Dieses Buch ist den Menschen gewidmet,
die Opfer von Gewalt wurden.
Karlheinz Gaertner
Sie kennen keine
Grenzen mehr
Die verrohte Gesellschaft
Erfahrungen eines Polizisten
orell füssli Verlag
© 2017 Orell Füssli Verlag AG, Zürich
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Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
ISBN 978-3-280-03991-5
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
Denn sie wissen, was sie tun!
An diesem Frühsommerabend befuhren Achim und ich als Zivilstreife die parallel zur S-Bahnlinie 41 verlaufende Saalestraße im Berliner Stadtteil Neukölln. Wir waren schon seit etwa sieben Stunden unterwegs, ohne dass es zu nennenswerten Einsätzen gekommen war, und langsam dachte ich an den Feierabend. Meine Gedanken schwebten in Richtung meines gemütlichen Heims, und mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich an die Spaghetti mit Meeresfrüchten dachte, die meine Frau Angelika mir für heute Abend angekündigt hatte.
Meine Vorfreude wurde durch Achims aufgeregte Stimme jäh unterbrochen: »Kalle, schau mal unauffällig nach rechts vorn. Laufen die drei Jugendlichen dem älteren Mann hinterher, der gerade das Pissoir kurz vor der Ecke zur Sonnenallee betritt?«
Tatsächlich, es sah genauso aus. Unmittelbar nachdem der ausgesprochen elegant gekleidete, geschätzt sechzig Jahre alte Mann dieses Alt-Berliner Toilettenhäuschen betreten hatte, folgten ihm die drei jungen Burschen. Dabei sahen sie sich vorher noch mal auffällig nach allen Seiten um.
»Die wollen den Alten überfallen!«, platzte es aus mir heraus, während Achim unser Auto an den Fahrbahnrand lenkte. Rasch verließen wir das Fahrzeug und näherten uns dem heruntergekommenen, mit rostigen grünen Eisenplatten verkleideten Urinal, einem Relikt aus Kaiserzeiten.
Wir hatten die Eingangstür fast erreicht, da wurde sie von innen geöffnet. Zwei der zuvor von uns beobachteten Jugendlichen verließen das Häuschen. »Die übernehme ich, geh du mal rein und schau, was dort los ist«, verkündete Achim entschlossen.
So soll es sein, dachte ich und öffnete leise die Tür, die inzwischen schon wieder zugefallen war. Ein beißender Uringeruch schlug mir entgegen und raubte mir fast den Atem. Auf Zehenspitzen schlich ich in den abgedunkelten Vorraum und von dort in die Örtlichkeit, in der sich die abgetrennten Holzkabinen befanden. Hier waren undefinierbare, schmatzende Geräusche zu hören. Im dämmrigen Licht dieses nicht sehr großen Raums sah ich etwas, das mir bis heute unvergesslich ist. Vor einer der vier Kabinen hockte der dritte Jüngling am Boden und hielt seinen Kopf ganz nahe an der mit Graffiti verunzierten Holztür. Geräuschlos trat ich näher, um besser sehen zu können. Sein Kopf befand sich, nein, er bewegte sich vor einem etwa dreißig Zentimeter großen Loch, das in das untere Drittel der Tür geschlagen worden war, immer vor und zurück. Ich wollte es nicht glauben, ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut loszuschreien. Dieser hockende Junge hatte doch tatsächlich das Geschlechtsteil eines Mannes im Mund, der offenbar hinter der geschlossenen Kabinentür vor dem Toilettenbecken stand oder hockte.
Ich bin an einiges gewöhnt, aber dieser Anblick verursachte bei mir doch einen leichten Schock. Einen Brechreiz unterdrückend zog ich mich mucksmäuschenstill zurück, um Achim zu holen. Er sollte diesen ersichtlichen sexuellen Missbrauch zur späteren Beweissicherung ebenfalls sehen. Die Personalien der beiden anderen Jugendlichen waren von ihm inzwischen aufgenommen worden, sodass wir sie auf der Straße stehen lassen konnten.
Gemeinsam betraten Achim und ich leise das Häuschen. Wir fanden die beschriebene Situation immer noch vor und beendeten sie abrupt. Zunächst forderte Achim den Jungen barsch auf, sich von der Tür zu entfernen und sich ruhig zu verhalten. Ich wiederum befahl dem in der Kabine befindlichen Kerl, sofort herauszukommen. Durch das relativ große Loch in der Tür konnte ich erkennen, wie er umständlich an seiner Hose herumnestelte, sie hochzog und anschließend die Tür entriegelte. Als er heraustrat, erkannte ich den älteren Mann, den wir vorhin in das Pissoir gehen sehen hatten. Während er mir auf meine Aufforderung hin halbwegs schamhaft seinen Personalausweis übergab, beleidigte der Junge meinen Kollegen Achim mit unflätigsten Ausdrücken und zeigte insgesamt ein extrem anmaßendes Verhalten. Erschreckt stellten wir kurz darauf anhand einer Personalienüberprüfung fest, dass dieser Rotzbengel gerade mal dreizehn Jahre alt war, also dem Gesetz nach noch ein Kind.
Während der Fahrt zum Polizeiabschnitt und auch bei der Anhörung war der Dreizehnjährige nicht dazu zu bringen, ein vernünftiges Wort mit uns zu wechseln. Nur einen Satz wiederholte er ständig: »Das ist doch normal!«
Wir nahmen den 56 Jahre alten Pädophilen fest und führten ihn einem Haftrichter vor. Obwohl er bereits mehrfach ähnlich in Erscheinung getreten war, wurde er kurz danach wieder entlassen, da ein Haftgrund nicht vorlag.
Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist ein Deliktsfeld, das mich während meiner Dienstzeit häufig beschäftigte und mich besonders berührte. Es mag schwer begreiflich sein, dass ich immer wieder von den häufig mit mangelndem Selbstbewusstsein ausgestatteten und meist auch seelisch angeschlagenen Missbrauchten den Satz entgegengeschleudert bekam: »Das ist doch normal!«
Offensichtlich versuchen sie damit ihr Tun zu entschuldigen, da ihnen im Unterbewusstsein durchaus klar zu sein scheint, dass das, was mit ihnen gemacht wurde, überhaupt nicht normal ist. Da es ihnen aber von den Missbrauchern gebetsmühlenartig als ein vollkommen normales Verhalten eingetrichtert wird und sie weder die vermeintliche emotionale Zuneigung noch die materiellen Zuwendungen verlieren möchten, befinden sie sich in einer ständigen seelischen Zwangslage.
Was als normal angesehen werden kann oder muss und was nicht, das ist eine Frage, mit der wir als Polizisten und Polizistinnen heute in vieler Hinsicht täglich konfrontiert sind. Manchmal stellt diese Frage unsere Toleranz auf eine harte Probe, manchmal führt sie uns auch an die Grenzen unserer psychischen Belastbarkeit. Und nicht immer ist sofort ersichtlich, wo die Grenzen zur strafbaren Handlung überschritten sind.
Ein ausgesprochen abscheulicher Fall von Kindesmissbrauch, mit dem ich immer wieder zu tun hatte und der mir auch besonders naheging, zog sich über mehrere Jahre hin. Am Anfang stand die Beobachtung einer kurzen Straßenszene, die in mir sofort einen vagen Verdacht erweckte.
Er stand mitten auf dem Gehweg der Hermannstraße: ein großer, breitschultriger und recht korpulenter Mann mit Glatze, der seine besten Jahre augenscheinlich schon hinter sich gelassen hatte. Eindringlich sprach er auf zwei Jungen ein.
Gemeinsam mit meiner Kollegin Sabine und meinem Kollegen Klaus befand ich mich auf Streife in unserem Neuköllner Abschnittsbereich 55. Im Vorbeifahren entdeckte ich das ungleiche Trio und machte die beiden anderen aufmerksam: »Habt ihr die drei dort gesehen, irgendetwas stimmt nicht mit denen. Ein älterer Kerl, offensichtlich aus unseren Breitengraden, und zwei Jungen, vermutlich sogar Kinder, wahrscheinlich aus Südosteuropa. Fahr bitte bis zur Ecke und wende dort, Sabine, die will ich mir mal genauer anschauen!«
Sabine und Klaus hatten das Trio nicht bemerkt, waren aber gespannt, was da vor sich ging. Kaum hatte Sabine unseren Einsatzwagen strategisch günstig geparkt, zückte ich mein Fernglas und konnte nun Genaueres erkennen. Erstaunt stellte ich fest, dass der »Deutsche« zwei Handys aus einer mitgeführten Herrenhandtasche nahm und sie den beiden Jungen überreichte. Diese nahmen die Mobiltelefone wie selbstverständlich entgegen, schauten sich in auffälliger Weise um und verabschiedeten sich dann, kurz die Arme zum Gruß hebend. Eilig liefen sie in unsere Richtung, während sich der Mann langsam in entgegengesetzter Richtung entfernte. »Da stimmt etwas nicht, ich glaube nicht, dass die verwandt sind, der Typ hat den Jungs zwei Handys gegeben, wir werden mal abchecken, was die weiter unternehmen«, setzte ich meine Mitfahrer ins Bild, und schon fuhren wir unbemerkt hinter den beiden her. Aufgrund von früher gemachten ähnlichen Beobachtungen in der Stricher-Szene regte sich bei mir der Verdacht, dass es sich hier um Pädophilie handeln könnte.
Nachdem die beiden Jungen etwa 200 Meter weit gelaufen waren, betraten sie ein An- und Verkaufsgeschäft. Bereits zwei Minuten später kamen sie wieder heraus und liefen weiter. Meine Nachfrage im Laden ergab, dass sie zwei nagelneue Handys, wie die aufgeschlossene Verkäuferin extra betonte, verkaufen wollten. »Das waren ja noch Kinder, die haben diese Handys bestimmt geklaut, darum habe ich sie ja nicht angekauft«, beantwortete sie meine Fragen.
Mein Verdacht erhärtete sich, eigentlich war mir alles schon jetzt ziemlich klar. »Die greifen wir uns!«, lautete kurz darauf meine Ansage an meine Streifenbegleitung, und schon fuhren wir an den beiden Ahnungslosen vorbei, stiegen aus und hielten sie an. Bereitwillig zeigten sie uns zunächst ihre Pässe. Sie kamen aus Albanien, sprachen aber relativ gut deutsch. Auffällig war, dass beide für ihr Alter sehr kleinwüchsig waren. Der Ältere, der sechzehnjährige Tarek, war ungefähr 1,50 Meter groß und der zwölfjährige Luan bestimmt noch zehn Zentimeter kleiner. Meine Frage nach der Herkunft der Handys beantworteten sie zunächst mit einem nicht verständlichen Gemurmel und anschließend mit der unglaubwürdigen Erklärung, die Handys von einem fremden Mann geschenkt bekommen zu haben. Dabei bemerkte ich, wie Tarek Luan mit einer Geste davon abbringen wollte, mehr zu sagen. »Na, dann gebt mir mal die Handys, wir fahren zum Polizeiabschnitt und klären dort diese Angelegenheit.« Widerspruchlos gaben sie die Telefone heraus und kurze Zeit später trafen wir auf dem Abschnitt ein.
Die Abfragen ihrer Personaldaten im polizeilichen Datensystem ergaben genau die Treffer, die ich schon vermutet hatte: Beide waren bereits als Geschädigte im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch erfasst. Auch standen sie unter Vormundschaft eines amtlichen Betreuers. Da bei polizeilichen Vernehmungen eines Jugendlichen, in dem Fall Tareks, ein Elternteil anwesend sein bzw. zustimmen muss, er aber unter Vormundschaft des Betreuers stand, wurde dieser vom Kollegen angerufen. Nach einer kurzen Schilderung des Sachverhalts stimmte der Vormund der Vernehmung zu. Mit Luan, der das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, sich somit noch im Kindesalter befand und dementsprechend nach § 19 StGB schuldunfähig war, wurde lediglich eine sogenannte Anhörung durchgeführt, die der Betreuer ebenfalls genehmigte.
Bevor wir mit den Befragungen anfangen konnten, versuchten unsere Jugendsachbearbeiterin Kolo und ich zunächst einmal, ein gewisses Vertrauen zu den beiden Jungen aufzubauen.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Kinder oder Jugendliche, die sexuell missbraucht werden und dabei mehr oder minder freiwillig mitmachen, in der Regel kein Elternhaus haben, das ihnen eine auch nur ansatzweise ausreichende emotionale und liebevolle Entwicklung angedeihen lässt. Fast immer fehlt es an der elementar nötigen Zuwendung, die man zum Erwachsenwerden braucht. Zusätzlich entwickeln sie durch ihre Missbrauchserfahrungen fast immer ein massives, im Unterbewusstsein verankertes Schuldgefühl. Sie schämen sich für ihr Tun, sind aber psychologisch sehr geschickt vom Täter manipuliert und emotional abhängig gemacht worden. Als Lock- und Verführungsangebote dienen darüber hinaus ständige Geldzuwendungen, Geschenke unterschiedlichster Art und viele verlockende Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel stundenlanges Fernsehen und Computerspielen. Die Zwickmühle, diese durchaus als unangenehm und eklig empfundenen Missbrauchsattacken über sich ergehen lassen zu müssen, um eine gewisse menschliche Nähe und sonst nicht erreichbare finanzielle Zuwendungen zu erhalten, ist praktisch immer der Grund, warum missbrauchte Kinder und Jugendliche nicht gegen ihre Peiniger aussagen. Im Gegenteil! Wir als Polizisten werden als diejenigen angesehen, die ihre vermeintlich angenehme Heimstatt zerstören wollen, auch das wird ihnen in der Regel vom Täter immer wieder eingebläut.
Wir vernahmen zunächst Tarek, der sich genau so verhielt, wie ich es beschrieben habe. Er sagte nichts Vernünftiges aus, sondern blieb bei dem schon Gesagten: »Wir haben die Handys geschenkt bekommen!«
Luan allerdings war nach einer guten halben Stunde »Vertrauensaufbau« bereit, Licht ins Dunkel zu bringen. Seine Schilderungen machten uns ausgesprochen betroffen: Den Mann, der ihnen die Handys gegeben hatte und bei dem es sich wie von mir vermutet um einen Deutschen handelte, hatte er über seinen Bruder Tarek kennengelernt. Woher dieser ihn kannte, wusste Luan angeblich nicht. Er selbst hatte bereits mehrfach bei diesem älteren Deutschen, wie er ihn bezeichnete, übernachtet. Dabei kam es jedes Mal zu sexuellen Übergriffen. Stichpunktartig ausgedrückt:
•er musste im gleichen Bett schlafen,
•sich nackt ausziehen,
•Pornofilme gucken,
•sich am ganzen Körper befummeln lassen,
•den Täter oral befriedigen,
•es kam zum Geschlechtsverkehr.
Auf weitere Details gehe ich hier nicht ein. Die Anhörung, die mehr als zwei Stunden dauerte, war ungeheuer belastend, gerade weil uns bewusst war, dass vor uns ein zwölfjähriges Kind saß. Über seinen Bruder Tarek verlor Luan kein einziges Wort, er bekräftigte sogar mehrfach, über ihn keine Aussage machen zu wollen: »Das ist mein Bruder, über den sage ich nichts!« Nach der Beschreibung, die er von dem Deutschen gab, war ich sicher, dass es sich um denselben Mann handelte, den wir in der Hermannstraße gesehen hatten. Er kannte ihn unter dem Namen Manfred und konnte vage schildern, wo dieser wohnt. Zum Schluss verriet er uns, dass er noch zwei weitere Männer bei Manfred kennengelernt hatte, sie hießen Dieter und Alfred. Beide hatten ähnliche Dinge mit ihm angestellt. Sein Lohn waren kleinere Geld- und Sachgeschenke. Die von uns sichergestellten Mobiltelefone hatten er und sein Bruder bekommen, damit Manfred sie leichter erreichen könnte. Um an Bargeld zu gelangen, hatten sie die Handys allerdings gleich wieder verkaufen wollen.
Während der Anhörung verständigten wir uns mehrfach mit dem zuständigen Sachbearbeiter vom Landeskriminalamt (LKA). Dieser war froh zu hören, dass es uns gelungen war, Vertrauen zu Luan aufzubauen. Nachdem die Anhörung beendet war, holte der Betreuer Tarek und Luan aus unserer Dienststelle ab.
Anhand der von Luan genannten Namen, der von ihm angegebenen Adresse sowie der aus den Handys ausgelesenen Telefonnummern gelang es uns im Laufe der weiteren Stunden tatsächlich, herauszufinden, dass dieser Manfred in unmittelbarer Umgebung der Hermannstraße wohnt. Nicht überraschend für uns war, dass er bereits mehrfach wegen sexueller Handlungen an Kindern vorbestraft war bzw. gegen ihn ermittelt wurde.
Unsere gesamten Ermittlungsergebnisse schickten wir weiter ans LKA, und damit war die Sache für uns erledigt – so dachte ich zumindest. Wie so häufig sollte ich mich täuschen …
Zunächst einmal ging aber der ganz normale »Wahnsinn« in den Straßen Berlins weiter und nahm mich voll in Anspruch.
Wie günstig Zigaretten direkt auf der Straße, vor Bahnhofs- und Supermarkteingängen und in weiteren, oftmals dunklen Ecken von meist jungen Vietnamesen gekauft werden können, wissen nicht nur potenzielle Raucher, sondern alle, die mit offenen Augen durch die Stadt gehen. Dass diese verlockend billigen Angebote illegal sind, also dem Staat die Steuern entziehen, ist ebenfalls bekannt. Weniger geläufig dürfte es sein, dass man beim Ankauf dieser Zigaretten die organisierte Kriminalität massiv fördert.
Normalerweise ist die Bekämpfung des illegalen Zigarettenhandels Sache des Zolls. Die Polizei wird in der Regel nur im Rahmen der Amtshilfe tätig. Wir kommen aber trotzdem sehr häufig mit diesem Kriminalitätsphänomen in Kontakt.
Düster war’s, der Mond schien helle … In solch einer seltsamen Nacht fuhren Schulle und ich die Wiener Straße im Bezirk Kreuzberg entlang. Die Straßenlaternen funktionierten nur vereinzelt, sodass die vor uns liegende Straße lediglich vom Vollmond und von den Autoscheinwerfern mehr schlecht als recht ausgeleuchtet wurde.
»Hast du gesehen? Da überquerten gerade zwei Männer mit großen schweren Taschen die Fahrbahn und sind auf der rechten Straßenseite irgendwo verschwunden«, stellte ich in Richtung meines Mitfahrers fest.
»Schon etwas ungewöhnlich um diese nachtschlafende Zeit und an diesem kaum bewohnten, einsamen Ort«, erwiderte Schulle, der gleichzeitig unser Auto langsam am Fahrbahnrand ausrollen ließ und die Scheinwerfer ausschaltete.
Ich griff schnell mein Nachtfernglas und beobachtete die Stelle, an der die zwei Nachtschwärmer verschwunden waren. Nur wenige Minuten später sah ich sie erneut. Jetzt überquerten sie wiederum die Straße und gingen direkt auf einen am linken Fahrbahnrand geparkten Daimler Benz zu. Dort angekommen öffnete der eine von ihnen den Kofferraum, beugte sich hinein und übergab kurz darauf dem anderen eine prall gefüllte sogenannte Polentasche. Diese großen, äußerst stabilen rot-weiß-blau karierten Kunststofftaschen heißen umgangssprachlich so, weil sie in Polen hergestellt werden. Auch er selbst ergriff eine solche Tasche, schlug den Kofferraum zu, und gemeinsam begaben sie sich wieder zur rechten Straßenseite, wo sie im Dunkeln verschwanden.
»Na, wenn die dort nicht geschmuggelte Zigaretten transportieren, will ich nicht mehr Schulle heißen«, flüsterte mir mein langjähriger Streifenpartner ins Ohr. Da ich die gleichen Erfahrungen gemacht hatte, konnte ich dem nur zustimmen. Schon startete Schulle unseren VW Golf, beschleunigte rasant, und kurz darauf standen wir vor einem verwilderten Grundstück, das vollständig im Dunkeln lag. Genau hier waren unsere beiden Verdächtigen verschwunden. Was nun? Wir waren uns schnell klar darüber, dass wir dieses riesige, mit Büschen und Sträuchern vollständig bewachsene Gelände nicht nach den Männern absuchen konnten, ohne dass unsere Eigensicherung in Gefahr geraten würde. Jetzt hieß es warten und ein wenig Glück haben, dass die beiden ein weiteres Mal zu ihrem Wagen zurückkehrten. Ein neben dem Daimler Benz stehender VW-Bus diente uns als Deckung, während wir das Grundstück beobachteten.
Während der folgenden Minuten hörte ich in der Stille der Nacht ein seltsames, scharrendes Geräusch, dass ich nicht zuordnen konnte. »Hörst du das auch?« Meine Frage wurde mit einem leisen »Psst« beantwortet, denn just in diesem Moment verließen die Männer das Grundstück und kamen fast direkt auf uns zu. Kurz bevor sie den Daimler erreichten, traten wir rasch hinter dem VW-Bus hervor und riefen laut: »Stehenbleiben, Polizei!«
Unser Versteck hatten wir gut ausgewählt, denn wegrennen konnten sie jetzt nicht mehr. Sie waren total überrascht, als wir plötzlich, wie aus dem Nichts, halb hinter ihnen standen. Gebrochen deutsch mit osteuropäischem Akzent sprechend folgten sie unserer Aufforderung, nannten ihre Namen und zeigten ihre Papiere. Mit dem vor uns stehenden Daimler Benz – er trug polnische Kennzeichen, wie ich im Schein meiner Taschenlampe erkennen konnte – wollten sie erstaunlicherweise nichts zu tun haben. Auch hätten sie keineswegs große Taschen irgendwohin getragen, versicherten sie kopfschüttelnd.
Das war ja nun mehr als verdächtig! Nachdem wir sie erfolglos nach Waffen und Fahrzeugschlüsseln durchsucht hatten, legten wir ihnen zur Eigensicherung Handfesseln an. Dann nahm ich den Daimler näher unter die Lupe, während Schulle die beiden vollkommen »Ahnungslosen« bewachte. Der Pkw war verschlossen und der Kofferraumdeckel ließ sich ebenfalls nicht öffnen. Aber unmittelbar neben dem Kofferraumschloss entdeckte ich ein rundes Loch, das Roststellen aufwies. Insgesamt wirkte der Daimler, als habe er schon einige Kilometer auf dem Buckel.
Inzwischen war eine weitere, von uns angeforderte Zivilstreife eingetroffen. Ein Kollege übernahm nun die Bewachung der beiden Verdächtigen, während der andere das Grundstück betrat und mittels einer leistungsstarken Taschenlampe nach den Polentaschen suchte. Ich probierte währenddessen durch das daumengroße rostige Loch ins Innere des Kofferraums zu blicken. Im Strahl meiner Taschenlampe glaubte ich einen menschlichen Finger zu sehen, augenblicklich bildete sich eine Gänsehaut auf meinem Rücken. »Schulle, komm mal bitte her, entweder sehe ich ein Gespenst oder im Kofferraum liegt ein Mensch oder sogar eine Leiche!«, rief ich nach meinem Kollegen.
Tatsächlich, auch er sah etwas, das einem Finger ähnelte, und war ebenfalls der Ansicht, dass dies ausgesprochen gruselig sei. Dessen ungeachtet steckte er nun seinerseits den rechten Zeigefinger unerschrocken durch das Loch, drückte, fummelte und zog ihn dann erschrocken wieder heraus mit den Worten: »Dit fässt sich wie menschliche Haut an!«
Während wir darüber nachgrübelten, was sich nun wirklich in diesem Kofferraum verbergen könnte, rief auf einmal der Kollege vom Grundstück herüber, dass er vier bis zum Rand gefüllte Taschen mit Zigarettenstangen gefunden habe. Na also, da lagen wir doch wieder richtig, dachte ich bei mir und klatschte Schulle ab.
Erneut fragte ich unsere beiden »Ahnungslosen«, wer der Besitzer des Daimlers sei oder wo sich der Fahrzeugschlüssel befinde, und wieder antworteten sie mit einem stoischen »Wissen wir nicht!«.Auch auf unsere Rufe in Richtung Kofferraum und unser Klopfen erhielten wir keine Reaktion. Also blieb uns nichts anderes übrig, als den Kofferraum mit Gewalt zu öffnen, denn dass sich dort drinnen eventuell ein Leichnam befand, war nicht von der Hand zu weisen.
Schulle lief zu unserem Golf und holte ein Brecheisen, während ich vorsichtshalber die Feuerwehr und einen Notarzt alarmierte. Das Brecheisen wie eine Keule vor sich hertragend kam Schulle zurück, um unmittelbar darauf sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Er nahm die Pose eines perfekten Heimwerkers ein, setzte geschickt das Brecheisen zwischen Kofferraumklappe und hinterem Chassis an und krach, rumms, war zwar die Kofferraumklappe am Rand nach oben gebogen, aber ansonsten hatte sich nichts getan. Den Versuch wiederholte er noch dreimal, mittlerweile mit Schweißtropfen auf der Stirn und knallrotem Gesicht – allerdings ohne nennenswerten Erfolg. »Verflucht nochmal, dieser verdammte Kofferraum muss doch aufgehen!«, stöhnte er angestrengt.
Ich stand kurz vor einem Lachkrampf, denn der Rand der Kofferraumklappe sah bereits aus wie nach dem Versuch, eine Blechdose mit einer stumpfen Zange zu öffnen. Die Gesichter der beiden Zigarettenschmuggler tendierten mittlerweile leicht ins Grünliche. Zunehmend nervös beobachteten sie Schulles verhinderte Öffnungskünste, stritten dabei aber immer noch ab, irgendetwas mit dem Daimler zu tun zu haben.
Kurz darauf trafen die Kollegen der Feuerwehr mit dem Notarzt im Schlepptau ein. Nachdem sie ebenfalls durchs Loch geschaut hatten und unsere Vermutung mit dem Finger bestätigten, holten sie ihrerseits Werkzeuge zum Öffnen. Das waren selbstverständlich ganz andere Gerätschaften. Ein doppelt so großes Brecheisen wurde mittig des Kofferraums, genau unterhalb des Rostloches angesetzt, kräftig nach unten gedrückt, und laut knirschend flog der Deckel auf.
Der erste Schreck wich schnell einer gewissen Verwunderung, als wir ins Innere des Kofferraums blickten. Darin lag ein zusammengekrümmter Mann, der sich langsam erhob und dabei seinen blutigen rechten Zeigefinger hielt. Langsam wurde mir klar, warum Schulle die Kofferraumklappe mit unseren Brecheisen nicht aufbekommen und warum wir durch das Loch einen Finger gesehen hatten. Dieser Mensch hatte doch wirklich mit seinem Finger, den er von Innen durch eine Metallschlaufe gesteckt hatte, die Kofferraumklappe mit aller Kraft zugehalten. Jetzt fielen mir auch die scharrenden Geräusche wieder ein, die ich anfangs gehört hatte und nicht zuordnen konnte. Ich pflaumte Schulle lustig an: »Dass du nicht in der Lage gewesen bist, den Widerstand eines solch kleinen Fingers zu brechen, lässt mich an deinen Heimwerkerkünsten erheblich zweifeln!«
Schulle nahm diese Frotzelei gelassen und schmunzelnd hin, er kannte mich ja schon seit einiger Zeit. Nachdem der Mann mühselig aus dem Kofferraum geklettert war, fiel er mit theatralischer Geste zu Boden, schnappte nach Luft und verlor vermeintlich das Bewusstsein. Die danebenstehende Notärztin blieb ganz ruhig. Trocken sagte sie: »Passt mal auf, der steht gleich wieder.« Zugleich zog sie eine kleine Flasche hervor, öffnete sie und hielt sie dem am Boden Liegenden unter die Nase. Wie von der Tarantel gestochen schnellte er hoch und stand nun plötzlich hellwach vor uns.
Als ich ihn so betrachtete, während ihm an seiner Hand ein Verband angelegt wurde, erkannte ich ihn schlagartig wieder. »Schulle, stell dir mal vor, den habe ich vor drei Wochen, nur etwa hundert Meter entfernt von hier auf der anderen Seite des Görlitzer Parks, beim Einschmuggeln von vierzig Stangen Zigaretten gestellt. Da lag er auch im Kofferraum und holte Zigaretten, die er geschickt hinter der Innenverkleidung nach Deutschland geschmuggelt hatte, aus ihren Verstecken. Als Aufpasserin fungierte damals seine 78-jährige Oma, auf die wir aufmerksam wurden, weil sie mitten in der Nacht am geöffneten Kofferraum stand. In einer angemieteten Wohnung in der Nähe, die wir später ermitteln konnten, fanden wir weitere 180 Stangen. Trotzdem mussten wir ihn wieder laufen lassen, da diese Kleinstmengen (Ameisenhandel) für eine Vorführung beim Richter nicht ausreichen. Offensichtlich hat er nichts gelernt«, beendete ich meinen kleinen Bericht.
Die anschließenden umfangreichen Durchsuchungen des Daimlers und der Gebüsche auf dem gegenüberliegenden Grundstück erbrachten weitere sechzig Stangen unverzollter Zigaretten, die beschlagnahmt wurden. Die drei verhinderten Schmuggler wurden nach Vernehmungen entlassen. Der relativ wertlose, nun auch durch die zerstörte Kofferraumklappe ramponierte Daimler wurde ihnen übergeben. Den Fahrzeugschlüssel hatte im Übrigen derjenige in der Tasche, der im Kofferraum gelegen hatte.
Diese so gruselig begonnene Geschichte brachte uns noch Monate später zum Schmunzeln. Über die weitere Heimwerkerkarriere von Schulle ist mir nichts mehr bekannt geworden!
Guido hatte wieder einmal das richtige Näschen gehabt und einen großen Fang ermöglicht, wie sich später herausstellte. Sein Anruf erreichte mich und Schulle, der mal wieder mein Beifahrer war, auf Streifenfahrt: »Kalle, komm mal zur Grenzallee auf den Parkplatz hinter dem Arbeitsamt. Ich habe hier einiges entdeckt, das mir mehr als ein Grummeln im Bauch verursacht«, erklärte er mit aufgeregter Stimme.
Keine Frage, wenn Guido so um Hilfe bat, dann war höchste Eisenbahn angesagt, um es salopp auszudrücken. Mit Sonderrechten – das heißt mit Martinshorn und Blaulicht – fuhren Schulle und ich in Richtung Grenzallee. Nur fünf Minuten später trafen wir ein.
Guido stand neben seinem Zivilwagen und sprach mit einem kräftig gebauten, ungefähr 1,90 Meter großen Mann, augenscheinlich südosteuropäischer Herkunft. Als er mich sah, kam er sofort auf mich zugelaufen und erläuterte mir folgenden Sachverhalt: »Kalle, wir sind vor gut einer Viertelstunde hier auf diesen Parkplatz heraufgefahren, rein routinemäßig. Bereits zu diesem Zeitpunkt sah ich den Mann dort, der sich intensiv mit zwei vietnamesisch aussehenden Männern unterhielt. Als die drei uns bemerkten, sprangen die beiden mutmaßlichen Vietnamesen rasch in einen bereitstehenden schwarzen Audi A6 und gaben Vollgas. Das konnte nichts Gutes bedeuten, also gaben wir ebenfalls voll »Stoff«, aber es gelang uns nicht, den Audi zu verfolgen. Als wir vom Parkplatz herunterfuhren, war er schon nicht mehr zu sehen. Wir fuhren also wieder zurück und konnten gerade noch diesen Typen dort überprüfen«, dabei zeigte er auf den auf dem Parkplatz verbliebenen Mann. »Ich glaube bestimmt, dass hier etwas mit Zigarettenschmuggel laufen sollte, aber bisher druckst der Mann nur herum, er ist übrigens kroatischer Abstammung und nennt sich Dennis. Irgendwie kommt es mir so vor, als wenn ihm etwas auf dem Herzen liegt und er durchaus mit uns reden möchte«, beendete Guido seinen Bericht.
Nun gut, diese Zusammenstellung von zwei Vietnamesen und einem Kroaten mitten auf einem einsamen Parkplatz, und dann diese Flucht der beiden, ließen auch bei mir keinen Zweifel aufkommen, dass hier irgendetwas nicht koscher war. Und da die Vietnamesen den illegalen Zigarettenschmuggel in Berlin fest in der Hand haben, gab ich Guido mit seiner Vermutung sofort Recht. Bald darauf stellte sich heraus, dass wir richtig lagen. Dennis, der sich überraschenderweise als nett und polizeifreundlich herausstellte, erzählte wenig später eine Geschichte, die wir dann doch nicht erwartet hatten. Zunächst bat er uns aber, ihn zu seinem Zimmer zu begleiten, das er in einem nahe gelegenen Hotel gemietet hatte. Dort angekommen, machte er seine Aussage.
»Mein Neffe, der nicht gerade ein leuchtendes Beispiel für jeden ehrlichen Menschen ist, hat mich angefleht, ihn bei einem Deal mit den Vietnamesen zu unterstützen, die sie auf dem Parkplatz gesehen haben«, begann er seine Ausführungen. Dabei war deutlich zu merken, wie schwer es ihm fiel, uns von diesem Deal zu erzählen und damit seinen Neffen zu verraten. »Bisher habe ich mich immer von seinen illegalen Geschäften ferngehalten, aber diesmal konnte er mich überreden. In etwa zwei Stunden fährt er hier mit einem Lastwagen vor, der bis unters Dach mit aus Polen geschmuggelten Zigaretten beladen ist. Das sind mehrere tausend Stangen. Meine Aufgabe sollte es sein, mit den Vietnamesen einen Platz auszumachen, wo die Ware übergeben werden kann, und gleichzeitig die Geldübergabe zu sichern. Aber nun sind ja Sie dazwischengekommen und ich glaube, ich bin ganz froh darüber«, kam er erleichtert zum Ende seiner Darstellung.
Guido schaute mich ungläubig an und auch ich schnappte erst einmal nach Luft. »Und die Geschichte stimmt?«, fragte ich bei Dennis vorsichtshalber noch einmal nach.
»Hundertprozentig, Herr Gaertner, ich finde übrigens die deutsche Polizei sehr gut, und ich würde sie nicht belügen!«
Jetzt hieß es zunächst einmal warten und die nötigen Vorbereitungen treffen, um die Ladung abzufangen, wenn sie vor dem Hotel einträfe. Mein anschließendes Telefongespräch mit den zuständigen Zollbehörden verlief nicht unbedingt zufriedenstellend, im Gegenteil. Zunächst waren keine Zollbeamten greifbar, die uns unterstützen konnten, und dann saß an verantwortlicher Stelle eine Zolloberamtsrätin, die sogleich verkündete, dass sie für Artenschutz zuständig sei und vom Zigarettenschmuggel keine Ahnung habe, was man ihren Anweisungen auch nur zu deutlich anmerkte.
Was soll’s, wir waren Kummer gewohnt, also alarmierte ich zwei weitere Streifen meiner Dienststelle und dann ging es auch schon los. Zehn Minuten vor der angenommenen Zeit fuhr ein Lastwagen in Schrittgeschwindigkeit am Nebeneingang des Hotels vor. Dennis, der uns weiterhin tatkräftig unterstützte, winkte kurz mit seiner rechten Hand und schon stoppte der Lkw. In diesem Moment kamen meine Kollegen blitzartig aus ihren Verstecken und umstellten den Wagen, während ihn gleichzeitig zwei Zivilfahrzeuge vorn und hinten blockierten. Ohne sich zu wehren, stiegen der Fahrer und sein Beifahrer aus und wurden festgenommen. Beim Fahrer handelte es sich um den besagten Neffen.
Ich selbst konnte meine Neugier kaum bremsen und gemeinsam mit Guido öffneten wir den hinteren Laderaum. Tatsächlich und fast unglaublich, die gesamte Ladefläche war mit Kartons beladen, in denen sich 1036 Zigarettenstangen (253 200 Stück Zigaretten) verschiedenster Marken befanden. Natürlich klatschten wir uns ab, denn einen solchen Fund macht man wirklich nicht alle Tage.
Nun begann der schweißtreibendste Teil dieser Festnahmeaktion. Die Zigaretten mussten gezählt werden, bevor wir sie gemeinsam mit den festgenommenen Schmugglern in Richtung Hauptzollamt transportieren konnten.
Aufgrund unserer Festnahmen, den Einlassungen der Beschuldigten und weiterer intensiver Ermittlungen konnte der Kopf einer international agierenden Bande von Zigarettenschmugglern, ein Deutscher mit polnischen Wurzeln, bereits am folgenden Tag in einer Villa im Grunewald festgenommen werden.
Allein unsere Festgenommenen räumten unzählige Fahrten ein, bei denen sie mehr als 4 000 000 Stück unversteuerte Zigaretten eingeschmuggelt hatten. Der hochgerechnete Steuerschaden betrug mehr als 1 000 000 Euro. So bekamen alle drei einen Haftbefehl wegen gewerbsmäßiger Steuerhehlerei.
Dennis, der uns diesen Fang erst ermöglich hatte, wurde später als Mittäter bestraft. Überraschenderweise blieb er uns hold. Nachdem er seine Gefängnisstrafe abgesessen hatte, meldete er sich telefonisch bei mir und half uns noch zweimal, üble Einbrecherbanden zur Strecke zu bringen. Aber dies sind zwei eigene Geschichten …
Mein Inspektionsleiter bat mich in seine Amtsstube und verkündete mir unmissverständlich, dass ich mit meiner Einheit zur Straßenkriminalitätsbekämpfung in den nächsten sechs Wochen einen stark frequentierten Handelsplatz von vietnamesischen Zigarettenhändlern zu überwachen habe. Hintergrund war die blutige Fehde zwischen zwei rivalisierenden vietnamesischen Banden in Berlin. Dabei waren zwischen 1992 und 1996 im Kampf um den lukrativen Markt eingeschmuggelter Zigaretten sage und schreibe 35 Vietnamesen grausam ermordet worden.
In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass, als 1989 die Mauer fiel, fast 60 000 vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR lebten, die auf Zeit von den Verantwortlichen des sozialistischen Staates zur Unterstützung der Arbeitswelt angeworben worden waren. Sie standen nach dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten meist arbeits- und mittellos da. Viele dieser Vertragsarbeiter kehrten zurück nach Vietnam, doch diejenigen, die blieben, verloren zunächst ihren Aufenthaltsstatus und waren nur geduldet.
Zudem wanderte nun, aufgrund der Freizügigkeit des Grenzverkehrs, eine beträchtliche Anzahl von vietnamesischen Vertragsarbeitern aus der UdSSR, der ČSSR und Bulgarien illegal zu, speziell nach Berlin. Obwohl die Vietnamesen in der Regel keinen Anspruch auf Asyl hatten, konnten sie nicht abgeschoben werden, weil sich Vietnam weigerte, Landsleute, die nicht freiwillig zurückkehrten, wieder aufzunehmen.
So lebten sie oft unter erbärmlichsten Umständen auf engstem Raum miteinander – nicht selten mussten sich zehn Personen eine Einzimmerwohnung teilen. Hatten die Vertragsarbeiter schon in der DDR isoliert gelebt, so war die Infrastruktur der in Berlin lebenden Vietnamesen bald so abgeschottet, dass kein Deutscher, und schon gar kein Polizist, Einblick in die Community erhielt.
Schnell hatten Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe den recht lukrativen Zigarettenhandel für sich entdeckt und betätigten sich an mehr als tausend Schwarzhändler-Stellplätzen, verteilt über ganz Berlin. In diesem praktisch rechtsfreien, unkontrollierten Raum entwickelten sich mafiöse Bandenstrukturen mit einem vorher nicht gekannten Gewaltpotenzial. Die nach ihrem Anführer benannte Ngoc-Thien-Bande einerseits und die Quang-Binh-Bande auf der anderen Seite bekämpften einander unerbittlich, um die Vorherrschaft der profitabelsten Umschlagplätze zu erlangen. Allein im Mai des Jahres 1996 wurden zunächst sechs Erschossene in einer Wohnung in Marzahn entdeckt und nur einige Tage später drei Tote an einem Bahndamm in Lichtenberg.
Vollkommen harmlose, von den jeweiligen Banden angeworbene arbeitslose Landsleute, die für wenig Geld stundenlang unter katastrophalen Bedingungen die Zigaretten verkauften, waren darunter. Der Grund für diesen »Krieg« auf Berlins Straßen war immer derselbe: Wer die lukrativsten Verkaufsplätze besaß, konnte das meiste Schutzgeld kassieren.
Die Aufklärung dieser an Erbarmungslosigkeit kaum zu übertreffenden Morde war bis dato aufgrund der schon beschriebenen Abschottung der Ethnie nicht ansatzweise gelungen. Unsere Aufgabenstellung wurde klar umrissen: Einerseits sollten wir verhindern, dass weitere Morde passieren, andererseits sollte erkundet werden, wer an den jeweiligen Standplätzen das Sagen hat. Es galt die arbeitsteiligen Strukturen zu erhellen und außerdem festzustellen, welche Bande wo Schutzgeld erpresst, um endlich die kriminellen Strukturen zu zerschlagen und die Mörder vor ein Gericht zu bringen. Diese Maßnahmen wurden in der gesamten Stadt an allen Schwerpunktstandtorten von den unterschiedlichsten Polizeieinheiten durchgeführt. Mit der Staatsanwaltschaft war abgesprochen, dass wir den An- oder Verkauf der Zigaretten zunächst nur beobachten, also nicht einschreiten sollten, um den Einsatzerfolg nicht zu gefährden.
So nahmen wir an einem Sonntag früh, gut versteckt, getarnt und verteilt über den gesamten Vorplatz eines großen Supermarktes in Marzahn, unsere Arbeit auf. In den folgenden sechs Wochen setzte ich dreißig Beamte pro Tag ein.
Nachdem wir uns in allen möglichen Verstecken – Wohnungen, Hausfluren, Gebüschen und anderen Orten – »häuslich« eingerichtet hatten, beobachteten wir die Szene von frühmorgens um 7 Uhr bis abends um 20 Uhr. Erst wenn der Supermarkt seine Pforten schloss und die Handelstätigkeit langsam zum Erliegen kam, machten auch wir Feierabend.
Vier andere empfingen die Autos, in denen die Zigaretten angeliefert wurden. Ich konnte fast nicht glauben, mit welcher Frechheit jeden Tag dieselben Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen vorfuhren. Auf einem Nebenparkplatz seitlich des Supermarktes befand sich die Entladestation. Hier wurden die Zigaretten aus diversen geheimen Depots in den Autos geholt und übergeben. Aus meinem Versteck heraus sah ich, wie die Schmuggelware aus doppelten Böden im Kofferraum, aus den Seitenverkleidungen der Türen, aus gesondert angelegten Kühlerverkleidungen, aus hohlen Türstreben und und und herausgeholt, ja sogar regelrecht geangelt wurden. In jedem Fahrzeug wurden so mindestens vierzig bis fünfzig Stangen Zigaretten der verschiedensten Marken transportiert.
Da die örtliche Polizei nichts von unseren Maßnahmen wusste, ließ sie häufiger die üblichen Kontrollen durchführen, um diesem illegalen Handel Einhalt zu gebieten – meist ohne Erfolg. Dabei wurde ich auch Zeuge einer doch sehr ernüchternden Begebenheit:
Was dann folgte, verschlug mir die Sprache. Der Streifenwagen war gerade um die Ecke gebogen, da liefen die Vietnamesen aus ihren Verstecken hervor. Einige rannten sofort zur Polin, die nun anfing, lauthals loszulachen. Sie schlug sich vor Begeisterung auf die Oberschenkel und ruderte mit den Armen in der Luft herum, um deutlich zu machen, wie dumm sich die Kollegen bei ihrer Suche angestellt hatten. Dann öffnete sie erneut die Motorhaube, schraubte eine Verkleidung am Wasserkühler ab und entnahm diverse Zigarettenstangen. Kurz darauf fuhr sie wieder los, immer noch heftig lachend. Diese Art des Vergnügens gefiel mir ganz und gar nicht, und so rief ich am darauffolgenden Tag auf dem zuständigen Polizeiabschnitt an und erzählte den Kollegen, wann der Lancia in der Regel eintrifft und wo die Fahrerin ihre Zigaretten versteckt hat. Dann wartete ich ab.
Meine Kollegen und ich konnten eine gewisse Schadenfreude nicht verbergen. Über den Grund ließen wir sie aber absichtlich im Unklaren.
Erstaunlicherweise fand diese grausame Mordserie in der Berliner Bevölkerung keinen sehr großen Widerhall. Die Aufregung darüber hielt sich in Grenzen, was meines Erachtens beweist, wie abgeschottet diese Vietnamesen unter uns leben. Übrigens auch heute noch.
Lediglich die Arbeitsweisen der Schmuggler und der Verkäufer haben sich den Fahndungsmethoden der Polizei und des Zolls angepasst. Heutzutage treten zum Beispiel die Verkäufer nicht mehr so offensiv erkennbar an den immer noch reichlich vorhandenen Stellplätzen auf. Sie sind unter anderem dazu übergegangen, die Zigaretten auf Bestellung dem Ankäufer direkt nach Hause zu liefern.
Blauäugig bin ich allerdings nicht. Viele Gespräche mit den Ankäufern dieser Zigaretten zeigen mir, dass ihnen die Problematik zwar durchaus bekannt ist, sie aber diesen relativ kleinen finanziellen Vorteil ohne große Gewissensbisse ausnutzen. »Warum soll ich den Staat unterstützen, wo die Steuern schon so hoch sind?«, argumentieren sie egoistisch, zeigen sich aber zugleich von der überbordenden Kriminalität erschreckt und fordern härtere Maßnahmen vom Staat.
Ein eklatanter Mangel an Unrechtsbewusstsein spielte auch im folgenden Fall eine Rolle, nur waren es diesmal die »Täter« selbst, die ihr Tun eigentlich ganz normal fanden. In den Zuständigkeitsbereich der Polizei gehörte dieses Vorkommnis zwar nicht, trotzdem waren wir gezwungen, sofort zu handeln, immerhin ging es um eine mögliche Gesundheitsgefährdung von Menschen und somit um eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit.