Cover

Buch

An einem Morgen im November 1923 tritt Dorothy »Dolly« Lane ihre neue Stelle als Zimmermädchen im glamourösen Londoner Savoy Hotel an. Der größte Traum der jungen Frau ist es jedoch eigentlich, auf den Bühnen des West Ends zu tanzen. Nie hat Dolly sich ihre Hoffnung und ihren Lebensmut nehmen lassen, auch nicht, als nach dem Ersten Weltkrieg ihr altes Leben – und ihre große Liebe – zerbrach. Als sie auf eine Anzeige antwortet, in der ein Komponist eine Muse sucht, lernt sie Perry kennen, einen strauchelnden Musiker, der scheinbar kein Händchen dafür hat, Hits für die großen Shows des West Ends zu produzieren. Über Perry begegnet Dolly auch dessen Schwester Loretta May, einer der bekanntesten Schauspielerinnen Londons, die alles zu haben scheint, wovon Dolly träumt. Doch schon bald erfährt sie, dass man niemals genau wissen kann, was sich hinter einer schillernden Fassade verbirgt …

Autorin

Hazel Gaynor stammt aus Yorkshire, England und lebt heute mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und einer Katze in Irland. 2012 gewann sie den Cecil Day Lewis Award für Nachwuchsautoren und wurde 2015 vom Library Journal als eine der zehn besten neuen Autorinnen ausgewählt. Das Mädchen aus dem Savoy ist ihr erster Roman bei Blanvalet.

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Hazel Gaynor

Das Mädchen aus dem Savoy

Roman

Deutsch von Claudia Geng

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Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »The Girl from the Savoy« bei HarperCollins, London
Copyright der Originalausgabe © Hazel Gaynor 2016
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Ulrike Nikel
Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (© peapop, © Everett Collection, © Mariam27, © Sanit Fuangnakhon, © Epifantsev)
AF · Herstellung: sam
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-21056-4
V002
www.blanvalet.de

Für Helen, meine Schwester.
In Liebe und dazu einen großen Gin Tonic.

In seinen blauen Gärten schwirrten Männer und junge Mädchen wie Falter zwischen dem Geflüster und dem Champagner und den Sternen umher.

F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby

Prolog

Lancashire, England
März 1916

Tief in meinem Herzen wusste ich immer, dass er gehen würde, dass sie letzten Endes alle gehen würden. Nun ist der gefürchtete Tag gekommen. Teddy wird in den Krieg ziehen, und ich kann nichts tun, um es zu verhindern.

Ich fühle mich wie in Trance, kann mich nicht an das Frühstück erinnern und genauso wenig daran, dass ich die Kamine angezündet oder meine sonstigen morgendlichen Pflichten verrichtet habe. Auch dass ich irgendwann die Schürze abband, die Jacke anzog und den Hut aufsetzte, ist aus meinem Gedächtnis gelöscht, und ich bin nicht einmal sicher, ob ich die Haustür hinter mir zugezogen habe, als ich zum Bahnhof aufbrach. Und wie ich dorthin gekommen bin, selbst das weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls stehe ich jetzt auf dem Bahnsteig, und Teddy drückt mir einen Strauß Osterglocken in die Hand.

Er ist tatsächlich im Begriff fortzugehen.

»Bestimmt bin ich im Handumdrehen wieder zu Hause«, sagt er und wischt eine Träne von meiner Wange. »Die werden gar nicht wissen, wie ihnen geschieht, wenn wir kommen. Schau uns an. Zäh wie Leder!«

Ich lasse meinen Blick über den Bahnsteig schweifen. Die hier versammelten Rekruten sehen aus wie ängstliche kleine Jungs. Nicht wie Soldaten. Und keineswegs zäh.

»Zu deinem Geburtstag werde ich zurück sein«, verspricht er, weil ich nicht geantwortet habe, »und dann führe ich dich aus zum Dorftanz so wie letztes Jahr. Bevor du richtig merkst, dass ich fort bin, werde ich schon wieder da sein.«

Wie gern möchte ich ihm glauben, aber wir kennen alle die Wahrheit. So einfach ist das nicht mit dem Zurückkommen, und viele wird man gar nicht wiedersehen. Der Gedanke bricht mir das Herz, und ich schnappe unter Tränen nach Luft. Dabei hat Mama mich davor gewarnt, rührselig zu werden und an seiner Schulter zu schluchzen.

Du musst stark sein, Dorothy. Sag ihm, wie tapfer er ist und wie stolz du auf ihn bist. Nur ja kein Heulen und kein Jammern.

Und hier bin ich nun und tue gerade das: heule und jammere. Ich kann nicht anders, möchte nicht stolz sein und ihm auch nicht sagen, wie tapfer er ist. Am liebsten würde ich auf die Knie sinken und meine Arme um seine Beine schlingen, damit er nirgendwo hingehen kann.

Nicht ohne mich.

»Dolly, im Sommer werden wir heiraten und einen Haufen Kinder bekommen, und alles wird wieder seinen normalen Gang gehen. Nur du und ich und ein ganz einfaches Leben. So wie wir uns das immer gewünscht haben.«

Nickend drücke ich meine Wange an den dicken Stoff seines Mantels.

Ein ganz einfaches Leben. So wie wir uns das immer gewünscht haben.

Vergeblich versuche ich, die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die von mehr als einem ganz einfachen Leben spricht – die Stimme, die von wilden Abenteuern flüstert, die in der Ferne warten. Ich hätte den Kopf voller Flausen. sagt meine Schwester Sarah immer. Wahrscheinlich hat sie recht, sie hat meistens recht.

Ein lautes Zischen, mit dem eine Dampfwolke entweicht, durchbricht die bedrückende Stille auf dem Bahnsteig, übertönt das gedämpfte Schluchzen. Gleich darauf knallen Türen, und die Männer schicken sich an, in den Zug zu steigen. Umarmungen enden. Hände lösen sich qualvoll langsam voneinander.

Es ist Zeit loszulassen.

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, und unsere Lippen treffen sich zu einem letzten Kuss. Er ist nicht lang und leidenschaftlich, wie ich es mir ausgemalt habe, sondern ein flüchtiger Hauch, unterbrochen von meinem kläglichen Schluchzen und dem Drängen der anderen Männer, die Teddy auffordern, endlich voranzumachen. Dann geht alles rasend schnell, und Teddy entfernt sich von mir. Durch den Tränenschleier vor meinen Augen kann ich sein Gesicht kaum noch erkennen.

Der schrille Pfiff des Stationsvorstehers lässt mich zusammenzucken. Familienangehörige klammern sich aneinander. Mütter drücken ihre Kinder an sich, die tapfer ihrem Daddy zum Abschied winken. Dunkle Rauchschwaden umnebeln uns, und ich halte mein Taschentuch vor meinen Mund, während die Treibstangen der Lokomotive ächzend zum Leben erwachen und sich zu drehen beginnen. Durch die Waggons geht ein Ruck, der Zug rollt an und trägt Teddy langsam mit sich fort.

Hastig setze ich mich in Bewegung, passe meine Schritte der Beschleunigung an, zunächst langsam, dann schnell und immer schneller. Auf dem gesamten Bahnsteig recken Frauen und Kinder ihre Hände zu den Fenstern hoch, klammern sich mit größter Anstrengung fest, um die allerletzte Berührung eines Mantelärmels, einer Fingerspitze zu verlängern, das letzte Flattern eines weißen Taschentuchs. Ich hingegen fange an zu rennen, bis ich nicht mehr mithalten kann und der Zug vor meinen Augen immer kleiner wird.

Er ist fort. Teddy ist fort.

Meine Schritte werden langsamer, bis ich in dem stickigen Rauch stehen bleibe, der noch über dem Bahnsteig hängt, während mein Herz vor hilfloser Verzweiflung in tausend Scherben zerbricht. Alles hat sich geändert. Alles wird von nun an anders sein.

Ich greife in meine Jackentaschen und ziehe rechts und links ein gefaltetes Stück Papier heraus, lese die eilig verfasste Nachricht von Teddy in meiner rechten Hand:

Mein Mädchen, sei nicht traurig. Sobald der Krieg vorbei ist, werde ich zu dir zurückkehren, zurück nach Mawdesley. Wenn ich dich an meiner Seite habe, ist diese kleine Welt alles, was ich brauche.

Dann schaue ich auf den Zeitungsartikel in meiner linken Hand, den ich heute Morgen aus einer Gazette gerissen habe, als ich das Schlafzimmer meiner Arbeitgeberin anheizte. Gesellschaftsliebling und freiwillige Krankenschwester Virginia Clements entlarvt als West-End-Star Loretta May!

Versonnen betrachte ich das schöne Gesicht auf dem Foto, das den enthusiastischen Bericht über die neueste glanzvolle Revue in London und über den hinreißenden Shootingstar der Saison illustriert. Ich starre auf die beiden Blätter. Links das Leben, das ich kenne – rechts das Leben, von dem ich träume.

Die Kirchenglocke schlägt die volle Stunde. Höchste Zeit, zum Waschtag und den vorhersehbaren Routinearbeiten zurückzukehren, die den Alltag eines Mädchens für alles wie mich bestimmen. Ich wische mir die letzten Tränen aus den Augen, falte den Brief und den Zeitungsbericht zusammen, stecke beide wieder in meine Jackentaschen und kehre dem verlassenen Bahnsteig endgültig den Rücken zu.

Vorsichtig balanciere ich beim Überqueren der Schienen über das gefrorene Gleisbett, um nicht auszurutschen, und erst als ich festen Untergrund erreiche, werden meine Schritte wieder sicherer, und ich gehe schneller. Doch während ich meinem tristen Alltag entgegenstrebe, bewegt mich unablässig eine Frage:

Entferne ich mich gerade von meiner Zukunft, oder gehe ich darauf zu?

Eine Antwort darauf weiß ich allerdings nicht. Und es steht mir auch nicht zu, sie zu geben, denn Krieg behält sich alle Entscheidungen vor.

I. AKT

Hoffnung

London
1923

Auf die Frage »Sind Stars den Aufwand wert?« muss ich ausweichend antworten: »Es gibt Stars und Stars.«

Charles B. Cochran in der Weekly Dispatch, 1924

Kapitel 1

DOLLY

Das ist das Faszinierende am Leben, Miss Lane. Seine ganze wundervolle Unvorhersehbarkeit.

Es ist ganz einfach: Man kann unpünktlich oder unordentlich sein, aber wenn man im Leben vorankommen möchte, darf man ganz bestimmt nicht beides sein.

Diese Worte werde ich ebenso wenig vergessen wie die gehässige Haushälterin, die sie mir entgegenschleuderte, als ich mich nach meinem freien Nachmittag zu spät und völlig zerzaust auf das Gut zurückschlich. Ich war mit Teddy durch den Sommerregen spaziert und hatte völlig die Zeit vergessen. Die unfreundliche Belehrung fand ich jedoch gemein und unzutreffend, zumal der alte Drachen noch eins draufsetzte.

Du, Dorothy Lane, bist ein Paradebeispiel für jemanden, der es im Leben nie zu etwas bringen wird. Aus dir wird niemals etwas Vernünftiges werden.

Es war das erste Mal, dass ich mir anhören musste, ich sei nicht gut genug, aber es sollte nicht das letzte Mal bleiben.

Damals hatte ich gerade meine erste Anstellung angetreten. Als Mädchen für alles. Wohl eher als Mädchen mit zwei linken Händen, schimpfte die Haushälterin. Ihr Name war Peggy Griffin. »Piggy«, wie ich sie insgeheim wegen ihrer Schweinsnase und ihren dicken Stummelfingern nannte, mochte mich nicht, und ich mochte sie nicht. Genauso wenig wie die Hausarbeit. Vermutlich war es nicht hilfreich, dass ich in Gedanken meist ganz woanders war als bei den Aufgaben, die die Haushälterin mir anschaffte.

Dolly die Traumtänzerin war der Spitzname, den mir die Dienstmädchen auf Gut Mawdesley gaben. Und wirklich träumte ich mich immer in eine andere Welt. Sobald von irgendwoher Musik aus dem Grammofon an mein Ohr drang, begannen meine Beine zu zucken – egal ob ich gerade Wäsche mangelte, putzte oder polierte. Immer machte ich dabei Tanzschritte, und in meinem Kopf hatte nichts Platz als die Stars der Londoner West-End-Bühnen wie etwa die Ziegfeld Follies.

Alles war eine willkommene Ablenkung von der eintönigen Arbeitsroutine, vom Krieg, von meiner Angst um Teddy. Ich habe vielleicht vieles verloren in den Jahren, seit ich zum ersten Mal diese naive Sehnsucht verspürte, doch ich hielt mit jener sturen Entschlossenheit, die man den Mädchen aus Lancashire nachsagt, an meinen Träumen fest. Das Verlangen nach mehr hat mich nie verlassen – ich spüre es ständig wie einen Flügelschlag in meinem Herzen.

So auch jetzt, während ich im Eingang eines Uhrmachergeschäfts auf der Strand, einer Londoner Straße, die früher an der Themse entlangführte, vor dem Regen Schutz suche. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Theaterreklame an den vorbeifahrenden Omnibussen: Tallulah Bankhead, Gertrude Lawrence, Loretta May. Berühmte Künstlerinnen, deren Fotos und Premierenkritiken ich regelmäßig aus den Zeitungen ausschneide und in mein Sammelbuch klebe. Frauen, die ich vom obersten Rang des Zuschauerraums aus glühend bewundere. Denen ich zujubele, dabei mit den Füßen trampele, laut Beifall klatsche und mir wünsche, mit ihnen zusammen auf der Bühne zu stehen in einem Kleid aus silbernem Chiffon.

Man nennt uns die Galeriemädchen: Hausangestellte und Verkäuferinnen, die die billigsten Karten kaufen und ihren Lieblingsstars mit einer bedingungslosen Treue folgen, die schon an Hysterie grenzt. Gleichzeitig träumen wir fast alle von einem glamourösen Leben als Tänzerin oder Schauspielerin, von einem Leben, das mehr zu bieten hat als das Flicken von Unterröcken, das Bügeln von Schnürsenkeln und das Schrubben von Treppen.

Was mich betrifft, so möchte ich nicht bloß einem Leben voller Schinderei entkommen – ich will es außerdem zu etwas bringen, will der Armut entkommen, so leben wie meine Idole. Deshalb vergleiche ich dieses ruhelose Flattern in meinem Herzen mit einem Vogel, dessen Flügel gebrochenen sind, und hoffe, dass ich mich eines Tages wie er befreit in die Lüfte schwingen kann.

Jemand klopft energisch an das Schaufenster direkt neben mir. Erschrocken fahre ich zusammen, drehe meinen Kopf und sehe hinter der Scheibe einen Herrn mit harten Gesichtszügen, der mich hinter einer schwarz gerahmten Brille böse anfunkelt. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe, wedelt mit den Händen und scheucht mich weg wie einen Hund, der vor einer Metzgerei bettelt.

Verärgert strecke ich dem Mann die Zunge heraus, verlasse den Hauseingang und haste weiter durch den Regen, der inzwischen wie ein dichter Vorhang fällt. Obwohl ich den Pfützen auszuweichen suche, ertrinken meine Füße bald in den Schuhen wie arme, unerwünschte Kätzchen. Hilft nichts, denke ich und beschleunige meine Schritte.

Als ich zufällig in einem Schaufenster mein Spiegelbild sehe, erstarre ich vor Entsetzen. Unter meinem Glockenhut schauen statt Locken schlaffe Strähnen hervor, die mir beweisen, dass all meine Mühe mit der Brennschere umsonst war. Meine neuen Baumwollstrümpfe sind mit Schlammspritzern übersät und kringeln sich um meine Knöchel – die Gummibänder, die als provisorische Strumpfhalter dienen sollten, waren dem Gewicht des nassen Stoffs eindeutig nicht gewachsen.

Und der Rest ist ebenfalls wenig erhebend. Der geborgte Mantel ist zwei Nummern zu groß, und meine Schuhe aus dritter Hand quietschen bei jedem Schritt, als wollten sie sich für ihre schäbige Existenz entschuldigen. Piggy Griffin hatte recht. Ich bin ein unpünktliches und unordentliches Mädchen, eines, das es im Leben nie zu etwas bringen wird.

Solchermaßen in trübe Gedanken versunken, eile ich über den trotz des Wetters belebten Gehweg und muss immer wieder anderen Passanten ausweichen, während Straßenbahnen und Automobile bimmelnd und hupend an mir vorbeirattern. Die Rufe der Straßenhändler und die klappernden Hufe eines Brauereipferds verstärken das lärmende Durcheinander. Mein Magen dreht sich, als wäre er ein Butterfass.

Kein Wunder in Anbetracht meiner Aufregung und Nervosität, denn heute soll ich meine neue Stelle als Zimmermädchen im Hotel Savoy antreten.

Das Savoy. Mir gefällt allein der Klang dieses Namens.

Ich ziehe meinen Kopf ein, um mich ein wenig vor dem Regen zu schützen, der mir jetzt frontal entgegenschlägt und mir die Sicht nimmt, und stoße kurz vor Erreichen des Hotels mit einem Gentleman zusammen, der in der Gegenrichtung unterwegs ist. Während ich bloß rückwärtstaumele und meine Reisetasche fallen lasse, geht mein Kontrahent ziemlich dramatisch zu Boden – der Anblick erinnert mich an eine Szene aus einem Buster-Keaton-Film und hätte mir um ein Haar einen Lachanfall entlockt.

Schnell schlage ich eine Hand vor den Mund. »Es tut mir schrecklich leid! Sind Sie verletzt?«, schreie ich über das Prasseln des Regens und das Rauschen der Autoreifen in den Pfützen hinweg. »Das war meine Schuld. Ich hab auf den Boden geschaut.«

Dutzende Papierbogen kleben verstreut auf dem nassen Pflaster. Vergeblich versucht der Mann aufzustehen, rutscht immer wieder mit seinen eleganten Schuhen auf dem nassen Kopfsteinpflaster weg. Als ich ihm meine Hand biete, greift er zu und umfasst zusätzlich mit der anderen Hand meinen Arm, sodass ich ihm aufhelfen kann. Er ist überraschend groß, stelle ich fest, sobald er auf den Beinen steht. Und überraschend attraktiv. Rötliche Bartstoppeln bedecken sein Kinn. Das Oberlippenbärtchen ist von der gleichen Farbe, das rotbraune Kopfhaar hingegen eine Nuance dunkler. Irgendwie fühle ich mich an ein Fuchsfell erinnert und würde es am liebsten berühren. Vorsichtshalber balle ich meine Hände zu Fäusten, damit ich nur ja diesem Impuls nicht nachgebe.

»Sind Sie verletzt?«, frage ich erneut, bevor ich mich bücke, um die Unterlagen, die ihm bei seinem Sturz entglitten sind, aufzuheben.

»Ich glaube nicht.« Er schüttelt das Wasser von seinem Mantel wie ein Hund sein nasses Fell und bückt sich dann, um mir zu helfen. »Allerdings komme ich mir verdammt töricht vor. Und Sie, haben Sie sich was getan? Immerhin war unsere Kollision nicht von Pappe.« Er spricht wie der Mann von der Pathé-Wochenschau im Filmpalast, sehr distinguiert und gleichzeitig charmant.

Prüfend blicke ich an mir herunter. »Na ja, mein Strumpf hat eine Laufmasche, lässt sich aber leicht reparieren. Sonst ist mir nichts passiert. Trotzdem: Ich hätte mehr auf andere Passanten achten müssen.«

»Ich genauso, da haben wir uns nichts vorzuwerfen.« Er sieht mich an, und der Anflug eines Lächelns umspielt seine Lippen, seine Augen dagegen ähneln tiefen grauen Pfützen und passen perfekt zu dem Wetter. »Vielleicht war es ja sogar Schicksal.«

Verlegen grinsen wir uns an. Stehen zudem da, als wären wir festgewachsen und könnten nicht weitergehen. Oder wollten es nicht. Die Stadt scheint plötzlich in ein sanftes Licht getaucht, das laute Gepladder des Regens sich in ein leises Flüstern zu verwandeln, und die rauen Rufe der Straßenverkäufer klingen plötzlich wie ein Walzer im Dreivierteltakt.

Für einen perfekten durchnässten Augenblick steht die Zeit still.

Es gibt keinen Ort, wohin man muss, und niemanden, um den man sich zu kümmern hat. Da sind nur die Melodie eines verregneten Londoner Nachmittags und dieser Fremde, in dessen Augen ich mein Spiegelbild sehe. Es ist, als würde ich in meine Zukunft blicken.

Wir sammeln die letzten Blätter auf und stellen uns unter die rot-weiß gestreifte Markise eines Blumengeschäfts, wo der attraktive Fremde die Ärmel seines Mantels abwischt und einen kleinen Riss in seiner Hose inspiziert. Der Regen ist wieder völlig unromantisch, genau wie das Lärmen der Autos und das Geschrei der Straßenhändler – der verzauberte Augenblick wird fortgeweht wie ein Luftballon. Unwillkürlich schaue ich zum Himmel hoch wie ein Kind, das seinem verlorenen Schatz hinterherschaut, wie er hoch über den Dächern davonschwebt.

»Diese verdammten neuen Schuhe«, murmelt er. »Tückisch bei so einem Wetter.«

Er trägt ein elegantes Paar Budapester in Dunkelblau und Braun. Verlegen blicke ich auf meine schwarzen Schnürstiefel, die Clover bereits aufgetragen hat und die völlig runtergerieben sind.

»Darum mache ich mir nichts aus neuen Schuhen«, sage ich. »Alte Schuhe sind verlässlicher. Und das Gleiche gilt für Männer.«

Neben seiner gepflegten Sprache klingt mein Lancashire-Akzent ordinär, und ich bereue wieder einmal, dass ich den vor einem Jahr begonnen Sprechunterricht aufgegeben habe, weil ich die Lehrerin schrecklich eingebildet fand. Sie könne mir mit ihren runden Vokalen den Buckel runterrutschen, verabschiedete ich mich grob unhöflich von ihr.

Jetzt dämmert mir, dass es wohl keine kluge Entscheidung war.

Ich beobachte, wie der Mann, den ich umgerannt habe, seine elegante Kleidung wieder einigermaßen in Ordnung bringt: seinen Mantel gerade zieht und seinen Hut aus nussbraunem Filz mit schokoladefarbenem Zierband zurechtrückt. Die dunklen Ringe unter seinen Augen deuten allerdings auf eine lange Nacht hin, desgleichen der Geruch nach Whisky und Zigaretten, der jedoch mit einem schwachen Duft nach Brillantine und Regen vermischt ist. Ich kann meinen Blick nicht von ihm wenden.

»Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sie sehen ziemlich geschafft aus.«

Amüsiert zieht er eine Augenbraue hoch. »Sind Sie immer so direkt?« Wieder dieses Lächeln, das seine Mundwinkel anhebt, als wären sie an einem unsichtbaren Faden befestigt. »Okay, es ist heute Nacht sehr spät geworden, wenn Sie es unbedingt wissen müssen.«

»Ich hoffe, sie war es wert.«

Er lacht. »Na, Sie sind mir vielleicht eine Komikerin! Aber danke, ich kann gerade etwas Aufheiterung gebrauchen.«

Als ich ihm die aufgeweichten Seiten reichen will, die ich noch in der Hand halte, sehe ich die Notenreihen darauf. »Sie sind Musiker?«

»Ja.« Er nimmt mir ein Blatt aus der Hand. »Ich komponiere meine Stücke sogar selbst.«

»Was? Ganz ehrlich? Ich werd verrückt! Blues oder Jazz?«

»Blues, überwiegend.«

»Oh.«

»Das klingt irgendwie enttäuscht.«

»Na ja, ich mag Jazz lieber.«

»Tut das nicht jeder?«

Ich gebe ihm den Rest der Notenblätter. »Ist sie denn gut, Ihre Musik?«

Ein wenig verlegen schaut er mich an. »Ich fürchte, nein. Jedenfalls nicht im Moment.«

»Schade. Ich liebe Musik. Das heißt, gute Musik. Besonders Jazz.«

Erneut lächelt er. »Dann sollte ich vielleicht mal etwas Jazziges schreiben.«

»Sollten Sie wirklich«, erkläre ich und nicke zur Bestätigung.

Wieder stehen wir da und grinsen uns an. Dieser Fremde mit dem Fuchshaar hat irgendetwas an sich, das mich von meiner Hutspitze bis zu meinen nassen Zehen fasziniert. Keiner hat dieses Gefühl mehr in mir ausgelöst seit meinem achten Lebensjahr, als ich Teddy Cooper kennenlernte, und ich dachte auch nicht, dass es noch einmal passieren würde. Ein Teil von mir hat das sogar gehofft.

»Und Sie, was machen Sie?«, erkundigt sich der Mann. »Abgesehen davon, dass Sie arglose Gentlemen auf der Straße umrennen?«

Ich hasse es, meinen Beruf zu nennen. Clover, meine beste Freundin, gibt sich immer als Verkäuferin aus oder als Sekretärin, wenn sie gefragt wird. Weil keiner ein Dienstmädchen heiraten möchte, sagt sie, sei es besser, zu einer Notlüge zu greifen. Am liebsten würde ich dem Fremden erzählen, dass ich eine Revuetänzerin bin oder eine Schauspielerin am London Pavillon. Jedenfalls möchte ich den Eindruck erwecken, dass ich jemand bin, aber diese grauen Augen verlangen die Wahrheit.

»Na ja, ich arbeite nur als Dienstmädchen«, sage ich zögernd, während die Glockenschläge von Big Ben mich daran erinnern, dass ich losmüsste.

»Nur ein Dienstmädchen?«

»Im Augenblick schon. Ich fange heute im Savoy an – eigentlich müsste ich bereits dort sein.«

»Ein Dienstmädchen mit Ambitionen. Eine seltene und wunderbare Sache.« Ein Schmunzeln überzieht sein Gesicht, gefolgt von einem unterdrückten Lachen. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht. »Nun, dann sollte ich Sie nicht länger aufhalten.« Er rollt die feuchten Notenblätter zusammen und schiebt das Bündel unter seinen Arm wie ein Badetuch. »Perry«, sagt er und streckt mir seine Hand entgegen. »Perry Clements. Sehr erfreut, Sie kennengelernt zu haben.«

Seine Hand fühlt sich warm an durch den Stoff meines Handschuhs. Die Berührung löst ein Kribbeln in meiner Handfläche aus. »Perry? Welch ungewöhnlicher Name.«

»Die Abkürzung für Peregrine. Grässlich, nicht wahr?«

»Ich finde Peregrine … irgendwie nett.« Genau wie Sie, hätte ich am liebsten hinzugefügt. »Dorothy Lane«, sage ich. »Oder kurz Dolly. Freut mich ebenfalls sehr, Mr. Clements.« Ich deute auf die nasse Rolle unter seinem Arm. »Hoffentlich sind die Seiten nicht völlig ruiniert.«

»Um ehrlich zu sein, Miss Lane, Sie haben mir einen Gefallen getan. Die Noten da … wahrscheinlich ist es das Miserabelste, was ich jemals geschrieben habe.«

Sagt es und steckt im gleichen Atemzug das Papierbündel in einen Abfalleimer – so beiläufig, als handelte es sich um eine leere Fish-and-Chips-Verpackung.

Erschrocken protestiere ich. »Das können Sie doch nicht machen!«

»Warum nicht?«

»Nun, weil … weil das einfach nicht geht.«

»Offensichtlich habe ich es trotzdem getan. Das ist das Faszinierende am Leben, Miss Lane. Seine ganze wundervolle Unvorhersehbarkeit.« Er schiebt seine Hände in seine Manteltaschen und wendet sich zum Gehen. »Es war mir eine Freude, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« Seine Stimme wird etwas lauter, damit sie gegen den Straßenlärm ankommt. »Sie sind wirklich eine bezaubernde Person. Viel Glück mit Ihrer neuen Stelle. Sie werden das großartig meistern, davon bin ich überzeugt.«

Ich schaue ihm nach, während er gemessenen Schrittes die Straße entlanggeht, um nicht ins Schlittern zu geraten. Mir kommt es vor, als würde er leicht humpeln. Hoffentlich nicht eine Folge unserer Rempelei. Als er in einen Bus einsteigt, dreht er sich kurz um und tippt an seinen Hut. Woraufhin ich ihm so überschwänglich zuwinke, als würde ich einen alten Freund verabschieden und nicht einen letztlich Fremden.

Als er mit dem Bus meinen Blicken entschwindet, ziehe ich das Papierbündel aus dem Abfalleimer. Warum und was ich damit bezwecke, weiß ich nicht – es fühlt sich einfach richtig an.

Und zugleich ein bisschen wie ein Versprechen auf Abenteuer.

Wie sagte Teddy doch, bevor er den Zug nach Frankreich bestieg? Man solle das Abenteuer niemals ignorieren, wenn es anklopft. Natürlich ahnte niemand von uns, dass die Erfahrung des Krieges weit entfernt sein würde von dem großen Abenteuer, das die jungen Rekruten sich erhofften, als sie Abschied nahmen.

Wie auch immer, ich stopfe die Blätter in meine Manteltasche und setze meinen Weg in die Carting Lane fort, die schräg zum Uferdamm und zum Fluss hinabführt. Hier in der Seitengasse ist es vergleichsweise ruhig trotz eines beständigen Stroms von Lieferfahrzeugen und Fuhrwerken, die an mir vorbeirumpeln.

Dann habe ich mein Ziel erreicht.

Durch einen Torbogen geht es eine steile Treppe hinunter, die zu einer schwarzen Tür führt, dem Personaleingang des Savoy. Auf halber Höhe steht in gebückter Haltung ein Hausmädchen und schrubbt mit einem großen Scheuerstein die Stufen. Angesichts des Schmuddelwetters scheint mir das eine vergebliche Liebesmühe zu sein, aber ich weiß sehr wohl, dass es Dienstboten nicht zusteht, den Sinn der Arbeiten zu hinterfragen, die ihnen aufgetragen werden.

Das Mädchen hebt den Kopf, richtet sich auf mit geröteten Wangen und wischt seine Hände an der sackleinenen Schürze ab. »Verzeihung, Miss.«

»Lass dich von mir nicht stören«, erwidere ich lächelnd.

Wahrscheinlich ist es ihre erste Anstellung, denn sie sieht noch sehr jung aus. Ich kann mich gut in sie hineinversetzen. Schließlich ist es noch nicht lange her, dass ich selbst solche Sachen machen musste wie Treppen schrubben, unhandliche Türgriffe polieren, schwere Kohleneimer schleppen – und das alles in der ständigen Angst, einen Fehler zu machen und meine Kündigung zu erhalten.

Ohne ein weiteres Wort zieht sie mit ausdruckslosem Blick ihren Eimer geräuschvoll zur Seite, damit ich vorbeigehen kann. Ich setze meinen Weg auf Zehenspitzen fort, um die Arbeit des Mädchens nicht auf der Stelle wieder zunichtezumachen.

Über der schwarzen Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift: Für Anlieferungen zweimal klopfen. Da ich nichts anliefere, ziehe ich an der Türglocke. In meinem Kopf höre ich den Tadel meiner Mutter:

Dorothy Mary Lane, du kommst gleich an deinem ersten Tag zu spät. Und sieh nur, in was für einem Zustand du bist. Ehrlich. Das ist unfassbar.

Hinter der Tür nähern sich Schritte, ein Riegel wird zurückgeschoben, und die Tür schwingt auf. Ein gehetzt wirkendes Dienstmädchen starrt mich an.

»Bist du die Neue?«

»Ja.«

Missmutig mustert sie mich. »Du kommst zu spät. Sie spuckt bereits Gift und Galle.«

»Wer?«

»O’Hara, die Hausdame. Du hast ihr die Stimmung versaut, und darunter werden wir alle leiden müssen.«

Bevor ich die Chance bekomme, mich zu rechtfertigen beziehungsweise zu antworten, schiebt sie mich in einen kleinen Nebenraum, befiehlt mir zu warten und eilt leise vor sich hin brummelnd davon.

Ich stelle meine Tasche auf dem gefliesten Boden ab und schaue mich um. Auf dem Kaminsims tickt eine Uhr. An der Wand hängt ein Bild des Königs. Vor einem schmalen Fenster steht ein kleiner Tisch. Ansonsten wirkt der Raum eher kalt und ungemütlich, ganz und gar nicht das, was ich im Savoy erwartet hätte. Mich fröstelt, und ich fühle mich schrecklich unbehaglich, verloren und allein gelassen. Automatisch greife ich in meine Manteltasche, ziehe ein Foto hervor und streiche mit den Fingern leicht über das Gesicht. Es ist ein Ritual, das viele schmerzhafte Erinnerungen weckt.

Nach jedem Tadel einer Hauswirtschafterin und nach jedem gescheitertem Vortanzen habe ich das getan, um mich zu trösten und mir Mut zu machen. Immer wenn mir jemand gesagt hat, ich sei nicht gut genug. Das Gesicht bestärkte mich in meiner Entschlossenheit, allen das Gegenteil zu beweisen.

Als ich auf dem Gang energische Schritte höre, schiebe ich die abgegriffene Fotografie zurück in meine Manteltasche und bete, dass die Hausdame eine nachsichtige und verständnisvolle Frau sein möge.

Als sie den Raum betritt, wird mir schmerzlich klar, dass sie keins von beidem ist.