SABINE DURRANT lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in London, wo sie als Autorin und Journalistin arbeitet. Sie schreibt unter anderem für den Guardian, den Daily Telegraph sowie die Sunday Times und hat bereits mehrere Kinderbücher und Romane veröffentlicht, die in bis zu 15 Sprachen übersetzt wurden.
Sabine Durrant
DIE HOCHSTAPLER
Roman
Aus dem Englischen
von Karin Dufner
Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Lie With Me« bei Mulholland Books, an imprint of Hodder & Stoughton, an Hachette UK company, London.
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1. Auflage 2018
Copyright © 2016 by TPC & G Ltd
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018
by Penguin Verlag,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Covergestaltung: Hafen Werbeagentur gsk
Covermotiv: © RIVA-Edition_Olaf_Tamm
Redaktion: Karin Labhart
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-641-21876-8
V003
www.penguin-verlag.de
Für Francesca
August 2015
In der Nacht fiel mir ein, dass es sogar schon früher angefangen haben könnte. Erschrocken fuhr ich hoch und ritzte mir mit dem Fingernagel das Wort »BUCHLADEN« auf den Unterarm. Inzwischen sind die Buchstaben wieder verschwunden: Meine Haut hat sich wegen eines Insektenstichs entzündet, an dem ich herumgekratzt habe. Dennoch hat das Aufschreiben seine Aufgabe erfüllt. Heute Morgen kann ich mich noch sehr gut an alles erinnern.
Hudson & Co: das Antiquariat in der Charing Cross Road. Ich hatte angenommen, dass es dort begonnen hat – dass das alles nie geschehen wäre, wäre mein Blick nicht auf das rote Haar der albernen kleinen Verkäuferin gefallen. Oder irre ich mich? Hatte sich das Schicksal bereits in den Wochen und Monaten davor in Bewegung gesetzt? Reicht die Giftspur viel weiter zurück, lange bevor dieses dämliche Mädchen verschwand, bis hin zur Universität? Oder vielleicht noch weiter bis in die Schulzeit, die Kindheit, zu dem Moment, im Jahr 1973, als ich mich mit rot angelaufenem Gesicht in diese gnadenlose Welt kämpfte?
Vermutlich will ich auf die Frage hinaus, wie viel wir zu unserer eigenen Vernichtung beitragen. Wie viel von diesem Albtraum habe ich mir selbst zuzuschreiben? Man kann vor Wut toben. Sich wehren und um sich treten. Unsinnige Dinge tun. Manchmal jedoch hat man keine andere Wahl, als die Hand zu heben und die Schuld auf sich zu nehmen.
DAVOR
Kapitel eins
Es war ein verregneter Tag, einer dieser grauen Nieselnachmittage in London, an denen Himmel, Gehwege und feuchte Hausfassaden ineinander übergehen. Es ist schon lange her, dass ich ein solches Wetter erlebt habe.
Gerade hatte ich mit Michael Steele, einem meiner ältesten Freunde, im Porter’s in der Unterführung in Charing Cross zu Mittag gegessen. Es war eine Weinbar, in der wir als Stammgäste verkehrten, seit wir im Alter von sechzehn Jahren entdeckt hatten, wie diskret sowohl die Lage als auch der Wirt des Lokals waren. Natürlich hätten wir uns inzwischen lieber in einem weniger muffigen und schummerigen Laden getroffen (zum Beispiel in diesem schicken kleinen Bistro in der St Martin’s Lane, das auf Weine von der Loire spezialisiert war). Doch die Nostalgie kann ein strenger Zuchtmeister sein. Wir hätten beide nicht im Traum daran gedacht, von dieser Gewohnheit abzuweichen.
Wenn ich mich von Michael verabschiedete, marschierte ich meistens mit einem im wahrsten Sinne des Wortes stolzgeschwellten Gefühl der Überlegenheit davon. Sein Leben war durch die Anforderungen einer Ehefrau, Zwillingen und einer Anwaltskanzlei in Bromley eingeschränkt. Er lauschte den Schilderungen meiner Missgeschicke – die alkoholgeschwängerten Abstürze in Soho, die blutjungen Freundinnen – mit Neid im Blick. »Wie alt ist sie diesmal?«, fragte er und machte sich über seine Schottischen Eier her. »Vierundzwanzig? Gütiger Himmel.« Er war kein Bücherwurm, doch eine Mischung aus treuer Freundschaft und Unwissenheit sorgte dafür, dass er mich noch immer für den größten Schriftsteller aller Zeiten hielt. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, dass ein mittelprächtiger, vor zwanzig Jahren erschiener Bestseller womöglich nicht genug war, um meinen guten Ruf bis in alle Ewigkeiten aufrechtzuerhalten. Für ihn war ich der Star des »literarischen London« (sein Ausdruck), und wenn er die Rechnung übernahm – etwas, worauf man sich immer verlassen konnte –, geschah das weniger aus Mitleid als aus Heldenverehrung. Falls es nötig war, sich gegenseitig etwas vorzumachen, um den Status quo aufrechtzuerhalten, war das ein kleiner Preis. Ich bin sicher, dass viele Freundschaften auf Lügen beruhen.
Doch als ich an jenem Tag wieder hinaus auf die Straße trat, fühlte ich mich niedergeschlagen. Die Wahrheit, die ich natürlich für mich behalten hatte, lautete nämlich, dass es in meinem Leben rapide bergab ging. Mein letzter Roman war gerade abgelehnt worden, und Polly, die besagte Vierundzwanzigjährige, hatte mich wegen irgendeines aufgeblasenen politischen Bloggers verlassen. Aber die schlimmste Nachricht hatte ich erst heute Morgen erhalten, nämlich, dass ich aus meiner mietfreien Wohnung in Bloomsbury, die ich inzwischen seit sechs Jahren als mein Zuhause betrachtete, rausfliegen würde. Kurz gesagt, ich war zweiundvierzig, pleite und in der erniedrigenden Lage, wieder bei meiner Mutter in East Sheen einziehen zu müssen.
Und wie bereits erwähnt, regnete es zu allem Überfluss.
Regenschirmen ausweichend trottete ich die William IV Street entlang in Richtung Trafalgar Square. Vor dem Postamt blockierte eine Gruppe ausländischer Studenten mit Rucksäcken und neonfarbenen Turnschuhen den Gehweg, sodass ich in den Rinnstein geschubst wurde. Einer meiner Schuhe versank in einer Pfütze; ein vorbeibrausendes Taxi bespritzte das Bein meiner Cordhose. Fluchend humpelte ich über die Straße, schlängelte mich zwischen wartenden Autos durch, bog in die St Martin’s Lane ein und nahm die Abkürzung über den Cecil Court in die Charing Cross Road. Die Welt vibrierte – Straßenverkehr, Bauarbeiten, das Scheppern von Gerüststangen und der höllische Lärm der Eisenbahn. Der Regen fiel weiter vom Himmel, aber ich hatte dank meiner Hartnäckigkeit die U-Bahn-Station bereits passiert, als eine herannahende, mit Koffertrolleys bewaffnete Horde Touristen mich erneut abdrängte und an eine Schaufensterscheibe drückte.
Ich stützte mich an dem Glas ab, bis sie sich vorbeigewälzt hatten, und zündete mir dann eine Zigarette an. Ich stand vor Hudson & Co, einem Antiquariat, das auf Fotografie und Film spezialisiert war. Hinten im Laden gab es eine kleine Belletristikabteilung, wo ich, wenn ich mich recht erinnerte, einmal ein altes Exemplar von Glück für Jim geklaut hatte. (Keine Erstausgabe, aber eine orangefarbene von Penguin aus dem Jahr 1961 mit einer Zeichnung von Nicholas Bentley auf dem Einband: hübsch.)
Ich spähte hinein. Es war ein staubiger Laden, der gewiss schon bessere Zeiten gesehen hatte – in den meisten oberen Regalen herrschte gähnende Leere.
Und dann sah ich das Mädchen.
Sie starrte aus dem Fenster und lutschte an einer Strähne ihres langen roten Haars. In ihrem Gesicht spiegelte sich eine Langeweile, die so sinnlich war, dass es mich in den Fingern juckte.
Ich knipste das brennende Ende meiner Zigarette ab, steckte den Stummel in die Jackentasche und öffnete die Tür.
Ich sehe nicht schlecht aus (damals, bevor alles geschah, sogar noch besser) und habe, wie man mir gesagt hat, die Art von Gesicht, die Frauen anspricht – blaue Augen mit Lachfältchen, markante Wangenknochen und volle Lippen. Außerdem achtete ich sehr auf mein Äußeres, aber immer mit der Absicht, es so wirken zu lassen, als sei alles Natur. Beim Rasieren bemerkte ich manchmal die Länge meiner Finger, die auf meinem ebenmäßigen Kiefer lagen, die regelmäßige Anordnung meiner Bartstoppeln und die leicht gebogene, aristokratische Nase. Meiner Ansicht nach ist ein Leben in geistigen Sphären kein Grund, den Körper zu vernachlässigen. Ich habe eine breite Brust; selbst jetzt mühe ich mich damit ab, sie straff zu halten – die Übungen, die ich im Power Pulse, dem Fitness-Studio in Bloomsbury, während des kostenlosen »Schnuppermonats« gelernt habe, erweisen sich noch immer als sehr hilfreich. Außerdem wusste ich, wie ich mein Aussehen einsetzen musste: das verlegene, schüchterne Lächeln, der vorsichtige Augenkontakt, das beiläufige, gedankenverlorene Streichen durch mein zerzaustes blondes Haar.
Das Mädchen blickte kaum auf, als ich eintrat. Sie trug ein langes, geometrisch geschnittenes Oberteil über Leggings und klobige Motorradstiefel, hatte drei winzige Piercings am Rand der einen Ohrmuschel und war stark geschminkt. Ein kleines Tattoo in der Form eines Vogels prangte seitlich an ihrem Hals.
Ich neigte den Kopf und schüttelte rasch mein Haar aus. »Mistwetter«, sagte ich in aufgesetztem Cockney-Akzent. »Das regnet ja in Strömen da draußen.«
Sie wippte ein wenig auf den Absätzen ihrer Stiefel, ließ ihr Hinterteil auf einem Metallhocker ruhen und schaute kurz in meine Richtung. Die rubinrote Haarsträhne, auf der sie herumgekaut hatte, ließ sie los.
»Gewiss, Ruskin sagt, es gibt gar kein schlechtes Wetter«, fuhr ich, ein bisschen lauter, fort. »Nur verschiedene Sorten von gutem Wetter.«
Ihre mürrische Mundhaltung bewegte sich fast unmerklich auf ein Lächeln zu.
Ich hob meinen feuchten Mantelkragen an. »Aber erzählen Sie das mal meinem Schneider!«
Das Lächeln verblasste auf halbem Wege. Schneider? Woher sollte sie ahnen, dass das mit dem Mantel, den ich für einen Spottpreis bei Oxfam in Camden Town gekauft hatte, ironisch gemeint gewesen war?
Ich trat einen Schritt näher. Auf dem Tisch vor ihr stand ein Becher von Starbucks, auf den jemand mit schwarzem Filzstift den Namen »Josie« geschrieben hatte.
»Also Josie, richtig?«, fragte ich.
»Nein«, erwiderte sie mit ausdrucksloser Miene. »Das habe ich nur dem Barista gesagt. Ich gebe denen jedes Mal einen anderen Namen an. Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas Bestimmtes?« Sie musterte mich von oben bis unten – den wasserfesten Tweed, die Cordhose, die klatschnassen Brogues und den kläglichen Mann mittleren Alters, der darin steckte. Auf der Theke vibrierte ein Mobiltelefon, doch obwohl sie nicht ranging, schaute sie immer wieder hin und stupste es mit der freien Hand an, um über den Rand des Bechers hinweg das Display lesen zu können – ich war eindeutig entlassen.
Gekränkt verdrückte ich mich in den hinteren Teil des Ladens, wo ich in die Knie ging und vorgab, in einem unteren Regal zu stöbern (zwei für fünf Pfund). Vielleicht kam sie ja frisch aus der Schule und gehörte nicht unbedingt zu meiner Zielgruppe. Trotzdem. Wie konnte sie es wagen? Mist.
In dieser Ecke stieg mir der Geruch von feuchtem Papier und Schweiß in die Nase; die Flecken und Finger anderer Leute. Außerdem war es hier beißend kalt. Als ich den Blick über die vergilbten Taschenbücher schweifen ließ, drängten sich mir Sätze aus der letzten E-Mail meines Verlegers in meine Gedanken: »Zu experimentell … Derzeit auf dem Markt nicht verkäuflich … Warum schreiben Sie nicht einmal einen Roman, in dem wirklich etwas passiert?« Ich richtete mich auf. Vergiss es. Ich würde so stolz wie möglich hier hinausspazieren und mich auf den Weg in die London Library machen oder – ein rascher Blick auf die Uhr – ins Groucho. Es war fast drei Uhr nachmittags. Vielleicht würde mir da ja jemand einen Drink ausgeben.
Ich habe mir seitdem den Kopf zerbrochen, ob das Türglöckchen gebimmelt hatte; ob diese Tür überhaupt ein Glöckchen hatte. Bei meinem Eintreffen hatte der Laden zwar menschenleer gewirkt, doch die Form des Raums ermöglichte es jedem, sich zu verstecken oder zu lauern – wie ich es selbst ja gerade tat. War er bereits im Laden gewesen? Oder nicht? Erinnere ich mich an den Geruch von West Indian Limes? Das erscheint mir wichtig, obwohl es das vielleicht gar nicht ist. Vielleicht sucht mein Gehirn nur nach einer Erklärung für etwas, das vielleicht absoluter Zufall gewesen ist.
»Paul! Paul Morris!«
Er stand auf der anderen Seite des Bücherregals, sodass nur sein Kopf zu sehen war. Ich führte eine kurze optische Inventur durch: dicht beieinander stehende Augen, ein zurückweichender Haaransatz, der sein Gesicht auf merkwürdige Weise herzförmig wirken ließ, ein fliehendes Kinn. Die breite Spalte zwischen den Vorderzähnen half meinem Gedächtnis schließlich auf die Sprünge. Anthony Hopkins, ein Mitstudent aus Cambridge. Geschichte, wenn ich mich recht erinnerte. Vor einigen Jahren hatte ich ihn im Urlaub in Griechenland getroffen. Ich hatte das unangenehme Gefühl, dass ich bei dieser letzen Begegnung nicht gut abgeschnitten hatte.
»Anthony?«, sagte ich. »Anthony Hopkins?«
Ein leicht gereizter Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Andrew.«
»Natürlich, Andrew. Andrew Hopkins. Entschuldige.« Ich tippte mir an die Stirn. »Wie nett, dich zu sehen.« Ich zermarterte mir das Hirn nach Einzelheiten. Ich hatte mit Saffron, einem Partymädchen, mit dem ich damals zusammen war, und einigen ihrer Freunde eine Rundfahrt um die Insel unternommen. Beim Anlegen hatte ich sie aus den Augen verloren. Der Alkohol war in Strömen geflossen. Hatte Andrew mir Geld geliehen? Jetzt stand er in einem Nadelstreifenanzug vor mir und hielt mir die Hand hin. Ich schüttelte sie. »Es ist … eine Weile her«, druckste ich herum.
Er lachte. »Das letzte Mal auf Pyros.« Von dem Regenmantel über seinem Arm perlten Wassertropfen. Die Verkäuferin schaute zu uns hinüber und belauschte unser Gespräch. »Wie geht es dir? Immer noch unter den Schreiberlingen? Ich habe deinen Namen im Evening Standard gesehen – Buchkritiken, richtig? Dein Roman hat uns sehr gut gefallen – meine Schwester war so begeistert, als du die Rechte an einen Verlag verkauft hast.«
»Äh, danke.« Ich verbeugte mich. Seine Schwester – natürlich. Ich hatte in Cambridge ein kleines Techtelmechtel mit ihr gehabt. »Du meinst Anmerkungen zu einem Leben.« Ich sprach so laut ich konnte, um der kleinen Zicke klarzumachen, welche Chance sie verpasst hatte. »Ja, einige Leute waren so freundlich zu sagen, sie hätten das Buch gemocht. Ich glaube, ich habe damit einen Nerv getroffen. In der New York Times hieß es …«
Er unterbrach mich. »Hast du seither etwas geschrieben?«
Das Mädchen schaltete einen Heizlüfter ein. Als sie sich vorbeugte, klaffte ihr seidenes Oberteil auseinander. Ich machte einen Schritt zur Seite, um sie besser sehen zu können, und erhaschte einen Blick auf ihre sanft gerundeten Brüste und den rosafarbenen BH.
»Dieses und jenes«, erwiderte ich. Ich hatte nicht vor, den lauwarmen Aufguss von einem zweiten Band und die enttäuschenden Verkäufe der beiden darauf folgenden Bücher zu erwähnen.
»Ja, ja, ihr Kreativen heckt ständig etwas Spannendes aus. Ganz anders als wir langweiligen Juristen.«
Das Mädchen war zu ihrem Hocker zurückgekehrt. Der Luftstrom des Heizlüfters bauschte ihr seidenes Oberteil auf und ließ es hochwehen. Unterdessen redete Andrew ohne Punkt und Komma. Er arbeite jetzt bei Linklaters, Schadensersatzklagen, und habe es zum Partner geschafft. »Noch mehr Überstunden. Rund um die Uhr auf Abruf.« Er zuckte die Achseln – Selbstzufriedenheit, getarnt als Resignation. Aber was könne man tun? Kinder in der Privatschule, bla, bla, bla, zwei Autos, eine Hypothek, die ihn »umbrachte«. »Ach ja, wirklich?«, sagte ich ein paarmal, doch er plapperte immer weiter. Er wollte mir zeigen, wie erfolgreich er war, und prahlte mit seiner Frau, während er das Gegenteil zu tun vorgab. Tina habe der Bankenwelt den Rücken gekehrt, »ausgebrannt, die Arme«, und einen kleinen Laden in Dulwich Village eröffnet. Ausgerechnet einen für spezielle Strickgarne. Liefe erstaunlich gut. »Wer hätte gedacht, dass man mit Wolle so viel Geld verdienen kann?« Er lachte kurz und selbstbewusst auf.
Ich langweilte mich und fühlte mich genervt. »Ich nicht«, erwiderte ich tapfer.
Geistesabwesend nahm er ein Buch aus dem Regal – Hitchcock von Francois Truffaut. »Bist du inzwischen verheiratet?«, fragte er und klopfte sich mit dem Buch auf die Handfläche.
Ich schüttelte den Kopf. Inzwischen? Wieder fiel mir seine Schwester ein – sie hatte auch eine Spalte zwischen den Schneidezähnen gehabt. Einen kecken Kurzhaarschnitt. Jünger als er. Wenn ich ihren Namen noch gewusst hätte, hätte ich mich nach ihr erkundigt. Lottie, oder? Lettie? Eindeutig eine Klette. Waren wir eigentlich miteinander im Bett gewesen?
Plötzlich wurde mir heiß. Ich fühlte mich beengt und wollte nichts als raus hier.
Hopkins sagte etwas, das ich nicht ganz mitbekam, obwohl ich die Wörter »Abendessen in der Küche« aufschnappte. Spielerisch klopfte er mir mit dem Hitchcock auf den Oberarm, als ob er sich in den letzten zwanzig Jahren oder vielleicht auch nur in den vergangenen zwei Minuten diese kumpelhafte Vertrautheit verdient hätte. Er hatte sein Telefon gezückt. Entsetzt wurde mir klar, dass er auf meine Telefonnummer wartete.
Ich schaute zur Tür. Draußen regnete es immer noch. Mittlerweile las die rothaarige Verführerin in einem Buch. Ich drehte den Kopf, um den Namen des Autors zu entziffern. Nabokov. Prätentiöses Geschwafel. Ich hatte das dringende Bedürfnis, ihr das Buch aus der Hand zu reißen, sie am Haar zu packen und den Daumen auf das Tattoo an ihrem Hals zu pressen, um ihr eine Lektion zu erteilen.
Ich wandte mich wieder Hopkins zu und erfüllte ihm lächelnd seinen Wunsch. Er versprach mir, mich anzurufen. Ich nahm mir fest vor, in diesem Fall einfach nicht ranzugehen.