cover

Buch

1838 auf dem Ohio River: May Bedloe arbeitet als Schneiderin für ihre Cousine Comfort Vertue, eine gefeierte Schauspielerin. May hatte nie das Bedürfnis, im Scheinwerferlicht zu stehen, und ist mit ihrem einfachen Leben zufrieden. Doch dann trennt sich Comfort überraschend von May, und zum ersten Mal in ihrem Leben ist diese ganz auf sich allein gestellt. Aus der Not heraus heuert sie auf Hugo Cushings Theaterschiff an – und blüht auf. Denn die bunte, exotische Truppe, die ihr dort begegnet, lässt sie endlich zu sich selbst finden. Als ihr dann noch Hugo selbst Avancen macht, scheint ihrem Glück nichts mehr im Wege zu sein. Doch gerade als May ihren Platz im Leben gefunden zu haben glaubt, wird sie vor die größte Herausforderung ihres Lebens gestellt …

Autorin

Martha Conway hat Englisch und Geschichte studiert. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Autorin von Kurzgeschichten und Romanen und unterrichtet Kreatives Schreiben an den Universitäten von Stanford und Berkeley. Sie wurde als eine von sieben Schwestern in Cleveland, Ohio, geboren und lebt mit ihrer Familie in San Francisco.

Martha Conway

Das Schiff

der Träume

Roman

Aus dem Englischen

von Christine Heinzius

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Underground River« bei Touchstone, an imprint of Simon & Schuster Publishers, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen

nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2017

Copyright © der Originalausgabe 2017 by Martha Conway

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: INTERFOTO / Mary Evans / Pharcide /

FinePic®, München

Redaktion: Ilse Wagner

BH · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-20566-9
V001

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für meinen Vater, Richard Conway,

der mit mir den Ohio River befahren hat.

Ohio, 1838

Ich hielt ihr das Taschentuch hin. Als sie es mir aus der Hand nahm, berührten sich unsere Finger, und sie sagte leise: »Sie sind die Freundin von Mrs Howard, nicht wahr?« Mein Herz stolperte und begann dann zu rasen. Ich sah zu Hugo, der außer Hörweite stand. Die Frau wandte ihm den Rücken zu, sperrte ihn aus. Absichtlich, wurde mir bewusst.

»Ja. Ich bin May Bedloe«, sagte ich schnell. Dann dachte ich: Hätte ich ihr meinen Namen überhaupt nennen sollen? Ich wusste nicht, wie das hier ablief, aber es war egal, ich glaube, ich hätte alles sagen können, solange es mit »Ja« begann. Sie war hier, um mir eine Information zu überbringen, nicht, um eine einzuholen.

»Ihr Paket wird heute Nacht am Ufer warten.«

1

25. April 1838, Cincinnati, Ohio

Als das Dampfschiff Moselle kurz vor dem Anlegen in Cincinnati explodierte, saß ich unten in der Damenkabine, nähte Teeblätter in kleine Musselinbeutel und schmiedete Rachepläne gegen meine Cousine Comfort, weil sie beim Abendessen über mich gelacht hatte.

Ich konnte es ihr auf vielerlei Art heimzahlen. Manchmal ergänzte ich ein paar Abnäher an ihren Manschetten, auf der Bühne schwollen ihre Handgelenke dann an, sodass sie den Stoff nach der Vorstellung aufschneiden musste, um ihre Arme herausziehen zu können. Oder ich schnitt die Bänder ihrer Corsage ein bisschen kürzer, damit sie sich nicht so eng schnüren konnte, wie es ihr gefiel, oder ich nähte eine kleine Taubenfeder in den Rücken eines ihrer Kostüme, sodass der Kiel an ihrer Haut kratzte.

Ich war Comforts Schneiderin, Garderobiere und Kofferpackerin. Und hundert anderes mehr. Sie war die Berühmte Comfort Vertue. Das war ihr Bühnenname.

Aber sie war nicht berühmt, und sie war nicht mit Lord und Lady Vertue aus Suffolk in England verwandt, wie sie beim Abendessen behauptet hatte. Comfort war fast dreißig Jahre alt, behauptete jedoch, so alt zu sein wie ich, zweiundzwanzig. In den letzten sechs Monaten waren die Rollenangebote für eine Junge Naive seltener geworden, aber sie war noch nicht bereit, Matronen oder Witwen zu spielen, da der Name bei diesen Rollen bestenfalls erst als zweiter oder dritter auf dem Plakat genannt wurde. Stattdessen hatte sie für uns beide Fahrkarten auf dem Dampfschiff Moselle nach St. Louis gebucht, auf der Suche nach, wie sie es nannte, neuen Chancen.

Wir hatten in Pittsburgh darüber gestritten. Ich wollte mit einer Überlandkutsche nach New York fahren, wo wir mehr Chancen hätten. Aber Comfort hatte genug von New York.

»Wir haben nicht genug Geld dafür, Frog. Außerdem habe ich ein Angebot vom New Theatre in St. Louis. Der Direktor stellt ein Ensemble zusammen.«

Sie lächelte mich an. Meine Cousine ist eine sehr schöne Frau mit klaren blauen Augen, schönen Zähnen und hellem rotgoldenem Haar, das ich jede Nacht für sie auf Stoffstreifen wickelte. Ihre Nase ist allerdings ein kleines bisschen schief und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Kerbe in ihrem Kinn.

»Ein festes Angebot?«, fragte ich.

Sie behauptete gern, dass sie mich nach dem Tod meiner Mutter gerettet hatte, aber das stimmte nicht. Sie hatte einfach nur eine Chance wahrgenommen. Wie die Chance, die sie jetzt in St. Louis sah. Dort kannte uns niemand. Sie könnte zweiundzwanzig Jahre alt sein und gerade erst beginnen, und nicht fast dreißig und gerade so durchkommen. Ich wäre diejenige, die ich immer gewesen bin: ihre dunkelhaarige Cousine, die für sie nähte und sich von der Bühne fernhielt. Ich könnte auch zweiundzwanzig Jahre alt sein. Was ich tatsächlich war.

❊ ❊ ❊

Wir waren bereits seit sechs Tagen auf der Moselle und dachten, noch weitere sechs Tage auf ihr zu verbringen, als sie nachmittags unterging. Beim Abendessen befanden sich Comfort und ich an einem großen Tisch fast im Zentrum des Speisesaals mit sieben oder acht anderen Gästen. Wir alle saßen nah an der weißen Tischdecke mit ihren vielen kleinen Saucenflecken, während Männer in weißen Jacketts Platten aus der Küche hereintrugen: gebratenes und frittiertes Huhn, panierter Kabeljau, kalter Schinken, warmes Brot, eingemachte Pfirsiche, eingelegte Gurken und große Steingutschüsseln mit dampfendem Gemüse. Im Speiseraum roch es nach Braten und Terpentin, und im Hintergrund hörte man ein leises, aber stetiges Brummen von den Heizkesseln, das wir im Gespräch übertönen mussten. Das war für die ausgebildete Schauspielerin Comfort kein Problem. Mit einer der Damen an unserem Tisch, Mrs Flora Howard, einer rotgesichtigen Sklavereigegnerin, nahmen wir inzwischen all unsere Mahlzeiten ein. Sie erzählte uns eine lustige Geschichte über ein Maultier, und ich habe wohl darüber gelächelt, denn ein anderer Tischgenosse, Mr Thaddeus Mason, ein Schauspieler wie Comfort, sagte plötzlich: »Na sag mal, May! Was für ein hübsches Lächeln!«

Ich wurde sofort verlegen und presste die Lippen aufeinander.

»Jetzt sehen Sie nur, was Sie getan haben«, sagte Mrs Howard, »ich glaube, ich habe Mays Zähne noch nie gesehen.«

»Ein Lächeln, das umso bezaubernder ist, weil es so selten ist«, sagte Thaddeus mit seiner Stimme für das Rezitieren von Gedichten. Thaddeus war ein bisschen kleiner als der Durchschnitt und trug seine blonden Locken recht lang wie ein jüngerer Mann. Wir kannten ihn aus dem Third Street Theatre, an dem Comfort einen Monat lang mit ihm gemeinsam aufgetreten war. Mrs Flora Howard hatte ihren Bruder in Shippingport besucht und war jetzt auf dem Weg zu einem anderen Bruder in Vevay. Sie war eine kräftige Frau, die jeden Tag lange Perlen- und Silberketten über ihren üppigen Seidenroben trug. Jedes ihrer Kleider verschlang viele Meter Stoff, und ich fragte mich, ob die Kosten dafür nicht reichten, um sie zum Abnehmen zu bewegen. Aber Comfort erzählte mir, dass Mrs Howard eine reiche Witwe war, mit einem großen, wunderschön ausgestatteten Haus in Cincinnati – Comfort findet solche Dinge immer heraus –, und wahrscheinlich dachte sie, dass sie sich ihr Gewicht leisten konnte.

Comfort legte ihren Kopf schräg und lächelte Mrs Howard mit ihrem kindlichen Lächeln mit Grübchen an. Sie war es gewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und es gefiel ihr nicht, dass sie diese mit mir teilen musste. Nicht dass es mir gefallen hätte.

»Sie sind sehr talentiert«, sagte sie zu Mrs Howard, »wenn Sie meine Cousine zum Lächeln bringen. Und wenn Sie sie zum Lachen bringen, nun, dann gebe ich Ihnen einen Dollar. Ich glaube, ich habe May in meinem ganzen Leben nur zwei Mal lachen hören.«

Eine Übertreibung. Ich mag keine Übertreibungen.

»Ich lache manchmal«, sagte ich.

»Ich bin mir sicher, Sie haben ein wunderschönes Lachen«, warf Thaddeus ein, »genau wie Ihr Lächeln.«

Comfort runzelte die Stirn. Aufmerksamkeit bedeutete für sie das, was der perfekt gerade genähte Saum für mich bedeutete, und wir waren beide bereit, hart dafür zu arbeiten.

»Ach, sehen Sie nur – wird das Mädchen für uns singen?«, fragte sie laut und wechselte das Thema. »Ich glaube schon! Ich glaube, dieses Mädchen wird tatsächlich für ihr Abendessen singen!«

Ich drehte mich um. Eine große Frau in einem rosafarbenen Kleid stand auf einem kleinen Podium und bereitete sich auf ihren Auftritt vor. Neben ihr spielte ein Mann mit einer Geige unter dem Kinn ein paar Noten, um das Instrument zu stimmen und um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Und als alle im Raum ruhig waren, zeigte er mit seinem Bogen auf sie und sagte: »Ladys und Gentlemen, Miss Helena Cushing, von Hugos und Helenas Floating Theatre.«

Die geschlossenen Glastüren des Speisesaals warfen ein diffuses Nachmittagslicht auf ihr rosafarbenes Kleid und ihr hübsches, weiches Gesicht. Über uns schwankten die Kronleuchter, als das Schiff eine leichte Kurskorrektur durchführte, dann breitete Miss Cushing die Arme aus und begann zu singen.

»Drink to me only with thine eyes, and I will pledge with mine

Or leave a kiss within the cup and I’ll not ask for wine …«

Sie sang ruhig und entspannt, gar nicht so, als stünde sie vor hundert Fremden, die Servietten in den Kragen gesteckt hatten und ihre Gabel gerade zum Mund führten, sondern eher so, als wäre sie allein in einem Zimmer und ließe ihren Tee abkühlen, während sie ihren eigenen Gedanken bis an ihr Ziel folgte. Als sie geendet hatte, gab es höflichen Applaus, dann läuteten die Gäste nach mehr Brot.

Miss Cushing drehte sich zu dem Geiger um und fing an, energisch mit ihm zu sprechen. In einem Augenblick war all ihre bemerkenswerte Ruhe verflogen.

»Also, das ist einfach schrecklich«, verkündete Mrs Howard.

Ich folgte ihrem Blick zu einem Tisch in der Nähe, an dem eine ältere Frau in einem dunkelgrünen Kleid von einem schwarzen Jungen bedient wurde.

»Sie hat ihren Sklavenjungen mitgebracht«, sagte Mrs Howard.

Der Junge stand hinter dem Stuhl seiner Herrin, trug weiße Handschuhe, die am Handgelenk eng geknöpft waren, und ein kleines braunes Halstuch über einem frisch gebügelten weißen Hemd. Ich bin im Norden aufgewachsen und hatte bisher erst selten Sklaven gesehen. Auch wenn sein Hemd eindeutig für ihn verändert worden war – die Schulterlinie war nicht ganz korrekt –, er oder jemand anders achtete sehr darauf, dass es sauber war.

Einer unserer Tischgenossen, ein Mann mit Backenbart und einem Smaragdring an seinem kleinen Finger, beugte sich vor.

»Ich habe gehört, dass alle Sklaven in St. Louis Französisch sprechen«, sagte er.

»Für sie ist er wie ein Gepäckstück«, sagte Mrs Howard laut und indigniert und ignorierte ihn. »Sie holt ihn und nimmt ihn einfach überallhin mit. Jemand sollte ihn sich jetzt sofort schnappen und nach Kanada bringen.«

Der Mann mit dem Ring am kleinen Finger runzelte die Stirn. »Das wäre Diebstahl, man könnte Sie dafür hängen. Nehmen Sie nur diesen Mann, Lovejoy. Alles, was er getan hat, war, ein paar Artikel gegen Sklaverei in seiner Zeitung zu veröffentlichen, und schon hat man seine Druckerpresse mit ihm verbrannt. Oder ihn erschossen, ich erinnere mich nicht mehr so genau.«

Aber das ließ Mrs Howard nur noch unerbittlicher antworten: »Die Sklaverei muss abgeschafft werden, nicht erst morgen, sondern heute. Ich bin mir sicher, jeder an diesem Tisch stimmt mir zu.«

Aus irgendeinem Grund fiel ihr Blick auf mich. Da von mir keine Reaktion kam – ich war mir nicht sicher, was sie wollte –, schaute sie nun auf Comfort. »Was denken Sie, meine Liebe?«, fragte sie meine Cousine.

Aber Comfort sah immer noch zur Sängerin. »Oh, sie hat schon eine hübsche Stimme, sicher«, sagte sie, »aber heutzutage muss man ein bisschen von allem können. Eine hübsche Stimme genügt nicht. Ich war mal an einem Theater in Boston, und man wollte, dass ich einen Jig tanze. Einen Jig! Und sie wollten alle, dass jemand Jump, Jim Crow sang. Ich könnte Tom Rice umbringen, weil er das geschrieben hat. Ich kenne ihn natürlich. Wir sind in Tarrytown gemeinsam aufgetreten. Er hat das Lied von einem Stallburschen hinter dem Theater gehört. Ich stand damals auf der Bühne.«

Stimmt nicht. Mehr als eine Übertreibung – eine Lüge. Ich wischte mir die Hände an einer dunkelbraunen Serviette ab, die bereits benutzt aussah.

»May war auch da«, fuhr Comfort fort, sie sah mich schelmisch an, und ich wusste, dass sie mich noch weiter necken wollte. »Sie hat selbst gehört, wie der Stallbursche das Lied gesungen hat. Wäre sie schneller gewesen, hätte sie das Lied als Erste aufschreiben können, sodass wir ein Vermögen verdient hätten.«

»Ist das wahr?«, fragte Thaddeus und nahm sich noch ein Stück Kabeljau. Das Essen auf dem Schiff war im Fahrpreis inbegriffen.

»Nein«, sagte ich, »ist es nicht. Tom Rice hat das Lied in Baltimore gehört, nicht in Tarrytown. Und ich war ganz woanders.«

Comfort lachte laut auf. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt, Mrs Howard? May kann nicht lügen! Es geht einfach nicht!«

Ich sah sie scharf an. Hatte sie über mich gesprochen, bevor ich mich hingesetzt hatte? Aber Mrs Howard warf der Frau mit dem Sklavenjungen immer noch tödliche Blicke zu.

»Sie hat in ihrem ganzen Leben noch nie gelogen«, sagte Comfort, dieses Mal zu allen anderen am Tisch. »Nicht einmal, um zu sagen, dass ihr mein Hut gefällt, auch wenn sie ihn eigentlich nicht mag. Ich habe mal gehört, wie sie einer Braut am Hochzeitsmorgen gesagt hat, dass das Wetter sicherlich nicht mehr besser wird. Und zu dem Zeitpunkt nieselte es nur leicht.«

Während er kaute, betrachtete mich der Mann mit dem Smaragdring am kleinen Finger, als wäre ich eine Kuriosität. Ein dunkler Zorn regte sich in mir.

»Und natürlich hatte May recht, denn während sie in der Kirche waren, brach ein Sturm los«, fuhr Comfort fröhlich fort, »und sie verpassten ihr Hochzeitsfrühstück. Sie hatten wegen des Gewitters Angst, die Kirche zu verlassen. Wir haben es selbst gegessen, stimmt’s, May?«

Ich spürte, wie mein Gesicht wärmer wurde, und legte sorgfältig meine Gabel und mein Messer auf meinem Teller ab. Ich wollte nicht widersprechen, ich streite nicht gern vor anderen Leuten, aber ich musste es sagen: »Nein. Haben wir nicht.«

Comfort lachte wieder. Jetzt hatte sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. »Sehen Sie! Sie kann nicht lügen, nicht mal, um mir zu helfen, das Gesicht zu wahren, und ich glaube, dass sie mich von allen Menschen in der Welt am meisten mag.«

Mrs Howard, Thaddeus und der Mann mit dem Smaragdring am kleinen Finger wandten sich alle mir zu. Ich kniff mir ins Handgelenk und wollte, das Gespräch wäre zu Ende. Ich sprach nicht gern vor einer Gruppe, ich mochte es nicht, aufgezogen zu werden, und vor allem mochte ich es nicht, wenn mich alle anschauten. Das war meine Strafe für das Lächeln.

»Du magst mich doch, Frog, nicht wahr?«, neckte Comfort mich in kokettem Tonfall.

Ich sah zur Seite. Ich mag meine Cousine, das stimmt, aber in diesem Augenblick hasste ich sie.

❊ ❊ ❊

Nach dem Abendessen spazierten Comfort und Mrs Howard auf dem Deck umher, und Thaddeus Mason begleitete den Mann mit dem Smaragdring, um eine Zigarre zu rauchen. Ich ging allein in die Damenkabine, um zu nähen und Rachepläne gegen meine Cousine zu schmieden.

Die Damenkabine war ein großer, eckiger Raum, der im Vergleich zur Herrenkabine, in die ich bei meiner Ankunft an Bord einen Blick werfen konnte, recht schäbig wirkte. Auf dem Boden lagen zwei dünne Teppiche zweiter Wahl, und nur zwei gerahmte Bilder hingen an den Wänden, aber wenigstens gab es keine Spucknäpfe. Fünfzehn oder zwanzig Frauen befanden sich bereits im Raum, als ich eintrat. Sie saßen in kleinen Gruppen zu dritt oder viert in gepolsterten Stühlen mit geraden Rückenlehnen, lasen oder unterhielten sich oder nähten.

Ich entdeckte einen freien Stuhl an einem Fenster, wo das Licht noch hell genug war. Da der Ohio von Pittsburgh bis zur Mündung in den Mississippi in Cairo, Illinois, fließt –dazwischen durchquerte er noch vier Staaten –, fuhren wir recht schnell mit der Strömung, und als ich mich hinsetzte, hörte ich das rhythmische Schlagen der Schaufelräder, die das Wasser aufwirbelten.

Ich legte meinen leichten Schal über meine Knie, an denen ich schnell fror, holte Nadel und Faden hervor und ein Einmachglas mit Tee. Ich nähte kleine Teebeutel, die ich verkaufte, um ein wenig zusätzliches Geld zu verdienen, meine ganz eigene Erfindung: kleine Teeblätter, für eine Tasse abgewogen, in ein Quadrat aus saugfähigem Musselin gelegt und dann zugenäht. Ich ging in der Pause in den Theatern, in denen Comfort gerade auftrat, mit einer Schachtel voller Teebeutel durch den Saal und erklärte den Theaterbesuchern, wie sie die Beutel in eine Tasse kochendes Wasser hängen konnten, um bequem eine einzelne Portion Tee zu erhalten. Ich gab den Theatermanagern immer zehn Prozent meines Profits und rechnete ihren Anteil immer auf den Penny genau aus, auch wenn ich sie leicht hätte betrügen können, so wenig achteten sie darauf, was ich tat. Aber ich betrog sie nie, denn betrügen ist dasselbe wie lügen.

Comfort hatte recht, als sie sagte, ich könne nicht lügen. Es geht dabei nicht ums Prinzip. Aus mir unerklärlichen Gründen habe ich ein starkes Bedürfnis, Tatsachen penibel genau wiederzugeben. Und da ich nicht immer verstehe, was die Menschen zwischen den Zeilen ausdrücken wollen, bin ich vielleicht ehrlicher als nötig oder sogar erwünscht. Meine Mutter meinte, das läge daran, dass ich auf dem linken Ohr nichts mehr höre. Ich könne die Zwischentöne nicht hören, erklärte sie, deswegen verstand ich ein Gespräch nie so wie andere Leute. Wenn eine Frau etwa, um Comforts Beispiel zu bemühen, zu mir sagt: »Ich bin mir bei meinem neuen Hut nicht ganz sicher«, würde ich wahrscheinlich nicht darauf kommen, dass sie möchte, dass ich ihr sage, dass er mir gefällt. Stattdessen würde ich versuchen aufzulisten, was ich als gut und was als schlecht an dem Hut ansehe, damit sie zu einer Entscheidung kommt. Ich weiß nicht, warum Comfort mich auslacht, wenn ich das tue. So bin ich eben, und das weiß sie. Warum sollte man wegen eines Huts lügen?

Eine Nadel in eine kleine Näharbeit hineinzustechen, das beruhigt mich jedoch immer, und während das Schiff eine der äußeren Anlegestellen nahe Cincinnati anfuhr und dabei sanft im Takt der Heizkessel schaukelte, vergaß ich meinen Ärger auf Comfort allmählich. Ich war schon früher auf Dampfschiffen gewesen, und der Geruch von nassem Holz, Moos, Zigarrenrauch und Braten von früheren Mahlzeiten, der jede Kabine und das Deck einhüllte, machte mir nichts aus, und mir gefiel der Blick auf den Ohio River mit der langen Reihe von Weiden, die ihre Blätter im Wasser badeten. Der Fluss war die natürliche Grenze zwischen dem Norden und dem Süden mit Ohio auf der einen Seite und Kentucky auf der anderen. Am Ufer sah ich die kleinen, windschiefen Hütten, in denen die Holzfäller lebten. Ein Kind mit einer blauweißen Haut watete durch den Schlamm und zog eine halb verhungerte Kuh hinter sich her. Es sah zur Moselle auf, als sie vorbeidampfte, als wäre sie seine Rettung, doch wir zogen einfach an ihm vorbei. Ich schnitt mit meiner Schere einen Faden ab: noch ein Teebeutel fertig.

»Nach Chautauqua mache ich vielleicht noch eine Wasserkur in Malvern«, sagte eine der Damen mit einer trockenen, fedrigen Stimme. Es war die ältere Dame, die beim Abendessen ihren Sklavenjungen dabeihatte, auch wenn der Junge jetzt nicht bei ihr war. Sie saß da, ihre alten, knotigen Hände auf ihrem dunkelgrünen Seidenkleid gefaltet, ein paar glänzende graue Locken hingen aus ihrer passenden grünen Haube heraus. Als ich weitere Musselinquadrate zuschnitt, hörte ich, wie das Schiff mit einem ungewöhnlich schrillen Geräusch den Dampf ausstieß, während wir darauf warteten, dass Passagiere zustiegen. Später hieß es, dass der Kapitän der Moselle sehr stolz auf sein Schiff gewesen war, das vor Kurzem einen Rekord für die schnellste Reise von Pittsburgh aus aufgestellt hatte, und dass er an diesem Tag vor dem Dampfschiff Tribune an der nächsten Anlegestelle ankommen wollte. Die neuen Passagiere drängelten sich auf unser überfülltes Schiff, der Kapitän hob seinen Arm, und wir fuhren los, in der Hoffnung, die Zeit wieder aufzuholen. Aber das Rad der Moselle schaffte nicht einmal eine komplette Umdrehung, als alle vier Heizkessel gleichzeitig mit dem Geräusch eines vollen Schießpulverlagers explodierten.

Es war ein Geräusch, das sich wie ein Schlag anfühlte. Einen Augenblick lang schien es, als wäre die Luft selbst aufgeplatzt; das Schiff bekam starke Schlagseite, wodurch wir alle von unseren Stühlen fielen. Öllampen, die nicht angezündet waren, kippten auf den Boden, und die Kronleuchter über uns schwangen wie wild hin und her, während alle im Raum in Richtung Schott stürzten. Ich glitt mit dem Gesicht über das Kleid von irgendjemandem, und die ältere Dame, die nach Malvern wollte, quetschte mich kurz ein.

»Was ist passiert?«, fragte sie mit ihrer alten, fedrigen Stimme.

»Sie ist in die Luft geflogen!«, rief jemand.

Das Schiff taumelte noch einmal und erstarrte. Während der ersten paar Minuten konnten wir nicht mehr tun, als uns aufzurappeln und anderen dabei zu helfen aufzustehen. Jeder sagte dasselbe: Sind Sie verletzt? Nein, Sie? Die alte Frau, die nach Malvern fahren wollte, umfasste ihren Ellbogen. »Sinken wir?«, fragte sie. Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie: »Wir müssen an Deck gehen, bevor wir untergehen.«

Ihre Haube war nach hinten gerutscht, und ich sah, dass ihre glänzenden grauen Locken falsch waren, sie waren innen an der Haube festgenäht. Ihr echtes Haar war fein und dünn. Auch wenn wir sicherlich fünfzehn Frauen im Raum waren, schrumpfte meine Welt nach der Explosion auf die zwei oder drei Menschen direkt neben mir zusammen. Irgendwie ergab es sich, dass die Malvern-Dame und ich und noch eine Frau mit Kind einander halfen. Die Luft im Raum war gefährlich verraucht, und meine Ohren schmerzten noch von der Explosion, aber mir fiel auf, dass die Wände immer noch senkrecht standen.

»Brennt sie?«, fragte mich die Frau mit dem Kind.

»Lassen Sie uns an Deck gehen«, sagte ich zu ihr. »Es werden sicher ein paar Boote unterwegs sein, um uns zu helfen.«

Meine Stimme schien aus meinen Ohren zu kommen, und alles sah aus, als sei es schwarz umrandet: der Türrahmen, die Kanten der Stufen. Wir alle versuchten jetzt, aus der Kabine an Deck zu gelangen, im Moment noch ruhig und geordnet, doch später entdeckte ich Blutergüsse auf meinem Arm, die ich mir nicht erklären konnte, grellgelb und rund wie Knöpfe. Die ganze Zeit über dachte ich nicht an Comfort, so durcheinander war ich. Ich dachte nur an mich selbst, die Malvern-Lady und die Dame mit ihrem Kind. Aber kaum dass wir auf dem Deck angekommen waren, wurden wir getrennt, und ich weiß nicht, ob sie schließlich gerettet wurden oder nicht, ob die ältere Dame je nach Malvern gelangte, ob die Mutter mit ihrem Kind ertrunken ist.

An Deck wurde ich von den Leuten, die nach mir kamen, bis ganz nach vorn an die Reling gedrückt, und als ich endlich stehen bleiben und mich umschauen konnte, sah ich, dass unsere Situation hier oben sogar noch düsterer war als gedacht. Es würde noch einige Stunden hell bleiben, das war gut. Aber das gesamte Oberdeck vor den seitlichen Rädern war komplett zerstört. Jeder, der das Pech gehabt hatte, dort zu stehen, als die Heizkessel explodierten, war ganz sicher getötet worden, und ich sah ein Dutzend verbrannter Leichen im Fluss schwimmen. Und noch waren keine Boote eingetroffen, um uns zu retten, obwohl das untere Deck, hinter den Rädern, auf dem ich mich befand, voller Menschen war, die zum Ufer starrten.

Ich suchte nach meiner Cousine, entdeckte sie aber nicht sofort. Ein Mann in Uniform versuchte, Anweisungen zu geben: Ladys hierher, Gentlemen dorthin. Er hatte einen Schnurrbart, der wie nasses Stroh aussah, und trug einen blauen Mantel, dessen steifer Kragen blutverschmiert war. Ich bin mir nicht sicher, ob irgendjemand auf ihn achtete. Es war schwierig zu entscheiden, worauf man achten sollte. Ohne Steuerung trieben wir mit der Strömung, die uns weiter und weiter vom Ufer des Ohios wegtrug. Kentucky, am anderen Ufer, war sogar noch weiter entfernt. Ein trockener Rauch von Schießpulver hing über uns, und ich sah an mehreren Stellen auf dem Schiff Feuer brennen.

Wie lange würden wir noch schwimmen? Das fragten die Menschen einander ängstlich, und es gab viel Gedränge, als die Leute versuchten, so weit wie möglich vom vorderen Schiffsteil nach hinten zu gelangen. Einige der Verletzten im Fluss bemühten sich, wieder an Bord zu klettern, und als ich hinunterschaute, sah ich eine verbrannte Männerhand ohne Körper auf dem Wasser schwimmen.

Mein Magen drehte sich um. »Comfort!«, rief ich.

An der Hand befand sich am kleinen Finger ein Smaragdring.

»Comfort!«

Der Mann in der blauen Uniform sagte scharf: »Bleiben Sie ruhig.« Er hatte eine durchdringende Stimme, die sogar weiter reichte als mein Schrei.

Einen Augenblick später wurde das Schiff, das die ganze Zeit über in Richtung Kentucky getrieben war, abrupt angehalten, als wäre es an etwas hängen geblieben. Alle drehten sich um und schauten nach, was es sein könnte.

Einen Moment lang geschah nichts. Dann neigte sich das Schiff nach einer Seite. Nur leicht, aber wir alle spürten es. Ich lehnte mich instinktiv zurück, als könne mein Körper das Gleichgewicht wiederherstellen. Ich fühlte mich wie ein gefangenes Tier und hatte plötzlich das starke Bedürfnis, woanders zu sein. Auf der Kentucky-Seite des Schiffs fingen die Leute an zu rufen, und auf der Ohio-Seite gab es viel Bewegung und Gedrängel. Ich packte jedes Mal fest die Reling, wenn jemand gegen mich drückte, der auf die andere Seite gelangen wollte, obwohl jeder sehen konnte, dass es dort nicht besser war. Ich wandte mein taubes Ohr in Richtung Kentucky und betrachtete die Menge auf der Ohio-Seite, die wie ein Herz anschwoll und pulsierte. Schweiß floss in einem dünnen Rinnsal meinen Rücken hinab. Es war ein warmer Tag gewesen, aber die Feuer am Bug machten die Luft richtig heiß.

Menschen brachen in Panik aus und sprangen in den Fluss. Ein paar Meter von mir entfernt zog ein Mann seine Kleider aus und sprang, die Geldbörse zwischen den Zähnen, ins Wasser. Sekunden später sprang eine junge Frau komplett angezogen hinter ihm her. Sie tauchte nie wieder auf.

»Dov’é il mio papa?«

Ich schaute nach unten. Ein Mädchen in einem sauberen, braun karierten Kleid sah zu mir auf. Sie war Italienerin und musste mich fälschlicherweise für eine Italienerin halten. Das ist mir früher auch schon passiert – meine schwarzen Haare und Augen. Ich sah eine zarte Falte, an der der Saum ihres Kleides ausgelassen worden war, und an ihrer Schulter befand sich ein kleiner Flicken mit Kreuzstich. Comfort hatte zweimal in einer italienischen Operette gespielt, daher konnte ich antworten: »Non lo so.« Ich weiß es nicht. Das Mädchen war acht oder neun Jahre alt, und es streckte seine Hände bittend oder wie im Gebet vor sich aus.

Rechts von mir hörte ich ein lautes Platschen, als noch jemand ins Wasser sprang. Neben den verbrannten Leichen der Explosion trieben nun neue Leichen im Fluss: Dumme Frauen wie diejenige, die ich vor ein paar Augenblicken ins Wasser hatte springen sehen, die nicht an ihre Stiefel, an die schweren Kleider dachten. Ihre Schinkenärmel trieben neben ihnen, ihre kräftigen Arme und Beine verborgen hinter Metern von nassem Stoff – gestreift, bordeaux, kariert, manche Farben kräftiger als andere. Ich sah auch ertrunkene Männer, ein paar mit dem Gesicht nach oben. Das Wasser nahe dem Schiff war inzwischen voller Körper, lebendigen und toten, doch das Deck schien kein bisschen leerer geworden zu sein. Wo waren die Rettungsboote, um uns zu holen? Alles, was ich sah, waren Reihen von Lagerhäusern am Ufer und große Fabrikschornsteine dahinter. Obwohl der Ohio River fast tausend Meilen lang ist, ist er nie mehr als eine Meile breit, und wir befanden uns mehr oder weniger in der Mitte. Ein paar Männer am Ufer waren in das Wasser gewatet und versuchten, die ersten Leute zu erreichen, die an Land schwammen. Aber ich sah immer noch keine Boote.

Mir wurde allmählich bewusst, dass jeder von uns allein leben oder sterben würde. Eine Frau ein paar Meter neben mir begann zu schreien, und das Geräusch war wie Glas, das in meinem Ohr zerbrach. Die vordere Hälfte des Schiffs brannte immer noch und versank in kleinen, ruckartigen Bewegungen im Wasser. In einer Viertelstunde wären wir untergegangen, aber es war der Schrei, der mich endlich handeln ließ. Das kleine italienische Mädchen sah mich fragend an. Was nun?

Ich schaute mich noch einmal nach Comfort um, rief ihren Namen, aber es nützte nichts, es waren zu viele Menschen hier, und ich konnte nicht klar denken. Als ich nach unten blickte, bemerkte ich, dass ich immer noch meine Stoffschere in der Hand hielt, die ich gerade benutzt hatte, als die Heizkessel explodierten. Hatte ich sie die ganze Zeit über festgehalten? Ich konnte sie nicht in meinen Fingern spüren.

Ich kannte noch einen italienischen Satz: »Io mi chiamo May«, sagte ich. Dann auf Englisch: »Wie heißt du?«

»Mi chiamo Giulia.«

»Gut«, sagte ich, »also, Giulia. Schau mal, ich habe hier eine Schere, siehst du? Ich werde dein Kleid aufschneiden. Wir haben keine Zeit für all diese Knöpfe. Wir müssen unsere Kleider aufschneiden, damit sie uns nicht nach unten ziehen.« Ich blickte noch einmal zum Ufer. Ich bin oft über den Tiffin, nahe meinem Elternhaus, geschwommen, und er war ungefähr so breit, wie das Ufer jetzt entfernt war. Meine Mutter hatte mir das Schwimmen beigebracht, und es war etwas, das ich besser konnte als alle anderen, sogar besser als Comfort. Wenn ich schwamm, verschwand all der Lärm der Welt, und ich war allein mit dem Gefühl des seidigen Wassers an meiner Haut. Ich mochte dieses Gefühl. Ich dachte, ich könnte es schaffen.

Giulias Augen waren feucht vor Angst, aber sie weinte nicht, und obwohl sie den Mund öffnete, um die Zunge zwischen die Lippen zu stecken, gab sie keinen Ton von sich, als ich anfing, ihr Kleid aufzuschneiden. Ich begann an dem kleinen, spitzen Kragen und schnitt nach unten. Der Lärm um uns herum wurde lauter, sowohl das Heulen als auch das Schreien, und eine Gruppe Frauen hatte sich hingekniet, die Stirn an der Reling, und betete laut. Hin und wieder flog heiße Asche von den Feuern am Bug auf das Deck und verbrannte unsere Hände und Gesichter. Ich konnte aus Angst davor nicht tief einatmen. Nachdem ich das Kleid des Mädchens aufgeschnitten hatte, tat ich dasselbe mit meinem Kleid.

Als wir beide nur noch unsere Musselinunterkleider trugen, stopfte ich die Taschenuhr meines Vaters, die ich an einer Silberkette um meinen Hals trug, unter den Stoff. Dann suchte ich nach einer Stelle, an der wir leicht in den Fluss kamen. Wenn wir sprangen, würden wir erst mal untergehen, bevor wir wieder auftauchten, und Giulia könnte Panik bekommen. Andere Menschen kletterten an der Backbordseite des Schiffs hinunter, ihre Füße auf den Fensterbänken, dann auf den Gittern, dann auf der Kante des schlammigen Rumpfs. Und nachdem ich nach einem besseren Weg gesucht, aber keinen gefunden hatte, machte ich dasselbe, zusammen mit dem Mädchen, das sich an mir festhielt.