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Buch

Hailey Harper hat einen Plan: so schnell wie möglich ihr Studium absolvieren, um nicht länger finanziell von ihrem Onkel abhängig zu sein. Doch dann begegnet sie ­Mike, und plötzlich kann sie an nichts anderes mehr denken. ­Mike ist der Drummer der berühmten Rockband The Last Ones to Know, er ist süß, witzig – und der Exfreund ihrer Cousine Danica, die ihn jetzt, da er berühmt ist, unbedingt zurückgewinnen will. Hailey geht auf Abstand, doch sie hat die Rechnung ohne ­Mike gemacht: Für ihn ist Hailey das Mädchen, auf das er sein Leben lang gewartet hat – und er wird alles tun, um ihr das zu beweisen …

Au­torin

Jamie Shaw, geboren und aufgewachsen in South Central Pennsylvania, erwarb einen Masterabschluss in Professionellem Schreiben an der Townson University, bevor ihr klar wurde, dass die kreative Seite des Schreibens ihre wahre Berufung ist. Als unverbesserliche Nachteule entwickelt sie zu später Stunde Romane mit Heldinnen, mit denen man sich identifizieren kann, und männlichen Hauptfiguren, die das Herz zum Flattern bringen. Sie ist eine treue Anhängerin von White Chocolate Mocha, eine entschiedene Verfechterin von Emo-Musik und ein leidenschaftlicher Fan von allem, was romantisch ist. Am meisten aber liebt sie den Austausch mit ihren Leserinnen.

Von Jamie Shaw bereits erschienen:

Rock my Heart ∙ Rock my Body ∙ Rock my Soul

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Jamie Shaw

Rock my
Dreams

Roman

Deutsch von
Veronika Dünninger

Die Originalausgabe erschien 2015
unter dem Titel »Havoc« bei Avon Impulse, an imprint of
HarperCollinsPublishers, New York.
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Copyright © der Originalausgabe 2015 by Jamie Shaw
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Blanvalet Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign,
unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com
(© Gabriel Georgescu; © L-house; © fastfun23)
LH · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-21811-9
V002
www.blanvalet.de

Für jede Leserin, die sich in Mike verliebt.

1

Ein Ellenbogen liegt auf meinem Kopf.

Mein Oberkörper wird gegen eine Absperrung gequetscht, ein Converse-Sneaker hat mich eben fast im Gesicht getroffen, und ein Ellenbogen … liegt. Auf. Meinem. Kopf.

»Adam!«, schreit meine Cousine über die Musik hinweg, die aus gigantischen Lautsprechern dröhnt, die zu beiden Seiten der Bühne aufragen. Ich ziehe den Kopf gerade noch rechtzeitig ein, um ihrem Arm auszuweichen, mit dem sie wild winkt. Ich ducke mich noch mehr, doch der Ellenbogen lässt sich nicht abschütteln.

»Adam!«, brüllt sie wieder, während sie in der ersten Reihe auf einem unsichtbaren Trampolin auf und ab springt. »Hier unten! Adam!«

Der Leadsänger von The Last Ones to Know hockt am Rand der Bühne und streckt die Hand nach dem Gewühl von Mädchen aus, die sich zu seinen Füßen drängen. Sie klettern übereinander, um ihn in die Menge zu zerren, aber ich stehe einfach nur hier und versuche, nicht zu sterben.

»Verdammt, ich liebe dich!«, kreischt Danica, während Adam für die Fans in der ersten Reihe singt. Seine Knie schauen zwischen den dünnen Fäden seiner Jeans hervor, und er steckt seine Hände mit den schwarz lackierten Fingernägeln wieder nach der Menge aus. Die Art, wie seine Lippen das Mikrofon liebkosen … na ja, kein Wunder, dass diese Mädchen wie von Sinnen sind.

Die ganze Woche musste ich mir anhören, wie Danica von ihrem Exfreund, dem Rockstar, geredet hat. Wie wahnsinnig verliebt er in sie war. Wie er sie die ganze Highschool über angebetet hat. Wie seine Band schließlich groß herausgekommen ist. Das einzige Problem ist: Ihr Exfreund ist nicht Adam.

Am hinteren Ende der Bühne, in einem schwarzen T-Shirt, das feucht vom hart erarbeiteten Schweiß der vier letzten Songs ist, trommelt Mike Madden auf sein Schlagzeug ein, mit Armen, die allein dafür geschaffen wurden. Er schwingt seine Stöcke, als wären sie eine Verlängerung dieser Arme, und er gibt damit den Rhythmus für den Schlachtgesang im Klub vor. Er ist nicht so schlaksig wie Adam, und er trägt keine zerschlissenen Klamotten wie der Rest der Band, aber es ist trotzdem nicht zu übersehen: Er ist ein Rockstar.

»Ich dachte, du wärst wegen des Drummers hier?«, brülle ich, aber meine Stimme ist ebenso schwach wie der Rest von mir, sie geht im Schwall der Musik und den irrsinnigen Schreien der Menge einfach unter. Ich versuche, mich auf den Beinen zu halten, während ich von links und rechts angerempelt werde, aber ich bin auf Gedeih und Verderb den Massen von Leuten ausgeliefert, die von allen Seiten gegen mich prallen.

»Ich will deinen Schwanz lutschen!«, kreischt irgendeine Tussi etwas weiter hinter mir Adam zu und versucht, an dem hünenhaften verschwitzten Typen vorbeizuhüpfen, der an meinem Rücken klebt. Adam grinst breit unter den schimmernden blauen Lichtern, ohne auch nur eine einzige Zeile zu verpassen. Die Menge ist absolut durchgeknallt, aber die Band hat so etwas hier offensichtlich schon tausendmal erlebt. Selbst Danicas wildes Kreischen erregt keine Aufmerksamkeit bei den Bandmitgliedern.

»Shawn!«, fleht sie dann verzweifelt, als sie bemerkt, dass der Gitarrist von seinem Platz rechts neben Adam in die Menge hinuntersieht. In einem Vintage-Shirt, mit zerzausten schwarzen Haaren und einem Fünf-Tage-Bart, drischt er auf seine Gitarre ein und brüllt seinen Text ins Mikrofon. Adam und er spinnen einen Song, Zeile über Zeile über Zeile, und ich fange fast an, Spaß zu haben – bis meine Hand auf einmal vom Geländer der Absperrung gerissen wird.

»Hilf mir, seine Aufmerksamkeit zu kriegen!«, befiehlt mir Danica, während sie versucht, mir meinen Arm über den Kopf zu reißen.

Ich versuche verzweifelt, ihn wieder herunterzuziehen und laufe dabei ernsthaft Gefahr, rückwärts in die tobende Menge zu fallen, als Shawns Blick endlich auf Danica fällt.

Auf seiner Stirn bildet sich eine Falte, die mich an meinen Dad erinnert. Auf der Farm meiner Familie lebte früher eine streunende Katze, die nur sehr selten freundlich war. Wenn sie aber läufig wurde, war es ihre Lieblingsbeschäftigung, meinem Dad um die Beine zu streichen. Er hasst Katzen, vor allem diese, und schnitt dann immer diese Grimasse, ganz ähnlich der, die sich auf Shawns Gesicht abzeichnet, als er Danica bemerkt.

»Oh mein Gott!«, kreischt Danica, während sie ihre Hand erstaunlich kräftig in meine Schulter krallt. Sie dreht mich mit Schwung zu sich herum, und ich klammere mich an ihren Armen fest, um nicht doch noch in das Chaos aus Ellenbogen und Achselhöhlen und Haaren geschleudert zu werden. »Hast du das gesehen?! Er hat mich genau angeschaut!«

Eine gewaltige Woge bricht über mich herein, als Adam zum Refrain des Songs ansetzt, und ich versuche angestrengt, den Kopf oben zu halten. Blaue und violette Lichter flackern über meine Haut, während ich wieder gegen die Metallstangen vor mir gedrängt werde und Danica jedem Bandmitglied auf der Bühne ihre unsterbliche Liebe entgegenschreit.

»Adam! Shawn! Joel! Mike!«

Natürlich verschwendet sie keinen Atemzug an die Gitarristin, die vorhin als Kit vorgestellt wurde. Ich mache mir gar nicht erst die Mühe, das zu kommentieren – denn ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich wegzuducken, um nicht doch noch von einem der Crowdsurfer einen Tritt gegen den Kopf zu kriegen. Ein Securitytyp zerrt ein kreischendes Mädchen über die Absperrung und führt sie weg. Als er meine erschöpfte Miene sieht, schenkt er mir einen mitfühlenden Blick, der wohl bedeuten soll: Es ist bald vorbei .

Nur, dass es nicht bald vorbei ist. Es endet nämlich erst eine gefühlte halbe Ewigkeit und zwei Tritte gegen meinen Kopf später, als die Band die Bühne verlässt und die Lichter endlich ausgehen. Ich mache einen tiefen, dringend benötigten, Atemzug und werde dann hart zur Seite gestoßen. »Gehen wir«, ordnet Danica an, und schubst mich gegen irgendeinen Rücken.

»Wohin soll ich deiner Meinung nach denn gehen?«, frage ich gereizt, während sie mich weiter ins Gedränge schiebt.

»Geh einfach!«

Sie benutzt mich auf dem ganzen Weg aus der Menge als Rammbock, und ich bedauere fast, dass ich mich nicht habe zu Tode trampeln lassen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.

»Du kannst jetzt aufhören«, fauche ich sie an, sobald ich genug Platz habe, um mich zu ihr umzudrehen.

»Halt einfach eine Minute den Mund.«

Ich beiße mir auf die Zunge – im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich muss mich schwer zusammenreißen, um sie nicht anzuschnauzen –, als Danica sich auf die Zehenspitzen stellt und den Saal abzusuchen beginnt. Wir sind in einem Klub namens Mayhem, in der Stadt, in der wir beide seit kurzem erst wohnen. Ich bin hierher gekommen, um meinen Bachelor und letztendlich meinen Doktor in Tiermedizin zu machen, und Danica, weil … na ja, wer weiß schon, warum Danica irgendetwas tut.

Sie war der Star im Ballettunterricht. Kapitän des Cheerleaderteams. Die Julia in den Schultheaterstücken. Die Königin des Abschlussballs. Sie musste nie auf irgendetwas verzichten, und sie tut auch heute noch, was immer sie will.

»Wie kommen wir in den Backstagebereich?«

»Ähm …« Ich ziehe das feuchte T-Shirt, das an meinem Rücken klebt, von meiner Haut. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass daraus nichts wird.«

»Sei nicht dumm, Hailey«, schnaubt sie. »Hast du nicht gesehen, wie Shawn mich angeschaut hat?«

So wie mein Dad diese Katze? Ja, und ob ich das gesehen habe …

»Da!«, ruft sie und geht zielstrebig los. Ich starre sehnsuchtsvoll auf ein großes rotes Schild, das »Ausgang« verspricht. Ich frage mich, wie sehr ich es später bereuen würde, wenn ich jetzt die Flucht ergreife – solange ich noch die Gelegenheit dazu habe. Danica würde ohne Probleme jemanden finden, der sie nach Hause fährt. Sie besitzt die Art Schönheit, die man nur mit Geld kaufen kann – salongepflegte, kupferbraune Haare, tolle Kurven – dank eines Personal Trainers –, kosmetisch aufgehellte Zähne. Und ganz abgesehen von alldem, hat sie diese schönen, mandelförmigen Augen und eine von Natur aus makellose Haut. Ich bin vor fast zwei Monaten bei ihr eingezogen und habe längst aufgehört zu zählen, wie viele Typen bei uns vorbeigekommen sind, um sie abzuholen oder nach Hause zu bringen.

Alle waren niedlich. Aber keiner war ein Rockstar.

»Kommst du oder was?«, brüllt Danica einen Meter vor mir, und als ich ihre ungeduldige Miene sehe, seufze ich noch einmal tief und folge ihr.

Es war nicht immer so. Als wir Kinder waren, ließ sie mich manchmal bei Spielen die Leitung übernehmen. Oder wenn wir »Vater, Mutter, Kind« spielten, waren wir abwechselnd die Mutter und der Vater. Als ihre Familie dann wegzog, wir waren noch auf der Grundschule, war ich ehrlich gesagt ganz schön traurig.

Aber das alles war, bevor sie auf ihre neue Schule kam. Denn dort wurde sie im wahrsten Sinne des Wortes zu einer verdammt fiesen Kuh. Unsere Familien trafen sich nach wie vor an den Feiertagen – Weihnachten, Thanksgiving, Ostern –, und jedes Jahr verwandelte sich Danica ein bisschen mehr in jemanden, den ich nicht mehr kannte. Ihre Fassade war wunderschön, aber innerlich war sie zu keinem besonders liebenswerten Menschen geworden. Ich dagegen war mehr oder weniger dieselbe geblieben. Ich hätte mir damals nie vorstellen können, dass wir eines Tages Mitbewohnerinnen sein würden. Aber als ich bei unserem Familiendinner letzte Ostern erwähnte, dass ich eines Tages gern auf die Mayfield University wechseln würde, da es dort landesweit einen der besten Studiengänge für Tiermedizin gibt, sprang sie sofort darauf an. Sie forderte ihren Vater auf, meine Studiengebühren zu übernehmen. Sie sagte, sie wolle auch wieder studieren. Sie sagte, wir sollten beide nach Mayfield gehen und zusammen wohnen. Sie sagte, das würde ein großer Spaß werden.

An einer Tür in der hinteren Ecke des Klubs marschiert meine so spaßbegeisterte Cousine genau auf den erstbesten Securitytypen zu. Er ist ungefähr doppelt so groß wie sie, mit Muskeln aus Stein und einer entsprechenden Miene.

»Mit wem muss ich reden, um in den Backstagebereich zu kommen?«

Bei ihrem Kommandoton zieht der Muskelmann eine Augenbraue hoch. »Mit dem Osterhasen?«

»Wie bitte?«

»Niemand darf in den Backstagebereich.« Die vor der Brust verschränkten Arme sind definitiv eine Warnung, dass mit ihm nicht zu spaßen ist.

»Ich bin mit Mike da«, lügt Danica, und nachdem er sie einen Moment beäugt hat, lacht der Muskelmann.

»Ja, na klar.«

»Das bin ich wirklich!«

Der Typ lächelt sie nur müde an, als wäre sie ein quengeliges Kind, und prompt beginnt Danica, sich wie eines zu benehmen. Sie verlangt, seinen Boss zu sprechen und droht, ihn feuern zu lassen. Als das alles nichts nützt, versucht sie es mit Beschimpfungen. Doch diese zeigen ebenfalls keine Wirkung, und daraufhin bricht die Hölle los.

Sie bohrt ihm einen Finger in die Brust und brüllt irgendetwas von seinem inzestuösen Genpool, und ich versuche schnell, sie von ihm wegzuzerren. Aber Danica ist in voller Fahrt, und das Einzige, was ich mir einhandle, ist ein harter Schubser, der mich fast umwirft. Mit meinen ein Meter dreiundfünfzig und den knapp siebenundvierzig Kilo habe ich schlechte Chancen, mich hier durchzusetzen, und ich mache auch keinen zweiten Versuch. Ich reibe mir mein empfindliches Schlüsselbein, und als der Securitytyp meine Angreiferin hochhebt, folge ich ihm hilflos, während er sie nach draußen trägt.

Nachdem mein Kopf von einem verschwitzten Riesen im Klub als Armlehne benutzt wurde, ich mir vor den größten Lautsprechern der Welt meine Trommelfelle ruiniert habe und den ganzen Abend herumgeworfen wurde wie das Spielzeug einer rotznasigen Göre, will ich nur noch heiß duschen, in mein Bett kriechen und eine ganze Woche schlafen. Stattdessen stehe ich vor dem Mayhem auf dem Gehweg und sehe stirnrunzelnd auf Danicas wütende Miene, mit der sie die große Metalltür anstarrt, die der Securitytyp eben hinter sich geschlossen hat.

Sie ist wegen einer bestimmten Sache hierhergekommen, und ich weiß genau, dass sie nicht gehen wird, ehe sie sie nicht gekriegt hat.

»Du hättest mich nicht schubsen müssen«, murmele ich, und ihre Augen flackern auf.

»Du hättest mir beistehen sollen!«

»Und was tun? Ihm in die Knöchel beißen?«

Mit ihren zehn Zentimeter hohen Keilabsatzstiefeln ragt Danica über mir auf. Ich starre zu ihr hoch und versuche, mich an das Mädchen zu erinnern, das auf dem Heuboden meiner Eltern mit mir Puppen gespielt hat. Aber sie ist irgendwo zwischen künstlichen Wimpern und den fünfzehn Jahren, in denen sie immer alles bekommen hat, was sie wollte, verschwunden.

»Du hast dich die ganze Zeit wie ein absolutes Biest benommen«, faucht sie mich an. Ich seufze, ziehe mein Shirt wieder von meiner Haut und lasse die kühle Nachtluft den Schweiß auf meinem Rücken trocknen. Verteidigung ist zwecklos, das ist mir klar. In Danicas Wahrnehmung ist sie immer Opfer und Heldin zugleich, und als ihre mietfrei wohnende Mitbewohnerin habe ich gelernt, das einfach zu akzeptieren.

Ich bin dankbar für alles, was sie für mich getan hat. Wirklich. Hätte sie ihrem Vater nicht in den Ohren gelegen und ihn dazu überredet, mein Studium zu finanzieren und ein paar Strippen zu ziehen, dass wir beide auch zugelassen werden, wäre alles ganz anders gekommen. Dann würde ich jetzt nämlich zu Hause Ställe ausmisten und nicht meinen Träumen folgen. Ihr Dad bezahlt all meine Rechnungen – meine Studiengebühren, meine Versicherungen, meine Lebenshaltungskosten, alles. Ich habe allerdings den Verdacht, dass Danicas plötzliches Interesse an meinem Leben nicht ganz uneigennützig war. Nachdem sie schon ein Studium geschmissen hat, nehme ich an, ihr Dad war nur offen für die Idee, dass sie ein neues aufnimmt, wenn sie außerhalb des Campus mit einer verantwortungsbewussten Mitbewohnerin zusammenlebt. Das wäre ich – auch bekannt als ihre langweilige Cousine von der Farm. Und doch stehe ich in ihrer Schuld. Ich verdanke ihr das Dach über meinem Kopf und das riesige Studiendarlehen, das ich selbst nie hätte aufbringen können.

Als ihr Handy klingelt, lässt sie mich links liegen und geht sofort ran.

»Katie?«, fragt sie. »Rate mal, wer eben aus diesem beschissenen Klub geschmissen wurde? Ja! Weil dieses Arschloch von einem Türsteher mich nicht in den Backstagebereich lassen wollte!« Sie wirft mir einen verächtlichen Blick zu. »Hat einfach nur dagestanden und nichts getan. Ich weiß! Nein, sie hat es nicht mal versucht! Mit ihr zusammenzuziehen war eine idiotische Idee.«

Ein eiskalter Schauder überkommt mich, und ich kaue auf der Innenseite meiner Lippe herum. Da mein Onkel darauf bestanden hat, dass ich mich im Moment voll auf mein Studium konzentriere und nicht nebenher jobbe, habe ich keinerlei eigenes Einkommen. Mein einziger »Job« ist es, seine Tochter nicht auf die Palme zu bringen. Und das ist ein Job, in dem ich – wie ich allmählich lerne – sehr, sehr schlecht zu sein scheine.

Ohne etwas zu sagen, gehe ich ein paar Schritte von Danica weg, bevor allein schon mein Anblick sie noch mehr in Rage bringen kann. Doch sie bemerkt es und will wissen, wohin ich gehe, worauf ich mit der lahmsten Ausrede aller Zeiten ankomme: »Ich will diesen Flyer hier drüben lesen.«

Ich gehe hinüber zu einem Telefonmast, um uns beiden ein bisschen Zeit zum Abkühlen zu geben. Ich ziehe sogar die giftigen Rauchschwaden der kettenrauchenden Mädchen vor, die in der Nähe stehen, nur um nicht noch eine Sekunde länger Danicas dummes, passiv-aggressives Gequatsche anhören zu müssen.

»Er ist einfach so verdammt heiß«, sagt ein Mädchen in Leoprint-Leggings, während sie eine Rauchwolke durch ihre blutroten Lippen bläst. Die Straßenlaterne wirft einen harten Schein auf ihre verwaschen-violetten Haare, sodass sie neben der blassen Haut dunkel aussehen. »Und ihr wisst ja, was man über Drummer sagt.«

»Nein, was denn?«, fragt ihre Freundin und reibt sich mit der zerkratzten Spitze ihres schwarzen Lederstiefels über die Rückseite ihrer Netzstrümpfe.

»Drummer wissen wirklich, wie man hämmert.«

Ein leises Kichern entfährt mir, und das betrunkene Gegacker der Mädels schallt durch die Straßen.

»Du bist fürchterlich!«, sagt das Mädchen mit den Netzstrümpfen. »Aber ich habe gehört, dass er nie mit Fans rummacht.«

»Nie?«

»Nie. Bei dem Bassisten hättest du größere Chancen.«

»Aber ich hab gehört, dass seine Freundin absolut durchgeknallt ist …«

»Noch durchgeknallter als du?«, fragt Netzstrumpf, und Leoprint knufft sie in die Seite, während sie weiter kichern und vom Ex meiner Cousine fantasieren.

Das bringt mich dazu, den Blick über den Gehweg auf Danica zu werfen. Ob wir in irgendeinem anderen Universum noch immer Freundinnen sein könnten? Dann hätte ich vielleicht wirklich Spaß bei Rockkonzerten. Und vielleicht wäre sie dann auch nicht mehr so gemein zu mir. Vielleicht würden wir gern zusammenleben.

Vielleicht würden wir sogar über Jungs quatschen.

Für jetzt gibt es genau zwei Möglichkeiten: meinen Kopf immer wieder gegen den Telefonmast schlagen, bis dieser Abend endlich zu Ende ist, oder Danica ein Friedensangebot machen. Ich hole tief Luft und gehe wieder auf sie und den Klub zu.

»Ich habe eine Idee«, beginne ich, nachdem sie ihr Gespräch beendet hat.

»Es gibt für alles ein erstes Mal.«

Ich ignoriere ihren Seitenhieb. »Haben Bands wie diese nicht einen Tourbus?«

Sie starrt mich verständnislos an, und ich warte nur darauf, dass sie mir sagt, was für eine Idiotin ich sei oder wie bescheuert diese Idee ist. Stattdessen verziehen sich ihre Mundwinkel nach oben, und sie lächelt. Lächelt wirklich.

»Siehst du«, sagt sie und strahlt zu mir herunter. Sie ist so aufrichtig glücklich, dass ich unwillkürlich zurücklächle.

»Siehst du was?«

»Ich wusste, dass du nicht völlig nutzlos bist.«

2

»Habe ich dir nicht gesagt, dass er heiß ist?«, fragt Danica, als ich vor dem Doppeldecker-Tourbus der Band auf dem Asphalt sitze und versuche, einen Stein aus der Sohle meines Sneakers zu holen. Ich kratze mit einem meiner kurzen Fingernägel daran herum und denke darüber nach, wie oft sie das Wort »heiß« im Laufe der letzten Woche wohl gesagt hat.

Mikes Band ist so heiß geworden.

Sie sind mit Cutting the Line aufgetreten. Cutting the Line ist so heiß.

Auf der Highschool war Mike nicht so heiß. Sieh dir dieses Foto an. Findest du ihn heiß? Hailey, siehst du überhaupt hin?

»Hailey, hörst du überhaupt zu?«, schimpft Danica und stößt mit ihrer Stiefelspitze gegen mein Knie, während ich mir den Fingernagel an dem Stein abbreche, der natürlich noch immer in meinem Schuh steckt.

Ich starre zu ihr hoch und frage mich, ob sie jeden tritt, der ihr nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, oder nur mich. War sie bei Mike auch so herrisch, als die beiden zusammen waren? Was hat er nur an ihr gefunden?

»Ja«, antworte ich schließlich. »Er ist ganz okay.«

»Ganz okay?«, schnaubt sie. »Bist du blind?«

Ich bin nicht blind. Ich habe nur keine Lust, um ein Uhr morgens bescheuerte Fragen zu beantworten. Natürlich habe ich gesehen, wie heiß er ist. Alle haben das gesehen. Das Mädchen im Leoprint, das Mädchen mit den Netzstrümpfen, und ich nehme an, hunderte anderer Mädchen haben es ebenfalls gesehen. Und vermutlich wird jede Einzelne eifersüchtig auf Danica sein, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das genau der Grund ist, weshalb sie mich hier draußen in der Kälte neben einem abgesperrten Ungetüm von einem Tourbus rumhängen lässt. Was will sie von mir? Dass ich ihr gratuliere, weil ihr Freund in spe so heiß ist?

»Adam ist heißer«, lüge ich.

»Hä?« Danica verzieht verwirrt das Gesicht.

»Was denn?«, frage ich.

»Was glaubst du denn, von wem ich rede? Dem Leadsänger. Adam. Hörst du mir eigentlich irgendwann mal zu?«

Ich befreie meinen Schuh endlich von dem Stein, stehe auf und wische mit der Hand über die Rückseite meiner Jeans. Wir warten schon so lange hier draußen, dass mein Hintern wie betäubt ist und alle anderen Fans schon gegangen sind. »Wenn du so verliebt in Adam bist, warum warst du dann nicht mit ihm zusammen, sondern mit Mike?«

»Ja, na klar«, schnaubt Danica, und als ich sie nur anstarre, verdreht sie die Augen. »Sie haben irgendeinen bescheuerten Kumpel-Kodex oder so«, erklärt sie und fährt sich mit den Fingern durch ihre glatten Haare, die ihr bis über die Schultern fallen. »Mike war schon immer in mich verliebt, daher war Adam für mich nicht zu haben. Und glaub mir, ich hab’s versucht.«

Ich habe keine Ahnung, was ich dazu sagen soll, aber offenbar muss ich das auch gar nicht, denn Danica fährt mich an: »Hör auf, mich so anzuschauen.«

»Warum sind wir überhaupt hier?«

Ich kann es mir zwar denken, aber in den letzten paar Wochen habe ich immer versucht, nicht an ihrer Motivation was Mike betrifft zu zweifeln. Aber jetzt bin ich müde, gelangweilt und durchgefroren, und jeder Selbsterhaltungstrieb, den ich hatte, wurde irgendwo in der Menge im Mayhem zerquetscht. Es ist mir egal, ob sie sauer auf mich ist, oder dass sie die Macht besitzt, mir das Leben zur Hölle zu machen. Ich will nur eine Erklärung dafür, warum ich nach fremdem Schweiß rieche und meine Finger nicht mehr spüren kann.

»Ich will Mike.«

»Warum?«

»Ich vermisse ihn«, lügt sie. Das merke ich, weil sie dabei lächelt. Es ist ihr süßes Lächeln – das, das sie aufsetzt, um zu bekommen, was sie von ihrem reichen Vater will, ein Lächeln, das einfach zu süß ist. Das Lächeln, das sie mir heute Abend geschenkt hat, als sie mich fragte, ob sie »nur für eine Minute« meinen Kapuzenpulli anziehen könnte. Und das, obwohl wir beide wussten, dass sie nicht die Absicht hatte, ihn zurückzugeben.

Ich verschränke die Arme über meinem dünnen Shirt, um mich vor der Kälte zu schützen, und Danica muss die Zweifel in meiner Miene gesehen haben, denn sie fährt fort, es mir zu erklären.

»Mike war ein toller Freund«, beharrt sie. »Er hat mich wie eine Prinzessin behandelt. Er hat meine Bücher getragen und mir kleine Geschenke mitgebracht. Am Valentinstag hat er mir immer Blumen in mein Schließfach gestellt.«

Ihr Lächeln wird sanft, fast aufrichtig, aber es schwindet, als ich frage: »Warum hast du dann mit ihm Schluss gemacht?«

In ihrem üblichen herablassenden Ton entgegnet sie: »Weil er nach unserem Abschluss nichts mit seinem Leben angefangen hat. Er war komplett pleite, hat aber nicht mal dran gedacht, aufs College zu gehen. Er hatte keine echten Ziele. Er war nur ein Loser in irgendeiner bescheuerten kleinen Garagenband.«

Den Scharen an Fans nach zu urteilen, die sich heute Abend vor der Bühne gedrängt haben, ist klar, dass er doch echte Ziele hatte. Und dass er sie mit genau dieser »bescheuerten kleinen Garagenband« erreicht hat, aber ich mache mir nicht die Mühe, das zu erwähnen. Und ich mache mir auch nicht die Mühe, darauf hinzuweisen, dass Danica das College nach nur einem Semester geschmissen und die letzten sechs Jahre damit verbracht hat, die Kreditkarten ihrer Eltern glühen zu lassen.

Vor sechzig Jahren haben unsere Großeltern eine Farm gekauft. Vor sechsundzwanzig Jahren haben Danicas Dad und meine Mom sie geerbt, und meine Eltern haben sie zu unserem Zuhause gemacht. Vor vierzehn Jahren haben Danicas Eltern viele wichtige Kontakte geknüpft und Investitionen getätigt und sich auf eine mehr unternehmerische Ebene des Viehgeschäfts spezialisiert. Sie haben ein Vermögen gemacht und sind weit weg von unserer Kleinstadt und dem bescheidenen Stück Land gezogen, auf dem alles angefangen hat. Jetzt arbeitet Danica ab und zu für die Firma ihrer Eltern, immer dann, wenn es ihr gerade in den Kram passt.

Meine Eltern und mein jüngerer Bruder leben noch immer auf der kleinen Farm, und bis vor zwei Monaten wohnte auch ich noch dort.

»Und das hier hat nichts mit dem zu tun, was Adam zu Beginn der Show gesagt hat? Dass die Band einen großen Plattenvertrag unterschreiben wird?«, frage ich provozierend. Danicas Blick verhärtet sich, aber sie macht sich nicht die Mühe, einen Streit anzufangen. Stattdessen zieht eine Bewegung in der Nähe des Klubs ihre Aufmerksamkeit auf sich, und ihre mandelförmigen Augen schauen Richtung Mayhem.

Sieben Leute gehen über den dunklen Parkplatz auf den Bus zu. Adam und ein Mädchen in seinem Arm. Shawn und die Gitarristin, Kit. Joel und eine Sexbombe in High Heels. Und Mike.

Danica zieht meinen zu großen Kapuzenpulli aus, bevor irgendeiner von ihnen sie darin sehen kann, wirft ihn auf den Boden und rennt auf ihren Ex zu. »Mike!«

Es ist eine filmreife Szene. Auf ihren langen Beinen läuft sie schnell über den Parkplatz. Ihre Haare flattern. Sie wirft sich ihm an den Hals.

Doch der Moment, in dem er seine Arme um Danica schlingen sollte, um sie herumzuwirbeln, wie es jeder anständige Film-Herzensbrecher tun würde, verstreicht, und seine Arme hängen einfach nur reglos an ihm herunter.

Ich höre auf, den Schmutz und die welken Blätter von meinem grünen Ivy-Tech-Kapuzenpulli zu bürsten, den meine Eltern mir einmal zu Weihnachten geschenkt haben, als sie sich nichts anderes leisten konnten, um die interessante Szene vor mir zu beobachten. Doch als Mike endlich die Arme hebt, um Danicas Umarmung zu erwidern, seufze ich und widme mich wieder meinem Kapuzenpulli. Auf dem Ärmel ist ein Fleck. Ich verschmiere ihn, als ich mit dem Daumen darüber reibe.

»Freust du dich denn gar nicht, mich zu sehen?«, gurrt Danica, worauf die Gitarristin ein Geräusch macht, das dafür sorgt, dass Shawn den Arm ein bisschen fester um sie legt. Ihre schwarzen Augen sind mörderisch, und mir fällt auf, dass der Rest der Band mehr oder weniger genauso schaut. Sie sehen Mike und Danica zu, als ob die Szene, die sich vor ihnen entfaltet, aus einem absolut grauenhaften Horrorfilm wäre, nicht aus einer zeitlosen Romanze, wie es Danica gern gehabt hätte.

»Was tust du hier?«, fragt Mike, und Danica erzählt ihm ganz lässig, dass sie jetzt hier lebt, und beginnt dann, den Rest der Jungs der Reihe nach zu umarmen. Sie legt eine oscarreife Vorstellung hin und gerät erst ins Stocken, als Shawn einen Schritt zurückweicht, um ihrer Umarmung zu entgehen.

»Was willst du hier bei unserem Konzert?«, fragt er.

»Ich wollte Mike sehen.« Sie zieht einen Schmollmund, ohne Mike auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Warum?« Als ich Mike jetzt sprechen höre, fällt mir auf, wie gut seine Stimme zu ihm passt. Sie klingt, als ob sie zu jemandem mit großen braunen Augen, dichten braunen Haaren und durchtrainierten Armen gehört. Er ist heißer als Adam, auch wenn Danica das nicht sehen kann. Plötzlich bin ich genervt – vielleicht, weil jemand wie er jemanden wie Danica lieben könnte, vielleicht, weil jemand wie Danica ihn niemals ebenso sehr lieben würde, vielleicht, weil ich müde bin und es verdammt kalt ist und ich nach irgendeinem fremden Körper rieche. Und mein absoluter Lieblingskapuzenpulli einen verdammten Fleck auf dem Ärmel hat und ich heute Abend mit dem Biest nach Hause fahren muss, dem ich diesen Fleck zu verdanken habe.

»Ja, Dani, warum?«

Sie wirft mir einen wütenden Blick zu, als sie den Spitznamen ihrer Kindheit hört – den, den sie damals nicht mehr wollte, weil er ihr zu jungenhaft klang –, und ich versuche, nicht auf den Boden zu starren.

Seit wir im Sommer zusammengezogen sind, habe ich meine Zunge im Zaum gehalten. Ich war ihr Hausmädchen, ihre Köchin, ihr Babysitter und ihr Fußabtreter. Das ist der Preis, den ich dafür bezahle, dass ihre Familie uns beiden ein Dach über dem Kopf bietet, und für die Studiengebühren, die sie für mich übernehmen. Aber drei Stunden Schlangestehen heute Abend, gefolgt von fünf Stunden ohne jede Privatsphäre und dann noch zwei Stunden Frieren, haben meine Vernunft schwer in Mitleidenschaft gezogen. Was eine äußerst gefährliche Sache ist.

Ich bin trotzdem froh, dass sie meine Bemerkung unkommentiert lässt und ihre Aufmerksamkeit stattdessen wieder Mike zuwendet. »Können wir uns unterhalten?«

Er starrt sie mit unergründlicher Miene an.

Ich suche in seinem Gesicht nach dem Typen, der in sie verliebt war, dem, der ihr Blumen ins Schließfach gestellt hat. Ich suche nach dem Rockstar, den ich heute Abend auf der Bühne gesehen habe, dem, der jedes Mädchen hätte haben können. Ich suche nach dem Träumer, dem, der wusste, dass er sich von Danica nicht aufhalten lassen sollte.

Aber sie sind alle hinter vorsichtigen braunen Augen versteckt, und ich höre auf, nach ihnen zu suchen, als Mike »na klar« sagt und Danica zum Bus führt.

3

»Ist nicht längst Schlafenszeit für euch?«, frage ich spaßhaft und pirsche mich mit einer kleinen, aber begehrten Waffe in der Hand – einem Satellitentelefon, das mit der Kommandozentrale verbunden ist – an eine feindliche Festung heran.

»Deine Mom ist zu sehr damit beschäftigt, meinen Schwanz zu lutschen, als dass ich ins Bett gehen könnte«, witzelt die vorpubertäre Stimme in meinen Kopfhörern, und ein Haufen anderer kleiner Jungs lacht streitlustig, und auch ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Meine Daumen gleiten über den Controller in meiner Hand, und ein letzter Knopfdruck löst einen entsetzlich lauten Alarm aus.

»Oh mein Gott!«, kreischt der erste Junge über den heulenden Alarm hinweg. Der Bildschirm blinkt rot, und ich reiße lachend noch ein paar Witze, während die restlichen Jungs in Panik ausbrechen.

»Was hast du da eben über meine Mom gesagt?«

»Wie zum Teufel hast du die verdammte Luftunterstützung gekriegt?«, brüllt einer von ihnen, und auf dem Bildschirm vor mir sehe ich zu, wie eine Gruppe Soldaten in Tarnanzügen aus dem Gebäude in der Ferne flüchtet.

»Zu spät, Anfänger!«, lache ich, und das Dröhnen eines Hubschraubers wird lauter. Eine Sekunde später beginnt ein ohrenbetäubendes Geschützfeuer alle vor mir niederzumähen, und die Schreie der kleinen Jungs in meinen Kopfhörern wärmen mein grausames, gnadenloses Herz.

Ich lache hysterisch, weil sie mich verfluchen und mich beschuldigen, ein Hacker zu sein, als sich die Luft im Tourbus auf einmal verändert. Ich hebe den Blick und sehe, wie die Tür aufgeht.

Ich bin seit Stunden allein. Die Ersten, die den Bus verlassen hatten, waren Mike und Danica, nachdem sie mit einem Finger über seinen Arm gestrichen und ihn gefragt hatte, ob sie unter vier Augen reden könnten. Ich nehme an, sie war die Blicke der anderen leid, denn es war nicht zu übersehen, dass alle – Mikes Band und ihre Begleiter – sie hassen. Und ich bezweifle, dass das, was Danica im Sinn hatte, »reden« war.

Ich bin mir nicht sicher, ob es für sie irgendetwas geändert hat, Mike aus nächster Nähe zu sehen, oder ob sie einfach nur eine sehr talentierte Schauspielerin ist, denn sobald wir alle zusammen im Bus waren, würdigte sie Adam, Shawn oder Joel kaum noch eines Blickes. Und die Leidenschaft, mit der sie sich Mike widmete, muss Wirkung gezeigt haben, denn er nahm sie mit zu einem anderen Bus auf dem Parkplatz, und seitdem hatten wir nichts mehr von ihnen gesehen oder gehört.

Ich vertrieb mir die Zeit, indem ich mit Adams Freundin, Rowan, auf einem Flachbildfernseher im Gemeinschaftsbereich Videospiele spielte, bis nach und nach alle in Zweiergrüppchen verschwanden, um noch etwas Schlaf zu bekommen. Ich versicherte ihnen, ich würde allein zurechtkommen, während ich auf Danica wartete, und verlor dann jedes Zeitgefühl, weil ich vorpubertierende Jungs online abschlachtete, die keine Ahnung gehabt hatten, worauf sie sich einließen.

Als Mike mit zerzaustem Haar und gesenktem Blick in den Bus steigt, lege ich meine Kopfhörer und den Controller neben mich auf die Bank. Die Tür fällt hinter ihm zu, und mir wird bewusst, dass Danica nicht bei ihm ist.

»Wo ist denn Danica?«, frage ich, und Mikes müde Augen sehen langsam auf, als er merkt, dass er nicht allein ist.

»Schläft.« Seine Stimme klingt so erschöpft, wie er aussieht. Er lässt sich mir gegenüber auf eine graue Lederbank fallen, aus der zischend Luft entweicht. Mit seinen Ellenbogen stützt er sich schwer auf seinen Knien ab und reibt sich unsanft die Augen. »Sie ist eingeschlafen, nachdem …« er schüttelt den Kopf. Er muss den Satz für mich nicht beenden, und ich bin sehr froh, als er es auch nicht tut. »Das könnte ein bisschen dauern.«

Wahrscheinlich sollte ich ihn fragen, ob sie zu viel getrunken hat, oder ob es sicher für sie ist, allein in dem anderen Bus zu schlafen. Aber als ich über den Gang hinweg auf diesen Mann schaue, den ich nicht kenne, bemerke, wie seine breiten Schultern herunterhängen, als ob sie ein unvorstellbar schweres Gewicht zu tragen haben, höre ich mich stattdessen fragen: »Geht es dir gut?«

Es ist eine bescheuerte Frage. Er ist ein Rockstar. Er wurde offensichtlich eben flachgelegt. Natürlich geht es ihm gut.

Doch dann hebt er das Kinn, und der Ausdruck in seinen Augen lässt mich vermuten, dass dem nicht so ist.

»Ich brauche ein Bier«, sagt er und steht auf. »Willst du auch irgendwas?«

Er geht ohne abzuwarten in den hinteren Teil des Busses, vielleicht, um weiteren dummen Fragen zu entgehen, deren Antworten mich nichts angehen. Bevor er ganz hinter dem Trennvorhang verschwindet, antworte ich schnell, dass ich nehme, was immer er dahat.

Ich spiele mein Spiel weiter, und als Mike mit zwei Flaschen Bier in der Hand zurückkommt, stelle ich meines neben mir ab und bedanke mich – alles, ohne die rechte Hand vom Controller zu nehmen oder den Blick vom Bildschirm zu wenden. Vermutlich werde ich noch lange, lange Zeit auf Danica warten. Dann kann ich genauso gut das Beste daraus machen.

»Das ist ja Deadzone Five«, bemerkt Mike, und ich schaue ihn aus den Augenwinkeln an.

»Scheiße«, sage ich, während ich weiterspiele. »Bist du das etwa, der betatestet? Ich dachte, es wäre Rowan.«

»Hast du es geschafft, Luftunterstützung zu kriegen?«, will er wissen, ohne auf meine Frage einzugehen.

»Ja. Und ich habe einen Systemfehler gefunden. Ich kann die Luft …«

Ich verstumme, als ich noch einen Blick auf ihn werfe. Seine Augenbrauen sind zusammengezogen, und er starrt mich an, als wären mir Tentakel aus den Ohren gewachsen.

»Entschuldige«, sage ich, während ich den Controller hinlege. »Ich wollte nicht …«

»Ich versuche seit Wochen, Luftunterstützung zu kriegen!«, unterbricht er mich mit nichts als Ehrfurcht in der Stimme.

Ich verberge mein Lächeln und erkläre schlicht: »Ich bin ziemlich gut.«

»Das musst du sein! Verdammt.«

Seine klägliche Miene ist wie weggefegt, und diesmal gestatte ich mir das Grinsen. »Und da ist eine kleine Systemstörung, die es mir ermöglicht, sie immer wieder zu benutzen. Willst du sie mal in Aktion sehen?«

Ich reiche Mike die Kopfhörer, und als die Alarme in dem Spiel losheulen und der Bildschirm rot aufblinkt, hellt sich sein Gesicht vor lauter Aufregung auf. Ich kann die wilden Schreie der zehnjährigen Kids aus seinen Kopfhörern hören, und als Mike anfängt zu lachen, lache ich mit.

»Tust du mir einen Gefallen?«, frage ich. »Sag PussySlayer69 schöne Grüße von meiner Mom.«

Mike lacht so heftig, dass er einen Hustenanfall bekommt. »Oh mein Gott, dieses kleine Stück Scheiße geht mir schon seit Wochen auf die Nerven.« Er hält sich das Mikro an den Mund und sagt: »Hey, Kyle, dir ist schon klar, dass dir hier drüben von einem Mädchen der Arsch aufgerissen wird, oder? Schöne Grüße von ihrer Mom.«

Ich kann nicht verstehen, was Kyle sagt, aber ich kann sein schrilles Kreischen hören, und danach zu urteilen, wie Mike sich vor Lachen krümmt, muss es gut sein. Ich strahle vor Stolz, als Mike sich schließlich wieder aufrichtet und zufrieden seufzt. »Das war umwerfend. Genau was ich gebraucht habe.«

»Harte Nacht gehabt?«, witzle ich, aber Mikes Lächeln verschwindet, und ich verfluche mich für meine große Klappe.

Geht mich nichts an, geht mich nichts an, geht mich nichts an. Danicas Angelegenheiten gehen mich absolut nichts an, sie sind von meinen meilenweit entfernt. Sie ist die Antarktis, und ich bin der Mond.

»Dein Name ist Hailey, oder?«, fragt Mike.

Ich nicke und überlege noch immer, wie ich die letzten dreißig Sekunden unserer Unterhaltung löschen kann.

»Tut mir leid, dass ich so ein Arschloch war, Hailey. Ich wusste nicht, dass du den ganzen Abend allein hier sitzen würdest.«

»Ist schon gut …«, beginne ich, aber Mike schüttelt den Kopf.

»Nein, das ist es nicht. Ich habe nicht mitgedacht.«

Die Aufrichtigkeit in seinem Blick lässt mich schwer schlucken, und als er über mein Schweigen die Stirn runzelt, schüttle ich den Kopf. Wenn sich irgendjemand wegen heute Abend schlecht fühlen sollte, dann Danica. Sie hat sich von mir hierher fahren lassen, hat mich gezwungen, ihr stundenlang hinterherzulaufen wie ein persönlicher Butler, und ist dann verdammt noch mal eingeschlafen. »Wirklich, es ist schon okay. Ich war nicht lange allein. Ich habe fast den ganzen Abend mit Rowan gespielt.«

Mike starrt mich noch einen Moment länger an, und lächelt dann wieder. »Sie ist auch ziemlich gut. Meistens steckt sie mich locker in die Tasche.«

Das stimmt – sie war ziemlich beeindruckend, sowohl im Spiel als auch sonst. Wir haben festgestellt, dass wir auf dieselbe Uni gehen, haben unsere Nummern ausgetauscht und uns für Mittwoch auf dem Campus zum Lunch verabredet – zusammen mit Joels Freundin Dee. Das ist das einzig Gute, was dieser Abend gebracht hat.

»Aber nicht so gut wie ich«, grinse ich, und Mike lacht.

»Nein, du spielst in einer ganz anderen Liga. Ich kann immer noch nicht glauben, dass du in, was, nur ein paar Stunden die Luftunterstützung gekriegt hast.«

Ich hebe mein Bier, um ihm zuzuprosten, und er stößt mit mir an.

»Ich spiele mit meinem kleinen Bruder oft DZ4«, erkläre ich ihm.

»Und Danica ist deine Cousine?«, fragt er und nimmt einen großen Schluck von seinem Bier. Als ich nicke, fügt er hinzu: »Sie hat nie erwähnt, dass sie eine Cousine hat.«

Ich trinke auch noch einen Schluck und erinnere mich daran, wie sie meinen Lieblingskapuzenpulli vorhin einfach auf den Boden geworfen hat. Im Moment weicht er im Badezimmer des Busses im Waschbecken ein. Shawn hat versucht, mir zu helfen, den Fleck aus dem Ärmel zu bekommen, aber wir haben alles nur noch schlimmer gemacht.

»Vermutlich weil sie ein egoistisches Biest ist, das an niemanden außer sich selbst denkt«, entfährt es mir, und sobald ich die bittere Wahrheit ausgesprochen habe, weiten sich meine Augen, und ich presse meine Lippen zusammen.

Ich kann nicht glauben, dass ich das eben gesagt habe. Laut. Zu genau dem Typen, mit dem sie vor nicht mehr als zwanzig Minuten weiß Gott was getrieben hat. Ich habe meinen verdammten Verstand verloren.

Ich halte den Atem an, als Mike mich anstarrt, doch dann schenkt er mir ein amüsiertes Lächeln. »Warum erzählst du mir nicht, wie du dich wirklich fühlst?«, witzelt er.

Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier, um den noch größeren Kloß in meiner Kehle hinunterzuspülen. »Entschuldigung.«

»Wofür?«

»Ich wollte deine Freundin nicht beleidigen.«

»Freundin«, wiederholt er stirnrunzelnd. Er lehnt sich wieder gegen die Lederbank und lässt den Kopf nach hinten sinken. »Dieser Abend ist so verkorkst.«

Ich wiederhole mein Mantra. Geht mich nichts an, geht mich nichts an, geht mich nichts an.

»Willst du noch ein Bier?«, frage ich, als mein Blick von dem leichten Bartschatten auf seinem Kinn auf die leere Flasche fällt. Mike ist ein Rätsel. Ein Rockstar, der nicht mit Groupies rummacht. Ein Typ, der eben flachgelegt wurde, sich aber benimmt, als ob gerade jemand gestorben sei. Ich habe keine Ahnung, was ihn bedrückt, aber selbst wenn ich ihn fragen würde, nehme ich an, würde ich es nicht verstehen. Der Typ war in Danica verliebt, und das ist etwas, was ich nie begreifen könnte, egal, wie viele Jahre ich damit verbringen würde, den Tourbus-Psychiater zu spielen.

»Es gibt nicht genug Bier auf dieser Welt«, antwortet Mike, und ich reiche ihm den Rest von meinem, bevor ich seine leere Flasche nehme und auf die kleine Küche im hinteren Teil des Busses zusteuere. Ich weiß, dass ich mich nicht einmischen darf, daher tue ich stattdessen das Nächstbeste.

»Wohin gehst du?«, fragt Mike und setzt sich auf.

»Sehen, ob du irgendwas Stärkeres als Bier dahast.«