Danksagung

Als erstes möchte ich Ihnen, liebe Leserin/lieber Leser, dafür danken, dass Sie dieses Buch gekauft haben. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen.

Mein ganz großer Dank gilt meinen beiden fleißigen Testlesern, die sich ganz tapfer jede Überarbeitung zu Gemüte geführt haben und mir immer mit Rat und Tat, Lob und Kritik zur Seite stehen: Holger, der beste Ehemann von allen, und meine herzensgute Freundin Silke Brück. Ihr seid die Größten!

Ein dickes Dankeschön an folgende Personen, die ein unerschöpflicher Quell an Inspiration und Information waren und sind: die weltbeste Mama, der weltbeste Papa, meine unschlagbare Omma Doris, Robin, Hermi, Peter, Silke, Steffi, Lars, Katja, Andreas, Florian, Silas, Jona, Rosi, Klaus, Gisela, Micha, Jackie und Wolf-Tilman Baumert.

Vielen Dank an den Bergischen Verlag, der auch meinem zweiten Krimi eine Heimstatt bietet und ihm ein schickes Kleidchen verpasst hat.

Last but not least ein Riesendank an meine einzigartige Lektorin Katrin Adam, aka Die Textmamsell, die, nur mit einem Schäufelchen bewaffnet, unermüdlich lange verschollene Grammatikregeln aus meinen Gehirnwindungen buddelt und immer ein offenes Ohr und eine rettende Idee parat hat.


Über den Autor

Daniela Schwaner

Geboren 1971, im Wuppertaler Stadtteil Barmen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ab 1991 Studium der Anglistik/Amerikanistik/Germanistik an der BUGH Wuppertal. Während der Studienzeit war sie Mitglied einer Theatergruppe, mit der sie Auftritte in Wuppertal und London hatte.

Schon immer liebte sie es zu schreiben und schloss sich an der Uni dem »After Twelve Crime Fiction Club« an, wo sie kriminalistische Kurzgeschichten in englischer Sprache verfasste.

Nachdem sie einige Jahre im benachbarten Hessen verbracht hat, lebt Daniela Schwaner heute mit ihrem Mann in Wuppertal.


Impressum

Daniela Schwaner – Der Tote in der Buchhandlung

Reihe: Krimi Bergisches Land

ISBN 978-3-945763-32-2

1. E-Book-Auflage 2/2017
© Bergischer Verlag © Daniela Schwaner

Bergischer Verlag
RS Gesellschaft für Informationstechnik mbH & Co. KG
Verleger Arndt Halbach, Martin Czialla
Auf dem Knapp 35 / 42855 Remscheid
E-Mail: info@BergischerVerlag.de / www.BergischerVerlag.de

Lektorat: Katrin Adam
Covergestaltung: E.W. Bruchhaus (Foto: fotolia.de)
Gesamtherstellung: Bergischer Verlag, Ernst-Wilhelm Bruchhaus
E-Book-Herstellung: ncc-medien

Lizenzbedingungen

Dieses E-Book ist für Sie persönlich lizenziert. Sie dürfen dieses E-Book nicht verkaufen oder an Dritte weitergeben. Wenn Sie dieses E-Book mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Kopie/Lizenz für jeden Leser. Falls Sie dieses E-Book lesen sollten und es nicht erworben haben oder es nicht für Sie erworben worden ist, dann kaufen Sie es bitte bei www.bergischerverlag.de. Danke, dass Sie die mühsame Arbeit des Autors bzw. des Verlegers respektieren.

Vorwort

Zu Beginn noch ein paar Bemerkungen in eigener Sache. Ich bin immer darum bemüht, Schauplätze zu wählen, die tatsächlich existieren. An der einen oder anderen Stelle muss ich sie ein wenig den Bedürfnissen der Geschichte anpassen oder den Wuppertaler Horizont ein wenig erweitern. Natürlich sind die beschriebenen Ereignisse und Figuren reine Produkte meiner Fantasie, auch wenn ich mich gern von der Realität inspirieren lasse.

Ich bin auch nicht notwendigerweise immer einer Meinung mit meinen Charakteren; sie sind durchaus in der Lage, sich selbst ein Bild ihrer fiktiven Welt zu machen und zu eigenen Ansichten zu gelangen. Manchmal treiben sie mich damit in den Wahnsinn, aber am Ende finden wir meist eine Lösung, mit der wir alle leben können. Ansonsten wird gemacht, was ich sage bzw. schreibe. Ich muss nur fest dran glauben.

Aussichten eines Kauzes

Juli 2004

Dem Kauz klingelten immer noch die Ohren, als er zurück zur Hütte flatterte. Einer der vier Menschen musste die Knallstange benutzt haben, so viel war sicher. Er überflog das Maisfeld und ließ sich wieder auf dem Sims des Fensters nieder.

In der Hütte war das Chaos ausgebrochen. Der Jäger lag am Boden und rührte sich nicht. Rote Flüssigkeit lief aus seinem Bauch heraus. Es war Blut, das wusste der Kauz. Er wusste auch, es konnte nicht gut sein, wenn es in solchen Mengen aus einem herausfloss. Der kräftigste der drei Jungen lief schimpfend auf und ab und warf dabei die Hände in die Luft. Half das gegen Blutverlust? Der Kauz bezweifelte es. Der dicke Junge stand einfach nur da und glotzte auf die immer größer werdende rote Lache zu seinen Füßen, als versuchte er, das Blut zurück in den Körper des Mannes zu starren. Der Kleine hielt die Knallstange in den Händen und heulte. Der Kräftige schnauzte ihn an. Der Kauz verstand nicht, was der Junge sagte, aber es waren gewiss keine freundlichen Worte. Der Kleine heulte noch lauter. Der Dicke löste sich aus seiner Starre und ging auf seinen Freund zu, um ihm die Knallstange aus der Hand zu nehmen. Der Große sagte wieder etwas und der Dicke begann, mit seinem T-Shirt über die Waffe zu reiben. Als er fertig war, legte er dem Mann die Knallstange in die Hand. Hofften sie, ihn auf diese Weise wieder zum Leben zu erwecken? Denn dass der Jäger tot war, hatte auch der Kauz mittlerweile erkannt. Der Kräftige hatte in der Ecke der Hütte etwas entdeckt. Er griff sich einen Behälter und schraubte den Deckel ab. Dann übergoss er die Leiche des Mannes und den Boden ringsum mit der Flüssigkeit, die sich in dem Behälter befand. Ein Wiedererweckungsritual?

Die Flüssigkeit stank entsetzlich, der Kauz konnte es selbst hier draußen riechen. Besäße er eine ordentliche Nase, er hätte sie gerümpft. Der Kräftige riss seinem dicken Kumpel etwas aus der Hand und scheuchte die beiden anderen fort. Der Kleine heulte immer noch und wurde vom Dicken hinausgeführt. Der Kräftige goss den Rest der Flüssigkeit in einem dünnen Rinnsal bis zur Tür und hielt den Gegenstand, den er seinem Freund entrissen hatte, daran. Dann brach die Hölle los. Die Flüssigkeit stand sofort in Flammen. Die drei Jungen wichen zurück und rannten den Weg zum Wald hinunter, als sei der Teufel hinter ihnen her.

Der Kauz flatterte aufgeregt mit den Flügeln und kreischte entsetzt auf. Dann flog auch er in den Wald, um die anderen Tiere zu warnen, doch die hatten den Geruch des Feuers längst gewittert und stoben in alle Richtungen davon. Nur nicht der Dackel, das dämliche Vieh. Er steuerte geradewegs auf die Hütte zu. Kurz davor blieb er plötzlich stehen und bellte sich die Seele aus dem Leib. Es klang wie Wehklagen. Die drei Jungen rannten den Weg hinunter, über den sie gekommen waren. Der Kauz folgte ihnen, wütend darüber, was sie angerichtet hatten. Wenige hundert Meter weiter verschwanden sie in einem Haus.

Aus der Ferne hörte er weiteres Heulen, das rasch näherkam. Große rote Autos rumpelten den Weg auf der anderen Seite entlang. Auf ihren Dächern blaue Lichter, die sich drehten. Der Kauz flatterte zurück in Richtung Hütte. Viele Menschen stiegen aus den Autos, in dicke Kleidungsschichten gehüllt und mit komischen Eimern auf dem Kopf, und das trotz der Hitze. Sie zerrten an langen Schlangen, die an den Seiten der Fahrzeuge aufgewickelt waren. Dann hielten sie die Münder der Schlangen in die Flammen. Wasser schoss aus den Mündern, und das wunderte den Kauz nun schon wieder. Wie konnten Schlangen solche Wassermengen aufnehmen? Und wie brachte man sie dazu, es auszuspucken? Gern hätte er diese Fragen geklärt, doch der Qualm machte ihm immer mehr zu schaffen, und er bekam kaum noch Luft. Er konnte nur hoffen, dass es den Menschen gelingen würde, das Feuer mit ihren wasserspeienden Schlangen erfolgreich zu bekämpfen. Sonst würde er sich nach einem neuen Revier umsehen müssen. Vielleicht sollte er das sowieso tun. Hier liefen ihm zu viele Menschen herum. Und Menschen waren böse. Hatte seine Mutter gesagt. Sie musste es wissen, sie war von einer dieser Knallstangen erwischt worden. Wenn die einen erwischten, war man tot. Wie der Mann in der Hütte.

Einsichten eines Kauzes

Juli 2004

Es war ein ungewöhnlich heißer Tag gewesen. Der erste in diesem Jahr. Die Temperatur war sprunghaft angestiegen, zu schnell, um es genießen zu können. Die Hitze traf einen völlig unvorbereitet. Nicht wenige klagten über Kopfschmerzen, andere hatten Kreislaufprobleme. Er spürte nichts dergleichen, er hatte den ganzen Tag vor sich hin gedöst. Seine Lebensgeister erwachten erst, wenn andere erschöpft in den Schlaf sanken. Er blinzelte einige Male, um sich zu vergewissern, dass die Nacht hereingebrochen war. Die Luft war immer noch warm und drückend schwül, der Himmel wolkenverhangen. Ein Gewitter kündigte sich an. Noch war davon weder etwas zu sehen noch zu hören, doch er spürte es bis in die letzte Faser seiner Glieder. Er mochte Gewitter nicht sonderlich. Nicht aus Angst, das musste an dieser Stelle ausdrücklich betont werden. Doch wenn der Regen auf den Boden prasselte, es blitzte und donnerte, verkrochen sich sämtliche Nagetiere in den Schutz ihrer Bauten. Und das war ziemlich ärgerlich für ihn. Es bedeutete, dass er keine Beute machen würde.

Der alte Kauz plusterte sich auf und schüttelte den Rest Schlaf aus seinen Federn. Er breitete die Flügel aus und stieß sich vom Ast ab, um sich in die Lüfte zu erheben und sein Revier auf der Suche nach ein paar vorwitzigen Mäusen abzusuchen. Im Gebüsch links neben der großen Eiche raschelte es vernehmlich. Zu laut für eine Maus, vielleicht ein Kaninchen mit Albträumen. Doch es war kein Kaninchen. Es handelte sich nicht einmal um ein Tier, das diese Geräusche verursachte. Eigentlich logisch, denn Tiere waren nicht derart unvorsichtig, mit solch einem Radau Feinde auf sich aufmerksam zu machen. Insbesondere nicht in der Stille der Nacht. Der alte Kauz beobachtete drei Gestalten, die geduckt durch das Dickicht liefen. Ihm entfuhr ein verärgertes ›Schuhu‹, und er landete auf einem der unteren Äste der dicken Eiche, um die Lage näher in Augenschein zu nehmen.

Normalerweise verirrten sich um diese Zeit keine menschlichen Wesen in seinen Wald. Bis auf diejenigen, die neuerdings mit kleinen Geräten in der Hand irgendwelchen blinkenden Dingern folgten und nach verborgenen Schätzen gruben, die ein anderer für sie versteckt hatte. Und natürlich die Jäger mit ihren Knallstangen, aber die hielten sich um diese Jahreszeit zurück. Diese drei jedoch schienen etwas anderem nachzujagen, denn sie waren nicht zum ersten Mal hier. Schon seit einigen Tagen drückten sie sich in seinem Wald herum. Immer spätabends oder nachts. Na ja, vielleicht auch tagsüber, aber das bekam er nicht mit. Ihr Interesse galt dem halb verfallenen Holzverschlag, der die meiste Zeit über verwaist dalag. Ab und an tauchte ein Mann auf, der in der Hütte übernachtete. Weshalb auch immer. Den Kauz hätten keine zehn Pferde dazu bewegen können, in dem Unterschlupf sein Lager aufzuschlagen, modrig und muffig wie es dort roch. Manchmal verstand er die Menschen nicht. Präzise gesagt verstand er sie nie.

Wenn der Mann da war, wurde es im Wald unruhig. Nicht nur wegen seines hyperaktiven Dackels, der ihn stets begleitete. Nein, der Mann war überdies im Besitz einer dieser Knallstangen, wie sie die Jäger benutzten. Diese Dinger, aus denen metallene Kugeln wie ein Blitz mit gleichzeitigem Donnerhall herausschossen. Wurde man von ihnen getroffen, fiel man tot um. Im Fall dieses Mannes jedoch war der Begriff Jäger zu hochgestochen gewählt, denn er durchstreifte mit seiner Knallstange zwar den Wald und knallte tatsächlich auch damit, nur traf er nie etwas. Außer vielleicht einen armen Baum, der nicht schnell genug ausweichen konnte. Bäume waren dahingehend eher schwerfällig. Ärgerlich war das Geballer trotzdem. Dem Kauz klingelten jedes Mal die Gehörgänge. Die Wildkaninchen, ansonsten eher scheue Zeitgenossen, lachten sich hinter dem Rücken des Menschenmannes kaputt. Einige übermütige Rammler machten sich gar einen Spaß daraus, ihm vor die Knallstange zu laufen, um im letzten Moment beiseite zu springen. Das schien in Kaninchenkreisen eine Art Mutprobe zu sein. Der zappelige, übereifrige Dackel trug auch nicht dazu bei, Beute zu machen. Das Tier war so dämlich, das erschnüffelte nicht mal seinen eigenen Schwanz. Eher noch verscheuchte es die anderen Tiere mit seinem permanenten Gekläff, als sie in die Enge zu treiben. Alles in allem waren die beiden lästig, aber ungefährlich.

Aus welchem Grund diese drei Jungen sich nun ebenfalls ermuntert fühlten, hier herumzutrampeln, stand indes auf einem anderen Eichenblatt. Irgendetwas schienen sie auszuhecken. Sie schlichen auf die Hütte zu, blickten sich immer wieder nach allen Seiten um und lauschten in die Dunkelheit. Der alte Kauz hätte ihnen gern gesagt, dass der Lärm, den sie dabei machten, selbst einen Bären aus dem Winterschlaf reißen würde, doch leider beherrschte er weder die menschliche Sprache, noch gab es in dieser Gegend Bären. Bären kannte er lediglich aus den Erzählungen seiner Mutter, die sie wiederum von ihrer Mutter hatte. Und die hatte sie … Das führte jetzt zu weit. Er hoffte, die Jungen würden sich bald wieder davonmachen, denn mit ihrem Geraschel verschreckten sie sein Futter. Er flatterte einige Male über ihre Köpfe hinweg, in der Hoffnung, sie mit seinen gefährlichen Tiefflügen zu vertreiben. Natürlich interessierten sie sich nicht die Bohne für ihn. Einer von ihnen, ein dicker, pausbäckiger Lockenkopf, schaute nur kurz in seine Richtung und ignorierte ihn dann. Der Kauz war niemand, der den Menschen Angst einflößte.

Die Jungen waren mittlerweile bei der Hütte angelangt. Sie duckten sich unter dem kleinen Fenster und versuchten, einen Blick ins Innere zu erhaschen. Der alte Kauz ließ sich auf dem Ast eines nahegelegenen Baums nieder, neugierig geworden, was die drei vorhatten. Sie versuchten gar nicht erst, durch die Tür ins Innere zu gelangen. Der größte von ihnen hebelte das Fenster auf und kletterte hindurch. Der Pausbäckige folgte ihm, stellte sich allerdings weitaus weniger geschickt an als sein Freund. Es krachte, als fiele ein Baum tot um. Der Kleine mit dem bleichen Gesicht blieb draußen stehen und zitterte. Ob er vor Kälte oder vor Angst so laut mit den Zähnen klapperte, vermochte der Kauz nicht zu sagen. Obwohl es die Kälte nicht sein konnte, bei den Temperaturen. Also Angst. Memme!

Der Kauz schnalzte tadelnd mit der Zunge und umflog das Haus bis zu einem weiteren Fenster an einer Seitenwand. Er ließ sich auf dem Sims nieder und lugte hinein, um zu ergründen, was die beiden anderen drinnen trieben. Jagten sie verborgenen Schätzen nach? Eher nicht, es gab in der Hütte nichts, das sich zu stehlen lohnte. Mit langen Stäben, an deren Enden eine Art kleine Sonne schien, fuchtelten sie herum, um Licht im Raum zu verbreiten. Seltsame Dinge besaßen die Menschen. Vielleicht waren es gefangene Glühwürmchen, die da leuchteten, das war eine Möglichkeit. Eine, die dem Kauz einleuchten wollte. Während der größere der Jungen das windschiefe Regal inspizierte, nahm der Dicke sich die Feuerstelle vor. Darauf bereitete der Mann sich seine mitgebrachte Beute zu. Auch etwas, das der alte Kauz so gar nicht begreifen mochte. Nicht allein, dass die Menschen verwesendes Fleisch aßen, das taten einige Tiere auch. Aasfresser, die zu faul waren selbst zu jagen, und sich an dem gütlich taten, was andere übrig ließen. Aber die Menschen verbrannten das Fleisch obendrein über einem Feuer oder warfen es in kochendes Wasser. Als sei das Tier nicht schon tot genug. Allein der Gedanke an den Geruch von brennendem Fleisch ließ den Kauz würgen. Er schüttelte sich angewidert, bevor er sich wieder den beiden Menschen in der Hütte widmete.

Der dicke Junge sagte etwas zu seinem Freund, der mit den Schultern zuckte. Der alte Kauz verstand zwar nicht, was die beiden sprachen, konnte aber ihre Ratlosigkeit an den Gesichtern ablesen. Ratlosigkeit und Frustration. Was auch immer sie suchten, sie schienen es nicht zu finden. Weil es dort eben nichts zu finden gab. So langsam sollte es ihnen doch mal wirklich dämmern. Er beschloss, die Jungen ihrem seltsamen Treiben zu überlassen und endlich etwas gegen das Knurren in seinem Magen zu unternehmen.

Der Kleine hatte sich inzwischen auf die Rückseite des Hauses zurückgezogen und starrte angestrengt in die Nacht. Wenn er als Beobachtungsposten zurückgelassen worden war, machte er einen verdammt schlechten Job. Der Kauz jedenfalls hatte die Schritte, die sich der Behausung durch das hoch gewucherte Gras näherten, längst vernommen. Bei dem Geklapper seiner Zähne war es jedoch kein Wunder, dass der Menschenjunge sie nicht hörte. Oder er rechnete einfach nicht damit, dass jemand zu dieser späten Stunde auftauchen würde. Der Kauz war selbst überrascht. Doch genauso war es.

Der Mann war inzwischen nahe genug bei seiner Unterkunft angelangt, um den Jungen, der da bei seiner Hütte stand und Löcher in den Wald stierte, zu bemerken. Er zog langsam die Knallstange von seiner Schulter und gab seinem dämlichen Dackel ein Zeichen, still zu sein. Das Vieh ließ die Zunge heraushängen und wedelte eifrig mit dem Schwanz. Überraschenderweise hielt es tatsächlich die Schnauze. Der alte Kauz fühlte sich aus einem Grund, den er selbst nicht verstand, verpflichtet, den Jungen, der immer noch nichts von dem Ungemach ahnte, das sich ihm von hinten näherte, zu warnen. Mit einem eindringlichen ›Schuhu‹ umflatterte er das zitternde Knäblein, das sofort erschrocken loskreischte und nach dem Vogel schlug, als sei er die drohende Gefahr. Dämliches Menschenkind.

Der Mann hatte die momentane Verwirrung für sich genutzt und stupste den Jungen mit seiner Knallstange von hinten in den Rücken. Der Knabe fuhr herum und hob augenblicklich die Arme in die Höhe, die Augen vor Angst geweitet. Der Mann machte mit seiner Knallstange eine undefinierbare Bewegung, doch der Knabe begriff, drehte sich um und ging langsam, die Hände immer noch in die Luft gestreckt, um die Hütte herum in Richtung Tür. Offenbar hatte es ihm die Sprache verschlagen, denn er gab keinen Mucks von sich. Der Mann zog mit einer Hand einen kleinen silbernen Gegenstand aus der Jackentasche, während er mit der anderen die Knallstange auf den Jungen gerichtet hielt. Er reichte dem bibbernden Bündel Mensch den Gegenstand und deutete auf das kleine Loch in der Mitte der Tür. Dann legte er einen Zeigefinger an die Lippen. Mit zitternden Fingern schob der Junge den Gegenstand in das Loch und drehte ihn.

Da er nichts weiter tun konnte, hockte der Kauz sich wieder auf seinen Beobachtungsposten, während die beiden Menschen die Hütte betraten. Die Jungen im Inneren schraken zusammen und hoben ebenfalls die Arme. Warum taten sie das? War das eine Art geheimes Zeichen? Der Kauz saß auf dem Sims des Fensters und wartete gespannt, ob der Mann die Knallstange benutzen würde. Gegen seine eigene Spezies? Menschen war alles zuzutrauen. Plötzlich vernahm er hinter sich empörtes Bellen. Der Dackel – den hatte er völlig vergessen – stand, wie aus dem Boden gewachsen, hinter ihm und nahm ihn ins Visier, statt sich um die Eindringlinge zu kümmern. Der Hund war in der Tat das dümmste Tier, das ihm je untergekommen war. Hunde eben. Was konnte man schon von Tieren erwarten, die sich einem Menschen bedingungslos unterordneten und alles taten, um ihrem Herrn zu gefallen? Genau – nichts.

Der Kauz warf ihm einen mitleidigen Blick zu und flatterte davon. Der Hund folgte ihm einige Meter, gab aber auf, als ihm klarwurde, dass er keine Chance hatte, den Vogel zu erwischen. Der alte Kauz flog einigermaßen frustriert zurück zu seinem Bau. Die Hoffnung, in dieser Nacht noch etwas Essbares zu ergattern, konnte er getrost begraben. Wenigstens war es hier ruhig.

Ein Donnerhall zerriss die Stille der Nacht, und der Kauz fiel vom Ast.

Sonntag, 6. Februar 2011

1

Wann genau sein Leben angefangen hatte, diese beschissene Wendung zu nehmen, vermochte Freddie im Nachhinein nicht mehr zu sagen. War es der Tag gewesen, an dem er Kretsche zum ersten Mal begegnet war? Oder hatte es schon früher begonnen? Er wusste es nicht. Irgendwann hatte er an einer Abzweigung den falschen Weg eingeschlagen. Anstatt rechts abzubiegen, war er nach links gegangen und immer weiter gelaufen, selbst als er erkannte, dass dieser Weg nirgendwohin führte außer geradewegs in den Abgrund. Und nun gab es nur noch diese eine Richtung, eine rettende Abzweigung kam nicht in Sicht. Sich umzudrehen und zurückzugehen war keine Option, die er in Betracht zog, er war bereits zu weit gegangen. Da erschien ihm der Abgrund beinahe verlockender.

Mittlerweile hatte er sich mit dem derzeitigen Zustand arrangiert. Was blieb ihm anderes übrig? Hin und wieder schluckte er ein paar Pillen, um sich in jenen nebulösen Traumzustand zu versetzen, der einem vorgaukelte, das Leben könne schöner nicht sein. Freddie lächelte bitter. Aus dem Hin und Wieder war eher ein Dauerzustand geworden. Eigentlich lebte er ausschließlich dafür, sich die nächste Dosis einwerfen zu können. Für die kurze Zeit des Rausches. Das anschließende Erwachen war umso schlimmer. Davon stand natürlich nichts auf dem Beipackzettel. Da stand eigentlich gar nichts, denn zu den Pillen, die inzwischen die Herrschaft über seinen Körper und vor allem seinen Geist übernommen hatten, gab es keinen Beipackzettel. Kein: Zu Risiken und Nebenwirkungen … Das musste man schon selbst herausfinden. Doch wenn man es herausgefunden hatte, war es zu spät. Dann gab es kein Zurück mehr. Die falsche Abzweigung …

Der alte Mann, den alle nur Professor riefen, musste ebenfalls vom rechten Weg abgekommen sein, auch wenn er den Eindruck erweckte, als habe er sein Schicksal freiwillig gewählt. Er mochte es sich erfolgreich eingeredet haben, um sich ein letztes bisschen Würde zu bewahren. Freddie hingegen glaubte nicht daran, dass jemand aus freien Stücken auf der Straße lebte. Das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit hielt genau so lange an, bis der erste Nachtfrost einsetzte. Aber der Alte schien ein Meister darin zu sein, sich das Leben schönzureden. Sich nun aber zu erdreisten, Einfluss auf Freddies Leben nehmen zu wollen, ging entschieden zu weit. Freddie brauchte keinen Vater, der ihm vorschrieb, was er zu tun und zu lassen hatte. Hatte nie einen gebraucht. Nie einen gehabt, um genau zu sein. Er empfand kaum etwas anderes als Wut auf seinen Erzeuger, der sich einen Dreck um seinen Sohn scherte. Genau wie alle anderen. Die sollten sich ihre wohlgemeinten Ratschläge sonst wohin stecken. Insbesondere, wenn sie selbst nicht mehr als eine gescheiterte Existenz vorweisen konnten.

Freddie hatte früh lernen müssen, auf eigenen Beinen zu stehen. Seine Mutter war zu beschäftigt mit ihren diversen Jobs, mit denen sie versuchte, sich und ihren unerwünschten Sohn über Wasser zu halten, als dass sie sich um ihn hätte kümmern können. Oder wollen. Denn selbst wenn sie nicht arbeitete, tendierte ihr Interesse an Freddie gegen Null. Lieber zog sie mit ihren zahlreichen Männerbekanntschaften um die Häuser, immer in der Hoffnung, den einzig Wahren zu finden. Den Prinzen auf dem weißen Ross, der sie aus ihrem elenden Dasein erlöste und in sein Schloss mitnahm. Doch das geschah nicht. Sie taugte schlicht nicht zur Prinzessin. Den Schuldigen an diesem Schlamassel hatte sie schnell ausgemacht. Ihr Sohn hing wie ein Mühlstein um ihren Hals, ein Fluch, der ihr ein glückliches Märchenende verwehrte und den sie, trotz aller Anstrengung, nicht loswurde. Dabei war Freddie redlich bemüht, sich in Gegenwart seiner Mutter möglichst unsichtbar zu machen. Offenbar reichte es nicht aus.

Er kannte also das Gefühl, unwillkommen zu sein. Doch dass ein selbsternannter Wächter für Recht und Ordnung beschlossen hatte, ihn aus dem Luisenviertel zu vertreiben, wenn er nicht lernte, sich an die Regeln zu halten, brachte das ohnehin fragile Fass, in dem Freddie saß, zum Überlaufen. Was berechtigte den Alten, darüber bestimmen zu dürfen, wer auf diesen heiligen Straßen wandeln durfte und wer nicht? Es waren nicht seine Straßen. Das würde Freddie ihm heute unmissverständlich klarmachen. Für ihn galten andere Regeln.

Er wusste, wo der Penner sein Lager aufgeschlagen hatte. In einer stillen Ecke im Deweerthschen Garten, der grünen Oase des Luisenviertels. Doch als Freddie dort ankam, sah er gerade noch, wie der Professor im Durchgang zur Friedrich-Ebert-Straße verschwand. Machte die Knalltüte sich etwa wieder auf einen seiner sogenannten Patrouillengänge, um den nächsten unliebsamen ›Mitbewohner‹ zu verjagen? Da hatte Freddie endlich genug Mut angesammelt, sich seinen Widersacher vorzuknöpfen, und nun schickte der sich an, ihm einfach so durch die Lappen gehen zu wollen. Ehe sich die Wirkung der Tabletten und damit auch seine mühselig zusammengekratzte Courage wieder ins Nirgendwo verabschieden konnten, folgte Freddie dem Mann, der die Straße in Richtung Innenstadt entlanglief. Offenbar hatte er es ziemlich eilig. Hatte er ein Rendezvous?, fragte sich Freddie. Unwahrscheinlich.

Die Schritte des alten Mannes wurden schneller, jetzt hob er den Arm und wedelte mit einem Stück Papier in seiner Hand. Im Schatten der Häuser hastete Freddie ihm hinterher. Der Alte kraxelte ein paar Stufen zu einem Hauseingang empor. Freddie hörte ihn irgendetwas rufen, dann verschwand der Professor in einem Laden. Seit wann hatten die Geschäfte sonntagabends geöffnet? Freddie näherte sich dem Haus und lugte neugierig durch das Schaufenster, die Hände auf die Scheiben gelegt. Eine Buchhandlung. Und sie war voller Menschen. Was war denn hier los? Gab es hier was umsonst? Freddie ging zur Tür, die soeben von einer blonden Frau geschlossen wurde. Vor seiner Nase. Man sperrte ihn aus. Er war nicht willkommen. Wieder einmal. Er donnerte frustriert mit der Faust gegen die Tür und erntete einen wütenden Blick der Blonden, die tadelnd den Kopf schüttelte. Blöde Kuh!

Ruhig bleiben, mahnte er sich selbst. Nur nicht auffallen. Irgendwann musste der Alte ja wieder rauskommen. Freddie hatte alle Zeit der Welt. Auf ihn wartete niemand.

* * *

»Da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen«, keuchte der alte Mann, den im Luisenviertel alle nur Professor nannten, und grinste Cordula Siebert an.

Cordula nahm die Eintrittskarte, die er ihr entgegenhielt, und ließ den Professor passieren, der sich mit eingezogenem Bauch durch die letzte Reihe quetschte, um den einzig verbliebenen freien Platz zu ergattern. Dabei fegte er mit seinem großen Rucksack fast einen anderen Gast vom Stuhl.

»Verzeihen Sie, junger Mann«, meinte der Professor, drehte sich umständlich um die eigene Achse und tastete mit beiden Händen die Schultern des Mannes ab, um sicherzugehen, dass dieser unverletzt geblieben war.

Der Mann lächelte gequält und rückte mit seinem Stuhl ein Stück nach hinten, um den alten Herrn inklusive Rucksack vorbeizulassen. Cordula lächelte ihm entschuldigend zu, während sie die Tür schloss, doch der Mann bemerkte es nicht. Er war damit beschäftigt, dem Professor unauffällig hinterherzublicken. Draußen schlug jemand gegen das Glas der Eingangstür. Cordula wandte sich um und warf dem Jungen kopfschüttelnd einen strengen Blick zu. Der junge Mann bedachte sie mit einem wütenden Funkeln in den Augen, trat jedoch den Rückzug an. Sie hätte ihn ohnehin nicht hereingelassen. Randalierer hatten hier nichts verloren. Der kleine Verkaufsraum der Krimibuchhandlung mit dem schönen Namen ›Mördergrube‹ war bis auf den letzten Platz besetzt und platzte aus allen Nähten.

Unterdessen hatte Sophie Liebermann, stolze Mitinhaberin der Mördergrube, die improvisierte Bühne betreten, um die Gäste willkommen zu heißen. Sie als nervös zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des noch jungen Jahres. Dabei war dies bei Weitem nicht die erste Lesung, die hier stattfand. Doch normalerweise überließ Sophie die Vorstellung des jeweiligen Autors ihrem Partner Robert Werbeck. Zu ihrem Entsetzen war er ausgerechnet heute von einer schlimmen Erkältung heimgesucht worden, die ihm das Reden nahezu unmöglich machte. Wesentlich mehr als ein heiseres Krächzen brachte er nicht zustande.

Cordula hielt beide Daumen hoch, um ihre beste Freundin aufzumuntern. Sie wusste nur zu gut, wie sehr Sophie es hasste, vor Publikum sprechen zu müssen. Schon in der Schule hatte sie Blut und Wasser geschwitzt, wenn sie gezwungen war, ein Referat zu halten. Völlig unvorbereitet ins kalte Wasser geworfen zu werden, ließ Sophie vor Angst gewiss beinahe in die Hose pinkeln, selbst wenn die meisten der Anwesenden Stammkunden waren, mit denen sie an normalen Tagen munter schwatzte.

»Meine Damen und Herren, ich freue mich, Sie heute Abend hier begrüßen zu dürfen. Sicherlich sind Sie ebenso gespannt wie ich auf Martin Jäger, der uns aus seinem neuen Werk ›Das letzte Opfer‹ vorlesen wird«, begann die Buchhändlerin mit zitterndem Stimmchen.

Cordulas Blick schweifte in Richtung des kleinen Aufenthaltsraums der Buchhandlung, wo Martin Jäger hinter dem Vorhang stand und durch einen Spalt lugte, um seinen großen Auftritt nicht zu verpassen. Bei ihm war keine Spur von Lampenfieber zu erkennen. Im Gegenteil, er schien es kaum erwarten zu können, sich im Licht der nicht vorhandenen Scheinwerfer zu sonnen.

Sophie räusperte sich, um dann mit ihrer improvisierten Rede fortzufahren.

»Ich will Sie nicht mit langen Ansprachen auf die Folter spannen.« Prima Idee, um dieser peinlichen Situation möglichst schnell zu entkommen. »Bitte begrüßen Sie mit einem herzlichen Applaus den erfolgreichen Krimiautor und gebürtigen Wuppertaler Martin Jäger.«

Unter tosendem Beifall schob Martin Jäger den roten Vorhang beiseite und betrat die improvisierte Bühne, die Hände aneinandergelegt und sich bescheiden verbeugend. Eine Bescheidenheit, die, so wusste Cordula, genauso falsch war wie sein Lächeln. Er bedachte Sophie mit einem Kuss auf die Wange, winkte freundlich ins Publikum und ließ sich in dem Rattansessel nieder, der neben einem kleinen Tisch stand, auf dem sein Manuskript schon bereitlag.

* * *

Der Schnee fällt in dichten Flocken zu Boden. Der Winter ist eingekehrt, eben noch rechtzeitig, um den Menschen die ersehnte weiße Weihnacht zu bescheren. Ringsum ist die Landschaft in einen Berg aus Zuckerwatte getaucht. Es ist ungewöhnlich still, selbst für diese späte Stunde. Normalerweise hört man den Lärm der Großstadt bis hier draußen. Doch heute verschluckt der Schnee sämtliche Geräusche. Und bei diesem Wetter bleiben die Leute lieber daheim, um das heftige Treiben vom Fenster in der warmen Stube aus zu beobachten, anstatt einen Fuß vor die Tür zu setzen. Morgen früh wird sich das ändern, wenn die weiße Pracht die Kinder aus dem Haus lockt. Sie werden Schlitten fahren, eine Schneeballschlacht veranstalten und Schneemänner bauen.

Ich mache mir nichts aus Schnee. Ich mache mir auch nichts aus Weihnachten. Das ganze Jahr über wird gestritten und am Ende sitzt man mit Tränen der Rührung in den Augen unterm Weihnachtsbaum, hält sich an den Händen und singt kitschige Lieder zur Blockflöte. Als sei nie ein böses Wort gefallen. Nur um im nächsten Jahr wieder von vorn anzufangen.

Im Schutz der großen Tanne stehend, beobachte ich das Haus. Hinter dem hell erleuchteten Küchenfenster kann ich die Frau sehen, die damit beschäftigt ist, Plätzchen zu backen. Zimtsterne, Vanillekipferl und Spritzgebäck wie in jedem Jahr. Beinahe bedaure ich es, dass sie das Weihnachtsfest nicht mehr erleben wird. Oder besser formuliert: Ich würde es bedauern, wenn ich zu so etwas wie Mitgefühl fähig wäre. Doch das bin ich nicht. Emotionen dieser Art sind mir fremd.

Sicher, ich habe es mit den Jahren perfektioniert, Empfindungen vorzutäuschen. Ich habe die Mimik und Gestik normaler Menschen akribisch studiert und begonnen, sie nachzuahmen, bevor irgendjemandem auffallen kann, dass ich ganz und gar nicht normal bin. Ich bin anders als andere, das habe ich schon früh gemerkt. Habe ich am Anfang noch versucht zu sein wie sie, erkannte ich eines Tages die Sinnlosigkeit meiner Bemühungen. Ich bin eben nicht wie die anderen; ich bin besser. Und weil das so ist, gilt es, nicht jeden hinter die Fassade meiner Andersartigkeit blicken zu lassen. Es gibt genügend Kleingeister, die mein geniales Talent nicht akzeptieren würden. Die mich verurteilen würden, wüssten sie um die einzigartige Gabe, mit der ich gesegnet bin. Mittlerweile beherrsche ich die Kunst der Maskerade nahezu perfekt. Nahezu.

Die Frau, die gerade so fleißig Kekse backt, ist die einzige, der ein Blick hinter die Fassade meines Lebens gelungen ist. Mir ist ihr entsetzter Blick an jenem Abend nicht entgangen, als ihr klarwurde, wer ich tatsächlich bin. Was ich tatsächlich bin. Sie hat versucht, den Schock durch aufgesetzte Fröhlichkeit zu überspielen, doch ist sie nicht annähernd so gut im So-tun-als-Ob wie ich. Seither verfolgt sie mich mit ihren argwöhnischen Blicken, darauf lauernd, etwas zu finden, das ihre Vermutung untermauert. Denn mehr als das ist es bislang nicht, nur eine Vermutung. Was ihr fehlt, ist ein Beweis, der es ihr ermöglicht, mich der Gerichtsbarkeit auszuliefern. Ich gedenke nicht, es so weit kommen zu lassen.

Eigentlich fällt sie nicht in mein Beuteschema, doch in diesem Fall werde ich eine Ausnahme machen. Machen müssen, wenn ich am Ende nicht doch noch auffliegen will, denn sie lässt einfach nicht locker in ihren Bestrebungen, mich zu überführen.

Es ist denkbar einfach gewesen, an den Schlüssel zu ihrem Haus zu gelangen. Schließlich bin ich der beste Freund ihres Sohns. Eine Kopie des Schlüssels zu dessen Wohnungstür habe ich schon vor langer Zeit anfertigen lassen. Wer weiß, wozu so etwas nützlich werden kann. Nun weiß ich es. Um unbemerkt eindringen und dem Bewohner ein nicht nachweisbares Betäubungsmittel in die Flasche Korn kippen zu können. Ich weiß, wie sehr mein Freund seit der Trennung von seiner Frau mit seinem Alkoholproblem zu kämpfen hat, schließlich muss ich mir dessen besoffenes Gejammer tagein, tagaus anhören. Doch auch das lasse ich mit stoischer Gelassenheit über mich ergehen, in der Gewissheit, irgendwann meinen Nutzen daraus zu ziehen. Die Schwächen der Menschen sind einfach wunderbar. Sie eröffnen mir immer wieder ungeahnte Möglichkeiten. Nun liegt mein Freund arglos in seinem Bett und schläft seinen Rausch und die Wirkung des Betäubungsmittels aus. Das Erwachen wird kein fröhliches sein.

Martin Jäger senkte die Stimme zu einem diabolischen Flüstern. Die Zuhörer hingen an seinen Lippen. Der Autor genoss die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, sichtlich. Cordula ließ den Blick durch die Menge schweifen und musste zugeben, dass er es verstand, die Leute in seinen Bann zu ziehen. Im Erfinden von Geschichten war er schon immer ein Meister gewesen, und auch darin, Lügen als Wahrheit zu verkaufen. Der Typ, dem der Professor seinen Rucksack um die Ohren gehauen hatte, saß da mit ungläubigem Erstaunen auf dem Gesicht, als könne er nicht fassen, was er da hörte. Na ja, so gut war die Geschichte nun auch wieder nicht. Der Professor lächelte ihr zu und schüttelte unauffällig den Kopf. Offenbar war er derselben Meinung wie sie. Sie lächelte zurück und zuckte mit den Schultern.

Ich warte eine halbe Stunde, um sicherzugehen, dass die Bewohnerin des Hauses auch wirklich zu Bett gegangen ist. Die Sicht ist nach wie vor schlecht, aber ich kann immerhin erkennen, dass alles dunkel bleibt. Also verlasse ich meine Deckung und mache mich auf den Weg. Sorgen um etwaige Spuren, die ich hinterlasse, mache ich mir nicht. Es schneit noch immer heftig, und es sieht nicht so aus, als würde sich daran in den nächsten Stunden etwas ändern. Da werden kaum Spuren zurückbleiben. Außerdem nutzen Schuhabdrücke nur dann etwas, wenn man eine Vergleichsmöglichkeit hat.

Vorsichtig schleiche ich um das Gebäude herum und werfe einen Blick auf die Straße. Keine Menschenseele ist zu sehen. Alle haben sich in ihren warmen Häusern verkrochen. Es ist dunkel, abgesehen von den Straßenlaternen, und selbst die haben Mühe, ihr Licht durch die dicht an dicht fallenden Flocken zu verbreiten. Ich nähere mich dem Hauseingang und ziehe den Schlüssel aus der Tasche meiner schwarzen Daunenjacke. Meine Hände zittern. Erst jetzt bemerke ich, wie durchgefroren ich bin. So leise wie möglich schließe ich die schwere Eingangstür auf. Sie quietscht ein wenig. Ich halte den Atem an und lausche mit klopfendem Herzen, ob das Geräusch die Bewohnerin geweckt hat. Doch es bleibt ruhig. Rasch schlüpfe ich hinein und drücke behutsam die Tür ins Schloss. Ich ziehe meine Stiefel aus, nicht aus Höflichkeit, sondern um jedes noch so kleine Geräusch zu vermeiden. Auf Socken schleicht es sich einfach leiser die Treppe hinauf. Ich muss unbedingt daran denken, dass die vorletzte Stufe knarzt. Das war schon früher so, als ich mit meinem Freund durch das Haus tobte und sämtliche Räume von unserem hellen Kinderlachen erfüllt waren. Es ist lange her, seit ich so gelacht habe, und schon damals war es aufgesetzt. Eine Tarnung, um meine Umgebung nichts von der Finsternis in meiner Seele erahnen zu lassen.

Ich ziehe das Jagdmesser aus der Scheide, die an meinem Gürtel befestigt ist. Nicht meine bevorzugte Waffe, aber eine alternde Frau gehört auch nicht zu meinen bevorzugten Opfern. Außerdem ist es meine Aufgabe, eine unliebsame Mitwisserin auszulöschen und nicht, die Polizei darauf hinzuweisen, dass der Serienmörder, den sie seit Jahren verzweifelt sucht, im Bekanntenkreis des jüngsten Opfers zu finden ist. Ich habe darüber nachgedacht, einen Revolver zu verwenden, doch erstens fürchte ich, man könne die Waffe, selbst wenn ich sie auf dem Schwarzmarkt erwerbe, zu mir zurückverfolgen, und zweitens ergibt sich das Problem mit den Schmauchspuren. Selbst wenn es mir gelingt, die Fingerabdrücke meines Freundes auf dem Revolver zu platzieren, würde die Polizei feststellen, dass er nicht geschossen haben kann, weil die verdammten Schmauchspuren fehlen. Nein, ein Messer ist die beste aller Lösungen. Zumal ich es im Schrank meines Freundes entdeckt habe. Ebenso wie das Nachtsichtgerät, das nun die obere Hälfte meines Gesichts verdeckt. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wofür mein Freund ein Nachtsichtgerät benötigt, aber in diesem Fall kann es sich als hilfreich erweisen.

Auf Zehenspitzen erklimme ich Stufe um Stufe ins Obergeschoss. Ich spüre das leise Kribbeln der Vorfreude, wie jedes Mal, wenn ich kurz davorstehe, dem Leben eines Menschen ein Ende zu setzen. Dieses Gefühl der Allmacht ist unvergleichlich. Und es ist das einzige Gefühl, zu dem ich fähig bin.

2

Martin Jäger saß an dem kleinen Tisch in der Leseecke und signierte seine Bücher, während Robert Werbeck hinter der Ladentheke eifrig einen Kunden nach dem anderen bediente. Wenn er schon nicht sprechen konnte, dann konnte er wenigstens die Kasse klingeln lassen. Der Abend hatte sich vollauf gelohnt. Fast jeder Besucher kaufte ein Exemplar von ›Das letzte Opfer‹, um sich anschließend ein Autogramm beim Autor persönlich abzuholen. Da konnte man durchaus selbst ein Opfer bringen, auch wenn man kurz vor dem Ableben stand. Ein letztes Opfer sozusagen, um beim Thema des Abends zu bleiben.

Sophie Liebermann schüttelte einigen ihrer Stammkunden, die ihr zu diesem gelungenen Abend gratulieren wollten, die Hände. Cordula Siebert stand mit Ben, Sophies Ehemann, hinter einer improvisierten Bar und schenkte Sekt und andere Getränke aus.

»Meine Güte, ich hab das Gefühl hier sind mindestens tausend Leute«, stöhnte Ben und wischte sich rasch mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

»Warum ist Carsten eigentlich nicht gekommen?«, wollte Cordula wissen.

Sie hatte insgeheim gehofft, Sophies Bruder heute Abend hier zu sehen. Schon als Teenager hatte sie für ihn geschwärmt und Ende letzten Jahres hatte es heftig zwischen ihnen geknistert. Doch irgendwie war das Knistern im Sande versickert, was nicht zuletzt an Sophie lag, die, ob der drohenden Liaison zwischen ihrer besten Freundin und ihrem Bruder, nicht eben euphorisch gestimmt war. Dennoch schlug Cordulas Herz jedes Mal höher, wenn sie nur an Carsten Kantner dachte. Gefühle ließen sich nicht so einfach abstellen. Wenn es knisterte, dann knisterte es.

»Er interessiert sich nicht für Krimis«, erklärte Ben die Abwesenheit seines Schwagers. »Liegt wohl an seinem Beruf.«

»Na ja, er war nie sonderlich begeistert von Martin«, fiel ihr ein.

»Wieso das?«, wollte Ben wissen, obwohl er die Antwort bereits ahnte. Auch er war nicht aus dem Häuschen gewesen, als seine Frau den Kontakt zu ihrer ersten großen Liebe Martin Jäger wieder hatte aufleben lassen, Krimiautor hin oder her.

»Martin war nicht gerade das, was man einen guten Fang nennt«, erklärte Cordula. »Er ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, weil seine eigenen nicht mit ihm fertigwurden, und war ziemlich schräg drauf. Ein Bad Boy, wie er im Buche stand. In einem schlechten Buch allerdings. Lange hat es nicht gedauert, bis er Sophie wegen einer anderen filmreif in den Wind schoss. Und da war Carsten dann erst recht sauer.«

Ben musste wider Willen grinsen. Seinem Schwager konnte man es nie recht machen. Er erinnerte sich, wie kritisch Carsten ihn selbst zunächst beäugt hatte. Sein Beschützerinstinkt war, wenn es um seine kleine Schwester ging, extrem ausgeprägt. Und das war maßlos untertrieben. Dieser Martin Jäger hatte sich mit Sicherheit Carstens ewigen Hass zugezogen, als er es wagte, sich erst ungefragt in Sophie zu verlieben, um sie dann binnen kürzester Zeit zu verlassen. Sollte der Schriftsteller jetzt erneut einen Platz in Sophies Leben einnehmen, stimmte das ihren Bruder gewiss alles andere als fröhlich. Genau wie Ben. Da konnte seine Frau ihm noch so treuherzig versichern, es handele sich ausschließlich um eine Geschäftsbeziehung. Die erste Liebe vergaß eine Frau nicht, hatte er mal gelesen. Und auch eine Geschäftsbeziehung war am Ende eine Beziehung.

Sophie trippelte in diesem Moment auf ihren hohen Absätzen ihrer ersten Liebe entgegen. Ein ungutes Gefühl ergriff Besitz von Ben. Hoffentlich erstreckte sich die Vorliebe seiner Gattin für Verbrechen jeglicher Art nicht auch auf Krimischriftsteller.

* * *

Sophie tippte Martin auf die Schulter. Der Autor war in ein Gespräch mit einem jungen Mann vertieft. Er wandte sich zu ihr um und lächelte sie erfreut an.

»Sophie, darf ich bekannt machen: Mein guter Freund, Thomas Hilbert«, stellte er den Mann vor, der in seiner abgewetzten Jeans und dem löchrigen Strickpulli ein wenig fehl am Platz wirkte. Unterhalb seines rechten Auges verlief eine etwa drei Zentimeter lange Narbe, die ihm das verwegene Aussehen eines Piraten verlieh.

»Freut mich«, meinte Sophie und schüttelte ihm die Hand. »Gehen Sie häufiger zu Martins Lesungen?«

»Wenn ich es einrichten kann«, erwiderte Thomas Hilbert höflich. »Ich bin normalerweise viel auf Reisen.«

»Klingt spannend.«

»Ach, geht so«, meinte er ausweichend und schien nach einem Fluchtweg Ausschau zu halten. Er war wohl kein großer Freund von Smalltalk.