Buch
Eines Morgens verlässt Norah Wells ihr Haus in der Willoughby Street, ihren Mann Adam und ihre zwei kleinen Töchter – und blickt nie zurück. Sechs Jahre später steht sie auf einmal wieder vor der Tür und sucht den Kontakt zur Familie. Doch alles ist anders. Ihre jüngste Tochter erkennt Norah nicht und nennt nun Fay, die neue Frau an der Seite ihres Mannes, »Mummy«. Ihre ältere Tochter will nichts mit ihr zu tun haben. Und Adam wird schmerzlich bewusst, dass er Norahs Weggang nie ganz überwunden hat. Alle sind heillos mit der Situation überfordert – und doch verlangen sie alle nach Antworten. Wo war Norah die ganze Zeit? Warum ist sie gegangen? Und warum ist sie wiedergekommen? Und gibt es genug Platz für zwei Mütter in einer Familie?
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Virginia Macgregor
Solange unsere Herzen schlagen
Roman
Aus dem Englischen
von Wibke Kuhn


Für meine geliebte Tochter Tennessee Skye
[Von unten hört man das Geräusch einer Tür,
die zugeschlagen wird.]
Henrik Ibsen, Nora oder Ein Puppenheim
Lieber Adam,
es tut mir leid.
Ich muss gehen.
Ich liebe Dich. Sag Ella und Willa, dass ich sie auch liebe. Und kümmer Dich gut um Louis.
Wenn Du Hilfe brauchst, frag Fay, sie weiß, was zu tun ist.
Bitte such mich nicht.
Norah
Die Welt erwacht. Oder versucht es zumindest.
In der kleinen Stadt Holdingwell.
In der Willoughby Street.
In Haus Nummer 77, dem großen roten Backsteinhaus mit dem Baugerüst, das bis zum Dach reicht.
Oben im Haus erreicht das erste Licht der Dämmerung ein Mädchen. Sie reibt sich die Augen, die von Make-up-Resten rußig schwarz gerändert sind. Ihr Bett ist mit DIN A4-Seiten übersät, einzelne Worte sind unter den Neonstrichen eines Textmarkers verwischt. Am Fußende ihres Bettes stehen ein Paar ausgetretene Laufschuhe. Das Mädchen rutscht tiefer unter seine Decke und betet im Stillen, dass der Wecker ihres Handys noch nicht losgeht. Gib mir nur noch ein paar Minuten …
Auf dem Flur steht ein Mädchen vor dem Schlafzimmer seines Vaters. Sie hat die Nacht hier draußen verbracht, weil es sie getröstet hat, dass sein schlafender Körper auf der anderen Seite der Tür liegt. Sie haben eine Abmachung getroffen: Sie darf sich nicht mehr mitten in der Nacht zu ihm schleichen, außer wenn es richtig schlimm wird. Wenn du ihnen nicht nachgibst, gehen die Träume weg, behauptet ihr Vater. Du musst sie erziehen, so wie wir Louis erzogen haben. Aber das kleine Mädchen glaubt das nicht so recht. Sie hat noch nie gehört, dass jemand einen Geist erzogen hätte.
Auf der anderen Seite der Tür streckt ihr Vater die Hand nach der Frau aus, die er liebt. Aber da ist nur das kühle leere Laken. Er reibt sich die Augen, greift nach seiner Brille und lauscht auf die Geräusche des erwachenden Hauses.
Ein Bellen aus der Küche.
Das Geräusch der Schritte seiner kleinen Tochter auf dem Treppenabsatz.
Der Handywecker seiner großen Tochter.
In dem großen roten Backsteinhaus liegt ein großer Hund fest schlafend in seinem Lager unter der Treppe. Sein Fell ist so lockig wie die Dauerwelle einer alten Dame. Er sabbert, seine Lefzen sind ganz schlaff, weil er noch so tief schläft. Doch er riecht, wie sich in der Luft etwas verändert. Er hat es die ganze Nacht gerochen, zwischen den Träumen von Laternenpfählen und den Chihuahuas von gegenüber und dem Knochen, den er heute Abend kriegt, weil Freitag ist.
Am anderen Ende der Stadt wäscht sich Die Mutter Die Geblieben Ist in der Kinderstation des Holdingwell General Hospital die Hände. Sie reibt die Handflächen gegeneinander, schrubbt mit der Nagelbürste unter den Nägeln und verschränkt die Finger unter dem brühheißen Wasser. Ihre wunde Haut leuchtet rosa, und sie überlegt, ob sie sich eines Tags wohl so viele Zellen von der Hand geschrubbt haben wird, dass die Haut Fleisch und Knochen entblößt. Sie schließt die Augen und atmet langsam und kontrolliert aus, um die Übelkeit in den Griff zu bekommen. Sie denkt an den Maifeiertag – ein ganzes Wochenende ohne Krankenhaus. Schlaf. Friede. Zuhause.
In der Willoughby Street heben zwei alte Damen die Vorhänge an und schauen zu dem großen roten Backsteinhaus hinüber. Auf der Türschwelle sehen sie unter dem voll erblühten Kirschbaum, wie Die Mutter Die Gegangen Ist ihren Trompetenkoffer abstellt und an dem Haus emporblickt, das sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hat.

FREITAGMORGEN
