Tony Judt
Wenn sich die Fakten ändern
Essays 1995-2010
Mit einem Vorwort von Jennifer Homans
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
FISCHER E-Books

Tony Judt, geboren 1948, studierte in Cambridge und Paris und lehrte in Cambridge, Oxford und Berkeley. Seit 1995 war er Erich-Maria-Remarque-Professor für European Studies in New York. Er starb am 6. August 2010 in New York. Er war Mitglied der Royal Historical Society, der American Academy of Arts and Sciences und der John Simon Guggenheim Memorial Foundation. Seine »Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart« gilt als Klassiker der Geschichtsschreibung. Im Fischer Taschenbuch ist u.a. lieferbar: »Das vergessene 20. Jahrhundert«.
Jennifer Homans studierte nach ihrer überaus erfolgreichen Karriere als Balletttänzerin Geschichte und lehrt heute an der New York University Modern European History. Als Kritikerin schreibt sie neben ihrer Lehrtätigkeit u.a. für die »New York Times« und den »International Herald Tribune«. Mit Judt war sie bis zu seinem Tod 17 Jahre lang verheiratet.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Das Vermächtnis eines legendären Historikers und wegweisenden Intellektuellen: Erstmals sind Tony Judts wichtigste Essays in einem Buch versammelt. Die Texte reflektieren die großen Themen, die ihn zeitlebens beschäftigten – Europa und der Kalte Krieg, Israel und der Holocaust, 9/11 und die neue Weltordnung. Zudem dokumentieren sie die Entwicklung seiner Denkweise und die bemerkenswerte Beständigkeit seines leidenschaftlichen Engagements sowie seine intellektuelle Energie. Judt brachte Geschichte und Gegenwart zusammen wie kaum ein anderer Denker seiner Zeit. Die vorliegenden Essays lassen uns die Welt, in der wir heute leben, mit neuen Augen sehen.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
»When the Facts Change. Essays 1995-2010«
bei Penguin Press, Penguin Group (USA), New York
© 2015 by The Estate of Tony Judt
© 2015 Introduction by Jennifer Homans
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403754-7
Eric Hobsbawm, The Age of Extremes. A History of the World, 1914–1991, New York 1995 (dt.: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, übers. von Yvonne Badal, München 1995).
In Bosnien wurde durchaus bemerkt, dass diese Streitmacht primär die Aufgabe hatte, andere ausländische, unter UNO-Mandat stehende Einheiten zu schützen.
Norman Davies, Europe. A History, New York 1996.
John Lewis Gaddis, We Now Know. Rethinking Cold War History, New York 1997.
Giuliano Procacci (Hg.), The Cominform. Minutes of the Three Conferences, 1947/1948/1949, Mailand 1994.
Vesna Goldsworthy, Inventing Ruritania. The Imperialism of the Imagination, New Haven, 1998.
Derek Sayer, The Coasts of Bohemia. A Czech History, Princeton 1998.
Dt. Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, aus dem Hebräischen von Alice Meroz, Berlin 2010.
Joseph S. Nye Jr., The Paradox of American Power. Why the World’s Only Superpower Can’t Go It Alone, New York 2002.
Lawrence F. Kaplan und William Kristol, The War Over Iraq. Saddam’s Tyranny and America’s Mission, San Francisco 2003.
Philippe Roger, L’Ennemi américain. Généalogie de l’antiaméricanisme français, Paris 2002.
Thierry Meyssan, 11 septembre 2001. L’Effroyable Imposture, Chatou, 2002; dt. 11. September 2001. Der inszenierte Terrorismus, Kassel 2002.
Ziauddin Sardar und Merryl Wyn Davies, Pourquoi le monde déteste-t-il l’Amérique? Paris 2002; Peter Scowen, Le livre noir des États-Unis, Paris 2003; Noël Mamère und Patrick Farbiaz, Dangereuse Amérique. Chronique d’une guerre annoncée, Paris 2003.
Emmanuel Todd, Après l’empire. Essai sur la décomposition du système américain, Paris 2002.
Jean-François Revel, L’Obsession anti-américaine. Son Fonctionnement, ses causes, ses inconséquences, Paris 2002.
David Rieff, At the Point of a Gun. Democratic Dreams and Armed Intervention, New York 2005.
Report of the Secretary-General’s High-level Panel on Threats, Challenges and Change, A More Secure World. Our Shared Responsibility, New York 2004.
Andrew J. Bacevich, The New American Militarism. How Americans Are Seduced by War, New York, 2005.
Amnesty International, Guantánamo and Beyond. The Continuing Pursuit of Unchecked Executive Power (2005).
Eric Shawn, The UN Exposed. How the United Nations Sabotages America’s Security and Fails the World, New York 2006.
Paul Kennedy, The Parliament of Man. The Past, Present, and Future of the United Nations, New York 2006.
Robert B. Reich, Supercapitalism. The Transformation of Business, Democracy, and Everyday Life, New York 2007; dt. Superkapitalismus. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt, übers. von Jürgen Neubauer, Frankfurt am Main 2008.
Auch wenn Eric Hobsbawm für viele linke Studenten in den 1960ern ein Held war, unterwarf er sich nie linken Moden. Er schrieb: »Niemand mit auch nur minimalen Erfahrungen von der Begrenztheit des realen Lebens, d.h. also kein Erwachsener, hätte sich die selbstgewissen, aber offensichtlich absurden Parolen des Pariser Mai 1968 oder des italienischen‚ heißen Herbstes von 1969 ausdenken können.« Das erinnert an Albert Soboul, den großen französischen (kommunistischen) Historiker der Sansculottes. Viele junge linke Franzosen, die ihn bewunderten, vermuteten, dass Professor Soboul sich ebenso informell und egalitär kleiden müsse wie die Leute, mit denen er sich als Historiker beschäftigte. Diesen Fehler machten sie kein zweites Mal.
Jede Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist zwangsläufig eine Geschichte der Dinge, die Europäer (und Nordamerikaner) sich selbst und anderen antaten, und der Art und Weise, wie Nichteuropäer davon betroffen waren und darauf reagierten. Aus Sicht der »Dritten« Welt ist dies das Problematische am zwanzigsten Jahrhundert, und Hobsbawm dafür zu kritisieren (wie einige Rezensenten es getan haben), dass er das verstanden hat und entsprechend darstellt, erscheint mir wenig überzeugend.
Angesichts der Vorzüge solcher unmittelbaren Quellen und der Fülle des zur Verfügung stehenden Materials mag man bedauern, dass Hobsbawm nicht stärker auf die Erinnerungen und Erfahrungen anderer Zeitgenossen zurückgegriffen hat.
Als der Bürgermeister von Bologna von einem der größten europäischen Industriekonzerne gefragt wurde, ob er sich seine Stadt als Produktionsstandort vorstellen könne, lehnte er höflich ab. Wie er Hobsbawm erklärte, sei die Region ökonomisch gut aufgestellt, sie könne auf die industriellen Probleme verzichten, mit denen sich Großstädte wie Mailand oder Turin herumschlagen müssten.
Allerdings spricht er nicht über seinen beruflichen Werdegang und den hohen Preis, den er, zumindest in den Anfangsjahren, für seine politische Gesinnung zahlen musste.
Aus den Lebenserinnerungen einstiger ungarischer und tschechischer Kommunisten und ihrer Gegner wird deutlich, dass die lokalen Kommunisten unmittelbar nach dem Ende der deutschen Besatzung entschlossen waren, ihre Kontrahenten durch Wahlfälschung, politisch-juristischen Druck sowie durch Einschaltung ihrer sowjetischen Freunde aus dem Weg zu räumen und zu diskreditieren. Dass sie sich dabei auch auf einen realen, wenngleich rasch schwindenden Rückhalt in der Bevölkerung stützen konnten, ändert nichts an ihrem Vorgehen. Vgl. etwa Eugen Loebl, My Mind on Trial, New York 1976; Béla Szász, Volunteers for the Gallows. Anatomy of a Show-Trial, New York 1971; Josephine Langer, Une Saison à Bratislava, Paris 1979; Stephen Kertesz, Between Russia and the West. Hungary and the Illusions of Peacemaking 1945–1947, South Bend, Indiana 1986. Die tschechischen Nationalsozialisten waren mit ihren deutschen Namensvettern nicht verwandt, außer dass beide ihre Ursprünge indirekt auf ethnische Spaltungen innerhalb der Arbeiterbewegung im Böhmen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zurückführen konnten.
G.D.H. Cole schrieb 1941, dass schwache souveräne Staaten in Osteuropa keine Zukunft hätten und dass es besser wäre, wenn eine siegreich aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangene Sowjetunion einfach Polen, Ungarn und den Balkan annektieren würde. G.D.H. Cole, Europe, Russia and the Future, zitiert in Serban Voinea, »Satéllisation et libération«, Revue socialiste (März 1957), S. 226.
Zu den säkularen Glaubensrichtungen sollten auch die ideologischen Mythen gehören, die die Intellektuellen unseres Jahrhunderts angetrieben haben und ohne die viele der schlimmsten Begleiterscheinungen des »Abstiegs in die Barbarei« nicht erklärt werden können. Hobsbawm hat dazu wenig zu sagen.
Diese war auch nicht überall »geplant«, wie Hobsbawm gelegentlich impliziert. Nach 1945 gab es Planung in vielerlei Form, von Nationalisierung ohne Planung (Großbritannien) über selektive Planung und eine partielle Nationalisierung (Frankreich) bis hin zu koordinierter Wirtschaftsstrategie ohne formale Planung und Nationalisierung (Westdeutschland). Hobsbawm erkennt zwar an, dass Keynes die Plausibilität einer Laissez-faire-Ökonomie in Frage stellt, aber das Verhältnis von keynesianischer Wirtschaftstheorie, sozialer Planung während des Kriegs und der Wirtschaftspraxis nach dem Krieg wird in Hobsbawms Buch nicht diskutiert.
E.J. Hobsbawm, »History and the ›Dark Satanic Mills‹«, in Labouring Men. Studies in the History of Labour, New York 1964, S. 118. Die gleiche kühle interpretative Distanz demonstriert Hobsbawm in seiner Darstellung des faschistischen Terrors. Sie kontrastiert mit seiner eindringlichen Charakterisierung unseres Jahrhunderts als eines Zeitalters von Verbrechen und Dummheit. Man vermisst bei ihm mehr unmittelbare Beschreibungen, die das Unpersönliche seiner großangelegten Analysen wettmachen könnte.
Man vergleiche demgegenüber die Gedanken des polnischen Schriftstellers Alexander Wat: »Verlust der Freiheit, Tyrannei, Missbrauch, Hunger – all das wäre leichter zu ertragen gewesen, wenn man es nicht als Freiheit, Gerechtigkeit und Gemeinwohl hätte bezeichnen müssen.« Alexander Wat, My Century. The Odyssey of a Polish Intellectual, Berkeley 1990, S. 173. (dt. Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky, Frankfurt am Main 2000).
The United States and the Origins of the Cold War 1941–1947, New York 1972; The Long Peace. Inquiries into the History of the Cold War, New York 1987; Strategies of Containment. A Critical Appraisal of Postwar American National Security Policy, New York 1982; The United States and the End of the Cold War. Implications, Reconsiderations, Provocations, New York 1992.
Vgl. hierzu die Diskussion in Norman Naimark und Leonid Gibianskii (Hg.), The Establishment of Communist Regimes in Eastern Europe 1944–1949, Boulder 1997, Einleitung S. 1–17.
Siehe Thierry Wolton, Le Grand Recrutement, Paris 1993 und ders., La France sous influence, Paris 1997. Karel Bartosek stellt in seinem kürzlich erschienenen Buch Les Aveux des Archives. Prague-Paris-Prague 1948–1968, Paris 1996 die aufsehenerregende Behauptung auf, Artur London habe noch lange nach seiner Haftentlassung und der Veröffentlichung von L’Aveu (dt. Ich gestehe), seinem vielgepriesenen autobiographischen Bericht über die Schauprozesse, für den tschechischen Staat gearbeitet. Bartosek hat in vielen bislang unzugänglichen Archiven recherchiert, die von ihm präsentierten Belege sind jedoch wenig überzeugend.
Naimark und Gibianskii, The Establishment of Communist Regimes, Einleitung, S. 9f. Vgl. etwa Hugh Seton-Watson, The East European Revolution, London 1950, Adam B. Ulam, Titoism and the Cominform, Cambridge/Mass. 1952, und Vojtech Mastny, Russia’s Road to Cold War, New York 1979.
George Kennan, »The View from Russia«, in Thomas T. Hammond (Hg.), Witnesses to the Origins of the Cold War, Seattle 1982, S. 29.
Milovan Djilas, Rise and Fall, New York 1985; Edvard Kardelj, Reminiscences. The Struggle for Recognition and Independence. The New Yugoslavia, 1944–1957, London 1982; Eugenio Reale, Nascità del Cominform, Mailand 1958.
Norman Naimark, The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation 1945–1949, Cambridge/Mass. 1995.
Vgl. Bartosek, Les Aveux des Archives, S. 372, Anh. 28. Zu Schdanows Brief an Thorez vgl. Vladislav Zubok und Constantine Pleshakov, Inside the Kremlin’s Cold War, Cambridge/Mass. 1996, S. 129.
Nachdem Jacques Duclos, Chef der französischen Delegation, sich in Sklarska Poręba genötigt gesehen hatte, zu Kreuze zu kriechen und sich dafür zu entschuldigen, dass die französischen Kommunisten nicht von dem heroischen Vorbild Jugoslawien gelernt hatten, nahm er im darauffolgenden Jahr in Bukarest Rache: »Es ist offensichtlich, dass die Führer der jugoslawischen Kommunistischen Partei das leninistische Prinzip von Kritik und Selbstkritik missachten.« Es sei ganz normal, dass das Informationsbüro die Verhältnisse in der jugoslawischen Bruderpartei untersuchen werde. »Die Führer dieser Partei hätten dem als Erste zustimmen müssen, zumal sie auf der vorangegangenen Konferenz des Informationsbüros auf ihrem Recht bestanden, andere zu kritisieren.« Woraufhin das Protokoll den Zwischenruf Schdanows »Und zwar exzessiv« vermerkt – ein schönes Beispiel stalinistischer Verzerrung (vgl. The Comintern. Minutes of the Three Conferences, S. 557).
Vyacheslav Molotov, Molotov Remembers. Inside Kremlin Politics. Conversations with Felix Chuev, hg. von Albert Resis, Lanham 1993, S. 29, zitiert bei Gaddis, We Now Know, S. 31.
Naimark, The Russians in Germany, S. 467. Siehe auch Jan T. Gross, Revolution from Abroad. The Soviet Conquest of Poland’s Western Ukraine and Western Belorussia, Princeton 1988.
Bruce Cumings, The Origins of the Korean War. The Roaring of the Cataract, 1947–1950, Princeton 1990, S. 621, zitiert bei Gaddis, We Now Know, S. 71. Cumings zieht bemerkenswerterweise ungewöhnlich viele ausländische Primärquellen heran. Die meisten revisionistischen Historiker waren Experten für amerikanische Außenpolitik, die nur selten mit nichtamerikanischen Quellen arbeiteten und meist die (realen und akademischen) Vorurteile der amerikanischen Politik auf die übrige Welt projizierten.
Dean Acheson, Present at the Creation. My Years in the State Department, New York 1969, S. 646. Acheson schildert, wie sowjetischer Druck auf Adenauer entscheidend dazu beitrug, dass sich die Bundesrepublik 1952 auf die Seite der Amerikaner stellte.
George F. Kennan and the Origins of Containment, 1944–1946, Columbia, Vorwort von John Lukacs, S. 7.
Als Charles de Gaulle im Dezember 1944 in Moskau mit Stalin über ein Bündnis verhandelte, das Frankreich vor einem Wiedererstarken Deutschlands schützen würde, soll er bemerkt haben, dass Ideologie keineswegs den französischen Interessen entgegenstehe. »Ich spreche mit Stalin genau so, wie Franz I. mit Suleiman gesprochen hat – mit dem Unterschied, dass es im sechzehnten Jahrhundert keine muslimische Partei in Frankreich gab.« Vgl. Wolton, La France sous influence, S. 57.
Stalins Abkehr von der Politik der »friedlichen Koexistenz«, wie er sie 1927 schon einmal verkündet hatte, war also nicht so sehr Auftakt zu außenpolitischen Abenteuern, sondern eher ein Signal kommender Unterdrückung in seinem eigenen Herrschaftsbereich. Und genau dies trat dann auch ein.
Paris 1958. Vgl. auch seine Schrift La Tragédie algérienne, Paris 1957.
Ein reales Hindernis ist die Tatsache, dass Ariel Scharon erklärtermaßen jedes Friedensabkommen ablehnt, das außerhalb Israels auch nur halbwegs akzeptabel wäre. Er ist kein überzeugender Verhandlungspartner. Einen solchen müssen die Israelis noch finden.
Amerikanische Kommentatoren und Regierungsvertreter bestreiten natürlich jeden Zusammenhang zwischen Antiamerikanismus und Nahostkonflikt. Für den Rest der Welt ist dieser Zusammenhang jedoch überdeutlich.
Zitiert aus Burgs Artikel »La révolution sioniste est morte«, der am 11. September 2003 in Le Monde erschien. Burg war Direktor der Jewish Agency, Sprecher der Knesset von 1999 bis 2003 und ist gegenwärtig Abgeordneter der Arbeiterpartei. Sein Gastbeitrag, ursprünglich in der israelischen Tageszeitung Yediot Aharonot erschienen, wurde von vielen anderen Medien übernommen, so etwa vom Forward (29. August 2003) und vom Guardian (15. September 2003).
Vgl. das Interview mit dem stellvertretenden US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz in Vanity Fair (Juli 2003).
1979, nach dem Friedensvertrag mit Anwar al-Sadat, wurde die Armee von Ministerpräsident Begin und Verteidigungsminister Scharon beauftragt, die jüdischen Siedlungen auf der Sinai-Halbinsel zu schließen. Die Soldaten gingen gewaltsam gegen den wütenden Widerstand der Siedler vor, doch es gab keine Toten. Aber damals stand die Armee dreitausend Extremisten gegenüber und nicht einer Viertelmillion, und das in Frage stehende Land war die Sinai-Wüste, nicht das »biblische Samaria und Judäa«.
Albaner in Italien, Araber und Schwarzafrikaner in Frankreich, Asiaten in England stoßen nach wie vor auf Feindseligkeit. Eine Minderheit von Franzosen, Belgiern und sogar von Dänen und Norwegern unterstützt Parteien, deren politisches Programm sich oft auf die Ablehnung von Einwanderung beschränkt. Aber verglichen mit den Verhältnissen von vor dreißig Jahren ist Europa ein multiethnisches Gebilde gleichberechtiger Bürger, und das ist fraglos seine Zukunft.
Wie Burg anmerkt, ist die gegenwärtige israelische Politik die beste Rekrutierungshilfe der Terroristen. »Wir sind gleichgültig gegenüber dem Schicksal hungriger und gedemütigter palästinensischer Kinder. Warum sind wir dann so überrascht, wenn sie sich in unseren Restaurants in die Luft sprengen? Selbst wenn wir täglich tausend Terroristen töteten, es würde daran nichts ändern.« Vgl. Burg, »La révolution sioniste est morte«.
»Nightmare and Flight«, Partisan Review, Bd. 12, Nr. 2 (1945), abgedruckt in Essays in Understanding, 1930–1954, hg. von Jerome Kohn, New York 1994, S. 133ff.
Einen besonders üblen Fall untersucht Jan Gross in seiner Studie Neighbors. The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland, Princeton 2001; dt.: Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne, aus dem Englischen von Friedrich Griese, München 2001.
Zu einer ausführlichen Diskussion dieses Wandels vgl. den Epilog (»Erinnerungen aus dem Totenhaus«) in meiner Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München 2005.
Diese Abneigung, sich mit dem Dilemma des Bösen auseinanderzusetzen, wird von katholischen Denkern nicht geteilt. Vgl. etwa Leszek Kołakowskis Aufsätze »The Devil in History« und »Leibniz and Job. The Metaphysics of Evil and the Experience of Evil«, die, neben anderen Aufsätzen von ihm, unter dem Titel My Correct Views on Everything (South Bend, 2005) neu aufgelegt und in der New York Review vom 21. September 2006 besprochen wurden. In der metaphysischen Konfrontation, von Thomas Mann unvergesslich dargestellt, haben wir Heutigen uns aber typischerweise für Settembrini und gegen Naphta entschieden.
Essays in Understanding, S. 271f.
Vgl. Idith Zertal, Israel’s Holocaust and the Politics of Nationhood, übersetzt von Chaya Galai, New York 2005 (dt. Nation und Tod. Der Holocaust in der israelischen Öffentlichkeit, aus dem Hebräischen von Markus Lemke, Göttingen 2003), besonders Kap. 1, »The Sacrificed and the Sanctified«.
Haaretz, 2. Juli 2009.
Wie um den moralischen Autismus Israels zu illustrieren, billigte die Knesset im Mai 2009 einen Gesetzentwurf, wonach jedes öffentliche Gedenken an die Nakba, die palästinensische Katastrophe von 1948, in Israel künftig verboten ist.
Julien Green, Tagebuchnotiz vom 20. Februar 1948, zitiert in Olivier Todd, Albert Camus. Une Vie, Paris 1996, S. 419f.
Jean Paulhan, Lektor bei Gallimard, bemerkte nach einem Treffen mit Camus im Januar 1943 in Paris, wie sehr dieser darunter litt, nicht nach Algier zurückkehren zu können, »zu seiner Frau und in sein Klima«. Jean Paulhan an Raymond Guérin, 6. Januar 1943, in Paulhan, Choix de lettres, 1937–1945, Paris 1992, S. 298.
»Ich bin kein Philosoph und habe auch nie behauptet, einer zu sein.« In »Entretien sur la révolte«, Gazette des lettres, 15. Februar 1952.
In seinem posthum erschienenen autobiographischen Roman Der erste Mensch beschreibt Camus, wie sein Vater, nachdem er Zeuge einer Hinrichtung geworden war, nach Hause kam und sich übergeben musste.
Es sollte hier vielleicht angemerkt werden, dass die protestantischen Bewohner des Bergdorfs Le Chambon-sur-Lignon, wo sich Camus 1942–43 als Rekonvaleszent aufhielt, viele Juden retteten, die in abgelegenen, schwer zugänglichen Höfen und Weilern Zuflucht gesucht hatten. Dieser ungewöhnliche, damals seltene Akt kollektiven Muts ist ein historischer Kontrapunkt zu Camus’ Narrativ von moralischen Entscheidungen – und eine Bestätigung seines Glaubens an den menschlichen Anstand. Vgl. Philip P. Hallie, Lest Innocent Blood Be Shed. The Story of the Village of Le Chambon and How Goodness Happened, New York 1979.
Vgl. Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1986. Siehe auch Christopher Brownings Studie über den Massenmord an der Ostfront während des Zweiten Weltkriegs: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen, Reinbek 1993.
In einer frühen Besprechung von Jean-Paul Sartres La Nausée, lange vor ihrer Bekanntschaft verfasst, schrieb Camus: »Der Fehler bestimmter Autoren besteht in der Annahme, dass das Leben elend und daher tragisch ist … Die Absurdität des Daseins zu verkünden kann nicht das Ziel sein, sondern nur ein Ausgangspunkt.« Vgl. Alger républicain, 20. Oktober 1938.
Hannah Arendt, »Nightmare and Flight«, Partisan Review, Bd. 12, Nr. 2 (1945), abgedruckt in Jerome Kohn (Hg.), Essays in Understanding, New York 1994, S. 133.
Der Anschlag vom 11. September 2001 führte zu einer wahren Flut von Büchern über den Antiamerikanismus und die Folgen. Vgl. etwa Strobe Talbott und Nayan Chanda (Hg.), The Age of Terror. America and the World after September 11, New York 2001; James F. Hoge Jr. und Gideon Rose (Hg.), How Did This Happen? Terrorism and the New War, New York 2001; Ian Jack (Hg.), Granta. What We Think of America, New York 2002.
Charles Krauthammer, »The New Unilateralism«, Washington Post, 8. Juni 2001.
In seiner Rede kam Bush nur ein einziges Mal auf Europa zu sprechen, die Nato und die EU überging er mit Schweigen.
Charles Krauthammer, »The Axis of Petulance«, Washington Post, 1. März 2002. Variationen zu diesem Thema finden sich in den publizistischen Arbeiten von William Kristol und Robert Kagan, den Haus- und Hofintellektuellen der US-Regierung. Vgl. etwa Robert Kagan und William Kristol, »The Bush Era«, The Weekly Standard, 11. Februar 2002.
The Economist, 1.–7. Juni 2002, S. 27.
Zur Entscheidung der Regierung Bush, Atomwaffen neuen Typs zu entwickeln, die tatsächlich zum Einsatz kommen sollen, vgl. Steven Weinberg, »The Growing Nuclear Danger«, New York Review of Books, 18. Juli 2002.
Bound to Lead. The Changing Nature of American Power, New York 1990.
Eine glänzende Darstellung des Realismus in der Geschichte der internationalen Beziehungen liefert Jonathan Haslam in seinem neuen Buch, No Virtue Like Necessity. Realist Thought in International Relations since Machiavelli, New Haven 2002.
Gary Hart und Warren Rudman, New World Coming. American Security in the Twenty-First Century. Phase I Report (U.S. Commission on National Security/21st Century, 1999), S. 4, zitiert in Joseph S. Nye, The Paradox of American Power. Why the World’s Only Superpower Can’t Go It Alone, New York 2003, S. X.
Das Haupthindernis im internationalen Kampf gegen Geldwäsche und Steuerflucht, die Hauptstützen des Terrorismus, war vor dem 11. September 2001 vor allem das US-Finanzministerium.
Joseph Nye, »Lessons in Imperialism«, Financial Times, 17. Juni 2002.
In der letzten Zeit hat sich Amerika mehr als einmal in fragwürdiger Gesellschaft befunden. Als Amerika im vergangenen November sein Veto gegen ein Zusatzprotokoll der Biowaffenkonvention einlegte und damit dreißigjährige Bemühungen mit dem Ziel einer wirksamen Umsetzung des Verbots dieser tödlichen Waffen zunichtemachte, stellte sich nur eine Handvoll der 145 Signatarstaaten auf die Seite der Amerikaner, darunter China, Russland, Indien, Pakistan, Kuba und Iran. Als vereinte Kraft, die sich international für das Gute einsetzt, gibt es »den Westen« nicht. Allzu oft stellt sich Amerika gegen die Westeuropäer, Kanadier, Australier und viele lateinamerikanische Staaten, während der amerikanische »Unilateralismus« (aus jeweils eigenen Gründen) den Beifall einer unschönen Ansammlung von Diktatoren und regionalen Unruhestiftern findet.
Das jüngste von vielen Büchern über das kollektive Schicksal Europas ist David P. Calleo, Rethinking Europe’s Future, Princeton 2001, eine fundierte und sorgfältige Darstellung der Europäischen Union, ihrer Geschichte und Chancen.
Vgl. Financial Times, 15. Februar 2002.
Vgl. Robert Kagan, »Power and Weakness«, Policy Review, Nr. 113, Juni/Juli 2002. Dem »Kant’schen« Paradies der selbstzufriedenen Europäer werden hier die gigantischen Aufgaben gegenübergestellt, die Amerika in der realen Welt der internationalen Anarchie zu bewältigen hat.
Vgl. Financial Times, 20. Februar 2002.
Zu einer äußerst gnadenlosen Darstellung der Unzulänglichkeiten des amerikanischen Modells vgl. Will Hutton, The World We’re In, New York 2002, dem ich die hier zitierten Zahlen entnommen habe. Huttons Kritik wäre noch überzeugender, wenn er die europäische Alternative nicht ganz so rosig gezeichnet hätte.
Michael J. Mazarr, »Saved from Ourselves?«, in Alexander T.J. Lennon (Hg.), What Does the World Want from America?, MIT Press 2002, S. 167, ursprünglich erschienen in The Washington Quarterly, Bd. 25, Nr. 2 (Frühjahr 2002).
Vgl. William Wallace, »US Unilateralism. A European Perspective«, in Stewart Patrick und Shepard Forman (Hg.), Multilateralism and US Foreign Policy. Ambivalent Engagement, Boulder 2002, S. 141–166.
Vgl. etwa Dean Acheson, Present at the Creation. My Years in the State Department, New York 1969.
In den 1990ern blockierten die Briten im Sicherheitsrat beharrlich jedes militärische Vorgehen gegen Milošević, während die französischen Generäle vor Ort mit Rückendeckung ihrer Regierung Befehle schlicht ignorierten.
Anne Applebaum, »Here Comes the New Europe«, Washington Post, 29. Januar 2003. Vgl. auch Amity Schlaes, »Rumsfeld Is Right About Fearful Europe«, Financial Times, 28. Januar 2003. Schlaes wirft den undankbaren Deutschen einen Mangel an »Vision« vor. Was die Amerikaner 1990 für Deutschland getan hätten, würden sie nun auch in Bagdad für den Irak tun.
Vgl. The Economist, 4. Januar 2003.
Zur Einstellung von Tschechen und Polen zu einem Irakkrieg siehe The Economist, 1. Februar 2003. Zur spanischen Kritik an Aznar siehe El País vom 3. Februar 2003. Spanische Kommentatoren weisen besonders nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Politik hin, und Aznar wird allgemein vorgeworfen, den offenen Brief im WSJ unterschrieben zu haben. Sogar viele seiner eigenen Anhänger können nicht verstehen, dass er ständig wiederholt, er werde sich »immer gegen Saddam Hussein und für Bush entscheiden«. Aber schließlich hat der Mann ehrgeizige Zukunftspläne: Er träumt von einem wichtigen internationalen Posten, und dafür braucht er die Unterstützung von Amerikanern und Briten.
Einen Überblick über die transatlantischen Haltungen gibt eine Meinungsumfrage des Chicago Council on Foreign Relations und des German Marshall Fund of the United States auf www.worldviews.org. Zu Verteidigungsausgaben von Nato-Staaten vgl. La Repubblica, 11. Februar 2003, und die New York Times vom 24. Januar 2003. Die Ansicht des mitteleuropäischen Diplomaten wurde in einem privaten Briefwechsel geäußert. Wie viele andere Politiker im ehemals kommunistischen Europa wollte der Mann seine Kritik an Amerika nicht öffentlich vertreten – teils aus echter Dankbarkeit gegenüber Amerika, teils aus Sorge um die Folgen für sein Land.
Vgl. Christopher Caldwell, »Liberté, Egalité, Judéophobie«, The Weekly Standard, 6. Mai 2002. Einige amerikanische Kommentatoren verweisen auf jüngst in Frankreich erschienene Bücher, die angeblich belegen, dass die 500000 französischen Juden einen zweiten Holocaust vonseiten »antirassistischer« Antisemiten zu gewärtigen haben. Ein besonders hysterisches Pamphlet ist Pierre-André Taguieff, La Nouvelle Judéophobie, Paris, 2002, in dem der Autor (der in den letzten dreizehn Jahren sechzehn weitere Bücher zu diesem Thema geschrieben hat) von einem »weltweiten Judenhass« schreibt. Taguieffs Panikmache war Thema eines lobenden Beitrags von Martin Peretz in The New Republic, 3. Februar 2003. Ähnlich gestrickt sind Gilles William Goldnadel, Le Nouveau Bréviaire de la haine. Antisémitisme et antisionisme, Paris 2001, und Raphaël Draï, Sous le signe de Sion. L’antisémitisme nouveau est arrivé, Paris 2001. Draïs erstes Kapitel trägt die Überschrift »Israël en danger de paix? D’Oslo à Camp David II«.
Vgl. »Global Anti-Semitism« und »ADL Audit. Anti-Semitic Incidents Rise Slightly in US in 2000« auf www.adl.org.
Vgl. »L’image des juifs en France« auf www.sofres.com; »Les jeunes et l’image des juifs en France« auf www.sofres.com; »Anti-Semitism and Prejudice in America. Highlights from an ADL Survey, November 1998« auf www.adl.org.
»C’est un fait, ces actes [anti-sémites] sont commis, pour l’essentiel, par des musulmans«, in Denis Jeambar, »Silence coupable«, L’Express, 6. Dezember 2001.
Eine aufschlussreiche graphische Darstellung der Einstellungen von deutschen Linksextremen und Rechtsextremen findet sich in der Wochenzeitung Die Zeit, 9. Januar 2003, S. 5.
Adar Primor, »Le Pen Ultimate«, Haaretz.com, 18. April 2002.
Vgl. Craig Kennedy und Marshall M. Bouton, »The Real Transatlantic Gap«, Foreign Policy, November–Dezember 2002, auf der Grundlage einer Umfrage des Chicago Council on Foreign Relations und des German Marshall Fund. Detaillierte Angaben hierzu siehe »Differences over the Arab-Israeli Conflict«, www.worldviews.org.
Während der Kuba-Krise machte de Gaulle gegenüber JFK unmissverständlich klar, dass Frankreich in jedem Fall an der Seite Amerikas stehe.
Vgl. Thomas L. Friedman, »Vote France Off the Island«, New York Times, 9. Februar 2003; Steve Dunleavy, »How Dare the French Forget«, New York Post, 10. Februar 2003. Vielleicht haben die Franzosen ja tatsächlich vergessen, dass Amerika ihren »schmutzigen« Krieg in Vietnam von 1947 bis 1954 finanziert hat. Da amerikanische Kommentatoren aber nicht gern daran erinnern, erscheint das auch nicht auf der »Frankreich schuldet uns«-Anklageschrift.
Im Juli 2002 wies der Präsident des American Jewish Congress Jack Rosen den »Vorwurf« des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac zurück, der AJC arbeite mit der politischen Führung in Jerusalem zusammen, und erklärte, die Einstellung der Franzosen erinnere an »alte antisemitische Klischees von der jüdischen Weltverschwörung«. Vgl. www.ajcongress.org.
Demnächst werde ich einige Neuerscheinungen zum Thema europäischer Antiamerikanismus besprechen.
Und entspricht einer in Amerika verbreiteten Annahme, dass der Rest der Weltbevölkerung im Grunde nichts sehnlicher wünscht, als Amerikaner zu werden und in Amerika zu leben. Das ist besonders unzutreffend im Fall der Europäer, die sehr wohl zwischen der amerikanischen und ihrer eigenen Gesellschaft unterscheiden können. Die meisten Leute in der nichtwestlichen Welt hätten tatsächlich gern die Unabhängigkeit und den Wohlstand, den die Amerikaner genießen, aber das ist eine ganz andere Sache, die für die amerikanische Außenpolitik auch ganz andere Verpflichtungen bedeutet.
Dass Kristol auf die Frage, was er von Rumsfelds bemerkenswertem Auftritt auf der jüngsten Münchner Sicherheitskonferenz halte, seine uneingeschränkte Bewunderung für den US-Verteidigungsminister zum Ausdruck brachte (Fox Television News, 12. Februar 2003), dürfte niemanden überraschen.
Emmanuel Berl, Mort de la pensée bourgeoise, Paris 1929, Reprint 1970, S. 76f.; André Siegfried, Les États-Unis d’aujord’hui, Paris 1930, zitiert in Michel Winock, Nationalisme, antisémitisme et fascisme en France, Paris 1982, S. 56. Siehe auch Georges Duhamel, Scènes de la Vie future, Paris 1930; Robert Aron und Arnaud Dandieu, Le Cancer américain, Paris 1931, und Tony Judt, Past Imperfect. French Intellectuals 1944–1956, Berkeley 1992, Kapitel 10: »America Has Gone Mad. Anti-Americanism in Historical Perspective«, S. 187–204.
Zu Simone de Beauvoir siehe ihr Buch L’Amérique au jour le jour, Paris 1948, S. 99f.; Sartres Kommentar bezog sich auf den Rosenberg-Prozess und die Hinrichtung der beiden Angeklagten. Vaillants Gedanken zum Kühlschrank aus seinem Artikel »Le Ménage n’est pas un art de salon« (La Tribune des nations, 14. März 1952) diskutiert Philippe Roger in L’Ennemi américain, S. 483f. Vgl. auch den Leitartikel »Mourir pour le Coca-Cola«, Le Monde, 29. März 1950.
Zum Preis der Amerikanisierung aus deutscher Sicht vgl. Rainer Werner Fassbinders Die Ehe der Maria Braun (1979) oder Edgar Reitz’ Heimat. Eine deutsche Chronik (1984), in denen gezeigt wird, dass die Werte der kleinen Leute durch amerikanischen Einfluss viel stärker untergraben werden als in der NS-Zeit. Und kein Geringerer als Václav Havel wies 1984 seine Freunde darauf hin, dass Rationalismus, Wissenschaftlichkeit, Technikbegeisterung und Fortschrittsdenken die »ambivalenten Produkte« des Westens seien, die pervertierten Früchte des Traums von der Moderne. Vgl. Václav Havel, »Svedomí a politika«, Svedectví, Bd. 18, Nr. 72 (1984), S. 621–635. (Zitat auf S. 627).
Vgl. Philippe Mathy, Extrême Occident. French Intellectuals and America, Chicago 1993, sowie Denis Lacorne, Jacques Rupnik und Marie-France Toinet (Hg.), L’Amérique dans les têtes. Un siècle de fascinations et d’aversions, Paris 1986.
»Loin de créditer leurs dépositions, la qualité de ces témoins ne fait que souligner l’importance des moyens déployés par l’armée des États-Unis pour travestir la vérité.« L’Effroyable Imposture, S. 23.
Vgl. auch Clyde V. Prestowitz, Rogue Nation. American Unilateralism and the Failure of Good Intentions, New York 2003.
Laut Mark Hertsgaard (in The Eagle’s Shadow. Why America Fascinates and Infuriates the World, New York 2002) erkennen die Amerikaner nicht an, dass ihre Verfassung auf die Irokesen-Liga zurückgeht, der wir die Vorstellung von Staatsrecht und Gewaltenteilung verdanken. So viel zu Locke, Montesquieu, dem englischen Common Law und der Aufklärung.
Hubert Beuve-Méry, der spätere Gründer und Herausgeber von Le Monde, schrieb etwa im Mai 1944, dass »die Amerikaner eine reale Bedrohung für Frankreich darstellen […]. Sie können uns daran hindern, die notwendige Revolution durchzuführen, und ihr Materialismus besitzt nicht einmal die tragische Grandiosität des Materialismus der Totalitären.« Zitiert von Jean-François Revel in L’Obsession anti-américaine, S. 98.
Charles A. Kupchan, The End of the American Era. US Foreign Policy and the Geopolitics of the Twenty-first Century, New York 2002. Vgl. hierzu meine Besprechung in der New York Review of Books, 10. April 2003.
Emmanuel Todd, La Troisième Planète. Structures familiales et systèmes idéologiques, Paris 1983. »Der Erfolg des Kommunismus erklärt sich vor allem aus den egalitären und autoritären Familienstrukturen, die dazu beitragen, dass die kommunistische Ideologie als natürlich und gut empfunden wird.« Vgl. Après l’empire, S. 178.
Vgl. hierzu auch Philippe Manière, La Vengeance du peuple. Les Élites, Le Pen et les français, Paris 2002.
Vgl. www.pollingreport.com/religion.htm.
»A Tale of Two Legacies«, The Economist, 21. Dezember 2002; Financial Times, 25./26. Januar 2003.
In Frankreich ist inzwischen jeder zwölfte Einwohner ein Muslim – in Russland fast jeder sechste.
Tony Judt, »The Wrong War at the Wrong Time«, New York Times, 20. Oktober 2002.
Zu einem Resümee der amerikanischen Intervention im Irak vgl. etwa Zvi Barel, »Why Isn’t Iraq Getting on Its Feet?«, Haaretz, 3. Juni 2005. Abschließend heißt es: »Das ganze Ausmaß der institutionalisierten Korruption unter den Amerikanern und nun unter der neuen irakischen Regierung werden wir vielleicht nie erfahren. Ermittler werden nicht losziehen und die Daten vor Ort überprüfen, weil sie damit ihr Leben riskieren würden, und die Minister in der neuen irakischen Regierung haben treu ergebene Leute ernannt.«
Das ist auch die Kernaussage von The Dark Sides of Virtue, Princeton 2004 von David Kennedy, einem Völkerrechtler in Harvard. Kennedy wirft den internationalen humanitären Helfern – Anwälten, Ärzten, Hilfsorganisationen, Wahlbeobachtern usw. – vor, ihre eigenen Strukturen und Verfahren nicht mehr zu hinterfragen. Sie neigten dazu, ihre eigene Arbeit zu idealisieren, mit dem Ergebnis, dass sie die häufig negativen Resultate ihres Engagements herunterspielen (Diktatoren und andere haben freie Hand, ihre eigene Agenda durchsetzen) und alternative, radikalere Lösungen, die außerhalb ihres Mandats liegen, ignoriert werden.
Kenneth Cain, »How Many More Must Die Before Kofi Quits?«, The Observer, 3. April 2005. Dass die Vereinten Nationen vor dem Bösen in Ruanda kapituliert haben, steht außer Zweifel – siehe Roméo Dallaire, Shake Hands with the Devil. The Failure of Humanity in Rwanda, New York 2004, und die Besprechung von Guy Lawson in der New York Review of Books, 26. Mai 2005. Kofi Annan und seine Kollegen in der UNO sind aber keineswegs die Einzigen, denen man einen Vorwurf machen kann – in Brüssel, Paris und Washington gibt es genug Leute, die ebenfalls involviert waren.
Charles Krauthammer, »The Unipolar Moment«, Foreign Affairs, Bd. 70, S. 25, zitiert in Andrew Bacevich, The New American Militarism, S. 84.
Diese Resolution war für die Amerikaner nur zu bekommen, wenn sie die Empfehlungen der Waffeninspektoren und eine Fortsetzung der Inspektionen akzeptiert hätten, was die Regierung Bush entschieden ablehnte.
Vgl. etwa Kennedy, The Dark Sides of Virtue, S. 258.
Die Kommission nennt sechs Arten von Bedrohungen für die Staatengemeinschaft, von denen »Terrorismus« nur eine ist. Die anderen sind wirtschaftliche und soziale Gefahren (etwa Armut und Umweltkatastrophen), zwischenstaatliche Konflikte, innerstaatliche Konflikte (einschließlich Genozid und andere Verbrechen), Verbreitung, Verlust und Einsatz von atomaren, biologischen und chemischen Waffen sowie das internationale organisierte Verbrechen.
Public Papers of the Presidents of the United States. Harry S. Truman, 1945, Washington 1961, S. 141.
Wir sind, schreibt Bacevich, praktisch aus dem gleichen Grund im Nahen Osten, weshalb Winston Churchill vor hundert Jahren eine britische Präsenz dort verlangte, als die britische Flotte von Kohle- auf Ölfeuerung umgestellt wurde – »Vorherrschaft«. Winston S. Churchill, The World Crisis (1923), S. 136, zitiert von Bacevich, The New American Militarism, S. 191.
Vielleicht deshalb ist Bacevich unfair gegenüber General Wesley Clark, dem er das militärische Vorgehen im Kosovo vorwirft, auf das jener nur sehr bedingt Einfluss hatte. Zu einer anderen Sichtweise siehe David Halberstam, War in a Time of Peace. Bush, Clinton and the Generals, New York 2001.
»Ein allzu starkes Militär«, erklärte George Washington in seiner Abschiedsrede, »ist der Freiheit abträglich […] und sollte als besondere Gefahr für eine freie republikanische Gesellschaft betrachtet werden.«
Vgl. Guantánamo and Beyond. The Continuing Pursuit of Unchecked Executive Power, S. 90.
Der Bericht von Amnesty International dokumentiert zahlreiche Fälle, in denen (seit dem Jahr 2000 ernannte) Richter die Behandlung von Personen, die im Zusammenhang mit dem »Krieg gegen den Terror« gefangen gehalten werden, regelmäßig gutheißen.
In ihrer Rede vor dem AIPAC am 24. Mai 2005 verurteilte Clinton Syrien, Iran, Hamas, Hisbollah und die palästinensischen »Terrorstrukturen« und bekannte sich vorbehaltlos zum Thema der AIPAC-Jahreskonferenz – »Israel. Ein amerikanischer Wert.«
Diskussion im Real Instituto Elcano, Madrid, 14. Oktober 2004.
Vgl. ganz allgemein Michael W. Doyle und Nicholas Sambanis, Making War and Building Peace. United Nations Peace Operations, Princeton 2006.
Bei der Gründung im Jahr 1945 waren es 50 Nationen, heute sind es 191.
Was es bedeutet, wenn der moderne Staat seine Kernfunktionen einbüßt, diskutiert Arjun Appadurai in Fear of Small Numbers. An Essay on the Geography of Anger, Durham 2006.
www.ericshawnnewsman.com.
Andere Klappentextzitate stammen von Ann Coulter, Jesse Helms und Christopher Hitchens (»Die UNO gleicht inzwischen einer dieser Bananenrepubliken, die so viele Sitzungen und Kommissionen dominieren«).
Kennedy ist insgesamt sehr großzügig und nachsichtig gegenüber Boutros-Ghali, der die Krise in Bosnien bekanntlich nicht ernst nahm und dessen Repräsentant vor Ort, Asushi Akashi, seiner Aufgabe überhaupt nicht gewachsen war.
Zu Annan (und als Ergänzung zu dem hier besprochenen Buch von James Traub) siehe die neue Biographie von Stanley Meisler, Kofi Annan. A Man of Peace in a World of War, Hoboken 2007. Am 12. Dezember 2006 drängte Kofi Annan in einer Rede vor dem Sicherheitsrat auf eine rasche Lösung des Nahost-Konflikts. Angesichts seiner nüchternen und überzeugenden Argumentation sind die Standardreaktionen (und das Schweigen) der führenden Staatsmänner der Welt umso beschämender. Seine Rede wird auszugsweise auf Seite 48 der New York Review of Books vom 15. Februar 2007 abgedruckt.
Nur zwei UNO-Mitgliedsstaaten haben diese Konvention bislang nicht ratifiziert – Somalia und die Vereinigten Staaten.
Das Versagen des Kontingents der Afrikanischen Union in Darfur ist ein gutes Beispiel – auch wenn es in diesem Fall die sudanesische Regierung war, die auf einem nichtwestlichen Truppenkontingent bestand, wohl wissend, dass diese Soldaten die Massaker nicht verhindern würden.
Zwischen 1945 und 1988 initiierte die UNO nur dreizehn Friedensmissionen. Zwischen 1988 und 1995 kamen neunzehn hinzu, vor allem auf dem Balkan, in Afrika und im Nahen Osten, und es folgten noch viele andere. Zur Entstehung und zu den Folgen dieser unvorhergesehenen Funktion der Vereinten Nationen siehe James Dobbins u.a., The UN’s Role in Nation-Building. From the Congo to Iraq, Santa Monica 2005.
Die Frage des Budgets für Friedensmissionen sollte jedoch im Zusammenhang gesehen werden. 2006 kosteten sämtliche UN-Friedensmissionen weltweit insgesamt 5 Milliarden Dollar. Das amerikanische Abenteuer im Irak kostet nach Schätzungen des Haushaltsausschusses deutlich mehr – 6 Milliarden Dollar monatlich.
Siehe »Annan Calls for Anti-Terror Strategy Built on Human Rights«, Financial Times, 9./10. Dezember 2006.
Als Unterstaatssekretär für Abrüstungskontrolle und internationale Sicherheit [sic!] brachte Bolton, begleitet von Mitgliedern der National Rifle Association, 2001 eine UN-Konferenz über den Kleinwaffenhandel zu Fall.
Es bleibt abzuwarten, ob die Nominierung von Botschafter Zalmay Khalilzad als Nachfolger von Bolton einen Sinneswandel oder nur einen anderen Ton signalisiert.
In der Anfangszeit wurde die Arbeit des Sicherheitsrats vor allem durch sowjetische Vetos behindert. In den letzten Jahren ist jedoch Amerika der große Übeltäter. Seit 1972 hat Amerika mehr als 30 israelkritische Resolutionen verhindert und Dutzende andere, in denen es um andere Dinge ging, von Südafrika bis zum Völkerrecht.
Ein ausgesprochen kritisches Bild vom UN-Sekretariat und seiner mangelnden Bereitschaft, den Geldgebern in entscheidenden Situationen die Stirn zu bieten, zeichnet Adam LeBor in »Complicity with Evil«. The United Nations in the Age of Modern Genocide, New Haven 2006.
Condoleezza Rice, damals Nationale Sicherheitsberaterin, im Herbst 2002. Vgl. Jeffrey Goldberg, »Breaking Ranks. What Turned Brent Scowcroft Against the Bush Administration?«, The New Yorker, 2. November 2005.
Nirgends diese Unschuld,
Nicht vorher, nicht nachher,
Wie verwandelt in Vergangenheit
Ohne ein Wort – die Männer
Hinterlassen ordentliche Gärten,
Tausende von Ehen
Halten ein wenig länger:
Nie wieder diese Unschuld.
Philip Larkin, MCMXIV
Vgl. etwa Lytton Strachey, Eminent Victorians, 1918.
Vgl. Hannes Heer und Klaus Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1995. Viele deutsche Soldaten an der Ostfront und in Jugoslawien fotografierten ihre schlimmsten Verbrechen als Souvenir für Angehörige und Freunde. Die amerikanischen Gefängniswärter in Abu Ghraib sind ihre direkten Nachkommen.
Allerdings machte der besiegte Süden nach dem Bürgerkrieg just diese Erfahrung. Die Demütigung, der Hass und die Rückständigkeit sind die amerikanische Ausnahme von der Regel.
Vgl. meine Rezension von John Lewis Gaddis, The Cold War. A New History, New York 2005, in der New York Review of Books, 23. März 2006.
In Großbritannien hat sich eine jüngere Politikergeneration, beginnend mit Tony Blair, als fast ebenso gleichgültig gegenüber den Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts erwiesen wie ihre amerikanischen Kollegen.
Vgl. Caroline Elkins, Imperial Reckoning. The Untold Story of Britain’s Gulag in Kenya, New York 2005; Marnia Lazreg, Torture and the Twilight of Empire. From Algiers to Baghdad, Princeton 2008; und Darius Rejali, Torture and Democracy, Princeton 2007.
Raymond Aron, La Tragédie Algérienne, Paris 1957, L’Algérie et la République, Paris 1958, und Le Spectateur engagé, Paris 1981, S. 210. Eine direkte Schilderung von Folter gibt Henri Alleg, The Question, Lincoln 2006, erstmals 1958 veröffentlicht als La Question. Pierre Vidal-Naquets Schrift La Torture dans la République1963Torture. Cancer of DemocracyUS