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Impressum

Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel «My Mother’s Shadow» bei Headline Publishing Group, London

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2017

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«My Mother’s Shadow» Copyright © 2017 by Nikola Scott

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Umschlaggestaltung bürosüd, München

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ISBN Printausgabe 978-3-499-29145-6 (1. Auflage 2019)

ISBN E-Book 978-3-644-20015-9

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-20015-9

Dieses Haus hat viel gesehen und gehört. Geheimnisse, die nachts vom Wind davongetragen wurden, sich um Schornsteine und schiefergedeckte Giebel wanden, an Flügelfenstern vorbei und über Kieswege. Geflüstertes, das sich seinen Weg suchte zwischen Rosen und Rhododendren und den Obstbäumen von Hartland. Neue und alte Lieben, den Schmerz eines plötzlichen Todes und die Köstlichkeit verbotener Rendezvous. Mitternächtliches Lachen und sommernächtliche Tränen, alle Träume, die man nur träumen, und alle Welten, die man entdecken kann. Das Haus hat sie bewahrt. Ohne zu fragen, ohne zu urteilen, hat es sie im Schatten seiner Mauern erhalten.

Heute ist Hartland voller Erinnerungen. Der Krieg und die Menschen, die er sich geholt hat, sind in den Köpfen noch lebendig. Es ist noch gar nicht lange her, dass England die düsteren Jahre der Rationierung und der ausgebombten Häuser hinter sich gelassen hat und den unerwarteten Ansturm von Luxus und Süßigkeiten und klimpernder Musik verdauen musste. Aber jetzt scheint die Zukunft leuchtend hell, und so ist es kein Wunder, dass die jungen Leute im Jahr 1958 mit beiden Händen nach dem Leben greifen, dass ihnen in diesem Sommer auf dem Land ganz schwindelig ist von der Aussicht, alles haben zu können.

Zwei Personen jedoch fehlen, zwei haben sich von der Terrasse gestohlen, an einem vergessenen Krockethammer vorbei, der zwischen den Rhododendren liegt, einen Gartenweg entlang und durch die Bäume. Sie haben die Hände auf ihre Münder gepresst, um ihr Lachen zurückzuhalten, und ab und zu erschrecken sie, weil ein herumliegender Ast ihre nackten Waden streift. Die eine Person ist das

Aber schon jetzt liegt Ärger in der Luft, und das Haus weiß es. Auf die goldene Fassade dieses perfekten Sommers, auf den Glanz dieser berauschenden, wohlriechenden Nacht

Der Tod ist eine komische Sache. Nicht wirklich komisch, natürlich, komisch überhaupt nicht, aber seltsam. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, müsste er mit einem Knall kommen, seinen verheerenden Schlag mit Maschinengewehren ankündigen. Stattdessen schleicht er sich an wie ein Dieb, wartet, bis ein allzu eiliger Fuß auf die Straße tritt oder bis diese eine rebellische Zelle in unserem Körper plötzlich beschließt, sich zu multiplizieren. Der Tod beobachtet, wartet auf den Moment, in dem er zuschlägt, und wenn er es tut, wird nichts mehr sein, wie es vorher war.

Trotz der unverhältnismäßigen Furchtbarkeit des Todes habe ich kaum Erinnerungen an den Tag, an dem meine Mutter von einem Lastwagen überfahren wurde. Unzusammenhängende Fetzen, wie die absurde Menge Glas, die der Lastwagen auf die Gower Street schüttete, das verkrampfte Gesicht meines Vaters, als wir auf das Taxi warteten, das uns zu ihrer Leiche fahren sollte; wie meine Schwester Venetia mit der Polizistin stritt, die bestimmt einen Fehler gemacht hatte, machte denn heute niemand mehr ordentlich seine Arbeit?

Das Einzige, woran ich mich noch sehr deutlich erinnere, ist der Moment, in dem man es mir sagte, denn in diesem Moment – ich stand gerade vor dem Kühlregal, in den

Manche Leute weinen einfach nicht besonders viel, das allein sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, wie sehr man trauert, aber zu diesen Leuten hatte ich nie gehört. Im Gegenteil, ich war ganz besonders gut im Weinen, darin übertraf ich alle. Als ich klein war, weinte ich so schnell und so oft, dass meine Mutter einmal bemerkte, mein Körper müsse zu zwei Dritteln aus Salzwasser bestehen. Mein persönliches Tal der Tränen, sagte sie. Ich weinte, wenn ein Milchzahn aus Versehen im Ausguss verschwand, und ich weinte über weiße Flecken in meinem Rachen, ich hatte Angst vor dem, was sich in meinem Schrank versteckte und unter meinem Bett und auf dem Boden des Swimmingpools. Ich folgte herrenlosen Katzen und sammelte Vogelküken, die aus dem Nest gefallen waren, um dann tagelang um ihr Leben zu ringen.

Du meine Güte, Addie, sagte meine Mutter mit einem Zucken im Gesicht und schob ein Taschentuch in meine Richtung, wenn meine Augen anfingen zu glänzen und meine Kehle versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken, das so schwach und unnütz war, obwohl man doch stark sein, die

Aber jetzt, da ich durch eine perverse Wendung des Schicksals Gelegenheit gehabt hätte zu glänzen, war Mutter verschwunden. Das Äußerste, was ich hervorbrachte, waren ersticktes Schluchzen, krampfhaftes Würgen, um den komischen Kloß zu vertreiben, der dauerhaft in meiner Kehle festzusitzen schien. Es war nicht so, dass ich sie nicht vermisste. Natürlich tat ich das. Wer auf dieser traurigen Welt vermisst seine Mutter nicht, wenn sie nicht mehr da ist? Aber je schlimmer Venetia trauerte, wie es ein Goldkind eben tut, je mehr Gewicht sie verlor, je bleicher und schemenhafter sie wurde, desto trockener wurde es in mir. Das machte mir große Sorgen, bis ich auf den Gedanken kam, dass ich vielleicht genau das tat, was meine Mutter immer von mir erwartet hatte: stark sein und die Schultern straffen. Vielleicht blieben meine Augen so heldenhaft trocken, weil der Drang, das weißlippige Mundzucken abzuwehren, nach vierzig zänkischen Jahren mit meiner Mutter so tief verwurzelt war.

 

Venetia war seit kurzem schwanger und gefährlich launisch. Sie kam ständig mit homöopathischen Mitteln, im Feinkostgeschäft gekaufter Hühnersuppe und massenhaft ungebetenen Ratschlägen in die Rose Hill Road gerauscht. Ich versuchte ihr, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen, denn während sie sich mit ihrer Schwangerschaft und ihrem Trauerberater in den Mittelpunkt drängte, war mein Vater im Seitenflügel sehr still geworden.

Sein einziger Zusammenbruch, zwei Wochen nach der Beerdigung, war vollkommen unspektakulär gewesen. Er war einfach nicht mehr aufgestanden. Als seine Schlafzimmertür an Tag vier um fünf Uhr nachmittags immer noch geschlossen war, fuhren mein Bruder Jas und ich mit ihm zum Arzt und dann ins Krankenhaus, aus dem er eine Woche später so ruhig zurückkam, dass es beinahe unheimlich war. Durchaus erleichtert wandten sich meine Geschwister wieder ihrer eigenen Trauer, ihren jeweiligen Berufen und entstehenden Familien zu. Ich blieb, beunruhigt von dem Ausdruck in den Augen meines Vaters. Es war schwer zu glauben, dass dies derselbe Mensch war, der mir Schach spielen beigebracht hatte, als ich zehn war, der mit einem Tacker, zwei Stiften und einem Locher die Landung der Alliierten nachgestellt hatte, als ich Hilfe bei den Geschichtshausaufgaben brauchte, und der immer bereit war, eine Taschenlampe zu holen

Jetzt tauschten wir beim Tee höflich Neuigkeiten über unsere Woche aus oder starrten stumm in den vor sich hin welkenden Garten meiner Mutter. Manchmal musste ich gegen den Wunsch ankämpfen, ihn zu kneifen, richtig fest, einfach, um sicherzugehen, dass er nicht auch gestorben war und nur seinen Körper dagelassen hatte, der aufstand und zur Arbeit ging und danach Tee aus Tassen trank, die er samt Bodensatz im ganzen Haus stehen ließ. Mrs. Baxter, die vier Vormittage pro Woche kam, um ein Auge auf alles zu haben, sammelte sie dann wieder ein. Ich hoffte die ganze Zeit, dass er eines Tages mit zwei Tassen Tee auf mich warten würde, siedend heiß, wie wir es beide mochten. Addie! Da bist du ja. Wie wäre es mit einer Partie Schach mit deinem alten Vater? Ich besuchte ihn also weiterhin, fuhr nach der Arbeit durch den Norden Londons, erst an Sommerabenden, dann in der herbstlichen Dämmerung und schließlich in eiskalten Winternächten, die erneut zu einem schönen Londoner Frühling wurden.

Seit dem Tod meiner Mutter waren zwölf Monate vergangen.

 

Den Todestag meiner Mutter fürchtete ich schon, bevor Venetia anfing, mit Ideen um sich zu werfen, wie man ihn

Venetia wollte, dass sich ein Teil der Familie versammelte – Jas und Mrs. Baxter, Fred, der Bruder meines Vaters, und das Familientreibgut, das sonst noch in der Nähe lebte, um «in der Gesellschaft der anderen Trost zu finden» und «diesen Tag mit Hilfe der engsten Familie zu überstehen». Das war ihrem Trauerberater zufolge ein wichtiger Schritt, um ins fünfte Stadium des Trauerprozesses einzutreten. Extrem optimistisch, wenn man mich fragte, denn mein Vater war noch nicht einmal über das erste Stadium, das «Nicht-wahrhaben-Wollen», hinaus. Obwohl ich normalerweise dazu neigte, den Dingen ihren Lauf zu lassen, insbesondere, wenn Venetia beteiligt war, versuchte ich dieses Mal zu diskutieren. Ich wollte den Tag nicht in unserer großen, hellen Küche verbringen, in der meine Mutter so spürbar abwesend war, und ich war ziemlich sicher, dass es meinem Vater genauso ging. Aber Venetia schmetterte alle Einwände ab, brachte mich dazu, meine Schicht zu tauschen, bestellte bei der Patisserie, für die ich arbeitete, eine obszön große Schachtel Kuchen und sorgte dafür, dass ich rechtzeitig aufbrach, um sie in die Rose Hill Road zu liefern.

Und da war ich nun. Die Tür gab das übliche leise Ächzen von sich, als ich die Eingangshalle betrat und unwillkürlich

Leise ging ich durch die Halle. Unten aus der Küche drang unterdrücktes Murmeln, dann ein Lachen, aus dem schnell diskretes Hüsteln wurde. Onkel Fred, dachte ich, der Bruder meines Vaters, der mit seinen drei Hunden und einer Sammlung rostiger Autos, an denen er ständig herumbastelte, in Cambridge lebte. Ich versuchte, meinen Vater herauszuhören, aber seine tiefe, etwas heisere Stimme war nicht auszumachen. Er hatte in letzter Zeit mehr gearbeitet denn je, und soweit ich es einschätzen konnte, war sein Sodbrennen viel schlimmer geworden. Ich hoffte, er war gestern wie vereinbart zum Arzt gegangen. Wieder ein fragendes Murmeln, wahrscheinlich Jas, der auf Venetias Geheiß direkt aus dem Krankenhaus hergeeilt sein musste.

Ich stellte mir vor, wie sie alle um den großen Küchentisch herumsaßen. Venetias Trauerberater hatte gesagt, wir sollten den Stuhl meiner Mutter frei lassen, als Zeichen des Respekts. Ich hasste den Trauerberater, der aussah wie eine Leiche und Hamish McGree hieß, und ich hasste die Vorstellung von dem leeren Stuhl mit den geschwungenen Armlehnen, der hohen Rückenlehne und dem Keilkissen, das meine Mutter ihrem Rücken zuliebe unter den Bezug gesteckt hatte. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich sie zuletzt dort

Wieder unterdrücktes Lachen, und plötzlich wusste ich, dass ich auf gar keinen Fall da runtergehen würde, zu diesem leeren Stuhl und den anderen. Rückwärts entfernte ich mich von den Stufen, ließ die Kuchenschachtel mit einem matschigen Geräusch auf den Tisch fallen und schlüpfte, mit nasser Jacke, Tasche und allem, durch eine Tür zu meiner Rechten. Ich ließ mich mit dem Rücken an der Wand nach unten gleiten, blieb dort eine lange Weile sitzen und genoss die kühle Dunkelheit vor meinen Pupillen, die den ganzen langen Tag auf den Himbeerfleck vom 15. Mai gestarrt hatten.

Das Arbeitszimmer meiner Mutter. Ich war lange nicht

Sie war jeden Abend hier gewesen, um an Vorlesungen zu arbeiten, Hausarbeiten, Manuskripte oder Zeitung zu lesen. Sie las die Zeitung mit beinahe religiösem Eifer, jeden Abend, ob wir wach waren oder schliefen, mit Windpocken im Bett lagen oder in der Stadt unterwegs waren. Wenn ich sah, wie sie die Zeitung auseinanderfaltete und den gesamten Schreibtisch damit bedeckte, wünschte ich mir oft, dass sie mich auch nur halb so aufmerksam ansähe. Aber mit meiner Mutter und mir war es schwierig. Das war meine Schuld, wirklich, ich war zu weich, war es immer gewesen. Ich setzte mich nicht auf den Fahrersitz des Lebens, ich straffte die

So war das mit meiner Mutter und mir.

 

Ich weiß nicht genau, wie lange ich da auf der Schwelle zu ihrem Zimmer stand und den Geruch von Büchern und Entschlossenheit einatmete, das Wesen meiner Mutter; wie lange ich auf Tränen wartete und mir eine kleine gute Erinnerung an sie wünschte, wenigstens an diesem Tag.

Irgendetwas musste geschehen, und es geschah auch etwas.

Das Telefon klingelte.

Für eine Sekunde erstarrte ich. Dann klingelte es erneut, und als ich in der Halle das Echo des Hauptanschlusses hörte, hechtete ich zum Schreibtisch und schnappte mir den Hörer.

«Ja?», flüsterte ich und blickte nervös zur Tür. Wenn ich irgendwas ganz sicher nicht wollte, dann im dunklen Arbeitszimmer meiner Mutter angetroffen zu werden, obwohl ich eigentlich den anderen beim Trauern Gesellschaft leisten sollte.

«Mrs. Harington?»

Da ich den Hörer fest an mein Ohr gepresst hielt, klang die Stimme am anderen Ende unverhältnismäßig laut. Ich unterdrückte einen Schrei und riss mir den senffarbenen Telefonhörer vom Ohr, der klappernd auf dem Schreibtisch landete.

«Mrs. Harington? Sind Sie noch dran?», quakte es aus dem Hörer. Ein Mann, der langsam und mit rauer Stimme sprach. Reflexartig öffnete ich den Mund, obwohl es diese Mrs. Harington nicht mehr gab.

«Entschuldigung, ja, was war das denn?», sagte ich zögernd, blickte erneut zur Tür und räusperte mich.

«Ich weiß, dass Sie auf diesem Anschluss eigentlich nicht angerufen werden möchten», sagte die Stimme am anderen Ende, «aber Sie sind in den letzten Wochen nicht an Ihr

Mrs. Harington ist nicht da. Sag ihm das, Addie.

«Ein Brief?», sagte ich zu dem Fremden, der meine tote Mutter angerufen hatte.

«Ich bin nicht ganz sicher, vielleicht ist er auch nur eine weitere Sackgasse, aber …» Er hielt einen Moment inne. «Die Verbindung ist leider nicht besonders gut, deshalb fasse ich mich kurz, wenn Sie erlauben. Aber ich schicke Ihnen den Brief bald. Am vierzehnten Februar scheint jedenfalls –» Es knisterte in der Leitung.

Am vierzehnten Februar? Ich runzelte die Stirn und wollte gerade die naheliegendste Frage stellen, als ich noch andere Geräusche hörte. Das verräterische Quietschen der Küchentür, dann Schritte in der Halle.

«Es tut mir leid» flüsterte ich ins Telefon, «ich muss auflegen. Entschuldigen Sie bitte. Ich melde mich wieder», fügte ich noch hinzu.

Als ich auflegte, wurde mir klar, dass ich weder die Nummer noch den Namen dieses Menschen kannte. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was er wollte. Hatte er wirklich gesagt «am vierzehnten Februar»? Das war seltsam, denn … aber was sollte er schon über die Bedeutung des

Stimmen in der Halle. Schuhe auf Steinplatten, Absätze, die ins Bad klackerten und wieder rauskamen, das Ächzen der Haustür.

«Dann bis bald!» Das war Jas’ Stimme hinter der Wand. «Soll ich dich bis zum Bahnhof mitnehmen, Onkel Fred? Ich muss zurück ins Krankenhaus.»

«Ich hab keine Ahnung, wo Addie ist. Sie hat doch gesagt, sie würde kommen.» Es lag eine Schärfe in Venetias Stimme, die mich erschaudern ließ, wenn ich an den unausweichlichen Moment dachte, in dem sie mich finden würde.

Schließlich wurde es still, und ich lauschte angestrengt. Vielleicht war auch Venetia gegangen und überließ es jemand anderem, die Küche aufzuräumen, vielleicht konnte ich herauskommen und die Kuchenschachtel, Mrs. Baxter und meinen Vater suchen. Als Tagesangebot hatten wir heute Biscuit Roulé gehabt, und ich hatte fünf extrem fluffige Bisquitrollen gemacht, gewürzt mit Vanille und gefüllt mit rubinroten, aromatischen Himbeeren. Ein paar Scheiben davon hatte ich auch in die Schachtel gelegt, denn am Ende eines langen, anstrengenden Tages gab es nichts Besseres als eine Tasse von Mrs. Baxters goldenem Oolong und ein mit Himbeersahne gefülltes Stück himmlische Biscuit Roulé.

Mein schwarzer Whistles-Beutel lag auf dem Boden. Die Jacke, die ich auf den kleinen Sessel geworfen hatte, als das Telefon klingelte, war zu Boden gerutscht und hatte ein paar

Ich sah sie einen Moment lang an, dann streckte ich die Hand aus, und ehe ich es mir anders überlegen konnte, hatte ich sie hervorgeholt. Es war eine Hermès-Tasche, graphitgrau, auf elegante Weise stabil und vintage – inzwischen jedenfalls, in den frühen Siebzigern, als meine Mutter sie gekauft hatte, noch nicht. Sie hatte sie von ihrem allerersten Preisgeld bezahlt, das sie für einen Text über die Zeitgenossinnen von Jane Austen bekommen hatte. Ich strich über das genarbte Leder der Tasche. Natürlich war sie hier. Niemand hatte sie angerührt oder weggeräumt oder sonst irgendetwas verändert. Mein Vater schlief immer noch auf der rechten Seite des Bettes, neben sich ihr bezogenes Bettzeug, ihr Buch aufgeschlagen neben dem Lampenfuß. Venetia begegnete dem Leben im Allgemeinen und meinen vielen Unzulänglichkeiten im Besonderen zwar eher barsch, aber wenn es um unsere Mutter ging, war sie sehr sentimental, und am liebsten hätte sie das ganze Arbeitszimmer für alle Ewigkeit in Frischhaltefolie gepackt. Die Gartenhandschuhe meiner Mutter, die für immer die Form ihrer Hände angenommen hatten, hingen immer noch über dem Eimer, und Die Blütezeit der Miss Jean Brodie lag, angeschwollen vor Feuchtigkeit, unter dem U-Rohr des Waschbeckens im oberen Badezimmer; wir hatten

Ich stellte die Tasche auf den Schreibtisch. Sollte es jemals so weit kommen, dass wir ihre Sachen wegräumten, würde Venetia wahrscheinlich die Hermès-Tasche an sich nehmen. Sie und meine Mutter hatten denselben schlichten, dezenten Schick; beide liebten es, sich schön zu machen, und beide liebten all die kleinen Annehmlichkeiten, die einem den Tag versüßten. Venetia hatte die Geschenke für unsere Mutter mit schlafwandlerischer Sicherheit ausgewählt, und meine Mutter liebte mit ebensolcher Sicherheit alles, was sie von Venetia bekam.

So seltsam es war: Meine Mutter und ich sahen uns viel ähnlicher als sie und Venetia. Wir waren beide klein und kompakt, hatten eine schwer zu pflegende Wolke dunkler Locken und über einer kleinen Nase leicht schräg stehende graue Augen, die weit auseinanderlagen. Aber ansonsten waren wir so unterschiedlich, wie man nur sein kann: Als Konditorin musste ich unförmige Schürzen und Haarnetze tragen, ich hatte verschrammte Hände, und meine Kleider waren klebrig von Fondant und Blaubeerfüllung. Meine Mutter dagegen kümmerte sich sorgfältig um ihre Kleidung, vielleicht weil sie als junge Frau niemals viel Geld gehabt hatte, und obwohl ich immer versuchte, mich für sie herzurichten, entdeckte sie unweigerlich jeden Riss in meinem Ärmel oder den Mehlstaub, der sich auf meinen Rücken verirrt hatte, und missbilligte meine Nachlässigkeit.

 

Ich zögerte eine Sekunde, dann nahm ich die Hermès-Tasche und hängte sie mir über die Schulter. Meine Mutter hatte danach noch andere Taschen gekauft, aber auf diese war sie immer wieder zurückgekommen. Sie erinnert mich daran, wie weit ich es gebracht habe, sagte sie einmal, und immer wenn ich sie an ihrem Arm hängen sah, verspürte ich ein lächerliches kleines Glücksgefühl, als hätte der Nachmittag, an dem wir sie ausgesucht hatten, mich zu ihrer Komplizin gemacht. Deshalb wollte ich sie so gern behalten. Ich konnte Venetia auch einfach fragen, ob es ihr recht wäre …

Schritte und ein ärgerliches, lautes Räuspern verkündeten, dass Venetias Erscheinen unmittelbar bevorstand. Im selben Moment, in der Zehntelsekunde, ehe die Tür aufging, beschloss ich unerklärlicherweise, die Handtasche meiner Mutter vor meiner Schwester zu verstecken. Ich schob sie hinter mich und griff nach meiner Jacke, um sie damit zu bedecken.

«Adele.»

Venetia betrachtete mich durch ihre Hornbrille. Sie hatte das Haar zum Pferdeschwanz gebunden und war mit Ausnahme einer vollkommen runden Kugel, die aussah, als hätte sie sich einen großen Basketball unter ihr teures Umstandskleid geschoben, so dünn und hohläugig, dass ich Schuldgefühle bekam, vor der Familienversammlung geflohen zu sein.

«Es tut mir so leid, Vee, ich weiß nicht, ich war so …» Ich bemerkte das ungeduldige Zucken um ihren Mund und hörte automatisch auf zu quasseln. «Wie geht es Dad?»

«Er hätte heute Gesellschaft brauchen können, und ich hätte Hilfe brauchen können. Mal abgesehen von den Kuchen, für die ich ein Vermögen bezahlt habe», blaffte sie.

«Vee, es tut mir leid …» Ich wollte sie an der Schulter berühren, aber sie wandte sich stirnrunzelnd um.

«Was machst du überhaupt hier? Ich dachte, wir hätten uns geeinigt, erst mal alles so zu lassen?»

Ich wollte schon nicken, als ich plötzlich sagte: «Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee, ihre Sachen wegzuräumen? Vielleicht muss Dad nicht andauernd an sie erinnert werden.»

Venetia sah mich finster an. «Ich sage dir doch, Addie, wir sind noch nicht so weit. Du weißt doch genau, dass es für Dad viel zu früh ist.»

Woher wollte sie eigentlich wissen, wer so weit war und wer nicht, wenn sie immer nur kurz auftauchte, um Hamish McGrees fragwürdige Weisheiten und noch viel fragwürdigere Hühnersuppe zu verteilen?

Ich sah weg, und sie sagte: «Komm, wir essen was von deinem Kuchen», und ging vor, die einzige Frau, die noch kurz vor der Entbindung auf acht Zentimeter hohen Absätzen laufen konnte.

«Ja, also, das war –» Ich überlegte, denn was war es eigentlich gewesen? Ein Fremder, der meine Mutter anrief? Ich, die tat, als wäre ich sie?

«Äh, das war nichts. Nur eine Umfrage.»

Nervös, weil mir die Lüge so leicht über die Lippen gegangen war, schob ich Venetia vor mir her Richtung Wohnzimmer, wobei ich die Hermès-Tasche tief in meinen großen Beutel stopfte. «Weißt du, ob Dad gestern beim Arzt war? Er hatte einen Termin.»

«Einen Termin? Warum? Mach die Tür zu, ja?» Venetia hatte die Hände auf ihre Babykugel gelegt, unter dem Kleid stachen die Schulterblätter hervor.

«Er hatte wieder Sodbrennen.»

«Nein, weiß ich nicht. Er hat nichts gesagt.»

«Hast du ihn gefragt? Von selbst sagt er nichts.»

«Adele, ich wusste ja nicht, dass er einen Termin hat, wie hätte ich da fragen sollen?»

Ehe wir dieses extrem ergiebige Gespräch fortsetzen konnten, ging am Fuß der Stufen die Küchentür auf, und Mrs. Baxter erschien, dicht gefolgt von meinem Vater, der eine Teetasse in der Hand hielt.

Den Arm immer noch um meine Schultern gelegt, drehte sie mich zu meinem Vater, der gehorsam «Addie» sagte und dann hinzufügte: «Wir haben uns schon gefragt, wo du bist.»

Mrs. Baxter drückte noch einmal liebevoll meine Schultern. «Wie schön, dich zu sehen, Addie, Liebes. Ich wollte gerade gehen, damit Mr. Baxter sein Abendessen bekommt. Aber ich kann auch bleiben und uns noch eine Kanne Tee kochen?»

Mein Vater sah sehnsüchtig auf seine Tasse, die er offensichtlich an einen Ort hatte mitnehmen wollen, an dem er für sich war, und ich sagte schnell: «Schon gut, Mrs. Baxter, ich komme gerade aus der Konditorei. Tut mir leid, dass ich so spät bin, aber … Wie geht es dir, Dad?»

Ich umarmte ihn nicht, wir waren keine Familie, die sich küsste und umarmte oder sich überhaupt viel berührte. Stattdessen musterte ich verstohlen sein Gesicht, um zu sehen, ob er oft schluckte, was auf Sodbrennen hinweisen würde, oder ob die Furchen um seine Augen tiefer waren als sonst, was bedeuten würde, dass er wieder nicht hatte schlafen können. Als junger Mann hatte er Kricket gespielt, «die Hoffnung seines Dorfes auf nationalen Ruhm», wie seine Mutter immer gesagt hatte, und egal, wie sehr er trauerte, wie wenig er

«Ich war gerade auf dem Weg nach oben», sagte er, beide Hände um seine Teetasse gelegt. «Ein paar Papiere durchsehen.»

«Aber du musst doch bestimmt nicht arbeiten, heute doch nicht», sagte ich besorgt.

«Lass ihn doch, Addie», sagte Venetia mit einem missbilligenden Hrmpf in Richtung eines nassen Regenschirms, den jemand auf den Tisch in der Halle gelegt hatte. «Jedem das Seine, weißt du.»

Ich ignorierte diese himmelschreiende Scheinheiligkeit, hatte sie an mir doch ständig irgendwas auszusetzen, und überlegte, was ich zu Dad sagen konnte, das nichts mit meiner Mutter zu tun hatte. «Wie, äh, war es denn gestern beim Arzt?»

Einen Augenblick lang wirkte er ratlos. «Ach, den Termin musste ich absagen, ich hatte im Büro so viel zu tun. Walker war krank, und ich musste statt seiner die Sitzung leiten. Aber es zwickt auch nur ein bisschen, kein Grund zur Sorge.»

«Dad», sagte ich genervt. «Es dauert Wochen, bis man einen Termin beim Spezialisten bekommt. Jas hat alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt.»

«Addie, es geht mir gut.» Er klang ärgerlich, und ich hörte Mrs. Baxter neben mir leise seufzen, weil es meinem Dad

«Dann gehe ich mal», sagte sie resigniert. «Wenn Sie sicher sind, dass es Ihnen gutgeht, Mr. Harington.» Sie hob ihr Päckchen Zigaretten zum ironischen Salut. «Dann sehen wir uns morgen?»

«Ja, natürlich. Danke für alles, Mrs. Baxter. Grüßen Sie Ihren Mann von mir.» Es war spürbar, wie gerne mein Vater verschwinden wollte, und er hatte schon den Fuß auf der untersten Stufe, als er stehen blieb, sich mir zuwandte und sehr leise, sodass niemand anders es hören konnte, sagte: «Geht es dir denn gut, Addie? Heute, meine ich?»

Er sah mich direkt an, und in seinen Augen standen plötzlich Liebe und Einsamkeit und eine derartige seelische Qual, dass ich instinktiv einen Schritt nach vorn machte, um mich ihm in die Arme zu werfen, so, wie ich es als kleines Mädchen getan hatte. Aber im selben Moment hörte ich ein Rascheln und einen durchdringenden Schrei von Venetia, als Mrs. Baxter versuchte, den vergessenen Regenschirm auszuschütteln, der sich plötzlich öffnete und dabei beinahe Venetias Bauch aufspießte. Mein Dad, dem wohl klarwurde, dass menschlicher Kontakt jeder Art ihn zwingen würde, wieder Teil der Welt zu sein, zog sich sofort zurück und räusperte sich verlegen.

Ich hielt in der Bewegung inne. «Mir geht’s gut, Dad, mir geht’s ganz gut.»

«Na, jedenfalls schön, dass du gekommen bist.» Er klang, als wäre er ganz woanders. «Sehen wir uns denn morgen?»

«Ja, Dad. Hab einen schönen Abend.»

Die Teetasse immer noch fest in den Händen, ging er die Treppe hoch. Ich hörte eine Tür auf- und dann zugehen, und weg war er.

Ich sah, dass Mrs. Baxter, die neben mir stand, ihn ebenfalls beobachtete, die Hände in den nassen Falten des Regenschirms. Als sie merkte, dass ich sie ansah, schürzte sie die Lippen und schüttelte den Kopf.

Venetia inspizierte unterdessen ihren Bauch. «Mrs. Baxter, wie konnten Sie nur? Direkt neben dem Baby. Was, wenn –»

Aber wir erfuhren nicht mehr, was genau der Regenschirm ihrem ungeborenen Kind hätte antun können, denn in diesem Moment waren auf den Stufen vor der Haustür Schritte zu hören. Wir drehten uns alle gleichzeitig um und warteten auf die Klingel, aber die Schritte entfernten sich wieder, nur, um dann wieder näher zu kommen.

Ich sah Venetia an.

«Ich wette, es ist Onkel Fred, und dieser infernalische Schirm gehört ihm», sagte sie düster. Sie riss die Tür auf und wollte ihm gerade den Regenschirm entgegenschleudern, als sie sah, dass der Besucher gar nicht der dicke, bärtige und lustige Onkel Fred war.

Sondern eine Frau.

Einen Moment herrschte Stille. Ich wartete darauf, dass Venetia die Frau begrüßte. Ich nahm die Kuchenschachtel und wollte gerade damit nach unten gehen, als ich Venetia in ungeduldigem Ton sagen hörte: «Ja? Können wir Ihnen helfen?» Sie trat von einem Fuß auf den anderen und hatte sichtlich den dringenden Wunsch, sich hinzusetzen.

Die Frau sah von Venetia, mit ihrem Bauch und dem Schirm in der Hand, zu mir mit meinem ausgebeulten Beutel und der großen Schachtel mit den fröhlichen rotweißen Streifen und dem Emblem der Patisserie Grace.

«Ja, das können Sie», sagte die Frau, und ihre Stimme klang, verglichen mit den scharfen, symmetrischen Linien ihres Gesichts, unerwartet melodisch. «Das heißt, ich bin nicht sicher. Ich hoffe es.» Wieder sah sie Venetia und mich an, dann gab sie sich sichtlich einen Ruck.

«Es tut mir leid, dass ich so hereinplatze, aber ich suche Mrs. Harington. Elizabeth Sophie Harington. Sie hieß mal Elizabeth Sophie Holloway. Ob ich wohl mit ihr sprechen könnte?»

Ich zuckte zusammen. Das war schon das zweite Mal,

Als sie unsere starren Gesichter sah, zögerte die Frau nur eine Sekunde, dann sprach sie weiter, presste die nächsten Sätze schnell hervor, sodass die Worte durcheinanderpurzelten: «Ich glaube, dass sie … also, ich habe herausgefunden, dass … Elizabeth. Wissen Sie, sie ist meine Mutter.»

Limpsfield, 17. Juli 1958

Heute habe ich ein neues Tagebuch gekauft. Mr. Clark hatte eine neue Farbe da: Mattrosa. Er hat mir das Schloss und die Blumen auf einigen Seiten gezeigt und zwinkernd gesagt, es wäre perfekt für eine junge Dame wie mich. Er meinte es sicher nett, aber ich habe stattdessen das dunkelgraue, fast schwarze gekauft, denn ich weiß sehr gut, dass dies kein Jahr von der mattrosa Sorte werden wird. Außerdem habe ich das mit dem etwas festeren Papier genommen, auch wenn es teurer war, weil ich so das Gefühl habe, dieses Jahr festeres Papier zu brauchen. Dickes, durstiges Papier, das alle Gedanken und Tränen und all die schrecklichen Dinge aufsaugt, die bei mir zu Hause passieren.

Auf dem Nachhauseweg im Schulbus habe ich meinen Namen vorne reingeschrieben, wie ich es immer mache, Elizabeth Holloway, und das Jahr: 1958. Und dann wurde mir plötzlich klar, dass am Ende dieses Buches, wenn alle Seiten

Die dumme Mrs. Farnham hat es neulich beim Schlachter Schwindsucht genannt und gesagt, ich soll ihr nicht zu nahe kommen, sonst wären wir bald alle ausgelöscht. Ich hab sie in der Schlange stehen lassen, obwohl ich eigentlich Knochen und Hühnerfüße für Mamas Brühe holen wollte. Ich ertrage so dumme Leute nicht, und ich weiß auch nicht, was meine Mutter sie überhaupt angeht, außerdem ist es keine Schwindsucht. Ich habe an der Tür gelauscht, als die Schwester da war, und dann habe ich in der Schulbücherei nachgeschlagen, und ich weiß genau, was es ist. Eine Wucherung in ihrer Lunge. Bestimmt liegt das an den Wintern mit dem üblen Nebel, in denen alle husten, bis es Frühling wird. Nur dass Mum auch den ganzen Sommer durch gehustet hat und den nächsten nebligen Herbst hindurch und dann noch einen Winter, bis es war, was es jetzt ist. Eine unheilbare Wucherung. Krebs, haben sie gesagt, als sie dann im Krankenhaus war. Schlicht und einfach unheilbar, so schlicht und einfach wie tot und begraben und nicht mehr da.

Mein Vater spricht nicht darüber, er spricht nie über das, was ist und werden wird. Vielleicht glaubt er, ein sechzehnjähriges Mädchen sollte nichts wissen von unheilbaren Wucherungen und Bettpfannen und Morphiumspritzen, aber mir ist rätselhaft, wie er denken kann, ich würde nicht mitbekommen, dass meine Mutter sich zu Tode hustet. Ihr Husten besteht aus trockenen, quälenden Atemzügen, die schmerzhaft sein müssen; er strengt sie sehr an und wird von

 

Jetzt sitze ich hier und warte, dass Schwester Hammond geht. Ich habe mir ein Buch von einer Frau namens Kingsley Amis ausgeliehen, das I like it here heißt und lustig genug wirkt, um mich abzulenken. Ich sollte vermutlich meine lateinischen Verben lernen, wenn ich nach den Ferien besser werden und irgendwann mal auf die Universität gehen soll, wie Mum und ich es besprochen haben. Aber ich kann mich nicht auf das Buch oder die Verben konzentrieren, solange ich Schwester Hammonds Stimme am Ende des Flurs höre, ich kann nicht mal an die Zukunft denken, mit all diesen

In der Schule sind alle aufgeregt wegen der Ferien, alle fahren an Orte wie Brighton und Blackpool und Torquay. Nach Torquay fährt Judy, und vor einer Weile hat ihre Mum mich gefragt, ob ich mitkommen möchte. Aber ich habe gleich nein gesagt und es Mum gegenüber nicht mal erwähnt, weil ich jetzt auf gar keinen Fall fort sein will. Judys Mutter hat mich nicht gedrängt. Sie hat im Krieg zwei Brüder verloren und versteht bestimmt, wie schnell die Zeit vergeht, wenn jemand stirbt, wie Wasser, das durch eine Gabel rinnt, und dass ich mehr davon brauche, mehr Zeit mit Mum, wenn ich den Rest meines Lebens ohne sie überleben will.

Ich habe eine Liste mit Büchern gemacht, von denen ich weiß, dass sie sie noch lesen möchte, Seelenstürme von Elizabeth Jane Howard, das ein bisschen traurig ist, und Afrikanische Tragödie von Doris Lessing, das wir nicht lesen sollen, wenn es nach Vater geht, weil er es für kommunistischen Unsinn hält. Ich hab im Programm von Radio Times die Sendungen angestrichen, die wir hören werden, ich werde in den Sommer dieses Jahres das ganze Lesen und Reden und Zuhören packen, mit dem wir ein Leben hätten verbringen sollen.