Sonntag, 6. Februar 2011
1
Wann genau sein Leben angefangen hatte, diese beschissene Wendung zu nehmen, vermochte
Freddie im Nachhinein nicht mehr zu sagen. War es der Tag gewesen, an dem er Kretsche zum ersten Mal
begegnet war? Oder hatte es schon früher begonnen? Er wusste es nicht. Irgendwann hatte er an einer
Abzweigung den falschen Weg eingeschlagen. Anstatt rechts abzubiegen, war er nach links gegangen und immer
weiter gelaufen, selbst als er erkannte, dass dieser Weg nirgendwohin führte außer geradewegs in den
Abgrund. Und nun gab es nur noch diese eine Richtung, eine rettende Abzweigung kam nicht in Sicht. Sich
umzudrehen und zurückzugehen war keine Option, die er in Betracht zog, er war bereits zu weit gegangen. Da
erschien ihm der Abgrund beinahe verlockender.
Mittlerweile hatte er sich mit dem derzeitigen Zustand arrangiert. Was blieb ihm anderes
übrig? Hin und wieder schluckte er ein paar Pillen, um sich in jenen nebulösen Traumzustand zu versetzen,
der einem vorgaukelte, das Leben könne schöner nicht sein. Freddie lächelte bitter. Aus dem Hin und Wieder
war eher ein Dauerzustand geworden. Eigentlich lebte er ausschließlich dafür, sich die nächste Dosis
einwerfen zu können. Für die kurze Zeit des Rausches. Das anschließende Erwachen war umso schlimmer. Davon
stand natürlich nichts auf dem Beipackzettel. Da stand eigentlich gar nichts, denn zu den Pillen, die
inzwischen die Herrschaft über seinen Körper und vor allem seinen Geist übernommen hatten, gab es keinen
Beipackzettel. Kein: Zu Risiken und Nebenwirkungen … Das musste man schon selbst herausfinden. Doch wenn man
es herausgefunden hatte, war es zu spät. Dann gab es kein Zurück mehr. Die falsche Abzweigung …
Der alte Mann, den alle nur Professor riefen, musste ebenfalls vom rechten Weg abgekommen
sein, auch wenn er den Eindruck erweckte, als habe er sein Schicksal freiwillig gewählt. Er mochte es sich
erfolgreich eingeredet haben, um sich ein letztes bisschen Würde zu bewahren. Freddie hingegen glaubte nicht
daran, dass jemand aus freien Stücken auf der Straße lebte. Das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit hielt
genau so lange an, bis der erste Nachtfrost einsetzte. Aber der Alte schien ein Meister darin zu sein, sich
das Leben schönzureden. Sich nun aber zu erdreisten, Einfluss auf Freddies Leben nehmen zu wollen, ging
entschieden zu weit. Freddie brauchte keinen Vater, der ihm vorschrieb, was er zu tun und zu lassen hatte.
Hatte nie einen gebraucht. Nie einen gehabt, um genau zu sein. Er empfand kaum etwas anderes als Wut auf
seinen Erzeuger, der sich einen Dreck um seinen Sohn scherte. Genau wie alle anderen. Die sollten sich ihre
wohlgemeinten Ratschläge sonst wohin stecken. Insbesondere, wenn sie selbst nicht mehr als eine gescheiterte
Existenz vorweisen konnten.
Freddie hatte früh lernen müssen, auf eigenen Beinen zu stehen. Seine Mutter war zu
beschäftigt mit ihren diversen Jobs, mit denen sie versuchte, sich und ihren unerwünschten Sohn über Wasser
zu halten, als dass sie sich um ihn hätte kümmern können. Oder wollen. Denn selbst wenn sie nicht arbeitete,
tendierte ihr Interesse an Freddie gegen Null. Lieber zog sie mit ihren zahlreichen Männerbekanntschaften um
die Häuser, immer in der Hoffnung, den einzig Wahren zu finden. Den Prinzen auf dem weißen Ross, der sie aus
ihrem elenden Dasein erlöste und in sein Schloss mitnahm. Doch das geschah nicht. Sie taugte schlicht nicht
zur Prinzessin. Den Schuldigen an diesem Schlamassel hatte sie schnell ausgemacht. Ihr Sohn hing wie ein
Mühlstein um ihren Hals, ein Fluch, der ihr ein glückliches Märchenende verwehrte und den sie, trotz aller
Anstrengung, nicht loswurde. Dabei war Freddie redlich bemüht, sich in Gegenwart seiner Mutter möglichst
unsichtbar zu machen. Offenbar reichte es nicht aus.
Er kannte also das Gefühl, unwillkommen zu sein. Doch dass ein selbsternannter Wächter für
Recht und Ordnung beschlossen hatte, ihn aus dem Luisenviertel zu vertreiben, wenn er nicht lernte, sich an
die Regeln zu halten, brachte das ohnehin fragile Fass, in dem Freddie saß, zum Überlaufen. Was berechtigte
den Alten, darüber bestimmen zu dürfen, wer auf diesen heiligen Straßen wandeln durfte und wer nicht? Es
waren nicht seine Straßen. Das würde Freddie ihm heute unmissverständlich klarmachen. Für ihn galten andere
Regeln.
Er wusste, wo der Penner sein Lager aufgeschlagen hatte. In einer stillen Ecke im
Deweerthschen Garten, der grünen Oase des Luisenviertels. Doch als Freddie dort ankam, sah er gerade noch,
wie der Professor im Durchgang zur Friedrich-Ebert-Straße verschwand. Machte die Knalltüte sich etwa wieder
auf einen seiner sogenannten Patrouillengänge, um den nächsten unliebsamen ›Mitbewohner‹ zu verjagen? Da
hatte Freddie endlich genug Mut angesammelt, sich seinen Widersacher vorzuknöpfen, und nun schickte der sich
an, ihm einfach so durch die Lappen gehen zu wollen. Ehe sich die Wirkung der Tabletten und damit auch seine
mühselig zusammengekratzte Courage wieder ins Nirgendwo verabschieden konnten, folgte Freddie dem Mann, der
die Straße in Richtung Innenstadt entlanglief. Offenbar hatte er es ziemlich eilig. Hatte er ein
Rendezvous?, fragte sich Freddie. Unwahrscheinlich.
Die Schritte des alten Mannes wurden schneller, jetzt hob er den Arm und wedelte mit einem
Stück Papier in seiner Hand. Im Schatten der Häuser hastete Freddie ihm hinterher. Der Alte kraxelte ein
paar Stufen zu einem Hauseingang empor. Freddie hörte ihn irgendetwas rufen, dann verschwand der Professor
in einem Laden. Seit wann hatten die Geschäfte sonntagabends geöffnet? Freddie näherte sich dem Haus und
lugte neugierig durch das Schaufenster, die Hände auf die Scheiben gelegt. Eine Buchhandlung. Und sie war
voller Menschen. Was war denn hier los? Gab es hier was umsonst? Freddie ging zur Tür, die soeben von einer
blonden Frau geschlossen wurde. Vor seiner Nase. Man sperrte ihn aus. Er war nicht willkommen. Wieder
einmal. Er donnerte frustriert mit der Faust gegen die Tür und erntete einen wütenden Blick der Blonden, die
tadelnd den Kopf schüttelte. Blöde Kuh!
Ruhig bleiben, mahnte er sich selbst. Nur nicht auffallen. Irgendwann musste der Alte ja
wieder rauskommen. Freddie hatte alle Zeit der Welt. Auf ihn wartete niemand.
* * *
»Da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen«, keuchte der alte Mann, den im
Luisenviertel alle nur Professor nannten, und grinste Cordula Siebert an.
Cordula nahm die Eintrittskarte, die er ihr entgegenhielt, und ließ den Professor passieren,
der sich mit eingezogenem Bauch durch die letzte Reihe quetschte, um den einzig verbliebenen freien Platz zu
ergattern. Dabei fegte er mit seinem großen Rucksack fast einen anderen Gast vom Stuhl.
»Verzeihen Sie, junger Mann«, meinte der Professor, drehte sich umständlich um die eigene
Achse und tastete mit beiden Händen die Schultern des Mannes ab, um sicherzugehen, dass dieser unverletzt
geblieben war.
Der Mann lächelte gequält und rückte mit seinem Stuhl ein Stück nach hinten, um den alten
Herrn inklusive Rucksack vorbeizulassen. Cordula lächelte ihm entschuldigend zu, während sie die Tür
schloss, doch der Mann bemerkte es nicht. Er war damit beschäftigt, dem Professor unauffällig
hinterherzublicken. Draußen schlug jemand gegen das Glas der Eingangstür. Cordula wandte sich um und warf
dem Jungen kopfschüttelnd einen strengen Blick zu. Der junge Mann bedachte sie mit einem wütenden Funkeln in
den Augen, trat jedoch den Rückzug an. Sie hätte ihn ohnehin nicht hereingelassen. Randalierer hatten hier
nichts verloren. Der kleine Verkaufsraum der Krimibuchhandlung mit dem schönen Namen ›Mördergrube‹ war bis
auf den letzten Platz besetzt und platzte aus allen Nähten.
Unterdessen hatte Sophie Liebermann, stolze Mitinhaberin der Mördergrube, die improvisierte
Bühne betreten, um die Gäste willkommen zu heißen. Sie als nervös zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des
noch jungen Jahres. Dabei war dies bei Weitem nicht die erste Lesung, die hier stattfand. Doch normalerweise
überließ Sophie die Vorstellung des jeweiligen Autors ihrem Partner Robert Werbeck. Zu ihrem Entsetzen war
er ausgerechnet heute von einer schlimmen Erkältung heimgesucht worden, die ihm das Reden nahezu unmöglich
machte. Wesentlich mehr als ein heiseres Krächzen brachte er nicht zustande.
Cordula hielt beide Daumen hoch, um ihre beste Freundin aufzumuntern. Sie wusste nur zu gut,
wie sehr Sophie es hasste, vor Publikum sprechen zu müssen. Schon in der Schule hatte sie Blut und Wasser
geschwitzt, wenn sie gezwungen war, ein Referat zu halten. Völlig unvorbereitet ins kalte Wasser geworfen zu
werden, ließ Sophie vor Angst gewiss beinahe in die Hose pinkeln, selbst wenn die meisten der Anwesenden
Stammkunden waren, mit denen sie an normalen Tagen munter schwatzte.
»Meine Damen und Herren, ich freue mich, Sie heute Abend hier begrüßen zu dürfen. Sicherlich
sind Sie ebenso gespannt wie ich auf Martin Jäger, der uns aus seinem neuen Werk ›Das letzte Opfer‹ vorlesen
wird«, begann die Buchhändlerin mit zitterndem Stimmchen.
Cordulas Blick schweifte in Richtung des kleinen Aufenthaltsraums der Buchhandlung, wo
Martin Jäger hinter dem Vorhang stand und durch einen Spalt lugte, um seinen großen Auftritt nicht zu
verpassen. Bei ihm war keine Spur von Lampenfieber zu erkennen. Im Gegenteil, er schien es kaum erwarten zu
können, sich im Licht der nicht vorhandenen Scheinwerfer zu sonnen.
Sophie räusperte sich, um dann mit ihrer improvisierten Rede fortzufahren.
»Ich will Sie nicht mit langen Ansprachen auf die Folter spannen.« Prima Idee, um dieser
peinlichen Situation möglichst schnell zu entkommen. »Bitte begrüßen Sie mit einem herzlichen Applaus den
erfolgreichen Krimiautor und gebürtigen Wuppertaler Martin Jäger.«
Unter tosendem Beifall schob Martin Jäger den roten Vorhang beiseite und betrat die
improvisierte Bühne, die Hände aneinandergelegt und sich bescheiden verbeugend. Eine Bescheidenheit, die, so
wusste Cordula, genauso falsch war wie sein Lächeln. Er bedachte Sophie mit einem Kuss auf die Wange, winkte
freundlich ins Publikum und ließ sich in dem Rattansessel nieder, der neben einem kleinen Tisch stand, auf
dem sein Manuskript schon bereitlag.
* * *
Der Schnee fällt in dichten Flocken zu Boden. Der Winter ist eingekehrt, eben noch
rechtzeitig, um den Menschen die ersehnte weiße Weihnacht zu bescheren. Ringsum ist die Landschaft in einen
Berg aus Zuckerwatte getaucht. Es ist ungewöhnlich still, selbst für diese späte Stunde. Normalerweise hört
man den Lärm der Großstadt bis hier draußen. Doch heute verschluckt der Schnee sämtliche Geräusche. Und bei
diesem Wetter bleiben die Leute lieber daheim, um das heftige Treiben vom Fenster in der warmen Stube aus zu
beobachten, anstatt einen Fuß vor die Tür zu setzen. Morgen früh wird sich das ändern, wenn die weiße Pracht
die Kinder aus dem Haus lockt. Sie werden Schlitten fahren, eine Schneeballschlacht veranstalten und
Schneemänner bauen.
Ich mache mir nichts aus Schnee. Ich mache mir auch nichts aus Weihnachten. Das ganze
Jahr über wird gestritten und am Ende sitzt man mit Tränen der Rührung in den Augen unterm Weihnachtsbaum,
hält sich an den Händen und singt kitschige Lieder zur Blockflöte. Als sei nie ein böses Wort gefallen. Nur
um im nächsten Jahr wieder von vorn anzufangen.
Im Schutz der großen Tanne stehend, beobachte ich das Haus. Hinter dem hell
erleuchteten Küchenfenster kann ich die Frau sehen, die damit beschäftigt ist, Plätzchen zu backen.
Zimtsterne, Vanillekipferl und Spritzgebäck wie in jedem Jahr. Beinahe bedaure ich es, dass sie das
Weihnachtsfest nicht mehr erleben wird. Oder besser formuliert: Ich würde es bedauern, wenn ich zu so etwas
wie Mitgefühl fähig wäre. Doch das bin ich nicht. Emotionen dieser Art sind mir fremd.
Sicher, ich habe es mit den Jahren perfektioniert, Empfindungen vorzutäuschen. Ich
habe die Mimik und Gestik normaler Menschen akribisch studiert und begonnen, sie nachzuahmen, bevor
irgendjemandem auffallen kann, dass ich ganz und gar nicht normal bin. Ich bin anders als andere, das habe
ich schon früh gemerkt. Habe ich am Anfang noch versucht zu sein wie sie, erkannte ich eines Tages die
Sinnlosigkeit meiner Bemühungen. Ich bin eben nicht wie die anderen; ich bin besser. Und weil das so ist,
gilt es, nicht jeden hinter die Fassade meiner Andersartigkeit blicken zu lassen. Es gibt genügend
Kleingeister, die mein geniales Talent nicht akzeptieren würden. Die mich verurteilen würden, wüssten sie um
die einzigartige Gabe, mit der ich gesegnet bin. Mittlerweile beherrsche ich die Kunst der Maskerade nahezu
perfekt. Nahezu.
Die Frau, die gerade so fleißig Kekse backt, ist die einzige, der ein Blick hinter
die Fassade meines Lebens gelungen ist. Mir ist ihr entsetzter Blick an jenem Abend nicht entgangen, als ihr
klarwurde, wer ich tatsächlich bin. Was ich tatsächlich bin. Sie hat versucht, den Schock durch aufgesetzte
Fröhlichkeit zu überspielen, doch ist sie nicht annähernd so gut im So-tun-als-Ob wie ich. Seither verfolgt
sie mich mit ihren argwöhnischen Blicken, darauf lauernd, etwas zu finden, das ihre Vermutung untermauert.
Denn mehr als das ist es bislang nicht, nur eine Vermutung. Was ihr fehlt, ist ein Beweis, der es ihr
ermöglicht, mich der Gerichtsbarkeit auszuliefern. Ich gedenke nicht, es so weit kommen zu lassen.
Eigentlich fällt sie nicht in mein Beuteschema, doch in diesem Fall werde ich eine
Ausnahme machen. Machen müssen, wenn ich am Ende nicht doch noch auffliegen will, denn sie lässt einfach
nicht locker in ihren Bestrebungen, mich zu überführen.
Es ist denkbar einfach gewesen, an den Schlüssel zu ihrem Haus zu gelangen.
Schließlich bin ich der beste Freund ihres Sohns. Eine Kopie des Schlüssels zu dessen Wohnungstür habe ich
schon vor langer Zeit anfertigen lassen. Wer weiß, wozu so etwas nützlich werden kann. Nun weiß ich es. Um
unbemerkt eindringen und dem Bewohner ein nicht nachweisbares Betäubungsmittel in die Flasche Korn kippen zu
können. Ich weiß, wie sehr mein Freund seit der Trennung von seiner Frau mit seinem Alkoholproblem zu
kämpfen hat, schließlich muss ich mir dessen besoffenes Gejammer tagein, tagaus anhören. Doch auch das lasse
ich mit stoischer Gelassenheit über mich ergehen, in der Gewissheit, irgendwann meinen Nutzen daraus zu
ziehen. Die Schwächen der Menschen sind einfach wunderbar. Sie eröffnen mir immer wieder ungeahnte
Möglichkeiten. Nun liegt mein Freund arglos in seinem Bett und schläft seinen Rausch und die Wirkung des
Betäubungsmittels aus. Das Erwachen wird kein fröhliches sein.
Martin Jäger senkte die Stimme zu einem diabolischen Flüstern. Die Zuhörer hingen an seinen
Lippen. Der Autor genoss die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, sichtlich. Cordula ließ den Blick durch
die Menge schweifen und musste zugeben, dass er es verstand, die Leute in seinen Bann zu ziehen. Im Erfinden
von Geschichten war er schon immer ein Meister gewesen, und auch darin, Lügen als Wahrheit zu verkaufen. Der
Typ, dem der Professor seinen Rucksack um die Ohren gehauen hatte, saß da mit ungläubigem Erstaunen auf dem
Gesicht, als könne er nicht fassen, was er da hörte. Na ja, so gut war die Geschichte nun auch wieder nicht.
Der Professor lächelte ihr zu und schüttelte unauffällig den Kopf. Offenbar war er derselben Meinung wie
sie. Sie lächelte zurück und zuckte mit den Schultern.
Ich warte eine halbe Stunde, um sicherzugehen, dass die Bewohnerin des Hauses auch
wirklich zu Bett gegangen ist. Die Sicht ist nach wie vor schlecht, aber ich kann immerhin erkennen, dass
alles dunkel bleibt. Also verlasse ich meine Deckung und mache mich auf den Weg. Sorgen um etwaige Spuren,
die ich hinterlasse, mache ich mir nicht. Es schneit noch immer heftig, und es sieht nicht so aus, als würde
sich daran in den nächsten Stunden etwas ändern. Da werden kaum Spuren zurückbleiben. Außerdem nutzen
Schuhabdrücke nur dann etwas, wenn man eine Vergleichsmöglichkeit hat.
Vorsichtig schleiche ich um das Gebäude herum und werfe einen Blick auf die Straße.
Keine Menschenseele ist zu sehen. Alle haben sich in ihren warmen Häusern verkrochen. Es ist dunkel,
abgesehen von den Straßenlaternen, und selbst die haben Mühe, ihr Licht durch die dicht an dicht fallenden
Flocken zu verbreiten. Ich nähere mich dem Hauseingang und ziehe den Schlüssel aus der Tasche meiner
schwarzen Daunenjacke. Meine Hände zittern. Erst jetzt bemerke ich, wie durchgefroren ich bin. So leise wie
möglich schließe ich die schwere Eingangstür auf. Sie quietscht ein wenig. Ich halte den Atem an und lausche
mit klopfendem Herzen, ob das Geräusch die Bewohnerin geweckt hat. Doch es bleibt ruhig. Rasch schlüpfe ich
hinein und drücke behutsam die Tür ins Schloss. Ich ziehe meine Stiefel aus, nicht aus Höflichkeit, sondern
um jedes noch so kleine Geräusch zu vermeiden. Auf Socken schleicht es sich einfach leiser die Treppe
hinauf. Ich muss unbedingt daran denken, dass die vorletzte Stufe knarzt. Das war schon früher so, als ich
mit meinem Freund durch das Haus tobte und sämtliche Räume von unserem hellen Kinderlachen erfüllt waren. Es
ist lange her, seit ich so gelacht habe, und schon damals war es aufgesetzt. Eine Tarnung, um meine Umgebung
nichts von der Finsternis in meiner Seele erahnen zu lassen.
Ich ziehe das Jagdmesser aus der Scheide, die an meinem Gürtel befestigt ist. Nicht
meine bevorzugte Waffe, aber eine alternde Frau gehört auch nicht zu meinen bevorzugten Opfern. Außerdem ist
es meine Aufgabe, eine unliebsame Mitwisserin auszulöschen und nicht, die Polizei darauf hinzuweisen, dass
der Serienmörder, den sie seit Jahren verzweifelt sucht, im Bekanntenkreis des jüngsten Opfers zu finden
ist. Ich habe darüber nachgedacht, einen Revolver zu verwenden, doch erstens fürchte ich, man könne die
Waffe, selbst wenn ich sie auf dem Schwarzmarkt erwerbe, zu mir zurückverfolgen, und zweitens ergibt sich
das Problem mit den Schmauchspuren. Selbst wenn es mir gelingt, die Fingerabdrücke meines Freundes auf dem
Revolver zu platzieren, würde die Polizei feststellen, dass er nicht geschossen haben kann, weil die
verdammten Schmauchspuren fehlen. Nein, ein Messer ist die beste aller Lösungen. Zumal ich es im Schrank
meines Freundes entdeckt habe. Ebenso wie das Nachtsichtgerät, das nun die obere Hälfte meines Gesichts
verdeckt. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wofür mein Freund ein Nachtsichtgerät benötigt, aber in diesem
Fall kann es sich als hilfreich erweisen.
Auf Zehenspitzen erklimme ich Stufe um Stufe ins Obergeschoss. Ich spüre das leise
Kribbeln der Vorfreude, wie jedes Mal, wenn ich kurz davorstehe, dem Leben eines Menschen ein Ende zu
setzen. Dieses Gefühl der Allmacht ist unvergleichlich. Und es ist das einzige Gefühl, zu dem ich fähig
bin.