Cover

Dietrich Bonhoeffer

WER
BIN
ICH?

Mit Aquarellen von Andreas Felger

Herausgegeben von Christian Hennecke

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-21657-3
V002

www.gtvh.de

INHALT

Dietrich Bonhoeffer – Leben und Werk

Der Herausgeber: Christian Hennecke

Der Künstler: Andreas Felger

Einleitung

KAPITEL 1

»… umgetrieben vom Warten«

Denkimpuls – Wer bin ich?

KAPITEL 2

»… mein Herz ausschütten«

Denkimpuls – Was trägt uns?

KAPITEL 3

»… immer wieder überwinden«

Denkimpuls – Wofür leben wir?

KAPITEL 4

»… treu und still umgeben«

Denkimpuls – Wer behütet uns?

KAPITEL 5

»… der sein, der man ist«

Denkimpuls – Wie leben wir?

KAPITEL 6

»… überdrüssig der Eintönigkeit«

Denkimpuls – Was bedeutet uns Glück?

KAPITEL 7

»… aushalten und durchhalten«

Denkimpuls – Wie verarbeite ich schwere Stunden?

KAPITEL 8

»… den rechten Weg für mich«

Denkimpuls – Was tröstet mich?

KAPITEL 9

»Das Herz ist so voll …«

Denkimpuls – Wem schenke ich meine Liebe?

KAPITEL 10

»Das Geheimnis Gottes …«

Denkimpuls – Was ist der Sinn hinter allem?

KAPITEL 11

»Eine Kraft der Hoffnung …«

Denkimpuls – Wie wollen wir in Zukunft leben?

Bildnachweise und Textquellen

(55 x 75 cm), 2004, AF_AQ_04_0171

LEBEN UND WERK

DIETRICH BONHOEFFER

Am 4. FEBRUAR 1906 in Breslau geboren, wuchs Dietrich
Bonhoeffer in einem christlichen Elternhaus mit sieben Geschwistern auf. Schon früh erhielt er von seiner Mutter Religionsunterricht, studierte Theologie und habilitierte sich bereits mit 24 Jahren. Bonhoeffer wurde Pfarrer und lehrte in New York und später in Berlin.

Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 engagierte er sich in der kirchlichen Opposition. Widerstand zu leisten stand für Bonhoeffer im Zeichen der Liebe zu denjenigen, die schweres Unrecht erleiden mussten. Er ging nach London, wo er zwei Jahre als Pfarrer arbeitete, und berichtete dort öffentlich über das Vorgehen der Nationalsozialisten in Deutschland. Später auf der Insel Fanö hielt er eine bemerkenswerte Friedensrede und zog, auch durch seinen unermüdlichen Einsatz für Juden, immer stärker die Aufmerksamkeit des nationalsozialistischen deutschen Regimes auf sich.

Zurück in Deutschland übernahm er das illegale Predigerseminar in Finkenwalde. 1937 wurde dieses polizeilich geschlossen und Bonhoeffer mit einem Lehr-, Predigt- und Publikationsverbot belegt. Im Sommer 1939 unternahm er eine zweite Reise nach Amerika, die er nach sechs Wochen abbrach, da es ihm emotional nicht möglich war, Familie und Freunde in den schweren Vorkriegszeiten allein zu lassen. Nach seiner Rückkehr ging er vom kirchlichen auch in den politischen Widerstand.

Mit 36 Jahren verlobte Bonhoeffer sich mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer. Doch zu einer Heirat der beiden kam es nicht. Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer von der Gestapo verhaftet. Man brachte ihn in das Gefängnis Berlin-Tegel, danach in das berüchtigte Hauptgefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße, dann im Februar 1945 ins KZ Buchenwald und anschließend in das Lager Flossenbürg. Auf Verfügung Adolf Hitlers wurde er dort am 9. APRIL 1945 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer ist einer der meist gelesenen Theologen der Gegenwart. Sein literarischer Nachlass umfasst 17 Bände, die nach seinem Tod aus Fragmenten zusammengestellt wurden. Die Texte dieses Buches stammen größtenteils aus der Zeit seiner Haft. Es sind leidenschaftliche Aufzeichnungen – ein außergewöhnliches Zeugnis für das Spannungsverhältnis von Depression und innerer Stärke.

Dietrich Bonhoeffer im Hof des Wehrmachtsuntersuchungsgefängnisses von Tegel (Sommer 1944)

Der Herausgeber:
Christian Hennecke

© privat

Dr. Christian Hennecke, geboren 1961, ist seit 2015 Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim. Acht Jahre lang war er für die Priesterausbildung seines Bistums verantwortlich. Nach dem Studium der katholischen Theologie in Münster und Rom war er einige Jahre Kaplan und Pfarrer in Gemeinden in Norddeutschland. Hennecke ist Autor zahlreicher Bücher.

Der Künstler:
Andreas Felger

© Wolfram S. C. Heidenreich, www.gute-Botschafter.de

Andreas Felger ist Maler, Grafiker und Bildhauer. 1935 in Baden-Württemberg geboren, beginnt er 1950 eine Ausbildung als Musterzeichner, an die sich ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München anschließt. Seit 1960 widmet sich Andreas Felger vollständig der freien Kunst; bis heute wird sein Werk regelmäßig in zahlreichen Ausstellungen präsentiert. Ein Schwerpunkt seiner frühen Holzschnitte und Aquarelle liegt auf der Auseinandersetzung mit der Natur, biblischen Themen und Literatur. Seit den 1990er-Jahren bestimmen freie Formen und farbstarke Abstraktionen sein Werk in Öl und Aquarell. 2002 wird die Andreas Felger Kulturstiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst ins Leben gerufen. Andreas Felger lebt in seiner Geburtsstadt Mössingen-Belsen und arbeitet im »Atelier K« in Bad Sebastiansweiler.

CHRISTIAN HENNECKE

EINLEITUNG

Seit Jahrzehnten begleitet mich Dietrich Bonhoeffer. Sein Leben. Sein Denken. Seine tiefe Wachsamkeit für den Geist. Seine Ahnungen für die Zukunft des Christentums. Er ist mir Lehrer geworden auf eine ganz eigene Weise. Seine Theologie, seine Prophetie lassen einen Neuaufbruch des Christentums erahnen. Das hat mich angezogen.

Es ist ein Stationenweg über nur 20 Jahre, den Bonhoeffer geht. Und er beginnt mit einem furiosen Auftakt in Rom. In der Karwoche 1924 macht Bonhoeffer eine Erfahrung, die ihn bis an sein Lebensende prägen wird. Eine erstaunliche Erfahrung ist es, als er in seinem Tagebuch über diese Zeit schreibt, dass er hier zum ersten Mal angerührt und getroffen ist von der Wirklichkeit der Kirche. Nein, nicht der römischen Kirche – sondern der Kirche. Bislang war es nichts, was ihn existenziell besonders umgetrieben hätte. Es ist vielmehr so, dass der junge Dietrich Pastor in einer Kirche werden will, die eher tief in der Krise steckt. Der damals noch sehr junge Mann sagt: »Dann werde ich die Kirche erneuern«.

Kirche bleibt sein Lebensthema, bewegt ihn andauernd, fordert und prägt sein Denken, aber auch sein Handeln.

Ich bleibe erschüttert von der Tiefe, mit der Bonhoeffer hinhört. Er ist 1939 schon in New York und damit in Sicherheit, als seine innere Wachheit ihm eines klar macht: Er muss zurück, er muss teilhaben am Schicksal Deutschlands, um – nach der für ihn sicheren Kriegsniederlage – auch glaubwürdig an einem Neuaufbau mitarbeiten zu können. Das ist kein politisches Kalkül. Das ist Christusnachfolge. Denn hier wird ihm deutlich, dass das Sterben und Auferstehen eine Dynamik in Gang setzt, die heißt: ganz für die Menschen da zu sein, sich in ihre Nacht hineinzubegeben und so mit ihnen auch den Weg des Neuanfangs gehen zu können.

Und es führt Bonhoeffer immer weiter in den deutschen Widerstand, als verdeckter Spion. Lesen sich schon die 20er- und 30er-Jahre Bonhoeffers wie ein paneuropäischer Reisebericht, so ist er in Kriegszeiten ständig auf Reisen. Bis zu seiner Gefangenschaft. Der Endstation seines Lebens.

Gerade in diesen Jahren vertieft sich sein Denken. Immer mehr wird ihm selbst erfahrbar und deutlich, dass Christus eben nicht jenseits der Welt ist und auch nicht abgekapselt in einem frommen Nebenraum der heiligen Kirche – sondern mitten in ihr. Ja, ich würde sagen, Bonhoeffer ringt um eine Mystik. Denn Mystik ist nichts anderes als ein Aufdecken und Entdecken der heilenden Wirklichkeit Gottes mitten in der Welt.

Das ist es, was mich an Bonhoeffer so fasziniert – und worüber die Texte dieses Buches Auskunft geben. Und immer wieder ist auch die durchscheinende Aktualität der Gedanken Bonhoeffers deutlich zu spüren. In der Tat: Wir sind mit Bonhoeffer zu einer Umkehrung unseres Denkens herausgefordert. Dietrich Bonhoeffer spricht von einer »nicht-religiösen Interpretation« biblischer Begriffe, von einem nicht-religiösen Verständnis des Christentums, von einem nicht-religiösen Verstehen der Kirche – und meint damit doch vor allem und immer nur eines: dass wir vor einem radikalen Neuverstehen unseres Glaubens stehen, weil unsere Zeit und unsere Gesellschaftsform dies provozieren.

Das Denken in zwei Welten, das Denken in frommen und weltlichen Kategorien, die entsprechenden Verurteilungen einer gottfernen Welt – all das entspricht nicht dem Evangelium. Und das Evangelium ist hier nicht eine fromme Sammlung von Jesusworten und Jesusgeschichten, sondern die Einführung in die Wirklichkeit, dass von nun an Gott in der Welt entdeckt werden will, dass von nun an jeder Mensch sein Antlitz trägt, jede Not von ihm umarmt ist, jede Katastrophe ein Weg zum Leben sein kann.

Bonhoeffer geht es darum, »sich in den Weg Jesu Christi mithineinreißen zu lassen« (Brief am 18.7.1944). Wir erleben einen Propheten einer zukünftigen Gestalt des Christentums und der Kirche, die ganz daraus lebt, dass Christsein Hingabe für andere bedeutet. So schreibt er in dem »Entwurf einer Arbeit«, der kleinen und doch so provozierenden Summa seiner Gedanken: »Unser Verhältnis zu Gott ist kein ›religiöses‹ zu einem denkbar höchsten, mächtigen, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im »Dasein-für-andere« …

Von hier aus wollen die Impulse dieses Buches gelesen werden. Es geht darum, der Botschaft des Evangeliums einen neuen Rahmen zu geben – und damit seine Frische und Radikalität, seine Lebensnähe und tiefe Mystik neu zu entdecken.

Die Texte Bonhoeffers atmen genau diese Lebensnähe, diesen Realismus, diese Diesseitigkeit – und sie lassen darin die Tiefe der Gottesgegenwart mitten im Leben spürbar werden, eine Transzendenz nicht jenseits der Wirklichkeit, sondern in ihr.

Lebensnähe und Transzendenz zeichnen auch die Aquarelle von Andreas Felger aus, der bewusst als zeitgenössischer Künstler für diesen bemerkenswerten Dialog zwischen Poesie und Malerei ausgewählt wurde.

Lassen wir uns beschenken von den inspirierenden Texten und Bildern dieses Buches.

Hildesheim, im Frühjahr 2017

(55,5 x 75 cm), 2004, AF_AQ_04_0172

KAPITEL 1

»... umgetrieben vom Warten«

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

8,513f.

Denkimpuls – WER BIN ICH?

Wer kann mir sagen, wer ich bin? Was sagen andere und ihre Einschätzungen über mich? Und ich selbst – bin ich nicht sehr vielen Stimmungen und Impulsen ausgesetzt? Natürlich könnte ich versuchen, mich selbst zu designen. Natürlich könnte ich ein wunderbares Bild gestalten, durch Arbeit an mir selbst, Sport, Tattoos und Karriere – und wüsste doch im tiefsten Inneren, es ist bestenfalls eine Karikatur. Wer ich bin, wer ich werde, wer ich sein soll, bleibt ein Geheimnis, das sich Schritt für Schritt enthüllen kann, wenn ich mich anvertraue, der Liebe anvertraue – und mich führen lasse.

(14 x 19 cm), 2002, AF_AQ_02_0019

KAPITEL 2

»... mein Herz ausschütten«

Ich bin allein.

Da ist keiner,

dem ich mein Herz ausschütten kann.

So tue ich es vor mir selbst

und vor dem Gott,

zu dem ich schreie.

Es ist gut,

sein Herz auszuschütten

in der Einsamkeit

und den Kummer

nicht in sich hineinzufressen.

14,854

    

Einen Menschen zu haben,

der einen sowohl sachlich

wie persönlich versteht

und an dem man in beiderlei Hinsicht

einen treuen Helfer und Ratgeber hat,

das ist doch schon sehr viel.

16,125

Denkimpuls – WAS TRÄGT UNS?

Es ist grandios, einen Menschen zu treffen, mit dem man sich versteht. Bonhoeffer hatte einen solchen Freund, und sie haben sich gegenseitig getragen, in vielen Briefen, durch Krieg und Gefangenschaft hindurch: »das ist doch schon sehr viel«. Und doch bleibt Einsamkeit. Aber diese Einsamkeit kann Zweisamkeit sein. Sie will sogar Zweisamkeit sein. Ja, sie ist Zweisamkeit. Das gilt es zu entdecken, denn das ist das Geheimnis unseres Lebens, dass es einen Liebenden gibt, der uns näher ist als wir uns selbst. Und deswegen darf ich mein Herz ausschütten, und weiß, dass es nicht zerfließt. Meine Einsamkeit, mein Kummer kann hineingeschrien werden in eine Umarmung, die alles teilt. Dieser Umarmung zu vertrauen, das trägt.

(55 x 75 cm), 2001, AF_AQ_01_0020

KAPITEL 3

»… immer wieder überwinden«

Es ist der Vorzug und das Wesen der Starken,

dass sie die großen Entscheidungsfragen stellen

und zu ihnen klar Stellung nehmen können.

Die Schwachen müssen sich immer

zwischen Alternativen entscheiden,

die nicht die ihren sind.

8,551

    

Wünsche,

an die wir uns zu sehr klammern,

rauben uns leicht etwas von dem,

was wir sein sollen und können.

Wünsche,

die wir um der gegenwärtigen Aufgabe willen

immer wieder überwinden,

machen uns – umgekehrt – reicher.

8,358f.

Denkimpuls – WOFÜR LEBEN WIR?

Sich abhängig zu machen von anderen, das ist schon sehr fatal. Wir werden Gefangene. Doch vielleicht ist es noch fataler, sich absolut an eigene Wünsche zu klammern – abhängig zu werden von sich selbst. Dann schnappt die Falle zu. Ich werde zum Mittelpunkt meiner zu kleinen Welt – zum schwarzen Loch aller Energie meines Lebens. Doch nicht die fernen Möglichkeiten und Wünsche, nicht meine eigenen Zielvorstellungen, sondern die gegenwärtige Herausforderung wird mich formen. Dann verliere ich meine Selbstfixierung und stehe auf einmal ganz in der Wirklichkeit, ganz in der Welt. Und indem ich mein Leben nicht rette, sondern mich hineinziehen lasse in das Leben selbst und mich mit allem gebe, was ich bin, finde ich mich immer mehr. Genau das ist die Logik des Lebens: Nur wer sich gibt, entdeckt sich selbst. Ist das nicht genau die Stärke der Liebe, wie sie sich in Christus zeigt?

(30 x 38 cm), 2008, AF_AQ_08_0170*

KAPITEL 4

»… treu und still umgeben«

Von guten Mächten treu und still umgeben

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr;

noch will das alte unsre Herzen quälen

noch drückt uns böser Tage schwere Last,

Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen

das Heil, für das Du uns geschaffen hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken

an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

dann woll‘n wir des Vergangenen gedenken,

und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen

die Du in unsre Dunkelheit gebracht,

führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!

Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet

so lass uns hören jenen vollen Klang

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,

all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

8,607f.

Denkimpuls – WER BEHÜTET UNS?

Von guten Mächten ... Romantisch? Provozierend! Wer wie Dietrich Bonhoeffer zum Jahreswechsel 1945 im Gefängnis auf den Tod wartet – und sich keine Rettung mehr ausrechnen kann, der schreibt nicht einfach fromm vom behütenden Gott. Er gibt ein provozierendes Zeugnis der Freiheit. Was immer passiert, wo immer ich bin, was immer ich leide – du behütest mich. Das ist die Wirklichkeit, die tiefer ist als alle Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die in einer umfassenden Liebe gründet und die sich in mir eingegründet hat. Darf man das denken? Darf man das sagen für Menschen, die über das Mittelmeer fliehen müssen, für Somalier, die verhungern, für Menschen in Aleppo? Ja und nein. Für mich kann ich das sagen, in diesem besonderen Moment, in dieser Kathedrale seiner behütenden Nähe, die mich berührt, die uns berührt. Und die alle berühren will. Und deswegen, weil dieser Gott nicht nur mich meint, darf ich vorsichtig sagen: Er behütet uns – und brauche dabei kein Leid auszuschließen in diesem Jubel.

(55 x 75 cm), 2007, AF_AQ_07_0126

KAPITEL 5

»… der sein, der man ist«

Gehorsam folgt blind,

Freiheit hat offene Augen.

Gehorsam handelt ohne zu fragen,

Freiheit fragt nach dem Sinn.

Gehorsam hat gebundene Hände,

Freiheit ist schöpferisch.

Im Gehorsam befolgt der Mensch

die Gebote Gottes.

In der Freiheit schafft der Mensch

neue Gebote.

In der Verantwortung realisiert sich beides,

Gehorsam und Freiheit.

6,288

    

In meiner jetzigen Umgebung

finde ich fast nur Menschen,

die sich an ihre Wünsche klammern

und dadurch für andere Menschen nichts sind;

sie hören nicht mehr und sind unfähig zur Nächstenliebe.

Ich denke, auch hier muss man leben,

als gäbe es keine Wünsche und keine Zukunft,

und ganz der sein, der man ist.

8,359

Denkimpuls – WIE LEBEN WIR?

Gehorsam hört sich nicht gut an, klingt nach Sklaverei – und kann es auch sein. Und doch: Gehorsam hat etwas mit dem Hören zu tun, mit einer geschenkten Orientierung, aus der ich leben kann. Gehorsam heißt, auf jemanden zu hören, der mich von außen anspricht. Und wenn ich Gott verstehen darf als jemanden, der mich liebevoll führt, der mich innerlich anrührt und anspricht und dessen Worte für mich Leben in Fülle ermöglichen, dann ... ist Gehorsam der einzige Weg zur Selbstverwirklichung. Denn solche Worte lassen ein Gespräch beginnen, lassen mich mit meinem Leben antworten. Sie schränken mich nicht ein, sondern eröffnen neue Möglichkeiten. Paradox ist das: Gehorsam heißt hören und antworten – und das kräftigt eine Richtung meines Lebens, die sich von nichts abhängig macht als von einem liebevollen Dialog, der mich schöpferisch und kreativ sein lässt. Nennt man das nicht die »Freiheit der Kinder Gottes«?

(57 x 77 cm), 2012, AF_AQ_12_0130*

KAPITEL 6

»… überdrüssig der Eintönigkeit«

Glück und Unglück,

die rasch uns und überwältigend treffen,

sind sich im Anfang,

wie Hitze und Frost bei jäher Berührung,

kaum unterscheidbar nah.

Glück ist voll Schauer,

Unglück voll Süße.

Ungeschieden scheint aus dem Ewigen

eins und das andre zu kommen.

Was ist Glück? Was Unglück?

Erst die Zeit teilt beide.

Wenn das unfassbar erregende,

jähe Ereignis sich zu ermüdend quälender Dauer wandelt,

wenn die langsam schleichende Stunde des Tages

erst des Unglücks wahre Gestalt uns enthüllt,

dann wenden die Meisten,