Fossier, Robert Das Leben im Mittelalter

PIPER

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Übersetzung aus dem Französischen von Michael Bayer, Enrico Heinemann und Reiner Pfleiderer

ISBN 978-3-492-97395-3

Dezember 2016

© Librairie Arthème Fayard, Paris, 2007

Titel der französischen Originalausgabe »Ces gens du Moyen Âge«

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2008, 2016 Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: Ullstein Bild

Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe

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Vorwort

»Wir, die Menschen des Mittelalters, wussten das alles«, legt ein Autor aus dem letzten Jahrhundert einer seiner Figuren in den Mund. Dieser launige Satz mag Gebildete zum Schmunzeln bringen, aber was ist mit den Unwissenden? Mit denen, für die das Mittelalter nur ein weites Gebiet mit vage umrissenen Konturen ist? Deren kollektives Gedächtnis Könige, Mönche, Ritter und Kaufleute aufmarschieren lässt, Männer und Frauen, die sich zwischen Kathedralen und Trutzburgen tummeln, in einer von Blutdurst, religiöser Inbrunst und Banketten geprägten – »mittelalterlichen« – Kultur? Und was ist mit den Politikern, Journalisten und Medienleuten, die auf Podien steigen und apodiktische Urteile über eine Zeit fällen, von der sie meistens keine Ahnung haben?

Sie alle hängen wohl noch immer der Vorstellung vom »finsteren Mittelalter« an, der wir hier ein vorurteilsfreies Bild entgegensetzen wollen.

Vor mehreren Jahrzehnten spotteten Lucien Febvre und nach ihm, etwas weniger boshaft, Fernand Braudel über den Anspruch, eine im Wandel begriffene Bevölkerung in einer Zeitspanne von tausend Jahren erforschen und beschreiben zu wollen. Sie stimmten darin überein, dass das Terrain der Geschichte getreu Marc Blochs solider Definition aus den menschlichen Verhältnissen, dem Menschen und seiner Gesellschaft bestehe, glaubten aber nicht daran, dass man in einem so großen Zeitraum aussagefähige Urbilder finden könne. Für sie existierte der »mittelalterliche Mensch« nicht. Dennoch wählte vor ungefähr zwanzig Jahren Jacques Le Goff diesen Ausdruck (L``homme médiéval) als Titel für ein Buch, das er mit den Essays von zehn weiteren renommierten Historikern herausgab. Dabei umging er geschickt die Verallgemeinerung, indem er – wie in einer Bildergalerie – »soziale Grundtypen« Revue passieren ließ: den Mönch, den Krieger, den Bürger, den Bauern, den Gelehrten, den Künstler, den Händler, den Heiligen, den an den Rand Gedrängten…und die Frau in der Familie. Die Porträts verdankten ihre künstlerische Frische und Lebendigkeit den verfügbaren Quellen zur damaligen Wirtschaft und Gesellschaft, den Heldensagen und der Phantasie sowie der besonderen Art ihrer Darstellung. Die entstandene Typologie des mittelalterlichen Menschen schafft einen äußeren Rahmen, der uns heute einen leichten Zugang bietet und Elemente umfasst, die auch die drängenden Probleme unserer Zeit beleuchten.

Mein Ansatz ist ein anderer. Warum auch dieses Fresko erweitern oder gar korrigieren, indem man andere »Typen« darstellt oder Differenzierungen und neue Aspekte einführt? Eine solche Arbeit wäre uferlos, mühselig und wenig hilfreich. Im Übrigen fehlte mir hier auch die Kompetenz. Dagegen fällt mir auf, dass die Menschen, die in dem besagten Werk oder in anderen, weniger ehrgeizigen Unternehmungen beschrieben werden, unabhängig von ihrer Herkunft – und ohne dass die Verfasser darüber überrascht erscheinen – gar nicht so anders sind als wir: Sie essen, schlafen, bewegen sich fort, verrichten ihre Notdurft, haben Geschlechtsverkehr und denken sogar ähnlich wie wir: Auch wir gebrauchen beim Essen unsere Hände, bedecken unsere Blöße, haben Sex, schützen uns möglichst vor dem Regen, lachen und weinen, schreien herum – wie die Menschen zur Zeit Karls des Großen, Ludwigs des Heiligen oder Napoleons. Natürlich bin ich mir bewusst, dass es in den verschiedenen Epochen Unterschiede im Alltag, im Denken und in den Moden gibt. Aber wenn man den Menschen, den von gestern wie von heute, in seinem normalen Leben betrachtet, wird er zu einem Säugetier, das auf zwei Beinen geht und Sauerstoff, Wasser, Kalzium und Proteine braucht, um auf seinem aus Eisen und Nickel bestehenden Planeten zu überleben, der zu Zweidritteln von Salzwasser und zu einem Drittel von einem uferlosen Grün bedeckt ist, in dem sich Milliarden weiterer Arten tummeln. Kurz, der Homo sapiens ist »eine Kreatur«. Und als solche interessiert er mich. Lucien Febvre glaubte zu Unrecht, dass zehn oder zwölf Jahrhunderte dies hätten ändern können.

Der Leser mag diese Äußerungen als provokant empfinden und aufgebracht reagieren. Aber gerade eine solche Empörung illustriert auf wunderbare Weise meinen Standpunkt. Sein Widerwille zeugt in der Tat davon, dass er sich von der Grundvorstellung seines Denkens nicht frei machen kann: dass der Mensch, da vom göttlichen Geist gewollt, ein ganz besonderes Wesen oder, wenn man das genannte religiöse Postulat zurückweist, ein höher begabtes Tier sei. Aber wer sähe denn nicht, dass der Mensch ständig vom Wasser, von Dschungeln und angriffslustigen Tieren bedroht ist, dass er permanent ums Überleben kämpft und in der endlos langen Geschichte seines Planeten vielleicht nicht mehr Spuren hinterlassen wird als einst die Latimeria oder die Dinosaurier vor Millionen von Jahren. Seien wir also bescheidener und hören wir auf, uns selbstgefällig im Spiegel zu betrachten.

Ich versuche »Gewissheiten« ins Wanken zu bringen und hoffe, den Leser zu einer kritischen Überprüfung von Standpunkten zu bewegen, auch auf die Gefahr hin, dass er sie am Ende bestätigt sieht. Ich täusche mich keineswegs darüber hinweg, dass meine Ausführungen Schwächen aufweisen. Die wichtigste besteht darin, dass ich die Kreatur, die ich in ihrer Körperlichkeit mit ihrer Seele und ihrem Gehirn in ihrer Umgebung zu zeichnen versuche, in dem eng abgesteckten Rahmen derjenigen Quellen, die mir verfügbar und zugänglich sind, umreißen muss. Mir fehlt die Kompetenz, um den Menschen an den Fallbeispielen des altägyptischen Fellachen, des tibetischen Mönchs, des Versailler Höflings oder des Minenarbeiters aus Zolas Germinal zu beschreiben. Ich fühle mich nur im Mittelalter einigermaßen zu Hause. Von Berufs wegen musste ich mich mit den Athener Schildträgern und den Kürassieren von Reichshoffen nur für kurze Zeit auseinandersetzen. Das »Mittelalter« hat nun wie jede andere Epoche in der abenteuerlichen Geschichte der Menschheit seine Besonderheiten, die natürlich auch zur Sprache kommen werden, damit ich mir nicht den posthumen Zorn Lucien Lebvres zuziehe. Auch müssen wir uns über den Begriff »Mittelalter« verständigen, ein akademischer Ausdruck, der im französischen Sprachraum – als Le Moyen Âge – von Guizot oder Bossuet geprägt wurde. Handelt es sich um eine Ära mit besonderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Merkmalen? Um den marxschen »Feudalismus«? Aber wie speist man »feudalistisch«? Oder geht es um die Zeit, in der das streitende Christentum seinen Siegeszug antritt? Aber was hat das Antoniusfeuer – die halluzinogene Wirkung der Mutterkorn-Vergiftung – mit dem Johannes-Evangelium zu tun? Brechen wir einen Streit, der müßig wäre, an dieser Stelle ab. Meine Quellen und auch die Mehrheit der wissenschaftlichen Arbeiten, die ich hier verwerten oder auf die ich mich berufen werde, betreffen die Zeit zwischen Karl dem Großen und Franz I. von Frankreich. Ich stütze mich hier wie alle anderen und mit den gleichen fragwürdigen Argumenten hauptsächlich auf den Zeitraum vom 12. bis zum 14. Jahrhundert, auf das Zeitalter der »Bankette« und »mittelalterlichen« Festprozessionen, die von eifrigen Bürgern organisiert werden. Auch stammen meine Beispiele hauptsächlich aus Frankreich, vor allem aus dem Nordfrankreich, das mir besonders vertraut ist.

Und damit endet mein Versuch noch nicht, voreilige Kritik abzuwehren. Der Mensch, von dem ich rede, ist weder Ritter noch Mönch, weder Bischof noch »Großer« und auch nicht unbedingt Bürger, Kaufmann, Grundherr oder Gelehrter. Es geht vielmehr um den Menschen, der vom Regen, vom Wolf und vom Wein umgetrieben wird, vom Feuer, der Hacke, dem Nachbarn, der Predigt oder dem Segen, kurz, von all dem, das, wenn überhaupt, dann nur gelegentlich oder am Rand und stets unter dem Blickwinkel der politischen Institutionen, gesellschaftlichen Hierarchien, juristischen Regeln oder Glaubensgebote zur Sprache kommt. Was hier geboten wird, ist folglich kein Exposé zur Wirtschaftsweise des Mittelalters, keine Darstellung der Techniken, keine Schilderung von Klassenkämpfen, sondern nur eine Darstellung des kleinen Mannes im Alltag.

Und noch ein letztes Wort: Bei fast allen Aspekten habe ich bei anderen geschöpft, ohne sie explizit zu nennen. Aber, wie man so schön sagt, sie sind auch ohne Nachweis zu erkennen. Ab und zu fließen meine eigenen Anschauungen zur Bedeutung des »Natürlichen« und zum »Elend« des Menschen mit ein. Für sie übernehme ich ebenso die Verantwortung wie dafür, dass ich bei den zeitlichen Abläufen und den geografischen Verhältnissen Dinge zusammengefasst, vereinfacht und verallgemeinert darstelle – womit ich sicherlich die »Experten« gegen mich aufbringen werde. Aber diesen Preis hat jeder Streifzug durch die Geschichte.

Habe ich mein Ziel umrissen? Dann muss ich es nur noch erreichen.

Erster Teil

Der Mensch und die Welt

 

Hier also steht ein beseeltes Wesen, das normalerweise in einer Umgebung aus Luft lebt, die aus Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff besteht. Es gehört zum Stamm der Wirbeltiere und ist ein Säugetier, das sich in einem regelmäßigen Zyklus fortpflanzt, wobei zwei Individuen verschiedenen Geschlechts zueinanderfinden müssen. Um nachzuvollziehen, auf welchen Wegen dieses Wesen, der Mensch, sich dank seiner Intelligenz allmählich einen – wenn auch nur winzig kleinen – Teil der Schöpfung untertan gemacht hat, muss man sich zwangsläufig mit seinen Wurzeln und den Etappen seiner Entwicklung befassen. Heute herrschen sogar unter denjenigen, die sich mit gebotener Bescheidenheit und Demut an das Problem heranwagen, Unsicherheit und Streit: Wortreich führen sie angesichts des Dunkels, in dem sich unsere Vergangenheit von vor Hunderten von Millionen Jahren verliert, eine Auseinandersetzung um die Frage, wie sich aus einer Art Affe ein so geniales Wesen wie beispielsweise Sigmund Freud entwickeln konnte.

Derlei Fragen lagen den Menschen des Mittelalters allerdings fern, wie auch denen der nachfolgenden Jahrhunderte bis fast in unsere Zeit hinein: Für sie war der Mensch das Werk eines Schöpfers, der ihn im Anschluss an die übrige Welt als Krone seines Werkes nach seinem Ebenbild erschaffen hatte. Die Frau entstand dabei nach dem Mann, als eine Art Korrektur, obwohl dieser doch hätte vollkommen sein sollen. Birgt diese Sicht vom Ursprung des Menschen keinerlei Probleme? Sind alle Unzulänglichkeiten, die man am Menschen entdeckt, zwangsläufig eine Strafe Gottes für den Sündenfall? Das bleibt abzuwarten.

Ein schonungsloser Blick auf den Menschen

Der Leser mache sich – eine zugegebenermaßen schwierige Aufgabe – von den traditionellen Klischees frei und versuche, das Wesen des Menschen zu beschreiben und einzuschätzen.

Ein zerbrechliches Wesen

Eine von der Natur benachteiligte Kreatur

Diese – möglicherweise schockierende – Überschrift ist das Ergebnis archäologischer, philologischer, physikalischer und zoologischer Beobachtungen: gewonnen anhand von Leichen, die intakt aus dem Eis oder dem Torf geborgen wurden, von Mumien Heiliger oder großer Persönlichkeiten, von Skeletten, die, vollständig oder teilweise erhalten, in Nekropolen auftauchten, und von Überbleibseln von Gewändern und Werkzeugen, deren Fundort, Entstehungszeit und Erhaltungszustand hier Details ohne Belang sind. Von diesen Überresten, die unbestreitbar Aufschlüsse geben, unterscheiden sich die – gemalten und gehauenen – bildhaften Darstellungen allenfalls dadurch, dass in ihnen Einzelaspekte hervortreten: so Gebärden, Größenverhältnisse oder Blicke. Die Unterschiede zu unseren Zeitgenossen sind vernünftigerweise zu vernachlässigen: Die Menschen des Mittelalters zeichneten sich, nach ihren Dingen des täglichen Gebrauchs zu urteilen, durch eine kleinere Statur, aber auch durch größere Muskelkraft aus, wie die Großtaten des Ritters oder des Holzfällers illustrieren. Eine Frage der Ernährung? Oder der Lebensart? Und wer könnte übrigens auf einem Friedhof das Schienbein eines stämmigen Leibeigenen von dem eines kränklichen Lehnsherrn unterscheiden?

Hören wir also auf, uns mit Entzücken selbst zu betrachten, wie wir es, die Frauen mehr als die Männer, seit Jahrtausenden tun. Gestehen wir vielmehr ein, dass der Mensch eine hässliche und schwache Kreatur ist. Zwar könnten gewisse Kurven und Rundungen – nach unseren jeweiligen Schönheitskriterien, wohlgemerkt – durchaus als anmutig gelten, doch vieles an unserem Körper ist plump oder nachgerade lächerlich: unsere Füße mit den nutzlosen Zehen, unsere gefältelten und fast unbeweglichen Ohren, unser im Vergleich zum Gesamtkörper viel zu kleiner Kopf (die griechischen Bildhauer haben dies aus Liebe zur Harmonie in ihren Darstellungen gerne korrigiert), der Geschlechtsapparat des Mannes oder die Brüste der Frau! Nur eine Frage der Ästhetik? Und noch schlimmer: Als zweibeiniger Sohlengänger ist der Mensch beim Gehen, Laufen und Springen dem Vierbeiner gegenüber deutlich im Nachteil. Über seine verkümmerten und schwach ausgebildeten vorderen Extremitäten kann jedes Landraubtier nur lachen. Die stumpfen Zähne seines Gebisses sind fast so unbrauchbar wie seine zu Nägeln umgebildeten Krallen. Seine dürftige Behaarung schützt gegen keine Laune des Himmels. Die Stellungen, die ihm sein Geschlechtsakt abnötigt, sind grotesk, auch wenn er sie mit zahlreichen Säugern teilt. Mit zunehmendem Alter schrumpft er, erschlafft sein Fleisch, lassen die Organe ihn im Stich. Schlimmer noch schlagen seine dürftig ausgebildeten Sinnesorgane zu Buche: Er ist eher kurzsichtig und fast nachtblind. Von den Lauten oder Schallwellen in seiner Umgebung nimmt er nur einen Bruchteil wahr. Sein Geruchssinn ist dürftig und sein Tastsinn erbärmlich. Dass sein Fleisch fade und versalzen schmeckt und sein Geruch widerlich ist, lässt sich zwar nur aus den Reaktionen anderer Tiere erschließen, doch sind dies gerade jene, die uns mit ihrer Anmut, ihrer Geschmeidigkeit, ihrem scharfen Sehvermögen und hervorragenden Gehörsinn in Staunen und Entzücken versetzen: der Kreise ziehende Raubvogel, der in der Strömung stehende Fisch oder die zum Sprung ansetzende Katze. Wenn wir aufhörten, uns selbst zu bewundern, wäre die Sache ausgemacht: Die Schöpfung hat den Menschen geradezu stiefmütterlich behandelt. Gleichwohl…

Wie gleichwohl leugnen, dass er auf dem Teil der Erde, der über die Wasseroberfläche aufragt, tiefe Spuren hinterlassen hat? Angesichts seines dürftigen »Marschgepäcks« bedurfte es dazu schon einiger Besonderheiten. Geht man davon aus, dass es sich um eine vom Allmächtigen erschaffene ganz besondere Kreatur handelt, erübrigt sich dafür jede Erklärung. Und auch im Mittelalter wurde danach nicht gefragt: Dass es in der Welt Weiße, Schwarze und Gelbe, Kleine und Große, Gute und Schlechte, Genies und Dummköpfe sowie Christen, Juden und Muslime gab, dies alles entsprang einem höheren Plan, dessen Zweck dem Menschen hernieden verborgen blieb und ihm vielleicht erst in den Höhen offenbart würde. Folglich deutet auch nichts darauf hin, dass die Menschen in diesen Jahrhunderten nach den beiden Kriterien – einem positiven und einem negativen –, die ihre Spezies zum zoologischen Sonderfall machen, gesucht oder diese sogar entdeckt hätten. Als einzigartig betrachten sie heutzutage indes die allermeisten, außer vielleicht einige mit tieferen spirituellen Überzeugungen. Der Mensch ist das einzige Säugetier, dessen vordere Extremitäten vier Finger mit einem gegenständigen Daumen aufweisen. Dieses besondere Kennzeichen ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass er greifen, Feuer entfachen und Werkzeuge – vom Feuerstein bis zum Computer – herstellen und gebrauchen kann, die unstrittige Grundlage, die ihn aus der übrigen Tierwelt heraushebt. Als Meister des Feuers und Herr über das Ding ist er zugleich auch – als Kehrseite der Medaille – das einzige Säugetier, ja Lebewesen, das nur aus Hass oder Vergnügen zerstört oder tötet, ohne dass ihn dazu die Angst, der Hunger oder das geschlechtliche Bedürfnis treiben. Er ist das gefährlichste Raubtier und ein besonders gnadenloses dazu.

Ziemlich selbstzufrieden

Überzeugt, er sei ein Erzeugnis des göttlichen Willens, konnte der mittelalterliche Mensch all das Hässliche und Unzulängliche, das er um sich herum erblickte, nur darauf zurückführen, dass Gott seinen ursprünglichen Schöpfungsplan abgeändert hatte. Die körperlichen oder moralischen Unvollkommenheiten trugen so die Stigmata einer Unzufriedenheit des Schöpfers: Die schändliche Seele, der leidende Körper, das beschwerte Gewissen, all dies waren Zeichen der Sünde, die zwangsläufig »hässlich« oder gebrechlich machten und so auch beschrieben oder gemalt wurden. Die Darstellungen in der Kunst und die weltliche Literatur sprechen Bände: Die Juden, »Sarazenen« und Krüppel waren grundsätzlich »hässlich«: Fratzen, verwachsene Leiber, unförmige Gliedmaßen, widerliche Hautkrankheiten, zottige Körperbehaarungen und pechschwarze Flecken, Furcht einflößende Hakennasen, hervorquellende Augen und riesige Ohren. Derlei Züge machen gegen jedes Mitleid oder Verständnis gefeit. Die mittelalterliche Welt begegnete dem Benachteiligten ohne jedes Erbarmen: Man lachte über die Missgriffe des Blinden, stieß den Kranken aus und blickte auf den Schwachen herab. Juden und Ungläubige versuchte man erst gar nicht zu verstehen: Im besten Fall stießen sie auf Misstrauen und wurden gemieden, schlimmstenfalls starben sie im Pogrom oder durch das Schwert, das man ihnen »so tief es irgend geht, in den Bauch rammt«, wie König Ludwig der Heilige zu sagen pflegte. Zwar gab es auch, hauptsächlich von kirchlicher Seite, eine Bewegung der Solidarität. Aber die Barmherzigkeit beinhaltete nur selten auch Respekt. Sie äußerte sich höchstens im mitleidigen oder nachsichtigen Almosen. Die bescheidenen Anzeichen der Offenheit gegenüber dem anderen waren stets von Zurückhaltung, ja Schuldgefühlen geprägt. Denn die Opfer des göttlichen Zorns waren an ihrem Unglück selbst schuld, weil sie sich dem rechten Glauben verschlossen oder ihn gar verhöhnten. Der Weg zum Heil führte nicht über die Nächstenliebe, sondern über ein Leben im Glauben und in der Hoffnung. Lieber der Kirche einen Weinberg überlassen, als einem Leprakranken einen Kuss auf die Wange drücken. Und weil sich die literarischen oder künstlerischen Werke nur an die »anständigen Leute«, die Adligen bis zum 12. Jahrhundert und später auch an die »Bürger«, richteten, waren der feige Ritter, der raffgierige Geistliche oder der plumpe Bauer »hässlich« oder allenfalls lächerlich.

Die Vorstellungen von gut und böse, von schön und hässlich sind keineswegs universell. Wer dies verkennt, riskiert vielfach Enttäuschungen, und dies umso mehr heute, da wir mit anderen Kulturen und Denksystemen konfrontiert sind. Deren unterschiedliche Wertmaßstäbe machen uns, wie wohl auch die anderen, anfällig für schwere Fehleinschätzungen, negative Vorurteile und gefährliche Verwechslungen. Für die Christen des mittelalterlichen Abendlands, die lange in einem abgeschlossenen geografischen Raum mit einer ziemlich homogenen indoeuropäischen – keltischen, germanischen oder mediterranen – Bevölkerung lebten, war der Begriff des Schönen noch ziemlich einheitlich: der keltische Ritter und der römische Legionär, die griechische Aphrodite und die germanische Jungfer unterschieden sich nur in Nuancen: Der Kanon des Praxiteles oder des Apelles ähneln stark dem der Maler der Vorrenaissance oder der Gotik von Amiens: Eine Körpergröße von höchstens 1,75 Metern beim Mann, ein Kopf, der ein Siebtel vom Ganzen einnimmt, ein ovales Gesicht und flach in den Höhlen liegende Augen, eine hervorspringende Nase, schmale Lippen, helle, eher rosige als braune Haut, schlanke Finger und ein spärlich behaarter Körper, aber wallendes Haupthaar. Mir ist durchaus bewusst, dass es im Norden Europas eher große und im Süden eher dunkelhäutige Menschen gibt und dass im Westen und Süden die Köpfe eher rund sind als im Osten und Norden. Aber diese »ethnischen« Varianten sind gegenüber den Unterschieden zum semitischen, asiatischen oder afrikanischen Typus von eher untergeordneter Bedeutung. Dagegen fällt auf, dass die von den provenzalischen Dichtern oder nordfranzösischen Romanciers besungenen oder auf Fresken und Miniaturen verherrlichten Leitfiguren die oben beschriebenen Züge zeigen. Dies geht so weit, dass zuweilen sogar völlig anders gestaltete Modelle an sie angeglichen wurden.

Die Schönheit ist nämlich von Gott gewollt, und da der Schöpfer den Menschen nach seinem Ebenbild schuf, trägt dieser auch Gottes mutmaßliche Züge: Engel, Täufer und Jesus gleichen einander wie die diversen Jungfrauen, die über die Jahrhunderte hinweg die künstlerischen Darstellungen bevölkern. Daraus ergibt sich ein seltsamer Widerspruch: Jedermann weiß, dass der Vater, so die Heilige Schrift, im Kreise von Juden zu Fleisch werden wollte und dass die Propheten, die Apostel, ja Paulus selbst Juden und damit – nach den Kriterien des Abendlands – »hässlich« gewesen sein mussten. Dennoch trägt keine dargestellte Figur semitische Züge, weder Christus noch die Zwölf Apostel, die Erzengel oder die Vorläufer Christi. Vielmehr wurde die Wirklichkeit nach den Modellen vor Ort zurechtgestutzt – falls nicht davon ausgegangen wurde, dass sie keine »hässlichen« Juden mehr waren, da sie doch den echten Messias erkannt hatten.

Erkannte der Mensch trotzdem kleine Unterschiede?

Kaum trat der Mensch des Mittelalters aus seiner Welt des hellhäutigen Christen heraus, verließ ihn sein kritischer Geist. Zwar entdeckte er auch an einem Saladin oder Avicenna, ja an einem gelehrten Rabbiner mitunter eine Tugend, hatte dabei aber nur die moralischen Züge im Blick. Äußerlich betrachtet, waren alle »schwarz« wie die Nacht, wie das Unbekannte oder die Gefahr: Die Türken, die Sarazenen wie die Mongolen zeichneten sich alle durch eine schwarze Haut aus. Nur die Juden nicht, die, obgleich die Gottesmörder, mit Gott einen Bund geschlossen hatten und deswegen durchweg menschliche Züge trugen. Doch davon abgesehen sind die Kreaturen, die der Künstler von Vézelay schuf, die Jehan de Mandeville in Lüttich ersann oder diejenigen, denen der Missionar Giovanni dal Piano dei Carpini oder Marco Polo auf Reisen in Zentralasien begegneten, die reinsten Ungeheuer, ein wahres menschliches Bestiarium: missgestaltete Wesen mit riesigen Gliedmaßen, einer »wundersamen« Haut und Hörnern, mit bizarren Ohren, Füßen und Gesichtern, eine Mischung aus abendländischen Phantasmagorien und Gestalten aus den persischen, indischen und chinesischen Legenden.

Zurückgekehrt in seine vertraute Welt, war der Christ, der Menschen beschrieb, den erwähnten individuellen Unterschieden gegenüber durchaus aufgeschlossen und trotz seiner Leitbilder keineswegs blind. Aber seine Beschreibungen waren nur selten lebensecht oder plastisch. Der provenzalische Dichter, der nordfranzösische Romancier, der erzählende Ritter der Sage oder des »Heldenepos« interessierten sich für Statur, Frisur und Teint, landeten aber meistens im Gemeinplatz: Rotbart, güldenes Haar, scharlachrote Lippen, rosiger Teint, geschmeidige Muskeln und ein schlanker Wuchs. Und wenn der junge Mann aufs Pferd sprang oder die holde Magd dem Geliebten die Blume reichte, brach der bewundernde Kreis der »Freunde« in Jubel aus. Und da weder der Bauer beim Tagwerk noch der Weber in seinem Tun je beschrieben wurden, schweigt sich über sie auch der Historiker aus. Damit die Neugierde erwachte, brauchte es schon so phantastische Großtaten wie die der Gefährten Rolands oder der Gralshüter, die, auch wenn man eine außergewöhnliche Sportlichkeit unterstellt, Leistungen fernab jeder Glaubwürdigkeit erbrachten. Aber diese »Heldentaten«, die unter der kriegerischen Jugend Begeisterung entfachten, waren auch gar nicht als realistische Beschreibungen gedacht, sie dienten wohl eher der Belehrung.

Und schließlich galt die Aufmerksamkeit offenbar eher dem allgemeinen Verhalten des Individuums, wobei der Blickwinkel, wenn man so sagen darf, soziologisch statt physiologisch ausgerichtet war. So wurde beispielsweise die Fettleibigkeit eines Königs nicht deswegen beklagt, weil sie ein Zeichen der Völlerei war und seine Gesundheit gefährdete, sondern vielmehr, weil sie ihn bei der Ausübung seiner öffentlichen Funktion wie bei seinen Aktivitäten als Reiter und Krieger behinderte und somit eine Sünde, ein Fehler und ein »Unglück« bedeutete. Wichtig in diesem Zusammenhang war auch der Blick als Spiegel der Seele. Er verrät weitaus mehr als die Gebärden oder die Kleidung die Gefühle dessen, der beschrieben oder bildhaft dargestellt wurde. Zwar konnten kleine Besonderheiten der Zeit den Künstler beeinflussen: So fällt auf, dass die Figuren auf den Fresken und in den plastischen Bildwerken der Romanik selten lachen, als werde die Epoche von Angst beherrscht. Oft sind die Augen weit aufgerissen und furchtsam, gleichsam eine Widerspiegelung dieser uralten »Schrecken des Jahres 1000«, die heute so bemüht geleugnet oder verzerrt dargestellt werden. Friedlich wirken dagegen die entspannten Züge des frühgotischen Christustypus des Beau Dieu (»Schönen Gottes«) oder die heiteren Gesichter in den Miniaturen des 13. Jahrhunderts. Das »Lächeln von Reims« – der schützende Engel – ist kein Geniestreich des inspirierten Künstlers, sondern vielmehr das seiner Vorbilder.

Gleichwohl musste ein Chronist, der darauf achtete, seine Helden zu »positionieren«, diesen Besonderheiten abgewinnen. Da er wenig Wert auf die Form legte, suchte er nach einem Verhalten, bei dem das Körperliche das Moralische zum Ausdruck brachte oder illustrierte: Dabei griff er – auch unbewusst – auf Galen oder Hippokrates zurück: Nach ihnen hatte der Mensch ein »Temperament«, das sich aus dem besonderen Mischungsverhältnis der vier »Körpersäfte« (humores) ergab, eine in der antiken und später in der arabischen Medizin anerkannte Lehre: Der Held war phlegmatisch, melancholisch, cholerisch oder sanguinisch. Nach den Ursachen zu suchen war Sache der Ärzte, der Physiki, während sich der Dichter mit den Folgen im Alltagsleben oder in den gesellschaftlichen Beziehungen befasste: mit Blick auf die Ernährung, die Aktivitäten, die moralischen wie körperlichen Reaktionen – ein ganzes Spektrum an Tugenden und Lastern.

Ein letztes und heute gut erschlossenes Gebiet ist das Blut. Dass es im Mittelalter so häufig floss, ist dabei eher nebensächlich. Dagegen fällt auf, dass das Blutvergießen damalige Zuschauer kaum erschüttern konnte. Die Künstler zeigen Berge abgeschlagener Köpfe, aus denen das Blut schießt, die klaffenden Wunden Christi, in Blutlachen liegende abgehackte Gliedmaßen auf dem Schlachtfeld oder Rüstungen, aus denen Blutfontänen springen. Und die Dichter stehen dem in nichts nach: gespaltene Schädel, abgetrennte Arme, aufgeschlitzte Bäuche usw. Warum all dies Blut? Aus einer – zumindest teilweisen – Unkenntnis der Rolle, die das Blut im lebenden Organismus spielt? Oder waren die Menschen damals weniger schmerzempfindlich? Hatten sie angesichts des nahen, wahrscheinlichen und unausweichlichen Endes resigniert? Heutzutage löst nichts so starke Emotionen aus wie ein Blutvergießen, zumindest in einigen Teilen der Welt, zu denen zum Glück auch unserer gehört…Das Blut ließ auch die mittelalterlichen Menschen nicht kalt, aber sie sahen in ihm eher ein Element zur Übertragung des Lebens und sogar von Tugenden. Während der germanische Brauch, das Blut eines getöteten Rosses zu trinken, um sich dessen Mut und Stärke einzuverleiben, die Erfindung eines angewiderten Chronisten sein könnte, ist die Bedeutung, die damals dem weiblichen Menstruationszyklus beigemessen wurde, durchaus real: Das erste Blut wurde zu Hause verwahrt, der Beischlaf während der Regel verboten.

Dank der gewaltigen Fortschritte der Serologie können sich heute die Immunologen fragen, warum Individuen mit einer bestimmten Blutgruppe gegen bestimmte Bakterien oder Viren gefeit sind. Im Mittelalter fiel auf, dass so mancher – stets von hohem Stand! – Zeichen von Erkrankungen zeigte, von denen sein Nachbar verschont blieb. Noch sichtbarer wurde diese unterschiedliche Anfälligkeit in Zeiten grassierender Seuchen: So schienen in Haushalten, in denen die Krankheit längst wütete, einige auf unerklärliche Weise geschützt, so vor allem während der großen Pestepidemien im 14. und 15. Jahrhundert, von denen noch die Rede sein wird: Inseln der Gesundheit in einem Meer des Schreckens. Zum Leidwesen des Historikers liegen hier keine präzisen Beobachtungen oder Zahlen vor, aber dennoch bildet das Phänomen vielleicht den Grund dafür, dass die Forscher die Anzahl der Toten während dieser Pandemien so unterschiedlich hoch veranschlagen. So stellte sich beispielsweise erst in relativ später Zeit heraus, dass Menschen mit der Blutgruppe B gegen den Erreger der Pest immun sind und Regionen, in denen B vorherrschte, zum Beispiel Ungarn, von der Seuche fast oder ganz verschont blieben. Seit diesen fernen Zeiten haben sich die Blutgruppen so sehr vermischt, das jede Schätzung zu ihrer Verteilung im Mittelalter höchst unbefriedigend ausfällt. Dennoch gibt es dazu – zweifellos gewagte – Hypothesen, so in Großbritannien, wo man mit dem Vormarsch und Rückzug der Pest die Bewegungen der angelsächsischen Besiedlung, deren Verhältnisse und Etappen auf den Inseln zu erklären versucht.

Eine bedrohte Kreatur

Kannte der Mensch sich wirklich selbst?

In den Ländern, die sich »entwickelt« nennen, herrscht heute eine Art Körperkult vor, eine panische Angst vor dem Älterwerden und ein inbrünstiger Glaube an Kosmetika, Heilpraktiker, Wellness und Schönheitschirurgie – und dies vor allem in der mediterranen Welt, in der man schon in der Antike den Leib feierte. Heute verfügen wir im Gegensatz zu damals über ein enormes Grundwissen bezüglich der Krankheiten und über gut ausgebildete Ärzte, die theoretisch unsere Ängste zerstreuen und uns aufklären können. Die Historiker, die vor ungefähr einem Jahrhundert auf die Welle der Epidemiologie aufsprangen, haben eine Vielzahl von Studien zum Körper im Mittelalter veröffentlicht, nach Spuren von Krankheiten gesucht, deren psychische Auswirkungen sondiert und einigen Geißeln wie der Pest sogar einen Ehrenplatz zugewiesen, wenn es darum ging, Faktoren für die – in erster Linie demografische, aber auch wirtschaftliche und gesellschaftliche – Entwicklung im Mittelalter zu ermitteln. Dabei beleuchteten sie ausgiebig die Leiden der Könige und Fürsten, die Epidemien der Massen sowie die jüdisch-griechische und arabische Medizin. Sie erstellten Listen beschriebener Symptome, führten gleichsam Ferndiagnosen durch und skizzierten Entwicklungen. Eine insgesamt bewundernswerte Arbeit.

Bewundernswert, aber oberflächlich! Denn in den damaligen Zeiten interessierten – wie heute in Zeiten eines »Stresses« (das Wort taucht in dieser Bedeutung erst spät im 20. Jahrhundert auf!), der durch den Ausbruch der Pest oder den Vormarsch von Aids ausgelöst wird – weder das Hühnerauge noch die Triefnase oder der träge Darm, wenngleich auch solche »Wehwehchen« das körperliche Wohlbefinden stören. Ob der Mensch sich selbst kenne – so die einleitende Frage – kann ich mit Blick auf unsere Zeit nicht beantworten, aber beim Mittelalter fällt die Antwort definitiv negativ aus. Wie hätten die Menschen vor dem 12. Jahrhundert im Übrigen auch an die medizinischen Abhandlungen kommen sollen, die erst etwas später nach Cordoba, Palermo, Salerno und Montpellier gelangten oder dort erst verfasst beziehungsweise übersetzt werden sollten? Es ist nicht einmal sicher, dass die kluniazensischen Mönche in der Mitte des 12. Jahrhunderts oder die Fürsten, welche die Physiki konsultierten, sich der Bedürfnisse und Schwächen ihres Körpers bewusst waren. Wie hätten es da andere wagen sollen, Fragen über Dinge zu stellen, die offensichtlich ein Teil des göttlichen Schöpfungsplanes waren: über Totgeburten, angeborene Behinderungen, chronische Krankheiten oder über Taubheit, Blindheit und fehlendes Sprachvermögen? Die Betroffenen bezahlten den Preis für Verfehlungen, die sie selbst oder ihre Erzeuger begangen hatten. Denn die Sünde war erblich wie der Makel der Knechtschaft. Gegen göttliche Urteile gab es weder Heilmittel noch Möglichkeiten zum Einspruch. Und auch der gewaltsame Tod im Gefecht oder bei einem Unfall bedeuteten ein vernichtendes Urteil: ohne Beichte vor dem Tod keine Erlösung.

Dennoch tat sich der Christ schwer damit, dieses Dogma des Alles oder Nichts zu akzeptieren. Er suchte nach Wegen aus der Not, ohne sich gegen die von höchster Stelle kommenden Willkürakte allzu offensichtlich zur Wehr zu setzen. Zunächst einmal versuchte er, seinen Richter über Mittler milder zu stimmen. Mit dem Einfluss der Kirche breiteten sich auch die Verehrung der Reliquien und das Wallfahren an heilige Stätten aus. Wie gewöhnlich wussten an solchen Orten die Christen, zumindest in Westeuropa, vorchristliche Formen der Frömmigkeit für ihre Religion zu vereinnahmen: ein kleiner heilender Gott, ein Stein, der Mirakel vollbringt, oder eine wundertätige Quelle wurden der Ägide eines – realen oder fiktiven – mit Heilkräften versehenen Heiligen unterstellt. Jeder hatte seine »Spezialität«, die durch Besonderheiten seiner Vita oder seines Martyriums illustriert wurden: Der eine kurierte mit einem begehrten Wunder Pusteln, der andere Fieber und Schmerzen. Die Renaissance dieser Nebenkulte im 11. Jahrhundert und später warf so manche Frage auf: Kann man an ihnen das Vorherrschen bestimmter Krankheiten ablesen? Die zahlreichen vollbrachten und in Texten wohlgefällig geschilderten Mirakel geben jedenfalls einen Überblick über die gängigsten Leiden: Mangelerscheinungen sind häufiger als Verletzungen oder Erkrankungen von Organen. Und die Jungfrau Maria – ihr Kult erlebte nach 1150 unter dem zisterzienserischen Ansporn geradezu einen Boom – heilte mit ihrem Eingreifen eher die Seele als den Leib und wurde denn auch eher als Mutter denn als Wundertäterin angerufen. Die Kirche wachte stets besorgt darüber, dass sich ihr Kult nicht zu dem einer Muttergöttin, einer Art christlichen Cybele, entwickelte. Als Jungfrau durfte sie nicht zu einem Symbol der Fruchtbarkeit werden.

Wallfahrt und Opfergabe waren fromme Werke, welche die Mönche erfreuten. Aber würden Gebete der frommen Männer auch wirken? Wendete man sich nicht besser – aber heimlich natürlich – an Kräfte, die sich auf die Kunst der Sterndeutung verstanden, an die überirdischen Mächte oder griff zu Heilmitteln, die eigentlich Teufelswerk waren? Magier und Hexen sind heute bei Historikern, die sich auf ihre Kenntnisse der Anthropologie und der Soziologie etwas zugutehalten, beliebte Forschungsobjekte. Deren »Gegenwelt« begeistert die Schüler von Freud, Mauss oder Lévi-Strauss. Im Übrigen liefern die Prozesse gegen die Meister der finsteren Mächte vom 15. bis zum 19. Jahrhundert Stoff für zahlreiche Interpretationen: Dabei liegt heute im Allgemeinen nur noch die Anklageschrift vor. Nun zeigen die gegen die Hexerei gerichteten Exempla der Dominikaner aus dem 13. Jahrhundert, dass die Magie, zumindest auf dem Land, geduldet wurde und eine wichtige Rolle spielte: magische Gebärden und Handauflegen, Beschwörungsformeln und wiederholte Anrufungen, Riten mit Kräutertränken oder den Kräften des Wassers. Behandelt wurde eher der Körper als die Seele. Die Kirche bekämpfte freilich Praktiken, die sich gegen die von Gott gewollten Zustände richteten: Wer sich an die Stelle des Schöpfers setzte, indem er die von ihm entfesselten Übel bekämpfte, musste verdammt und verbrannt werden. Anklagen wegen Ketzerei brachten ihn auf den Scheiterhaufen. Tatsächlich kamen in den Flammen mehr Heilkundler als Anhänger der Schwarzen Magie um.

Die dominikanischen Exempla wie auch die Fabliaux, die altfranzösischen Verserzählungen, weisen Frauen und insbesondere alten Weibern die Fertigkeit zu, mithilfe der okkulten Mächte körperliche Gebrechen zu heilen. Sie schienen besonders befähigt für Praktiken, die von den »aufgeklärten« Geistern der »modernen« Welt lange mitleidig belächelt wurden. Heute erleben diese »natürlichen Heilverfahren« im Gewand der »sanften Medizin« eine blühende Renaissance: Cremes, Salben, Kräutertees, Abführmittel, Massagen und Heilgymnastik wetteifern mit Formen psychologischen Beistands und seelischer Stärkung, die unser beschädigtes Ego aufrichten sollen. Dabei spielen auch die Ernährung und die Heilkraft der Kräuter eine große Rolle. Übrigens tauchten im Mittelalter die meisten Kochrezepte in medizinischen Abhandlungen auf.

Während hierbei die Frauen an erster Stelle standen, weil Eva halb Hexe war und jede Mutter Rezepte zur Heilung ihrer Kinder kannte, brachten die Männer, eher Beobachternaturen als Hüter überlieferten Wissens, Erfahrungen ein, die sie bei den Viehherden oder seltener auf Reisen gewonnen hatten. Mit Ausnahme der Juden: Diese zogen mit Säckchen, Phiolen und Amuletten im Gepäck von Dorf zu Dorf und von Straße zu Straße. Kundig untersuchten sie Urin, verabreichten Abführmittel, ließen zur Ader, legten Schienen an oder Schröpfköpfe auf und ertasteten den Puls – unter praktischer Anwendung einer Wissenschaft, die sie in über tausend Jahren im Kontakt mit der mediterranen oder orientalischen Kultur zusammengetragen hatten: die Hypothesen der griechisch-römischen Medizin, verknüpft mit den Erfahrungen der hinduistischen und persischen Ärzte. Die gelehrtesten Juden übersetzten Avicenna und Galen oder kommentierten Constantinus Africanus. Sie waren Anhänger des Maimonides und lehrten Averroes. Als die Hobelspäne der Wissenschaft übernahmen die Juden die Behandlung der Menschen und zahlten dafür sehr rasch einen hohen Preis: Als den Kundigen, die bei allem und jedem Rat erteilen konnten, wurde ihnen der Erfolg zum Verhängnis. Beim Scheitern angesichts einer Seuche herrschte die Gewissheit, dass sie, da sie sich auskannten, für deren Ausbruch verantwortlich waren.

Um anders als mit »Hausmittelchen« zu heilen, musste man den menschlichen Körper gut kennen. Beim Gemeinen hoffte man darauf vergeblich: Zwar hatte der Soldat aufgeschlitzte Bäuche und blutende Wunden gesehen, kannte der Bauer in etwa das Skelett der Schlachttiere und waren alle Frauen auch Geburtshelferinnen. Aber eine umfassende Sicht der Dinge fehlte. Die Funktionsweisen von Herz und Gehirn lagen wohl noch im Dunkeln. Und mit Blick auf die Seuchen wurde der Gedanke an Ansteckung, an einen Überträger, weder gefasst noch verworfen. Allerdings war dieses Unwissen, das erst die Medizin des 19. Jahrhunderts überwinden sollte, keineswegs umfassend, waren verschiedene therapeutische Maßnahmen – dank Erfahrung oder Intuition – doch durchaus wirksam: Die Schädelöffnung, das Ausbrennen von Wunden, das Einrichten von Knochenbrüchen, Salbenverbände, opiumhaltige Arzneien, Abschnürbinden, Schröpfköpfe und ableitende Mittel erfüllten ihren Zweck und spiegelten richtige Beobachtungen zum Blut, zu den Knochen und der Haut wider. Viele Eingriffe bedurften der Mitwirkung eines Physikus. Die Ärzte wussten mehr und ließen sogar Listen mit Arzneipflanzen in einem Kapitular von 800 offiziell absegnen. Allerdings blieben sie lange Zeit der Viersäftelehre des Hippokrates, Galens und des Oribasius verhaftet. Die persischen Lehren zur Harmonie der Organfunktionen, zum Blutkreislauf und zur Rolle des Rückenmarks und sogar zu Erbmerkmalen gelangten am Ende des 12. Jahrhunderts von Spanien und den Balearen aus über Salerno oder Montpellier bis nach Europa. Dort stießen sie allerdings auf kirchliche Verbote, so 1135 in Troyes und 1215 im römischen Lateran. Während die Leichensektion noch als Schwarze Magie galt, diente das Zerlegen von Tierkadavern – neben der Schlachtfleischgewinnung – bereits der medizinischen Forschung. Um 1190 oder 1230 wurden erstmals Leichen geöffnet, und zwar in Venedig, wobei die Anschauungsobjekte heimlich auf Friedhöfen entwendet wurden. Dienten etwas später, ebenfalls in Italien, auch Gehenkte? Der wie gewöhnlich innovative Kaiser Friedrich II. empfahl die Sektion und ließ sie ab 1240 in Sizilien praktizieren. Ab 1290 wurde sie auch in Bologna und Padua legalisiert. Daraufhin stürzten sich die Gelehrten, vor allem in Nordeuropa, begeistert in die experimentelle Wissenschaft: Albertus Magnus, Alexander Neckham, Thomas von Cantimpré oder Roger Bacon. Mit der Überwindung der alten Ansätze wurde ein neues Kapitel in der Geistesgeschichte aufgeschlagen. Im 14. und 15. Jahrhundert entstanden die Grundlagen einer wissenschaftlichen Medizin. Aber was bedeutete dies für die einfachen Leute?

Das »Abnorme« als Angriff auf den Menschen

Erschlagen von einem medizinischen Jargon, der uns ein Wissen oft nur vorgaukelt, verlieren wir leicht die einfachen Krankheiten aus dem Blick. In unserer störungsanfälligen Zeit deuten die Diagnosen gerne bei allem und jedem auf die Allergie, auf den für jedes Leiden herhaltenden Stress oder den mutierenden Virus, vor dem selbst die Spezialisten kapitulieren. Dagegen sind Schnupfen, Durchfall, Hautjucken, »Kreuzschmerzen« oder Kopfweh im Alltag unser gemeinsames Los, weswegen wir über sie nicht reden. Wie hätten dies da die Menschen des Mittelalters in einer Gesellschaft tun sollen, in der man sich ganz den Widrigkeiten des Schicksals ergab? »Ausflüsse«, »Katarrhe«, »Mattheit«, »Pestilenz« und »Fieber« hatten keine gesicherte medizinische Bedeutung. Die angeborenen oder erworbenen Gebrechen wurden weder behandelt noch diskutiert: ein Stock für den Invaliden, die ums Ohr gelegte Hand für den Tauben, Spott für den gestikulierenden Stummen. Was die Blinden angeht, so herrschte die Ansicht vor, dass ihre Anzahl durch das grelle, zitternde Licht der Herdstelle oder der Kerze größer geworden sei. Ihre Orientierungslosigkeit reizte die Leute zum Lachen. Und den Kurzsichtigen konnte bis zu Roger Bacon, der im 13. Jahrhundert die Lupe erfand, keiner wirklich weiterhelfen, obwohl Nero auf den Amethysten als Augenheilstein schwor.

Stärker fielen Absonderlichkeiten im Verhalten auf: Man registrierte sie bei den Großen der Welt, ohne für Abhilfe zu sorgen. Wie viele Fettleibige stehen in den Chroniken am Pranger! Man spottete über ihre Unfähigkeit zu reiten, nicht aber über ihre Esssucht! Ähnlich verhielt es sich mit der Trunksucht. Ob im einfachen Volk oder anderswo, viele tranken zu viel und versoffen sogar ihren Verstand. Es heißt, dass die Erwachsenen beiderlei Geschlechts aller Stände und in jeder Altersstufe pro Tag ein bis eineinhalb Liter Wein oder andere Alkoholika zu sich nahmen, allerdings ist deren Alkoholgehalt nicht genau bekannt. In den Ländern mit Weinanbau wurden Trunksüchtige im Allgemeinen mit Nachsicht behandelt, sofern sie sich nicht schändlich benahmen: Von Johann ohne Land und seinem Gegner Philipp II. August ist bekannt, dass sie zu viel tranken und wahrscheinlich an Leberzirrhose litten, was einiges an ihrem Verhalten erklärt. Dagegen ließ der sittenstrenge Ludwig der Fromme in Paris nachts die Tavernen schließen. Wurde sein Verbot auch in anderen Landesteilen befolgt?