Cover

Buch

Grausame Morde erschüttern die schwedische Stadt Norrköping. Dreimal wird der Sanitäter Philip Engström zu den Tatorten gerufen, dreimal kann er nichts mehr für die entsetzlich entstellten Opfer tun. Er erkennt, dass er den Ermordeten schon einmal begegnet ist – und er selbst das nächste Opfer sein könnte. Doch eine schwere Schuld in seiner Vergangenheit lässt ihn schweigen. Staatsanwältin Jana Berzelius nimmt sich des Falles an. Erst spät merkt sie, dass Privates und Beruf­liches in dieser Mordserie eng miteinander verknüpft sind. Denn Jana hat ihre ganz eigene Rechnung mit dem Mörder offen.

Autorin

Emelie Schepp, geboren 1979, wuchs im schwedischen Motala auf. Sie arbeitete als Projektleiterin in der Werbung, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Nach einem preisgekrönten Theaterstück und zwei Drehbüchern verfasste sie ihren ersten Roman: Der zuerst nur im Selbstverlag erschienene Thriller »Nebelkind« wurde in Schweden ein Bestsellerphänomen und als Übersetzung in zahlreiche Länder verkauft. 2016 wurde Schepp mit dem Crimetime Specsavers Award ausgezeichnet und damit zur besten Spannungsautorin Schwedens gekürt.

Von Emelie Schepp bereits erschienen
Nebelkind · Weißer Schlaf · Engelsschuld

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Emelie Schepp

Engelsschuld

Thriller

Deutsch von
Annika Krummacher

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Prio Ett« bei Wahlström & Widstrand, Stockholm.


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Copyright der Originalausgabe © 2016
by Emelie Schepp by Agreement with Grand Agency

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017
by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Friederike Arnold

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagabbildungen: Getty Images/Jeff Canon; Getty Images/WIN-Initiative/Neleman

BL · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-20697-0
V005

www.blanvalet.de

Für Papa

Die Frau schlug die Augen wieder auf und sah mich an. Verzweifelt fuchtelte sie mit den Händen, als wäre ihr erst in diesem Moment aufgegangen, was gleich passieren würde.

Ich sah ihr Erstaunen, ihre Verwunderung, und flüsterte ihr zu, dass es keinen anderen Ausweg gebe, dass sie schon zu viel gesehen habe.

Sie hätte weiter die Augen geschlossen halten sollen, hätte nicht mit neugierigem Blick den Ring betrachten ­dürfen.

»Es tut mir leid«, sagte ich, während ich meine Hände auf ihre Nase und ihren Mund presste. »Aber was hätten Sie an meiner Stelle getan?«

Sie antwortete nicht. Natürlich nicht.

Einen einzigen Versuch unternahm sie noch, sich zu befreien, einen letzten verzweifelten Versuch. Ihr magerer Körper auf der Pritsche bäumte sich auf. Sie wollte meine Hände packen, dann fuhr sie mit den Fingern über meinen Arm und kratzte mich. Aber ich wehrte mich. Drückte immer fester zu.

Sie versuchte zu schreien, ich hörte einen gurgelnden Laut, aber ihre Kräfte ließen nach, und sie blinzelte ­hektisch, ohne dass Tränen kamen.

Und dann, endlich, kam die Einsicht, dass dies das Ende darstellte. Ihr Gehirn machte sich frei von allen anderen Gedanken, alles wurde rein und furchtbar.

Es war kein Geräusch zu hören, nur ein leiser Seufzer, als sie aufgab. Als der Körper sich schließlich entspannte und still wurde.

Ich nahm die Hand von ihrem Mund, lauschte der Stille. Und lächelte. Denn es fühlte sich so einfach an, so perfekt, so selbstverständlich.

Dies war eine Ausnahme gewesen, aber auch ein Beginn. Und ich freute mich auf die Fortsetzung.

Wie ein Kind.

Mittwoch

1

Philip Engström stand im Pausenraum der Rettungswache in Norrköping. Kühle Frühlingsluft wehte durchs offene Fenster herein. Er nahm den Kaffeebecher aus dem Automaten, schloss die Hände darum und genoss die Wärme. Dann ging er durchs Zimmer und ließ sich auf eines der Sofas sinken.

Erst in einer Stunde war seine Schicht vorbei, aber schon jetzt spürte er eine starke Sehnsucht, die Augen schließen zu dürfen, nur ganz kurz zu schlafen.

Er wusste, dass er diesen Gedanken besser verbannen sollte, aber nach den stressigen Ereignissen der vergangenen Nacht brauchte er Erholung. Plötzlich war er eingenickt. Der Schlaf hatte ihn überwältigt, und er träumte von einem wirbelnden, tosenden Wasserfall.

Da hörte er plötzlich in weiter Ferne jemanden seinen Namen rufen. Er zuckte zusammen, tastete über den Tisch und stieß versehentlich den Kaffeebecher um.

»Mensch, Philip!«

»Hallo, Sandra«, sagte er verschlafen.

Sandra Gustafsson stand zwei Meter von ihm entfernt und hatte die Hand in die Hüfte gestemmt. Ihre Haare waren blond, und ihre Augen waren so grün wie ihre Arbeitskleidung. Sandra war Rettungssanitäterin und der jüngste Zuwachs in der Wache. Sie war kompetent und arbeitete hart, machte sich aber auch viele Gedanken um ihre Kollegen.

»Noch immer müde?«, fragte sie.

»Kein bisschen«, antwortete Philip. Er stand auf und wischte den Kaffee mit unnötig viel Küchenkrepp vom Tisch, ehe er sich wieder setzte.

Sie sah ihn an, während er ein Gähnen unterdrückte. Dann ging sie zum Automaten und füllte zwei Becher mit Kaffee. Er konnte sein Lächeln nicht verbergen, als sie ihm den einen reichte. Er nahm einen raschen Schluck und sah verstohlen auf die Uhr.

»Bald ist Feierabend«, sagte sie.

»Genau.«

»Und du willst nicht mit mir sprechen, bevor du gehst?«

Sie setzte sich in den Sessel ihm gegenüber. Ihr Körper war kräftig und durchtrainiert.

»Worüber?«

»Über die Patientin, die gestorben ist.«

»Warum sollte ich mit dir darüber reden wollen?«, fragte er und nahm noch einen Schluck von seinem Kaffee. Er fühlte sich noch immer schläfrig. Ich muss besser auf meine Gesundheit achten, dachte er. Wegen der Schichtarbeit schlief er zu wenig und zu unregelmäßig. Es reichte einfach nicht, sich hier und da eine Stunde auszuruhen.

»Irgendwie war das eine seltsame Situation«, sagte sie.

»Es war ein ganz normaler Herzinfarkt, was gibt es denn da zu besprechen?«

»Die Patientin hätte überleben können.«

»Aber sie ist gestorben, okay?«

Philip lauschte auf das Summen des Kaffeeautomaten. Er dachte an die Patientin und spürte, dass seine Hände zitterten.

»Ich frage mich nur, wie es dir damit geht«, sagte sie.

»Sandra.« Er stellte den Kaffeebecher auf den Tisch. »Ich weiß, dass du diese Peer-Ausbildung gemacht hast und uns Kollegen super zuhören kannst, aber dieser Psychoscheiß funktioniert nicht bei mir.«

»Du willst also nicht reden?«

»Nein, hab ich gesagt.«

»Ich habe nur gedacht …«

»Was hast du gedacht? Dass wir uns im Kreis hinsetzen und uns umarmen? Willst du, dass wir uns dabei auch noch einen Kuschel-Schlafanzug anziehen, oder was?«

»Na ja, die Abläufe sehen normalerweise vor …«

»Hör auf. Ich arbeite seit fünf Jahren als Notfallsanitäter, ich weiß ganz genau, wie die Abläufe aussehen.«

»Dann weißt du auch, dass es nicht in Ordnung ist, bei einem Einsatz einzuschlafen.«

Es wurde für einen Moment still im Raum.

»Und was ist, wenn jemand davon erfährt?«, flüsterte sie dann.

»Keiner wird davon erfahren«, sagte er. »Schließlich gibt es so was wie Schweigepflicht.«

»Wie?«

Er sah sich um und vergewisserte sich, dass niemand in Hörweite war.

»Du hast gehört, was ich gesagt habe.«

»Das können wir doch nicht machen, verdammt«, sagte sie.

Philip fing ihren Blick auf. »Warum nicht?«

»Du hast sie ja nicht mehr alle«, sagte sie. »Du bist total …«

»Ich weiß, dass das komisch klingt.«

»Komisch? Das klingt total verrückt.«

Er sah in Richtung Tür und hätte am liebsten das Zimmer verlassen, jetzt, sofort. Er wollte die Ruhe spüren, die Stille hören, und vor allem wollte er Sandra loswerden.

»Tut mir leid, Philip, das kann ich nicht. Du hast das vermurkst, nicht ich.«

»Ich vermurkse gar nichts, nur damit du es weißt. Und das war auch gar nicht der Grund, dass sie gestorben ist.«

»Glaubst du das wirklich?«

Philip starrte sie an, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und atmete tief durch.

»Na gut«, sagte er nach einer Weile. »Wir machen es so: Wenn jemand wider Erwarten herausfinden sollte, dass ich während des Einsatzes eingenickt bin, verspreche ich, mich selbst anzuzeigen.«

»Und was ist mit mir?«

»Du schiebst alles auf mich und sagst, dass du Angst hattest, was zu sagen, weil du gerade erst hier angefangen hast, und so weiter. Du kannst dabei richtig auf die Tränendrüse drücken.«

Sie sah ihn schweigend an.

»Sind wir uns einig?«, fragte er.

»Ja«, sagte sie leise. »Aber du müsstest mal was unternehmen. Noch so ein Vorfall, und ich zeige dich an.«

»Danke«, entgegnete er und legte die Hand auf ihre Schulter.

»Ich meine es ernst.«

»Ich weiß«, sagte er und stand auf.

Staatsanwältin Jana Berzelius saß vor dem Aufnahmestudio und wartete. Gleich durfte sie sich neben Richard Hansen setzen, der das Frühstücksradio des Senders P4 Östergötland moderierte. Auf ein Handzeichen des Moderators hin schlich sie sich ins Studio und setzte sich auf den vorgesehenen Platz. Über die Kopfhörer verfolgte sie mit, wie er das neue Diskussionsthema ankündigte:

»Erpressung, Raub und Überfälle mit Hammer, Messer und Schnellfeuerwaffen – die Bandenkriminalität in Norrköping nimmt stetig zu. Jana Berzelius, Sie sind seit mehreren Jahren als ermittelnde Staatsanwältin in Fällen von organisierter Kriminalität tätig. Haben Sie eine Erklärung für diese Zunahme von Gewalttaten?«

Jana räusperte sich.

»Zunächst einmal sollten wir berücksichtigen, dass wir hier von der Zahl der angezeigten Verbrechen sprechen. Dass die Statistik einen Zuwachs verzeichnet, heißt nicht unbedingt, dass die tatsäch­liche Kriminalität zunimmt, sondern …«

»Sie meinen also, die Statistik lügt?«

»Wir beobachten, dass die Bandenkriminalität in ganz Schweden zunimmt, während die Gewalt in der Gesellschaft insgesamt sinkt.«

»Und was ist der Grund für die steigende Bandenkriminalität?«

»Da gibt es viele Erklärungen.«

»Zum Beispiel?«

Sie beugte sich vor. »Im Prinzip haben Sie in Ihrer Ankündigung die wichtigsten Gründe genannt. Ich kann Ihnen nur zustimmen, dass der wachsende Bestand an Schusswaffen in Kombination mit einer sozialen und wirtschaft­lichen Segregation wichtige Faktoren darstellen.«

»Wie Sie wissen, hat unsere Redaktion die kriminellen Banden hier in Norrköping näher untersucht«, fuhr Hansen fort, während er in seine Unterlagen sah. »Unsere Repor­tagen über die Aktivitäten dieser Banden in Sachen Waffen-, Drogen- und Menschenhandel haben viel Aufsehen erregt. Jetzt ist seit den ersten Berichten ein Jahr vergangen, und es ist kaum eine Verbesserung zu beobachten. Es wird nur selten ein Urteil gesprochen, wenige Fälle kommen überhaupt vor Gericht, und viele Menschen behaupten, dass das Rechtssystem in Schweden nicht richtig funktioniert. Müssen wir uns Sorgen machen?«

»Im Rechtswesen besteht immer das Risiko von Fehlern, die dann in vereinzelten Fällen zu falschen Gerichtsurteilen führen können oder dazu, dass es gar nicht erst zu einem Prozess kommt.«

»Könnte ein befangener Staatsanwalt ein solches Risiko darstellen?«

»Natürlich – genau wie manipulierte polizei­liche Ermittlungen, irreführende Expertengutachten oder Falschaus­sagen. Dass diese Risiken manchmal in falschen Gerichts­urteilen resultieren, kann niemand leugnen, nicht einmal ich als Staatsanwältin.«

»Und was halten Sie von den immer lauter werdenden Stimmen, die eine Erhöhung des Strafmaßes für Gewalt­verbrechen fordern?«

»Wir haben keine Beweise dafür, dass strengere Strafen zu weniger Verbrechen führen würden, dagegen …«

»In den USA hat die Entscheidung für härtere Strafen dazu geführt, dass …«

»Aber wir sprechen jetzt von Schweden beziehungsweise von Norrköping«, präzisierte Jana.

Hansen blickte wieder in seine Unterlagen.

»Die Opposition hält härtere Strafen für ein wichtiges Ziel in der Rechtspolitik. Möchten Sie das kommentieren?«

»Die wichtigste Aufgabe der Rechtspolitik sollte die Prävention von Verbrechen sein.«

Hansen sah zu ihr auf. »In der sogenannten Polizeiaffäre wurden leitende Polizeichefs und Geschäftsleute wegen Korruption und Drogenschmuggel angeklagt und werden, so dürfen wir vermuten, zu langen Gefängnisstrafen verurteilt werden.«

»Das stimmt, ja.«

»Wenn ich es richtig verstehe, ist dieses Gerichtsverfahren besonders kompliziert. Mal ganz abgesehen von der besonderen Rücksichtslosigkeit der Gewalttaten, geht es offenbar um einen Beamten, der seine Machtposition missbraucht hat, und zwar in erheb­lichem Umfang.«

»Sie sprechen vom Reichspolizeichef Anders Wester«, entgegnete Jana. »Wir haben noch gar kein klares Bild, was tatsächlich vorgefallen ist, nicht alle Tatverdächtigen sind angehört worden …«

»Das ist richtig, aber wäre in einem solchen einzigartigen Fall nicht eine härtere Strafe denkbar, um zu demonstrieren, dass unsere Gesellschaft diese Art von Verbrechen verurteilt?«

»Das kann ich nicht kommentieren, und ich bin auch nicht für diesen Fall zuständig.«

»Aber sind Sie denn nicht der Meinung, dass die Gesellschaft durch ihr Strafsystem deutlich macht, wie sie die unterschied­lichen Verbrechen bewertet?«

»Doch, aber es gibt wie gesagt keine Beweise für einen Zusammenhang zwischen härteren Strafen und einem Rückgang der Kriminalität.«

»Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie also der Meinung, dass wir stattdessen mehr in Präventionsmaßnahmen investieren sollten, weil Sie das für den einzigen Weg halten, um die Kriminalität zu senken?«

»Ja, natürlich.«

»Und worauf basieren Ihre Schlussfolgerungen?«

Jana sah ihm direkt in die Augen.

»Auf meiner Erfahrung.«

Der Krankenpfleger Mattias Bohed ging zusammen mit seiner Kollegin Sofia Olsson durch die Station 11 des Vrinnevi-Krankenhauses. Vor Zimmer 38 saß der Wachmann Andreas Hedberg. Er lächelte Sofia schüchtern an, erhob sich und schloss die Tür auf. Sobald die beiden Pfleger den Raum betreten hatten, sperrte Hedberg wieder zu.

In dem streng bewachten Zimmer wurde seit drei Mona­ten der Mordverdächtige Danilo Peña versorgt. Mattias wusste kaum mehr über den Patienten als das, was im Internet zu lesen war – dass er in die sogenannte Polizeiaffäre verwickelt war und unter Verdacht stand, mehrere Menschen ermordet zu haben, darunter einige junge Mädchen aus Thailand. Die Kollegen, die für seine Pflege ausgewählt worden waren, mussten sich an strikte Verhaltensregeln halten, unter anderem durften sie nie allein mit ihm im Zimmer sein.

»Hast du vergessen, die Lampe auszuschalten?«, fragte Sofia, als sie sah, dass drüben am Bett Licht brannte.

»Nein«, sagte Mattias. »Ich glaube nicht.«

»Du musst unbedingt daran denken, die Lampen nicht eingeschaltet zu lassen. Es muss dunkel im Raum sein, wenn wir nicht hier sind.«

»Entschuldigung«, sagte er, obwohl er davon überzeugt war, keinen Fehler gemacht zu haben.

Der Raum war klein und enthielt außer der medizintechnischen Ausrüstung ein Bett, einen Nachttisch und einen Stuhl.

Sofia nahm eine kleine Glasflasche in die Hand und schüttelte sie vorsichtig, ehe sie die Flüssigkeit in eine Spritze zog.

»Hast du schon gehört, dass er gestern kurz aufgewacht ist?«, sagte sie.

»Soll das ein Witz sein?«

»Ja«, sagte sie und lächelte.

»Willst du mir einen Schrecken einjagen, oder was?«

»Nein, aber ich will, dass du ganz besonders sorgfältig bist. Die Lampe darf auf keinen Fall anbleiben, wenn wir nachher das Zimmer verlassen.«

Der Patient lag ruhig auf dem Rücken, nur seine Atmung war zu erahnen. Er hatte die Augen geschlossen und die Arme unter der Decke.

Mattias hielt Abstand, obwohl er wusste, dass der Patient tief schlief.

»Was ist los mit dir? Das war doch nur ein Witz«, sagte Sofia, die seine Nervosität bemerkt hatte. »Es gab doch noch nie irgendwelche Anzeichen, dass er gleich aufwachen könnte. Er hat sich kaum bewegt und liegt immer so da, wenn wir reinkommen.«

»Aber eines Tages wird er aufwachen, oder etwa nicht?«

»Entspann dich«, sagte sie und seufzte.

»Aber ehrlich jetzt, was passiert, wenn er aufwacht?«

»Er wird nicht aufwachen.«

Sie ging zum Bett und sagte leise zum Patienten, dass es Zeit für die Spritze sei.

»Warum redest du mit ihm, wenn er dich doch sowieso nicht hört?«, wollte Mattias wissen.

»Keine Ahnung, aus alter Gewohnheit vielleicht?«

Sie hielt die Spritze in der linken Hand und schlug mit der Rechten die Decke zurück.

»Hilfst du mir, bitte?«

Mattias stellte sich neben sie und rieb einen Wattebausch mit Desinfektionsmittel über die schlaffe Haut des Oberarms. Danilo Peña sah mager aus. Vermutlich hatte er während seines Krankenhausaufenthalts eine ganze Menge Muskelmasse verloren.

Mattias umrundete das Bett, warf den Wattebausch in den Papierkorb und beobachtete Sofia, die im Begriff war, Danilo Peña die Spritze in den Unterarm zu geben.

»Träum was Schönes«, sagte sie leise.

In diesem Moment zuckte Peñas Hand. Sofia trat sofort einen Schritt zurück. Die Spritze fiel ihr aus der Hand und rollte unter das Bett.

»Ist er aufgewacht?«, fragte Mattias erschrocken.

»Nein. Seine Augen sind ganz trüb, und der Blick ist total unfokussiert. Er schläft noch immer. Ehrlich gesagt war ich gar nicht darauf vorbereitet, dass er … Ich meine, ich war echt überrascht.«

Sie bückte sich, um die Spritze unter dem Bett hervorzuholen, bekam sie aber nicht zu fassen.

»Sie liegt eher auf deiner Seite«, sagte sie. »Kannst du sie eben aufheben, während ich eine neue vorbereite?«

Mattias fixierte den Patienten mit dem Blick, während er sich hinkniete. Er sah Sofias Füße, als er unter das Bett sah.

Die Spritze lag ziemlich weit hinten an der Wand. Das Namensschild und die Kulis in der Brusttasche drückten, als er unter das Bett robbte, um sie hervorzuholen.

In diesem Moment ertönte ein dumpfer Laut über ihm. Er blickte sich um, konnte Sofias Füße aber nicht mehr sehen.

»Sofia?«, fragte er und erhob sich, während er die Spritze krampfhaft umklammert hielt.

Ein Adrenalinstoß durchfuhr ihn, als er sah, dass die Decke beiseitegeschoben und das Bett leer war.

Auf dem Stuhl daneben saß Sofia. Ihre Arme hingen schlaff herunter, und ihre Augen waren geschlossen.

Er starrte sie an, und sein Herz pochte so heftig, dass es in seinen Ohren dröhnte. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er den Notrufschalter betätigen oder den Wachmann rufen sollte, aber der Körper gehorchte ihm nicht.

Dann machte er einen Schritt rückwärts. Als er sich umdrehte, entdeckte er den Patienten, der still hinter ihm stand, nur zwei Schritte entfernt, mit geballten Fäusten und finsterem Blick.

Mattias umklammerte die Spritze noch fester und hob sie langsam, als wollte er sich damit verteidigen.

»Wag nicht mal, diesen Gedanken zu denken«, sagte Danilo Peña mit dumpfer Stimme und machte zwei Schritte auf ihn zu.

Mattias wich zurück, aber seine Bewegung war viel zu vorhersehbar und langsam. Danilo Peña packte seinen Arm und verdrehte ihn. Es tat fürchterlich weh.

»Was wollen Sie?«, keuchte Mattias. »Sagen Sie einfach, was Sie wollen, dann helfe ich Ihnen …«

Der Schmerz im Arm ließ ihn verstummen. Er konnte nicht mehr dagegenhalten, die Spritze glitt aus seiner Hand und auf den Fußboden.

»Zieh dich aus.«

»Was?«

»Zieh dich aus.«

»Okay, okay«, sagte Mattias. Doch er konnte sich nicht bewegen, denn sein Körper war wie gelähmt.

Erst als Danilo Peña seine Worte wiederholte, verstand er und zog sich den weißen Kasack über den Kopf. Ein Stift fiel auf den Boden.

»Die Hose auch.«

Mattias wandte den Blick zur Tür.

»Bist du schwer von Begriff? Es ist eilig.«

Der Schlag kam so schnell, dass er nicht mehr reagieren konnte. Er tastete nach seinem Mund und spürte warmes Blut zwischen den Fingern.

Danilo Peña bückte sich und hob die Spritze auf.

»Bitte«, sagte Mattias. »Ich tue alles, was Sie wollen …«

»Die Hose.«

Mattias knöpfte schnell die weiße Hose auf und schob sie sich bis zu den Knien hinunter. Er versuchte, sein Bein herauszuziehen, blieb aber mit dem Turnschuh hängen. Mattias verlor das Gleichgewicht und fiel zur Seite. Er spürte den Schmerz in der Hüfte, als er auf dem Fußboden landete, zerrte aber weiter am Hosenbein.

Schließlich hatte er Schuhe und Hose ausgezogen. Er hatte eine Gänsehaut an den Beinen und dachte an seinen Sohn Vincent, der fürs Ausziehen immer so ewig brauchte. Ständig musste er ihn ermahnen, wenn er baden sollte oder ins Bett musste. Jetzt schwor er sich, ihn nie wieder des­wegen zu ermahnen. Nie wieder, dachte er und spürte einen Kloß im Hals, als müsste er gleich weinen.

»Du hast die Strümpfe vergessen. Los, mach schon!«

Mattias schluckte, zog die Strümpfe aus und sah Danilo Peña an.

»Ich habe eine Familie, einen Sohn …«

»Steh auf«, sagte Peña. »Geh zum Bett.«

Mattias stolperte vorwärts, ohne seinen Körper wirklich im Griff zu haben, hielt sich aber auf den Beinen, keuchend und zitternd.

»Und jetzt?«

»Leg dich hin«, zischte Peña.

»Ins Bett?«

»Ins Bett.«

Die Laken waren noch immer warm, als er sich mit dem Kopf aufs Kissen legte. Es war unbequem, doch er wagte nicht, sich zu bewegen.

Danilo Peña bückte sich, hob den Kasack vom Boden auf und schlüpfte rasch hinein. Die Hose saß locker an seiner Taille. Dann drehte er sich zu Mattias um, schlug die Decke zurück und hielt die Spritze über die nackte Brust des Krankenpflegers, einen Zentimeter über dem Herzen.

»Zeit für deine Spritze«, sagte er und lächelte.

Mattias sah die spitze Nadel. Dann ging alles ganz schnell. Er empfand einen Stich in der Brust, als hätte ein Insekt ihn gebissen. Es fühlte sich an, als würde sich eiskaltes Wasser in seinem Blutkreislauf verteilen.

Von der Einstichstelle ausgehend, breitete sich ein roter Fleck auf dem weißen Laken aus.

Eigentlich hätte er Angst empfinden müssen, aber er spürte gar nichts, alles, was er tun konnte, war, seine Umgebung zu beobachten.

Danilo Peña sagte irgendetwas, aber die Worte hallten wie in einem Tunnel. Mattias sah, wie er den weißen Kasack zurechtzog, den Stift vom Boden aufhob und in die Brusttasche steckte. Peña betrachtete sich im Spiegel und fuhr sich durchs schwarze Haar, bevor er sich wieder zu Mattias umdrehte.

»Träum was Schönes«, sagte er.

Dann ging er zur Tür. Mattias hörte, wie sie aufgeschlossen, geöffnet und wieder geschlossen wurde.

Das kann alles nicht wahr sein, war sein letzter Gedanke.

Dann spürte er, wie sie näher kam. Die Stille.

Dann die Kälte. Sie begann in den Füßen und Händen. Breitete sich langsam aus, von den Beinen, den Armen und dem Kopf bis zum Herzen.

Und als Letztes kam die Finsternis.