen zu fliegen,
21 Und redete, o König, zu Hrishikesa folgende Worte.
Arjuna sprach:
Zwischen den beiden Heeren halte mir den Wagen an, o Unerschütterlicher,
22 So lange als ich diese kampfbegierig dastehenden mustere, mit wem ich kämpfen soll in dieser Kriegsarbeit.
23 Überschauen will ich sie, die hier zum Kampf versammelt sind, dem bösen Sohn Dhritarashtras [Duryodhana] im Krieg sich gefällig zu erweisen.
Samjaya sprach:
24 So von Gudakesha [d. i. Arjuna] angeredet, o Nachkomme des Bharata, hielt Hrishikesha den trefflichen Wagen zwischen den beiden Heeren an
25 Vor Bhishma, Dropa und allen den Königen und sprach: »O Sohn der Pritha [d. i. Arjuna], schau hin auf diese versammelten Kurus!«
26 Da sah der Sohn der Pritha Väter, Großväter, Lehrer, Mutterbrüder, Brüder, Söhne, Enkel und Gefährten,
27 Schwäger und Freunde in beiden Heeren stehen. Als der Sohn der Kunti18 [d.i. Arjuna] alle die Verwandten [dort] aufgestellt erblickte,
28 Ward er vom höchsten Mitleid erfüllt und redete, in Bestürzung geratend, also:
Arjuna sprach:
Wie ich diese meine Anverwandten, o Krishna, kampfbereit [mir] gegenüber stehen sehe,
29 Erschlaffen meine Glieder und mein Mund wird ganz trokken, ein Zittern überfällt meinen Leib, und meine Haare sträuben sich,
30 Der [Bogen] Gandiva entfällt meiner Hand, und meine Haut glüht; ich bin nicht imstande zu stehen, und es ist, als ob mein Denken sich verwirrt;
31 Auch widrige Vorzeichen nehme ich wahr o Schönhaariger; und kein Glück sehe ich erwachsen, wenn ich meine Anverwandten im Kampf töte.
32 Ich verlange nicht nach dem Sieg, o Krishna, nicht nach der Herrschaft und [deren] Freuden. Was ist uns Herrschaft, o Herdenerbeuter, was Genüsse oder [selbst] das Leben!
33 Um derentwillen wir nach Herrschaft, Genüssen und Freuden verlangen, eben die stehen im Kampf [uns gegenüber], Leben und Habe hingebend:
34 Lehrer, Väter, Söhne und Großväter, Mutterbrüder, Schwäger, Enkel, Schwager und [sonstige] Verwandte.
35 Die will ich nicht töten, ob sie auch [mich] töten, o Madhu-Vernichter, selbst [nicht] um der Herrschaft über die drei Welten willen; wie viel weniger [allein] der Erde wegen!
36 Welche Freude kann uns zuteil werden, wenn wir die Angehörigen Dhritarashtras umbringen, o Bedränger der Menschen? Nur Sünde wird an uns haften, wenn wir diese töten, die [uns] nach dem Leben trachten.
37 Darum dürfen wir nicht die Angehörigen Dhritarashtras samt ihrer Sippe töten; denn wie könnten wir glücklich sein, nachdem wir unsere Anverwandten umgebracht haben, o Madhava?
38 Wenn auch jene mit ihrem von Habsucht erfüllten Sinn nicht das Verbrechen erkennen, das durch die Vernichtung der Familie begangen wird, und die Schuld, die in dem an Freunden geübten Verrat liegt,
39 Wie sollten wir nicht verstehen, von dieser Sünde uns frei zu halten, die wir das Verbrechen erkennen, das durch die Vernichtung der Familie begangen wird, o Bedränger der Menschen?
40 Mit der Vernichtung der Familie gehen die von Ewigkeit her bestehenden heiligen Bräuche der Familie zugrunde; und wenn der heilige Brauch zugrunde gegangen ist, dringt Gesetzlosigkeit in die ganze Familie ein19;
41 Infolge des Eindringens der Gesetzlosigkeit werden [auch], o Krishna, die Frauen der Familie verdorben; [und] wenn die Frauen verdorben sind, so entsteht Vermischung der Kasten, o Sproß des Vrishni.
42 [Solche] Vermischung [aber] führt die Vernichter der Familie und die Familie [selbst] zur Hölle; denn ihre Ahnen, die der Manenklöße und der Wasserspenden verlustig gehen20, fahren [aus dem Himmel] nieder [zur Hölle].
43 Durch diese Kastenvermischung bewirkenden Sünden der Familienvernichter werden die seit Ewigkeit geltenden heiligen Bräuche der Kaste und der Familie vertilgt;
44 Und daß der Aufenthalt in der Hölle sicher denjenigen Menschen beschieden ist, deren heilige Familienbräuche zugrunde gegangen sind, o Bedränger der Menschen, haben wir [aus der heiligen Überlieferung] gelernt.
45 Wehe! Wir waren Willens eine große Sünde zu begehen, als wir im Begriff standen, aus Begierde nach den Freuden der Herrschaft unsere Anverwandten zu töten.
46 Wenn die Angehörigen Dhritarashtras mit den Waffen in der Hand mich als widerstands- und waffenlosen im Kampf töteten, das würde mir lieber sein.
Samjaya sprach:
47 Nach diesen Worten setzte sich Arjuna in der [schon begonnenen] Schlacht in den Schoß des Wagens nieder, den Bogen samt den Pfeilen fallen lassend, mit von Kummer erregtem Herzen.
Samjaya sprach:
1 Zu ihm, der so von Mitleid erfüllt mit tränenvollen, trüben Augen verzagte, sprach der Madhutöter folgende Worte:
Der Erhabene sprach:
2 Woher ist dieser Kleinmut in der Gefahr über dich gekommen, der Edlen mißfällt, den Weg zum Himmel verschließt und Schande bringt, o Arjuna?
3 Werde nicht unmännlich, o Sohn der Pritha; das ziemt sich nicht für dich. Die niedrige Schwäche des Herzens wirf von dir und erhebe dich, o Bedränger der Feinde.
Arjuna sprach:
4 Wie soll ich Bhishma und Drona in der Schlacht, o Madhutöter, mit Pfeilen bekämpfen, die verehrungswürdigen, o Feindetöter?
5 Besser ist es ja, die hochwürdigen Lehrer nicht zu töten und selbst von Almosen in dieser Welt zu leben; wenn ich aber hier die Lehrer, ob sie auch nach Reichtum gierig sind, tötete, so würde ich blutbesudelte Speisen essen.
6 Auch wissen wir folgendes nicht: was uns lieber sein müßte, ob wir siegen oder ob sie uns besiegen; [denn] diejenigen, nach deren Tötung wir nicht [weiter] zu leben wünschen, stehen uns gegenüber, die Söhne Dhritarashtras.
7 Da mein Herz von schlimmer Ratlosigkeit heimgesucht und mein Sinn im Unklaren über die Pflicht ist, so frage ich dich. Was mit Sicherheit das bessere sein würde, das sage mir; ich bin dein Schüler; belehre mich, der ich bei dir Hilfe suche.
8 Denn ich erkenne nicht, was meinen Kummer vertreiben könnte, der [mir] die Sinne verdorren lassen würde, wenn ich [durch das Unrecht des Verwandtenmordes] auf Erden ein unangefochtenes, gedeihendes Königreich und selbst die Herrschaft über die Götter erlangt haben sollte.
Samjaya sprach:
9 Nach diesen Worten sagte Gudakesha, der Bedränger der Feinde, zu Hrishikesha, dem Herdenerbeuter: »Ich werde nicht kämpfen« und schwieg dann still.
10 [Da] sprach Hrishikesha lächelnd, o Nachkomme des Bharata, zu ihm, der zwischen den beiden Heeren verzagte, folgende Worte:
Der Erhabene sprach:
11 Du klagtest um die, welche nicht zu beklagen sind, und redest [doch] verständige Worte. Weise klagen weder um Tote noch um Lebende.
12 Niemals war ich nicht, noch du, noch diese Fürsten, noch werden wir alle in Zukunft [jemals] nicht sein.
13 Ebenso wie der Geist in diesem Leib Kindheit, Jugend und Alter erfährt, so begibt er sich auch [nach dem Tod] in andre Leiber. Daran wird der Weise nicht irre.
14 Die Einflüsse der Materie aber, o Sohn der Kunti, die Kälte und Hitze, Freude und Schmerz bewirken, kommen und gehen und sind nicht von Dauer; die ertrage geduldig, o Nachkomme des Bharata.
15 Denn der weise Mann, den diese [Einflüsse] nicht beunruhigen, o bester der Männer, weil Schmerz und Freude ihm gleich gelten, wird der Unsterblichkeit teilhaftig.
16 Dem Nichtseienden wird keine Existenz zuteil dem Seienden keine Nichtexistenz; die Grenze zwischen diesen beiden ist denen bekannt, welche die Wahrheit schauen.
17 Unvergänglich aber, wisse, ist dasjenige, von dem dieses All durchdrungen ist; den Untergang dieses Unveränderlichen kann Niemand bewirken.
18 Es vergehen bekanntlich diese Leiber des ewigen, unvergänglichen und unermeßlichen [zugleich unerkennbaren] Geistes. Darum kämpfe, o Nachkomme des Bharata!
19 Wer diesen [den Geist] für einen Töter hält und wer meint, daß er getötet werde, die beide erkennen ihn nicht. Er tötet nicht und wird nicht getötet.
20 Er wird nicht geboren noch stirbt er jemals, er ist nicht geworden, noch wird er in Zukunft nicht mehr sein. Ungeboren, beständig, ewig, uranfänglich wird er nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.
21 Wer diesen als unvernichtbar, ewig, ungeboren und unvergänglich kennt, wie und wen kann der Mann, o Sohn der Pritha, töten lassen, wen töten?
22 Gleichwie der Mensch abgenutzte Kleider ablegt und andere neue anzieht, so legt der Geist die abgenutzten Körper ab und geht in andere neue ein.
23 Waffen verwunden ihn nicht, das Feuer verbrennt ihn nicht, das Wasser benetzt ihn nicht, der Wind trocknet ihn nicht.
24 Nicht zu verwunden ist er und nicht zu verbrennen, nicht zu benetzen und nicht zu trocknen; beständig, allgegenwärtig, fest, unwandelbar und ewig ist er;
25 Nichtwahrnehmbar, unergründlich und unveränderlich heißt er. Darum, wenn du ihn so erkannt hast, darfst du um ihn nicht trauern.
26 Aber auch, wenn du meinst, daß er beständig geboren werde und beständig sterbe, darfst du doch, o Starkarmiger, ihn nicht beklagen.
27 Denn dem Geborenen ist das Sterben sicher, und ebenso dem Gestorbenen das Geborenwerden. Deshalb darfst du nicht um eine Sache klagen, die unvermeidlich ist.
28 Nichtwahrnehmbar ist der Ursprung der Wesen, wahrnehmbar ihr [Zustand in der] Mitte, o Nachkomme des Bharata, nichtwahrnehmbar ihr Ende. Warum also über sie jammern?
29 Der Eine schaut auf ihn [d. h. auf den Geist] als auf ein Wunder, ein Andrer spricht ebenso von ihm als einem Wunder, ein Andrer hört von ihm als einem Wunder; wenn er aber auch von ihm gehört hat, so kennt ihn doch Keiner.
30 Dieser Geist in eines Jeden Leib ist ewig unvertilgbar, o Nachkomme des Bharata. Darum darfst du die Wesen allesamt nicht beklagen.
31 Und ebenso wenig darfst du, wenn du deine Pflicht im Auge behältst, erzittern; denn etwas anderes, das für den Krieger besser wäre, als ein gerechter Kampf, gibt es nicht.
32 Glücklich die Krieger, o Sohn der Pritha, die eines solchen, ihnen von selbst [ohne eignes Zutun] sich bietenden Kampfes teilhaftig werden, der [für sie] das geöffnete Tor des Himmels ist!
33 Wenn du aber in diesem gerechten Krieg nicht kämpfen willst, dann wirst du deine Pflicht und deinen Ruhm preisgeben und einen Makel auf dich laden;
34 Und die Wesen werden von deiner unvergänglichen Schande erzählen. Und für einen, der in Ehren steht, wiegt die Schande schwerer als der Tod.
35 Daß du aus Furcht vom Kampf abgestanden seiest, werden die großen Krieger meinen; und bei denen du hoch geachtet warst, wirst du klein dastehen.
36 Und viele Worte, die nicht gesprochen werden sollten, werden deine Feinde [von dir] reden, indem sie deine Tüchtigkeit verspotten. Was gibt es wohl schmerzlicheres als das?
37 Entweder wirst du getötet werden und in den Himmel gelangen, oder siegen und die Erde beherrschen. Deshalb erhebe dich, o Sohn der Kunti, zum Kampf entschlossen.
38 Freude und Schmerz, Gewinn und Verlust, Sieg und Nieder lage für gleich erachtend, rüste dich also zum Kampf;so wirst du keinen Makel auf dich laden.
39 Diese Anschauung ist dir in der Samkhya-Lehre dargestellt; [nun] aber vernimm die in der Yoga-Lehre enthaltene Anschauung, der ergeben du dich von den Banden des Werks21 befreien wirst, o Sohn der Pritha.
40 Hier [in der Übung des Yoga] gibt es keinen Untergang des begonnenen Strebens, noch findet eine Abnahme [desselben] statt22; selbst ein klein wenig von diesem heiligen Brauch schützt vor großer Gefahr23.
41 Hier gibt es nur einen, in Entschlossenheit sich äußernden Gedanken, o Sproß des Kuru; denn vielverzweigt und endlos sind die Gedanken der unentschlossenen.
42 Der in Entschlossenheit sich äußernde Gedanke richtet sich bis nicht auf die Versenkung bei den an Genüssen und Macht
44 hängenden, deren Sinn abgezogen wird durch jene blumige Rede, welche Unverständige, am Vedawort sich freuend, im Munde führen, o Sohn der Pritha, »Nichts anderes gibt es« sprechend, von Begierden erfüllt und nach der Himmelswelt strebend, – [jene blumige Rede,] die als Lohn der [frommen] Werke eine [neue] Geburt [in besseren Welten] verheißt und voll ist von [Vorschriften über] bestimmte Handlungen zum Zweck der Erlangung von Genüssen und Macht.
45 Die Vedas beziehen sich auf die drei Gunas [d. h. auf die materielle Welt]; du [aber], o Arjuna, sei gleichgültig gegen die drei Gunas, gleichgültig gegen die Gegensätze [Freude und Schmerz usw.], immerdar standhaft im Mut, unbekümmert um Erwerb und Erhaltung des Besitzes, und übe Selbstbeherrschung.
46 So viel Nutzen, als ein Sammelteich bietet, in den von allen Seiten das Wasser zusammenströmt, zieht ein kluger Brahmane aus sämtlichen Vedas.
47 Dein Interesse [aber] sei nur auf das Handeln gerichtet, niemals auf [dessen] Früchte. Laß dich nicht durch die Früchte des Handelns bestimmen, [aber] neige [auch] nicht zur Untätigkeit.
48 In Ergebung (yoga) vollbringe deine Werke, laß [allen] Hang [nach Sinnesfreuden] fahren, o Schätzeerbeuter, und bleibe im Gelingen und Mißlingen der gleiche. Gleichmut heißt »Ergebung«.
49 Denn weit weniger gilt das Handeln als die Ergebung des Herzens, o Schätzeerbeuter. In deinem Herzen suche Schutz. Elend sind die, welche sich [in ihrem Handeln] durch die Früchte bestimmen lassen.
50 Wer die Ergebung des Herzens besitzt, achtet hier [in diesem Leben] beides nicht, weder Verdienst noch Schuld. Darum befleißige dich der Ergebung. Ergebung bedeutet Geschicklichkeit zu [allen] Werken.
51 Denn die Weisen, welche die Ergebung des Herzens besitzen, lassen die Frucht, die aus den Werken hervorgeht, unbeachtet und, befreit von den Banden der Wiedergeburt, gelangen sie zu der Stätte, wo es kein Leid gibt.
52 Wenn dein Herz über das Wirrsal der Betörung hinaus sein wird, dann wirst du überdrüssig sein [alles] dessen, was du [an religiöser Überlieferung] hören wirst und gehört hast.
53 Wenn dein Herz, an der Überlieferung irre geworden [und sich von ihr abwendend], fest und unerschütterlich in der Vertiefung beharren wird, dann wirst du die Ergebung erreichen.
Arjuna sprach:
54 Was ist von dem zu sagen, der von festgegründeter Weisheit ist und in der Vertiefung beharrt, o Schönhaariger? Wie soll Jemand, dessen Einsicht festgegründet ist, sprechen? wie sitzen? wie gehen?
Der Erhabene sprach:
55 Wenn Jemand alle Wünsche, die in seinem Herzen ruhen, fahren läßt, o Sohn der Pritha, in sich selbst und durch sich selbst befriedigt, dann heißt er einer, dessen Weisheit festgegründet ist.
56 Wessen Herz in Schmerzen nicht erzittert, wer frei ist vom Verlangen nach Freuden, frei von Begier, Furcht und Zorn, der heißt ein Weiser, dessen Einsicht festgegründet ist.
57 Wer allem ohne Verlangen gegenübersteht und, was ihm auch von angenehmen oder unangenehmen Dingen zuteil werde, weder Freude noch Abneigung empfindet, dessen Weisheit ist von Bestand.
58 Und wenn dieser seine Sinne allerwärts von den Sinnesobjekten zurückzieht, gleichwie eine Schildkröte ihre Glieder [einzieht], so ist seine Weisheit von Bestand.
59 Die Objekte schwinden für den fastenden Menschen; nur der Geschmack bleibt (rasa-varjam); [aber] auch der Geschmack schwindet, wenn er den Höchsten erschaut.
60 Das Herz selbst des [nach Erlösung] strebenden, einsichtsvollen Menschen, o Sohn der Kunti, reißen ja die aufregenden Sinne gewaltsam fort;
61 Diese alle zügele man [deshalb] und verharre in Ergebung, ganz mit mir beschäftigt24; denn wer die Sinne in seiner Gewalt hält, dessen Weisheit ist von Bestand.
62 Bei dem Mann, der über die Objekte nachdenkt, entsteht der Hang zu ihnen, aus dem Hang geht die Begierde hervor, aus der Begierde entsteht der Zorn,
63 Aus dem Zorn entspringt die Betörung, aus der Betörung die Verwirrung des Gedächtnisses, aus der Störung des Gedächtnisses der Verlust der Vernunft, und infolge des Verlustes der Vernunft geht man zugrunde.
64 Wer aber, sich selbst beherrschend, an die Objekte herantritt mit Sinnen, die frei sind von Begierde und Abneigung und in seiner Gewalt stehen, der gelangt zum Frieden.
65 Im Frieden wird ihm die Befreiung von allen Schmerzen zu teil; denn bei dem, dessen Herz zum Frieden gelangt ist, befestigt sich schnell die Einsicht.
66 Einsicht ist nicht Sache des Nicht-ergebenen, noch ist Meditation Sache des Nicht-ergebenen; und Ruhe wird nicht demjenigen zu teil, der nicht meditiert.Wie [aber] gibt es Glück für einen Ruhelosen?
67 Denn wessen Herz sich nach den umherschweifenden Sinnen richtet, dem reißt es den Verstand fort, gleichwie der Wind ein Schiff auf dem Wasser.
68 Wer seine Sinne deshalb, o Starkarmiger, allerwärts von den Sinnesobjekten zurückhält, dessen Weisheit ist von Bestand.
69 Wo es Nacht für alle Wesen ist, da wacht der Selbstbeherrschung übende; wo die Wesen wachen, da ist es Nacht für den erkennenden Weisen25.
70 Gleichwie das Wasser [der Flüsse] im Meer aufgeht, das trotz des Zuströmens fest in seinen Grenzen bleibt, so gelangt derjenige, in welchem alle Wünsche aufgehen, zur Ruhe; [aber] nicht derjenige, welcher Wünsche hegt.
71 Der Mann, der alle Wünsche fahren läßt und ohne Verlangen, ohne Eigennutz und ohne Selbstsucht dahinlebt gelangt zur Ruhe.
72 Dies ist der Zustand des Brahman, o Sohn der Pritha.Wenn man diesen erreicht hat, gerät man nicht [mehr] in Verwirrung; und wenn man sich in ihm in der Todesstunde befindet, so wird man des Aufgehens in das Brahman (brahmanirvana) teilhaft.
Arjuna sprach:
1 Wenn nach deiner Meinung die Einsicht höher steht als das Werk, o Bedränger der Menschen, warum treibst du mich dann zu einem so furchtbaren Werk an, o Schönhaariger?
2 Mit so verschiedensinniger Rede verwirrst du mir gewissermaßen den Verstand. Darum nenne mir das eine bestimmt, wodurch ich zum Heil gelangen kann.
Der Erhabene sprach:
3 Daß es in dieser Welt zwei verschiedene Wege zur Vollendung gibt, ist [schon] vorher von mir erklärt worden, o Schuldloser: der der Samkhyas vermittels der Erkenntnis, der der Yogins vermittels des Handelns.
4 [Aber] weder gelangt der Mensch dadurch, daß er keine Werke unternimmt, in [den Zustand der] Werklosigkeit, noch erreicht er die Vollkommenheit durch bloße Weltflucht.
5 Denn niemals verharrt Jemand auch nur einen Augenblick, ohne Werke zu vollbringen; ohne es zu wollen wird ein Jeder ja von den materiellen Gunas zur Ausübung von Werken angetrieben.
6 Wer die Sinne des Handelns26 im Zaum hält und [dabei doch] fortfährt mit seinem inneren Sinn törichten Herzens an die Sinnesobjekte zu denken, der wird ein Heuchler genannt.
7 Wer aber die [äußeren] Sinne durch den inneren Sinn zügelt und, o Arjuna, die Ausübung der Werke (karmayoga) mit den Sinnen des Handelns vornimmt ohne Hang [zum Erfolg], der ragt hoch empor.
8 Vollziehe du das notwendige Werk27. Tätigkeit ist besser als Untätigkeit, und selbst die Erhaltung des Körpers gelingt dir nicht, wenn du untätig bist.
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