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Nr. 2921

 

Die Gewitterschmiede

 

Ein Gäone wird gejagt – und deckt ein Geheimnis seines Volkes auf

 

Michael Marcus Thurner

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Odin Goya

2. Gi Barr

3. Odin Goya

4. Gi Barr

5. Odin Goya

6. Gi Barr

7. Odin Goya

8. Gi Barr

9. Odin Goya

10. Gi Barr

11. Odin Goya

12. Gi Barr

13. Odin Goya

14. Gi Barr

15. Odin Goya

Glossar

Risszeichnung Terranisches Transitionstriebwerk

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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Wir schreiben das Jahr 1551 NGZ, gut dreitausend Jahre vom 21. Jahrhundert alter Zeitrechnung entfernt. Nach großen Umwälzungen in der Milchstraße haben sich die Verhältnisse zwischen den unterschiedlichen Sternenreichen beruhigt; im Großen und Ganzen herrscht Frieden.

Vor allem die von Menschen bewohnten Planeten und Monde streben eine positive Zukunft an. Tausende von Welten haben sich zur Liga Freier Galaktiker zusammengeschlossen, in der auch Wesen mitwirken, die man in früheren Jahren als »nichtmenschlich« bezeichnet hätte.

Trotz aller Spannungen, die nach wie vor bestehen: Perry Rhodans Vision, die Galaxis in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln, scheint sich langsam zu verwirklichen. Man knüpft sogar vermehrt Kontakte zu anderen Galaxien. Gegenwärtig befindet sich Rhodan selbst im Goldenen Reich der Thoogondu, die ebenfalls eine Beziehung zur Milchstraße aufbauen wollen.

Doch spielen die Thoogondu wirklich ehrlich? Erste Zweifel sind angebracht, nachdem Rhodan ihnen Gedächtnismanipulationen nachweisen kann, weitere tun sich im Zusammenhang mit den Gäonen auf, die das Goldene Reich unterstützen. Denn die Gäonen sind Menschen der Erde, die vor zweitausend Jahren nach Sevcooris gebracht wurden. Eines ihrer Geheimnisse ist DIE GEWITTERSCHMIEDE ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Odin Goya – Der Epsaler überschätzt sich.

Gi Barr – Der Gäone weiß sich und andere einzuschätzen.

Gustav – Der Posbi schätzt die Zusammenarbeit.

Karl Marginson – Der junge Offizier wird von seinen Vorgesetzten geschätzt.

1.

Odin Goya

Zorn und Ruhe

 

»Du riechst sonderbar.« Gi Barr unterbrach mein gedankliches Mantra der Nochurna. Er ging vorneweg, mit dem Schritt eines Mannes, der sich seiner Sache völlig sicher war.

Ich brachte ihn aus dem Hangar, in dem die BETTY TOUFRY ihn abgesetzt und dann nach Gäon weitergeflogen war, zu seinem Quartier. Besser gesagt: Ich begleitete ihn, denn er kannte den Weg.

»Das ist Sandelholz«, sagte ich und konzentrierte mich wieder auf meinen Gefangenen.

»Nein. Ich meine nicht dein aufdringliches Parfum, Odin Goya. Ich rede vom Gestank nach Schweiß, den du überdecken möchtest. Du hast Angst. Angst vor dem Versagen.«

Ich fühlte Zorn und blieb trotzdem ruhig, den Leitlinien der Nochurna gehorchend.

Nochurna nennen wir jene Ambivalenz, in der wir unser Leben seit der Besiedlung Epsals gestalten. Die Leitlinien der Nochurna stehen für gegensätzliche Seiten. Sie dienen als Wegweiser und mahnen uns.

Wir Epsaler haben guten Grund, stets zwei Seiten eines Aspektes zu betrachten. Schließlich waren unsere Vorfahren in einem nach ethischen Normen höchst bedenklichen Zuchtprogramm auf das Leben auf Epsal vorbereitet worden. Aus einer genetischen physischen Optimierung, die Leid und Schmerz mit sich gebracht hatte, waren meine Vorfahren gestärkt hervorgegangen. Aus Schlechtem war Gutes erwachsen.

Immer wieder musste ich an die Nochurna denken und mir ihre Leitsätze in Erinnerung rufen. Sie halfen mir seit nunmehr dreiundfünfzig Jahren durchs Leben ...

 

*

 

Gi Barr blieb stehen, einfach so.

Ich stoppte ebenso rasch ab und hielt die optimale Distanz zu meinem Gefangenen. Zwei Armlängen. Mehr würde ihm zu viel Spielraum für eine Flucht geben. Weniger mochte ihm die Möglichkeit bieten, mich überraschend anzugreifen.

»Deine Reflexe sind gut für einen wie dich.«

»Was willst du damit sagen, Gi Barr?«

»Ist dir etwa noch nicht aufgefallen, dass du beinahe ebenso breit wie hoch bist und du dich so elegant wie ein betrunkener Scharlachbär bewegst? Deine Proportionen sind die einer schlecht gelungenen Karikatur eines Terraners.«

Er wollte mich provozieren. Klar. Der Gäone galt als hochintelligent, geschickt und gefährlich.

Er war mir anvertraut worden. Weil ich den Ruf als einer der besten Sicherheitsleute an Bord der RAS TSCHUBAI hatte. Zu Recht.

»Geh weiter!«, befahl ich ihm und deutete auf das kleine, flackernde Lichtpünktchen, das uns den Weg durch die RAS TSCHUBAI zu Gi Barrs Quartier wies.

»Erst, wenn ich endlich weiß, dass meine Rüstung sicher in diesem Schiff angelangt ist.«

»Du wirst dich auf mein Wort verlassen müssen.«

Der Gäone verschränkte die Arme vor der Brust, ganz so, wie es Terraner taten, wenn sie auf stur schalteten. »Ich muss wissen, ob es Yester gut geht.«

»Selbstverständlich geht es ihm gut. Jetzt mach endlich weiter!«

Zögernd setzte mein Gefangener seinen Weg fort. Ich folgte ihm, wiederum in der optimalen Distanz. Ich hatte mich ausgiebig mit Gi Barr beschäftigt und wusste so gut wie alles über ihn.

Yester war jene Neurotronik, die ihn mit der Rüstung verband. Dieser Anzug galt als Nonplusultra gäonischer Technik. Unsere Fachleute analysierten derzeit seine Möglichkeiten, aber der höherdimensional-positronische Rechnerkern der Neurotronik war nicht leicht zu knacken. Zumal Rhodan die Damen und Herren Wissenschaftler angewiesen hatte, so vorsichtig wie möglich vorzugehen. Er wollte Gi Barr als Verbündeten gewinnen und ihm keinen Anlass zum Misstrauen geben. Ein zerstörter Yester würde ein Abkommen zwischen dem Alten und den Gäonen unmöglich machen.

»Du musst verstehen ...« Wiederum zögerte Gi Barr und blieb stehen.

»Yester ist wichtig für dich, klar. Du fühlst dich mit ihm verbunden. Die positronischen Funkrezeptoren in deinem Kopf sprechen womöglich auf Yesters Nähe an. Aber ...«

Er bewegte sich schnell. Schneller als erwartet. Und er erwischte mich. Dort, wo es besonders wehtat. Er verpasste mir einen Tritt in den Schritt, mit solcher Wucht geführt, dass ich zusammenklappte.

Ich stieß Luft aus und schob den Schmerz so gut es ging beiseite. Mit den Händen schnappte ich nach ihm, halb blind vom Tränensekret, das meine Augen füllte.

Mit dem zweiten Griff erwischte ich ihn am Bein und zog Gi Barr abrupt zu mir her. Er fiel nieder, ächzte und trat im Liegen mit dem zweiten Bein zu. Nach meiner Hand. Sie wurde taub, von einem Augenblick zum nächsten. Die Finger öffneten sich gegen meinen Willen, als er sich freistrampelte.

Mein Gegner entschlüpfte mir und eilte davon. Seine Schritte verhallten im Gang, den wir uns entlangbewegt hatten.

Weiter. Nicht nachdenken. Hochrappeln. Einzig meine Aufgabe und meine Pflichten waren wichtig. Gi Barr durfte unter keinen Umständen entkommen.

Ich wischte die Tränen aus den Augen und sah mich um.

Der Gang war leer.

»ANANSI?«, rief ich ins Nichts. »Wo ist Gi Barr hingelaufen?«

»Zurück zur Landebucht der BETTY TOUFRY«, antwortete die Semitronik mit ihrer Jungmädchenstimme. »Ich habe zwei TARAS auf ihn angesetzt, ein lokaler Alarm ist ausgelöst.«

»Siehst du ihn?«

»Selbstverständlich. Meine Augen und Ohren sind überall.«

Ich dachte nicht länger über diese Bemerkung nach, die mir unter anderen Umständen Kopfschmerzen bereitet hätte. An diesem Ort und in diesem Moment ging es um einen gefährlichen Elitesoldaten der Gäonen, den ich so rasch wie möglich wieder einfangen musste.

Ich setzte mich in Bewegung und folgte Gi Barr auf seinem Weg zurück zur Hangarbucht der BETTY TOUFRY. Sein Ziel war klar: Er würde nach seiner Rüstung suchen und sich anschließend in den Eingeweiden der RAS TSCHUBAI verbergen, um bei der nächstbesten Gelegenheit die Flucht aus dem Schiff zu wagen.

Gi Barr würde es nicht schaffen. Neben einem Ortungsimpulsträger trug er einen Mikro-Injektor unter seiner Haut. Ein blasenähnliches Gebilde, das auf einen Funkbefehl hin betäubende Giftstoffe durch seinen Körper jagen würde. Noch war ich nicht bereit, zu diesem Mittel zu greifen. Es war eine Sache der Ehre und des Stolzes, dass ich den Gäonen persönlich stellte.

Ein weiteres Pünktchen tauchte vor mir auf. Der kleine Licht-Wegweiser ließ mich Gi Barrs Spur schnell und effektiv verfolgen. ANANSI wies mir eine Abkürzung durch das Wegelabyrinth der RAS TSCHUBAI. Das Rot des Pünktchens wurde dunkler und markanter. Ich holte auf. Kein Wunder: Ich war auf diesem Schiff zu Hause und kannte es so gut wie kaum ein anderer.

»Es ist mir unerklärlich, aber ...«

»Sag schon, ANANSI!« Die Stimme der Semitronik folgte mir auf meinem Weg.

»Gi Barr hat einen der TARAS vernichtet, der zweite ist beschädigt. Und er hat einen Teil der Spionsonden sowie meiner stationären Helfershelfer ausgeschaltet.«

Ich nahm die neuen Informationen hin. Ärgern konnte ich mich später. »Wie weit bin ich hinter ihm?«

»Fünfzig bis siebzig Meter, Odin. Er nähert sich vermutlich der transportablen Schutzkammer.«

Wie ich's erwartet hatte: Gi Barr jagte seiner Rüstung hinterher.

Fünfzig Meter hörte sich nach nicht sonderlich viel an. Doch angesichts der verwinkelten Wege in diesem Bereich der RAS TSCHUBAI genoss er einen Vorsprung von mehr als einer halben Minute. Immer noch.

»Weg da!«, rief ich, als drei Terraner aus einem seitlich einmündenden Gang kamen und mir gemütlich entgegenschlenderten. Ich wedelte mit den Händen, um sie zu verscheuchen – und erreichte damit das genaue Gegenteil. Diese Narren nahmen das Alarmblinken an den Seitenwänden des Ganges nicht ernst – und reagierten zudem erschreckend langsam.

Terraner ...

Ich rammte zwei von ihnen mit den Schultern beiseite und stieß den dritten mit der Rechten gegen eine Seitenwand. Ich konnte und durfte keine Rücksicht auf diese Dummköpfe nehmen. Einem Epsaler in vollem Lauf wich man gefälligst aus. Das sollten diese drei Traumtänzer eigentlich wissen.

»Er hat die transportable Schutzkammer vermutlich erreicht«, sagte ANANSI unaufgeregt.

Vermutlich ... Ich hasste derartige Beliebigkeiten.

Wie war es Gi Barr bloß gelungen, uns zu übertölpeln? Und, noch schlimmer: Warum hatte ich ihn derart unterschätzt?

Links den Gang hinein, vorbei an einer Nische mit mehreren Suspensions-Alkoven, rechts in einen der konzentrischen Hauptgänge, gleich wieder nach links abbiegen ...

Ein metallisches Kreischen ertönte. Dann ein Sirren, das ich unweigerlich mit einem aktivierten Vibromesser verband.

Ich bog um die Ecke, vom Pünktchen gelenkt, das immer stärker flackerte, je näher ich Gi Barr kam – und stand unmittelbar vor der transportablen Schutzkammer. Der terkonitverstärkte Aufbau trug Gi Barrs Rüstung in sich. Er bewegte sich auf Prallfeldern vorwärts und sollte abseits von seiner und meiner Route in ein gesichertes Lager der RAS TSCHUBAI gebracht werden.

Die Schutzkammer hatte Schlagseite, das Prallfeld war desaktiviert worden.

Der Gäone stand unmittelbar neben der glockenförmigen Kammer. Er wandte mir den Kopf zu – und lächelte, bevor er sich den Helm seiner Rüstung aufsetzte. Gleich würde er mit dem verflixten Ding verbunden sein – und dann hatten wir ein Problem am Hals.

Ich nahm Schwung und warf mich auf Gi Barr, stieß ihn zu Boden und drosch mit aller Kraft auf die Rüstung ein, fuhr mit der Rechten ins Innere des noch nicht adhäsionsgeschlossenen Brustteils, zog und zerrte, um die Funktionstüchtigkeit irgendwie zu beeinflussen.

Ich hörte Gi Barr ächzen. Erstmals meinte ich, in seinen Abwehrbewegungen so etwas wie ein Zögern zu bemerken. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich mich so zügig von seinem Tritt erholen und ihm folgen würde.

Ich überraschte ihn gewiss mit meinen Körperkräften. Wir Epsaler sehen zwar martialisch aus und wirken furchteinflößend auf die Vertreter der kleinen Völker – aber dennoch unterschätzen sie uns. Immer wieder. Terraner, Tefroder oder Arkoniden haben keine Ahnung, was in uns steckt.

Ich prügelte auf Gi Barr und seine Rüstung ein, ich zog und zerrte, ich riss und drückte. Ich fühlte wachsenden Widerstand. Der Anzug des Gäonen ... verhärtete. Ich war mir sicher, ihn beschädigt zu haben. Genügte das, um Gi Barr außer Gefecht zu setzen?

Ich sah den Widerschein einiger Lichter im Inneren seines Helms, das Visier dunkelte ab. Der Anzug glitt in den Aktivmodus.

Frock.

Hatte Gi Barr eben noch unter mir auf dem Boden des Ganges gelegen, so hob ihn die Rüstung nun auf die Beine, sodass wir uns gegenüberstanden und ich wie ein Ringer Halt zu finden versuchte. Die Versuche des Gäonen, mich abzuwehren, wirkten lächerlich. Ich war zu breit gebaut für seine Armspanne.

Nach wie vor bemühte ich mich, mit der Rechten tiefer ins Innere des Anzugs zu gelangen und so viele Funktionen wie möglich lahmzulegen. Längst vergessen war Rhodans Anordnung, pfleglich mit der Rüstung umzugehen. Und schon gar nicht würde ich mich um die physische Gesundheit dieses Kerls scheren. Er war ein Feind. Er hatte mich reingelegt, mir Schmerzen bereitet ...

Meine Hand fühlte sich schlagartig warm an. Heiß. Sie wurde gegrillt. Mein Körper erzitterte, und ich wollte nur noch, dass dieses schreckliche Gefühl nachließ.

Taubheit machte sich in meinem Arm breit. Ich war gezwungen, Gi Barr und seinen Anzug loszulassen.

Dann gaben meine Beine nach, ich stürzte zu Boden und verlor das Bewusstsein.

 

*

 

Ich konnte bloß Minuten weg gewesen sein. Als ich mich wieder auf die Beine rappelte, waren noch keine Bergeroboter eingetroffen, auch keine Hilfskräfte der Bordsicherheit.

ANANSI hatte den kleinen Alarm zu einem großen werden lassen. An den Seitenwänden blinkten Leuchtstreifen, das Aufjaulen einiger Sirenen war zu hören.

Die Niederlage beiseiteschieben. Nachdenken. Kühl analysieren und die notwendigen Schritte tun.

Das hatte meine Ausbildnerin Caro Claudrine stets von mir verlangt.

»Stolz und Selbstbewusstsein sind in der epsalischen Kultur viel zu tief verankert«, erinnerte ich mich ihrer Worte. »Zugegeben: Sie haben uns groß gemacht. Aber sie schaden uns auch, immer wieder. Also vergiss niemals die zweite Seite dieses Nochurna-Paradigmas: die Bescheidenheit. Schieb dein Ego beiseite und überleg, was ein Mitglied der kleinen Völker an deiner Stelle tun würde.«

So war es. Ich musste den Weg des Schwächlings gehen. Ich musste den Mikro-Injektor aktivieren und Gi Barr in die Bewusstlosigkeit schicken.

Ich zog das Steuergerät aus der Tasche. Ich konnte den Gäonen orten. Die Angaben waren nicht sonderlich präzise, Störimpulse überlagerten die Ergebnisse. Womöglich war Gi Barrs Rüstung bereits damit beschäftigt, den Ortungsimpulsgeber zu neutralisieren.

Gi Barr bewegte sich entlang der Außenhülle der RAS TSCHUBAI. Er war auf der Suche nach einer kleineren Schiffseinheit, die er kapern konnte.

Ich aktivierte den Mikro-Injektor und sorgte dafür, dass der Gäone ins Land der Träume geschickt wurde. Die Jagd war zu Ende.

Aber warum bewegte er sich dann? Warum zeigte mir der Impulsgeber, dass er den Ringwulst entlanglief? Doppelt: Frock!!!

 

*

 

Ich jagte Gi Barr hinterher und dachte nicht mehr an Claudrines Worte. Dieses Wesen hatte mich mehrfach gedemütigt, überlistet, besiegt. Ich fand keine Worte für den Zorn, den ich dem Gäonen gegenüber empfand.

Würde er mit der Steuerung einer Raumlinse oder eines Jägers zurechtkommen? Was war ihm alles zuzutrauen?

Ich hatte vermutet, dass Gi Barr impulsiv und nur wenig vorbereitet einen Fluchtversuch gewagt hatte. Dass es ihm gelungen war, den Mikro-Injektor zu neutralisieren, sprach allerdings dafür, dass er jeden einzelnen Schritt genau geplant hatte.

»Alle Kleinstraumschiffe an Bord sind gesichert und mit Schutzschirmen umgeben«, meldete ANANSI. »Die Bordsicherheit hat ihre Leute im Zielgebiet zusammengezogen, eine weitere Hundertschaft Infanteristen ist auf Abruf bereit.«

»Der Mann ist gefährlich«, sagte ich, ohne meinen Lauf zu unterbrechen. »Wir nehmen keinerlei Rücksicht beim Zugriff. Bestätigen, ANANSI.«

»Mit einer solchen Anweisung überschreitest du deine Befugnisse, Odin.«

»Ich bin für Gi Barr verantwortlich. Ich entscheide, was richtig oder falsch ist.«

Ich war mir sicher, dass die Schiffsführung längst Bescheid wusste und von ANANSI über die Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten wurde. Doch ich wollte mich nicht irgendwelchen Kompetenzstreitigkeiten ausliefern. Nicht in dieser Lage. Cascard Holonder war der beste Kommandant, den man sich nur vorstellen konnte. Doch er kannte die spezielle Situation nicht und wusste Gi Barr daher nicht richtig einzuschätzen. Ich allein erkannte die Gefährlichkeit des Gäonen und ...

»Er ist weg«, sagte ANANSI leise.

»Wie bitte?« Ich bremste ab, schlitterte den Gang entlang und wäre beinahe gegen eine Wand gekracht, als ich begriff, was mir die Semitronik sagen wollte.

»Gi Barr ist die Flucht gelungen. Er hat die RAS TSCHUBAI verlassen. Ich habe keinerlei Zugriff mehr auf ihn.«

»Das ist nicht möglich!« Ich schlug gegen die Seitenverschalung, das Material beulte sich ein. »Schließ die Schutzschirme und hol ihn gefälligst zurück. Du musst doch etwas unternehmen können!«

»Leider nein«, entgegnete ANANSI mit ihrer kindlichen Stimme. »Gi Barr hat ganz genau gewusst, was er tat. Er ist entkommen.«

2.

Gi Barr

Wie man flüchtet

 

Tagelange Vorbereitung. Die Gabe zur Improvisation. Reaktionsschnelligkeit. Und vor allem: das Warten auf den richtigen Augenblick.

Gi Barr galt nicht umsonst als einer der bedeutendsten Männer in der Leibwache des Gondus. Seit seiner Gefangennahme hatte er die Terraner studiert, ihre Psyche ausgelotet und ihr Verhalten immer wieder aufs Neue eingeschätzt.

Er beschleunigte und suchte die gedankliche Verbindung mit Yester. Wie gut es tat, wieder mit der Neurotronik verbunden zu sein! Ihre Impulse zu spüren, an ihren denkrechnerischen Gedanken teilhaben zu können ...

Gi Barr musste lachen. Odin Goya war ihm in körperlicher Hinsicht überlegen und umgab sich mit technischen Gimmicks, die eine Flucht unmöglich erscheinen ließen.

Gi Barr hatte Odin studiert. Hatte auf jeden Schritt, jede Bewegung, jede Verhaltensauffälligkeit geachtet. Er hatte Schwächen gefunden. Die Eitelkeit zum Beispiel. Oder eine Selbstüberschätzung, die in den überlegenen Körperkräften des Epsalers begründet lag.

Deshalb hatte sich Odin damit begnügt, eine Borduniform und keinen Einsatzanzug zu tragen, während er ihn von der Landebucht der BETTY TOUFRY ins Innere der RAS TSCHUBAI geführt hatte. Ihn während der Flucht mithilfe seines Paralysators zu betäuben, hatte Odin Goya nicht einmal in Erwägung gezogen.

Und dann diese kleinen Hinweise, die ihm sein Wächter immer wieder gegeben hatte ...

Auf die Frage, wo sich die Rüstung befinde, hatte sich Odin ruhig gegeben – und hatte dennoch mit den Augen kurz in eine bestimmte Richtung gezuckt. Gi Barr kannte den Aufbau der RAS TSCHUBAI mittlerweile so gut wie ein Bordmitglied und wusste, welche Gänge für einen Transport der Rüstung infrage kamen.

»Analyse!«, sagte Gi Barr laut. »Wer wird mich verfolgen? Wie groß sind meine Chancen zu entkommen?«

»Ich erwarte eine Gruppe nicht größer als fünf Mann. Angesichts der besonderen Umstände werden die Terraner keinen größeren Aufwand betreiben. Deine Chancen zu entkommen liegen bei etwa zwölf Prozent, Tendenz steigend«, antwortete Yester.

Zwölf Prozent. Ein vergleichsweise guter Wert also, der sich im Laufe der nächsten Stunden weiter verbessern würde, dessen war Gi Barr sich sicher. Denn Yester bezog bloß die Fakten in sein Rechenmodell ein, ohne auf subjektive Faktoren wie Selbstsicherheit, Schläue oder die Psychologie im Kampf gegen einen Feind Rücksicht zu nehmen.

Er fühlte, wie etwas über seinen Nacken kroch. Das Gefühl war unangenehm. Doch vieles im Leben war unangenehm und dennoch notwendig.

Ein Medohelfer machte sich an die Arbeit, um jene Wunde zu vernähen, die er sich selbst zugefügt hatte, als er diese langweilige, kleine Injektionssonde aus dem Fleisch riss. Sie hatte wie erhofft keine Selbstschutzroutinen gehabt und wehrte sich nicht dagegen, als er sie entfernte.

»Hast du das Mittel analysiert, das sie mir spritzen wollten, Yester?«

»Ich bin an der Arbeit. Allem Anschein nach solltest du über Fernzündung außer Gefecht gesetzt werden.«

»Ist das Mittel letal?«

»Negativ. Es handelt sich um ein rasch wirksames Betäubungsmittel.«