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© / Copyright: 2016 WindschiefVerlag
Erstauflage
Umschlaggestaltung und Foto: René Schäfer
Lektorat: Martin Bergmann
Verlag: WindschiefVerlag Brakel; Astrid Schäfer
Ich widme dieses Buch meiner Tochter Nina und meinem lieben Mann René, durch dessen Unterstützung, Liebe und harte Arbeit eine Veröffentlichung erst möglich wurde.
Dank an Martin Bergmann für die wertvollen Einblicke in die Welt des Buchhandels und das stundenlange Korrekturlesen.
Ebenfalls danke ich Frau Schur im Sauerland für den zündenden Funken, Gedanken in die Tat umzusetzen.
"Wo Liebe, Freundschaft, Weisheit und Natur
in schöner Eintracht wohnen, ist der Himmel."
(Friedrich von Matthisson)
Inhalt
Kein Morgen wie jeder andere
Bei Tschindellika
Hinein ins Land der Grenzenlosen
Die Macht der Fantasie
In Gefahr
Stille
Ein neuer Freund
Flammen des Verrats
Hintergründe und Abgründe
Auf falschem Wege
Bellendrien
Zauber des Augenblicks
Bedrohte Idylle
Das große Fest
Neue Sorgen
Grausamer Zusammenprall
Kampf um das Fundament
Gesichter
Die Reise endet
Nur ein Traum?
"Melli? Melliii!" rief Mama aus dem Flur, "Ich gehe mit Fips raus, eine Viertelstunde, frühstückst du zu Ende? Und Melli? ... Kratz nicht an der Butter...".
"Ja", murmelte Melli und kratzte in Gedanken mit dem Messer schon Schiffe, Mäuse und Kamele in die Butter.
Eigentlich hieß sie ja Melinda und war elf, aber Mama nannte sie Melli, seit sie denken konnte und sie nannte Mama "Mams". "Mams" deswegen, weil die Frau im Lebensmittel-geschäft aus Holland kam und "Ans" hieß. Das fanden sie beide oberwitzig und Melli hatte Mama nach vielem Gelächter einfach umgetauft. Der einzige Mann im Haus war Fips, ein zotteliger, gutmütiger Mischling. Mit ihm ging Mams jeden Morgen an die frische Luft, während Melli gemütlich zu Ende frühstückte. Ihr Vater, das wusste Melli, war gegangen, als sie noch gar nicht geboren war, aber sie fragte Mams nie danach, denn dann bekam sie komische rote Flecken und ließ das Rührei anbrennen. Melli mochte kein angebranntes Rührei. Jedenfalls sagte Mams jeden Morgen, bevor sie die Tür hinter sich zu zog, dass Melinda nicht an der Butter kratzen solle. Aber an der goldgelben Butter, die soo einladend, glänzend und verformbar immer in der Mitte des Tisches stand, so dass man schon von weitem den Ansatz von Schildkröten, Tigern und Schnecken sehen konnte, an dieser Butter ging für Melli kein Weg vorbei. Na ja, Mams schimpfte sowieso nie, weil dazu auch gar keine Zeit mehr war, wenn sie durchgefroren mit Fips in der Tür erschien. Dann musste es nämlich schnell gehen, damit Melli rechtzeitig in der Schule und Mams pünktlich bei der Arbeit war.
Melli mochte die Schule nicht besonders, sie fand es dort langweilig und sehr unbunt. Überhaupt war gerade alles total langweilig. Ihre Freundin Sonny war vor den Ferien in eine andere Stadt gezogen und die große Lücke, die sie hinterließ, wurde in der Schule besonders deutlich. Also genoss sie die Minuten Aufschub jeden Morgen und zog die Butter unauffällig näher zu sich heran, bis die Tür hinter ihrer Mutter ins Schloss fiel.
Aber heute war etwas anders, ganz anders... Schon vorhin, als Mama noch an ihrem Kaffee genippt und von ihrer Freundin erzählt hatte, rauschte ein kurzes Funkeln über die Butter, so dass Melli die Augen zusammen kneifen musste. Und jetzt schien sich das Messer, das sonst so leicht die Figuren und Formen in die Butter zog, zu sträuben. Es lag schwer wie Blei in Mellis Hand. Zögernd und seltsam berührt, verwischte sie Schiffe, Kamele und Mäuse und schob die Butter langsam, mit den Fingerspitzen, wieder ein Stück von sich fort.
Und diesmal schien es ihr, als könne sie klar im Glanz des Fettes Berge, Seen und Wälder erkennen. Zwischen den Bergen bewegte sich ein kleiner Punkt, noch weit entfernt. Er kam näher und wurde größer und größer, genau wie Mellis Augen und ihr Mund, der sich langsam öffnete.
Und was dann geschah, war so unglaublich, so fantastisch, dass sie alles wie einen kostbaren Schatz in ihrem Herzen einschloss und es erst viele Jahre später ihren eigenen Kindern erzählte.
Es erhob sich aus der goldenen Butter ein kleiner Vogel. Melli sah ihn erst nur von hinten, die Schwingen eines Adlers und das funkelnde Gefieder. Nach einer Runde durch die Küche landete er direkt neben ihrer Kakaotasse. Als er die Federn schüttelte, wie am Ende einer langen Reise, verteilte sich glitzernder Staub auf Mellis Armen und Gesicht.
"Hatschi...", nieste Melli und wischte sich die schimmernde Nase, während sie staunend bemerkte, dass der schöne Vogel, der nun im Begriff war, vom Tisch auf den Fußboden zu hüpfen, zu wachsen begann. Er wurde zu einem stolzen, prächtigen Tier.
"Wer bist du?", hauchte sie.
Er wandte seinen mächtigen Kopf. Melli sah einen gewaltigen Schnabel, der zu lächeln schien. Augen wie schwarze Perlen, die hinter ihrer Oberfläche Güte versprachen, schauten sie an. Wo das Licht in sie hinein fiel, schillerte ein Regenbogen. Als der Vogel zu sprechen begann, war seine Stimme kraftvoll, warm und tief, voller unbekannter Melodien.
"Ich bin Winston Nelson Archimedes Chesterton, aber du kannst mich einfach Wins nennen."
"Ach so...", lächelte Melli, "Wins..." und nun musste sie sogar grinsen, woraufhin Wins die linke Augenbraue hob und sie streng musterte.
"Wer hat dir denn diese vielen Namen gegeben?"
Mit den Augen verfolgte sie den Vogel, der sich ein paar Federn zurecht zupfte und ein wenig hin und her stolzierte. Währenddessen nahm er ständig an Größe zu, bis Melli zu ihm aufsehen musste. Sein Kopf beugte sich jedoch plötzlich zu ihr herab und sein Schnabel flüsterte:
"Eine gute Frage, jedes Lebewesen hat Fragen, die beantwortet werden wollen."
Und dann um einiges lauter:
"Steig auf! Ich bringe dich nach Ju Allambee, auf den Kontinent der Weisheit!"
Ob es der Zauber des Augenblicks war? Oder der Ausdruck in Wins Augen? Für Melli bestand in diesem Moment kein Zweifel daran, dass es nichts mehr zu entscheiden gab, sie gehorchte einfach. Ohne nachzudenken machte sie sich auf den Weg, um auf den Rücken des riesigen Vogels zu gelangen. Sie kletterte durch die weichen und gleichzeitig kräftigen Federn, deren Schäfte ihr nun so dick vor kamen wie Äste, an denen sie sich festhalten konnte. Melinda spürte die Wärme, die der Körper des Tieres ausströmte und fühlte sich geborgen und sicher, als sie schließlich bis zum Flügelansatz empor gestiegen war. Dort konnte sie Wins Kopf und seine glänzenden Augen aus der Nähe betrachten, während er sich umdrehte und ihr zu raunte:
"Halte dich gut fest, es geht gleich los!"
Als es um sie herum zu rauschen und zu wogen begann, rief Melli erschrocken:
"Was ist das?", bis sie begriff, dass sie gemeinsam mit Wins zu schrumpfen begann.
Die prächtigen Flügel neben ihr kamen in Bewegung und wurden ausgebreitet, um abzuheben. Das Mädchen fühlte nur einen leisen Ruck, als ihr neuer Freund sich vom Boden ab stieß. Kurz schreckte sie ein wenig zusammen und schaute den Bruchteil einer Sekunde zurück. Dann jedoch legte sie sich eng an die warmen Federn, um bei jedem Flügelschlag gemeinsam mit dem Vogel kleiner und kleiner zu werden.
Wins flog eine Runde durch den Raum und anschließend gezielt auf die Butter zu, in die er mit Melli eintauchen wollte.
"Oh nein, das wird bestimmt weh tun...", schoss es dem Mädchen durch den Kopf. Ängstlich hielt Melli die Luft an. Doch es war nicht das leiseste Zippen zu fühlen, eher ein weiches Schwappen auf der Haut, bevor sie klare Bergluft einatmete, der Wind ihr die Haare zerzauste und sie steile Felswände an sich vorbei fliegen sah.
"Jippi", jauchzte Melli mit dem Wind und breitete die Arme aus, während sie die Weite und Größe der Landschaft in sich aufnahm. Sie konnte sich gar nicht satt sehen an glasklaren Bergseen und schneebedeckten Gipfeln.
"Wo fliegen wir denn genau hin? Was machen wir dort?", rief sie nach vorne.
"Warte es ab und halt dich fest!", kam die Antwort zurück.
Bald schon ließen sie das Gebirge hinter sich, das Land wurde flacher und die Luft wärmer. Wälder erstreckten sich unter ihnen. Sie wurden dichter und undurchdringlicher, so dass die Erde kaum noch zu sehen war. Wins flog einen ganzen Tag, doch Melli merkte es gar nicht, die Zeit lief anders in dieser Welt. Als es dämmerte, steuerte der Vogel auf eine winzige Lichtung zu und setzte zur Landung an. Sobald er sicher auf dem Boden stand, sprang Melli von seinem Rücken und purzelte auf einen dicken, grünen Moosteppich, auf dem sie sich der Länge nach ausstreckte.
"Oh, ist das weich", seufzte sie, "so ein Moos gibt es bei uns gar nicht...".
Über sich, in den Zweigen der angrenzenden Bäume, konnte sie Eichhörnchen entdecken, die munter hin- und her sprangen. Vogelgesang umgab sie und als sie sich auf den Bauch drehte, entdeckte sie große Käfer mit schillernden Panzern in sattem Grün und leuchtendem Orange, die geschäftig über den Boden eilten. Melli beobachtete die Tiere fasziniert, bis sie müde wurde und ihr die Augen zu fielen.
Als das Mädchen erwachte, schien es mitten in der Nacht zu sein. Sterne standen an dem Fleckchen Himmel, welches sie sehen konnte. Die Dunkelheit des Waldes war undurchsichtig geworden. Trotzdem fror sie nicht.
"Nanu", bemerkte Melli überrascht, "es hat mich ja jemand zugedeckt, das habe ich gar nicht mit bekommen!"
Vorsichtig schob sie die Decke zur Seite und richtete sich auf.
Ganz in ihrer Nähe knisterte und prasselte ein Feuer. Der Duft von Stockbrot und gebratenem Fleisch stieg ihr in die Nase. Knurrend meldete sich ihr Magen, doch sie konnte sehen, dass Wins nicht mehr allein war und so traute sie sich nicht, sich zu rühren. Der Vogel unterhielt sich im Schein des Feuers leise mit einer Gestalt, deren Körperbau durch einen langen Lodenmantel mit einer dichten Kapuze fast vollständig verhüllt wurde. Unter dem Mantel lugten jedoch ein paar merkwürdige Fellstiefel hervor.
"Der Länge nach haben die Füße eine normale menschliche Größe, aber ob es ein Mensch ist, was ich da sehe?", überlegte Melli.
Die Seitenteile der Stiefel waren mit mehreren, übereinander liegenden Schnallen besetzt, in deren Mitte jeweils ein ovaler, hellblauer Stein saß. Auch Hände konnte das Mädchen ausmachen, lange, schmale Hände, die nun geschickt die Spieße mit dem Fleisch wendeten und das Brot von den Stöcken lösten.
"Melinda, Kind, komm zu uns, du wirst hungrig sein!", erlöste sie Wins aus der Erstarrung und sie stolperte verlegen zum Feuer, wo ihr die schlanken Hände Brot, Fleisch und eine bauchige Flasche reichten.
"Danke...", murmelte Melli schüchtern.
Solch eine Flasche hatte sie noch nie gesehen und die Köstlichkeit und Frische des unbekannten Inhalts überraschte sie.
Niemand redete und Melinda stellte keine Fragen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Wins schließlich das Wort ergriff. Melli entfuhr ein erleichterter Seufzer, denn sie fühlte sich verunsichert durch das lange Schweigen und die Undurchdringlichkeit der Kapuze. Jedes Mal, wenn ein Stück Brot oder Fleisch im Mantel verschwunden war, hatte sie versucht, einen Blick auf das darunter liegende, verborgene Gesicht zu erhaschen, doch es war ihr nicht gelungen.
"Das hier ist Celestino Fernandez", verkündete Wins, "er hat die Erlaubnis bekommen, in diesem Zeitabschnitt unserer Welt die verborgenen Tore zu passieren. Deine Aufgabe ist es, ihn zu begleiten."
Und bevor Melli auf seine Worte reagieren konnte, wandte er sich an die Gestalt im Mantel:
"Celestino, wir sehen uns morgen bei Sonnenaufgang, ich habe die kleine Dame noch vorzubereiten."
Celestino nickte wortlos, erhob sich und verschwand ohne sich um zu drehen zwischen den Bäumen in der Dunkelheit.
Melinda verfolgte ihn mit den Augen, so lange es möglich war. Gerade wollte sie Wins mit den Fragen überschütten, die in ihr brodelten, da befahl er ihr schon, einen brennenden Holzscheit aufzuheben und ihm zu folgen.
"Wins!", keuchte Melli, während sie ihm hüpfend über das Moos hinterher eilte, um ja niemanden zu zertreten, der in dem weichen Geflecht wohnte.
"Ich muss dich so viel fragen! Was hat Celestino unter der Kapuze und warum spricht er nicht und was sind die verborgenen Tore? Wo gehen wir hin und was machen wir morgen früh? Ist Celestino ein Mensch? Ist er nett?"
Wins lächelte, hielt aber erst an, als sie eine große Birke erreichten. Es schien die einzige Birke weit und breit zu sein, denn ihre weiße Rinde hob sich fast leuchtend von der sonstigen dunkelbraunen, zur Einheit gewordenen Masse ab. "Berühre den Baum, deine Fragen werden sich gleich klären." sagte der stolze Vogel.
Melli sah direkt in seine perlgleichen Augen, deren Tiefe noch tiefer zu werden schien. Sie spürte kribbelnde, erwartungsvolle Spannung in sich aufsteigen und die deutliche Gewissheit, dass hier an diesem weißen Stamm das Abenteuer erst richtig los ging.
Langsam hob sie die Hand und berührte mit den Fingerspitzen die glatte, kühle Rinde. Sogleich begann das Weiß zu verschwimmen, es hob ein Wabern und Zittern an. Melli sprang erschrocken mit einem Satz zurück.
"Wins, was passiert hier!", platzte es entgeistert aus ihr heraus.
Der Holzscheit rutschte aus ihrer Hand und erlosch sofort, als er den abendfeuchten Boden berührte. Melli hielt sich die Augen zu, bis Wins ihre Schulter aufmunternd mit dem Schnabel anstupste, da lugte sie vorsichtig durch ihre Finger und sah, was passiert war. Der dünne Baum hatte sich verbreitert, eine Öffnung gebildet und gab nun den Blick auf einen schmalen, niedrigen Gang frei. An den kahlen Wänden hingen winzige, bunte Laternen, hinten führte eine enge Treppe in die Tiefe.
"So," hörte sie Wins sagen, "hier trennen sich vorerst unsere Wege. Steige dort hinunter, du wirst alles finden, was du brauchst, nur Mut."
"Aber warum kommst du nicht mit? Wir haben uns doch gerade erst kennen gelernt!" rief Melinda ängstlich und etwas verzweifelt und nun hörte sie ihn das erste Mal lachen.
Ein dunkles, kullerndes, hopsendes Geräusch tief aus seiner Kehle, das seine Antwort fast erstickte.
"Ganz einfach Kind, ich passe nicht hindurch."
Dann breitete er schnell seine Flügel aus und verursachte einen Sturm, als er abhob. Melinda war gezwungen, Schutz in dem engen Gang zu suchen. So bemerkte sie gar nicht, wie nah sie schon der ersten Treppenstufe war, als die weiße Rinde wieder zusammen waberte und sie im Inneren des Baumes ein schloss. Melli war allein.
"Nein! Wins!", keuchte sie entsetzt.
Zunächst versuchte das Mädchen instinktiv wieder hinaus zu gelangen und hämmerte mit den Fäusten von innen gegen das Holz, doch als sie einsah, dass der Baum nicht mehr nachgab, drehte sie sich um und betrat entschlossen die steile Treppe.
"Na gut", sagte sie laut, um sich Mut zu machen, "dann will ich mal sehen, wo du hin führst."
Über ihr hingen kleine Äste und verschlungene Röhren, die irgendwo im Nichts zu verschwinden schienen. Wasser lief in kleinen Rinnsalen die Wände entlang. Eine Horde Kellerasseln stob vor ihren Füßen auseinander. Die Stufen senkten sich kurvig wie eine Wendeltreppe in die Tiefe. Melli begann hinab zu steigen. Sie lief und lief, eine Windung und noch eine.
"Ist diese Treppe etwa endlos?", dachte sie gerade, als ihr plötzlich angenehm vertraute Düfte in die Nase stiegen.
Zimt und Nelken, aber auch Lavendel und das Aroma von frischem Basilikum und Zitronenmelisse konnte sie riechen. "Hier unten wohnt ja jemand!", staunte sie.
Neugierig beschleunigte sie ihre Schritte. Und tatsächlich, der Abstieg endete nach wenigen Stufen.
Vor ihr lag ein kleiner Tunnel, an dessen Ende Melli eine Hauswand erkennen konnte. Zwei kleine erleuchtete Fenster und eine Haustür waren das einzig Sichtbare, der Rest der Behausung schien komplett mit dem Holz des Baumes verschmolzen zu sein. Melinda schlich sich heran und lugte vorsichtig zwischen den karierten Gardinchen hindurch. Sie sah eine niedliche, wundersame Stube. Einen runden Teppich in der Mitte, einen gemütlichen Ohrensessel an der Seite, ein hohes Regal mit allerlei seltsamen Krimskrams und wohl hunderte von Büchern. Auf der anderen Seite stand ein altmodischer Ofen und dort, links, war noch eine Tür, die sich gerade jetzt öffnete.
"Huch!", entfuhr es Melli, doch rasch presste sie sich die Hände vor den Mund.
Heraus kam eine kleine, runde Frau mit roten Pausbacken und einer ziemlich großen Knollnase. Kleine blaue Augen hatte sie und ein gepunktetes Kopftuch auf dem Kopf, das gerade verrutschte. Ein rotes Eichhörnchen turnte munter und frech auf ihrem Haupt herum. Schnell und geschickt hatte sie es mit ihren knubbeligen Händen gepackt und in ihrer Schürzentasche verstaut, wo es so lange herum wühlte, bis sein verstrubbeltes Köpfchen wieder oben heraus guckte. "Limetto," schimpfte sie, "benimm dich!".
Anschließend schlurfte sie in riesigen Pantoffeln zum Ofen, rührte in einem großen Topf und begann ein lustiges Lied zu singen. Die Melodie war so fröhlich, dass Melli sie gleich leise mit summte, bis sie den Text verstand und ihr klar wurde, dass diese kleine, urige Frau längst wusste, dass sie hinter dem Fenster stand. Noch einmal hörte sie:
Tschin, Tschin, Tschindellika,
selten zu sehen, doch immer da,
hörst du es rascheln und knistern im Wald,
ist es Tschindellika, wachsam und alt.
Ohren hören, Augen sehen,
Boten huschen übers Moos,
will ein Menschlein in die Wälder,
zieht es in der Frühe los.
Und ist sein Weg auch noch so weit,
Tschindellika weiß schon Bescheid.
Tschin, Tschin, Tschindellika,
selten zu sehen, doch immer da,
hörst du es rascheln und knistern im Wald,
ist es Tschindellika, wachsam und alt.
Flüstern, singen, hört man Stimmen,
Asseln laufen auf und ab,
die Trepp` hinab, sie ist fast drinnen,
nun drückt sie sich das Näslein platt.
Da staunst du Mädchen, hübsch und fein,
Tschindellika holt dich herein!
Prompt pustete ein derart starker Wind durch den Gang, dass die kleine Haustür mit einem heftigen Ruck auf geschleudert wurde und Melinda wie ein hilfloses Herbstblatt, mit Purzelbaum und Überschlag, unsanft auf den runden Teppich geschubst wurde. Das Kind rappelte sich auf, schob die langen, zerzausten Haare vor den Augen auseinander und schaute direkt in das breit lächelnde Pfannkuchengesichtchen von Tschindellika und die blinkenden Knopfaugen von Limetto. Er bewegte sein Näschen heftig schnuppernd auf und ab. Melli riss sich zusammen, sagte höflich "Guten Tag" und streckte die Hand aus, die von Tschindellika genommen und äußerst kräftig geschüttelt wurde.
"Gutes Kind, gutes Kind, genau richtig bist du!", murmelte die alte Frau und zog flink ein Maßband aus der Schürzentasche.
Sie packte Melli resolut bei den Schultern, drehte sie nach links und rechts, bog sie nach vorne und hinten, danach betastete sie ihre Füße und vermaß ihren Kopf. Limetto wieselte derweil in Melindas Taschen herum, wirbelte durch ihre Haare und knabberte an ihren Ohren. Melli hatte nicht genug Zeit, um ärgerlich zu werden, fragte sich aber ernsthaft, wie sie bei dieser merkwürdigen Frau Antworten auf ihre Fragen erhalten sollte. Doch da ließ diese von ihr ab, sah ihr freundlich in die Augen, pflückte das Eichhorn aus ihren Haaren und sagte liebevoll:
"Verzeih' meine Eile, gutes Kind, aber uns bleibt nur wenig Zeit bis zum Sonnenaufgang und ich möchte dir alles mitgeben, was ich Wertvolles für dich habe. Schau, da drüben, im Regal, dort stehen sieben erdfarbene Bücher, die dich auf deiner Reise begleiten. Nimm' das Erste mit dem weißen Siegel. Das ist deine Kleidertruhe. Nur du kannst sie öffnen, niemand sonst."
Melli suchte das Buch und fuhr mit den Fingern erst über den weichen Ledereinband, dann über das Siegel. Anschließend drückte und drehte sie es vorsichtig, bis sie ein leises Geräusch vernahm und der Verschluss sich mühelos öffnen ließ. Auf der Stelle hüpfte das Buch aus ihrer Hand und begann zu wachsen, wie sie es bei Wins schon gesehen hatte. Als es groß genug war und schon an die anderen Möbel stieß, konnte Melli es wie eine Truhe öffnen, um die Kleidung zu bestaunen, die sich ordentlich und gepflegt vor ihr ausbreitete.
Als erstes entdeckte sie die Fellstiefelchen, hellkaninchengrau, mit übereinander liegenden Schnallen und hellblauen Steinen. Eine genaue Nachbildung von Celestinos Stiefeln also, nur kleiner.
"Die sind wirklich schön", bemerkte Melli, "ich habe sie schon bei...bei dem Wesen mit der Kapuze gesehen".
Aufgeregt schlüpfte sie hinein und fand sie wunderbar bequem. Ein paar Minuten probierte sie dieses und jenes an, befühlte die Stoffe und bewunderte schillernde Farben und exotische Muster, bis sie auf den langen Mantel mit Kapuze stieß, der scheinbar nun auch ihr Schutz vor Wind und Wetter werden sollte. Melli legte ihn sich eher zögernd um die Schultern, da sie dieses Kleidungsstück im Gegensatz zu den anderen hässlich und langweilig fand.
"Ja, Kindchen", hörte sie Tschindellika neben sich, "die unscheinbarsten Dinge entpuppen sich häufig als die Wichtigsten. Er ist aus einem ganz besonderen Material gefertigt, Celestino kann durch seine Kapuze von innen hindurchsehen, aber von außen ist sie absolut blickdicht. Zusätzlich ist dieser Mantel eine wunderbare Tarnung, denn niemand beachtet etwas, das spröde und hässlich erscheint. Glaube mir, du wirst ihn auf deiner Reise schätzen lernen, behalte ihn gleich an.“
Das wollte Melli noch nicht ganz einleuchten, trotzdem setzte sie sich nun die Kapuze auf, die zu ihrer Überraschung nur bis zum Haaransatz reichte und gar nicht ihr ganzes Gesicht bedeckte, wie sie es erwartet hatte. "Tschindellika, wieso hört denn meine Kapuze schon hier oben auf und Celestinos nicht?" fragte sie verwirrt.
"Na ja", antwortete ihr Tschindellika, "weil du ein Gesicht hast und Celestino nicht, denn ein Gesicht besteht aus mehr als nur einer Öffnung zur Nahrungsaufnahme und ein paar schwarzen Augenpunkten."
"Er hat kein Gesicht?", schrie das Mädchen entgeistert und setzte sich polternd auf den Fußboden, "Das ist ja entsetzlich!"
"Nein, gar nicht", beruhigte Tschindellika sie sofort, "er wird es noch bekommen. Ihr werdet die verschiedensten Länder durchqueren und in jedem Land kommt ein Teil hinzu, denn ein Gesicht will geformt werden. Die Stellung der Augenbrauen, der Ausdruck seiner Augen, die Farbe seiner Wangen, die Form seines Mundes und die Furchen in seiner Haut zeichnen ein Bild seiner Seele und des Weges, den ihr gegangen seid. Auch seine Stimme ist noch nicht vollständig ausgebildet, sie wird erst richtig klingen, wenn er seine Aufgabe bewältigt hat. Im Moment hört er sich sehr heiser an, er spricht nicht gern, aber nach jedem Tor wird seine Stimme kraftvoller werden. Am Ende wird es sich zeigen, ob er die Kapuze absetzen kann, oder ob er die Chance auf ein wirkliches Gesicht für immer verspielt hat. Es ist Vorschrift und Tradition, dass ihn ein Menschenkind auf diesem Weg begleitet. Auf dich ist die Wahl gefallen, darum bist du hier. Du kannst ihm helfen Melinda, willst du das tun?"
Obwohl sie die Aussicht auf einen jungen Mann ohne Gesicht an ihrer Seite nicht gerade entzückend fand und sie sich beinahe wünschte, sie hätte niemals an der Butter gekratzt, reizte sie doch das Abenteuer. So antwortete sie schneller mit "ja", als sie sich selbst darüber wundern konnte. Tschindellika nickte erfreut angesichts dieser Entscheidung. Mit einem Fingerschnipsen schloss sie die Kleidertruhe, welche seufzend schrumpfte. Anschließend ging sie hinüber zum Bücherregal. Langsam nahm sie selbst das zweite Buch, auf dem ein blutrotes Siegel glänzte, in die Hand.
"Das Rotsiegelbuch, Melinda, lässt sich nur dann öffnen, wenn es wirklich gebraucht wird, ansonsten bleibt es fest verschlossen, zum Schutz der Anderen und zu deinem eigenen."
Sie öffnete es und Melli schaute auf eine schwarze Lederpeitsche, ein großes silbriges Schwert und einen kleinen Dolch, ein Blasrohr mit tödlichen Pfeilen und Tonkugeln, ein Netz, ein Seil, eine Bärenfalle und einen Beutel Rattengift. Betreten und erschrocken trat sie einen Schritt zurück und hoffte insgeheim, dass dieses Siegel sich auf ihrer Reise nie, niemals wieder öffnen würde. Ihr Blick fiel auf Tschindellika, die leise seufzte und etwas zerbrechlich und müde wirkte, während sie auf ihren Sessel zu schlurfte.
Als sie sich setzte, meinte Melli in ihren Augen so etwas wie einen kleinen, sorgenvollen Schatten entdecken zu können, doch so schnell wie er gekommen war, verschwand er wieder. Bei Melli blieb er nur als ein kleines, flüchtiges, unangenehmes Gefühl hängen, an das sie sich später noch erinnern sollte. Doch rasch hatte sie jetzt das nächste Buch heraus gezogen und bewunderte das dunkelgrüne, seidig schimmernde Siegel, in welches eine Pflanze eingearbeitet worden war.
"Wie schön es ist!" entfuhr es Melli und sie konnte gar nicht erwarten, den Inhalt zu sehen.
Doch er überraschte sie, denn aus dem wachsenden Buch quollen nun die verschiedensten Pflanzen und beinahe fühlte sie sich enttäuscht.
"Die Schönheit der Natur!" lachte Tschindellika mit einem Blick auf Melindas Gesicht, dann aber wurde sie ernst und sah dem Mädchen in die Augen. "Sie hat Ehrfurcht verdient, mehr als irgendetwas sonst. Sie schenkt uns Nahrung und nützt Mensch und Tier, ohne jemals etwas dafür verlangt zu haben. Die Natur zu achten und alles, was in ihr lebt, bringt tiefen Ausdruck in ein Gesicht."
Und wie zur Bestätigung zog sie Limetto hinter ihrem Rücken hervor, der sich zu einer flaumigen Kugel zusammengerollt hatte und tief schlief. Sie hielt ihn in ihrer Handfläche, so, dass Melli ihn streicheln konnte. Melinda spürte, wie sich der zerbrechliche Eichhörnchenkörper beim Atmen hob und senkte und dann vertrauensvoll räkelte, aufgrund der sanften Berührung. Sie verstand, was Tschindellika meinte und hatte für sich einen kleinen Schatz entdeckt. Tschindellika legte Limetto in ein Körbchen mit Laub, das auf der Fensterbank stand und wandte sich den Pflanzen zu.
"Jede Einzelne hat ihren Namen und ihre Wirkung. Ein paar von den Wichtigsten werde ich dir erklären. Sieh` her und pass gut auf! Hier, dies ist Eisenkraut (Verbena officinalis), die Stängel rau, haarig und quadratisch, mit kleinen lila Blüten. Ein Tee wird euer Sehvermögen stärken und euch beruhigen. Der kleine verzweigte Stängel dort, mit den kleinen weißen Blüten, ist Hirtentäschelkraut (Capsella bursa pastoris), mit seinem Extrakt stillst du innere und äußere Blutungen. Hier vorn, echter, wertvoller Jasmin (Jasminum officinale), dunkelgrünes, üppiges Laub und süß duftende weiße Blüten, sein Öl benötigst du zur Behandlung von Schlangenbissen. Ja, nimm` ruhig mal eine Blüte in die Hand! Und gleich daneben findest du Indianernessel (Monarda didyma), ovale, gezahnte Blätter und karminrote bis purpurne Blüten. Blüten und Blätter werden leicht zum Schlaftrunk.
Dort, das buschige Pflänzchen mit den holzigen, flaumigen Stängeln und den rosa und bläulich purpurnen Blüten ist Ysop (Hyssopum officinale). Lege seine zerdrückten Blätter auf Wunden, um Infektionen zu verhindern und die Heilung zu beschleunigen. Er wird euch noch sehr hilfreich sein. Nun und schlussendlich das Schöllkraut (Chelidonium malus), mit seinen leuchtend gelben Blüten und gelappten Blättchen. Es enthält einen orange gelben Saft, der sich an der Luft rot färbt, dieser lindert Schmerzen. Natürlich findest du hier auch Zunder und Feuerstein für ein Feuer, denn manche Pflanzen musst du als Tee zubereiten. Und nun weiter...“ Melinda versuchte, sich Aussehen und Bedeutung der einzelnen Pflanzen zu merken und nickte brav bei Tschindellikas Ausführungen, doch sie war zutiefst erleichtert, als die alte Frau schließlich ein Pergament mit Erklärungen an die Innenseite des Grünsiegelbuches heftete. Und während Tschindellika, die ihre Erschöpfung wohl bemerkt hatte, ihr eine Pause mit heißem Kakao und Pfefferkuchen anbot, wurden andernorts, auf andere Art, ebenfalls eifrige Vorbereitungen getroffen.
Celestino war in sein Dorf zurückgekehrt, angenehm überrascht von seiner kleinen Begleiterin. Er holte zwei gefleckte, robuste Ponys aus dem Stall und begann sie ordentlich zu satteln und zu striegeln. Bei dieser Rasse schienen Kopf und Körper etwas eckiger zu sein, als bei anderen Pferden. Ihr Gang war kraftvoll und ausdauernd, weshalb er sie sehr schätzte. Als Lastentier wählte er ein großes braunes Lama, welches hochnäsig hinter ihm her stakste und aufmüpfig hin und her tänzelte.
Er belud es sorgfältig mit warmen Decken, Wasser- und Nahrungsvorräten und hoffte, dass es im Ernstfall gehorchen würde. Als er die Tiere auf den Hof geführt und fest an einen Ring gebunden hatte, der hier an jeder Hauswand zu finden war, wandte er sich um und entdeckte Lumbardus. Der Dorfälteste stand auf seiner Veranda und schaute herüber. Celestino wusste genau, dass er erwartet wurde und machte sich auf den Weg zu ihm. Während er den Dorfplatz überquerte, genoss er noch einmal die Ruhe und den Frieden, der hier an diesem versteckten Ort, mitten im Wald, herrschte. Geschützt und ruhig war er hier aufgewachsen, abgeschirmt von den Wirren außerhalb des Forstes, doch er war einer derjenigen seines kleinen Volkes, die noch kein Gesicht besaßen. Er hatte sich entschieden, er wollte hinaus und den Weg auf sich nehmen. Beim letzten Vollmond hatte er sich vor Lumbardus nieder gekniet und ihm sein Anliegen vorgetragen, woraufhin der Älteste für eine lange Zeit verschwand und schließlich mit einer versiegelten Schriftrolle wieder auftauchte. Celestino durfte sie öffnen, um zu erfahren, dass er auserwählt sei, die verborgenen Tore zu passieren. Er war überrascht von der Vielfalt der Unterschriften am Ende des Dokumentes. Verschnörkelte, schwungvolle, aber auch zackige und schräge Schriftarten waren dabei. Doch Lumbardus war keine Information zu entlocken. Nicht lange danach landete Wins auf dem großen Platz, um ihm mitzuteilen, dass er eine Reisebegleitung bekäme und nach weiteren drei Vollmonden auf der Lichtung zu erscheinen habe. Und nun war es also soweit. Der Dorfälteste winkte ihn auf die Veranda und wies ihn an, sich zu setzen.
"Celestino Fernandez, ich hoffe, dass du dich als würdig erweist und mit einem Gesicht voller Inhalt in unser Dorf zurückkehren kannst. Ich habe dich aufwachsen sehen und bescheinige dir gute Voraussetzungen, doch was du daraus machst, liegt allein bei dir. Hilfsmittel für deine Reise wird das Mädchen erhalten, für Nahrung und Decken hast du gesorgt, so bleibt mir nicht viel mehr, als dich im Hoffen auf ein Wiedersehen zu verabschieden. Aber du sollst nicht ohne einen Gruß aus unserem Dorf fort reiten, deshalb überreiche ich dir diesen kleinen Ochsenlederbeutel. Er enthält kostbare Jadesteine, ihr Grün ist von höchster Reinheit. Vor vielen Jahren hat unser Dorf sie von einem verletzten Reisenden als Dank erhalten, da wir ihn gesund gepflegt haben. Doch er verschwand über Nacht und niemand erfuhr, woher diese Steine stammen. Sie sollen dir Glück bringen.“
"Vielen Dank", krächzte Celestino und stand auf.
Er nahm den Beutel, band ihn mit einem starken Lederriemen um seine Hüfte und verbeugte sich vor Lumbardus. Dieser verabschiedete sich herzlich und zuversichtlich von ihm und schaute dem jungen Mann noch eine Weile nach. Celestino ging zu seiner Hütte, band die Tiere los und führte sie zielstrebig, auf einem kleinen Pfad, in den Wald hinein.
Wins, ein paar Meilen entfernt, fühlte sich erschöpft, aber ruhig. Weite Strecken war er abgeflogen, beobachtend, auf der Hut, doch nichts anderes als Tschindellikas kleine Boten hatten seine scharfen Augen entdecken können. Sie waren seit jeher dort unten unterwegs und ab und an tauchten sie aus der Erde auf. So konnte er sich nun eine kleine Pause im Wipfel eines hohen Baumes gönnen und den Kopf unter seine Flügel stecken.
"Noch ist Zeit zum Ruhen...", flüsterte er schläfrig.
Melli dagegen hatte ihre Kräfte schon wieder gewonnen und Tschindellika erklärte ihr den Inhalt des vierten Buches, welches nur ein unscheinbares Siegel besaß. Es glänzte nicht, eher vermittelte es den Eindruck eines alten Knopfes. Als es aufsprang, entdeckte Melinda einen gläsernen Stab in rotem Samt.
"Dieser Stab, liebes Kind, ist ein Notruf, aber du kannst ihn nur ein einziges Mal benutzen. Sollte er jemals zerbrechen, wird Hilfe von außen zu dir eilen. Doch gebrauche ihn nicht leichtfertig, vieles, was dir aussichtslos erscheint, wirst du allein bewältigen können. Es stecken mehr Kräfte in dir, als du denkst. Überlege also gut und wähle den Zeitpunkt sorgfältig... Aber nun rasch zum fünften Buch, die Zeit rinnt uns davon."
Melli holte es flink. Ein meerwasserblaues Siegel hielt ihren Blick einen Moment gefangen, dann entdeckte sie ihr Spiegelbild und der Zauber verging, sie konnte es öffnen. Eine große Karte entfaltete sich vor ihr und ein riesiger Kontinent breitete sich aus. In der Form eines Diamanten teilte er sich in fünf Segmente auf, unterbrochen durch einen winzigen Fleck im unteren Drittel. Durch angedeutete, verschnörkelte Tore führte ein vorgezeichneter Weg durch alle fünf Gebiete. Melinda las flüchtig Namen wie "Bellendrien" und "Ixodestan", während Tschindellika ihr half, die Karte auf dem Boden glatt zu streichen und sich mit nun erstaunlicher Beweglichkeit neben ihr nieder ließ. "Die Tore, mein Kind, befinden sich nie an der gleichen Stelle und der Weg ist immer ein anderer, doch durchqueren müsst ihr die Gebiete in der eingezeichneten Reihenfolge, um zum Ziel zu gelangen. Erst wenn diese Reise erfolgreich war, werdet ihr die zwei letzten, noch unbekannten Tore auch entdecken können. Wir befinden uns momentan genau hier, auf diesem kleinen Fleck. Er ist mein Hoheitsgebiet. Perlforst nennt sich dieses dicht bewaldete Land und es enthält viele versteckte Ein- und Ausgänge zur Menschenwelt. So muss ich es an den Grenzen scharf bewachen lassen, wenn auch im Wald selbst tiefer Frieden herrscht. Denn immer wieder versuchen einige ohne schriftliche Erlaubnis die Ausgänge zu erreichen. Doch sei dir gewiss, niemandem ist es bisher gelungen. Mein gesamtes Gebiet ist durchzogen von einem unterirdischen Röhrengeflecht, in dem sich kleine Boten bewegen, die ständig alle wichtigen Nachrichten weiter leiten. Komm' mit, du darfst sie dir mal ansehen." Tschindellika zog Melinda zu dem alten Kachelofen und öffnete eine große Luke, die sich neben dem schwarzen Ofenrohr befand. Wie durch eine Lupe konnte Melli in einen langen Tunnel schauen, in dem sie große schillernde Käfer in zwei Richtungen flitzen sah. Es waren die gleichen, die sie draußen im Moos schon bewundert hatte. Viele trugen kleine Papierröllchen auf dem Rücken, einige kleine Pakete.
"Die Perlländer, friedliche Leute, welche meinen Wald bewohnen", hörte sie Tschindellika an ihrer Seite, "werten die Käfernachrichten aus und halten mich über das Wurzelphon auf dem Laufenden. Hinter uns, in der Ecke, hängt es. Celestino, der gute Junge, gehört auch zum Volk der Perlländer. Sie bekommen wenige Kinder, immer ohne Gesicht und werden sehr alt. Hat ein Kind es geschafft, ein weises Gesicht zu bekommen, ist seine gesamte Generation gesichert. Alle anderen Gesichtslosen werden zu Personen, sobald das Eine die Kapuze abnimmt. Du siehst, es hängt viel von eurer Reise ab... Schnell, hol mir bitte die letzten zwei Bücher", flüsterte sie, nun wieder in Eile, und Melli brachte sie ihr.
"Diese zwei wirst du für Celestino mit dir tragen und du wirst sie ihm geben, sobald sich die Siegel öffnen. Bleiben sie verschlossen, werde ich sie wieder an mich nehmen."
Kaum war der letzte Satz ausgesprochen, dröhnte ein lautes Signal durch die gemütliche Stube. Limetto sprang mit einem heftigen Satz aus seinem Körbchen. Tschindellika hastete und stolperte zwischen den noch aufgeklappten Büchern zum Wurzelphon. Mäuse und andere Kleintiere, die Melinda vorher noch nicht einmal bemerkt hatte, huschten, flatterten und sprangen im Zickzack herum, so dass es schien, als ob die ganze Welt in Aufruhr geraten sei. Tschindellika drehte sich um, hob die Hände und es gab einen gewaltigen Donnerschlag. Die noch geöffneten Bücher schlossen sich mit einem gemeinsamen Seufzen. Als würden sie miteinander verschmelzen, taten sie sich zusammen und schrumpften zu einem winzigen Bündel, welches Melinda mühelos aufheben und in die Tasche ihres Mantels stecken konnte. Staub wirbelte auf, Tschindellika schrie ihr "Es geht los!" in die Ohren und zog sie durch die Haustür.
Mit wehendem Kopftuch rannte sie tief in den Stollen hinein und sprang plötzlich in noch tiefere Tiefe. Melli versuchte mit ihr Schritt zu halten, schloss die Augen und sprang blind hinterher, in Erwartung eines harten Aufpralls. Doch sofort landete sie in einem riesigen Korb, mit Seilen vertäut, ein Fahrstuhl.
"Zieht!", schrie Tschindellika nach oben und kräftige Hände griffen zu.
Rasend schnell waren sie oben, Melli wurde gepackt und heraus gehoben. Im Halbdunkel konnte sie nur undeutliche Gestalten erkennen, doch dass sie sich wieder im Freien, irgendwo im Wald befand, bemerkte sie schnell. Schon wurde sie wieder hoch gehoben und auf einen kleinen Heuwagen geworfen, der sich augenblicklich in Bewegung setzte.
Hinter sich hörte sie Tschindellika rufen und konnte es gerade noch verstehen:
"Das erste Tor führt nach Ixodestan, ins Land der Grenzenlosen, sucht Heraldes Momm! Viel Glück!"
Der Wagen holperte über Stock und Stein und hielt erst, als die Sonne ihre erste Morgenröte über das Land schickte. Melinda, die wild im Heu herum geschleudert worden war, richtete sich auf und schaute sich vorsichtig um. Zunächst entdeckte sie einen Brunnen zwischen den Bäumen, dann Wins, der auf dem Rand kauerte und schließlich Celestino, welcher Pferde und Lama ruhig hielt. Mit einem Freudenschrei sprang sie aus dem Wagen, bemühte sich dann aber, langsam zu gehen, um die Tiere nicht zu erschrecken.
"Wins", rief sie glücklich, "da bist du ja wieder! Wir sollen Heraldes Momm suchen... Reiten wir? Wie heißt mein Pferd?"
Doch statt Wins rührte sich plötzlich Celestino, hob den Kopf unter der Kapuze ein wenig und winkte sie zu sich heran. Melli schauderte kurz, näherte sich dann aber doch. Celestino nahm ihre Hand und sie hörte ein ton- und stimmloses Flüstern an ihrem Ohr:
"Ich sitze auf Niccolo, dein Pferd heißt Annuschka und geht als zweites, den Schluss bildet Damdu, ich hoffe sie benimmt sich."