Das Buch
Wie schön der Winter ist, merkt man erst, wenn der Sommer ewig ist.
Selten haben zwei Liebende so wunderbar zueinandergepasst wie Evie Snow und Vincent Winters. Doch Evies konservative Eltern treiben die junge Künstlerin und den Straßenmusiker auseinander, kurz nachdem sie sich gefunden haben. Ein Leben verstreicht, in dem immer etwas fehlt, das Herz nie am rechten Fleck sitzt. Doch was, wenn es noch eine letzte Chance für ein Wiedersehen gibt? Alles, was Evie tun muss, ist, an das Unmögliche zu glauben. Wird sie sich auf die Reise in ihre Vergangenheit wagen?
Der romantische Sunday-Times-Bestseller von Carrie Hope Fletcher
Die Autorin
Carrie Hope Fletcher, geboren 1992 in London, ist Schauspielerin, Sängerin und erfolgreiche Vloggerin mit ihrem YouTube-Channel ItsWayPastMyBedTime. Nach ihrem Sachbuch All I Know wurde auch ihr Romandebüt Eine Liebe ohne Winter zum Sunday-Times-Bestseller. Carrie Hope Fletcher lebt in der Nähe von London und spielt am Queen’s Theatre im West End.
Carrie Hope Fletcher
EINE
LIEBE
OHNE
WINTER
Aus dem Englischen von
Ute Brammertz

Dieses Buch ist all denen gewidmet,
die nicht aufgeben, ganz gleich,
was sich ihnen in den Weg stellt.
Und meiner Mum und meinem Dad,
die mich das Dranbleiben gelehrt haben.
1
Neuankömmling
Unaufhörlich flackerndes Licht über ihren geschlossenen Augenlidern, rhythmisches Surren und Rattern eines Zuges auf seinen Schienen rauschte in ihren Ohren. Evie Snow öffnete die Augen in der Erwartung, sich in der 20:32 zu befinden, die in einen unbekannten Bahnhof in einem ihr nicht vertrauten Stadtteil einfuhr, nachdem sie eingeschlummert war, wie es ihr häufig passierte, als sie jünger war. Stattdessen befand sie sich, als ihre Augenlider wie zwei verliebte Schmetterlinge aufflatterten, im Aufzug des Hauses, in dem sie mit siebenundzwanzig Jahren gewohnt hatte. Ein Blick auf das Bedienfeld verriet ihr, dass ihr die Nummer 7 leuchtend entgegenstrahlte. Die Tür glitt auf, und der wacklige Aufzug erschauderte ein wenig, sodass Evie vollends ins Wanken geriet und sich gedrängt fühlte, auszusteigen und weiterzugehen. Sie war sich sicher, vor dem Einschlafen nicht in dem Aufzug gewesen zu sein. Sie war sich sicher, seit über fünfzig Jahren nicht mehr in dem Haus gewesen zu sein.
Evies Blick huschte die polierte goldene Oberfläche der Aufzugswände empor. Da bemerkte sie noch jemanden im Spiegelbild, jemanden, der äußerst nahe bei ihr stand. Sie drehte sich rasch nach der Frau um, die sie gesehen hatte, doch der Aufzug war leer. Sie war allein. Als sie nach hinten in das Gold sah, musterte sie das einzige Spiegelbild, das es ihr zeigte. Dasjenige einer Frau in den Zwanzigern mit blonden Locken, die ihr unbändig über die Schultern fielen, Locken, die Evie seit Langem nur dünn und grau gesehen hatte. Schokoladenaugen starrten ihr ungläubig entgegen, voller Leben und Elan. Augen, die zu glänzen wussten. Die Haut im Gesicht dieser Frau war glatter als ihre eigene, noch nicht verwittert und mitgenommen von Jahren des Weinens, Lachens, Stirnrunzelns und Lächelns. Evie griff sich mit einer Hand an das eigene Gesicht und spürte die seidige Haut unter den Fingern. Ihren Lippen entrang sich ein gehetztes Keuchen, als hätte ihr jemand einen Schlag in den Magen versetzt, während Erinnerungen an dieses Gesicht in ihr hochstiegen. Als sie den Kopf schräg legte, tat dies auch ihr Spiegelbild, und als ihr die jähe Erkenntnis, dass es sich bei diesem Spiegelbild tatsächlich um ihr eigenes handelte, ein Lächeln entlockte, lächelte ihr die schöne siebenundzwanzigjährige Evie in dem polierten Gold ebenfalls zu.
Schließlich trat Evie aus dem Aufzug, und die Absätze ihrer Lieblingsschuhe klackerten auf dem Marmorboden. Sie nannte sie ihre »Mary-Poppins-Schuhe« wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Tasche, die Mary Poppins’ unglaubliche Schätze barg. Der Saum ihres geblümten Kleides raschelte um ihre Knie, und auf einmal drang die Wärme ihres geliebten smaragdgrünen Mantels in ihre Knochen, und sie wurde von einer Wohligkeit eingehüllt, die sie schon sehr lange nicht mehr verspürt hatte. Sie wackelte mit den Fingern und bemerkte, dass an ihrer linken Hand noch kein Verlobungsring steckte. Ein Ring, dessen extravaganter, übergroßer Smaragd nicht nur ihre Hand belastet, sondern dessen Bedeutung auch ihr Herz niedergedrückt hatte. Sie hielt die Hände vor sich, belächelte ihre Nacktheit und ließ sie dann den ganzen Weg den Korridor entlang seitlich schwingen.
Als sie scharf um die Ecke in Richtung ihrer Wohnung bog, verharrte sie beim Anblick ihres Nachbarn Colin Autumn, eines Mannes, der ihr gegenüber stets freundlich, aber etwas introvertiert und still gewesen war. Sie hatte ihn als großen, gut gebauten Mann in Erinnerung. Der Typ Oxforder Professor. Er hatte einen Hang zu Tweedjacketts mit ledernen Ärmelschonern an den Ellbogen und Pullundern, häufig von oranger oder grüner Farbe. Der Geruch seiner Pfeife war nie angenehm gewesen, doch Colin Autumn besaß ein süßes, selten zur Schau gestelltes Lächeln, eines, das Evie ihm nur ein paarmal hatte entlocken können. In der Zeit, als Evie nebenan gewohnt hatte, war er plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben. Es war erschreckend, ihn hier zu sehen, zumal in einem derartigen Zustand. Mr. Autumn war jetzt ein Schatten seines ehemaligen Selbst, wie er auf dem Boden neben seiner Wohnungstür kauerte, die Knie an die Brust gedrückt, und sich vor und zurück wiegte. Sein Tweedjackett und der Pullunder waren verschwunden, stattdessen trug er einen ausgeblichenen blau-weiß gestreiften Schlafanzug, in dem sein gebrechlicher, zusammengesunkener Körper zu verschwinden drohte. Seine Haut war weiß und beinahe durchsichtig. Zitternd murmelte er etwas vor sich hin, und während Evie sich ihm vorsichtig näherte, den Rücken an die gegenüberliegende Wand gedrückt, glaubte sie, ihn sagen zu hören: »Schwer. Ich bin zu schwer!«
In der Hoffnung, die vertraute Form ihrer Schlüssel zu ertasten, griff Evie zögernd in ihre rechte Tasche. Ja, da waren sie. Kalt in ihren leicht feuchten Händen. Sie holte sie heraus und ließ sie erfreut klimpern, kurzzeitig den Anblick von Mr. Autumn in seinem hysterischen Zustand vergessend. Rasch steckte sie den Schlüssel ins Schloss, doch das Herz rutschte ihr in die Mary-Poppins-Schuhe, als er sich nicht drehen ließ.
Sie versuchte es erneut.
Erfolglos.
Und noch einmal, ein wenig heftiger.
Nichts.
Jetzt drehte sie verzweifelt mit den Fingern am Schlüssel, aber er ließ sich einfach nicht bewegen. Tränen brannten ihr in den Augen. Sie trat zurück und betrachtete die Tür. Es war definitiv ihre. Apartment 72. Die goldenen Ziffern glänzten hell auf der polierten Holztür und verhöhnten sie nun, da sie nicht hineinkonnte. Sie sah zu Colin, der sich nicht mehr wiegte, sondern sie beobachtete.
»Mr. Autumn?«
»Miss Snow? Es ist schon Jahre her.« Seine Stimme knackte wie ein alter Plattenspieler.
»Wo sind wir?« Sie ging neben ihm in die Hocke. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, aber er sah so schwach und zerbrechlich aus, dass sie fürchtete, ihre Arme könnten ihn erdrücken.
»Wo wir sind, fragen Sie. Wir haben hier jahrelang gewohnt. Sie kennen diesen Ort.«
»Natürlich, aber … ich komme nicht rein.«
»Zu schwer … Sie sind zu schwer. Du meine Güte, Evie, nicht auch noch Sie. Zu schwer. Zu schwer.«
Evie stand auf und taumelte zu ihrer Tür zurück. Während sie mit der Faust dagegen hämmerte, vergoss sie ein paar Tränen, die ihre rosigen Wangen hinabrannen. Sie kniff die Augen zusammen und wünschte sich von ganzem Herzen, sie wüsste, was hier vor sich ging.
»Warum komme ich nicht rein?«, wimmerte sie.
Durch geschlossene Lider sah sie gelbe Punkte funkeln. Rasch öffnete sie die Augen und sah, dass an ihrer Tür Tausende kleiner Lichter erstrahlten und auf dem Holz tanzten. Sie ordneten sich geschmeidig zu einer Formation an und bildeten Wörter, die sie lesen konnte.
Der Weg durch die Tür ist deiner schweren Seele verstellt.
Lass die Last des Lebens erst zurück in der alten Welt.
Ist deine Seele leichter, lässt sich der Schlüssel drehen,
Und deine Wünsche werden alsbald in Erfüllung gehen.
»Meine Seele? Was hat das zu bedeuten?« Sie zog den Mantel aus, da ihr mittlerweile heiß und ihr Gesicht gerötet war.
»Den Mantel auszuziehen wird dir nicht dabei helfen, leichter zu werden, meine liebe Evie.«
Am Ende des Korridors stand ein kleiner Mann. Mr. Autumn war verstummt, und Evie bemerkte, dass er jetzt am Daumen lutschte, die Augen so fest zusammengekniffen, dass sie zu bloßen Linien geworden waren. Der Sprecher war Mitte vierzig, sah jedoch weit älter aus. Seitlich hing ihm eine Zigarette aus dem Mund, doch er redete, als wäre sie gar nicht vorhanden.
»Dr. Liefde.« Evie stieß bei seinem Anblick einen Seufzer der Erleichterung aus. Er war ein untersetzter Holländer mit leicht schütterem Haar und einer überaus niedlichen Stupsnase, der einst der Portier des Apartmentblocks gewesen war. Wie schon damals, als Evie noch hier gewohnt hatte, strömte Herzlichkeit in unerschöpflichen Wellen von ihm aus. Dr. Liefde kannte sämtliche Hausbewohner mit Namen und wusste auch über ihre Angelegenheiten Bescheid. Nicht weil er neugierig herumschnüffelte, sondern weil man einfach nicht umhinkam, ihm zu vertrauen. Er stellte sicher, dass alle ihre Briefe und Päckchen erhielten, und in der Weihnachtszeit schmuggelte er Tüten mit Schokotalern zwischen die Post. Zudem sah er sich selbst auch gern als Heiratsvermittler und versuchte, die alleinstehenden Apartmentbewohner miteinander zu verkuppeln. Bei einer Gelegenheit, lange bevor Evie eingezogen war, waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt gewesen und ihm war die Ehre zuteil geworden, bei der Hochzeit von Danny Thorn und Rose Green als Zeremonienmeister zu fungieren. Seitdem bezeichnete er sich als Dr. Liefde, da liefde das holländische Wort für Liebe war. Mit der Zeit setzte sich die Bezeichnung durch, bis sich niemand mehr an seinen richtigen Namen erinnerte.
Evie war eine seiner Lieblingsmieterinnen, weil sie ihm Kakao brachte, wenn es kalt war, und gekühlte rosafarbene Limonade im Sommer, wenn sein kleiner Tischventilator einfach nicht ausreichte. Kurz nachdem sie aus Apartment 72 ausgezogen war, war er verstorben, und sie war auf seine Beerdigung gegangen, zusammen mit den meisten Menschen, die zu dem Zeitpunkt oder früher einmal im Haus gelebt hatten. Der Apartmentblock war sein absoluter Lieblingsort gewesen.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, Sie zu sehen!« Evie lief zu Dr. Liefde, und er stieß ein kehliges Lachen aus, als er sie ein wenig unbeholfen umarmte, da sie ihn um gute dreißig Zentimeter überragte.
»Ich wünschte, ich könnte das Gleiche behaupten. Ich hoffe sehr, dass es schmerzlos war. Ist es im Schlaf passiert?« Sein Englisch war einwandfrei. Ohne den ganz leichten Akzent und seinen Vaterlandsstolz hätte Evie nicht geahnt, dass er Holländer war. Er nahm die Zigarette aus den Lippen und drückte sie in einem an der Korridorwand angebrachten Aschenbecher aus. Gewöhnlich rauchte er nie im Hausinnern, doch sonderbarerweise konnte Evie den Rauch nicht riechen.
Sie runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht recht, ob ich Ihnen folgen kann.«
»Oh, Evie.« Er schenkte ihr ein liebevolles Lächeln, in dem Trauer mitschwang. »Das hier ist das Leben nach dem Tod. Na ja, zumindest ist es das Wartezimmer des Lebens nach dem Tod.« Er legte eine Hand auf ihren Arm, und sie hakte sich bei ihm unter, als er Anstalten machte, sie zum Aufzug zurückzuführen.
»Das Wartezimmer des Lebens nach dem Tod«, wiederholte sie und gab sich Mühe, den Sinn zu erfassen. Sie kam sich vor, als wäre sie wie Alice in den Kaninchenbau gefallen, bloß dass er sie nicht in eine fantastische Welt geführt hatte, in der Tiere reden und die Uhr lesen konnten. Stattdessen befand sie sich in einer Welt, die in die Vergangenheit gehörte, wo längst verstorbene Menschen wieder zum Leben erweckt worden waren.
»Sieh mal, wenn man stirbt, kommt man, sofern man auf Erden ein gutes Leben geführt und sich stets bemüht hat, das Beste aus sich zu machen, an seinen Lieblingsort«, erklärte Dr. Liefde.
»In den Himmel?«, fragte Evie mit vor Verwirrung gerunzelter Stirn.
»Ach ja, aber in den eigenen persönlichen Himmel. Du bist gestorben, Evie. Ich fürchte, du bist tot.« Er drückte ihre Hand.
Natürlich, dachte sie.
»Ja, ich – ich glaube, ich erinnere mich. Jetzt, da Sie es erwähnen.« Sie konzentrierte sich heftig, um die Erinnerungen aus dem Kopf zu pressen. »Ich habe ein gutes, langes Leben geführt. Ich habe geheiratet. Hatte zwei Kinder. Ich war …«, sie hielt inne, »glücklich. Und bei meinem Tod war ich von meinen Kindern und Enkelkindern umgeben. Ja, jetzt erinnere ich mich.« Ihre Mundwinkel zuckten nach oben, sie verlor sich in Gedanken und rief sich Bilder von ihren erwachsenen Kindern ins Gedächtnis. Dann schüttelte sie ein wenig den Kopf und richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf Dr. Liefde, der vor ihr stand und ihr bedeutete, den Aufzug zu betreten.
Evie betrachtete sich in dem polierten Gold und stellte fest, dass sie immer noch wie siebenundzwanzig aussah. Zwar war Evie nicht eitel, trotzdem hatte sie ihre eigenen Vorzüge wie ihre karamellfarbenen Locken und ihre schokobraunen Augen sehr gemocht, und es war schwer gewesen mit anzusehen, wie diese zusammen mit jeglichem Leben und aller Freude, die sie von früher her gekannt hatte, ins Graue verblasst waren.
»Offensichtlich warst du hier in diesem Gebäude am glücklichsten. So wie ich. Also sind wir nach unserem Ableben hierhergekommen.« Dr. Liefde drückte auf die Taste mit der Nummer 2, die jedoch nicht aufleuchtete. »Verfluchtes Ding.« Er drückte sie erneut etwas fester, und das gelbe Licht strahlte trübe durch die kleine Milchglaszahl. »Wie dem auch sei …« Er hielt inne, den Blick immer noch auf die Taste gerichtet, auf dem Gesicht eine besorgte Miene.
»Ach ja, es gibt immer einen Haken. Man mag drei Wünsche frei haben, aber es steht einem nie zu, sich einfach weitere Wünsche zu wünschen.« Evie lachte leise, doch Liefdes Miene gab ihr das Gefühl, dass die Sache vielleicht nicht so einfach war, wie sie gehofft hatte.
»Es ist nur ein kleiner Haken, Miss Snow. Du konntest deine Tür nicht öffnen, nicht wahr?« Evie schüttelte den Kopf. »Das liegt daran, dass du an Dingen festhältst, die nicht mit dir hindurch dürfen.«
»Dinge? Aber ich habe nichts mitgebracht. Ich habe mich bei meiner Ankunft in dieser Kleidung vorgefunden, hatte diese Schuhe an und meine Schlüssel in der Manteltasche.« Sie tastete wieder nach dem Bund, und als sich ihre Finger darumlegten, drückte sie die Schlüssel so fest wie möglich in ihre Handfläche und zwang sich dazu zu glauben, dass sie hier waren und sie auch, und dass alles in Ordnung war.
»Nicht alle Besitztümer sind materieller Natur, meine Liebe.« Der Aufzug machte einen jähen Ruck und rumpelte den Schacht hinunter. Dr. Liefde hieb mit einer Hand, die so fest geballt war, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, gegen die Wand – auf einmal maßlos wütend auf die Situation. Evie tätschelte leicht seinen Arm. Endlich ging die Doppeltür auf, langsam, als wollte sie nicht preisgeben, was sich dahinter befand.
»Evie«, Dr. Liefde tat einen tiefen, bebenden Atemzug, »das hier ist der zweite Stock.«
»Ja …« Sie wartete darauf, dass er weitersprach, doch weder sagte er etwas, noch machte er Anstalten, den Aufzug zu verlassen. »Stimmt etwas nicht?«
»Es tut mir leid, aber ich bin schon lange nicht mehr hier unten gewesen. Ich vermeide es so weit wie möglich, aber du musst sehen, was sich hier unten befindet.« Er machte einen Schritt auf die Tür zu, Evies Arm fest gepackt. »Unsere Seelen sind sehr zart, und es gibt gewisse Dinge, die sie niederdrücken können. Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, Gefühle zurückhalten, uns auf die Zunge beißen, Geheimnisse bewahren – das ist eine große Bürde für unsere zerbrechlichen Seelen. Diese künstlich geschaffenen Lasten hängen sich an unseren Geist und fangen an, uns nach unten zu ziehen.« Seit ihrem Eintreffen im zweiten Stock, hatte Dr. Liefde Evie noch kein einziges Mal angesehen. Sein Blick war fest nach vorn gerichtet, auf die kommende Biegung im Korridor, und seine Schritte verlangsamten sich. Bläuliche Lichter flackerten über ihren Köpfen auf, Strom summte.
»Um weiterzukommen, um durch deine Tür treten zu können, musst du dich dieser Last entledigen. Deine Gefühle kundtun, dein Herz öffnen, den Menschen vergeben. Um was auch immer es sich bei diesen Bürden handelt, du musst davon ablassen. Ansonsten gibt es keine Möglichkeit, durch die Tür zu kommen, und dann steckst du fest.«
Während sie den Korridor weitergingen, hörten sie Gestöhne. Nicht nur eine Stimme, sondern etliche, in einem eigenartigen, qualvollen Chor.
»Dr. Liefde – warum sind wir im zweiten Stock?« Mittlerweile hielt Evie seine verschwitzte Hand umklammert, ihre Finger waren ineinander verschränkt, während sie langsam auf die Geisterstimmen zugingen.
Er sog die Luft ein. »Das hier ist das Stockwerk, in dem die eher – unwilligen Bewohner des Hauses residieren.«
Sie bogen um die Ecke, und Evie stockte der Atem.
2
Der zweite Stock
Was machen sie?« Evie blieb stehen und zog an Dr. Liefde, der weitergehen wollte. »Warum sind sie nicht in ihren Apartments?«
Falls sie diese Menschen früher einmal gekannt haben sollte, erkannte sie sie jetzt nicht wieder. Ihre Gesichter waren grau und ausgemergelt, die Haut fast transparent. Alle trugen die Freizeitkleidung, die sie normalerweise anhätten, würden sie sich in ihren Apartments aufhalten. Schlafanzüge, Morgenmäntel und Fitnesskleidung, die wahrscheinlich noch nie zum Zweck sportlicher Ertüchtigung getragen worden war. Alles in Schattierungen von Schwarz, Weiß und Grau. Um sie herum befanden sich Farbpfützen – Blau-, Rot-, Rosa-, Orange- und Grüntöne – die von ihren Körpern und Kleidungsstücken abgeschmolzen waren und jetzt in den Teppich einsickerten und die Tapete verschmierten.
»Was fehlt ihnen? Sie haben ihre ganze – Farbe verloren«, flüsterte Evie.
»Sie stecken fest, meine Liebe«, erklärte Dr. Liefde. »Sie weigern sich, von den Dingen abzulassen, die sie hier halten. Sie sind nun schon so lange hier, dass sie zu Schatten ihrer selbst geworden sind. In ihnen steckt kein Leben, keine Farbe mehr. Das ist alles – weggeschmolzen.«
Ein Mann lehnte an seiner Tür und kratzte kläglich am Holz. Die Tür glänzte weiterhin unbeschadet, doch seine Finger waren blutende verletzte Stümpfe, sein Blut pechschwarz. Eine Frau murmelte in abgehacktem Stakkato vor sich hin, manche Wörter lauter als andere. Sie wiegte sich vor ihrer Tür und schlug immer wieder mit dem Kopf an den Rahmen. Eine andere Frau versuchte, in der Luft um sie herum, imaginäre Phantome zu fangen. Während Evie beobachtete, wie sie mit den Armen ruderte, schlug sich die Frau auf die Nase und schrie auf. Dem schwarzen Strom nach zu schließen, der ihr Gesicht hinunterlief, war es nicht zum ersten Mal passiert. Auf ihrem weißen Tanktop befand sich eine gewaltige Lache aus getrocknetem Blut, und ihre Hände waren über und über mit schwarzen Flecken übersät. Evie sah die dunkle Kruste unter den Fingernägeln der Frau, während diese mit den Händen durch die Luft fuhr.
Der ständige Lärm war zu viel. Die Geräusche wogten um sie herum, und allmählich wurde Evie schlecht.
»Ich habe genug gesehen«, flüsterte sie. »Ich möchte zurück zu meinem Apartment.« Sie versuchte umzudrehen, doch Dr. Liefde zog an ihrem Arm und ließ nicht los.
»Schau hin, Evie. Lass alles auf dich wirken und sorge dafür, dass dies nicht auch dein Schicksal wird.« Er sprach streng und sah ernster aus, als sie ihn je gesehen hatte – einen Moment lang ein völlig anderer Mensch –, doch dann wurde sein Gesicht weicher, sein Griff lockerte sich, und gemeinsam kehrten sie eilends zum Aufzug zurück. Evie hämmerte auf die Nummer 7 ein, bis sich die Tür schloss und der Aufzug nach oben fuhr. Da lehnte sie sich gegen die Wand und ließ Luft entweichen, die sie wohl angehalten haben musste.
»Ich darf nicht eine von ihnen sein.« Sie schüttelte grimmig den Kopf, um dies nicht nur dem kleinen Holländer, sondern auch sich selbst unmissverständlich klarzumachen.
»Wir nennen sie die Hoffnungslosen. Und ich freue mich, dich das sagen zu hören.« Die Erleichterung zeichnete sich deutlich auf Dr. Liefdes Gesicht ab.
»Nein, ich werde nicht hoffnungslos sein. Ich bin voller Hoffnung. Ich bin eine Hoffnungsvolle.« Evie sprach schnell, weil sie sich selbst von der Richtigkeit ihrer Worte überzeugen wollte. »Aber ich weiß nicht, was meine Seele niederdrückt. Ich weiß nicht, wie ich die Sache richten soll.« In ihrer Kehle hatte sich ein Kloß gebildet.
Die Aufzugstür ging auf, und sie traten beide sofort hinaus, um die Erinnerung an den zweiten Stock hinter sich zu lassen. Allerdings bewegten sie sich noch nicht auf Apartment 72 zu.
»Evie, ich habe jeden einzelnen Menschen, der zu diesem Haus zurückgekehrt ist, genau das sagen gehört, und es hat kein einziges Mal gestimmt.« Betreten senkte Evie den Blick auf ihre Mary-Poppins-Schuhe. »Vergiss nicht, ich bin hier im Haus der Portier gewesen, und jeder hier drinnen hat mir von seinen Problemen erzählt. Du und ich, wir wissen beide, was dich hier hält. Du musst es dir nur einmal selbst eingestehen.« Er ging in Richtung ihrer Tür.
Evie begriff, was er ihr sagen wollte, doch nun stand sie vor einem anderen Rätsel. »Dr. Liefde, wenn das hier das Wartezimmer zum Leben nach dem Tod ist und Menschen hier stecken bleiben, weil sie nicht zum eigentlichen Leben nach dem Tod durchdringen können, und wenn Sie ganz genau wissen, wie man hindurchkommt, warum sind Sie dann immer noch hier?«
Dr. Liefde blieb mitten im Korridor stehen. Er sah ihr direkt in die Augen, während sich seine eigenen mit Tränen füllten. Sie fühlte sich peinlich berührt und senkte den Blick auf ihre Schuhe, um ihm einen ungestörten Moment zu gewähren.
»Tja«, sagte er nach einer gefühlten Ewigkeit, »das hat mich noch nie jemand gefragt.« Als sie aufblickte, wischte er sich mit dem Daumen eine Träne von der Wange. »Evie, dieses Haus, diese Korridore, sie sind dein Wartezimmer. So wie der Himmel für jeden Menschen anders ist, verhält es sich auch mit dem Fegefeuer. Mein eigenes Leben war so elend, dass ich mein Glück durch andere gefunden habe, indem ich ihre Geschichten kennenlernte und gelegentlich Teil davon wurde. Als ich nach meinem Tod hier eingetroffen bin, ließ sich die Eingangstür des Hauses nicht öffnen. Solange nicht, bis ich meiner Exfrau vergeben habe, dass sie die Scheidung eingereicht hat. Tief in meinem Innern wusste ich, dass es nicht ihre Schuld war. Sie hat mich einfach nicht mehr geliebt. Aber ich habe es ihr jahrelang verübelt. Mein Wartezimmer war vor diesem Haus, und sobald ich von diesem Groll abgelassen hatte, öffnete sich die Tür für mich, und ich landete in meinem eigenen persönlichen Himmel.« Er deutete um sich auf seinen Glücksort, sein kleines Stück Paradies. »Mich mit den Menschen in diesem Haus zu unterhalten und meine Dienste anzubieten war mein ganzes Leben. Folglich ergibt es Sinn, dass mein Himmel hier ist, wo ich Menschen wie dir helfen kann, den Weg in ihre Apartments zu finden.«
In dem Moment fiel Evie niemand ein, dem sie je begegnet war, der ein größeres, selbstloseres Herz als Dr. Liefde besessen hätte. Dann erinnerte sie sich an einen anderen Mann, den sie gekannt hatte, vor langer Zeit, und eine Last in ihrem eigenen Herzen zog sie nach unten. Dr. Liefde sah den Schmerz über ihr Gesicht huschen.
»Evie. Du weißt, was dich hier hält. Nicht wahr?«
»Ja«, erwiderte sie schniefend. »Das tue ich.« Ihr war nicht bewusst, dass sie weinte, bis Dr. Liefde auf sie zutrat und zögerlich mit dem Daumen, mit dem er seine eigene Träne fortgewischt hatte, eine Träne von ihrem Kinn strich. »Es sind – es sind meine Geheimnisse.«
»Geheimnisse, Evie? Bist du sicher?«
»Ja. Ganz sicher. Es gibt da gewisse Dinge, die ich meiner Familie vorenthalten habe. Teils, weil es niemand zu wissen brauchte, und teils, weil ich es nicht ertrug, sie wieder aufleben zu lassen. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht von ihnen überrascht worden wäre. Ich bin die Treppe in meinem eigenen Zuhause hochgestiegen und habe mit einer zusätzlichen Stufe gerechnet, dann aber festgestellt, dass da keine war. Ich war im Garten und habe mich um die Blumen gekümmert, und auf einmal hat es mir den Atem verschlagen. Wenn man mein Herz in die Luft werfen würde, würde es aufgrund der Last dieser Geheimnisse doppelt so schnell zu Boden fallen, da bin ich mir sicher.«
Die Vorstellung, über die Dinge zu sprechen, die sie so viele Jahre lang verdrängt hatte, fühlte sich verkehrt an und gleichzeitig merkwürdig richtig. Es bestand die Chance, ihre Leichtigkeit wiederzuerlangen. Die Chance zu tanzen, ohne dass ihre Füße wie aus Blei wären. Die Chance, ihre ungelebte Vergangenheit zur Ruhe zu betten.
Manchmal, überlegte sie, kommen wir an eine Weggabelung und wählen eine Richtung, und dann fragen wir uns, was passiert wäre, hätten wir uns für den anderen Weg entschieden. Umso mehr, wenn der Weg, auf dem wir landen, für uns ausgesucht wurde, und der andere Weg in so weiter Ferne liegt, dass es keine Möglichkeit gibt, je umzukehren. Einst war Evie an eine Weggabelung gekommen und ihr war keine andere Wahl geblieben, als den falschen Weg einzuschlagen.
Dr. Liefde seufzte tief und schenkte ihr ein zaghaftes erleichtertes Lächeln. »Na dann. Damit wäre der schwierige Teil getan. Der nächste Schritt ist vergleichsweise einfach, wie du sicherlich gern hören wirst.« Er führte sie den Korridor zurück zum Aufzug, vorbei an Mr. Autumn, der jetzt vor seiner Tür zusammengerollt war und fest schlief, immer noch am Daumen lutschend.
»Aber wie soll ich überhaupt anfangen, etwas daran zu ändern? Ich bin tot. Ich kann nicht zurück …«, sie hielt inne und überlegte, wie sie die Welt nennen sollte, die sie zurückgelassen hatte, »in das Land der Lebenden und sämtliche Menschen aufsuchen, mit denen ich reden müsste, um meine Tür zu öffnen.«
Liefde nahm ihre Hand in seine und drückte sie, sei es, um sich zu beruhigen oder um ihr Trost zu spenden, vermochte sie nicht zu sagen. Dann führte er Evie in den Aufzug zurück, dessen Anblick sie bereits leid war. Diesmal drückte er auf die Taste mit der 0.
»Es gibt immer einen Weg, Evie.«
Die Tür schloss sich.
3
Die Wand
Der Aufzug sank hinunter ins Erdgeschoss. Liefde lotste Evie durch die Eingangshalle hinter seinen Schreibtisch – wo er stehen blieb, um sich eine Zigarette zu nehmen und anzustecken – und weiter durch eine Kleinküche und eine Treppe hinunter, die nur in die Dunkelheit zu führen schien. Liefde legte einen Schalter um, und eine trübe, gelbe Lampe offenbarte einen enttäuschenden Keller. Ein Stockwerk, das zu besuchen Evie all die Jahre zuvor nie Grund gehabt hatte. Sie war davon ausgegangen, dass es lediglich ein Lagerraum für Dinge war, die ehemalige Bewohner zurückgelassen hatten, oder in dem Fundsachen aufbewahrt wurden. Sie selbst hatte ein paar Dinge verloren, während sie hier gelebt hatte: einen roten Regenschirm mit weißen Punkten, drei Sonnenbrillen, eine größer als die andere, weil sie gehofft hatte, sie wären zu groß, um sie zu verlieren, und ein Paar Flip-Flops, die sie an einem lauen Sommerabend bei einem Gespräch mit Liefde in der Eingangshalle abgestreift hatte, nachdem sie auf einer Party in einem Park gewesen war, wo sie sich einen kleinen Schwips angetrunken hatte. Jedes Mal, wenn ihr auffiel, dass etwas fehlte, verschwand Liefde ins Kellergeschoss und kehrte nach wenigen Minuten mit der stets überquellenden Fundsachenkiste zurück.
»Es sollte eigentlich Verlustsachen heißen«, hatte Evie einst gesagt. »Selbst wenn jemand etwas findet und in die Kiste legt, ist es immer noch verloren, bis es von seinem Eigentümer gefunden wird. Und sobald es gefunden ist, gehört es nicht mehr in die Kiste!« Anschließend hatte Dr. Liefde zu seinem Textmarker gegriffen, »Fund-« durchgestrichen und stattdessen »Verlust-« auf die Seite der Schachtel gekritzelt.
Evies Augen gewöhnten sich allmählich an das Licht. Die Verlustsachenkiste stand in der Ecke auf dem Betonboden. Kein grüner Teppich wie oben. Liefde legte einen Schalter um, sodass ein weiteres schwaches gelbliches Licht anging, das gerade einmal ausreichte, um ihm den Weg durch das Zimmer zur rückwärtigen Wand zu erhellen. Sie hatte einen blassen Cremeton, doch Evie sah, dass sie früher einmal von einer blau-rosa gestreiften Tapete bedeckt gewesen war, die man seitdem in ungleichmäßigen Streifen abgerissen hatte, sodass an den Rändern Fetzen übrig geblieben waren, die der Wand einen ausgefransten Rand verliehen. Die gewaltige cremefarbene Stelle in der Mitte glänzte leicht im schwachen Licht, und Evie hätte schwören können, dass ein Summen in der Luft schwirrte, wie das Geräusch eines sich anbahnenden Gewitters.
Dr. Liefde stand mit dem Rücken zur Wand vor Evie und wies mit dem Anflug eines Lächelns darauf, als würde er ihr die Wand präsentieren. Evie starrte ihn verdutzt an.
»Die Wand, Evie!«, knurrte er jetzt aufgeregt und ein wenig verärgert über ihre Begriffsstutzigkeit. »Die Wand ist der Weg zurück, nach dem du suchst.«
Sie trat näher. Das Summen war jetzt ein wenig lauter, und sie konnte heraushören, dass dieses Geräusch, ähnlich wie der aus Stimmen bestehende Lärm im zweiten Stock, ebenfalls aus Geschwätz bestand, auch wenn es weniger aggressiv und um einiges gelassener klang. Wie das leise Flüstern an eine heimliche Geliebte, Herzen, die vor Champagner überquollen, oder jener sanfte, gedämpfte Tonfall, den Mütter verwenden, wenn sie ihre Kinder zu Bett bringen.
»Was ist das? Warum kann ich auf einmal die ganze Welt hören? Alle sind so …«, Evies Augenlider fühlten sich schwer an, und sie lehnte die Stirn sanft an die seltsam warme Oberfläche der Wand, »zufrieden.«
»Ist es das, was du hörst? Zufriedenheit?« Liefde hatte einen Schreibtischstuhl in die Zimmermitte gezogen, saß jetzt da und beobachtete Evie.
»Sie etwa nicht?« Evie ließ sich zu Boden sinken und machte es sich auf dem Beton bequem, den Rücken fest gegen die Wand gedrückt, da sie nicht davon getrennt sein wollte. Den Kopf drehte sie zur Seite, um ein Ohr dem Summen zugewandt zu haben.
»Jeder hört etwas anderes, abhängig davon, was für eine Art von Leben er geführt und wen er zurückgelassen hat. Ich höre Gelächter. Viel.« Durch ihre halb geschlossenen Augenlider konnte Evie erkennen, dass Liefde lächelte.
»In meinen Ohren klingt die Welt warm und gedämpft«, sagte sie. »Sie gibt mir das gleiche Gefühl wie damals als Teenager, wenn ich nach einem wunderbaren Abend mit Freunden nach Hause kam, auf Zehenspitzen nach oben geschlichen bin und versucht habe, nicht zu kichern und meine Eltern aufzuwecken.« Bilder tanzten vor ihrem geistigen Auge, und sie lächelte, berauscht von der Wärme der Wand.
»Zweifellos das Geräusch eines glücklichen Lebens.«
Jetzt schien Liefde weit weg zu sein. Evie ließ sich tiefer in die Wand sinken, spürte, wie sich die Wand um sie legte, sie umarmte und in den Schlaf wiegte.
»Allez hopp!« Liefde hatte ihre Hände gepackt und zog sie hoch in den Stand. Überrascht fiel sie gegen ihn, fand aber nach ein paar tiefen Atemzügen ihr Gleichgewicht wieder. »Sieht so aus, als würdest du und die Wand prima miteinander auskommen.«
»Miteinander auskommen? Bei Ihnen hört es sich an, als wäre sie eine Person.« Evie strich ihren Rock glatt und öffnete den Mantel, da ihr mittlerweile ein wenig warm war und Nervosität in ihr aufstieg.
»Ich bin mir nicht ganz sicher, was sie ist, Evie, aber sie ist definitiv eher eine Person als eine Wand.« Liefde fuhr mit einer Hand darüber, und seine Stirn legte sich in Falten. »Sie ist irgendwie … sentimental. Sie erspürt, wer wir sind, aber sie ist wie ein Kind. Wenn du nett bist, wird sie mit dir spielen. Wenn nicht, dann nicht. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass die Wand dich mögen würde, Evie, aber es ist schön zu sehen, welche Wirkung ihr beide aufeinander habt.«
»Aufeinander? Sie hat bewirkt, dass ich mich wunderbar fühle, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich irgendeine Wirkung auf …« Sie drehte sich zu der Stelle um, wo sie sich an die Wand gepresst hatte, und sah, dass das Gefühl einer Umarmung tatsächlich nicht verkehrt gewesen war. Die Wand war eingesunken, hatte sich um sie geschmiegt, und Evies Körper hatte einen Abdruck in der Oberfläche hinterlassen. Jetzt veränderte sich die Wand und glänzte, nahm wieder ihre flache Gestalt an.
»Komm, lass es mich erklären.« Liefde rollte den Stuhl hinter Evie, damit sie Platz darauf nahm, und schob sie zu einem Schreibtisch in der Ecke. Er griff nach einem Füller und zog ein Notizbuch heran. Dann fing er an, auf den verblichenen blauen Linien zu zeichnen. Er fuhr fünf parallele horizontale Linien nach. Zwischen die obersten beiden schrieb er das Wort HIMMEL. In den nächsten Zwischenraum, zwischen die zweite und dritte Linie, schrieb er WARTEZIMMER ZUM LEBEN NACH DEM TOD, in die nächste Lücke LEBEN und in den Zwischenraum darunter HÖLLE. Er führte den Stift zu der Linie zwischen HIMMEL und WARTEZIMMER ZUM LEBEN NACH DEM TOD und fuhr sie mehrmals nach, dann tat er das Gleiche mit der Linie zwischen LEBEN und HÖLLE. Die mittlere Linie, zwischen WARTEZIMMER ZUM LEBEN NACH DEM TOD und LEBEN, überkritzelte er, sodass sie gezackt und unordentlich aussah.
»Die Eingangstore zu Himmel und Hölle sind sehr gut geschützt. Du hast selbst gesehen, dass die Türen zum Himmel fest verschlossen sind.« Dr. Liefde nahm die Spitze des Stifts als Zeigestock her, um Evie durch sein Diagramm zu führen.
»Und was ist mit dem Eingangstor zur Hölle?« Sie drehte das Notizbuch zu sich, um besser sehen zu können.
»Wenn du wüsstest, dass du in die Hölle kommst, wärst du dann wild darauf, beim Teufel anzuklopfen? Nein. Wenn du dorthin kommst, wirst du eingesammelt. Ich bete darum, dass du das nie mitansehen musst.« Dr. Liefdes Blick erstarrte leicht, während er auf seine Zeichnung hinabblickte. Sein Stift glitt zu der dicken schwarzen Linie zwischen LEBEN und HÖLLE, und er zog sie noch dunkler nach. Evie fragte sich, was ihn hatte erschaudern lassen. Liefde hatte sich stets als mutiger, kühner Mann erwiesen. Wenn ihn etwas zum Verstummen brachte, wusste man, dass es schlimm war.
»Und was ist mit dieser Linie hier?« Sie deutete auf die Schlangenlinie in der Mitte, das Tor zwischen dem Ort, an dem sie jetzt war, und dem, an den sie musste. »Sie ist nicht wie die anderen.«
Liefde lehnte sich an die Schreibtischkante und sah zur Wand. Er nahm die Zigarette zwischen seinen Lippen hervor und warf sie zu Boden, die sterbende Glut unter einem seiner Brogues zerdrückend.
»Nein, die ist nicht wie die anderen, Evie. Der Ort hier«, er hielt die Hände in die Höhe und wies auf das Zimmer um sie her, »ist nicht wie Himmel oder Hölle. Er ist nicht so solide oder sicher.« Evie hob eine Augenbraue, während sie verzweifelt zu folgen versuchte. In der Hoffnung, ihr das Verständnis zu erleichtern, schlug Liefde einen neuen Weg ein. »Wenn das Leben eine Farbzeichnung ist, ein schöner Zeichentrickfilm, dann ist dieser Ort, das Wartezimmer zum Leben nach dem Tod, das Pauspapier über der Animation. Es kommt nahe ans Original heran, ist aber nicht ganz das Gleiche. Es ist verblasst und durchsichtig, als würde man die Welt durch eine Milchglasscheibe betrachten. Jeder in dieser Welt ist weder hier noch dort. Wir sind auf keinen Fall am Leben, aber richtig tot sind wir auch nicht.«
Evie betrachtete die Wand, die im schwachen Licht schimmerte. Die glatte Oberfläche schien zu wackeln, und es war beinahe, als würde sie ihnen zuwinken und versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie ist wirklich wie ein Kind, ging es Evie durch den Kopf.
»Die Wand zwischen dieser Welt und dem Land der Lebenden ist schon immer durchlässiger gewesen als die Wände zum Himmel und zur Hölle. Im Laufe der Jahre haben Hunderte gequälter Seelen versucht, sich einen Weg hindurch zu erzwingen, weil sie versucht haben, zurück nach Hause zu gelangen, da sie ihren Tod nicht hinnehmen konnten. Das hat die Wand an gewissen Stellen sogar noch poröser gemacht. Es ist traurig für diejenigen, die immer noch am Leben sind, aber recht hilfreich für dich, Evie.«
»Traurig für die, die noch am Leben sind?«, fragte sie. »Was meinen Sie?«
Liefde seufzte, und Sorge legte seine ohnehin schon runzelige Stirn in noch mehr Falten. »Eigentlich darf es keine Geister auf der Erde geben. Jedenfalls nicht die Art, die für Menschen sichtbar ist und ihnen Qualen bereiten kann. Wenn du hinübergehst, tust du das mit guten Absichten. Zu dem einzigen Zweck, deine … deine unerledigten Angelegenheiten zu regeln, was bedeutet, dass du für die Lebenden völlig unsichtbar sein wirst. Du wirst noch nicht einmal einen Schatten werfen. Diejenigen, die sich den Weg zurück erzwingen, weil sie dort bleiben wollen, sind nicht friedlich, und aggressive Seelen bringen die Natur der Dinge durcheinander. Lebende erhaschen Blicke auf diese Seelen, wenn sie in einem ganz besonders aggressiven, frustrierten Zustand sind. Ihre Energie kann auch Dinge von Regalen werfen, Türen zuschlagen, Glas zerbersten … Nein, das darf eigentlich nicht passieren. Es soll eigentlich keine Geister geben. Aber sie haben es leichter gemacht, dich zurück nach Hause zu bringen.«
Evie ging zur Wand zurück, teils, weil sie das Gefühl mochte, das diese ihr vermittelte, aber auch, weil sie die Wand untersuchen musste. Wenn sie sich mit ihr – anfreunden wollte, damit die Wand sie hindurchließe, musste sie ihr nahe kommen und vertraut werden.
»Und Sie haben das früher schon einmal gemacht?« Sie beäugte Liefde in der Hoffnung, nicht sein erstes Experiment zu sein.
»Ich habe es sogar am eigenen Leib erlebt.« Er nickte mit einem matten Lächeln. »Als ich nach Hause zurückgekehrt bin, um meiner Ehefrau zu vergeben.«
»Ist es leicht?« Evie streichelte die Wand mit der Rückseite ihres Zeigefingers, und sie hätte schwören können, ein Schnurren wie von einem zufriedenen Kätzchen zu hören.
»Es ist – ganz simpel. Man benötigt nur ein paar Dinge.« Liefde ging zu der Verlustsachenkiste hinüber. Er hob sie hoch und trug sie her, um sie vor Evies Füßen abzustellen.
In der Kiste befanden sich ein pinkfarbener Strumpf und eine gelbe Kinderregenmütze. Evie setzte sich die Mütze auf den Kopf, obwohl sie ihr viel zu klein war. Liefde lachte über ihre ernste Miene unter einer derart törichten Kopfbedeckung.
»Du hast dich kein bisschen verändert, Evie, nicht wahr?«, fragte er, immer noch glucksend. Sie nahm die Mütze ab und betrachtete sie, rieb mit den Daumen über die Plastikränder.
»Oh, das habe ich, Liefde. Sehr sogar. Aber es ist so schön, wieder hier zu sein.« Sie hob den Blick und bemerkte die zärtliche Miene des kleinen Mannes. »Warum haben Sie mir diese Kiste gebracht?«