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DAS BUCH

»Schau mich an, Katrina«, forderte er sie leise auf. Es ging nicht länger um ihren Streit oder darum, ihr eine Erklärung zu entlocken. Nein, das hier war etwas völlig anderes, und er hatte keine Ahnung, wie er dieser verlockenden Versuchung widerstehen sollte.

Zu seiner großen Überraschung atmete sie so zitternd aus, dass ihre Brüste bebten, und gehorchte seinem Befehl. Ihre Blicke trafen sich, und er schaute in diese sanften, grünen Augen. Da wusste er, dass er geliefert war. Verloren war. Diese wunderschönen Augen sahen in den tiefsten, dunkelsten Winkel seiner Seele. Das hatten sie schon immer getan, und in diesem Moment fühlte er sich so offen, so nackt und verletzlich. Sie schluckte hart. Ihre Hände wanderten hoch zu seiner Brust und umklammerten leicht sein T-Shirt. Widerstreitende Gefühle flammten in ihren Augen auf, und er wusste, dass sie zu leugnen versuchte, was sie beide eindeutig wollten. Was sie beide brauchten. »Mason …« Ihre Stimme klang erstickt und unsicher. Er wollte keine Entschuldigungen hören. Wollte keinem von ihnen die Chance geben, das aufzuhalten, was gleich geschehen würde …

DIE AUTORINNEN

Carly Phillips, eine New York Times- und USA Today-Bestsellerautorin, hat über 50 zeitgenössische, sexy Liebesromane geschrieben, mit heißen Männern, starken Frauen und den emotional fesselnden Geschichten, die ihre Leser inzwischen erwarten und lieben. Carly ist glücklich verheiratet mit ihrer Collegeliebe, hat zwei fast erwachsene Töchter und drei verrückte Hunde, die auf ihrer Facebook Fanpage und ihrer Website zu bewundern sind. Carly liebt die sozialen Medien und kommuniziert ständig mit ihren Lesern.

Erika Wilde lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Oregon und erforscht, wenn sie nicht schreibt, den wunderschönen Pazifischen Nordwesten.

CARLY PHILLIPS
ERIKA WILDE

Sexy Dirty Pleasure

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ursula Pesch

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Dirty Sexy Inked.
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Copyright © 2018 by Karen Drogin and Janelle Denison
Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Hanne Hammer
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur GmbH, München unter Verwendung von FinePic®, München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-641-20842-4
V002
www.heyne.de

KAPITEL 1

»Wir fliegen nach Las Vegas, Miezekätzchen!« Voller Vorfreude rieb sich Mason Kincaid die Hände. »Sin City ist der perfekte Ort, um rumzumachen und ein bisschen Spaß zu haben. Was, glaubst du, werden wir erleben, während wir dort sind?«

Katrina Sands legte ihren Sicherheitsgurt an und machte es sich auf dem Ledersitz der ersten Klasse bequem, gleich neben Mason – ihrem besten Freund, seit sie mit vierzehn in die Highschool gekommen waren. Es überraschte sie nicht im Geringsten, dass er in Gedanken bereits eine Liste all der wilden und verwegenen Abenteuer erstellte, die ihn an einem Ort wie Las Vegas erwarteten, an dem alles erlaubt war. Mason Kincaid verstieß gern gegen die Regeln und suchte den Kitzel, ja, er war ein zügelloser, böser Junge, dem es nur ums Vergnügen und die sofortige Befriedigung ging. Nach allem, was sie von der Stadt, die nie schlief, gehört hatte, würde er dort ganz in seinem Element sein.

Na toll, dachte sie mit einem resignierten Seufzer. Nicht, dass sie prüde war. Ganz und gar nicht! Sie war nur nicht begeistert davon, mit ansehen zu müssen, wie ihr bester Freund in Vegas herumhurte. Im Alltag erlebte sie das oft genug aus nächster Nähe.

Sie drehte sich um und blickte in Masons leuchtend blaue Augen. »Dir ist doch wohl klar, dass es bei dieser Reise nicht allein um dich und deinen Schwanz geht, oder? Sondern dass wir nach Vegas fliegen, weil dein Bruder Clay seine Samantha heiratet?«, erinnerte sie ihn an dieses wichtige Detail.

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem nachsichtigen Grinsen. »Natürlich weiß ich, dass mein Bruder sich morgen Nachmittag in Ketten legen lässt. Aber das heißt nicht, dass sich das ganze Wochenende alles um die Hochzeit dreht. Um genau zu sein, haben Levi und ich vor, Clay heute Abend auszuführen und dafür zu sorgen, dass er seinen letzten Abend als Junggeselle stilvoll verbringt.«

Was Mason die perfekte Gelegenheit gab, sich ein williges weibliches Wesen zu suchen, das er für die Nacht in sein Hotelzimmer abschleppen konnte. So war er. Solange sie ihn kannte, hatte er mit Frauen immer nur eine schnelle Nummer abgezogen und sichergestellt, dass sie wussten, worauf sie sich einließen. Er gab keine Versprechen, ging keine Bindungen ein, ließ sich auf nichts anderes als One-Night-Stands ein.

Und jedes Mal, wenn Katrina dies mitbekam, starb ein wenig von der Hoffnung in ihr. Der Hoffnung, dass Mason eines Tages mehr in ihr sehen würde als seine beste Freundin und die Frau, die sich um seinen persönlichen und beruflichen Mist kümmerte. Doch er wusste nichts von ihren tieferen Gefühlen, und sie war nicht bereit, sie ihm zu gestehen und eine schmerzliche Zurückweisung zu riskieren. Es war viel leichter und sicherer, wenn sie einfach nur Freunde blieben.

Katrina kannte Mason Kincaid nun seit zwölf Jahren und war inzwischen fest davon überzeugt, dass er nicht in der Lage war, sich an irgendeine Frau zu binden. Und angesichts der Kindheit, die er gehabt hatte – keine richtige Vaterfigur und eine Mutter, die sich mehr für den nächsten Schuss interessierte als für ihre Kinder –, fiel es ihr nicht schwer zu verstehen, warum. Mason mochte ein Meister darin sein, eine unbekümmerte Scheißegal-Haltung an den Tag zu legen, doch Katrina gehörte zu den wenigen Menschen, die wussten, wie viel Schmerz und Verbitterung sich hinter dieser Lockerheit verbargen.

Inzwischen war das Boarding für ihren Flug nach Las Vegas beendet, und ein Mitglied des Bordpersonals begann die Gepäckfächer zu schließen, während ein anderes verkündete, dass sämtliche elektronischen Geräte auf Flugmodus geschaltet werden sollten. Eine hübsche brünette Flugbegleiterin blieb neben Masons Gangplatz stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Er schaute zu ihr hoch, und die Frau lächelte und errötete leicht, als er seinen starken männlichen Sexappeal voll und ganz ausspielte. Ja, Mason hatte eine atemberaubende Wirkung auf Frauen. Seine umwerfenden Gesichtszüge, dieses sexy Lächeln, bei dem Frauen nur zu gern ihr Höschen fallen ließen, und die Böser-Junge-Tattoos, die seine muskulösen Arme bedeckten, machten ihn einfach unwiderstehlich für das weibliche Geschlecht.

Und der Mistkerl wusste das auch und zögerte nicht, seinen Charme zu seinem Vorteil zu nutzen.

»Würden Sie bitte Ihren Sicherheitsgurt festschnallen, Sir«, säuselte sie ach so süß, während ihre Hand, die auf seiner starken Schulter lag, unübersehbar ein wenig zudrückte.

»Aber sicher. Und nennen Sie mich Mason«, erwiderte er, während er sich den Gurt um die Taille schnallte, wobei sein Ton so locker und flirtend war wie das Zwinkern, das er ihr zuwarf. »Da ich erster Klasse fliege und Sie mich bedienen werden, könnten wir uns doch auch beim Vornamen nennen.«

Katrina verdrehte die Augen, doch die Flugbegleiterin lachte über die Doppeldeutigkeit und musterte ihn unverhohlen, bevor sie zu den Sitzen vor ihnen ging, auf denen Clay und Samantha saßen. Auf der anderen Seite des Gangs saßen Masons jüngster Bruder Levi und Tara, eine der Barkeeperinnen in Clays Bar, dem Kincaid’s. Die Flüge erster Klasse verdankten sie Clay, ebenso die individuellen Hotelsuiten, die für sie alle im Hotel Bellagio gebucht waren.

Während die Flugbegleiterin mit wiegenden Hüften den Gang entlangging, reckte Mason den Hals und starrte auf ihren Hintern, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Dann schaute er mit diesem für ihn typischen lüsternen Grinsen und dem schamlosen Schimmern in den Augen Katrina an. »Glaubst du, sie wäre bereit, mich in den Mile High Club einzuführen?«, fragte er, und Katrina wusste, dass er das nicht ganz unernst meinte.

Warnend kniff sie die Augen zusammen, denn schon allein der Gedanke, dass Mason nur wenige Meter von ihr entfernt irgendeine Tussi vögeln könnte, war ihr unerträglich. »Vergiss es!«

Er beugte sich so weit zu ihr herüber, dass seine Schulter gegen ihre rieb und seine Lippen nah an ihrem Ohr waren. »Du bist eine Spaßbremse, Miezekätzchen.«

Sein warmer Atem streifte die violetten Spitzen ihres blonden Haars, und sie hatte Mühe, den Schauder zu unterdrücken, der ihr den Rücken hinablief und ihre Brustwarzen unangenehm hart werden ließ.

»Sex in einem engen Toilettenraum in einem Flugzeug zu haben ist nicht meine Vorstellung von Spaß.«

Herrgott, vielleicht war sie ja doch prüde, dachte sie stirnrunzelnd. Oder vielleicht lag es einfach zu lange zurück, dass sie Sex gehabt hatte. Es war fast ein Jahr her, und selbst dieses letzte Mal mit dem Typen, mit dem sie damals gegangen war, hatte sie unbefriedigt zurückgelassen.

»Es könnte dort eng und heiß werden«, stimmte er ihr in einem zugleich amüsierten und anzüglichen Ton zu. »Aber das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes.«

Sie schüttelte den Kopf. »Du bist so ein …«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach er sie, bevor sie ihren Satz beenden konnte. »Ich bin ein Hurenbock.«

Er war tatsächlich ein Hurenbock und machte sich nicht einmal die Mühe, es zu leugnen.

»Aber nur fürs Protokoll, du weißt, dass ich viel mehr Spaß habe als du?« Er lehnte sich auf seinem Sitz zurück, als das Flugzeug sich vom Gate entfernte, und sah sie plötzlich mit ernstem Gesichtsausdruck an.

»Welchen Spaß hast du denn in letzter Zeit gehabt?«, fragte er, als zweifelte er daran, dass sie in der Lage war, sich zu amüsieren. »Und wann bist du das letzte Mal flachgelegt worden?«

Bei dieser unerwarteten Frage fiel ihr die Kinnlade herunter. Schnell schloss sie den Mund und starrte ihn wütend an. Verdammt, musste der Arsch das ansprechen?

Er grinste. »Ja, das hab ich mir schon gedacht.«

Es juckte sie in den Fingern, ihm eine zu scheuern und diesen selbstgefälligen Ausdruck aus seinem Gesicht zu vertreiben. »Was, zum Teufel, soll das denn heißen?«

»Du warst in letzter Zeit einfach zickig«, sagte er mit einem Achselzucken. »Nervös und mir gegenüber ein bisschen schroff und kurz angebunden.«

Meine Güte, der Idiot war so verdammt begriffsstutzig. Dass sie zickig war, lag daran, dass er ständig irgendwelchen Frauen hinterherjagte und einfach nicht sah, was sich direkt vor seiner Nase befand.

Sie war seine beste Freundin und wusste alles über seine beschissene Vergangenheit, seine schwierige Kindheit und seine Angst, verlassen zu werden. Und obwohl sie immer und immer wieder bewiesen hatte, dass sie nicht weggehen und trotz ihrer eigenen Dämonen und ihres Schmerzes immer für ihn da sein würde, betrachtete er sie als selbstverständlich und sah in ihr nie mehr als das gute alte Miezekätzchen.

Andererseits: War es wirklich seine Schuld, dass sie für ihn mehr empfand als nur Freundschaft oder eine schwesterliche Zuneigung? Dass er diese Gefühle aus einer Reihe von Gründen nicht erwidern konnte – vor allem, weil er emotional geschädigt war und nicht wusste, wie er jemanden nah an sich heranlassen konnte? Nein, sie konnte es ihm nicht vorwerfen. Zumindest war er ehrlich, machte sich in Bezug auf sich selbst und auf das, wozu er fähig war, nichts vor.

Es war nicht seine Schuld, dass sie mehr wollte. Es war ihre Schuld, dass sie sich immer noch Hoffnungen machte.

Vielleicht ist das Teil des Problems, dachte sie, als sie auf ihrem Handy nach einem Audiobuch suchte, das sie sich während des Flugs anhören wollte. Es war so leicht für Mason, sie auszunutzen, wenn sie immer da war und ihm zur Verfügung stand. Verdammt, wem machte sie etwas vor? Sie hatte es ihm tatsächlich leicht gemacht, und vielleicht war es an der Zeit, ihre Gefühle für ihren besten Freund und die Tatsache, dass sie nicht erwidert wurden, neu zu bewerten.

Denn einer Sache war sie sich gewiss – unerwiderte Liebe war richtig ätzend.

Er legte die Hand auf ihren nackten Arm, und ihr verräterischer Puls beschleunigte sich um ein paar Schläge, als sie seinen starken Unterarm und das geflochtene dunkelbraune Lederarmband betrachtete, das zweimal um sein kräftiges Handgelenk reichte. Sie hatte es ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt, und es sah zusammen mit all seinen Tribal-Tattoos verdammt sexy aus.

Sie blickte zu ihm auf, ignorierte, wie ihr Körper an all den vernachlässigten Stellen reagierte, und er bedachte sie mit einem neckischen Lächeln.

»Vielleicht solltest du Sin City nutzen und dir irgendeinen Typen angeln, der es dir besorgt, damit du ein bisschen lockerer wirst und dich entspannen kannst.«

Katrina war sich nicht sicher, ob er scherzte oder ob er es ernst meinte, doch sie verkniff sich eine gereizte Antwort, die ihn in seiner Meinung, dass sie zickig war, nur bestätigen würde. »Ja, vielleicht sollte ich das tun«, erwiderte sie enthusiastisch.

Mit irgendeinem Fremden zu vögeln war überhaupt nicht ihr Stil, doch das musste er nicht wissen.

Er blinzelte sie überrascht an, hatte eindeutig nicht erwartet, dass sie so bereitwillig auf seinen ungehörigen Vorschlag eingehen würde. Dem Schock folgte schnell ein leichtes Stirnrunzeln, als wäre er sich nicht sicher, was er davon halten sollte, wenn sie tatsächlich einen One-Night-Stand hätte, obwohl er das Thema zur Sprache gebracht hatte.

Egal, dachte sie, während sie versuchte, ihren Frust zu unterdrücken.

Da es nichts weiter zu sagen gab, wandte sie sich von Mason ab, steckte die Kopfhörer ein und schloss die Augen, als das Flugzeug über die Startbahn raste und vom Boden abhob. Im ersten Moment wurde ihr flau im Magen, und sie atmete langsam und tief, während sie zu einer sehr schwierigen Entscheidung gelangte. Einer Entscheidung, mit der sie in den letzten Monaten gekämpft hatte, die jetzt jedoch plötzlich völlig klar war.

Nachdem das glückliche Paar verheiratet und sie alle aus Vegas zurück waren, musste Katrina lebensverändernde Schritte unternehmen. Es wurde für sie immer schwieriger und schmerzlicher, tagein, tagaus in Masons Nähe zu sein und zu beobachten, wie er von einer Frau zur nächsten wanderte. Es war an der Zeit, ihr Leben wie auch ihren Job als Managerin von Inked, Masons Tattooladen, neu zu bewerten.

Und das hieß, den einen Mann hinter sich zu lassen, den sie wollte, aber – abgesehen von der Freundschaft und den Geheimnissen, die sie teilten – nie besitzen würde.

Was, zum Teufel? Mit einem verdutzten Stirnrunzeln beobachtete und spürte Mason, wie Katrina sich stillschweigend aus ihrer Unterhaltung und von ihm zurückzog. Sie steckte ihre Kopfhörer ein, schloss die Augen und blendete ihn aus. Gerade noch hatte er sie geneckt, und jetzt, bam, wies sie ihn einfach ab – und das, nachdem sie viel zu bereitwillig zugestimmt hatte, in Vegas eine Affäre zu haben.

Frauen, dachte er kopfschüttelnd. Gott, er würde sie nie verstehen.

Okay, diese Aussage entsprach nicht ganz der Wahrheit. Er hatte kein Problem, Frauen zu verstehen, wenn sie auf den Knien vor ihm hockten und ihm einen bliesen oder ihn anflehten, sie härter und schneller zu ficken. Heißer, unbekümmerter Sex und gemeinsames Vergnügen – ja, das waren Dinge, die er problemlos verstand. Verdammt, diese Sprache verstand er, ohne ein Wort zu sagen.

Doch Katrinas zunehmende Launenhaftigkeit während der letzten Monate? Herrje, er hatte das Gefühl, durch ein Minenfeld zu schleichen, und nicht die leiseste Ahnung, wie er mit der Situation oder mit ihr umgehen sollte, ohne dass ihm gleich alles um die Ohren flog.

Trotz all der schrecklichen Dinge, die sie im Leben durchgemacht hatte, war es ihr immer gelungen, diesen Mist tief in ihrem Inneren vergraben zu halten und nach außen hin Optimismus an den Tag zu legen. Sie war immer diejenige gewesen, die ihn an einem schlechten Tag zum Lächeln gebracht, ihm seine Angst genommen oder einen Witz gerissen hatte, wenn er angepisst war.

In letzter Zeit jedoch nicht.

Was, zum Teufel, war also los mit ihr? Katrina hatte nie PMS-Symptome gezeigt, diese Theorie schied also aus. Sie war nicht liiert, sodass er sich keine Sorgen machen musste, dass irgendein Typ sie schlecht behandelte. Andererseits richtete sich ihr Ärger immer gegen ihn und niemand anderen. Zu den Kunden im Inked war sie stets höflich und freundlich. Sie scherzte sogar und zog die anderen Angestellten auf, doch wenn er versuchte, sich an dem Spaß zu beteiligen, erteilte sie ihm eine Abfuhr und schloss ihn aus.

So wie jetzt.

Frustriert fuhr er sich mit der Hand durchs Haar und schaute sie an, als das Flugzeug endlich seine Flughöhe erreicht hatte. Ihre Augen waren noch immer geschlossen, sodass er sie ungehindert betrachten konnte. Er liebte ihr blondes Haar mit den violetten Spitzen, das ihr in sanften Wellen um die Schultern fiel. Der flippige Stil passte zu ihrer einzigartigen Persönlichkeit, ebenso die Kleidung, die sie trug. Heute waren es Acid-Washed-Jeans und ein langes graues, mit schwarzer Spitze aufgepepptes Tanktop. Das ärmellose Top gab die farbenprächtigen Schmetterlingstattoos frei, die ihren gesamten Arm bedeckten und sich seitlich an ihrem Hals hochzogen.

Mason, der selbst Tätowierer war, musste ehrlich zugeben, dass die Künstlerin, die Katrinas Arm tätowiert hatte, fantastische Arbeit geleistet hatte – mit dem Tattoo selbst, einem wahren Kunstwerk, und weil sie Katrina ihr Selbstwertgefühl zurückgegeben hatte. Mason gehörte zu den wenigen Menschen, die die körperlichen und emotionalen Narben kannten, die dieses komplizierte Design verdeckte, und er wünschte sich oft, er sei derjenige gewesen, der Katrina tätowiert hätte.

Er ließ den Blick zurück zu ihrem Gesicht wandern und nahm in aller Ruhe ihre feinen Züge in sich auf – den Schwung ihrer langen, dunklen Wimpern, die niedliche Nase, die weiche Haut, die vollen Lippen, die dazu gemacht waren, den Schwanz eines Mannes zu umschließen.

Ja, das stellte er sich verdammt noch mal vor.

Er schluckte ein Stöhnen hinunter, als die Hitze, die in ihm aufwallte, und das geheime Verlangen nach seiner besten Freundin seinen Schwanz zucken ließen. Es war weiß Gott nicht das erste Mal, dass er auf sexuelle Art an Katrina dachte. Verdammt, sie würde ausflippen, wenn sie wüsste, dass sie es war, die er in seiner Fantasie vor sich sah, wenn er morgens mit einem Ständer aufwachte und die Finger um seinen Schwanz schloss. Während er sich streichelte, brauchte er sich im Geiste nur auszumalen, wie sie stöhnte und sich ihm entgegenwölbte, während er tief in ihrer engen, glatten Muschi versank, um zu kommen, und das jedes Mal und dazu auch noch schnell.

Er war ein verdammter Perversling, auf diese Weise an sie zu denken. Sie war seine beste Freundin, Herrgott noch mal, und er würde diese Beziehung nie im Leben durch Sex versauen. Nie. Katrina bedeutete ihm viel zu viel, um je diese Linie zu überschreiten, egal, wie sehr sein Schwanz gegen diese Entscheidung protestierte. Sie war sein Fels in der Brandung, der einzige Mensch, bei dem er sich darauf verlassen konnte, dass er immer für ihn da war, komme, was da wolle. Sie wusste Dinge über ihn, die sonst niemand wusste, und akzeptierte ihn trotz seiner Fehler und Schwächen.

Vor allem war sie die einzige Frau, der er je vertraut hatte – verdammte Mamaprobleme, dachte er verbittert –, und er würde nie etwas tun, um das zu gefährden, was sie miteinander verband und als beste Freunde teilten.

Deswegen beunruhigte ihn das seltsame Verhalten, das sie in letzter Zeit an den Tag legte, und es gefiel ihm weiß Gott nicht, dass es sich so anfühlte, als distanziere sie sich zunehmend von ihm. Irgendetwas war definitiv nicht in Ordnung, und er musste zugeben, dass der Gedanke, Katrina zu verlieren, in welcher Eigenschaft auch immer, ihm eine Heidenangst machte.

Er rieb sich die feuchtkalten Hände an den Jeans-bekleideten Oberschenkeln. Er hasste die Ungewissheit, die von Tag zu Tag zunahm. Er wollte nicht in Panik geraten, doch irgendetwas stimmte nicht mit Katrina, und die Tatsache, dass er das Problem nicht benennen konnte, trieb ihn in den Wahnsinn. Wenn sie von dieser Reise zurückkehrten, musste er herausfinden, was genau für ihre Stimmungsschwankungen verantwortlich war.

Als Passagiere der ersten Klasse hatten sie ihre eigene Flugbegleiterin, und Mason wandte seine Aufmerksamkeit nun der Frau zu, die vorhin mit ihm geflirtet hatte. Sie nahm gerade die Getränkebestellungen entgegen und arbeitete sich durch den Gang zu ihm vor.

Als sie ihn erreichte, las er ihr Namensschild – Tawny –, während sie ihm ein einladendes Lächeln schenkte. »So, Mason, da bin ich, zu Ihren Diensten«, ging sie auf seinen kleinen Flirt von vorhin ein. »Was darf es sein?«

Es entging ihm nicht, dass sie bewusst die Wörter zu trinken ausgelassen hatte. Oh ja, sie spielte definitiv sein Spiel mit, und da Katrina ihm die kalte Schulter zeigte, hieß er die Ablenkung willkommen. »Was würden Sie denn empfehlen, Tawny?«

Sie leckte sich die glänzenden Lippen und verschlang ihn mit ihren braunen Augen. »Was ich gern empfehlen würde, steht nicht in unserer Getränkekarte.«

Er kicherte, erkannte Angebote, wenn er sie hörte. »In dem Fall nehme ich ein Sprite … fürs Erste.«

Sie notierte sich seine Bestellung und schaute an ihm vorbei zu Katrina – die von dem, was um sie herum vorging, nichts wahrnahm und noch immer mit geschlossenen Augen ihrem Audiobuch lauschte. »Würde Ihre Freundin gern etwas trinken?«, fragte Tawny und zog neugierig die Stirn hoch.

Freundin. Das Wort war ihm völlig fremd, nicht nur im Zusammenhang mit Katrina, sondern weil er nie lange genug bei einer Frau geblieben war, um über den Sex hinaus eine Liebesbeziehung aufzubauen. Denn das war es doch, was dieses Wort implizierte. Aber er wusste, worauf Tawny hinauswollte, auch wenn es sie nicht allzu sehr zu interessieren schien, dass er vergeben sein könnte.

»Sie ist nicht meine Freundin«, versicherte er der hübschen Flugbegleiterin, empfand jedoch, mit Katrina an seiner Seite, einen Moment lang ein seltsames und unerwartetes Bedauern, das absolut keinen Sinn machte.

Tawny grinste ihn an. »Das ist gut zu wissen.«

»Ich weiß nicht genau, was sie möchte. Sie kann ja den Serviceknopf drücken, wenn sie nicht mehr schläft.« Oder was immer Katrina auch tat. Sie war diejenige, die ihn unverhohlen ignorierte, und er hatte nicht vor, sie zu stören und wieder Ärger zu riskieren.

Tawny wandte sich Levi und Tara zu, nahm auch ihre Getränkebestellungen auf und eilte zurück zur Bordküche vorne im Flugzeug. Wenige Minuten später tauchte sie mit einem Getränketablett wieder auf und begann in der ersten Reihe die Erfrischungen auszuteilen, bis sie wieder bei Mason angelangt war.

Sie legte einen Zettel auf sein Tischchen und tippte mit dem Finger darauf, um seine Aufmerksamkeit auf die Zahlen zu lenken, die sie auf das Papier geschrieben hatte. »Ich bin übers Wochenende in Vegas. Rufen Sie mich an, wenn Sie ein bisschen Spaß haben wollen.«

»Gute Idee. Ich werd’s mir überlegen«, erwiderte er mit einem Augenzwinkern. Er war sich sicher, dass er nach der Hochzeit, die morgen Nachmittag stattfand, viel freie Zeit haben würde, und es war schön, etwas Sicheres in Aussicht zu haben.

Sobald sie weg war, hielt Mason den Zettel hoch, damit Levi die Telefonnummer sehen konnte, und grinste seinen Bruder an. »Ich bin noch nicht mal in Vegas und hab bereits einen Treffer erzielt.«

Levi verdrehte die Augen. »Im Ernst, Mann?«

»Ich kann nichts dafür, wenn eine Frau mich will«, sagte Mason mit einem Achselzucken. »Kein Grund, eifersüchtig zu sein, weil ich regelmäßig Sex habe.«

»Du bist so ein arrogantes Arschloch, und ich bin weit davon entfernt, eifersüchtig zu sein«, erwiderte Levi mit einem Anflug von Humor. »Man nennt es wählerisch sein, wobei ich nicht erwarte, dass du verstehst, was ein so großes Wort bedeutet.«

»Ha ha. Es bedeutet, dass du total langweilig bist.« Er konnte es nicht lassen, seinen puritanischen Bruder, der Polizist war und sich streng an die Vorschriften hielt, zu ärgern. Während Mason als Teenager ein Radaubruder und aufsässig gewesen war – und noch immer gelegentlich wild und impulsiv sein konnte –, war Levi ein ruhiges, viel zu ernstes Kind gewesen und nie in Schwierigkeiten geraten. Er dachte über die Folgen nach, bevor er handelte, trank nie Alkohol und ließ sich offensichtlich nicht durch seinen Schwanz vom rechten Weg abbringen.

Was hieß, dass Levi sich eine Menge Spaß entgehen ließ, und war Spaß nicht der Grund, weshalb man nach Vegas reiste? Einmal abgesehen davon, dass sein Bruder heiratete.

»Hast du vor, bei diesem Trip eine Spaßbremse zu sein?«, fragte er Levi.

Sein Bruder trank den Rest seines Orangensafts, bevor er antwortete. »Nur weil ich nicht so wie du jedem Rock hinterherjage, bin ich noch lange keine Spaßbremse.«

Mason beschloss, diese Theorie auf den Prüfstand zu stellen. »Das heißt also, dass du dabei bist, Clay an seinem letzten Abend als freier Mann mit in einen Stripclub zu nehmen?«

Bevor Levi antworten konnte, beugte Clay sich über die Armlehne, steckte den Kopf in den Gang und mischte sich in die Unterhaltung ein, der er offensichtlich zugehört hatte. »Tut mir leid, dich zu enttäuschen, Mase, aber wir gehen nicht in einen Stripclub.«

Von beiden Brüdern enttäuscht, warf Mason die Hände in die Luft. »Seht ihr, genau deswegen gehe ich keine ernsten Beziehungen ein. Unter dem Pantoffel zu stehen verdirbt eine echte Junggesellenparty doch total.«