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WENN LIEBE BLIND MACHT
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Elfriede Istrefi
Im Alkohol ertrank die Liebe
Roman mit biografischen Zügen
DeBehr
Copyright by Elfriede Istrefi
Herausgeber: Verlag DeBehr, Radeberg
Erstauflage: 2016
ISBN: 9783957532923
Grafik Copyright by Fotolia by Alen-D
„Du siehst so gut aus, du bist nicht zu groß bei 1,63 Meter, bist etwas füllig, besonders oben, was die Männer lieben, und hast wunderschöne mittellange, schwarze Haare, Eva. Wo bitteschön liegt das Problem, einen Partner zu finden?“
„Ach, Toni, ich habe einfach nur Angst, mich wieder zu verlieben, was früher oder später doch wieder scheitert und mit Liebeskummer behaftet ist.“
„Wenn du so denkst, meine liebste Freundin, dann bleibt dir nur noch das Kloster.“ Eva lachte laut auf: „Was Besseres kannst du mir nicht anbieten? Dann bleibe ich doch lieber in der Männerwelt.“
Toni, die 1,78 Meter groß und mit 40 Jahren wieder Single war, streifte ihre langen gelockten, roten Haare mit der linken Hand nach hinten, zog ihren weißen Mantel an, legte sich ihren gelben Schal um und verabschiedete sich von Eva. Sie musste wieder in ihr Nagelstudio, das sie seit drei Jahren besaß und welches ganz gut lief.
Eva, wieder allein und nachdenklich, überlegte: Soll ich mich wirklich noch mal auf eine Liebe einlassen? Ich bin mit 39 Jahren Witwe geworden und mit meinen 43 Jahren seit vier Jahren Single und eigentlich ganz zufrieden, trotzdem fehlt irgendetwas. „Also doch nicht sooo glücklich?“, fragte sie sich. Sie gab sich selbst die Antwort und sagte laut zu sich: „Nein, bin ich nicht, ich rede mir das nur ein. Mein Töchterchen und mein Mann fehlen mir schon sehr und das wird auch mein Leben lang so bleiben.“ Sie machte sich eine Tasse Pfefferminztee, rauchte genüsslich eine Zigarette und blätterte in ihrer Lieblingsfrauenzeitschrift. Sie stolperte über einen Bericht über den Kindstod, den sie aber nicht las. Dabei kamen ihre Erinnerungen wieder hoch, auch ihre kleine Tochter starb im Alter von neun Monaten am Kindstod. Als Eva morgens ins Kinderzimmer ging, um zu gucken, ob ihr Töchterchen schon wach war, ging sie wieder raus, um das Fläschchen zu holen, wunderte sich aber, dass ihr Töchterchen noch fest schlief, ging wieder rein und guckte ins Bettchen. Sie sah, dass ihr Kind ganz blass war und nicht mehr atmete. Sie nahm ihre Tochter auf den Arm, spürte aber, dass jegliche Körperwärme fehlte und erkannte, dass ihr kleines Töchterchen tot war … Eva schrie sofort nach ihrem Mann, der gleich kam und sah, was geschehen war. Als Marlon begriff, dass sein Töchterchen wirklich tot war, kniete er auf dem Boden, hielt sich beide Hände vor das Gesicht und fing an zu schreien: „Nein, nicht, lieber Gott, nein, nicht, lieber Gott, das kann nicht sein, das kannst du uns nicht antun!“
Eva und ihr Mann Marlon hatten sich nie wieder von diesem schrecklichen Schicksalsschlag erholt. Zwei Jahre später ist Marlon mit 45 Jahren an einem Herzinfarkt in seinem Büro gestorben. Als Eva schon sehr lange zu Hause auf ihren Mann gewartet hatte, entschloss sie sich, ins Büro zu fahren, um zu gucken, ob ihr Mann überhaupt in seinem Büro war. Doch sie machte eine furchtbare Entdeckung. Als sie das Büro betrat, lag ihr Mann Marlon tot auf dem Boden.
Eva legte die Zeitung beiseite und weinte sich auf der roten Couch in den Schlaf, zu weh taten die Erinnerungen. Als das Telefon schellte, wurde Eva wach und ging schlaftrunken in der rot gestrichenen Diele zum Telefon, nahm den Hörer ab und meldete sich mit „Hallo?“
„Ja, hallo, hier ist Mark, ich wollte dich heute Abend in meine Kneipe einladen, hast du Lust?“
„Nein, habe ich nicht, sei mir bitte nicht böse, aber danke, Mark.“
„Ach komm, Eva, lass dich nicht so gehen und komm mit“, bettelte Mark. „Ich habe wirklich keine Lust, außerdem weißt du, was ich von Männern halte, die zu viel Alkohol trinken, nämlich gar nichts. Ich wünsche dir aber trotzdem einen schönen Abend.“ Dann legte Eva auf. Können die Männer sich nur in der Kneipe amüsieren, dachte Eva, warum nicht mal abends am Rhein spazieren gehen? Da kann man sich doch auch was mitnehmen und sich irgendwo hinsetzen und was trinken, warum immer in die verqualmten Kneipen? Aber Männer lieben es nun mal, wenn sie an der Theke stehen und ihr Bier trinken. Es ist ja nicht so, dass ich gar nicht in die kleine Kneipe gehe, aber immer? Gerade hatte Eva den Telefonhörer aufgelegt, klingelte das Telefon schon wieder. Eva nahm den Hörer ab und hörte Toni in den Telefonhörer laut reinrufen: „Hallo Eva, ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, mit mir ins Kino zu gehen?“
„Eigentlich schon, aber ich bin mal wieder ziemlich deprimiert, ich habe heute einen Bericht über den Kindstod in der Frauenzeitschrift gesehen, zwar nicht gelesen, aber es kam alles wieder hoch.“
„Aber dann ist es doch gut, wenn du mit mir ins Kino gehst, dann kommst du wenigstens auf andere Gedanken, oder nicht?“
„Ich überlege mir das noch, ich rufe dich in zehn Minuten an, ob ja oder nein.“ Eva rief Toni nach fünfzehn Minuten an und sagte: „Also gut, Toni, kommst du mich mit dem Auto abholen oder treffen wir uns am Kino?“
„Natürlich“, rief Toni voller Freude in den Telefonhörer, „komme ich dich abholen.“
Als Toni kam, staunte Eva nicht schlecht, so gut sah Toni in ihrem langen schwarzen Rock, ihrem engen schwarzen, tief ausgeschnittenen Top und einer gelben Lederjacke, die sie darüber trug, aus. Eva dachte etwas neidisch, die langen roten Haare sind das i-Tüpfelchen zu ihrem Outfit. „Wenn du dich so fein gemacht hast, muss ich mich ja auch noch umziehen. In der Jeanshose und dem T-Shirt gehe ich bestimmt nicht mit dir mit, ich sehe ja wie eine graue Maus neben dir aus und das möchte ich auf gar keinen Fall.“ Eva ging schnell nach oben und zog sich um, in der Zeit rauchte Toni eine Zigarette. Und dann kam Eva in einem langen hellblauen Rock mit Rüschen und Golddruck und dem passenden Oberteil die Treppe runter. Toni guckte zu ihr rauf. „So wie du aussiehst, Eva, stiehlst du mir aber heute Abend die Show“, scherzte sie. „Man soll eben nicht sehen, dass ich schon 43 Jahre alt bin“, scherzte Eva.
Am Kino angekommen fragten sie sich: „Welchen Film sollen wir uns denn ansehen?“ Toni riet zu dem Film „Bis zur bitteren Neige“, das sei ein etwas sadistischer Erotikfilm. „Oh, darauf stehe ich“, gestand Eva und lachte. Nach dem Film unterhielten sie sich: „Na, wie fandest du den Film?“
„Den Film als solches fand ich nicht schlecht, wobei ich sagen muss, dass ich beim Sex nicht auf Auspeitschen stehe.“ Toni musste lachen und fragte: „Wirklich nicht?“
„Komm, wir gehen irgendwo noch etwas trinken.“
„Nein, Eva, ich möchte nach Hause.“
„Ach komm, Toni, lass dich nicht so hängen, ich gebe dir auch einen aus.“
„Darum geht es doch gar nicht, ich habe einfach keine Lust, in irgendeiner verqualmten Kneipe rumzuhängen, ich möchte einfach nur nach Hause.“ Eva guckte Toni lächelnd an und Toni gab nach. „Aber dann gehen wir in die „Kleine Kneipe“ neben mir, dann kann ich nach Hause gehen, wenn ich keine Lust mehr habe.“ Eva war einverstanden. Der Wirt, der Dieter hieß, ein kleiner Mann mit dickem Bierbauch und einer Halbglatze, fragte: „Was möchtet ihr beiden Hübschen denn trinken?“
„Zwei Pils bitte und einen sauberen Aschenbecher“, bestellte Toni und zündete sich sofort eine Zigarette an. Toni war gereizt, weil sie nicht wusste, was sie in der Kneipe sollte. Sie dachte, ich blöde Kuh gehe gegen meinen Willen mit Eva in die „Kleine Kneipe“ und jetzt sitze ich hier gelangweilt rum. Etwas weiter an der Theke saß eine junge Frau, ganz allein. Nicht gerade hübsch, sie hatte kurze feuerrote Haare und war kein bisschen geschminkt, was zu ihrem blassen Teint besser ausgesehen hätte, zumindest etwas Wimperntusche auf ihre blonden Wimpern; sie war ca. 1,80 Meter groß und dürr. Plötzlich sagte Toni nach einiger Zeit zu Eva: „Die Frau tut mir richtig leid, das muss doch ziemlich blöd sein, so alleine an der Theke zu sitzen.“
„Wenn sie dir sooo leidtut, dann frag sie doch, ob sie sich mit uns unterhalten möchte, aber das traust du dich ja sowieso nicht.“ Eva lachte, als sie das sagte. „Ich frag sie jetzt einfach.“ Toni ging auf die fremde Frau zu und sagte: „Hey, ich heiße Toni“, und sie reichte der fremden Frau ihre Hand, voller Freude reichte die fremde Frau auch Toni ihre Hand und sagte: „Ich heiße Emma.“
„Ich wollte dich fragen, ob du dich vielleicht zu uns setzen möchtest, bevor du hier an der Theke so alleine rumhängst?“
„Das mache ich gerne.“ Emma nahm ihr Glas Apfelschorle und ihre Handtasche, dann gingen sie zu Eva. Emma reichte Eva ihre Hand und sagte: „Ich heiße Emma.“
„Und ich Eva.“
„Wo wohnst du?“, fragte Eva. „Ein paar Häuser weiter, genauer gesagt Hausnummer 45a“, antwortete Emma. „Und ich wohne 23b“, plapperte Eva drauf los. „Toni wohnt ein paar Straßen weiter, wo es ruhiger ist, nicht wahr, Toni? Aber so ist das nun mal, wenn man selbstständig ist, dann kann man sich eine bessere Wohnung leisten, die etwas ruhiger liegt. Ich, als kleine Friseuse, kann da nicht mithalten, wenn ich nicht das Trinkgeld kriegen würde.“ Toni ärgerte sich maßlos über Evas Aussage, hielt aber den Mund, um die Stimmung an dem Abend nicht kaputtzumachen. „Was machst du denn so?“, fragte Eva die Emma. „Ich bin geschieden, habe eine zwölfjährige Tochter, die Claudin heißt, und bin seit einer Woche arbeitslos. Ich bin Altenpflegehelferin. Ich hatte einen Zeitvertrag für ein Jahr. Als das Jahr um war und ich das Haus und die Bewohner richtig kennengelernt hatte, ‚durfte‘ ich gehen.“
„Und warum bist du geschieden?“, fragte Eva. „Ich glaube nicht, dass das ein Thema für die Theke ist, wo alle lange Ohren kriegen, wenn Frauen über Männer schimpfen. Aber wenn ihr wollt, könnt ihr mich ja mal besuchen kommen, dann werde ich euch erzählen, warum ich geschieden bin.“ Toni musste grinsen und dachte, die ist aber gut drauf und schlau. Eva dagegen bekam einen knallroten Kopf, als sie merkte, dass ihre Frage wohl zu persönlich war und sie entschuldigte sich bei Emma. Eva ärgerte sich über sich selbst und dachte: Warum musst du auch immer so direkt sein? Aber so bin ich nun mal, leider. Es war mittlerweile 1 Uhr und Eva war nicht mehr ganz nüchtern, weil sie mehrere Körnchen zum Bier trank. Toni dagegen trank nur ihr Bier und Emma ihre Apfelschorle. „Ich werde jetzt bezahlen und dann gehe ich nach Hause“, sagte Toni. Ich muss morgen früh raus, auch wenn Sonntag ist. Ich habe noch einige Kundinnen außer Haus, so schön ist das, wenn man ‚selbstständig‘ ist, um etwas mehr Geld reinzukriegen für die laufenden Kosten, die man als Selbstständige hat.“ Eva verstand schon, dass die Anspielung ihr galt, aber sie ignorierte sie. Emma und Eva zahlten auch, draußen gab Emma den beiden noch ihre Telefonnummer und sagte: „Es wäre schön, wenn ihr mich besuchen kommt, ich backe auch einen Kuchen.“ Dann verabschiedeten sie sich und gingen nach Hause.
Als Emma zu Hause war, schlief ihre Mutter Marie schon, die eine Woche bei ihr Urlaub machte und an diesem Abend auf Claudin aufpasste. Emma ging auch sofort ins Bett.
Am nächsten Tag, als Eva gegen Mittag wach wurde, hatte sie einen dicken Kopf. Sie dachte, Gott sei Dank, dass Sonntag ist. Sie trank zwei Tassen schwarzen Tee, aß ein halbes Brötchen mit Käse und legte sich wieder ins Bett. Aber sie konnte nicht mehr einschlafen, stand nach einer Stunde wieder auf und ging duschen. Nach der Dusche ging es ihr schon etwas besser, aber sie dachte so für sich: Nie wieder Alkohol! Als Emma aufstand, waren ihre Mutter Marie und ihre Tochter Claudin schon auf und frühstückten, Emma erzählte gleich am Tisch: „Ich habe zwei Frauen kennengelernt, eine Eva und eine Toni.“
„Und wie findest du die beiden?“
„Tja, Mama, bei Eva weiß ich noch nicht so genau, sie ist etwas vorlaut und redet drauflos, ohne viel zu überlegen. Zum Beispiel hat sie ihre Freundin Toni fast beleidigt, weil sie ihr indirekt vorgeworfen hat, dass sie in einer besseren Wohngegend wohnt. Das heißt, die Gegend, wo Toni wohnt, ist viel ruhiger als hier in unserer Straße, aber dadurch natürlich auch teurer. Und Eva meinte noch, das kann sie sich nur leisten, weil sie ja selbstständig ist. Toni war ganz schön sauer auf Eva, das habe ich ihr angesehen, sie sagte aber nichts, wahrscheinlich, um uns den Abend nicht zu verderben, so taktvoll schätze ich die Toni ein. Toni ist zurückhaltender mit ihren Äußerungen, sie hört eher zu und lässt andere reden. Aber wenn sie was sagt, dann hat das Hand und Fuß. Mal sehen, wie sich das zwischen uns entwickeln wird, vielleicht werden wir ja noch gute Freundinnen. Zum Kaffee habe ich sie auf jeden Fall schon mal eingeladen. Sie rufen mich an, wenn sie vorbeikommen wollen.“
„So, meine liebe Mama und meine liebe Oma, ich bin dann mal weg.“
„Gut, Claudin, dann wünschen wir dir und deiner Freundin Cyunthia viel Spaß im Kino.“ Den Nachmittag hatte Emma allein mit ihrer Mutter Marie, sie gingen beide ganz in ihrer Nähe in die Eisdiele ein Eis essen. „Hast du schon mit deinem Rechtsanwalt gesprochen, welche Strafe dein Mann bekommt, für das, was er Claudin und dir angetan hat? Immerhin hat er dich ja auch mehrfach geschlagen.“
„Das kann mir mein schöner Rechtsanwalt auch nicht sagen, das kommt auf den Richter an.“
„Hoffentlich bekommt er seine gerechte Strafe, Emma.“
„Ja, dafür bete ich jeden Abend zum lieben Gott.“
„Wie kann man als erwachsener Mann einem Kind von elf Jahren so etwas Grausames antun? Ich kann das nicht begreifen.“
„Reg dich nicht so auf, Mama, er wird schon seine gerechte Strafe bekommen.“
„Ich weiß nicht, ob ich Eva und Toni, wenn sie mich besuchen kommen, erzählen soll, dass Claudins Vater sie sexuell missbraucht hat“, teilte Emma ihrer Mutter ziemlich verunsichert mit. „Wie kommst du denn darauf, dass du den beiden das erzählen sollst?“
„Na ja, als wir uns an dem Abend bei Dieter in der Kneipe kennenlernten, fragte Eva mich, warum ich geschieden bin. Darauf sagte ich, das erzähle ich euch, wenn ihr mich besuchen kommt.“
„Inwieweit du gleich dein Privatleben fremden Menschen anvertrauen möchtest, ist deine Entscheidung, Emma. Aber überlege es dir gut. Nicht, dass das nachher, wenn ihr Streit habt, in der Nachbarschaft rumgetratscht wird, und dann bist du die Blamierte.“
„Du hast vollkommen recht, Mama, ich werde es den beiden nicht erzählen, noch nicht.“ Es war mittlerweile 18 Uhr und Emma sagte zu ihrer Mutter Marie: „Komm, wir gehen nach Hause. Claudin kommt bald aus dem Kino und dann möchte ich auch zu Hause sein.“
„Gut, dann gehen wir und machen uns noch ein leckeres Abendbrot mit Rührei, Toast und einem Tomatensalat.“
„Jawohl, Mama, das machen wir“, antwortete Emma freudestrahlend. Emma fühlte sich in der Nähe ihrer Mutter immer sehr wohl und geborgen. Kurz danach, als Emma und ihre Mutter zu Hause waren, kam auch Claudin und sie aßen alle zusammen Abendbrot. „Hast du noch Lust, mit ins uns ‚Mensch ärgere dich nicht‘ zu spielen, Claudin?“
„Nein, Oma, sei mir bitte nicht böse, aber ich gehe lieber auf mein Zimmer und höre Musik.“
„Deine Tochter wird auch immer selbstständiger, Emma, ich dagegen war mit elf Jahren noch ein richtiges Kind“, sagte Oma Marie. „Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir mit elf Jahren wirklich noch Kinder, ich habe in dem Alter noch an den Klapperstorch geglaubt. Mit zehn Jahren streuten wir abends immer Zucker oder Salz von draußen auf die Fensterbank. Wir erhofften uns dadurch ein Schwesterchen oder ein Brüderchen, weil unsere Mutter es uns so erzählte. Das heißt: Wenn man Salz auf die Fensterbank streut, bringt der Klapperstorch ein Brüderchen, und wenn man Zucker auf die Fensterbank streut, bringt der Klapperstorch ein Schwesterchen.“
„Und das habt ihr tatsächlich geglaubt?“, fragte Emma erstaunt.
„Ja, natürlich, jeden Morgen standen wir neugierig auf, liefen zum Fenster und guckten nach. Aber es lag nie ein Schwesterchen oder Brüderchen auf der Fensterbank, enttäuscht gingen wir dann wieder ins Bett. Heute muss man darüber lachen.“ Emma musste über die Geschichte auch lachen und sie nahm ihre Mutter in den Arm, als wenn sie sie trösten wollte.
Es kam das Wochenende, an dem Emmas Mutter wieder nach Hause fuhr. Oma Marie sagte noch: „Lass es dir gut gehen, meine liebe Tochter. Grübele nicht zu viel über deinen Alkoholiker nach, er wird schon seine gerechte Strafe bekommen.“ Emma und Claudin verabschiedeten sich von Oma Marie am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Als der Zug losfuhr, winkten Emma und Claudin ihrer lieben Oma zum Abschied. Sie wischten ihre Tränen weg, trösteten sich mit einem Eis und gingen noch etwas am Rhein spazieren.
Eva dachte darüber nach, Emma am Samstagabend zu besuchen und rief Toni an. Als das Telefon schellte, kam Toni gerade vom Einkaufen zur Türe rein. Sie setzte schnell die Tasche auf den Tisch, die runterfiel, und nahm den Hörer ab. Sofort rief Eva in den Hörer: „Hallo Toni, ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, mit mir am Samstagabend Emma zu besuchen?“
„Lust schon, aber weiß Emma schon von ihrem Glück, das wir sie überfallen wollen?“
„Nein, aber ich rufe sofort an und frage, ob sie damit einverstanden ist.“
„Mach das, Eva.“ Toni legte genervt den Hörer auf, setzte sich hin und atmete erst mal durch, weil der Einkauf so stressig war. „Hallo Emma, hier ist Eva, bist du damit einverstanden, wenn Toni und ich dich am Samstagabend besuchen kommen?“
„Auf jeden Fall, wann kommt ihr denn?“
„Ich schätze mal so gegen 20 Uhr.“
„Na super, Eva, bis dann, ich freue mich.“
„Hallo Toni, ich bin’s noch mal, Emma freut sich, wenn wir kommen, ich sagte, wir sind um 20 Uhr bei ihr, ich freue mich richtig, Emma zu besuchen.“
„Ich freue mich auch, Eva, bis Samstagabend.“ Eva wunderte sich, dass Toni sich so müde anhörte, aber die Freude, Emma zu besuchen, war größer als die Sorge um Toni.
Toni machte sich etwas Hühnersuppe heiß in der kleinen Küche, die sie in ihrem Nagelstudio hatte. Sie nahm einen Löffel aus der Schublade, setzte sich auf die Couch, löffelte die heiße Suppe und träumte von einer einsamen Insel, auf der sie ganz alleine Urlaub machte.
Eva schellte gegen 19 Uhr bei Toni, sie ging ans Haustelefon und fragte: „Wer …, wer ist da?“
„Huuuuu, hier ist dein böser Hausgeist, ich komme, um dich zu einer gewissen Emma zu entführen.“ Toni drückte die Türe auf und der böse Hausgeist Eva kam hoch. „Na, bist du schon fertig?“, fragte Eva ungeduldig. „Ich komme sofort.“ Als Toni die Wendeltreppe runterkam, saß Eva im Wohnzimmer im Sessel und rauchte genüsslich eine Zigarette. „Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass ich es nicht mag, wenn du bei mir im Wohnzimmer rauchst.“
„Ja, ja, ist ja schon gut, ich mach sie ja schon aus.“ Toni dachte so für sich, mal sehen, wie lange die Freundschaft mit Eva noch hält, immerhin besteht sie schon seit fünf Jahren. Aber manchmal geht sie mir schon gehörig auf die Nerven. Sie nahm ihren Wohnungsschlüssel aus der goldenen Schale, die auf einem antiken Sideboard in der Diele stand, dann verließen sie die Wohnung. Toni, immer noch ziemlich sauer, setzte sich neben Eva ins Auto und sie fuhren los. Punkt 20 Uhr kamen Eva und Toni bei Emma an. Es war ein Sechsfamilienhaus, jede Familie hatte einen großen Balkon nach hinten raus, wo es schön ruhig war, und einen schönen gepflegten Vorgarten. Emma freute sich riesig, als die beiden schellten, und sie machte schnell auf. Emma dachte: Wie lange habe ich schon keinen Besuch mehr gehabt? „Herzlich willkommen in meiner bescheidenen Hütte, kommt rein.“ Emma führte die beiden ins Wohnzimmer, was eher kühl eingerichtet war. Toni und Eva setzten sich auf die grüne Couch, wo ein grüner Marmortisch davorstand. Vor dem großen Fenster stand eine sehr große Palme, die mit einer Lichterkette geschmückt war, die Emma für den Besuch einschaltete. „Emma, das sieht aber toll aus mit der Lichterkette.“
„Ja, die Idee hatte Claudin.“
„Prima“, lobte Eva, „das muss ich bei mir auch machen.“
„Nicht wahr, Toni, sieht doch toll aus?“
„Ja, Eva, sieht toll aus.“ Toni musste wieder grinsen, zum einen, weil sie sich amüsierte, weil Eva sich dran hielt, zum anderen über ihre immer und immer wiederkehrende Unüberlegtheit und sie schüttelte den Kopf über Eva, aber so, dass es keiner sah. „Ich habe uns eine Waldmeisterbowle gemacht, mögt ihr die?“
„Aber ja, Emma, obwohl ich die Bowle noch nie getrunken habe“, gestand Eva. „Woher willst du denn dann wissen, ob sie dir schmeckt, Eva?“, fragte Toni. „Na ja, ähm, ich habe ja schon Bowle getrunken, äh, das war ja …, ja was denn noch mal, ja Pfirsichbowle, stimmt ja. Gib mir mal bitte einen Schluck zum Probieren, dann werde ich euch sagen, ob sie schmeckt oder nicht.“ Emma gab Eva einen Schluck in einem Bowleglas und Eva probierte. „Einfach köstlich, wunderbar, superlecker.“ Toni musste wieder lachen, nahm sich ein Glas und sagte: „Na dann trinke ich auch ein Glas Bowle.“ Emma brachte noch Schnittchen und einen Tomatensalat und stellte alles im Wohnzimmer auf den Tisch. „Jetzt machen wir uns einen richtig gemütlichen Abend“, sagte Emma und freute sich, dass sie mal wieder Besuch hatte. Nach drei Gläsern Bowle fragte Eva „endlich“ Emma, was ihr den ganzen Abend schon auf der Zunge brannte: „Warum bist du denn nun geschieden? Du wolltest es uns doch erzählen.“ Emma zögerte und erklärte: „Seid mir bitte nicht böse, aber ich habe mir das noch mal mit meiner Mutter überlegt und sie meinte auch, ich soll das nicht erzählen, weil ich euch noch nicht so gut kenne.“
„Ja, ja, immer dasselbe, erst gackern und dann keine Eier legen“, plauderte Eva laut heraus. „Bist du jetzt wohl still, Eva“, sagte Toni energisch. In dem Moment wurde Eva bewusst, was sie wieder Dummes sagte, und sie hielt sich die Hand vor den Mund. Als Toni das sah, sagte sie zu Eva: „Am besten wäre, du nimmst die Hand gar nicht mehr vom Mund.“ Aber das registrierte Eva schon gar nicht mehr richtig. Emma fing an zu stottern: „Es, es ist ja …, ja nicht so, dass ich …, ich euch das ja nicht erzählen will, es …, es ist nur so verdammt schwer für mich, mit fremden Frauen darüber zu reden, ihr seid nun mal eben noch fremd für mich. Ich habe Angst, wenn wir uns doch nicht verstehen sollten, dass ihr das irgendwann in der Nachbarschaft rumerzählt. Dass ich geschieden bin, wissen die Leute natürlich, aber nicht warum, das wäre mir zu peinlich.“
„Das verstehe ich gut, Emma.“
„Danke, Toni.“
„Aber ich würde es schon gerne wissen, du machst es ja auch wirklich richtig spannend“, forderte Eva weiter. „Wenn ihr mir hoch und heilig versprecht, dass ihr keinem, aber auch wirklich keinem was davon erzählt, dann erzähle ich es euch.“
„Wir schweigen wie ein Grab, versprochen.“
„Ich werde dir mal glauben, Eva.“
„Das kannst du, Emma.“
„Mein Ex-Mann ist ein schwerer Alkoholiker, er hat mich mehrmals krankenhausreif geschlagen. Meine Mutter, die in Berlin wohnt und auch nur eine kleine Rente bekommt, musste jedes Mal zu uns kommen, um auf Claudin aufzupassen, wenn ich wieder mal mit gebrochenen Rippen und aufgeplatzten Lippen im Krankenhaus lag. Außerdem musste ich ihm immer bei besoffenem Kopf sexuell gefügig sein. Wenn ich das nicht wollte, hat er mich vergewaltigt. Aber das war noch nicht mal das Schlimmste.“ Eva fragte: „Was kann denn noch schlimmer sein?“
„Eines Tages kam meine Tochter zu mir und erzählte: Mama, ich muss immer bei dem Papa am Penis rumspielen und ich will das doch gar nicht.“ Ihr könnt euch vorstellen, dass endgültig eine Welt für mich, abgesehen von Claudin, zusammenbrach. Claudin war gerade mal zehn Jahre alt. Aber das hat ja mit dem Alter gar nichts zu tun, Kindern darf man so etwas Schlimmes nicht antun. Es war das reinste Desaster! Gott sei Dank hat er Claudin sexuell nicht angefasst. Für mich stand natürlich sofort fest, mir einen Rechtsanwalt zu nehmen, um die Scheidung einzureichen und die nötigen Schritte einzuleiten, wegen sexuellen Missbrauchs an seiner minderjährigen Tochter. Jetzt kann ich nur noch auf den Scheidungstermin und auf eine gerechte Strafe hoffen, für das, was er mir und meiner Tochter angetan hat. Als wir geheiratet haben, hat er nicht viel getrunken, schon mal ein Bier, wie jeder andere Mann auch, wenn wir ausgingen. Aber er hat sich nie besoffen, das fing erst an, nachdem wir verheiratet waren.“ Toni und Eva hörten gespannt und entsetzt zu. Eva fragte: „Hat dein Mann denn nie zu Hause Alkohol getrunken?“
„Wie gesagt, nachdem wir ungefähr drei Monate verheiratet waren, fing er mit Cola-Whisky an, was ihn aggressiv machte.“
„Fing er dann schon an, dich zu schlagen?“, fragte Toni.
„Nein. Das kam viel später, so ungefähr nach acht Jahren Ehe.“
„Warum hast du ihn geheiratet?“, wollte Eva wissen. „Erstens war ich schwanger und zweitens war er mein Traummann, darum habe ich mich in ihn verliebt.“
„Warum dein Traummann?“, fragte Eva weiter.
„Ich habe immer für schwarze Haare geschwärmt, schon als Jugendliche, und die hatte er. Er war groß, hatte dunkle Augen und war Programmierer für Computer. Es war Liebe auf den ersten Blick. Irgendwann fing er an, mit seinen Kumpels um die Häuser zu ziehen und ich saß mit meiner kleinen Tochter alleine zu Hause und habe mir die Augen ausgeheult. Entschuldigt bitte, wenn ich immer „er“ sage, aber ich kann seinen Namen nicht mehr in den Mund nehmen.“
„Ist schon okay“, sagte Toni. „Wie hieß „er“ denn?“, fragte Eva und hielt sich wieder die Hand vor den Mund, nachdem sie begriff und rot wurde. „Todd hieß er.“ Emma fiel es sichtlich schwer, den Namen auszusprechen. Eva fragte: „Wie …, wie der Tod?“ Gleichzeitig trat Toni unter dem Tisch gegen Evas Bein. „Nein, mit zwei d am Ende“, antwortete Emma etwas irritiert über Evas Frage. Toni dachte: Wann wird sie das endlich lernen, erst zu denken, dann zu reden oder zu fragen? Wohl nie. „Wenn ich endlich geschieden bin, werde ich einen ausgeben“, lachte Emma, um die Stimmung und den schönen Abend nicht ganz kippen zu lassen. „Dann beeil dich, Emma, und trete deinem Rechtsanwalt in den Hintern.“
„Jawohl, Eva, immer zu deinen Diensten.“ Emma wollte Eva erklären, dass das nicht an ihrem Rechtsanwalt lag, sondern an dem Gesetzgeber, aber das ließ sie lieber. Emma dachte, das wird zu kompliziert, und ehe man sich versieht, ist der Abend vorbei. „Aber da kann man mal sehen, was der Mister Alkohol aus einem Menschen macht. Obwohl man ihm ja dafür auch keine Schuld geben kann. Es liegt schließlich immer noch an dem Menschen selber, inwieweit er den Mister Alkohol für sich in Anspruch nimmt, oder nicht?“, erklärte Toni. „Das stimmt“, antwortete Emma. „So, jetzt kennt ihr meine Geschichte, was ist mit deiner, Eva?“
„Oh, glaube mir, es fällt mir verdammt schwer, darüber zu erzählen, darum mache ich es kurz. Unsere Tochter Serefina ist im neunten Monat an Kindstod gestorben. Als ich Serefina morgens das Fläschchen geben wollte, guckte ich nach, ob sie schon wach ist. Aber sie bewegte sich nicht, was ungewöhnlich war, also ging ich an ihr Bettchen und sah, dass sie tot war.“ Emma fing an zu weinen. „Durch meine lauten Schreie wurde mein Mann Marlon wach und er kam sofort ins Kinderzimmer. Als auch Marlon sah, dass sein Töchterchen tot war, kniete er auf dem Boden, hielt sich die Hände vor sein Gesicht und fing auch laut an zu schreien. Die Nachbarn schellten bei uns, um zu sehen, was passiert war. Als sie gesehen hatten, was los war, rief einer von ihnen sofort den Krankenwagen. Aber die Krankenpfleger konnten durch ein schnelles EKG auch nur noch den Tod feststellen. Die wiederum mussten die Polizei wegen eventueller Fremdeinwirkung, die vielleicht zum Tod durch die Eltern geführt hatte, rufen. Das war mit das Allerschlimmste. Könnt ihr euch das vorstellen, wie das ist? Da findet man sein Kind tot im Bettchen und dann wirst du quasi als Mörderin deines eigenen Kindes verhört. Heute verstehe ich, dass die Polizei so reagieren musste, denn es passiert ja wirklich zu viel in den Familien, gerade in dieser Richtung. Wir hatten uns seit zehn Jahren ein Kind gewünscht, sind sogar in Urlaub gefahren, damit ich endlich schwanger wurde. Man sagt doch immer, dass die Luftveränderung auch beim Schwangerwerden helfen kann, aber sie hat uns im Urlaub nicht geholfen, obwohl wir wirklich fleißig waren.“ Eva und Toni mussten über den Ausspruch „fleißig waren“ lächeln. „Und dann, als wir alle Hoffnungen aufgegeben hatten, wurde ich wirklich schwanger. Und dann nimmt der liebe Gott einem das ganz große Glück. Ich habe den Glauben an Gott auf jeden Fall verloren. Mein Mann fing vor lauter Schmerz über den Verlust unseres Kindes an zu trinken. Aber ich mit der Zeit auch. Wir stritten nur noch, bedingt durch den Alkohol, anstatt uns gegenseitigen Halt zu geben. Er warf mir vor, nicht genug auf unser Baby aufgepasst zu haben. Wir wurden im alkoholisierten Zustand sogar gegenseitig handgreiflich, was uns natürlich nachher im nüchternen Zustand immer wieder leidtat. Und wir entschuldigten uns gegenseitig. Ich hörte mit dem Trinken auf, weil ich eingesehen hatte, dass das einem auch nicht wirklich weiterhilft, doch Marlon trank weiter. Mit der Zeit habe ich sogar an Scheidung gedacht, weil seine ständige Sauferei und die damit verbundenen immer wiederkehrenden Beschimpfungen mir gegenüber, dass ich unser Baby habe sterben lassen, die Gefühle der Liebe ihm gegenüber kaputtgemacht haben. Er dachte wirklich, er litt allein wegen des Todes unseres Babys. An mich oder an meine oder seine Eltern und überhaupt an alle, die uns kannten, die mit uns gelitten haben, hat er nicht gedacht. Ich wünsche das noch nicht mal meinem engsten Feind, so eine Beerdigung mitmachen zu müssen. Da ist der kleine weiße Sarg, in dem dein Baby liegt, der zum Grab gebracht wird, um in das dunkle Loch hinabgelassen zu werden, das für dein Kind geschaufelt wurde.“ Emma wischte sich heimlich ein paar Tränen weg. „Nach der Beerdigung gingen wir mit unseren Trauergästen zu uns nach Hause; sie setzten sich ins Wohnzimmer. Meine und Marlons Mutter bewirteten unsere Trauergäste, ich nahm eine sehr starke Beruhigungstablette, ich glaube, das war Valium, die stärkste, die es gibt, die mir mein Arzt verschrieb, und legte mich im Schlafzimmer auf das Bett, ich war total daneben und ruhig. Diese Tabletten nahm ich noch sehr lange, denn nur so habe ich das alles überstehen können. Mit der Zeit hörte Marlon auf zu trinken und widmete sich wieder seinem Beruf. Zwei Jahre später fand ich ihn in seinem Büro mit 45 Jahren tot auf dem Boden liegen.“
„Woran ist dein Mann gestorben?“, fragte Emma. „An einem Herzinfarkt. Marlon hatte sehr viel Stress, er hatte einen eigenen Lkw und fuhr für eine Spedition. Seitdem bin ich alleine. So, und jetzt möchte ich nichts mehr davon erzählen“, endete Eva und machte sich eine Zigarette an. „Jetzt ist Toni dran.“ Toni musste erst mal schlucken: „Na gut, wenn ihr das so wollt.“ Sie machte sich auch eine Zigarette an und fing an zu erzählen. „Ich war zehn Jahre meiner Meinung nach glücklich verheiratet. Sicher, wir wünschten uns auch zwei Kinder, aber ich kann keine Kinder bekommen. Das wurde alles untersucht. Brad hat sich auch untersuchen lassen, er war nicht zeugungsunfähig. Man kann sich vorstellen, wie sehr wir darunter gelitten haben. Ich natürlich noch mehr, weil ich immer Schuldgefühle Brad gegenüber hatte. Aber er zeigte Verständnis und tröstete mich und erklärte mir, wir sind doch auch ohne Kinder glücklich, oder nicht? Ihm zuliebe gab ich ihm recht. Aber in mir sah es anders aus, wie in einem Dschungel der Gefühle. Dann wurde ich plötzlich, nach fünf Jahren, doch schwanger. Es war ein medizinisches Wunder. Wir feierten vor lauter Freude mit Freunden und einigen Nachbarn. Wir waren überglücklich, von Brad aus durfte ich mich fast gar nicht mehr bewegen. Ich durfte mich nicht bücken, keine Wäsche aufhängen oder abnehmen. Von nun an kam täglich eine Haushaltshilfe für drei Stunden, die mir die Arbeit im Haushalt abnahm.“
„Wie ging es dir am Anfang der Schwangerschaft?“, wollte Emma wissen. „Prächtig, ich musste mich überhaupt nicht übergeben, was man ja so von anderen Frauen hört. Dann bekam ich im fünften Monat Blutungen. Ich musste für zwei Wochen ins Krankenhaus, nur liegen, versteht sich. Nach einer Woche zu Hause bekam ich wieder Blutungen und ich verlor das Kind im sechsten Monat. Es war ein Mädchen“. Als Toni das aussprach, fing sie an zu weinen, in dem Moment nahmen Emma und Eva Toni in den Arm, um sie zu trösten. Als Toni sich beruhigte, nahmen sie alle erst einmal einen großen Schluck Bowle und Eva rauchte gleich zwei Zigaretten hintereinander, so sehr war sie von dem, was Toni erzählte, gefangen. Emma dagegen wurde ganz still. Ungefähr nach zehn Minuten fragte Toni: „Warum muss man im Leben so viel Negatives mitmachen? Kann man nicht einfach nur glücklich sein?“
„Ich glaube“, sagte Eva, „hier auf Erden ist die Hölle, und wenn wir tot sind, dann kommen wir in den Himmel, wo das Paradies ist. Allerdings gibt es auch viele Menschen, die nicht vom Pech verfolgt sind, siehe die Prominenz. Die haben schon im Leben das Paradies auf Erden.“
„Da hast du wohl recht.“
„Natürlich habe ich recht, Emma“, rief Eva vor lauter Wut. „Wie ging es dann bei dir weiter? Warum habt ihr euch scheiden lassen?“, fragte Emma. „Mein Mann fing vor lauter Kummer an zu trinken, es wurde mehr und mehr. Besonders Whisky und Jägermeister. Wenn er betrunken war, gab Brad mir die Schuld für die Frühgeburt, wir haben uns nur noch gestritten. Wenn Brad wieder nüchtern war, entschuldigte er sich immer wieder mit Blumen bei mir. Am Anfang habe ich mir das ja noch gefallen gelassen, aber dann wurde es mir doch zu viel. Ich sagte ihm: Wenn du mir weiterhin solche Vorwürfe an dem Tod unserer Tochter machst, obwohl du genau weißt, dass ich keine Schuld daran habe, dass ich unser Töchterchen verloren habe, reiche ich die Scheidung ein. Danach trank er noch mehr.“
„Ja, ja“, sagte Eva, „die Männer machen es sich sehr einfach. Sie tun so, als wenn sie alleine trauern, dabei trauern doch beide. Ich spreche da aus Erfahrung. Ich möchte fast sagen, dass die werdende Mutter, die ja nun mal keine Mutter mehr geworden ist, noch mehr trauert. Schließlich hat sie das Kind die ganze Zeit unter dem Herzen getragen und schon eine emotionale Bindung aufgebaut. Oder habe ich da auch wieder unrecht, wie so oft?“
„Nein, Eva, hast du nicht“, beruhigte Emma sie. „Ich glaube, dass beide eher unterschiedlich trauern, ich kann das nur nicht erklären.“
„Das glaube ich auch, Eva.“
„Danke, Emma.“ Eva rauchte eine Zigarette nach der anderen und trank ein Glas Bowle nach dem anderen. Emma machte die Terrassentüre weit auf, weil sie der Zigarettenqualm schon störte. „Dann schlug Brad mich besoffen aus der Wut heraus, dass ich ‚seine Tochter‘ getötet habe. Es war einfach nicht mehr zu ertragen und ich reichte die Scheidung ein.“
„Mein Gott, wie schrecklich, Toni, da wirst du von deinem Mann noch verprügelt, obwohl du doch eigentlich von ihm getröstet hättest werden müssen“, entrüstete sich Eva. „Er war blind und taub vor Schmerz über den Verlust seiner Tochter, Eva.“
„Verteidigst du ihn jetzt vielleicht noch?“
„Nein, Eva, ich verteidige ihn nicht.“
„Den hätte ich aber, oh nein, ich darf ja gar nicht daran denken, wie gemein dein Mann zu dir war, den hätte ich aber …“, regte Eva sich auf. „Was hättest du denn?“
„Den hätte ich zwischen die Beine getreten, Emma.“
„Aber so viel ich weiß, hat dein Mann dich doch auch geschlagen, Eva.“
„Nein, Emma, wir sind gegenseitig handgreiflich geworden.“
„Als Brad begriff, als er anfing weniger zu trinken, was er mir alles angetan hatte, dass er mich sogar geschlagen hatte, tat ihm das sehr leid“, verteidigte Toni ihren Mann weiter. „Er hat mich gebeten, die Scheidung wieder zurückzunehmen, aber das konnte ich auch nicht mehr. Ich kann vieles verzeihen und ich habe für vieles Verständnis. Aber wenn mich mein Mann schlägt, der immer sagte, wie sehr er mich liebt, dann hört bei mir die Liebe auf. Somit habe ich die Scheidung nicht zurückgenommen. Brad ist ausgezogen und wohnt jetzt in Berlin, ja und ich immer noch in Düsseldorf.“
„Warum ist dein Mann nach Berlin gezogen?“, fragte Eva. „Weil da eine Niederlassung von seiner Firma ist, bei der er arbeitet.“
„Hast du noch Kontakt zu ihm?“
„Ja, aber nur wegen der eingereichten Scheidung. Es müssen immer irgendwelche Papiere unterschrieben werden, dann rufe ich ihn an oder er mich. Wenn es zum Beispiel um den Rentenausgleich geht.“
„Hat dein Brad eine Freundin in Berlin?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete Toni gereizt, weil sie immer von Eva unterbrochen wurde. „Ich weiß nur, dass ihm das alles wahnsinnig leidtut, dass er mich geschlagen hat. Obwohl ich doch schließlich über den Verlust unseres Kindes genauso gelitten habe wie er. Wie du schon sagtest, Eva, ich habe damals auch Trost gebraucht, stattdessen bekam ich Prügel, wenn Brad besoffen war. So etwas kann und will ich nicht verzeihen.“
„Jetzt haben wir uns ein bisschen näher kennengelernt, das finde ich sehr gut“, freute sich Emma. „Ja, das ist schön“, antwortete Eva. „Diesmal hat jeder von uns sein Leid erzählt, beim nächsten Treffen bei Toni machen wir eine Party mit Stripper-Boys.“
„Du bist eine richtige Witzfigur, Eva“, lachte Toni, während sie das sagte, „weißt du das?“
„Ja, das weiß ich, meine allerliebste Freundin, das hat man mir schon oft gesagt.“ Toni guckte im Wohnzimmer auf den schweren Mahagonischrank, auf dem eine wunderschöne antike Uhr stand, und sah, dass es schon 2 Uhr war. „Es ist schon sehr spät, ich glaube, es wird Zeit zu gehen, Eva.“
„Wenn du meinst, Toni, dann gehen wir eben, die Bowle ist sowieso leer.“ Toni musste wieder über Evas Ausspruch grinsen und dachte, wenn noch Bowle da wäre, würde sie wohl noch bleiben.
Zum Glück war Sonntag und Eva und Toni konnten ausschlafen. Emma dagegen wurde schon um 8 Uhr von Claudin geweckt. Erschrocken guckte sie ihre Tochter an und fragte: „Was ist denn los?“
„Wir wollen doch eine Fahrradtour machen, die hast du mir versprochen. Ich mache Frühstück, in der Zeit kannst du dich schon mal waschen.“ Claudin rannte in die Küche und Emma war total daneben, die Bowle machte ihr am nächsten Morgen schwer zu schaffen. Aber es nützte nichts, sie musste sich aus dem Bett quälen, versprochen ist versprochen, dachte sie. Als Emma aus dem Bad in die Küche kam, roch es wunderbar nach Kaffee, die gekochten Vier- Minuten-Eier und die selbst mit Amaretto eingemachte Kirschmarmelade standen auch schon auf den Tisch. Emma setzte sich an den gedeckten Tisch und trank genussvoll die erste Tasse Kaffee, um wach zu werden. Um 10 Uhr rief Claudin ihrer Mutter zu, die gerade im Keller war, um ihr Fahrrad raufzuholen: „Beeil dich, sonst kommen wir heute gar nicht mehr weg!“
„Ich habe mich ja schon beeilt“, rief Emma aus dem Keller ihrer Tochter zu. Claudin war überglücklich, als es losging, sie fuhren von Düsseldorf nach Kaiserswerth. Es war eine wunderbare Fahrradstrecke, die überwiegend nur am Rhein entlangführte. Nach einer Stunde machten sie eine Pause, setzten sich auf die grüne Wiese am Rhein und aßen etwas Obst. Nach einer weiteren Stunde waren sie in Kaiserswerth. „Ich habe Hunger, Mama.“
„Dann musst du was essen, mein Schatz.“
„Das weiß ich auch, aber ich habe Appetit auf Pommes mit Currywurst.“
„Guck mal, da hinten ist ein Biergarten, Claudin, da bekommen wir bestimmt was zu essen.
„Ja, komm, lass uns dahin fahren, Mama.“ Als sie in dem Biergarten saßen, kam der Kellner und fragte, was sie möchten. Claudin rief sofort, ohne den Kellner aussprechen zu lassen und weil sie so einen großen Durst hatte: „Eine große Cola, eine große Apfelschorle und die Speisekarte.“ Der Kellner musste über Claudins spontane Bestellung lachen. Emma konnte sich die Sonderausgaben nur leisten, weil sie 100 Euro von ihrer Mutter zum Geburtstag bekommen hatte. Aber das blieb ihr Geheimnis. Eigentlich sollte sie sich von dem Geld was Schönes zum Anziehen kaufen und nicht für einen Ausflug ausgeben. Aber Emma dachte, wenn ich heute 50 Euro ausgebe, dann kann ich mir immer noch für 50 Euro was zum Anziehen kaufen. Ich muss nur nach Sonderangeboten gucken, dann finde ich was Teures, was aber billiger geworden ist. Emma musste grinsen und lobte sich selbst für ihre Schlauheit. Emma dachte weiter, selbst wenn ich heute das ganze Geld hier ausgeben würde, hätte Mama nichts dagegen, ganz im Gegenteil, sie würde sich bestimmt für uns freuen, dass wir einen so schönen Tag hatten. Als der Kellner wiederkam, bestellte Claudin ihre heiß geliebten Pommes mit Currywurst und Emma einen großen Salatteller mit Thunfisch. Das Essen kam sehr schnell und Emma fragte Claudin: „Schmecken deine Pommes?“ Claudin hatte keine Zeit zu antworten, sie stopfte sich ihre Pommes rein, weil sie so lecker waren und weil sie so einen großen Hunger hatte, sie war so glücklich und mit sich und der Welt zufrieden. Nach einer Zeit sagte Claudin: „Guck mal, Mama, der Mann da hinten, der am Baum sitzt, beobachtet uns schon eine ganze Weile, vielleicht gefällst du ihm.“
„Hör bloß auf, Claudin, ich brauche keinen neuen Mann, dem ich die Socken waschen muss. Und überhaupt habe ich keine Sehnsucht nach einem neuen Freund, glaube mir. Ich bin froh, dass ich mit dir alleine bin, dabei fühle ich mich viel glücklicher. Oder möchtest du einen neuen Papa?“
„Ganz bestimmt nicht, ich werde nie vergessen, was ich bei Papa machen musste.“
„Glaube mir, mein Schatz, das tut mir unendlich leid, aber ich hatte ja keine Ahnung.“
„Aber das weiß ich doch, Mama.“
„Wenn es einen Gott gibt, wird er seine gerechte Strafe bekommen, mein Schatz.“
„Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er das dann zu, dass Kinder so etwas bei Vätern machen müssen? Ich bin doch erst elf Jahre alt.“
„Darauf kann ich dir keine Antwort geben“, erklärte Emma leise, als wenn sie sich schämen würde.
„Alle sprechen immer vom lieben Gott, aber ob es den wirklich gibt, weiß auch keiner genau. Oder hast du den lieben Gott schon mal gesehen, Mama?“
„Nein, ich habe ihn noch nicht gesehen und den wird wohl auch keiner je zu Gesicht bekommen, mein Schatz. So, meine liebe Tochter, wir haben 17 Uhr und es wird Zeit zurückzufahren, immerhin brauchen wir wieder zwei Stunden zurück mit einer halben Stunde Pause.“ Emma und Claudin setzten sich auf ihre Fahrräder und fuhren los. Claudin fuhr, ohne nach rechts zu gucken, über die Straße, und sah nicht, dass ein schnelles Auto kam. Der Autofahrer trat voll auf die Bremsen, aber es war zu spät. Er erfasste Claudin und sie fiel von ihrem Fahrrad auf die Straße. Der Autofahrer schleifte sie mehrere Meter mit. Als Toni das lange Quietschen eines Autos hinter sich hörte, dachte sie sofort an Claudin und erschrak. Sie drehte sich um und sah Claudin stark aus der Nase blutend und bewusstlos auf die Straße liegen. Sofort fing sie an zu schreien: „Meine Tochter, meine Tochter!“ Sie bückte sich, nahm Claudin in den Arm und schrie nur noch: „Was ist mit dir? Mach die Augen auf, bitte mach die Augen auf, bitte mach doch endlich die Augen auf! Ruft doch endlich einer einen Krankenwagen!“, schrie Emma. Der Autofahrer saß unter Schock in seinem Auto und war nicht fähig, einen Krankenwagen zu rufen. Eine Frau aus der Menschenmenge, die sich mittlerweile angesammelt hatte, sagte: „Ich habe den Krankenwagen schon gerufen.“ Emma schrie nur noch: „Ein Arzt, ein Arzt!“ Der Rettungswagen kam sehr schnell und brachte Claudin nach Düsseldorf in die Uniklinik, wo der Arzt Dr. Simon schon auf Claudin wartete. Nach mehreren anstrengenden Untersuchungen und einer CT stellte Dr. Simon vier gebrochene Wirbel fest. In einer sofort durchgeführten Notoperation konnten die Wirbel stabilisiert und das Rückenmark befreit werden. Als Claudin aus der Narkose erwachte, konnte sie ihre Beine nicht bewegen. Sie kam nach der Operation auf die Intensivstation. Eine ältere Krankenschwester, Irmgard, und der Arzt Dr. Simon versuchten, Emma zu beruhigen, Krankenschwester Irmgard gab Emma eine Beruhigungstablette. Emma nahm die Tablette mit etwas Wasser im Beisein der Krankenschwester ein und legte sich neben Claudin auf das Bett, sie beruhigte sich und schlief etwas. Am nächsten Tag war Emma gegen Mittag wieder zu Hause, nachdem sie die ganze Nacht und bis mittags bei Claudin im Krankenhaus war. Das Telefon schellte. Emma ging durch die Beruhigungstabletten, die sie im Krankenhaus noch mitbekam und sofort zu Hause einnahm, wie benebelt ans Telefon und nahm den Hörer ab. Sie fragte ganz leise und wie Kaugummi gezogen: „Wer ist da?“
„Hier ist Toni, was ist los mit dir? Du hörst dich so komisch an.“
„Claudin liegt im Krankenhaus.“
„Mein Gott, was ist denn passiert? Und in welchem Krankenhaus liegt sie? Wie geht es dir? Ich komme sofort vorbei.“ Emma war mit den ganzen Fragen total überfordert, sie konnte die vielen Fragen nicht beantworten und rief verwirrt und schleppend in den Hörer: „Ich …, ich werde mich jetzt erst mal was hinlegen und schlafen. Ich habe von einem Arzt starke Beruhigungstabletten bekommen, ich habe schon eine genommen und sie wirkt schon.“
Emma schlief bis zum anderen Morgen durch und wurde durch das Klingeln des Telefons wach. Sie stand auf, rieb sich mit den Händen die Augen, nahm den Telefonhörer ab und fragte: „Ja hallo?“
„Hier ist Eva, ich habe von Toni gehört, dass Claudin in der Uniklinik liegt, was ist denn passiert?“
„Bitte, Eva, sei mir nicht böse, aber ich habe jetzt keine Zeit für Erklärungen, ich muss zu Claudin, ich habe sie schon die ganze Nacht alleine gelassen. Aber wenn ihr wollt, könnt ihr mich heute Abend besuchen, dann bin ich zu Hause und werde euch erzählen, wie es zu dem Unfall kam.“
„Gut, Emma, Toni und ich kommen um 20 Uhr vorbei.“
Als Emma auf die Kinderstation kam, wurde sie sofort vom Arzt Dr. Simon empfangen und er sagte: „Bitte, Frau Dawson, kommen Sie mit in mein Büro, ich muss mit Ihnen sprechen. Claudin hat eine Wirbelsäulenverletzung und eine Querschnittslähmung. Durch eine sofortige Operation konnten wir das Schlimmste verhindern. Wir haben die vier gebrochenen Wirbel stabilisiert, dadurch konnten wir das Rückenmark befreien. Und weil uns das gelungen ist, kann Ihre Tochter später wieder die Beine bewegen. Sie bleibt Gott sei Dank nicht gelähmt und muss nicht ein Leben lang im Rollstuhl sitzen. Ich meine, die erste Zeit nach der Operation muss sie natürlich schon noch im Rollstuhl sitzen, um den Rücken zu schonen, aber allerhöchstens vier bis sechs Monate. Zudem bekommt sie hier im Krankenhaus Physiotherapie, was für die Bewegung der Beine sehr wichtig ist. Dazu gehört ein regelmäßiges Training, was zu Hause dringend weiter durchgeführt werden muss. Dadurch werden die Muskeln und Sehnen gedehnt, dann bekommt Claudin keine Dauerverkürzungen der Muskeln und Sehnen. Im Fachchinesisch heißt das berühmte Wort „Kontrakturen“. Die Physiotherapie wirkt auch einer Gelenkversteifung entgegen.“
„Wird Claudin dabei Schmerzen haben?“, fragte Emma ängstlich.
„Es ist etwas unangenehm, natürlich, aber Ihre Tochter ist elf Jahre alt, sie wird das schon verstehen und überstehen.“ Jetzt musste Emma aber doch mal lachen, weil sich das so reimte. „Wodurch entsteht eigentlich eine Querschnittslähmung?“, fragte Emma den Arzt. „Oder was passiert da im Rücken?“
„Eine Querschnittslähmung entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks, dadurch können die dort verlaufenden Nervenbahnen ihre Wirkung nicht mehr weiterleiten. Die Folge ist, dass die Nerven ab dem geschädigten Rückenmarksbereich nicht mehr über das Gehirn aktiviert werden können. Denn jeder Muskel, einige Organe und jede Empfindungszelle, zum Beispiel die empfindlichen Fingerkuppen sind über die Nervenzellen mit dem Rückenmark verbunden, dabei verlaufen die Nervenzellen von den Füßen einmal vom Gehirn über die Wirbelsäule in einem einzigen langen Nervenstrang. Dann tritt am unteren Rückenmark dieser Nervenstrang aus der Wirbelsäule heraus und geht über in einen zweiten Nervenstrang, der bis in die Fußsohle zieht.“