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Über dieses Buch:

28 Jahre alt – und noch immer kein Mr. Right in Sicht!

Für die Zwillingsschwestern Alex und Sam wird es endlich Zeit, dem Richtigen zu begegnen, doch Amor interessiert das offenbar nicht. Also nimmt Sam die Sache selbst in die Hand und wendet einen kleinen Zauber an, der dem Liebesgott auf die Sprünge helfen soll. Die beiden Schwestern ahnen nicht, dass sie fortan von einem Liebeschaos ins nächste stürzen …

Über die Autorin:

Jeanette Sanders ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin. Sie studierte in München, lebte lange auf Teneriffa und widmet sich als Autorin verschiedenen Genres. Die Autorin ist Mitglied bei DeLiA (Vereinigung deutscher Liebesroman-Autorinnen und Autoren).

Bei dotbooks erscheint auch:

»Noch einmal mit mehr Leidenschaft«

Die Website der Autorin: www.jeanette-sanders.de

Die Autorin im Internet: www.facebook.com/SandersJeanette

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Aktualisierte eBook-Neuausgabe Januar 2020

Dieses Buch erschien bereits 2005 unter dem Titel »Zauberei für zwei« bei Moments und 2016 unter dem Titel »Das Chaos, das sich Liebe nennt« bei dotbooks

Copyright © der Originalausgabe 2004 by Moments in der area verlag gmbh, Erftstadt

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung eines Bildmotivs von shutterstock/Arman Zhenikeyev

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-892-2

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Jeanette Sanders

Die Villa der zauberhaften Wünsche

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

Alexandra oder vielmehr kurz Alex (denn niemand nannte sie je bei ihrem vollen Namen) schaltete herunter und nestelte dann an dem altmodischen Autoradio herum. Es rauschte und knackte, bis endlich eine männliche Samtstimme erklang. Bryan Adams, dachte Alex und schnurrte zufrieden. Genau die Sorte von Musik, die sie jetzt brauchte. Als die Bremslichter des Vordermannes aufleuchteten, brachte auch Alex ihren heiß geliebten Sir Henry zum Stehen. Sie nutzte die Staupause, um im Rückspiegel rasch ihr Äußeres zu überprüfen. Reine Routinesache.

Sie hob den Po ein wenig in die Höhe und fuhr sich gleichzeitig mit der Zungenspitze über die vollen, schön geschwungenen Lippen. Alles paletti! Der Lipgloss schmeckte zart nach Vanille und schimmerte verheißungsvoll. Kussmund – kam es Alex in den Sinn. Sie lächelte. Jawohl, das hatte sie. Eine süße Schnute, die zum Küssen einlud.

Zwei vorwitzige rötlich blonde Ringelsträhnchen hatten sich keck aus der lässigen Hochsteckfrisur gelöst und baumelten jetzt links und rechts vor Alex’ Ohren. Bei jedem Windhauch, der durch die offenen Seitenfenster hereinkam, kitzelten sie ihre Wangen. Sie hob rasch die Sonnenbrille an und sah sich eine Sekunde lang selbst in die Augen. Groß, grün und strahlend, wie es sich gehörte. Die neue Wimperntusche war wohl tatsächlich wasserfest, jedenfalls hatte sie bis jetzt noch keine schwarzen Trauerränder hinterlassen, stellte ihre Trägerin zufrieden fest. Der graue Kajalstrich am unteren Lidrand war auch noch da, wo er sein sollte.

Alex senkte ihren Po wieder auf Sir Henrys edles rotes Sitzleder ab. Hinter ihr hupte jemand aufdringlich und ungeduldig. Der Ministau hatte sich offenbar aufgelöst, denn ihr Vordermann war schon nicht mehr da.

»Ach, hab dich doch nicht so!«, lachte Alex gutmütig und schaltete in den ersten Gang. »Nimm dir Zeit und nicht das Leben«, empfahl sie ihrem Hintermann noch. Obwohl der es natürlich nicht hören konnte. Armer Kerl, musste er sich eben weiter zu Tode hetzen! Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Oder so ähnlich.

Himmel, was bin ich froh, dass ich momentan so ein stressfreies Leben habe, dachte sie dankbar. Meistens jedenfalls. Zwar war das vermutlich nur eine vorübergehende Phase, aber immerhin eine, die es sich zu genießen lohnte. Erfahrungsgemäß kam es ja hinterher immer umso dicker. So war es eben auf diesem Planeten, nicht wahr?

Draußen wogte das bunte Leben vorüber. Es war zwar schon Ende September, aber der Altweibersommer mit seinen herrlichen Stimmungsbildern schien in diesem Jahr kein Ende nehmen zu wollen. Die ersten Blätter hatten sich pflichtgemäß verfärbt und leuchteten fröhlich in der warmen Sonne. München zeigte sich momentan tatsächlich von seiner allerschönsten Seite.

Alex wandte den Kopf und beobachtete, während sie Sir Henry sanft die Sporen gab – sprich: aufs Gaspedal trat –, die vorüberflanierenden Menschen auf den überfüllten Gehsteigen. Viele schienen in ausgeprägter Bummelstimmung zu sein, denn sie schlenderten eher gemütlich dahin.

Die meisten davon waren vermutlich Touris. Nur ein Tourist konnte es sich leisten, so lässig herumzuflanieren. Am vergangenen Wochenende war ja auch das Oktoberfest eröffnet worden. Da wurde die Stadt jedes Jahr wieder von Massen ausländischer Besucher überschwemmt. Eine Superstimmung legte sich pünktlich alle Jahre wieder über die bayerische Landeshauptstadt. Das Leben wurde um einen deutlichen Tick luftiger, heiterer und unbeschwerter. Kosmopolitischer … Genau, das war es! Kosmopolitisch – das war eindeutig die richtige Bezeichnung für diese einmalige Stimmung, die es so nur – und wirklich nur – in München geben konnte.

Zur Wiesn-Zeit, wie die Einheimischen das Oktoberfest treffender nannten. Immerhin fand das weltberühmte und zwei Wochen lang andauernde Bierfest zum größten Teil im September statt. Alex war immer schon der Meinung gewesen, dass die Wiesn deshalb logischerweise eigentlich auch Septemberfest heißen müsste. Aber natürlich hatte sie niemand um ihre Meinung gebeten.

Die Straßencafés waren ebenfalls gut gefüllt, stellte sie jetzt fest, während sie ihre Blicke weiterschweifen ließ. Sir Henry brummte leise und zufrieden vor sich hin und rollte sanft voran. Lässig hielt Alex das Steuer nur mit zwei Fingern der linken Hand.

Eigentlich hätte sie ja unbändige Lust auf einen Eiskaffee, stellte sie fest. Oder vielleicht doch lieber einen saftigen Zwetschgendatschi mit Sahne? Und dazu einen doppelten Espresso?

Vergnügt merkte Alex, wie ihr allein bei dem Gedanken schon das Wasser im Mund zusammenlief. Allerdings, einen Parkplatz zu ergattern dürfte momentan beinahe unmöglich sein. Und spätestens in einer Stunde wurde sie von Professor Sontheimer erwartet. Er hatte für heute ein Aktmodell zu sich ins Atelier bestellen wollen. Ausgerechnet Aktmalerei aber war Alex’ besonderes Studienziel und gleichzeitig ihr Steckenpferd. Sie hatte es nicht so mit Landschaftsbildern und Blumenstillleben, obwohl das natürlich an der Akademie auch angeboten wurde.

Nein, sie würde sich die Schlemmerpause besser abschminken, entschied sie. Sie war viel zu gespannt und neugierig auf den Unterricht heute bei Sontheimer. Sie hoffte jetzt bloß noch, dass er ein männliches Aktmodell hatte auftreiben können. Sonst würde sie sich über kurz oder lang wohl selbst etwas einfallen lassen müssen.

Die Vernissage fand Ende Oktober in der Galerie statt. Also hatte sie noch knappe vier Wochen Zeit, überlegte sie weiter. Das müsste eigentlich genügen, um ihren etwas ausgeflippten Plan für diese Veranstaltung in die Tat umzusetzen. Es musste einfach gelingen … Koste es, was es wolle!

Auf der linken Fahrspur brauste ein Mercedes-Cabrio mit offenem Verdeck vorbei. Die schlanke Lady am Steuer fuhr eine schwarze, lange Mähne spazieren. Von hinten sah sie beinahe aus wie Sam.

Sofort schüttelte Alex lachend den Kopf. Aber nein, das konnte ja gar nicht sein. Natürlich nicht! Erstens würde Sam es sich im Leben vermutlich nie leisten können und wahrscheinlich auch gar nicht leisten wollen, einen solch teuren Schlitten zu fahren. Und zweitens … Tja, und zweitens machte Sam im Moment wohl gerade die Straßen von Sydney unsicher. Wenn man die Zeitverschiebung einrechnete, musste es in Australien jetzt mitten in der Nacht sein.

»Ach, Sam!«, murmelte Alex und pfiff eine kleine Melodie, die eigentlich zum Repertoire ihrer Schwester gehörte. »Zwillingsherz, ich vermisse dich!«

Während sich Alex noch dieser kleinen sentimentalen Träumerei hingab – aus Sir Henrys Radio ertönte dazu, durchaus zur Stimmung passend, HEY JUDE von den Beatles –, fegte das Mercedes-Cabrio direkt vor Sir Henrys Nase über zwei Fahrspuren hinweg an den rechten Straßenrand. Dort war gerade ein Parkplatz frei geworden! Noch klaffte an der Bordsteinkante eine Lücke von einer Breite, die einem mittleren Kleinlaster genug Platz geboten hätte. So etwas hatte Seltenheitswert in München.

Die schwarzhaarige Cabriofahrerin war offensichtlich eine erfahrene Großstadtkatze. Mit Tigeraugen musste sie ihre Chance blitzschnell erkannt haben. Wie eine schwarze Pantherin stürzte sie sich jetzt auf ihre Beute. Schon hatte sie den Mercedes geschickt und unglaublich zügig eingelocht. Der nächste Fahrer zur Rechten von Sir Henry, der wegen ihres gewagten Manövers hatte scharf abbremsen müssen, vergaß vor Verblüffung sogar das Hupen.

Schon schwang die Fahrertür des silberfarbenen Cabrios auf. Beim Zugucken bedauerte Alex glatt, dass sie aus purer Bequemlichkeit vorhin beim Start darauf verzichtet hatte, Sir Henrys Verdeck ebenfalls zu öffnen. So ein Cabrio war schon eine tolle Sache. Auch wenn man in den hiesigen Breitengraden nicht allzu oft dazu kam, »oben ohne« herumzudüsen.

Aber die Show draußen war noch nicht zu Ende! Ehe Alex weiter dazu kam, mit ihrer Bequemlichkeit zu hadern, stieg die Pantherlady äußerst elegant aus ihrem Schlitten. Ein Paar atemberaubend lange und wohlgeformte Beine in Seidenstrümpfen kamen zum Vorschein. Der kurze enge Rock saß wie maßgeschneidert, dazu ein knappes Kostümjäckchen mit halben Ärmeln und einem kleinen neckischen Schößchen hinten. Damit die gertenschlanke Taille besonders gut zur Geltung kam.

Die Lady verfügte über Geschmack, Stil und Geld. Das konnte, das durfte und das sollte man auch sehen. Alex konnte nichts dagegen tun – sie fühlte einen heftigen Anflug von Neid. Destruktiv, so was, ganz klar. Aber leider eben auch menschlich, allzu menschlich. Und natürlich fiel auch jedem Blinden sofort auf, wie viele Männer sich gierig die Köpfe verrenkten. Dummerweise waren unter diesen begeisterten Fans auch einige verdammt gut aussehende. Das allein rechtfertigte schon eine gewisse Neidhammelei …in Alex’ Augen jedenfalls. Alles andere wäre unnormal gewesen.

Sie warf einen raschen Blick in den Rückspiegel. Ihr war nämlich vorher bereits aufgefallen, dass ihr penetranter Hintermann auch ein ganz schnuckeliges Exemplar seiner Gattung war. Eigentlich. Wenn er sich nicht gerade danebenbenahm und wie wild auf die Hupe drückte.

Natürlich! Auch er verrenkte sich soeben wie ein Blöder den Kopf nach der Pantherlady.

Wütend trat Alex aufs Gas, und Sir Henry schoss ein Stück weit nach vorne. Sie musste das Steuer mit beiden Händen greifen, um ihn auf der Spur zu halten. Wenigstens schien es jetzt zügiger weiterzugehen im nachmittäglichen Verkehr.

Ach verflixt, da musste doch die dumme Ampel gerade jetzt schnell noch dringend von dunkelgelb auf hellrot umschalten. Damit hätte sie wirklich noch fünf Sekunden warten können!

Und dann ging alles plötzlich ganz schnell …

Alex stieg Sir Henry in die Eisen, der auch brav anhielt, nachdem er ein wenig unwillig mit den Reifen gequietscht hatte. In diesem Moment knallte es auch schon hinter ihnen. Ein unsanfter Ruck fuhr durch Sir Henry, dann wurde es zur Abwechslung still. Unheimlich still. Viel zu still. Sir Henrys sanftes Motorengeräusch war verstummt.

»Sir Henry! Jemand muss uns hinten reingedonnert sein! Ich kann’s nicht fassen. Was für ein Idiot!«

Alex holte noch einmal tief Luft. Sie nahm die Sonnenbrille ab. Dann stieß sie die Fahrertür auf und stieg langsam aus. Ihre Knie zitterten ein bisschen, aber immerhin schien sie ansonsten okay zu sein.

Ihr Hintermann, der Wildhuper und Kopfverrenker und Hintenreinraser, kam ihr bereits entgegen.

»Es tut mir so Leid, ich habe wohl zu spät gebremst. Sind Sie verletzt?«

Sie schüttelte nur stumm den Kopf. Dann warf sie einen Blick auf Sir Henrys Hinterfront. Es war ein Bild des Jammers! Vor allem, wenn man bedachte, dass ein VW Käfer – egal, ob Cabrio oder nicht – den Motor schon immer hinten hatte. Für jeden notorischen Hintenreinraser also eine besonders lohnende Zielscheibe. Dabei konnte man viiiel mehr kaputtmachen!

»Tja«, sagte der Typ zu Alex, »das sieht wirklich nicht gut aus.«

Das war zu viel. In Alex’ Seele brach ein Damm und ließ eine Sturzflut aus Zorn, Wut und Trauer über diesen Kerl hereinbrechen.

»Was, nicht gut? Mein heiß geliebter Sir Henry ist nur noch ein Haufen Blech! Was heißt hier, nicht gut, Sie … Sie herzloses, gemeines Mannsbild, Sie! Wir stehen hier vor einer Katastrophe, einem … einem Todesfall vermutlich, und alles, was Ihnen dazu einfällt, ist, dass es nicht gut aussieht?!« Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und streichelte über Sir Henrys noch warmes Blech.

»Okay, okay«, entgegnete das gescholtene Mannsbild zerknirscht, »Sie haben ja Recht, aber herzlos und gemein bin ich deshalb noch lange nicht. Ich werde es wieder gutmachen. Nein, Unsinn, ich kann das wohl nie wieder gutmachen, ich … ich kann bloß alles sofort meiner Versicherung melden. Damit Sie wenigstens den materiellen Schaden so schnell wie möglich ersetzt bekommen.« Er brach ab.

Jetzt erst sah Alex ihm wirklich voll ins Gesicht. Zwei intensiv blaue Augen fixierten sie mit einem deutlich besorgten Ausdruck in den erweiterten Pupillen.

Erweiterte Pupillen? Halt! Bedeutete das nicht erhöhtes, spontanes Interesse am Gegenüber?

Ein dichter dunkelblonder Haarschopf, breite Schultern, schmale Hüften wie ein Cowboy, schöne, kräftige Hände. Sie wunderte sich selbst, wie sie all diese Eindrücke in Sekundenschnelle aufnahm und sofort interpretierte. Eiskalt, kühl und irgendwie berechnend.

Das musste der Schock sein!

Plötzlich fingen ihre Knie an, gefährlich zu wackeln. Verdammt, was ist denn das?! Sooo geschockt bin ich doch gar nicht, oder? Ich meine, wegen so einem kleinen Auffahrunfall. Wo ist denn Sam? Hilfe, Sam! Gerade jetzt, wo ich dich so dringend bräuchte, musst du ja unbedingt in Australien herumgurken, du verrückte Hexe! Mein Gott, er schaut mir ja noch immer in die Augen!!! Das müssen längst mehr als die berühmten drei Sekunden sein! Hilfe, mir zittern die Knie wie Wackelpudding. Und … und schwindlig wird mir jetzt auch, glaube ich …

Er packte sie am Arm und zog sie an sich heran. »Kommen Sie, Sie sind ja ganz blass um die Nase. Fehlt Ihnen auch wirklich nichts?« Er klang ehrlich besorgt.

Alex merkte, wie ihr Kopf an seine Schulter sank und er gleichzeitig einen Arm um ihre Schultern legte. Sie atmete tief ein. Er roch gut. Irgendein sündhaft teures Rasierwasser, dessen Markenname ihr momentan nicht einfiel. War auch schließlich nicht so wichtig.

»Was wird jetzt aus Sir Henry?«, hörte sie sich verzagt murmeln.

War sie eigentlich verrückt geworden? Wie konnte sie diese Frage ausgerechnet ihrem Unfallgegner stellen???!!!

»Wenn Sie sich ein wenig beruhigt haben, rufe ich über mein Handy meine Versicherung an. Ich kann auch einen Abschleppwagen organisieren. Von Ihnen brauche ich natürlich alle Daten, damit ich mich in den nächsten Tagen mit Ihnen in Verbindung setzen kann. Keine Sorge, ich kümmere mich um alles.«

Wie beruhigend und wohlklingend seine Stimme war! Und schön anlehnen konnte man sich auch an dieser breiten Schulter.

Hastig machte sich Alex los. »Ich habe noch einen wichtigen Termin. Beeilen Sie sich bitte!«

Er nickte. »Ja, natürlich. Keine Sorge, das haben wir gleich. Wir können ja auch nicht ewig die Fahrspur blockieren.«

Er hatte Recht. Hinter ihnen hatte sich bereits ein Stau gebildet. Zwar scherten jetzt die ersten Fahrzeuge auf die linke Fahrspur aus, aber natürlich mussten sie alle gaffen. Dabei kann man, ganz klar, nur im Schritttempo vorankommen, weil man nämlich sonst nichts sieht! Aber so ein kleiner Stau mitten am Nachmittag auf der Leopoldstraße hat schließlich auch was, oder?

»Ich heiße übrigens Martin«, sagte er in diesem Augenblick und reichte ihr die Hand. Sie musste lächeln. Gerade eben hatte sie noch an seiner Schulter gelegen, und jetzt gab er ihr zur förmlichen Vorstellung die Hand. Prompt fiel ihr eine Filmszene ein: Das Pärchen hatte sich eben noch lautstark und heftig geliebt. Dann lagen sie nebeneinander, und er sagte: »Ich heiße übrigens …« – oder war es ein Werbespot gewesen? Na egal, jedenfalls musste ihr natürlich gerade jetzt diese Szene einfallen und sie zum Grinsen bringen. Dabei stand hier doch neben ihr Sir Henry und bot ein Bild des Jammers.

»Ich heiße Alex«, sagte sie und ließ Martins ausgestreckte Rechte auffallend schnell wieder los. Welche Frau schüttelte schon gerne die Hand des Mannes, an dessen Schulter sie sich eben noch ausgeheult hatte?!

Als er sich umdrehte und zu seinem Geländewagen ging, ertappte sie sich dabei, wie sie auf seinen Hintern starrte. Er beugte sich ins Wageninnere und holte ein Handy heraus.

Einen richtig knackigen Po hatte er auch noch zu allem Überfluss! Warum musste ausgerechnet so ein schnuckeliger Typ Sir Henry das antun? Jetzt musste sie ihn ja wohl hassen, sie konnte gar nicht anders. Aber eigentlich war es nicht das, was sie wirklich wollte …

Allerdings fiel ihr nun wieder ein, dass sie Martin im Rückspiegel kurz vorher noch dabei ertappt hatte, wie er sich den Hals nach der schwarzen Lady im Mercedes verrenkte. Sofort wurde sie erneut wütend. So richtig schön wütend!

Mit seinem Gesülze und dem Edlen-Ritter-Gehabe hatte er sie bloß um den Finger wickeln wollen! Damit er billiger wegkam am Ende. Damit sie nicht die Polente rief. Vielleicht hatte er ja vorher auf der Wiesn schon eine Maß gestemmt? Oder zwei? Obwohl, nach Bier hatte er nicht gerochen, das wäre ihr aufgefallen. Gerade eben an seiner Schulter. Überhaupt nicht nach Alkohol. Vielleicht hatte er aber was ganz anderes im Blut? Einen Joint, Koks … der Möglichkeiten gab es viele.

Stopp, Alex! Jetzt wirst du rachsüchtig. Das hat er nicht verdient. Überhaupt scheint er ganz nett zu sein. Und er sieht verdammt schnuckelig aus. Zum Anbeißen eigentlich. Dieser Blick aus gletscherblauen Augen …

In diesem Augenblick beendete er das Telefonat und trat wieder zu ihr.

»So, das wäre erledigt. Ein Abschleppwagen ist schon auf dem Weg. Ein Sachverständiger der Versicherung wird sich Sir Henry gleich morgen früh ansehen. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wie es aussieht. In dem Fall könnte die Reparatur in wenigen Tagen erledigt sein, und Sie haben ihn wieder, Alex«, erklärte Martin.

Er brach ab und guckte ihr unverwandt in die Augen. Sie zählte leise bis drei. Er guckte immer noch. Dann fuhr er leise fort: »Ich weiß, wie Ihnen zumute ist, ehrlich! Ich habe auch ein Faible für diese bildschönen Oldtimer. Sir Henry ist unbezahlbar. Glauben Sie mir, ich weiß, was ich angestellt habe.«

Leider musste ihr in diesem Moment die schwarzhaarige Lady erneut einfallen. Und auch die Tatsache, dass sie selbst rotblond war. Er konnte also gar nicht sie als Person meinen mit seinen schönen Worten. Er wollte sie bloß einseifen. Wahrscheinlich hätte er an Sam, ihrer schwarzhaarigen Zwillingsschwester, eher seine Freude gehabt. Männer, die auf dunkelhaarige Damen abfahren, können Blondinen normalerweise nicht ausstehen … Alte Frauen-Volksweisheit!

»Hat Ihnen eigentlich schon mal jemand gesagt, dass es unverschämt ist, einem fremden Mädchen länger als drei Sekunden in die Augen zu starren? Nein? Na, dann wird es aber Zeit. Plumpe Anmache! Plumpe, billige Anmache ist das …«

Alex brach ab und kramte in ihrer Handtasche nach den Wagenpapieren und einem ihrer Visitenkärtchen, die sie von der Galerie großzügigerweise bekommen hatte.

»Hier! Da sind auch meine Telefonnummern dabei, mobil und geschäftlich. Wegen der Schadensregulierung …«

Sie brach erneut ab und biss sich auf die Unterlippe. Warum grinste er jetzt so deutlich amüsiert? Sie hatte doch wirklich nicht witzig geklungen eben, oder?

»Sagten Sie vorhin nicht etwas von einem wichtigen Termin?«, erkundigte er sich jetzt so freundlich, als hätte sie ihn nicht noch gerade eben heftig angeblafft. Nerven hatte dieser Martin, das musste sie ihm lassen.

»Verdammt, ja! Das hatte ich doch glatt bereits wieder vergessen. Das kommt nur daher, weil Sie mich eben so unverschämt …«

Er fiel ihr einfach ins Wort. »Wenn Sie losmüssen, dann können Sie das jetzt gerne tun. Ich warte hier, bis der Abschleppwagen kommt. Morgen, sobald ich mehr weiß, rufe ich Sie an. Sie brauchen sich um nichts zu kümmern.«

»Ha! Um nichts zu kümmern! Dabei muss ich mich jetzt abhetzen, um mit der U-Bahn zu fahren, und später …« Sie brach dieses Mal von selbst ab, obwohl Martin ihr einigermaßen interessiert zuzuhören schien. Aber was ging es ihn schließlich an, dass sie später auch noch auf die S-Bahn angewiesen sein würde, um nach Starnberg zu kommen.

»Ich würde Sie ja gerne fahren.«

»Kommt überhaupt nicht infrage. Sie bleiben schön hier und kümmern sich um meinen Sir Henry!«

Sprach’s, drehte sich um und marschierte einfach davon.

Martin stand da, blickte ihr nach und grinste, während er gleichzeitig den Kopf schüttelte. Was für ein verrücktes, süßes Ding diese Alex doch war! Er hätte zu gerne mehr darüber gewusst, was sie so trieb im Leben. Halt! Sie hatte ihm doch gerade noch diese Visitenkarte in die Hand gedrückt. Wo steckte das verdammte Ding denn?

Ah, hier. Erleichtert zog er sie aus der Brusttasche seines karamellfarbenen Leinenhemdes.

Galerie Roeder

Alexandra Hörhagen

Telefon: 089/173492

Mobil: 0172/62 7 322 638

Sie machte es ihm wirklich nicht leicht. Selbst ihre Privatadresse musste er sich jetzt aus den Autounterlagen heraussuchen, die sie ihm ebenfalls ausgehändigt hatte. Einerseits setzte sie also offenbar Vertrauen in ihn, andererseits aber schien sie ihn nicht leiden zu können! Und das nicht nur wegen Sir Henry. Dabei hatte es doch einen Moment lang so ausgesehen, als würde sie es geradezu genießen, ihren Kopf an seine Schulter zu legen.

Martin jedenfalls hatte es gefallen. Er war selbst überrascht gewesen, wie sehr es ihm gefallen hatte, sie so im Arm zu halten. Es war eine ganze Weile her, dass eine Frau sich so gut angefühlt hatte, überlegte er weiter. Dumm nur, dass er ausgerechnet dieses Mädchen auf so unglückliche Art und Weise kennen lernen musste.

Im Moment hätte er eine Menge dafür gegeben, hätte er die Fähigkeit besessen zu zaubern! Hokuspokus Fidibus, rasch einen Zauberspruch gemurmelt, und schon käme sie angeflogen. Oder noch besser angesegelt auf einer luftigen weißen Wolke. Von der er sie dann mit Vergnügen herunterpflücken würde. Und rasch ab mit ihr durch die Mitte und in sein verstecktes Zauberschloss. Dort einen verwunschenen Trank gemixt und ihr eingeflößt. Auf dass sie lieb und willig würde in seinen Armen … Martin musste grinsen. Sie würde ihm auf der Stelle die Augen auskratzen, wenn sie von seinen sündigen Gedanken auch nur das Geringste ahnte …

In diesem Moment hielt der Abschleppwagen mit quietschenden Bremsen neben ihm an. Martin seufzte. Er hatte wahrhaftig anderes zu tun, als sich – wenn auch nur in Gedanken – zu vergnügen. Ihm graute jetzt schon vor dem ganzen Papierkram und der zusätzlichen Arbeit, die er sich mit diesem Unfall eingehandelt hatte. Warum hatte er auch der Schwarzhaarigen vorhin auf die Beine gucken müssen? Schwarz war doch noch nie sein Typ gewesen.

Kapitel 2

Während zwei Männer vom Abschleppdienst sich um Sir Henry bemühten und Martin mit sich selbst haderte, eilte Alex die Treppen hinunter zum U-Bahn- Schacht. Andere Fahrgäste kamen ihr in einer dichten Traube entgegen, drängten die Stufen hinauf. Auch die beiden Rolltreppen waren voller Menschen, die nach oben an die Sonne wollten. Es musste also vor wenigen Minuten eine Bahn eingefahren sein.

»U3 Richtung Marienplatz, bitte einsteigen! Die Türen werden geschlossen!«, erklang eine männliche Stimme aus dem Lautsprecher.

Verdammt, die U3?! Wenn sie die etwas verzerrte Ansage richtig verstanden hatte, dann war das genau die Linie, die Alex jetzt brauchte. Sie wich geschickt einer Gruppe kichernder Teenager aus und hechtete gerade noch rechtzeitig in den nächsten Waggon, ehe sich die Türen auch schon mit einem ungemütlichen Zischen automatisch schlossen.

»Türen schließen bitte!«, verkündete die Lautsprecherstimme gleichzeitig. Alex nahm ihre Sonnenbrille ab und ließ sich aufatmend auf einen freien Sitz fallen. Die U-Bahn fuhr mit einem Ruck an.

Alex schloss die Augen. Lieber Himmel, vor einer Stunde noch so gelöst, relaxt und guter Dinge. Und jetzt? Erschüttert, geschockt, gestresst, verwirrt! Der arme Sir Henry nur noch ein verbeultes Häufchen Elend. Halt, stopp! Du musst LOSLASSEN UND ANNEHMEN, Alex! Denk an Sams gute Ratschläge!!! LOSLASSEN UND ANNEHMEN: die zwei wichtigsten Glücksprinzipien des Tao!

»Loslassen und annehmen«, murmelte Alex mit geschlossenen Augen halblaut vor sich hin. »Loslassen und annehmen, loslassen und annehmen …« Sam und ihre guten Ratschläge! Wie sollte man das, bitte schön, bloß hinkriegen, wenn sich einem im Kopf noch immer alles drehte? Und man gleichzeitig grauenhaft wütend war auf einen Kerl, der einem unter anderen Umständen sympathisch hätte sein können?

LOSLASSEN UND ANNEHMEN, ALEX, LOSLASSEN UND ANNEHMEN, LOSLASSEN UND …

Die Monotonie der Wiederholung und das sanfte Schaukeln der U-Bahn begannen, Alex sanft einzulullen. Sie fiel in eine Art Halbschlummer, ihre Gedanken wanderten zurück zu jenem schönen Augusttag vor wenigen Wochen …

Sam stand in der winzigen Küche ihres Apartments und sortierte irgendwelche Kräuter, die einen aromatischen Geruch verströmten.

»Beeil dich, Alex!«, rief sie dabei, »ich will auch noch duschen. Wir müssen in spätestens einer halben Stunde los, sonst schaffen wir die S-Bahn nicht um vier!«

»Ist ja schon gut. Das Bad ist frei, Kräuterhexe.«

Alex war im Bademantel in die Küche gekommen und rümpfte prompt die Nase. »Igitt, hier stinkt es!«

»Raus hier, dummes Ding«, lachte Sam und schüttelte den Kopf, dass die Lockenmähne nur so flog. Zur Abwechslung trug sie heute mal eine grün eingefärbte Strähne im ansonsten blauschwarzen Haar.

(Sam hatte im zarten Alter von siebzehneinhalb Jahren von einem Tag auf den anderen beschlossen, dass sie genug davon hatte, auch noch die Haarfarbe mit ihrer Schwester teilen zu müssen. Außerdem fand sie rotblond nicht dramatisch genug. Jedenfalls nicht für eine Hexe. Hexen hatten dunkel, schillernd und geheimnisvoll zugleich zu wirken. Rotblonde Hexen wirkten dagegen im besten Falle sexy. Auf keinen Fall aber dramatisch oder schillernd. Und geheimnisvoll schon zweimal nicht. Die grünen Augen waren okay, aber die Haarfarbe musste weg. Basta.)

»Passt gut zu deinen grünen Hexenaugen«, stellte Alex lakonisch fest.

»Die du ebenfalls besitzt, Zwilling, wenn ich dich daran erinnern darf.«

Alex zuckte die Schultern und wandte sich ab. Sie kramte ein wenig im Kleiderschrank herum und zog dann doch wieder nur die heiß geliebte alte Levis heraus. »Kannst du glauben, Sam, dass du ab heute exakt 28 Jahresringe um den Nacken trägst?«, fragte sie, während sie in die hautengen Jeans stieg. Dazu wählte sie eine weiße Baumwollbluse, die sie knapp unter dem Busen zu einem kessen Knoten band, sodass der Bauchnabel – und noch einiges mehr – frei blieb.

»Du aber ebenso, Schwesterlein! Aber was mich eigentlich mehr erschüttert, ist die Tatsache, dass es beinahe schon zehn Jahre her ist seit dem Flugzeugabsturz. Ich meine, klar, wenn man erst mal tot ist, dürfte einem das egal sein, weil die Zeit dann nicht mehr existiert. Aber wir als die überlebenden Töchter haben bereits seit beinahe einem Jahrzehnt keine Eltern mehr …« Sam brach ab.

Alex trat rasch zu ihr und nahm sie liebevoll in die Arme. Eine Weile standen die Zwillingsschwestern so da und hielten sich einfach nur fest. Sam murmelte dabei ihr magisches Mantra: »Loslassen und annehmen, loslassen und annehmen, loslassen und annehmen.«

Es war ganz still im Raum, nur durch die geöffnete Balkontür drangen von weit unten gedämpfter Straßenlärm und das Lachen von Kindern herauf.

Schließlich löste Sam als Erste den magischen Kreis wieder auf und schob Alex sanft von sich. »Gedenkminute vorbei. Ich gehe jetzt duschen.« Abrupt wechselte sie das Thema. »Übrigens haben wir zunehmenden Mond im Moment. Morgen Nacht wird das Basilikum gesät. Ich habe heute bereits zwei kleine Blumentöpfe, etwas Erde und die Samen besorgt.«

»Saat der Liebe, wer’s glaubt, wird selig!« Alex breitete übertrieben theatralisch ihre Arme aus und tänzelte durchs Zimmer, während sie die Worte trällerte: »Saat der Liebe, gewinne mir eine geliebte Person! Saat der Liebe, aromatisches Basilikum! Sam, die Kräuterhexe, geht mal wieder um.«

»Wirst du wohl aufhören mit diesem schrecklichen Singsang«, schrie Sam und stopfte sich zwei Finger in die Ohren, »das hält ja keiner aus!« Sie entfloh in Richtung Badezimmer und drehte die Dusche voll auf. Wenigstens übertönte jetzt das Rauschen des Wassers Alex’ grässliche Singerei.

Rasch stieg Sam aus ihren bequemen Shorts, streifte das weiße T-Shirt ab und sprang in die winzige Duschkabine und direkt unter den Wasserstrahl. Sie musste sich jetzt doppelt beeilen, weil Alex wieder einmal die Zeit vertrödelt hatte.

Wenn sie die S-Bahn um vier nicht erreichten, würden sie geschlagene vierzig Minuten auf die nächste warten müssen. Und Onkel Dietmar, der Arme, würde sich unnötig aufregen, weil der große Holzkohlengrill im Garten längst vor sich hin glimmte. Und es außerdem immer schwieriger wurde, Hugo – Dietlindes heiß geliebte schwarz gefleckte Dogge – davon abzuhalten, die liebevoll vorbereiteten Koteletts und dicken Bratwürste zu verspeisen.

»Verehrte Fahrgäste, die S-Bahn Richtung Starnberg hat zirka zehn Minuten Verspätung!«

Die Durchsage drang über die Bahnhofslautsprecher gerade noch an ihre Ohren, als Alex und Sam um die letzte Straßenecke bogen.

Sofort blieb Alex stehen und holte tief Luft, um die verloren gegangene Puste wiederzuerlangen. »Siehst du, wir hätten uns gar nicht so zu beeilen brauchen«, moserte sie, als sie endlich wieder zu Atem gekommen war.

Sams grüne Augen glitzerten verdächtig. In ihrem knöchellangen, orangeroten Baumwollgewand sah sie wie eine waschechte Zigeunerin aus. Das Kleid ließ die gebräunten Schultern frei und schmiegte sich weich um den grazilen Körper. An den Ohren trug Sam riesige vergoldete Kreolen, die bei jeder Kopfbewegung leise klirrten. »Ohne meinen altbewährten Magierspruch hätte die S-Bahn aber jetzt keine Verspätung und wir definitiv das Nachsehen«, sagte sie.

»Du scheinst allerdings an deine eigenen Hexenweisheiten nicht wirklich zu glauben, Samantha Hörhagen! Wie sonst kannst du mir erklären, warum wir bei dieser Sommerhitze auf deine Anweisung hin so rennen mussten, dass ich jetzt Seitenstiche habe? Ich meine, wenn du doch angeblich ein bisschen gehext hast, damit diese dumme S-Bahn zu spät kommt …«

Sam stöhnte gequält auf. »Man kann schließlich nie wissen, oder?«

»Das stimmt allerdings. So, und von der Schlepperei habe ich jetzt auch genug. Hier, du bist an der Reihe!« Damit reichte Alex das große, flache, rechteckige Paket, das sie bis jetzt, unter den rechten Arm geklemmt, mit sich herumgeschleppt hatte, an die Schwester weiter.

Ungerührt nahm Sam es in Empfang. Überhaupt schien dieses schwarzhaarige Biest kein bisschen erhitzt oder gar ausgepumpt zu sein von der Lauferei.

»Mich würde wirklich interessieren, wo du deine erstaunliche Kondition her hast.«

»Ich ernähre mich vernünftig. Himmel, Alex, es langweilt mich wirklich langsam, dir ständig immer und immer wieder dieselbe Predigt halten zu müssen. Kräutertees, leichte und hauptsächlich pflanzliche Kost, kaum Alkohol, keine Zigaretten sowie tägliches Treppensteigen halten automatisch fit. Hunderte von Malen schon habe ich dir meine selbst gemachten Kräutertropfen empfohlen, aber du schüttelst dich ja schon bei dem Gedanken daran wie ein nasser Hund.«

Alex sagte vorsichtshalber gar nichts mehr, sondern setzte sich wieder in Bewegung. Sonst versäumten sie am Ende wirklich noch die – verspätete – S- Bahn. Leider war Sam jetzt dermaßen in Fahrt gekommen, dass sie wieder einmal einen ihrer homöopathischen Vorträge hielt. Erst als sie bereits auf dem Bahnsteig standen und die Lautsprecheransage die S-Bahn Richtung Starnberg ankündigte, wurde Alex erlöst.

»Happy Birthday, meine beiden Schönen! Kinder, da seid ihr ja endlich. Ich stehe seit einer kleinen Ewigkeit hier wie bestellt und nicht abgeholt. Ihr seht übrigens beide toll aus! Zum Anbeißen. Die Männer verrenken sich die Hälse, ist euch das aufgefallen? Also mir erst gerade eben wieder!«

Tante Dietlinde war zur Feier des Tages mit Onkel Dietmars Wagen zum S-Bahnhof gekommen, um die Nichten in Empfang zu nehmen. Den beiden hätte ansonsten noch ein etwa 20-minütiger Fußmarsch geblüht. Aber schließlich war heute ihr Geburtstag. Außerdem war Dietmar vor lauter Aufregung, wie die jungen Damen seine sorgfältig geplanten Überraschungen wohl aufnehmen würden, bereits völlig aus dem Häuschen. Ständig rannte er zwischen Garage, Wohnzimmer und Terrasse hin und her, um nochmals jedes Detail sorgfältig zu überprüfen. Den Grill hatte er auch schon vor über zwei Stunden angeworfen. Deshalb hatte seine Frau es schließlich für zweckmäßig gehalten, Alex und Sam so rasch wie möglich in Empfang zu nehmen und in die Villa zu schaffen.

Dietmar kam ihnen in der riesigen Eingangsdiele entgegen. Er schwenkte eine Flasche Veuve Cliquot in der einen Hand, mit der anderen zerrte er den widerstrebenden Hugo am Halsband hinter sich her.

»Dietmar«, kreischte Dietlinde bei diesem Anblick empört, »du erwürgst den armen Kerl ja. Lass Hugo sofort los!«

»Ach was, dem passiert schon nichts. Er klaut die Würstchen und die Koteletts, wenn ihn keiner beaufsichtigt. Hier, nimm ihn mir endlich ab, Dietlinde, Herrgott noch mal!«

Nachdem Dietmar diese Last los war, stürzte er sich begeistert auf seinen Besuch.

»Alles Liebe und Gute euch beiden Süßen!« Damit gab er zuerst Alex, dann Sam ein dickes und ebenso feuchtes Bussi direkt auf den Mund. Worauf sich beide unwillkürlich hastig mit dem Handrücken über die Lippen wischten. Dietmar schien es nicht zu bemerken, jedenfalls war er heftigst damit beschäftigt, die Champagnerflasche zu entkorken. Es gab ein lautes PFLOPPP, wie es sich gehörte, und schon schoss eine Fontäne aus dem Flaschenhals.

»Dietlinde, schnell, die Champagnerkelche! Wo bleibst du denn?«

Dietlindes karottenroter Bubikopf tauchte hinter ihrem Gatten auf. Sie verdrehte die Augen, ehe sie sanft sagte: »Hier, mein Schatz! Beruhige dich, die Mädchen sind ja jetzt endlich da, der Grill ist vorbereitet und Hugo für die nächsten Minuten im Schlafzimmer eingesperrt, wo er nichts anstellen kann. Und hier ist das erste Glas. Schön schräg halten beim Einschenken, sonst schäumt es zu stark.«

Tatsächlich schien Dietmar wie auf Kommando wieder völlig Herr der Lage zu sein. Ganz stolzer Hausherr, füllte er die Kristallkelche, die seine Frau ihm nacheinander gab, mit Champagner und überreichte sie mit einer kleinen Verbeugung seinen Gästen. Anschließend kam Dietlinde an die Reihe, ehe er sich selbst bediente.

»Das Geheimnis einer glücklichen Ehe«, flüsterte Sam rasch der bereits glucksenden Alex ins Ohr. »Haben wir ein Glück, dass uns so etwas niemals blühen kann und wird.«

In diesem Moment klopfte Dietmar mit der Champagnerflasche an sein eigenes Glas. Es klirrte pflichtgemäß, allerdings ein wenig zu schrill. Die drei Damen zuckten denn auch prompt zusammen.

»Dietmar, nicht so fest!«, versuchte Dietlinde ihn noch zu warnen. Aber natürlich war es bereits zu spät. Vor seinen Füßen bildete der vergossene Schampus eine Pfütze auf dem edlen Parkett, während das teure geschliffene Kristallglas mehr oder weniger in zwei glatte Hälften auseinander gebrochen war. Eine Hälfte hing noch am Stiel in Onkelchens Hand, die andere segelte zu Boden und landete in der Pfütze.

Alex, die das Schauspiel fasziniert beobachtet hatte, wunderte sich ein bisschen. Kam es ihr nur so vor, oder ging das alles eben irgendwie im Zeitlupentempo vonstatten?!

Sie wandte den Kopf und starrte Sam durchdringend an. Zwar glaubte Alex weder unbedingt noch felsenfest und schon gar nicht bedingungslos an die angeblichen Hexenkunststückchen ihrer Schwester, aber selbst sie musste zugeben: Sobald Sam irgendwo in der Nähe war, gab es öfter rätselhafte Vorkommnisse oder seltsame Zufälle, die sich eigentlich mit dem normalen logischen Menschenverstand nur höchst bedingt erklären ließen. Wenn man außerdem noch in Betracht zog, dass Sam Alkohol nicht mochte und nur ganz selten mal ein Gläschen trank, dann konnte es durchaus sein, dass dieses kleine Malheur eben auf ihr Konto ging.

»Also dann, prost, Onkelchen. Und danke für die Einladung!« Damit hob Alex hastig ihr Glas, prostete zuerst dem immer noch verdutzten Dietmar, dann ihrer Tante und schließlich Sam zu, setzte den Kelch an die Lippen und leerte ihn vorsichtshalber in einem Zug. Erstens war sie durstig an diesem heißen Sommertag. Zweitens überstand sie die nächsten paar Stunden unter Alkoholeinfluss garantiert leichter als ohne! Und drittens traute sie Sam absolut und speziell heute nicht über den Weg. Irgendetwas schien in der Luft zu liegen, Alex hatte nur leider keinen blassen Schimmer, was. Aber das bloße Gefühl genügte bereits, um sie nervös zu machen.

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die Schwester nur an ihrem Glas nippte. Resolut nahm Alex es ihr daraufhin einfach weg. »Genug, sonst hast du morgen bloß einen üblen Kater zu kurieren. Ich kenne dich doch.«

Sams dankbares Grinsen sprach Bände. So erhob Alex zur Feier des Tages gleich noch einmal das Glas, um erneut ihrem Onkel zuzuprosten. Der wiederum hob daraufhin kurzerhand die Champagnerflasche an die Lippen und nahm einen tiefen Zug. »Scherben bringen Glück, heißt es doch immer!«

Später, als die Champagnerpfütze aufgewischt und die Scherben beseitigt waren, hielt es Dietmar nicht länger aus.

»Mädels, seid ihr denn schon sehr hungrig? Oder haben wir noch die paar Minütchen Zeit, damit ihr eure Geschenke … ähm … auspacken könnt?«

Sein ganzer Tonfall und die Art und Weise, wie er die einzelnen Wörter betonte, ließen Alex und Sam zusammenfahren. Wie auf Kommando schüttelten sie gleichzeitig die Köpfe. Es war absolut klar, dass Onkelchen etwas ganz Besonderes vorbereitet hatte. Dafür sprach auch die Tatsache, dass er Dietlinde erlaubt und zugetraut hatte, seinen ausnehmend gut gepflegten Benz durch Starnberg bis zum S-Bahnhof zu kutschieren, um die Schwestern abzuholen.

Normalerweise war Dietmar nämlich der Ansicht, dass solche Kurzstrecken bloß dem Motor schadeten. Während es den Zwillingen wiederum nur gut tun konnte, wenn sie den kleinen Fußmarsch auf sich nahmen. Nie hatte ihm jemand bisher in all den Jahren widersprochen. Selbst im tiefsten Winter und bei heftigem Schneetreiben waren Alex und Sam stets tapfer die ganze Strecke marschiert. Schon allein deswegen, weil Dietmar seiner Frau nie und nimmer bei Schnee und Glatteis den kostbaren Wagen anvertraut hätte. Kein Wunder also, dass die arme Dietlinde tatsächlich eine grottenschlechte Autofahrerin war. Sie konnte ja nie üben!

»Also, wer will zuerst?«, fragte Dietmar jetzt und rieb sich die Hände. Dann wippte er erwartungsvoll auf den Fersen hin und her – so lange, bis es Alex, die schon immer weniger Geduld besessen hatte, nicht mehr aushielt: »Okay, ich schätze mal, das bin dann wohl ich!«

Im nächsten Moment fühlte sie sich bereits an der Hand gepackt und Richtung Haustüre gezerrt. Schnurstracks führte Dietmar sie hinaus und zu der Doppelgarage im hinteren Teil der Hofeinfahrt.

»Augen zu, Alexandra, hörst du!«, kommandierte er dabei. »Und erst gucken, wenn ich es dir sage!«

Ja, und dann war es so weit. Dietmar gab das Kommando, Alex riss die Augen weit auf – und konnte zunächst im Halbdunkel der Garage nicht allzu viel erkennen. Aber dass da ein wunderschönes altes, schneeweißes VW-Cabriolet vor ihr stand, das erfasste sie trotzdem sofort.

»Für mich? Für mich ganz allein?«, erkundigte sie sich zaghaft. Sie konnte ihr Glück noch nicht fassen, denn normalerweise kriegten Sam und sie doch immer alles zusammen geschenkt, zum Teilen. Aber Sam war nicht mit in die Garage gekommen, also …

»Schau mal, die roten Ledersitze. Sonderanfertigung! Habe ich extra machen lassen. Na, was sagst du, Alexandra, gefällt er dir?«

Im nächsten Augenblick war Alex ihrem Onkel auch schon um den Hals gefallen: »Aber ja! Danke, Onkel, ich … ich kann es noch gar nicht fassen … Ich werde ihn Sir Henry nennen!«

»So, und jetzt zu deiner Schwester, für die habe ich auch eine besondere Überraschung. Und dann möchten eure Tante und ich mit euch zwei Hübschen etwas besprechen.«

Auweia, da war also noch was im Busch. Sollten diese großzügigen Geschenke nur als Zuckerl dienen für die bittere Medizin, die anschließend kam …?

Sam musste erst von der Terrasse hereingerufen werden, wo sie Dietlinde dabei half, die Beilagen – Salate und frische Gemüse – anzurichten.

Auf Dietmars wuchtigem Schreibtisch stand ein Laptop, einer dieser praktischen, tragbaren Computer, auf Neudeutsch auch Notebook genannt. Todschick in Silbergrau und offenbar brandneu. Alex dämmerte etwas – immerhin besaß Onkelchen bereits einen normalen Computer, dessen riesiger Monitor ebenfalls auf dem Schreibtisch thronte. Dietmar benötigte mit Sicherheit keinen zweiten Rechner. Das Antiquitätengeschäft hatte er ja schon vor Jahren verkauft, damals, als er sich mit Dietlinde ins Privatleben zurückgezogen hatte.

Interessiert beobachtete Alex, wie er das Notebook aufklappte und ein Knöpfchen drückte. Es begann, leise zu summen, piepste einmal, und kurz darauf erschien auch schon ein buntes Bild auf dem Bildschirm. Dietmar gab einen Befehl per Mausklick ein – kurzes Flimmern –, und ein anderes Bild erschien. Eine Stadt am Meer, eine Brücke, die Alex bekannt vorkam. War das nicht Sydney?

Dietmar winkte Sam an seine Seite. »So«, sagte er zufrieden und legte einen Arm um ihre Schultern. »Der ist für dich, Samantha. Damit du deine Diplomarbeit schön schreiben kannst. Eine Anthropologin in unserer Familie, wer hätte sich das einst träumen lassen! Ich bin so stolz auf dich. So, und jetzt setzt euch bitte alle!«

Gehorsam ließen sich erst Alex, dann Dietlinde und schließlich auch die immer noch sprachlose Sam nebeneinander auf die breite Wohnzimmercouch plumpsen.

»Danke, Onkel Dietmar! Das ist ja wirklich eine Überraschung«, brachte Sam endlich hervor, nachdem sie einen Blick von Alex aufgefangen hatte.

Onkelchen hob die Hand. »Warte erst, bis du den zweiten Teil erfahren hast. Denn dieses Ding hier …«, er deutete auf den Laptop, »… ist nur die erste Hälfte deiner Überraschung. Die zweite Hälfte siehst du auf dem Bildschirm.«

»Sydney?« Sam lachte glucksend. »Du schenkst mir Sydney zum Geburtstag?«

»Eine Reise nach Australien schenke ich dir, Mädel! Du wolltest doch in deiner Diplomarbeit auch über die dortigen Ureinwohner, die Aborigines, schreiben, wenn ich mich richtig erinnere. Nun, in wenigen Wochen werden wir zuerst nach Sydney fliegen. Und von dort aus mit einem Leihwagen den roten Kontinent einige Wochen lang erkunden. Bis Ende Oktober, bis das neue Semester beginnt, sind wir zurück.«

Sam klapperte mit den Augendeckeln. »Wir? Du sagtest, ›wir fliegen‹?«

Dietmar nickte und rieb sich abermals die Hände. »Deine Tante, du und ich! Weißt du, ich wollte ja immer schon mal nach Australien. Aber Dietlinde ist so eine schlechte Autofahrerin, und ich bin mittlerweile auch nicht mehr der Jüngste. Naja, und ohne Wagen sieht man von so einem riesigen Land doch gar nichts. Da haben wir uns gedacht, es wäre eine gute Idee, wenn wir dich auf deiner … ähm … Forschungsreise begleiten würden. Ich komme natürlich für alle Unkosten auf.«

Alex konnte nicht verhindern, dass sich ein Grinsen auf ihr Gesicht stahl. Daher wehte also der Wind. Arme Sam!

Prompt sah Dietmar jetzt sie, Alex, an, ehe er fortfuhr: »Alex hat den Wagen bekommen, weil sie sich schon lange ein Cabrio gewünscht hat. Wenn wir drei nach Sydney fliegen, wird sie für diese paar Wochen hierher in die Villa umsiedeln. Als Haushüterin und Dogsitterin für Hugo. Dem armen Kerl können wir schließlich nicht zumuten, dass er in euer winziges Studentenapartment nach Schwabing umzieht. So eine Riesendogge braucht ihren Auslauf.«

Dietlinde tätschelte beruhigend Alex’ Knie, weil die im Moment keinen Ton herausbrachte: »Mit dem Auto bist du ja jetzt mobiler, Alexandra. Dein Job in der Galerie und die Malstunden sind also nicht in Gefahr. Und ausgehen kannst du auch mit deinen Freunden. Solange du nur jeden Tag hier schläfst, damit Hugo nicht vor Einsamkeit eingeht.«

Jetzt endlich setzte sich auch Dietmar. »So, das war’s für heute. Ende der Vorstellung. Wann können wir essen? Ich habe einen Bärenhunger.«

»Dann fang an zu grillen!«, empfahl seine Gattin.

»Momentchen noch.« Alex hatte sich bereits wieder erholt. »Sam und ich haben auch eine kleine Überraschung für euch!« Sie eilte hinaus in die Wohndiele und riss das Geschenkpapier von dem flachen, rechteckigen Paket, das Sam vorhin dort abgestellt hatte.

Zurück im Wohnzimmer, präsentierte sie den beiden ein großformatiges Ölgemälde: »Von mir selbst gemalt oder, besser gesagt, selbst kopiert. Ölfarben und Leinwand hat mein Schwesterherz gespendet.

Für euer Schlafzimmer, dachten wir. Weil ihr doch beide Blumenbilder liebt. Das Original stammt übrigens von der berühmten Georgia O’Keeffe und hat den Titel ›Yellow Calla‹.«

Dietlinde sprang begeistert auf. »Sieht aus wie eine gelbe Lilie. Und dieser … dieser … ähm … Schwengel … in der Mitte! Der wirkt wie ein … wie ein …« Sie brach ab.

»Phallus?«, half Sam ihr aus.

»Genau, wie ein Phallus! Toll ist es, das Bild. Also ehrlich, Alex, alle Achtung. Guck doch mal, Dietmar!«

»Ich gucke doch schon die ganze Zeit, Dietlinde!«, sagte Dietmar, der sogar seine Brille aufgesetzt hatte. Er beugte sich vor: »Unsere Alex scheint das Zeug zu einer begabten Malerin zu haben. Allerdings hat sie auch einen bedenklichen Hang zum Pornographischen, scheint mir.«

Genau an dieser Stelle prustete die Künstlerin los. »Onkel, du bist unglaublich. Wer von uns sammelt denn schon seit Jahren erotische Fotografien, hm? Und dann habe ich die Blüte ja nur kopiert, detailgetreu wie im Original. Aber das Original stammt eben nicht von mir. Leider.«

»Sie ist umwerfend. Genau das Richtige fürs Schlafzimmer. So, und jetzt kommt nach draußen. Ich bin am Verhungern.«

Eines musste man Dietmar lassen: Vom Grillen verstand er eine Menge. Sogar Sam vertilgte ein Kotelett und eine Wurst zu den Salaten. Auch Hugo bekam seinen Anteil, nachdem Dietlinde ihn aus seinem Kerker befreit hatte.

Ein kleines Bierfass rundete die Tafel ab. Dietmar stach es fachmännisch an. Noch einmal sprang Sam über ihren Schatten und trank ebenfalls ein Glas. Zur Feier des Tages. Im Garten zirpten die Grillen, und Glühwürmchen tanzten dazu.

Nach dem Essen erfuhren Sam und Alex dann auch von dem neuen Mieter, den Dietmar für ihr Elternhaus – die Villa auf dem Nachbargrundstück – gefunden hatte.

»Ein netter Mensch. Anständig, solvent, selbstständiger Geschäftsmann«, erklärte Dietmar stolz. »Euer monatlicher Scheck ist also weiterhin gesichert. Die Brettschneiders ziehen Anfang September um in ihren Altersruhesitz. Ich habe anschließend die Handwerker bestellt: Wände streichen, Fenster reparieren, Heizung überholen. Die Arbeiten sollten beendet sein, bis wir am 22. September nach Sydney abdüsen. Der Nachmieter bekommt die Schlüssel pünktlich am 29. morgens ausgehändigt. So steht es auch im Mietvertrag. Diese ehrenvolle Aufgabe wird Alex übernehmen.«

Ein Stoßseufzer Dietlindes unterbrach die Stille, die Dietmars Ausführungen gefolgt war. »Ich hatte ja immer gehofft, dass ihr beiden Mädels doch noch selbst in die Villa einziehen würdet.«