
Jörg Kastner
Roman

Kindheit, Sommer, Spaß, Gelächter, Wasser.
Zwei Jungen stehen nahe eines bewaldeten Ufers im Wasser und spielen mit einem Ball. Einer der Jungen bin ich. Der andere, viel großer und kräftiger, wirft den Ball mit solcher Härte, dass ich ihn nur schwer zu fassen kriege. Und wenn doch, lässt der harte Aufprall meine Finger brennen.
Mein Gegenüber lacht über meine angebliche Unbeholfenheit und Schwäche. Es ist ein hartes, bitteres Lachen, und der größere Junge, dem die scharfen Gesichtszüge etwas Raubvogelhaftes verleihen, sieht mich mitleidlos an. So wie ein Bussard seine Beute anstarrt.
Wieder trifft mich der Ball so hart, dass er meinen Fingern entgleitet. Der Schmerz in meinen Fingern lässt mich aufstöhnen, und ich verziehe das Gesicht. Der andere Junge lacht wieder, laut und kehlig, wie um mich absichtlich zu verhöhnen.
Während ich bis zum Bauch im Wasser stehe und ausgelacht werde, wollen mir Tränen in die Augen schießen. Wie schon so oft, wenn der andere mich verspottet oder gedemütigt hat.
»Diesmal nicht!«, hämmert es in mir. Wut steigt in mir hoch, verdrängt das Gefühl der Hilflosigkeit und verwandelt sich in Zorn.
Ich gehe mit ungelenken Schritten durch das Wasser und greife mir den schweren, harten Ball. Das Leder hat sich mit Nässe vollgesogen. Jetzt stehe ich etwas näher am Ufer und fühle unter meinen Füßen festen Boden anstatt des nachgiebigen Kieses. Ein guter Ort, um Rache zu nehmen! Fest in das lachende Raubvogelgesicht schauend nehme ich Maß und schleudere den Ball mit einer plötzlichen Bewegung über den See, auf dem weiter draußen zahlreiche Boote kreuzen. Der Spötter ist überrascht, reagiert zu spät, als er endlich die Arme hochreißt. Der Ball erwischt ihn mitten im Gesicht. Er stößt einen gutturalen Laut aus, schwankt und fällt ins Wasser. Wie eine umgekippte Schießbudenfigur.
Erst nach langen Sekunden wird mir klar, dass ich es bin, der das meckernde Gelächter ausstößt. Nicht Erheiterung ist dafür verantwortlich. Es ist ein befreiendes Lachen, weil ich es gewagt habe, mich gegen den Größeren zu wehren – und das mit Erfolg! Ich begreife, dass Wut und Zorn hilfreicher sein können als duldsames Ausharren.
Der andere taucht wieder aus dem Wasser auf und hält eine Hand vor sein Gesicht, als wolle er den schmerzhaften Wurf nachträglich abwehren. Seine Augen fixieren mich und blanker Hass schlägt mir entgegen. Als er die Hand vom Gesicht nimmt, sieht er erst recht aus wie ein beutegieriger Bussard. Seine Nase ist jetzt etwas verbogen, was den raubvogelhaften Eindruck seines Gesichts noch verstärkt.
Mit schnellen Schritten stürmt er auf mich zu, und ich versuche, zum Ufer zu fliehen. Er erkennt meine Absicht und schneidet mir den Weg ab.
Der Boden unter meinen Füßen ist glatt und ich rutsche aus. Für einen langen Augenblick bin ich von Wasser umgeben. Als ich mich wieder erheben will, ist der andere schon über mir. Wie ein dunkler Schatten, der vom Himmel fällt. Panik erfüllt mich. So muss sich eine Maus fühlen, über der plötzlich der große Umriss des Bussards auftaucht.
Er wirft sich auf mich, drischt auf mich ein und drückt mich unter Wasser. Ich kann meinen Mund nicht früh genug schließen, kann den Atem nicht rechtzeitig anhalten. Das Wasser dringt in meine Lungen, und die Panik wächst zu Todesangst. Wir sind Kinder, aber auch Kinder können töten – und sterben!
Als ich das begreife, werden neue Kräfte in mir frei, geboren aus der Angst und dem Willen, am Leben zu bleiben. Ich kann meinen Peiniger abschütteln und fliehe hinaus auf den See. Zum Glück bin ich ein sehr guter Schwimmer, ein viel besserer als er.
Ohne mich umzusehen, durchpflüge ich das Wasser, das auf einmal seine Farbe verändert. Es ist rot wie Blut, und wieder umhüllt es mich. Aber diesmal habe ich genug Atem, um unter Wasser zu überleben.
Vergebens versuche ich, mich zu orientieren, wo unten und wo oben ist. Nichts als rotes Nass. Dann sehe ich doch etwas: Menschen. Sie liegen dort auf dem Grund, reglos. Und sie starren mich aus toten Augen an …
Das Rot war noch immer da, aber es umhüllte mich nicht länger. In sanften Wellen umspielte es ein attraktives Gesicht mit hohen Wangenknochen und sinnlich geschwungenen Lippen. Ein Gesicht, das mich so hart und wenig mitfühlend ansah wie die Gestalten aus meinem Traum, der Junge und die Toten auf dem Meeresgrund. Ein Gesicht, das die Erinnerung an ein anderes Erwachen zurückbrachte, an frühere Albträume. Bei dem Anblick fragte ich mich, ob es wirklich eine Grenze gab zwischen Traum und Wachsein.
Hinter der rothaarigen Frau tauchte der weißhaarige Kopf eines Mannes auf, dessen hohe Gestalt leicht gekrümmt war - so wie die Nase des Jungen aus meinem Traum. Netzwerke aus tiefen Falten lagen um die Augen des Mannes, die mich kalt und forschend ansahen, als sei ich nur ein Insekt, das es zu sezieren galt.
Ich lag in einem weißen Bett in einem weißen Raum, einem fensterlosen Krankenzimmer, an Hand- und Fußgelenken gefesselt. Mein Schädel pochte, und mir war speiübel. Schlimmer als das alles aber war der erschreckende Gedanke, dass ich diesen Ort vielleicht niemals verlassen hatte. Meine Flucht, Max und Rica, alles, was ich herausgefunden hatte – war es nur ein Trugbild meines irrlichternden Verstandes?
»Irreparable Schäden!«, dachte ich, und mein verzweifelter Blick flog zwischen Ira und Ambeus hin und her.
Ambeus beugte sich über mich, und der stumpfe Tonfall, in dem er zu mir sprach, entlarvte sein Lächeln als Maskerade. »Sprechen Sie doch weiter! Sie waren in dem Meer aus Blut und haben die Toten gesehen. Was war dann?«
Ja – was war dann?
Splitter einer verloren geglaubten Erinnerung bohrten sich durch den Mantel des Vergessens. Ich sah mich durch einen Gang laufen, hielt vor einem Zimmer an und stand einem anderen Mann gegenüber.
»Sie erinnern sich!« Ambeus’ Stimme drückte fast so etwas wie Jubel aus, bei ihm wohl eine seltene Empfindung. »Woran erinnern Sie sich?«
»Woran erinnern Sie sich?«, entgegnete ich, um Zeit zu gewinnen, während ich mich in dem Raum umsah.
Nein, dies war nicht der Ort, von dem ich geflohen war. Die medizinischen Geräte waren gleich oder ähnlich, aber ihre Anordnung und die Ausmaße dieses Raums unterschieden sich deutlich von Zimmer 17. Ich fühlte mich etwas sicherer, glaubte, wieder zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden zu können.
»Ich frage, und Sie antworten!«, sagte Ambeus in jenem unverwechselbaren autoritären Ton, der Ärzten, Lehrern, Offizieren und Polizisten zu eigen ist. »Alles andere führt zu unnötiger Verwirrung.«
Ich sah ihm fest in die Augen. »Ich bin bereits verwirrt, sogar ganz beträchtlich. Zum Beispiel frage ich mich, ob ich mit Dr. Ambeus spreche oder mit Professor Baumes.«
Ein kaum merkliches Zucken lief über seine Züge, dann hatte er sich auch schon wieder in der Gewalt. »Kompliment, Sie scheinen einiges herausgefunden zu haben. Lassen Sie mich an Ihrem Wissen teilhaben!«
Ich wollte meinen Kopf schütteln, stellte das aber augenblicklich ein, als es das schmerzhafte Pochen vervielfachte. »Erst reden Sie, Herr Professor!«
Er wandte sich zu Ira um. »Ira, die Injektion! Im Schlaf scheint unser Patient gesprächiger zu sein als im Wachzustand.«
Ich wollte mich wehren, als Ira mit der Spritze in der Hand auf mich zutrat. Aber ich war gefesselt und zwei Männer in Weiß traten an mein Bett um meinen rechten Arm festzuhalten. Ich fühlte das Kitzeln von Iras Locken auf meinem Gesicht, atmete den starken Duft ihres Parfüms und konnte nur zusehen, wie sich die spitze Nadel langsam in mein Fleisch bohrte.
»Bist du sicher, dass er reden wird?«, hörte ich Iras Stimme, die seltsam undeutlich klang, an- und abschwellend wie Brandungswellen, die sich am Strand brachen.
»Er hat es schon einmal getan.« Auch Ambeus - Baumes? - sprach undeutlich, war kaum noch zu verstehen. »Der Elektroschocker … Erinnerung freigesetzt …«
Das Rauschen des Meeres übertönte alles andere, und ich versank im Ozean meiner Erinnerung, tauchte ein in …
… das Meer aus Blut!
Fassungslos stehe ich im Eingang zum Konferenzsaal und starre auf die Toten. Keine zwei Minuten ist es her, seit ich das Knattern der Schüsse gehört habe, MP-Feuerstöße, die das Leben dieser Menschen ausgelöscht haben.
Sechs Männer und zwei Frauen. Einige sind von den Kugeln aus ihren bequemen Drehstühlen geschleudert worden und liegen in unnatürlich verkrümmter Haltung am Boden. Andere hängen schlaff in den Stühlen oder sind über dem Tisch zusammengesunken.
An den Wänden des großen Raums stehen mehrere Aquarien. Einige wurden von den Projektilen getroffen. Wasser läuft aus dem zerschossenen Glas auf den Boden, Fische verenden zappelnd zwischen den menschlichen Leichen.
Der Schock und die in mir aufsteigende Übelkeit kämpfen mit dem Vorwurf, zu spät gekommen zu sein, um lächerliche zwei Minuten zu spät! Aber ich hatte nicht gewusst, was der andere vorhatte, der Mann, den ich bis in die Tiefgarage und von da aus bis hier oben in die INTEC-Zentrale verfolgt habe. Erst als ich auf den toten Wachmann gestoßen bin, stieg eine fürchterliche Ahnung in mir auf.
Eine trockene Explosion, nicht besonders laut, ähnlich dem Knallen eines Sektkorkens, lässt mich zusammenfahren. Die Empörung über das Blutbad tritt in den Hintergrund, ich muss an mich selbst denken. Der Killer hält sich noch irgendwo hier auf. Die Explosion schien aus diesem Stockwerk zu kommen, aus der weiträumigen Büroflucht, in der ich mich befinde.
Ich drehe mich um, froh, nicht länger auf die Toten starren zu müssen, deren Blut sich mit dem auslaufenden Wasser vermischt. In der Rechten die SIG-Sauer P228, durchgeladen und entsichert, gehe ich möglichst lautlos durch den Gang.
Aus in der getäfelten Decke eingelassenen Leuchten fällt dezentes Licht. Die Beleuchtung in der Büroflucht war bereits angeschaltet, als ich sie betrat. Vermutlich brennt das Licht schon seit Beginn der Konferenz. Es kann mir helfen, den Killer zu entdecken. Es kann aber auch dem Killer helfen, mich zu entdecken - und zu töten. Ein leises Klappern lässt mich erstarren. Keine zehn Meter vor mir führt eine Abzweigung des Ganges nach rechts. Leise gehe ich weiter, schnell, aufmerksam, alle Sinne angespannt, die vierzehnschüssige Automatik im vielleicht etwas zu festen Griff. Der weiche Teppich verschluckt meine Schritte, aber auch die des Killers!
Plötzlich steht er vor mir, in der linken Hand einen Pilotenkoffer. Der Koffer und sein Straßenanzug lassen den hoch gewachsenen Mann aussehen wie einen Vertreter. Die kleine Maschinenpistole, eine Heckler & Koch MP5K; die an einem Schulterriemen an seiner rechten Seite hängt, will nicht ganz zu diesem Eindruck passen. Ich kann die Waffe gut – zu gut – erkennen, als der Mann zu mir herumwirbelt und die kompakte MP mit einer geschickten Bewegung, nur mit einer Hand, in Anschlag bringt.
Und ich sehe das Gesicht des Mannes, schmal und knochig, beherrscht von einer ausgeprägten Nase mit gekrümmter Spitze. Ein Gesicht, das mir gut bekannt ist. In seinen eisgrauen Augen steht der Entschluss zu töten …
Eine Frage hämmerte auf mich ein, wieder und wieder, und irgendwann verstand ich sie, als sich die undeutlichen Laute zu Silben und die Silben zu Wörtern formten: »Wie sah der Mann aus, dem Sie im INTEC-Tower begegnet sind? Erinnern Sie sich?«
Ambeus stand neben dem Bett und wiederholte die Frage im monotonen Rhythmus einer Kaufhaus-Lautsprecherdurchsage. Er bemerkte, dass ich ihn erkannte, und hielt einen Moment inne.
Ich begriff, dass ich im Schlaf gesprochen hatte. Die von Ira verabreichte Injektion hatte meine Zunge gelöst.
Ira stand neben Ambeus. Jetzt erst bemerkte ich den strammen Verband an ihrem rechten Handgelenk. Ich erinnerte mich an die Szene vor der Jagdhütte, als die halb nackte Frau zur Waffe greifen wollte und ich auf ihre Hand trat.
Ambeus verließ den Raum und kehrte kurz danach mit einem tellergroßen Spiegel zurück, den er vor mein Gesicht hielt. »War es dieser Mann, dem Sie in jener Nacht begegnet sind?«
Ich starrte auf mein Spiegelbild, auf das Gesicht des mehrfachen Mörders. War es das, was mich eben aus meinem Traum gerissen hatte? Wollte mein Unterbewusstsein sich gegen die Erkenntnis wehren, dass ich – mir selbst begegnet war?
»Robert Fuchs«, sagte ich leise. »Das Gesicht des Killers. Mein Gesicht.«
Mir weiterhin den Spiegel vorhaltend, sagte Ambeus: »Erzählen Sie weiter! Was geschah, nachdem Sie Robert Fuchs begegnet sind?«
Ira hatte sich mir von der Seite genähert, wieder mit einer Spritze. Als ich schlief, hatten sie ein paar zusätzliche Riemen um meine Arme geschnallt. Ich konnte nichts tun, um der glitzernden Nadel zu entgehen.
Dem kurzen Stich folgte ein entspannendes Gefühl, und bald nahm ich nichts mehr wahr außer der eintönigen Stimme des Arztes: »Sprechen Sie! Was geschah nach Ihrer Begegnung mit Robert Fuchs! Sprechen Sie …«
Ich lasse mich fallen und ziehe gleichzeitig den Abzug der SIG-Sauer durch. Es geht um Sekundenbruchteile, um Leben oder Tod.
Die kleine Maschinenpistole in der Hand meines Gegenübers spuckt Feuer und Blei, und die Geschosse klatschen hinter mir in die Wand. Wäre ich nicht ruckartig zu Boden gegangen, hätte die kurze Garbe mich durchsiebt.
Der Mann mit dem Pilotenkoffer – Robert Fuchs! – stößt einen kurzen Schrei aus und taumelt zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Wand stößt. Meine Kugel hat seine linke Schulter getroffen.
Auf dem Boden liegend bringe ich meine Automatik erneut in Anschlag, aber da ist er schon in der Abzweigung verschwunden, aus der er gekommen ist.
Aufspringen und ihm nachsetzen ist eine einzige Bewegung. Kurz vor der Abzweigung halte ich an. In dem Gang zur Rechten ist es merkwürdig ruhig. Ich höre keine Schritte, keine Atemgeräusche, nichts.
Ich streife meine Jacke ab und halte sie in den Durchlass. Keine zwei Sekunden später ist sie von Kugeln zerfetzt. Als das kurze Geknatter des Feuerstoßes verstummt, höre ich Schritte und das Schlagen einer Tür.
Nach einem Blick auf den schäbigen Rest lasse ich die zerschossene Jacke einfach fallen und laufe in den Gang, durch den Fuchs verschwunden ist. An einer geöffneten Tür halte ich an. Ich blicke in ein geräumiges Vorzimmer. Auch die Tür zum anschließenden Büro steht offen.
Das Büro weist die Zerstörungen einer kleinen Explosion auf, vermutlich eine wohl dosierte Ladung Plastiksprengstoff. Das passt zu dem Knall, den ich vorhin gehört habe. Ich gehe nicht in die Räume hinein. Die halb aus der Wand hängende Safetür sagt mir genug.
Weiter!
Endlich erreiche ich die Vorhalle mit den Liftkabinen. Es gibt fünf Aufzüge allein zur direkten Verbindung der INTEC-Räumlichkeiten untereinander und mit der Tiefgarage. Und eine dieser fünf Liftkabinen bewegt sich schnell abwärts, wie mir die Anzeige über der Tür verrät.
Nur ein Trick von Fuchs? Oder will er mit seinem Wagen fliehen, den er unten, beobachtet von mir, geparkt hat?
Ich muss mich entscheiden, wenn ich ihn noch einholen will. Zwei Kabinen sind zur Zeit oben, eine vier und eine zwei Stockwerke unter mir. Letztere hole ich hoch, springe hinein und drücke auf den Knopf für die oberste Ebene der Tiefgarage, wo Fuchs’ Rover steht.
Viel zu langsam schließt sich die Tür, setzt sich die Kabine in Bewegung. Meine Augen kleben auf der Etagenanzeige, und ich kann nur mutmaßen, wo Fuchs sich jetzt befindet - falls er wirklich in die Kabine gestiegen ist, die er nach unten geschickt hat.
Mit der linken Hand taste ich nach meinem Handy. Vielleicht kann wenigstens einem der Menschen im Konferenzraum noch geholfen werden. Da erst fällt mir ein, dass das Gerät in einer Tasche meiner Jacke steckt. Mein Blick fällt auf die Notfallsprechanlage in der Liftkabine. In diesem Moment geht ein Ruck durch die Kabine, und die Tür gleitet mit einem leisen Summen zur Seite.
Vor mir liegt die Tiefgarage: Geparkte Autos, Betonpfosten, erleuchtet vom sterilen Licht großer Leuchtstoffröhren. Ich ducke mich und husche zwischen den Reihen parkender Fahrzeuge hindurch in die Richtung, wo Fuchs den 75 abgestellt hat.
Ein Motor heult auf, und ein Fahrzeug kommt mir im schnellen Tempo entgegen. Die aufgeblendeten Scheinwerfer stechen in meine Augen, die ich im halb automatischen Reflex zukneife. Der Wagen schießt an mir vorbei. Als ich die Augen wieder aufreiße, spiegelt sich das Licht der Leuchtstoffröhren auf der Silbermetallic-Lackierung des um eine Ecke biegenden Fahrzeugs. Ein Rover - der Rover!
Ich renne los, nehme den kürzesten Weg zur Ausfahrtsrampe.
Auch wenn Fuchs seinen Wagen noch so triezt, er muss mehrere enge Kurven durchfahren. Meine Chance!
Ich erreiche die Rampe, als der Rover um die letzte Kurve kommt. Die Ellbogen auf einer Motorhaube abgestützt, gebe ich schnell hintereinander vier Schüsse auf die Vorderreifen ab. Die Schüsse hallen in der Tiefgarage wider wie detonierende Granaten.
Der Rover hält weiter auf die Rampe zu, aber nur ein kurzes Stück. Dann gerät er ins Schlingern, streift mit dem kreischenden Geräusch von Blech, das sich an Blech reibt, einen geparkten BMW, schrammt an einem Betonpfeiler entlang und bohrt sich schließlich ins Heck eines Nissans. Blubbernd säuft der Motor des Rovers ab.
Fünf Sekunden später bin ich bei dem Wagen und reiße die Fahrertür auf. Mit der linken Hand. Die rechte mit der SIG-Sauer zielt auf den Mann hinter dem Lenkrad, auf Robert Fuchs. Die Vorsichtsmaßnahme ist überflüssig. Fuchs hat sich nicht angeschnallt, und der Aufprall hat ihn übel zugerichtet. Sein Kopf ist gegen die Windschutzscheibe geschlagen. Blutüberströmt hängt der Killer reglos über dem Steuer.
Auf dem Rücksitz liegt der bauchige Pilotenkoffer. Als ich ihn an mich nehme, merke ich, wie schwer er ist. Er muss vollgepackt sein - mit was auch immer. Um den Inhalt kann ich mich später kümmern. Erst mal weg von hier, bevor Fuchs’ Komplizen auftauchen. Ich laufe zu meinem Wagen, der ebenfalls auf diesem Parkdeck steht.
»Wohin sind Sie vom INTEC-Tower aus gefahren?«
»Was ist mit dem Koffer geschehen? Wohin haben Sie ihn gebracht?«
»Der Koffer! Wo ist er?«
»Haben Sie sich den Inhalt angesehen?«
Während ich vor einer roten Ampel warte, sehe ich rechts vorn zwei Telefonzellen. Kurz überlege ich, ob ich anhalten soll, um Polizei oder Feuerwehr darüber zu informieren, dass ganz oben im INTEC-Tower neun vermutlich tote Menschen liegen und möglicherweise eine zehnte Leiche in der Tiefgarage zu finden ist.
Aber auf den unterirdischen Parkdecks gibt es überall Überwachungskameras. Längst muss den Behörden bekannt sein, was am Potsdamer Platz vorgefallen ist. Und dann hat die SGB vielleicht schon das Kennzeichen meines Mietwagens. Ich muss mich beeilen, um den Koffer in Sicherheit zu bringen.
Grün. Ich fahre weiter, halte erst in einer schmalen, dunklen Nebenstraße, um die Schnappverschlüsse des Pilotenkoffers zu öffnen.
Der Inhalt besteht aus Papieren, aus dicken Aktenmappen. Hastig blättere ich einige der Mappen durch und beginne zu begreifen, weshalb die Papiere so wichtig sind. Wichtig genug, um ein Blutbad anzurichten.
Fieberhaft überlege ich, was ich mit meiner Beute machen soll.
»Was haben Sie mit den Papieren gemacht?«
»Wohin sind Sie dann gefahren?«
»Wo befinden sich die Papiere jetzt?«
»Der Koffer! Wohin haben Sie den Koffer gebracht?«
Vor mir taucht das große, eigentümliche Gebäude auf. Ein riesiger dunkler Fleck im glitzernden Bild des nächtlichen Berlins. In der Eile fällt mir kein besseres Versteck ein.
Ich stelle den VW Bora in der dunklen Einfahrt ab und steige aus, den Koffer in einer Hand. Nichts rührt sich, vielleicht ist niemand zu Hause.
Niemand bis auf den Hund, dessen Gebell plötzlich die Nacht zerreißt.
»Welcher Hund? Wem gehört er?«
»Wo steht dieses Gebäude? Haben Sie den Koffer dort versteckt?«
»Wo sind die Papiere, die Sie Fuchs abgenommen haben?«
»Erinnern Sie sich! Sprechen Sie!«
In mir weigerte sich etwas, die Fragen zu beantworten, den Aufforderungen nachzukommen. Ich stand kurz davor, mich zu verraten.
Mit aller Macht biss ich die Zähne zusammen und riss die Augen auf. Über mir waren die Gesichter von Ambeus und Ira.
Und noch ein Gesicht, das sich trotz seiner Rundlichkeit die Schärfe bewahrt hatte. Dieser Eindruck lag zum Teil an der leicht gebogenen Nase, die der Mann sich in seiner Jugend gebrochen hatte.
Damals, im See …
Die Segelboote kreuzen gefährlich nah vor mir. Erst da wird mir bewusst, wie weit ich geschwommen bin. Die Angst hat mich hinausgetrieben. Die Angst vor ihm!
Ich lege mich auf den Rücken und schaue zurück zum Ufer. Unser großes Haus am Wannsee ist ein weißer Fleck inmitten von Grün. Eine Gestalt steht vor dem Haus und winkt. Mutter!
Zeit zum Abendessen. Die Sonne steht schon tief und ihre rote Scheibe spiegelt sich optisch verzerrt und in die Länge gezogen auf dem See. Plötzlich spüre ich, wie meine Muskeln schmerzen, und ich habe Angst, hier draußen einen Krampf zu kriegen.
Zurück!
Ich muss mich zwingen, die Schwimmbewegungen langsam und gleichmäßig auszuführen. Erst als seine Gestalt vor mir aus dem Wasser wächst, habe ich es nicht mehr eilig, an Land zu kommen. Seine Nase ist seltsam nach unten gebogen, und Blut schießt aus den Nasenlöchern.
Mutter sieht uns zu. Er wird es nicht wagen, mich anzugreifen. Ein Stück von ihm entfernt wate ich an Land, wo ich mich völlig ausgepumpt zu Boden fallen lasse. Mutter ist bleich, weiß nicht, um wen von uns sie sich zuerst kümmern soll. Sie wendet sich um, ruft unseren Vater, der hinten am Grill steht.
Als seine kräftige Gestalt sich über mich beugt, krampft sich alles in mir zusammen und ein dicker Kloß verstopft meine Kehle.
»Ist das wahr, hast du seine Nase mit dem Ball gebrochen? Absichtlich?«
Ich nicke zögernd, wohl wissend, dass Vater keine Ausflüchte duldet und jede Lüge zehnmal schlimmer bestraft als das, was man zu verbergen sucht.
»Warum?«
Ich erzähle von unserem Ballspiel und davon, wie mein Bruder mich behandelt hat.
»Dachte ich es mir doch!«, schnaubt Vater, zieht mich hoch und schließt mich tröstend in seine Arme.
Ich bin sein Bester, wie immer. Ein paar Meter entfernt steht mein Bruder mit blutender Nase, in den Augen Trauer und, als er mich ansieht, Rachsucht und Hass.
»Damals habe ich beschlossen, mich eines Tages an dir zu rächen. Ich musste lange auf die passende Gelegenheit warten, sehr lange. Aber warum nicht? Heißt es nicht, Rache sei ein Gericht, dass man am besten kalt genießt? Wer immer das gesagt hat, es stimmt.«
Die Stimme meines Bruders holte mich aus der Traumwelt. Ich lag, noch immer gefesselt, in meinem Krankenbett.
Mein Bruder stand neben mir und sah mich mit demselben feindseligen Blick an wie damals. Nur lagen seine Augen jetzt hinter dicken Brillengläsern.
Ich verstand das alles nicht und fragte: »Warum?«
Dr. Einar Kranz erweckte in seinem Gesichtsausdruck und in seiner ganzen Haltung den Ausdruck vollkommener Überlegenheit.
Er trug ein hellbraunes Sakko, vermutlich eine Maßanfertigung, das seinen untersetzten Körperbau kaschierte. Nur ein geübtes Auge konnte die kleine Beule unter der linken Schulter erkennen, wo vermutlich eine SIG-Sauer P228 im Holster steckte. Jetzt, wo meine Erinnerung Stück für Stück zurückkehrte, wusste ich wieder, dass die P228 neben der Glock 17 die Standardwaffe der Sicherungsgruppe Berlin war. Einar hatte, wie ich selbst, der P228 den Vorzug gegeben.
Seine dunkle Hose fiel unten über die glänzenden dunkelbraunen Slipper. Schon als Kind hatte er es gehasst, Schnürsenkel zuzubinden. Vielleicht lag es daran, dass er sich ungern verbeugte, vor niemandem, und nicht einmal dann, wenn niemand sonst anwesend war. Mein großer Bruder Einar war schon immer stolz gewesen, ein wenig zu stolz, wie ich fand.
Auch jetzt stand die Selbstzufriedenheit in seinen Zügen geschrieben, die in den letzten Jahren ein wenig zu fleischig geworden waren. Die Augen hinter den achteckigen Brillengläsern sahen auf mich herab wie die eines Großwildjägers, der seine seltene Beute anstarrte. Als wollte er jeden Augenblick in die Runde blicken und sagen: »Seht her, nur ich konnte das schaffen!«
Auch ich sah mich um, erblickte Ambeus, Ira und zwei weitere Männer in weißen Kitteln. Es waren dieselben, die ich schon vor meiner Flucht aus Zimmer 17 gesehen hatte. Und hinten an der Tür stand noch ein Mann, bekleidet mit einem grauen Sakko. Auf seiner linken Wange leuchtete das rote Muttermal.
Martin Knaup sah mich mit einem ähnlichen Ausdruck an wie mein Bruder. Als ich noch bei der SGB war, hatte er mir deutlich zu verstehen gegeben, was er von mir hielt. Nach seiner Ansicht verdankte ich meine Stellung als Einars rechte Hand nur unserer verwandtschaftlichen Beziehung. Es musste ihn mit großer Befriedigung erfüllen, jetzt meinen Posten innezuhaben.
Eine Klimaanlage brummte leise und gleichmäßig vor sich hin. Ein oder zwei medizinische Geräte neben meinem Bett meldeten sich hin und wieder mit einem Piepton. Alle anderen Apparate waren ausgeschaltet. Bis auf das Atmen der Menschen war weiter nichts zu hören, keine Krankenhaus- und keine Straßengeräusche. Ich war in einem schallisolierten Raum gefangen, wieder einmal. Wie in jenem Zimmer 17 in der Uckermark.
Mein Blick kehrte zu meinem Bruder zurück. »Warum, Einar?«
»Du hast es doch gerade selbst erzählt, Arved, in deinem Traum.«
Ungläubig starrte ich ihn an. »Das kann es doch nicht sein! Nur wegen der Geschichte damals am Wannsee?«
Einar fuhr mit dem Zeigefinger der linken Hand langsam über seine gekrümmte Nase. »Das hier hat mich immer an den Vorfall erinnert. Aber du solltest wissen, dass ich nicht nur von jenem Abend spreche. Du bist Vaters Liebling gewesen, warst es immer, vom ersten Tag an. Ein Blick aus deinen treuen Augen, und Vater stand auf deiner Seite. An jenem Abend, als er mich ins Krankenhaus fuhr, hatte er kein einziges tröstendes Wort für mich. Nur Vorhaltungen, dass alles meine Schuld sei und dass er jetzt für die Katz gegrillt habe!«
»Vater war immer streng«, gab ich zu und sah ihn wieder vor mir stehen, aufrecht und stolz: Dr. Thorben Kranz, Richter am Bundesverwaltungsgericht, die personifizierte Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit. Bis auf eine Ausnahme vielleicht - mich selbst.
Ich hatte immer Nachsicht bei ihm gefunden und mehr noch bei Mutter. Als Kind hatte ich mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht, hatte es einfach glücklich hingenommen. Aber wenn ich jetzt darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass Vater selten so etwas wie menschliche Wärme verströmt hatte. Ich hatte ihn nur einmal weinen sehen, damals im Krankenhaus, als Mutter ihrem Krebsleiden erlegen war.
Einar war Vater sehr ähnlich. Mein Bruder hatte meines Wissens nicht ein einziges Mal geweint, weder bei Mutters Tod noch fünf Jahre später, als Vater bei einem Zugunglück ums Leben kam. Und Bedauern über Vaters Tod hatte Einar erst später geäußert, nach seinem Einser-Examen, als er meinte, das hätte Vater gefreut.
»Vielleicht hast du recht, Einar«, fuhr ich fort und wurde mir im selben Augenblick bewusst, dass es wie eine lahme Entschuldigung klang. »Aus irgendeinem Grund hat Vater mich immer bevorzugt. Und das, was er mir zu viel gegeben hat, mag dir gefehlt haben. Aber ich verstehe es selbst nicht. Du warst ihm immer viel ähnlicher, hast sogar ein Jurastudium mit Top-Noten hingelegt. Ich dagegen habe es nach dem ersten Semester abgebrochen.«
»Möglicherweise war es gerade deshalb«, erwiderte Einar und wirkte nachdenklich. »Vielleicht mochte Vater sich selbst nicht besonders leiden.«
»Wie auch immer, es ist nicht meine Schuld.« Ich rüttelte an den Riemen, die mich auf dem Bett festhielten. »Und es erklärt nicht das hier! Als du mich zur SGB holtest, dachte ich, alles sei vergeben und vergessen.«
»Es war ein Irrtum, dich zu holen, ein Fehler!« Einar sprach mit harter Stimme, und jedes Wort war wie ein Peitschenhieb. »Ich glaubte, du müsstest dich mit den Jahren geändert haben. Mein Bruder und ich an der Spitze der SGB - ein unschlagbares Team! So dachte ich. Aber es war der schwerste Fehler meiner Laufbahn. So etwas wird nicht wieder vorkommen. Immerhin bist du jetzt doch noch zu etwas nütze, dank deiner Ähnlichkeit mit Fuchs.«
Die letzte Bemerkung rief Bestürzung in mir hervor. Ich erinnerte mich, wie Ambeus mir den Spiegel vorgehalten hatte. Wie ich das Gesicht im Spiegel sah, das Gesicht aus dem INTEC-Tower. Das Gesicht von Robert Fuchs.
Mein Gesicht?
»Nein!«, keuchte ich. »Das kann nicht sein! Was habt ihr mit mir gemacht?«
Auf einen Wink Einars griff Ira hinter sich und reichte ihm den runden Spiegel, den schon Ambeus benutzt hatte. Einar hielt ihn vor mein Gesicht, und wieder blickte ich in die Züge von Robert Fuchs.
Ich schloss die Augen, um mich an mein Gesicht zu erinnern. Einar hatte recht, die Ähnlichkeit zu Fuchs war frappant: Dasselbe dunkle Haar, dieselben grauen Augen, und beide hatten wir ein schmales Gesicht mit vorspringendem Kinn. Aber ich hatte ausgeprägtere Wangenknochen gehabt als Fuchs, nicht so spöttisch dreinblickende Lippen und keine gebrochene Nase.
Als ich die Augen wieder aufschlug, las Einar in meinem Blick, was mich bewegte, und er sagte: »Dieselbe Statur, dieselbe Grundform des Gesichts. Es war nicht besonders schwer, dich in Fuchs’ Doppelgänger zu verwandeln. Ein paar gesichtschirugische Eingriffe der leichteren Art.« Er blickte Ambeus an. »Ein guter Freund des Professors ist ein Meister auf dem Gebiet.« Einars Augen fixierten wieder mich und ich las darin tiefe Befriedigung. »Besonders passend fand ich, dass wir dir die Nase brechen mussten.«
Das alles erschien mir wie ein einziger Albtraum, aber ich blickte den Beweis an, mein Spiegelbild. Ich fühlte mich wie jemand, der ein UFO landen sieht: Man weiß, es ist unglaublich, und doch ist es wahr!
»Wozu?«, brachte ich endlich über die Lippen.
»Wir brauchen Robert Fuchs noch, schon sehr bald, in wenigen Tagen. Du aber hast ihn uns genommen, als du in der Tiefgarage auf seinen Wagen geschossen hast, Arved. Als wir ihn fanden, war er tot. Gehirnblutung. Der Aufprall, verstehst du? Er war nicht angeschnallt.«
Ja, ich verstand, aber ich begriff längst noch nicht alles. Meine eigene. Erinnerung war noch zu bruchstückhaft, und was Einar mir sagte, ersetzte nur einen kleinen Teil der fehlenden Puzzlestücke.
Ich versuchte, einen winzigen Teil meines Unverständnisses in Worte zu fassen: »Wieso stand in der Presse nichts von dem Vorfall in der Tiefgarage? Es hieß, es gebe keinen Hinweis auf den oder die Verursacher des INTEC-Massakers. Aber die Überwachungskameras in der Tiefgarage müssen aufgezeichnet haben, was dort geschah!«
»Zum Überwachungsdienst der Tiefgarage haben wir gute Kontakte, sehr gute«, sagte Einar, während er den Spiegel weglegte. »Deshalb haben wir auch die Aufzeichnungen der Szene bekommen, wie du in den Wagen dieser Journalistin, Rica Aden, gestiegen bist. Und nach dem sogenannten Massaker im INTEC-Tower konnten wir die Videobänder an uns bringen und durch andere ersetzen, auf denen nur Schnee zu sehen war. Ein angeblicher Systemfehler. Die Schweinerei auf dem Parkdeck, ich meine Fuchs’ zerdetschten Wagen und seine Leiche, haben wir beseitigt, bevor die Polizei offiziell anrückte. Die Schäden, die Fuchs an anderen Fahrzeugen verursacht hat, sind als ganz normaler Unfall mit Fahrerflucht in die Akten eingegangen.« Er brachte sein Gesicht ganz nah vor das meine. »Aber geflohen bist du, Arved. Wohin? Wo ist der Koffer? Sag es mir!«
Ich sehe wieder das große Gebäude vor mir und die Einfahrt, in der ich meinen Wagen abstelle. Den Koffer in der Hand, steige ich aus und blicke mich um.
Niemand ist in der Nähe, nur aus den umliegenden Bars und Restaurants dringt der allnächtliche Lärm zu mir herüber. In dem Gebäude selbst aber ist alles ruhig. Bis der Hund zu bellen beginnt …
»Du erinnerst dich!«, stieß Einar triumphierend hervor und krallte seine Hände fest in meine Schultern. »Ich sehe es dir an, Arved. Du weißt doch, dass du mich nie belügen konntest. Auch in dieser Beziehung bin ich wie Vater. Also sag es schon! Wohin hast du den Koffer gebracht?«
Ich hielt seinem bohrenden Blick stand. »Was willst du mit dem Koffer? Was enthält er?«
»Du weißt, was er enthält. Du hast uns erzählt, dass du hineingesehen hast.« Als ich schwieg, wandte sich Einar an Ambeus.
»Geben Sie ihm noch eine Spritze!«
»Zu gefährlich«, entgegnete der Neurochirurg. »Wir haben ihm sehr hohe Dosen in verhältnismäßig kurzen Zeitabständen verabreicht. Noch eine Injektion, und er könnte kollabieren, mit letalem Ausgang!«
»Und?«, fragte mein Bruder harsch.
Knaup trat zwei Schritte vor. »Einar, vergiss nicht, dass wir deinen Bruder noch brauchen!«
Einars Mundwinkel zuckten, als er mit sich kämpfte. »Professor, können Sie ihm nicht eine geringere Dosis verabreichen?«
»Auch das wäre riskant.«
»Tun Sie es trotzdem!«
Und wieder bohrte sich die dünne Nadel in mein Fleisch.
»Noch eine Injektion, und er könnte kollabieren, mit letalem Ausgang.« Ich höre diese Worte und sehe, seltsam verzerrt wie die Stimme, das hagere Gesicht des Professors vor mir.
Letaler Ausgang, das bedeutet nichts anderes als zu sterben. Heißt es nicht, im Augenblick des Todes sähe man sein Leben an sich vorüberziehen? Dann stimmt es also, denn genauso ist es bei mir.
Noch einmal bin ich der kleine Junge, der sich vor seinem großen Bruder ängstigt und bei seinen Eltern Schutz und Trost findet, immer wieder. Vielleicht zu oft, denn ich nutze es aus und genieße es heimlich, wenn Einar traurig und wütend abseits steht.
Wie mein großer Bruder studiere ich Rechtswissenschaften - und langweile mich unendlich. Anspruchsgrundlagen, objektive und subjektive Tatbestandsmerkmale, alternative und kumulative Kausalität, das alles bleiben für mich böhmische Dörfer. Nur weg und etwas Handfestes machen, eine Ausbildung beim Bundesgrenzschutz. Training an der Waffe und im Nahkampf, Sondereinsätze bei der GSG 9 gegen Rockerbanden, Drogenschmuggler und Waffenschieber.
Bis Einar mich bittet, als seine rechte Hand zur neuen SGB zu kommen. Er sagt, dass er einen Praktiker an seiner Seite braucht. Ich zögere, denke an meine ständigen Reibereien mit ihm. Aber ist das nicht die Chance, Vergangenes vergessen zu machen? Also sage ich zu. Hat Einar mich für blöd gehalten, weil ich das Jurastudium so schnell geschmissen habe? Anders kann es kaum sein. Wie sonst konnte er glauben, er könnte seine dunklen Machenschaften vor mir verbergen? Ich merke, dass er ein großes Ding vorhat, jenseits der Legalität. In die Sache verstrickt ist dieser bunt schillernde Privatagent, der häufig für den IN-TEC-Konzern arbeitet: Robert Fuchs.
Wie nicht anders zu erwarten, gibt es schnell dienstliche Reibereien mit Einar. Ich nehme das zum Anlass, den Job hinzuschmeißen. Er ist doppelt froh darüber, da meine Verpflichtung ihn nicht nur intern belastet, sondern auch ins Kreuzfeuer der Medien gebracht hat. Ich fliege nach Brasilien, kehre aber schon wenige Tage später wieder nach Berlin zurück, heimlich, um auf eigene Faust zu ermitteln.
Ich beschatte meinen Bruder, beobachte ein abendliches Treffen zwischen Einar und Robert Fuchs. Von da aus fahrt Fuchs zum Potsdamer Platz. Ich verfolge ihn bis in die Tiefgarage unter dem INTEC-Tower.
Etwas riss mich aus der Erinnerung und aus dem langen Tunnel, durch den ich schwebte, einem fernen warmen Licht entgegen. Dieses Licht schien mir Ruhe und Geborgenheit zu versprechen. Ich war enttäuscht, stattdessen in die grelle Deckenlampe über meinem Bett zu starren. Gestalten in Weiß huschten hin und her, bearbeiteten meinen Körper, riefen sich Anweisungen und Bemerkungen zu, die mein Verstand kaum wahrnahm.
Nur kurze, aus dem Zusammenhang gerissene Bruchstücke blieben hängen: »… Dosis doch zu hoch …« – »… kurz vor dem letalen Exitus …« – »… Herzstillstand …« – »… Wiederbelebung einleiten …« – »… negativ … keine Reaktion …« – »… verlieren den Patienten …«
Meine Ohren hörten alles wie durch eine dicke Wattschicht. Meine Augen versuchten vergebens, den Gestalten feste Konturen und klare Gesichter zu geben. Meine Sinne waren unfähig, die einlaufenden Informationen zu verarbeiten. Alles zerfloss zu einem Brei aus dumpfen Lauten und verschwommenen Bildern.
Irgendwann wurde es anders, ergaben die Laute wieder einen Sinn, setzten flimmernde Bilder sich zu den Umrissen des Krankenzimmers zusammen. Der Raum lag in einem Halbdunkel, und an meinem Bett saß die rothaarige Frau - Ira. »Wieder bei klarem Verstand?«, fragte sie. »Wir hatten ganz schön Mühe, dich am Leben zu halten. Dabei weiß ich gar nicht, ob ich froh über das Ergebnis bin.«
»Wieso?« Meine Stimme klang so matt, wie ich mich fühlte.
Sie hielt ihre rechte Hand mit dem Gelenkverband vor mein Gesicht. »Du warst nicht gerade nett zu mir, in jener Nacht. Seitdem habe ich ziemliche Probleme mit der Hand.«
»Verzeih, dass ich mein Leben retten wollte!«
Ira setzte ein falsches Lächeln auf. »Schon vergessen.«
»Da wir gerade so nett plaudern: Könntest du mir sagen, was ihr mit meinem Kopf angestellt habt?«
Verschwörerisch hielt sie einen Zeigefinger vor ihre roten Lippen. »Vorsicht, damit Dr. Kranz keinen Wind davon bekommt!«
»Wovon?«
»Eigentlich sollte Rudolf durch den neurochirurgischen Eingriff nur deine Erinnerung aktivieren. Dein Bruder war ganz versessen darauf herauszufinden, wo du diesen Koffer versteckt hast. Aber Rudolf konnte es nicht lassen und hat ein wenig mit dir herumexperimentiert.«
»Operation Golem«, sagte ich heiser. »Oder Projekt Balmung, wie es die Nazis nannten.«
Überrascht riss Ira die Augen auf. »Du weißt davon?«
»Ja«, antwortete ich knapp. »Ich weiß, dass dein Rudolf, mag er nun Baumes oder Ambeus heißen, mit Hilfe der Staatssicherheit untergetaucht ist. Und ich weiß, dass er für die Stasi an der Golem-Sache gearbeitet hat, auf dem alten Gut in der Uckermark. Hat Einar keine Ahnung, was ihr mit mir angestellt habt? Ich meine, dieses Radar in meinem Kopf und die Fähigkeit, Dinge im Dunkeln zu erkennen.«
Ira seufzte wie ein hilfloses Schulmädchen. »Rudolf hat auf eigene Faust gehandelt. Er ist einfach nicht zu bremsen, wenn ein geeignetes Objekt vor ihm auf dem OP-Tisch liegt.«
»Ein geeignetes Objekt? Wofür?«
»Um mit dem Golem voranzukommen. Die sogenannte Wende hat seine Forschungen um Jahre zurückgeworfen. Jetzt aber, wo er neue Geldgeber hat, arbeitet er mit Hochdruck an der Vervollkommnung des Golems.«
»Wer sind diese Geldgeber?«
Hätte Ira die Frage beantwortet, wäre ihr dazu die Zeit geblieben? Vermutlich nicht, aber sie kam gar nicht dazu. Die Zimmertür wurde geöffnet, und die hellen Deckenlichter flammten auf. Ambeus und seine beiden weiß gekleideten Begleiter traten ein und sahen mich neugierig an.
»Du hast das Signal gegeben, Ira«, sagte der Professor. »Wie lange ist er schon bei Bewusstsein?«
»Erst wenige Minuten.«
»Und? Was sagt er?«
»Nur Belangloses. Er ist noch ziemlich verwirrt.«
»Kein Wunder, so nah, wie er am Tod vorbeigeschrammt ist.« Ambeus betrachtete mich wie ein Versuchskaninchen. »In diesem Zustand noch eine Injektion mit der Wahrheitsdroge, und er ist weg vom Fenster.«
Er überprüfte meinen Puls, meinen Herzschlag und meine Pupillen und sagte dann zu mir: »Sie sollten Ihrem Bruder freiwillig sagen, wo der Koffer ist. Er ist imstande, Sie umzubringen, wirklich!«
»Daran zweifle ich nicht«, antwortete ich.
Einer der beiden Männer mixte an einem Tisch ein Getränk in einem kleinen Glas, das er Ambeus reichte.
»Ihr Schlaftrunk«, sagte der Professor und hielt das Glas an meine Lippen.
Ich drehte den Kopf zur Seite. »Was ist das?«
»Wirklich nur ein Schlaftrunk. Sie müssen schlafen, um sich von all den Anstrengungen zu erholen.«
Ich gab den Widerstand auf. Sie konnten mich sowieso zu allem zwingen. Die Flüssigkeit schmeckte leicht süßlich, gar nicht mal schlecht, und bald träumte ich wieder.
Dunkelheit senkt sich allmählich über den Pariser Platz. Es ist ein lauer Abend im Frühsommer. Eine Touristengruppe steigt gerade in einen Reisebus. Ein zweiter Bus rollt durch das Brandenburger Tor und spuckt seine Ladung aus. Schnatternde, fotografierende, filmende Menschen. Während ich mir einen Weg durch die Menge bahne, höre ich heraus, dass sie sich auf Spanisch unterhalten. Verstehen kann ich sie nicht.
Ich gehe auf das Tor zu, will mir ein wenig im Tiergarten die Beine vertreten, dann ein Bier trinken. Ein freier Abend, an dem ich nicht im Einsatz für Volk und Vaterland bin, muss genossen werden. Freizeit ist heilig.
Deshalb reagiere ich auch nicht, als ich sehe, wie ein bärtiger Mann einem Touristen die Fotokamera entreißt und an mir vorbei zum Tiergarten spurtet. Kein Fall für die SGB, schon gar nicht am Feierabend. Sollen die Kollegen von der Schutzpolizei, die drüben vor dem Haus Liebermann ein Schwätzchen halten, sich darum kümmern. Als sie endlich merken, was los ist, ist der Räuber schon fast durchs Brandenburger Tor. Sie laufen ihm nach, aber er ist schnell, sehr schnell.
Zwanzig Minuten später habe ich den Vorfall fast vergessen. Ich schlendere an der großen Baustelle vorbei, dem Clay-Center. Da bricht vor mir eine Gestalt aus dem Unterholz, der bärtige Räuber. In einer Hand hält er den Fotoapparat. Als ich so plötzlich vor ihm stehe, ist er wie gelähmt, weiß nicht, ob er weglaufen oder das Unschuldslamm spielen soll.
Vom Teufel geritten, frage ich: »Wie läuft es denn so? Hast du die Bullen abgehängt?«
»Wer – sind Sie?«, erwidert er zögernd.
»Auch ein Bulle. Aber keine Angst, ich bin außer Dienst. Wie wäre es nach der Anstrengung mit einem kühlen Bier?«
Erstaunt sieht er mich an, fängt dann an zu kichern. »Okay, Einladung angenommen. In Gegenwart eines Bullen kann mir wohl nichts passieren.«
Ein Geräusch zerstörte den Traum, und verwirrt registrierte ich, was ich geträumt hatte. Die Begegnung mit Max war anders gewesen. Und sie hatte keinen Fotoapparat gestohlen, sondern eine Videokamera. Erst allmählich wurde mir bewusst, dass der Traum sehr wahrheitsgetreu gewesen war. Genauso war vor drei Monaten mein erstes Zusammentreffen mit Max abgelaufen.
»Was faselst du da von Bullen, Arved? Die können dir nicht helfen. Sag mir lieber, was mit dem Koffer ist!«
Einar stand mit Ambeus an meinem Bett. Hinter ihnen sah ich Ira und Knaup. Wahrscheinlich hatte das Eintreten meines ungebetenen SGB-Besuchs mich aus dem Schlaf gerissen.
»Wenn der Koffer so verdammt wichtig für dich ist, können wir vielleicht ein Geschäft abschließen«, sagte ich.
Einar schüttelte den Kopf. »Keine Chance! Wir finden den Koffer auf jeden Fall. Selbst wenn nicht, du kannst den Inhalt nicht mehr gegen uns verwenden.«
»Aber jemand anders könnte es!«
Für einen Moment fiel die Maske der Selbstsicherheit von meinem Bruder ab, und er schnappte hastig: »Wer? Etwa diese Journalistin, bei der du dich eingenistet hast?«
»Wenn du mit mir nicht ins Geschäft kommen willst, gebe ich dir auch keine Informationen.«
Einar hatte sich wieder unter Kontrolle und gestattete sich ein mildes Lächeln. »Es kann nicht mehr lange dauern, bis wir die Kleine aufgespürt haben. Ich weiß, sie ist ein ausgekochtes Luder. Das habe ich schon gemerkt, als sie mich interviewt hat. Aber gegen uns hat sie keine Chance. War sie es, die dich nach Auenheim begleitet hat?«
»Ich sagte doch schon, keine Informationen ohne Gegenleistung.«
»Du überschätzt deine Position maßlos. Rica Aden wird uns genauso in die Falle gehen, wie du uns schon zweimal in die Falle gegangen bist.«
»Zweimal?«, fragte ich und gähnte. Die Müdigkeit wollte mich wieder übermannen.
»Jetzt in Auenheim und nach der Geschichte im INTEC-Tower. Dank der Überwachungsbänder kannten wir die Nummer deines Mietwagens. Du bist mit der Kiste zu lange durch Berlin gegondelt.«
Einars spöttische Bemerkung rief Empörung in mir hervor. Ich fühlte mich ungerecht behandelt wie so oft früher, als wir Kinder gewesen waren.
Zu lange durch Berlin gegondelt?
Unsinn!
Sie hatten mich noch in derselben Nacht erwischt …
Der Koffer ist in Sicherheit, zumindest einstweilen. Mit diesem beruhigenden Gefühl steuere ich den VW Bora in Richtung Wilmersdorf, wo ich mich unter dem Namen »André Höhler« in einer kleinen Pension eingemietet habe.
Angeblich bin ich ein Handlungsreisender, der für einige Wochen in Berlin zu tun hat. Dank guter Kontakte aus alten Grenzschutztagen habe ich einen kompletten Satz Papiere auf den Namen »Höhler«, fast so gut wie echte. Auch der Wagen ist auf diesen Namen angemietet.
Aber ich weiß, dass die Auswertung der Videoaufnahmen aus der Tiefgarage meine Tarnung auffliegen lassen wird. Ich will nur meine wenigen Sachen aus der Pension holen, und dann nichts wie weg. Den Mietwagen werde ich einfach irgendwo am Straßenrand zurücklassen.
Im Licht einer Straßenlaterne taucht vor mir das L-förmige Gebäude der Pension auf. Das Haus liegt in einem ruhigen Ortsteil, umgeben von ein paar alten Villen. Kein Mensch scheint auf der Straße zu sein. Am Rand der Fahrbahn parken zahlreiche Fahrzeuge. Einige davon kenne ich. Ihre Besitzer wohnen auch in der Pension.
Ich halte an, stoße rückwärts in eine Parklücke, stelle Motor und Scheinwerfer ab. Doch ich steige nicht sofort aus. Die nächsten Schritte wollen gut überlegt sein. Ein falscher Schritt kann mich in Gefahr bringen. Mich und jemand anderen. Lange Minuten bleibe ich hinter dem Steuer sitzen und denke nach, entwerfe einen Plan.
Als ich schließlich aussteige, merke ich, wie angebracht Vorsicht ist. Und wie unvorsichtig ich gewesen bin, als ich beschloss, meine Sachen aus der Pension zu holen …
Kaum aus der Autotür, werde ich von mehreren Gestalten umringt, die wie aus dem Nichts vor mir auftauchen. Sie müssen sich hinter den parkenden Wagen verborgen haben. Die Pistolen in ihren Händen, Glock 17 und SIG-Sauer P228, deuten auf mich. Einer von den Männern ist Martin Knaup. Er hält seine Waffe mit beiden Händen und zielt auf meine Stirn. Ich weiß, dass es ihm nichts ausmachen würde abzudrücken.
»Ende der Fahnenstange!«, sagt er in seiner seltsam abgehackten Art. »Wo ist der Koffer, Arved?«
Ich zwinge mich zu einem Lächeln, obwohl mir zu nichts weniger zumute ist. »Hallo, Martin. Was für ein überraschendes Wiedersehen!«
»Wo ist der Koffer?«, wiederholt er, stur wie ein Roboter.
Ich lächle noch immer, rein mechanisch. »Keine Ahnung, wovon du sprichst.«
Ein kaum merkliches Zeichen Knaups, und einer seiner Leute zieht mir die Pistole von hinten über den Schädel.
Ich taumle nach vorn, werde aufgefangen. Jemand reißt meine Hände auf den Rücken und legt mir Handschellen an.
Man schleppt mich über die Straße, stößt mich in das Heck eines neutralen Lieferwagens und schlägt die Hintertür zu. Keine zehn Sekunden später setzt der Wagen sich in Bewegung.
Und ich weiß, dass ich verloren habe.
Das Erste, was ich mit noch geschlossenen Augen wahrnahm, war ein sanftes Rütteln im Verein mit einem leisen Brummen. Ich lag auf hartem Untergrund, und als ich mich bewegte, stieß ich mir den Hinterkopf an. Als ich die Augen öffnete, flirrte über mir das trübe Licht einer faustgroßen, ovalen Lampe. Die einzige Beleuchtung in dem kleinen, fensterlosen Raum. Der Innenraum eines Lieferwagens.
Ich lag auf dem Boden in der Mitte. Auf den seitlichen Pritschen saßen drei Männer in dunklen Anzügen. Zwei von ihnen spielten lässig mit den SIG-Sauer-Pistolen, die sie wie zufällig in den Händen hielten.
Der dritte Mann war Martin Knaup, und er bedachte mich mit einem spöttischen Lächeln. »Gut geschlafen, Arved? Wir dachten schon, du wärst hinüber. Nicht, dass ich es bedauert hätte. Aber es hätte unsere Pläne ein wenig durcheinander gebracht.«
Mein Hinterkopf schmerzte, und ich wollte ihn vorsichtig betasten. Es ging nicht. Handschellen fesselten meine Hände auf den Rücken. Ein zweites Paar Handschellen kettete meine Fußgelenke zusammen.
Verwirrt versuchte ich, mir über meine Lage klar zu werden. Knaup, seine bewaffneten Helfer, der Lieferwagen – alles war so wie in jener Nacht, als sie mich vor der Pension abgefangen hatten. Aber das war Vergangenheit, lag viele Wochen zurück, versuchte ich mir klarzumachen. Ich hatte mich daran erinnert, als ich ein Gefangener meines Bruders und dieses Professors Ambeus/Baumes war.
Oder doch nicht? Erlebte ich es gerade erst? Hatten die chirurgischen Eingriffe des Professors in mein Gehirn dazu geführt, dass Vergangenheit und Gegenwart für mich verschmolzen?
Ich versuchte, mich an jene Nacht zu erinnern, als ich Knaup vor der Pension in die Falle gegangen war. Sie hatten mich in den Lieferwagen geschleppt. Sein Innenraum hatte exakt so ausgesehen wie der, in dem ich jetzt lag. Und doch, etwas war anders!
Ich konnte mich an keine Handschellen erinnern. Nur an eine Injektion, die mir das Bewusstsein nahm. Von da an war es dunkel in mir bis zu jenem Augenblick, als ich in der alten Klinik in der Uckermark wieder zu - einem reichlich lädierten - Bewusstsein kam.
Wie eine Schlange kroch ich zu der glatten Wand, die den Frachtraum vom Fahrerhaus trennte, und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Die drei anderen betrachteten meine Bemühungen teils amüsiert, teils gelangweilt. Ich kannte nur Knaup und schloss daraus, dass seine Begleiter nicht zur SGB gehörten.