Zum Buch
Davids Frau liegt tot in ihrem gemeinsamen Haus. Sie hatten eine obsessive Ehe, er war so hingerissen von ihrer Schönheit, ihrer Freiheit, ihrer Stärke. Eine leidenschaftliche und intensive Liebe – bis zu dieser Nacht, in der Schreckliches geschieht … Wozu kann ein Mensch fähig sein? Dunkel, aufwühlend und schockierend – »Was ich getan habe« ist ein packender Thriller über das tödliche Risiko, das man eingeht, wenn man liebt.
Zur Autorin
ANNA GEORGE arbeitete als Anwältin, beim Film und für das Fernsehen. Sie studierte Kreatives Schreiben und hat Drehbücher geschrieben. Momentan arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Melbourne.
ANNA GEORGE
WAS ICH GETAN HABE
THRILLER
Aus dem australischen Englisch
von Henriette Zeltner

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »What Came Before« bei Penguin Australia, Melbourne.
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1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung August 2017
Copyright © der Originalausgabe 2014 by Anna George
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: semper smile, München
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
mr · Herstellung: sc
ISBN 978-3-641-20756-4
V001
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Für Jason
»Mein Name ist David James Forrester. Ich bin Anwalt. Heute Abend um 18 Uhr 10 habe ich meine Frau getötet. Dies ist meine Aussage.«
Er steckt sich eine Zigarette in den Mund, hält das Diktiergerät in der anderen Hand. Der Wagen scheint sich selbst zu lenken. Er denkt über den Unterschied zwischen einräumen und gestehen nach. Räum ein Detail eines Verbrechens zu viel ein, und du hast gestanden. Das gilt auch für Mord. An so viel kann er sich noch erinnern.
Er stoppt die Aufnahme.
Sein Auto rollt so langsam mitten auf der Tennyson Street, dass der Motor fast abstirbt. Seddon, dieser Vorort im Westen von Melbourne, umfängt ihn mit Stille. Er starrt auf Lattenzäune und Rosensträucher. Die traditionellen Schindelhäuser, alle so wie ihres: symmetrische Front, zweifarbig und makellos gepflegt. Früher hatte diese Gleichförmigkeit sie zum Lachen gebracht und ihn auch. In den letzten ungefähr zehn Jahren des Imagewandels – vom Arbeiterviertel zum Quartier der jungen Karrieretypen – schien ganz Seddon nur einen einzigen Maler für die Fassaden und eine einzige Gärtnerin beauftragt zu haben.
»Ein beschäftigtes Paar«, hatte sie gemeint, »mit begrenztem Geschmack.«
Aber heute Abend sieht er in all den aufgehübschten Häusern nur trostlose Repliken des Tatorts.
Er schließt die Augen. Der Motor zittert und stirbt ab.
Das Diktiergerät rutscht ihm aus der Hand, prallt aufs Lenkrad und fällt ihm in den Schoß. Die Klappe springt auf, er sieht das Band. Und raucht. Er denkt an die Geschichte, die er zu erzählen hat, und an seinen Schmerz. Normalerweise kann er seine Gedanken ordnen, ohne sie irgendwo festzuhalten. Aber gelingt ihm das heute Abend? Wenn die Tat noch frisch ist und seine Hände schmerzen? Vielleicht nicht. Aber er muss es versuchen, bevor seine Worte verdreht werden und seine Erinnerung sich trübt. Bevor seine Schuld zum Faktum wird. Er greift nach der Kassette mit dem abgespulten Band. Ihm ist schlecht.
Er drückt die Tür auf. Die Kälte schlägt ihm ins Gesicht, während er auf die Straße kotzt.
Wenigstens kennt er sich in Sachen Aussagen aus. Seit über zwanzig Jahren hat er Tausende aufgenommen. Auch wenn die von ihm Befragten meist nur mürrische Banker sind, gelten doch die gleichen Prinzipien. Anklagen oder angeklagt werden, das ist eine emotionale Angelegenheit. Und er ist zu einem professionellen Händchenhalter geworden. Er sagt diesen Typen mit zitterndem Kinn, sie sollten sich einfach und mit ihren eigenen Worten ausdrücken, aber das ist, wie er jetzt merkt, eine schwierige Aufgabe. In der Dämmerung kotzt er noch einmal auf die Straße und richtet sich dann wieder auf. Seine Gedanken sind jetzt klar. Er wird die Sache chronologisch strukturieren. So werden die Handlungen, die gemeinsam das Verbrechen ergeben, nicht stundenlang zerpflückt. Was zuvor passiert ist, was jemand getan hat, prägt die Schuld, offenbart sie. Denn erst wenn der Schaden eingetreten ist, interessiert sich überhaupt jemand dafür, was zuvor geschah.
Mit revoltierendem Magen lässt er den Wagen wieder an und am Bordstein entlangrollen. Er parkt vor dem einzigen Haus mit Ziegelfassade in der Tennyson Street. Dann steckt er seinen kleinen Finger in das Rädchen in der Mitte der Kassette und dreht, als würde er sich das Ohr putzen. Er sieht, wie sich das Band glatt aufrollt. Und ein Bild steigt in ihm auf. Dieses Bild ist der Schlüssel zu seiner Geschichte, vielleicht so entscheidend wie dieser eine Winterabend. So sehr es auch schmerzt, er kann ihm nicht entgehen. Sie sitzt rittlings auf ihm, groß, schimmernd und nackt.
Kapitel 1
Es war Mitte August, also vor fast genau zwei Jahren. Er kaufte sich eine Karte für Sprich mit ihr im Rahmen einer Almodóvar-Retrospektive, als er sie, allein, zwei Menschen weiter, in der Schlange stehen sah. Er erkannte sie sofort wieder, obwohl er ihr vorher nur einmal begegnet war. Er beobachtete sie, wie sie etwas über den spanischen Regisseur las. Aus der Nähe betrachtet war sie, streng genommen, nicht hübsch. Ihrem Gesicht fehlte die Symmetrie, ihre Nase war nach links gebogen und ein Augenlid etwas schwerer als das andere, trotzdem sah sie gerade wegen dieser Makel so viel besser aus als andere. Er war hingerissen von ihrem olivfarbenen Teint und ihrem Haar, das sie jetzt nicht mehr »anwältinnenglatt« und schulterlang trug, sondern das etwas von der wilden Mähne eines Straßenkinds hatte. Er vermutete, dass diese Veränderung für ihren spektakulären neuen Look verantwortlich war. In ihrem herzförmigen Gesicht wirkten die hellen Augen riesig und ätherisch.
Falls er einen Typ hatte, dann war sie es. Er stellte sich ihr vor, und sie plauderten. Nach dem Film ging sie mit ihm in die überfüllte Bar auf der anderen Straßenseite, gegenüber vom Sun Theatre. Sie diskutierten gerade Almodóvars Frühwerk, als sie sich, irgendwie intuitiv seine Müdigkeit spürend, von hinten an ihn schmiegte und mit den Händen über seine Schultern strich. Dann ließ sie ihre Fingerspitzen auf seinem Nacken liegen, als bitte sie um Erlaubnis. Da er nichts sagte und sich auch keinen Schritt wegbewegte, begann sie ihn mit ihren langen Fingern unterhalb seines Haaransatzes zu massieren.
»Ist das besser?«, flüsterte sie.
Ah, jaa, dachte er und wagte nicht zu sprechen. Was sie tat, war gewissermaßen überstürzt, aber doch so passend, es beseitigte etwas zwischen ihnen, wofür man auch Stunden, wenn nicht sogar Tage hätte brauchen können.
Gegen ein Uhr nachts küssten sie sich in einem Taxi auf dem Weg zu ihr. Ihr kleines Haus im viktorianischen Stil war cremefarben und grün verziert und mit hohen Decken. Es gefiel ihm, vor allem die Einrichtung im Stil der Alten Welt mit europäisch-asiatischem Flair. Sie hatte ein Händchen für Art-déco-Möbel vom Trödel, chinesische Stiche, Sideboards und Lampen. Die Räume waren mit grünen und blauen türkischen Teppichen ausgelegt; an den Wänden hingen Bilder von Meer und Bäumen, gemalt von ihm unbekannten Künstlern. In jedem Zimmer quollen die Bücherregale über. Er hätte nie erwartet, dass eine junge ungebundene Frau so ein Haus bewohnte. Auch wenn sie ihm erzählte, es erst kürzlich gekauft zu haben, war nichts daran halb fertig, nichts vorläufig. Als sie dann auch noch ihren Kühlschrank öffnete, der randvoll mit Obst und Gemüse war, fühlte er sich geradezu eingeschüchtert.
»Möchtest du ein Omelett oder einen Teller Antipasti?«, fragte sie.
»Nichts, danke.«
Seine Nerven ließen ihm nichts bis auf sein Lächeln. Sie hatte dieselbe Ausstrahlung, seit er sich ihr vorgestellt hatte – offen, warmherzig, unkompliziert. So anders als seine Erwartungen an sie. Er wurde nicht schlau aus ihr.
Sie führte ihn durch ihr Wohnzimmer, das vom Lampenschein erhellt und von einem gasbetriebenen Kaminfeuer geheizt war, in ein Esszimmer mit einem honigfarbenen Holztisch und Stühlen. Er schaffte es, die Einrichtung zu bewundern, und sie schien sich darüber zu freuen.
»Aufgearbeitete viktorianische Esche, dank Victoria-Film und ihrem Programm für Drehbuchentwicklung«, sagte sie und bewegte sich auf ihn zu. Er musste verwirrt gewirkt haben. »Die Förderung sollte meinem Drehbuch Daisy vom Entwurf zur zweiten Fassung verhelfen.«
Das war die erste direkte Anspielung auf ihre neue Karriere gewesen. Im Verlauf des Abends hatten sie zwar ihre gemeinsame Leidenschaft für Arthaus-Filme entdeckt, aber nicht über ihre Rolle in der Filmbranche gesprochen.
Er machte zustimmende Geräusche, als sie seinen Gürtel öffnete. Die Sitzkissen waren mit feinem olivfarbenen Wildleder bezogen. Es fühlte sich auf der Haut seidig an. Dem Drehbuchschreiben zuträglich, vermutete er.
Gegen 1 Uhr 30 waren sie beide nackt, und sie saß rittlings auf ihm, während er auf einem der Esszimmerstühle Platz genommen hatte. Ihr Atem an seinem Hals war feucht, ihr Griff fest, umschließend, wie er es mochte. Praktisch alles, was sie getan hatte, war so gewesen, wie er es mochte: einfühlsam und spielerisch. Vor etwa zwanzig Minuten hatte sie ihn wieder geküsst. Den Rhythmus vorgebend, bog sie sich jetzt auf ihm, die schlanken Arme um ihn geschlungen. Seine Haare zwischen ihren Fingern auf seinen Schultern. Auch sein Rücken war behaart. Leicht rötlich. Er hatte sie beobachtet, als sein Hemd fiel, und im ersten Moment schien sie geradezu schockiert gewesen zu sein. Aber nun, im Licht des Kaminfeuers, sah er, wie sie den rot-golden glitzernden Flaum anschaute.
»Als ich heute Morgen aufstand, war das noch nicht da«, flüsterte er.
»Mir gefällt’s.« Sie bewegte sich langsam auf ihm. »Und ich mag deine Zähne und die Lücke und deine Lippen …« Sie fuhr sie mit der Fingerspitze nach. »Genau richtig, um zu sehen, wann du lächelst, und genau richtig um …« Sie küsste ihn sanft, und er unterdrückte ein Stöhnen. »Und ich mag dein krauses Haar«, sagte sie und vergrub ihre Finger darin, »mit den rötlichen Strähnen. Das passt zu den Haaren auf deinem Rücken.« Sie grinste.
An Plaudereien beim Koitus nicht gewöhnt, küsste er sie verlegen. Aber sie amüsierte sich weiter. »Keine der Einzelheiten deines Gesichts ist besonders umwerfend«, sagte sie und lehnte sich zurück, »aber alle zusammen sind unwiderstehlich.«
Er starrte sie an, verblüfft von ihrem scharfen Auge.
Sie lachte. »David, das ist ein Kompliment.«
Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Körper. Geschmeichelt und erleichtert beobachtete er sie. Es dauerte nicht lange, bis sie schnell und synchron atmeten. Mit geschlossenen Augen spürte er jedes Detail: ihre Oberschenkelmuskeln auf seinen, ihre Zungenspitze an seinem Ohr, ihre Hand auf seinem Nacken. Er würde jede Sekunde kommen. Er öffnete die Augen, um sich zu versichern, dass sie aus Fleisch und Blut war und nicht die Doppelgängerin, von der er vor vier Jahren geträumt hatte. Er bewegte seine Hüften. Sie stöhnte. Lehnte sich zurück. Er betrachtete ihren Hals und die blauen Augen, die sich hell und strahlend von ihrer melassefarbenen Haut abhoben. Er versuchte, an sich zu halten. Das war nicht leicht. Als sie dann nach Luft schnappte, bemerkte er den Schweißfilm auf ihrer Oberlippe, unter ihren Brüsten, zwischen ihren Schenkeln. Als würde sie schmelzen. Überall auf ihm. Es widerstrebte ihm zu unterbrechen, aber irgendwie fühlte er sich dazu verpflichtet.
»Du«, sagte er, »ich glaube, du urinierst auf mich.«
Im Raum herrschte Stille, bis auf ihrer beider Atem und das Brummen der Heizung. Keiner rührte sich. Er hielt den Blick auf sie gerichtet und betete darum, dass er den zarten Faden, mit dem sie sie beide eingesponnen hatte, nicht zerrissen hatte.
»Was hast du gesagt?«, flüsterte sie.
»Ich glaube du uri…«
»Was?«
Sie erhob sich, und die Innenseiten ihrer Schenkel tropften. Sein Schritt war nass und die Hälfte des Wildleders ebenfalls. Sie berührte das Kissen und führte ihre Finger mit großen Augen an ihre Nase.
»Ich könnte ein Handtuch brauchen«, sagte er. Ihre Miene konnte er nicht deuten, aber ihre Wangen brannten. »Ist okay«, sagte er mit einem schwachen Lächeln. »Nur sehr nass.«
Bevor er noch mehr sagen konnte, flitzte sie zur Tür.
Sein Herz raste noch, während er sich die Indizien ansah. Er befühlte den Stuhl, hielt inne. Seit seine Frau gegangen war, betrauerte er das umgekehrte Verhältnis von Hygiene und Sex. Oft war es besser, die Gerüche nicht zu identifizieren. Wenn er nur nicht so deutlich gewesen wäre. Er roch an den nassen Fingern, als er aufschaute und sie schon wieder reinkommen sah, mit Handtüchern im Arm. Sie sah unglaublich groß aus und blieb zögernd im Türrahmen stehen.
»Nun?«, sagte sie. »Wie lautet das Urteil?«
Es gab kein Entkommen. Er schnüffelte. »Geruchlos«, sagte er erleichtert. »Definitiv.«
»Ha, wusste ich’s doch!«, sagte sie strahlend. Aber auch über ihr Gesicht huschte Erleichterung, als sie ihm ein Handtuch zuwarf.
In ihrer Einbauküche saß er auf einer Bank und aß Toast mit vegetarischem Aufstrich. Das Kondom war entsorgt, das Kissen lehnte am Gasfeuer.
»Vor vier Jahren«, sagte er, »hatte ich gerade bei Freeman & Milne angefangen, als ich in deine Abschiedsparty stolperte.«
Genussvoll aß sie ihren Toast auf. »Ich weiß, und als Andrew Milne mit meiner juristischen Lobrede begann, hast du die Flucht ergriffen.«
Überrascht und erneut geschmeichelt konnte er nur nicken. Sie war damals Senior Associate gewesen, Anwärterin auf eine Partnerschaft, und er frischgebackener Partner in der Kanzlei. Als er hörte, dass sie gekündigt hatte, war er irritiert und beeindruckt gewesen. Er hatte ein Dutzend Jahre gebraucht, um das zu erreichen, was sie in fünf Jahren mit knapp dreißig geschafft hatte. Als er damals von ihr hörte, vermutete er, dass sie die richtigen Privatschulen besucht und in der belaubten östlichen Vorstadt von Melbourne aufgewachsen war – daher hatte man immer Großartiges von ihr erwartet. Er vermutete, die Tatsache, dass sie der Jurisprudenz den Rücken kehrte, war auch schon das Unvorhersehbarste an ihr. Jetzt wusste er, dass er sich in diesem Punkt geirrt hatte.
Auf sichererem, trockenerem Terrain sprachen sie über seine Kollegen und ihre früheren Chefs. Die höheren Ränge im juristischen Geschäft, die elitäre Inzucht. Es gab nur wenige, die sie beide kannten und mochten – trotz der zweihundertköpfigen Belegschaft bei Freeman & Milne.
»Ich fühlte mich dort immer wie das schwarze Schaf«, sagte sie.
Sie füllte am Spülbecken die Teekanne und lächelte. Er erinnerte sich daran, wie sie damals in dem Sitzungsraum ausgesehen hatte. Umgeben von Anwälten in der Mitte ihrer Karriere, wie ein Leuchtturm in einem Meer von Grau: lebhaft, greifbar, strahlend. Jetzt wusste er, warum. Anwälte ließen sich in drei Kategorien unterscheiden: die Minderheit der Gläubigen, die die Rechtspraxis liebten; die agnostische Mehrheit, die blieb (oder manchmal auch ging, aber wiederkam), weil sie nicht wusste, was sie sonst anfangen sollte; und die glücklichen Atheisten, die aufgrund einer anderen Berufung gingen. Er erkannte, dass sie zu Letzteren gehörte. Damals, in dem riesigen Sitzungsraum, hatte sie vor Glück gestrahlt. So wie heute Abend. Sie gemahnte ihn an seinen eigenen plattfüßigen Agnostizismus.
In ein marineblaues Handtuch gewickelt, spürte er, dass er eine schwelende Energie ausstrahlte. »Du bist intensiv«, sagte sie, »wie eine blaue Flamme.« Er musste lächeln. Sie schenkte schwarzen Tee ein. Die dampfende Flüssigkeit ergoss sich in einem Bogen aus der Kanne in den Becher. Mit der Rückseite seiner Finger berührte er ihre Wange, und sie ließ den Becher überlaufen – eine Reaktion, die ihn lächerlicherweise freute. Er meinte, sie erröten zu sehen, aber wegen des Dampfs vor ihrem Gesicht war er sich nicht sicher.
»Ist das schon mal passiert?«, fragte er.
Sie nippte an ihrem zu heißen Tee. »Nein.«
Wie sie so am Kühlschrank lehnte, in ihr Handtuch gewickelt, mit geradem Rücken und großen Füßen, erinnerte sie an einen imposanten Teenager am Schulzaun. Die Sorte Mädchen, die ihm immer gefallen hatte, denen er aber nur selten nähergekommen war. Definitiv erste Liga.
»Also, dann fühle ich mich geschmeichelt«, sagte er. »Ich habe bis jetzt von weiblicher Ejakulation nur gehört.«
Diesmal war ihre Farbe unverkennbar. »Ohne dich hätte ich das nicht hingekriegt.«
Er lachte, über ihre unbeholfene Prahlerei und das Erröten. Sie hätte fast alles sagen können, und er hätte es amüsant gefunden.
»Und es tut mir leid, dass es die Sache abgekürzt hat«, sagte sie.
»Muss es nicht. Ich bin vollauf befriedigt.«
Um ihre Verlegenheit in den Griff zu kriegen, ließ sie den Tee stehen und machte sich an den Abwasch. Er sprang von der Bank und nahm ihr ein benutztes Buttermesser aus der Hand. Wie sie so barfuß vor ihm stand, war sie noch immer groß. Ihm gefiel, dass sie den Kopf nicht neigen musste, um ihm in die Augen zu schauen. Wieder bemerkte er ihren Atem: frisch, vertraut, nach vegetarischem Aufstrich.
»Was machst du in zehn Stunden?«, fragte er und schlang seine Finger in ihre nasse Hand.
»Arbeiten.« Sie trat einen Schritt zurück. Trocknete sich die Hände ab. »Nimm das nicht persönlich, aber ich habe dich als meinen ersten One-Night-Stand verbucht.«
Stirnrunzelnd wischte er sich die Finger an seiner Brust ab, wobei ein paar Brösel hängen blieben. Er fragte sich, ob er ihre Aussage parieren sollte mit: Etwas anderes habe ich auch nicht gemeint oder etwas in der Art. »Und warum das?«
Sie zögerte. »Um zu sehen, wie sich das anfühlt, denke ich.«
»Und wie fühlt es sich an?«
»Aufregend, spaßig …« Sie hielt seinem Blick stand. »Und beendet.«
Er gab ihr zwanzig Sekunden, es sich noch mal anders zu überlegen. Oder um sich wenigstens seiner Wirkung auf sie bewusst zu werden. Als er auf sie zutrat, fuhr sie sich mit den Händen durch ihre Mähne. Und als er ihr mit den Fingern erneut über die Wange strich, wurde ihr Gesicht wieder rosig. Unter seinem intensiven Blick erzitterten ihre Lippen.
»Sag mir, ob irgendeine andere deiner Beziehungen so begonnen hat«, bat er.
Sie formte die Antwort mehr mit den Lippen, als sie auszusprechen: »Nein.«
»Und hat eine deiner anderen Beziehungen funktioniert?«
Kopfschüttelnd wurde sie wieder zu dem imposanten Schulmädchen. »Aber du bist geschieden«, sagte sie und rückte langsam von ihm weg, »und du bist alt, und du bist ein Anwalt.«
Er blinzelte, um sein Staunen zu kaschieren. »Autsch.«
»Und«, sagte sie, sich räuspernd, wie um mehr Autorität zu erlangen, »nach einem Anfang wie diesem geht es nirgendwo mehr hin.«
Seine rotbraunen Augen flackerten. »Und ob«, sagte er. »Wir können überallhin – um genau zu sein, überallhin, wo es Plastikbezüge gibt.«
Ihr Lachen war ein lautes, klares Geräusch in ihrer Küche. Und er stimmte mit ein.
Er weiß nicht, wo Erinnerungen gespeichert werden – in der rechten Gehirnhälfte, in der linken oder irgendwo dazwischen? Aber heute Abend pochen seine Schläfen, während in seinem Kopf knapp zwei Jahre alte Amateurfilme laufen. Angeschlagen auf dem Fahrersitz, wird er in eine Collage von ihr hineingezogen: über ihrem Laptop grinsend, wie sie Gemüselasagne kocht, beim Unkrautjäten zwischen ihren Tomaten. In ihren zweiundzwanzig gemeinsamen Monaten änderte sich ihre Stimme von fröhlich zu verzweifelt. Am Anfang aber leuchtete sie geradezu. Er schließt die Augen. Reue ist noch fern, aber bereits am Horizont zu erkennen.
Er stellt sie sich am Morgen nach ihrem ersten One-Night-Stand vor. Sie schlüpfte aus seinen Armen und wickelte sich in ein Handtuch. Und er sah ihr dabei zu. Ohne Make-up waren ihre Wangen und Lippen rosig, und ihre blauen Augen glitzerten im Kontrast zum zerzausten hellbraunen Haar. Sie war die von Natur aus farbenfrohste Frau, die ihm je begegnet war. Sie grinste ihn an und schnappte sich ihre Kleider vom Boden. Obwohl es Samstag war, spürte er, dass sie für ihre Arbeit am Schreibtisch schon spät dran war. Sein Wochenende war dagegen wie immer ziemlich leer.
»Sag mal, warum ausgerechnet romantische Komödien?«
Die Frage traf sie unvorbereitet, und das freute ihn. Am Vorabend hatte er ihre freche romantische Komödie nicht erwähnt, obwohl sie bei der Kritik wie beim Publikum ein Hit gewesen war. Als sie an diesem Morgen ihr Handtuch wieder feststeckte, ahnte er, dass sie in Bezug auf ihn noch schwankte. Also lächelte er sein schönstes sinnliches Lächeln.
»Schuld daran ist Katharine Hepburn«, sagte sie seufzend. »Ich bin mit Die Nacht vor der Hochzeit, Die Frau, von der man spricht und Sein Mädchen für besondere Fälle aufgewachsen.«
»Das war mit Rosalind Russell.«
Schon aufs Badezimmer zusteuernd, sagte sie über die Schulter hinweg: »Ja, ich weiß. Die ist auch schuld.«
Im Schneidersitz hockte er nackt auf ihrem Bett und rief: »Screwball-Komödien, was? Howard Hawks, George Cukor, Rededuelle und überraschende Wendungen?«
Sie schwieg kurz. »Ja, genau.« Dann richtete sie diese großen Augen wieder auf ihn. »Als Teenager dachte ich, das wäre der einzige Weg, mit dem anderen Geschlecht in Verbindung zu treten. Jahrelang habe ich auf irgendeinen schnell sprechenden Mann gewartet, der ohne mich nicht leben konnte.«
Sie schwieg wieder, offenbar von ihrer eigenen Antwort überrascht. Er sah ihr beim Nachdenken zu. Schon seit Beginn ihres gemeinsamen Abends hatte er versucht dahinterzukommen, warum sie Single war; dafür gab es schließlich immer einen Grund. Als sie jetzt so im Türrahmen stand, taxierte er sie. Ihre subtile Schönheit und Intelligenz. Früher hätte er versucht, sie zu zeichnen.
»Also«, sagte er, »jetzt schreibst du romantische Komödien, um anderen Leuten falsche Hoffnungen zu machen?« Er nahm ihre hochgezogene Augenbraue als angedeutetes Geständnis. »Das muss doch per Gesetz verboten sein.«
»Genau genommen«, sagte sie, »spenden diese Filme mir Trost.«
»Immer noch?«, fragte er und spürte sein Zutrauen wachsen. »Ich hole mir den beim Boxen und bei Goya.«
Als sie daraufhin lächelte, erhob er sich vom Bett.
Ihr Blick wurde ernst. »David«, sagte sie und machte danach eine kleine Pause. »Hast du meinen Film überhaupt gesehen?«
»Klar«, sagte er. »Zwei Mal. Er hat mir gefallen. Und nenn mich Dave.«
Sanft küsste er ihre geschwungenen Lippen. Er hielt ihren Kopf, der sich unter den Haaren warm anfühlte. Dann löste er das Handtuch und zog sie zurück auf die Matratze. Zu seiner Erleichterung ließ sie sich darauf ein, erneut mit ihm zu verschmelzen. Sechs Stunden später ging er.
In seinem Auto stöhnt er, und die Blackbox der Erinnerung schnappt zu. Mein Gott, sie war ein Geschenk. Eine der zwei Frauen in seinem Leben, die er geliebt hat. Die Ungeheuerlichkeit seiner Tat trifft ihn wie ein Schlag. Er ist vieles, denkt er – ein Trinker, ein Arschloch –, aber kein Killer. Er würde es nicht glauben, wenn es den Beweis nicht gäbe. Die Kratzer auf seinen Handrücken sind tief und lang und lassen das rohe Fleisch darunter sehen. Er hatte sich auf sie gelehnt, die Hände fest um ihren langen Hals gelegt, und mit seinen Daumen zugedrückt. Mehr hatte es nicht bedurft: sein Körpergewicht und seine beiden Daumen. Obwohl sie mit ihren Händen an seinen gekratzt hatte.
In seinem rechten Daumen steckt einer ihrer Fingernägel. Ein pinkfarbener schartiger Halbmond. Er zieht ihn heraus, und der Druck in seinem Bauch nimmt zu. Heftig.
Er rast über die Tennyson Street Richtung Yarraville Gardens. Der Segen einer Toilette. Oder ein dunkles Gebüsch. Der Schmerz wird stärker, und er schlingert. Er fürchtet, es nicht zu schaffen. Drei lange Minuten später kommt der Park in Sicht, und er bremst, reißt die Tür auf und rennt. In Sichtweite befindet sich der Hafen von Melbourne mit seinen Kränen und Containern. Was für ein gottverdammter Ort, denkt er. Der Schrottplatz der Stadt.
Das Toilettenhäuschen aus Beton ist eiskalt und nur von einer einzigen Glühbirne erleuchtet. Er stürzt in eine Kabine, reißt sich die Hose runter und erleichtert sich. Der Schwall ist kurz und heftig. Aber nicht die Erleichterung, die er erwartet hatte. Perplex kauert er über der alten hölzernen Klobrille. Er schließt die Augen und sieht sich selbst. Gebeugt und zitternd, schwitzend und frierend. Total außer sich.
Ohne Vorwarnung explodiert sein Mageninhalt in seiner Kehle. Der perfekte Hinterhalt. Er wirbelt herum, schafft es aber nicht mehr und bespritzt den Zementboden. Während es ihn würgt, spült er, um wenigstens von der Scheiße wegzukriegen, was geht. Mit dem Fuß tritt er die Klobrille hoch und kotzt wieder. Zu spät erinnert er sich an die zwei Gläser Rotwein und ihr selbst gemachtes Tsatsiki. Beim zweiten Mal schmeckt alles viel schlimmer. Und beim dritten Mal. Hätte er zu Mittag gegessen, hätte er bessere Karten gehabt. Auch ein Frühstück hätte ihn zustopfen können. Aber wie’s aussieht, muss er auch den Chinesen von gestern Abend noch mal durchleben, Dim Sims und alles. Er kotzt, und sein Arsch ragt wie eine bleiche rothaarige Einladung aus der Klokabine. Während er würgt, reißt er sich die Hose hoch und schließt den Gürtel.
Dreißig Jahre exzessives Trinken, aber nie hat er derart gekotzt. Er wischt sich mit dem harten Klopapier übers Gesicht. Atmet. Wartet. Würgt. Es ist, als würde ein Kobold in seinem Bauch sitzen und den Mageninhalt nach oben aus ihm herausschleudern, eine Handvoll nach der anderen.
Er starrt auf den ekligen Toilettenboden, dann auf die Spritzer auf seinen Schuhen. Er runzelt die Stirn. Das ist keine Kotze, Galle oder Scheiße. Seine Hose ist – an den Aufschlägen – dunkel verdreckt. Sein Blick wandert die Beine nach oben, und er stöhnt. Auf seinen Knien die gleichen Flecken, und sein blaues Hemd sieht aus wie die Schürze eines Schlachters.