Die Tote im roten Kleid

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel «Cold Earth» bei Macmillan/PanMacmillan, London.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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«Cold Earth» Copyright © 2016 by Ann Cleeves

Redaktion Katharina Rottenbacher

Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagabbildung Moorefam/iStock.com

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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ISBN Printausgabe 978-3-499-27378-0 (1. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-40298-0

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-40298-0

Jimmy Perez stand neben dem offenen Grab, als die Erde ins Rutschen geriet. Die Familie des Verstorbenen stammte ursprünglich von Foula, und der Sarg war auf zwei Rudern getragen worden, so, wie man die Toten auf jener Insel zu bestatten pflegte. Den Sargträgern, entfernten Verwandten des Verstorbenen, deren Vorfahren in den Süden aufs englische Festland gezogen waren, war es offenbar wichtig gewesen, die alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Sie hatten genug Zeit gehabt, die Trauerfeier zu planen: Magnus hatte einen Schlaganfall erlitten und vor seinem Tod sechs Wochen im Krankenhaus gelegen. Perez hatte ihn jeden Sonntag besucht, sich an sein Bett gesetzt und über die alten Zeiten gesprochen. Nicht über die schlechten alten Zeiten, als man Magnus des Mordes verdächtigt hatte, sondern über die guten letzten Jahre, als die Bewohner von Ravenswick ihn zu allen Veranstaltungen der Gemeinde eingeladen hatten. Magnus hatte die geselligen Zusammenkünfte, die Tanzabende und sonntäglichen Nachmittagstees von Herzen genossen. Doch auf Perez’ Geplauder im Krankenhaus hatte er nicht mehr reagiert, und als er dann starb, war das keine Überraschung gewesen.

Der Sarg war bereits ins Grab hinabgelassen worden, als der Hügel ins Rutschen geriet. Während die Pfarrerin die erste Schaufel voller Erde auf den Sargdeckel fallen ließ, wandte Perez den Blick von der Grube ab. Hinter ihm

Durch den Regen wirkte die Landschaft wie weichgezeichnet. Es schien nun schon seit Monaten ununterbrochen zu regnen. Vor zwei Wochen hatte man sogar in Betracht gezogen, das Wikingerfest Up Helly Aa wegen des Wetters abzublasen, doch der Fackelumzug war in Friedenszeiten noch niemals abgesagt worden und fand schließlich trotz der orkanartigen Winde und sintflutartigen Wolkenbrüche wie gewohnt statt. Perez richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Worte der Pfarrerin, bei denen er an Fran denken musste, Cassies Mutter und die Liebe seines Lebens, die auch hier begraben lag.

Zuerst verursachte der Erdrutsch keinen Laut. Der Hügel war das ganze Jahr über stark abgeweidet worden; die Schafe hatten an den Grashalmen genagt, die Wurzeln ausgerupft und die schwarze Torferde darunter freigelegt.

Erst als der Erdrutsch gewaltiger wurde und Felsbrocken und Geröll aus den Entwässerungsgräben mit sich riss, setzte ein bedrohliches Grollen und Rumpeln ein. Die Lawine donnerte über die Hauptstraße, wobei sie einen dort entlangfahrenden Wagen nur knapp verfehlte, und rauschte unaufhaltsam wie ein reißender Fluss auf das kleine Cottage zu. Die Erdmassen begruben den Schuppen unter sich und wühlten sich mit einer solchen Gewalt durch das Cottage, dass die Fenster barsten und die Tür zersplitterte. Als die Lawine auf das Haus traf, hörte Perez ihr Brüllen und spürte, wie der Boden unter seinen Füßen bebte. Er und die anderen Trauergäste rissen die Köpfe herum. Auf den Shetlands lagen die Friedhöfe direkt am Meer, bevor es Straßen gab, hatte man die Verstorbenen im Boot zu ihren Gräbern gebracht. Der Friedhof von Ravenswick lag in einer Talsohle auf einem flachen Stück Land am Meer, im Schutz der Landspitze. Dieses steile Tal füllte sich nun mit Schlamm und Geröll, und die Erdmassen wurden immer schneller, als sie auf die Trauergesellschaft zustürzten. Der tosende Donner warnte sie vor dem, was auf sie zukam. Den Bruchteil einer Sekunde lang blieben alle reglos stehen, dann sprengten sie auseinander und

 

Perez gewann seine Fassung schnell zurück. Das war schließlich nicht mehr Fran gewesen dort unten in dem Grab, und er brauchte auch keinen Stein, um sich an sie zu erinnern. Er wandte sich um und vergewisserte sich, dass alle es geschafft hatten. Dabei fragte er sich, was Magnus Tait, der sich die meiste Zeit seines Lebens von den Menschen ferngehalten hatte, zu diesem Drama bei seiner Beerdigung wohl gesagt hätte. Wahrscheinlich hätte er nur verlegen gegrinst und leise gekichert, dachte Perez. Und dann hätte er alle aufgefordert, zum Gemeindesaal zu gehen und dort einen zu heben. «Bringt doch nichts, hier draußen in der Einöde rumzustehen, Jungs», hätte er gesagt. «Jetzt mal ernsthaft.» Denn wenn man von der Pfarrerin absah, bestand die Trauergesellschaft tatsächlich nur aus Männern. Es war eine Beerdigung nach altem Brauch gewesen, da hatten Frauen am Grab nichts zu suchen. Überhaupt waren es nur wenige Trauergäste. Auch wenn die Menschen sich gegen Ende seines Lebens Mühe

Perez warf einen Blick zurück, den Hügel hoch. Wenn der Erdrutsch nur eine Meile weiter nördlich abgegangen wäre, dachte er, hätte er die Schule von Ravenswick ebenso verwüstet wie dieses Cottage, das aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Den Hof von Gilsetter und das alte Pfarrhaus hatte die Schlammlawine um noch viel weniger verfehlt. Er sah zur Ruine des kleines Hauses hinüber.

«Wohnt da eigentlich wer?» Unvorstellbar, dass in dem Cottage noch jemand am Leben sein sollte. Entweder waren die Bewohner im Schlamm erstickt oder von dem Geröll, das die Erdmassen mitgerissen hatten, erschlagen worden. Aber soweit er wusste, hatte seit Minnie Laurensons Tod niemand mehr dort gewohnt.

«Ich glaube, das steht leer, Jimmy. Eine Zeitlang hat der Sohn von Stuart Henderson da gewohnt, aber der ist schon vor Monaten wieder ausgezogen.» Die Antwort kam von Kevin Hay, einem kräftigen Mann Ende vierzig, der auf dem Gilsetter Hof lebte und den Großteil des zu Ravenswick gehörenden Landes bewirtschaftete. Perez hätte nicht sagen können, wann er Kevin zuletzt in Anzug und Krawatte gesehen hatte. Vermutlich bei der letzten Beerdigung in Ravenswick. Sein schwarzes Haar war vom Regen so nass, dass es ihm an der Stirn klebte. Es sah aus wie aufgemalt.

«Dann war es nicht vermietet?» Unterkünfte waren

«Soweit ich weiß, nicht.» Jetzt wirkte Hay schon weniger sicher. «Mir ist jedenfalls nichts aufgefallen, weder dass da jemand wohnt noch dass ein Auto da steht. Aber wegen den Ahornbäumen und unseren Gewächshäusern können wir das Cottage von uns aus auch nicht sehen.»

«Dann wird wohl auch keiner da wohnen», sagte Perez. Ohne Auto kam man so weit von der Stadt entfernt kaum zurecht. Die anderen Trauergäste hatten sich inzwischen um die Pfarrerin versammelt. Sie war ruhig und gefasst und übernahm nun das Kommando. Bestimmt, dachte Perez, überlegen sie jetzt, wie sie nach Hause kommen. Zwar war der Friedhofsparkplatz etwas höher gelegen, und die Wagen waren alle heil geblieben, doch einige der Trauernden wohnten auf der anderen Seite des abgerutschten Hügels. «Trotzdem würde ich lieber nachsehen», sagte er dann zu Kevin Hay.

Über die Hänge zogen sich verschiedene von den Schafen getrampelte Pfade, von denen Perez und Kevin Hay nun einem folgten. Sie blickten von oben auf das zerstörte Cottage hinab. Jetzt, nach dem Erdrutsch, war außer dem Regen nichts mehr zu hören. Eine seltsame, gespenstische Stille nach dem dröhnenden Lärm, den der Hügelabgang ausgelöst hatte. Die Rettungsdienste waren bereits informiert, und bald würden Feuerwehrleute und Polizeiwagen eintreffen, aber noch war niemand da.

Die Außenmauern des kleinen Hauses waren beinahe unversehrt, doch die Wucht der Erdmassen hatte Teile der Innenwände zerstört und das halbe Dach abgerissen,

Hay kam hinterher und legte ihm eine Hand auf die Schulter. «Gehen Sie nicht zu nah ran, Jimmy. Der Hügel ist nicht gerade sicher. Es könnte noch einen Erdrutsch geben. Und ich glaube auch nicht, dass wir da drin noch jemanden retten können. Kein Grund, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen.»

Perez nickte. Er sah, dass die anderen Trauergäste mittlerweile den Parkplatz erreicht hatten und Richtung Norden davonfuhren. Sie nahmen ihre Freunde, die südlich des abgerutschten Hügels wohnten, mit. Er glaubte, dass sie zum Gemeindezentrum fuhren. Bestimmt hatten die Frauen einen Imbiss vorbereitet. Den wollten sie sicher nicht verkommen lassen, und außerdem konnten sie alle etwas Heißes zu trinken gebrauchen.

«Wir sollten uns ihnen anschließen, Jimmy», sagte Kevin Hay. «Hier können wir nichts ausrichten.» Aus der Ferne hörten sie Sirenen. Hay blickte zurück auf den Hang, er befürchtete wohl einen weiteren Erdrutsch.

«Sie gehen. Ich muss sowieso hierbleiben.» Perez schaute sich die Rückseite des Cottages an. Hinter der Küche war ein kleiner Anbau gewesen, den der Erdrutsch völlig zerstört hatte: Die geborstenen Fenster und das Wellblechdach steckten jetzt irgendwo im Schlamm. Doch eine Steinmauer dahinter, die das Gärtchen vom offenen Weideland trennte, war fast unbeschädigt geblieben; offenbar hatte sie durch eine Lücke, in der vorher ein Holztor gewesen war, wie ein Trichter für die abgehende Erde gewirkt.

Perez kletterte die Böschung weiter hinunter, auf den Fleck zu. Die Sturzflut aus Erde hatte die Leiche einer Frau zurückgelassen. Sie trug ein rotes Seidenkleid, auffallend und festlich. Nicht gerade die angemessene Kleidung für einen Februartag auf den Shetlands, selbst wenn die Frau im Cottage gewesen war, als der Erdrutsch sie überraschte und mit sich riss. Sie hatte schwarzes Haar und schwarze Augen, und Perez empfand eine merkwürdige, intuitive Vertrautheit. Vielleicht kam sie ja aus Spanien, wie seine Vorfahren vor Hunderten von Jahren. Kevin Hay hatte sich schon auf den Weg zum Parkplatz gemacht, und so blieb Perez mit ihr allein, bis die Rettungskräfte eintrafen.

Zwei

Der Erdrutsch brachte Chaos mit sich. Die Hauptstraße von Lerwick zum Flughafen Sumburgh würde für mindestens noch einen Tag gesperrt bleiben, und unmittelbar dort, wo das Unglück sich ereignet hatte, gab es

Am Tag nach dem Unglück hatte Jimmy Perez alle Hände voll zu tun. Er war der Chef, weshalb er hauptsächlich in Besprechungen saß: mit dem Gemeinderat, um zu erörtern, wie man die Hauptstraße so schnell wie möglich wieder für den Verkehr freigeben konnte, mit dem Sozialdienst, um sicherzustellen, dass die Alten und Kranken Essen gebracht bekamen und es warm hatten. Nicht unbedingt das, was man unter Polizeiarbeit verstand, doch auf den Shetlands kam es darauf an, sich der jeweiligen Situation anzupassen. Perez hasste es, auf dem Revier bleiben zu müssen und in endlose Diskussionen verstrickt zu werden. Außerdem regnete es immer noch, und durchs Fenster blickte er auf eine graue Stadt, am Horizont verschwamm die Grenze zwischen Meer und Himmel in Wolken. Als wollte es nicht mal richtig hell werden.

Seine Kollegen arbeiteten unterdessen fieberhaft an der Identifizierung der Frau, die bei dem Erdrutsch ums Leben

Seine Kollegen gingen davon aus, dass sie in dem kleinen Haus, das nun zur Hälfte eingestürzt und voll mit schwarzer Erde war, gewohnt hatte. Ein Urlaub vielleicht. Der Erdrutsch hatte sich am Tag vor dem Valentinstag ereignet, und Perez malte sich aus, dass sie das rote Kleid für ihren Liebsten anprobiert hatte. Um sich zu vergewissern, dass sie am folgenden Abend gut aussehen würde. Womöglich hatte sie ja auch vorgehabt, für den Mann zu kochen. Irgendwas Mediterranes, Würziges, mit Paprika

Auch die Eigentümerin des Cottages hatten sie noch nicht ausfindig gemacht, obwohl sie inzwischen einen Namen für das Haus selbst hatten: Tain. Offenbar hatte eine Dame, die in Amerika lebte, es von ihrer Tante, Minnie Laurenson, geerbt. Es hieß, sie würde es immer nur kurzfristig vermieten, da sie vorhatte, es zu renovieren. Robert Henderson, dessen Bruder es zuletzt bewohnt hatte, befand sich auf einer Kreuzfahrt in der Karibik, und der Bruder selbst arbeitete zur Zeit im Nahen Osten. Das war alles ziemlich unbefriedigend und frustrierend. Perez wusste, dass es eine logische Erklärung für die Leiche gab, und sicher würde sich auch bald jemand melden und sie identifizieren. Doch im Augenblick blieb ihm die Tote ein Rätsel, sie ließ seiner Phantasie keine Ruhe und gab ihm das Gefühl, sich lächerlich zu machen.

Die Leiche sollte mit der Fähre zur Obduktion nach Aberdeen geschickt werden, und Perez hoffte, dass James Grieve, der Gerichtsmediziner, ihnen anhand ihres Zahnstatus sagen konnte, wer sie war, aber bis dahin konnte es noch Tage dauern. Und um ihren Zahnarzt ausfindig zu machen, brauchten sie zumindest eine leise Ahnung von ihrer Identität. Auf den Shetlands Nachforschungen anzustellen, hielt Perez für zwecklos. Sie kam nicht von hier. Sonst hätte er die geheimnisvolle Dunkelhaarige, die dort am Rand seiner Gemeinde gewohnt hatte, schon einmal in der Stadt gesehen oder über sie reden gehört.

Gerade hatte er eine Pause zwischen zwei Besprechungen. Er hatte sich einen Kaffee gemacht und blickte nun

«Ich habe jetzt mit den meisten Immobilienmaklern in Lerwick gesprochen. Von denen hat keiner das Cottage in Ravenswick im Portfolio oder kümmert sich um die Vermietung.»

«Wir müssen unbedingt diese Eigentümerin finden.» Perez sah weiterhin aus dem Fenster in den Regen. «Die Tote könnte mit ihr befreundet oder verwandt gewesen sein. Wissen wir denn wirklich immer noch nicht, wie die Dame heißt?»

Sandy schüttelte den Kopf. «Der Einzige, der was hätte wissen können, ist tot.»

«Wen meinst du?»

«Magnus Tait. Er ist mit Minnie Laurenson, der alten Dame, die früher dort gewohnt hat, zusammen aufgewachsen. Er hätte uns vielleicht Näheres über diese Nichte sagen können, die es geerbt hat.»

Aber Magnus war mit fünfundachtzig nach einem Schlaganfall gestorben, und auf einmal merkte Perez, dass er noch gar nicht richtig um ihn getrauert hatte. In den letzten Jahren war Magnus zu einem Teil seines Lebens geworden. Der Erdrutsch hatte das Begräbnis abrupt unterbrochen und damit auch den natürlichen Prozess des Trauerns. Wenigstens war Magnus noch einigermaßen würdig zur Ruhe gebettet und in sein Grab hinabgelassen worden, ehe Schlamm und Geröll den Friedhof überflutet hatten.

Perez hatte Magnus durch Fran kennengelernt, seine verstorbene Verlobte, die neben dem alten Mann gewohnt

«Und wenn die Frau im roten Kleid nun diese Nichte war?» Denn warum eigentlich nicht?, dachte Perez. Die ganze Zeit über hatte er sich die Tote als Südländerin, als Spanierin vorgestellt, aber vielleicht trugen ja auch amerikanische Frauen rote Seide.

Sandy zuckte die Schultern. Er stellte nicht gern Vermutungen an, aus Angst, sich zu irren.

«Du bist sicher, dass niemand vermisst gemeldet wurde?» Dass die Frau allein in dem Cottage gewohnt hatte, hielt Perez für unwahrscheinlich. Und falls doch, musste sie jemanden auf den Shetlands gekannt haben. Wer zum Wandern oder für die Sehenswürdigkeiten auf die Inseln kam, tat das nicht im Februar. Außerdem, wenn sie als Touristin hier gewesen wäre, hätte sie sich nicht so gekleidet, wie er sie gefunden hatte. Sie hätte Jeans und einen Pullover angehabt, und Wollsocken, selbst im Haus. «Wann will die Feuerwehr die Ruine betreten?»

«Bald», meinte Sandy. «Bevor es dunkel wird. Sie haben zwar einen Generator aufgebaut, wollen aber lieber noch bei Tageslicht anfangen.»

Perez nickte. «Du solltest dabei sein, Sandy. Aber bevor du dich auf den Weg machst, bitte doch Radio Shetland

«Wir haben es gestern übrigens nicht mehr geschafft, die Leiche mit der Abendfähre nach Aberdeen zu schicken», sagte Sandy jetzt, als wäre es ihm gerade wieder eingefallen und er sei der Meinung, dass Perez das wissen sollte. «Sie wird heute Abend mit der Fähre in den Süden gebracht. James Grieve hat schon alles vorbereitet.»

«Es wäre gut zu wissen, wer sie ist, bevor James mit der Obduktion anfängt», sagte Perez. «Ich würde ihre Verwandten gern darüber informieren, bevor er loslegt.»

Sein Telefon läutete. Eigentlich hatte er erwartet, zu seiner nächsten Besprechung gerufen zu werden, doch die Anruferin war Kathryn Rogerson, die junge Frau, die vor kurzem als Lehrerin an der Schule von Ravenswick angefangen hatte.

«Mr Perez, ich fürchte, wir müssen die Schule für heute schließen. Die Techniker der Gemeinde wollen den Hügel auf der ganzen Strecke bis nach Gailsgarth inspizieren. Es kann sein, dass er von der Straße aus abgesichert werden muss. Sollte es dabei noch einen Erdrutsch geben, läge die Schule direkt in der Gefahrenzone, und wir wurden angewiesen, die Kinder in Sicherheit zu bringen.» Sie klang selbst noch fast wie ein Kind, sehr ernsthaft und bemüht, das Richtige zu tun. Perez kannte ihren Vater, einen Anwalt, dessen Kanzlei in unmittelbarer Nähe der

Was bedeutete, dass er jetzt überall herumtelefonieren und sich um ein Kindermädchen kümmern musste. Das Letzte, was er im Moment noch brauchen konnte. Duncan Hunter, Cassies leiblicher Vater, war gerade in Spanien, angeblich, um mit einem Hersteller von Luxusferienhäusern zu verhandeln. In Wahrheit versuchte er nur, dem schlimmsten Wetter auf den Shetlands zu entkommen. Dies war die Jahreszeit, zu der alle Inselbewohner, die es sich leisten konnten, Urlaub nahmen.

«Wenn es Ihnen recht ist, könnte ich Cassie mit nach Lerwick nehmen. Sie könnte den Nachmittag bei mir verbringen.» Die junge Lehrerin klang zögerlich, als hätte sie Angst, ihr Angebot könnte aufdringlich wirken. «Mir macht es nichts aus, und Sie wüssten wenigstens, dass sie wohlbehalten in der Stadt ist. Wir wohnen weit abseits jeglicher Gefahrenzone.»

«Sind Sie sicher? Sich als Kindermädchen für Ihre Schüler zu betätigen, wenn die Schule geschlossen wird, scheint mir weit über Ihre Pflichten als Lehrerin hinauszugehen.»

«Aber nein!» Perez konnte sich die junge Frau in dem winzigen Lehrerzimmer der Schule genau vorstellen. Sie war zierlich und sehr ordentlich, und mit den Kindern ging sie auf eine wirklich nette Art um, auch wenn sie keinen Unsinn duldete. Cassie verehrte sie glühend. «Vermutlich bleibt die Schule bis mindestens Anfang nächster Woche geschlossen, wenn Sie also möchten, dass ich

«Das ist sehr nett von Ihnen. Ich werde aber versuchen, für den Rest der Woche eine andere Regelung zu finden.» Perez war unbehaglich zumute. Zum Teil, weil er der Meinung war, die Gutmütigkeit der jungen Frau nicht zu seinem Vorteil nutzen zu dürfen. Zum Teil aber auch, weil er es hasste, sich jemandem verpflichtet zu fühlen. Hilfe anzunehmen war ihm schon immer schwergefallen. «Ich weiß allerdings nicht genau, wann ich Cassie heute Abend abholen kann.»

«Essen Sie doch mit uns zu Abend», sagte Kathryn. «Meine Mutter kocht immer für ein ganzes Bataillon.»

Und während Perez noch überlegte, wie er die Einladung ausschlagen könne, ohne unhöflich zu wirken, legte die junge Lehrerin auf.

Drei

Es war der 14. Februar. Sandy hatte eine neue Freundin, die sein ganzes Denken ausfüllte und seine Konzentration beeinträchtigte. Louisa war Lehrerin auf Yell, einer Insel im Norden der Shetlands, die mit der Fähre zu erreichen war; zwar kannte er sie schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit, doch sie waren erst seit ein paar Monaten zusammen, und bei vielen Dingen war er immer noch unsicher. Da der Valentinstag in diesem Jahr mitten in der Woche lag, hatten sie beschlossen, sich nicht an diesem Tag selbst zu treffen, sondern stattdessen am

Gerade dachte er darüber nach, ob er sie anrufen solle, um ihr zu zeigen, dass er wusste, was für ein Tag heute war. Oder würde sie das kitschig finden? Noch nie hatte er eine Frau kennengelernt, die so wenig für Gefühlsausbrüche übrig hatte wie Louisa. Er wusste, wie sehr sie die rosa Karten verabscheute, die er in den Geschäften gesehen hatte, die Glitzerherzchen und Teddybären und Luftballons. Deshalb hatte er auch nichts für sie gekauft. Schließlich schickte er ihr eine SMS. Ich denke heute an dich. Wir sprechen uns später. Daran konnte sie doch nichts auszusetzen haben?

Auf dem Weg zu seinem Wagen lief er Reg Gilbert in die Arme, der den Großteil des Tages vor dem Revier auf der Lauer gelegen haben musste. Reg war der Chefredakteur der Shetland Times. Früher einmal hatte er für eine große lokale Tageszeitung in Mittelengland gearbeitet und war dann von einer Frau in den Norden gelockt worden, die ihn unmittelbar nach seinem Umzug abservierte. Seither saß Reg auf den Shetlands fest, ein sonderbarer Fremdling, ein Spürhund auf der Jagd nach Neuigkeiten, der der Außenwelt praktisch nichts Interessantes mitzuteilen hatte.

«Na, Sandy.» Der Reporter hatte eine näselnde Stimme und das spitze Gesicht eines Nagetiers. Seine Schneidezähne ragten über die Unterlippe. «Weiß man schon mehr über die Identität der Frau, die im Schlamm umgekommen ist?»

Früher hätte Sandys angeborene Höflichkeit ihn dazu verleitet, zu antworten, aber Reg hatte ihn einmal zu oft übers Ohr gehauen, Zitate aus dem Kontext gerissen und ihn wie einen Idioten aussehen lassen. Ohne ein Wort ließ er den Reporter stehen.

Es war noch früh am Nachmittag, trotzdem musste Sandy für die Fahrt Richtung Süden die Scheinwerfer einschalten. Obwohl er die dunklen Wintertage gut wegsteckte, freute er sich nun doch auf den Frühling. Er konnte verstehen, dass die langen Nächte so manchen Zugezogenen an den Rand des Wahnsinns trieben. Jetzt fuhr er um eine Kurve, und da lag das Tal, wo die Erde abgegangen war, direkt vor ihm: nichts als grellweiße Lichter und schwarze Schatten. Die Feuerwehr hatte neben der Ruine von Tain einen Generator aufgebaut, um das zerstörte Cottage anzustrahlen. Betrachtete man die Szenerie von der Straße aus, hätte man glauben können, sich gar nicht

Eine kleine Ausbuchtung, die normalerweise von Touristen genutzt wurde, um den Ausblick auf die Insel Mousa zu genießen, war zu einem Parkplatz umfunktioniert worden, auf dem Sandy nun den Wagen abstellte. Er zog sich die Gummistiefel und den Anorak an, die er vor der Abfahrt in den Kofferraum geworfen hatte, und ging auf das Team zu, das mit dem Cottage beschäftigt war. Die Zufahrt zu dem kleinen Haus hatten sie bereits wieder frei gelegt. Sandy war Hunderte Male an dieser Stelle vorbeigefahren – jedes Mal, wenn er einen Verwandten vom Flughafen abgeholt oder Besucher zu den Klippen bei Sumburgh gefahren hatte, um ihnen die Papageientaucher dort zu zeigen –, doch jetzt konnte er sich kaum mehr daran erinnern, wie das Land hier vor dem Erdrutsch ausgesehen hatte. Soweit er noch wusste, hatte sich von der Hauptstraße weg ein kurzes Sträßchen durchs Tal geschlängelt, das nur zu Tain führte. Als der Friedhof vor ein paar

Sandy schloss kurz die Augen und versuchte, sich das Cottage vorzustellen. Niedrig, weiß getüncht und einstöckig. Ein für die Shetlands typisches kleines Gehöft, wenigstens von außen. Doch davon war jetzt nichts mehr erkennbar. Die Feuerwehrleute hatten sich einen Pfad den Hügel hinab geradewegs zu der Stelle gebahnt, wo die Eingangstür gewesen war. Sie trugen Signaljacken und schwere Stiefel mit Stahlkappen und sahen auf den ersten Blick alle gleich aus. Sandy ging nicht weiter, denn er wusste, wenn er noch näher herankäme, stünde er bloß im Weg. Er stand oft im Weg. Dann aber erblickte ihn einer der Männer und winkte ihn zu sich heran. «Hallo, Sandy! Kommen Sie ruhig weiter runter. Bleiben Sie auf dem Pfad, dann passiert Ihnen nichts.» Wegen des Generators und eines kleines Baggers, die im Hintergrund lärmten, musste er schreien, um sich verständlich zu machen.

Es war Tim Barton, ein Mann aus dem Westen von England, der auf die Shetlands gekommen war, um bei der Feuerwehr von Lerwick zu arbeiten. Mittlerweile war er

«Wie geht’s voran?» Sandy deutete mit dem Kinn auf die Ruine.

«Noch kommen wir nicht rein, aber das dürfte nicht mehr lange dauern.»

«Wir müssen rauskriegen, ob sonst noch jemand drin ist.»

«Das wollen wir alle wissen. Allerdings stehen die Chancen, dass jemand das überlebt hat, bei null. Wir schuften hier jetzt seit fast vierundzwanzig Stunden ununterbrochen, aber dass es keine Überlebenden gibt, war schon bei unserer Ankunft klar.» Tim wandte sich um und reckte sich. Sein Gesicht und die Hände waren schwarz und verschmiert.

«Haben Sie denn nicht mal Pause gemacht?» Das muss der reinste Albtraum sein, dachte Sandy. Hier im Schlamm zu wühlen, während es immer noch in Strömen regnet.

«Nur ein paar Stunden, um zu duschen und die Glieder aufzutauen. Und was Heißes zu essen. Aber wir wollen so schnell wie möglich fertig werden. Sehen, wie’s da drin

«Nein danke, noch dreckiger als jetzt kann ich sowieso nicht mehr werden.» Sandy hätte es nicht fair gefunden, im warmen Auto zu sitzen, während die Jungs hier sich zur Ruine vorbuddelten.

Nach nur einer halben Stunde kam Barton zurück. «Wir haben das Dach jetzt gesichert und das meiste von dem verdammten Schlamm und Geröll aus den Zimmern geschippt. Wenn Sie wollen, können Sie mit runterkommen, auch wenn es nicht viel zu sehen gibt.»

«War noch jemand drin?»

Barton schüttelte den Kopf. «Jedenfalls kein Mensch. Da, wo mal die Küche gewesen sein muss, liegt ’ne tote Katze.»

Sandy folgte Barton zum Cottage. Das mit der Katze kam ihm komisch vor. Manche Touristen brachten ja vielleicht ihren Hund mit auf die Shetlands, aber dass jemand eine Katze mitnahm, hatte er noch nie gehört. Hieß das, die Tote hatte doch länger hier gewohnt? Er schüttelte den Kopf und sagte sich, dass er Probleme sah, wo es gar keine gab. Katzen waren immer auf der Suche nach Futter und einem warmen Plätzchen. Diese hier hatte vermutlich zum Hof von Kevin Hay gehört und es irgendwie geschafft, ins Cottage zu gelangen.

Wo sie jetzt standen, war zuvor die Haustür gewesen. Die Gewalt der Erdmassen hatte sie aus den Angeln gerissen und in Stücke geschlagen, und ihre Überreste sahen aus wie Kleinholz. Die Feuerwehrleute hatten das halbe Dach abgedeckt, weshalb der unablässige Regen nun auch ins Innere der Ruine drang. Der Fußboden war noch immer

«Wir brauchen irgendwas, das uns hilft, die Tote zu identifizieren.» Sandy wusste, dass Jimmy Perez nichts weniger als das von ihm erwartete. «Der Chef muss unbedingt wissen, wer sie ist.»

«Wir machen hier bald Schluss für heute», sagte Barton. «Die Jungs sind völlig erschossen. Das Wichtigste war, sich zu vergewissern, dass niemand mehr unter den Trümmern liegt. Ich werde meine Leute aber bitten, den großen Scheinwerfer bis ganz zum Schluss anzulassen, dann können Sie sehen, was Sie hier drin tun.»

Sandy bedankte sich und sah ihm nach, als er ging. Er wünschte, er hätte einen Kollegen von der Polizei dabei. Jemanden, mit dem er herumwitzeln oder sich über die Bedingungen beschweren könnte. Er war noch nie gern allein auf sich gestellt gewesen.

Er begann die Durchsuchung bei den Resten der Eingangstür und teilte sich den Fußboden in Viertel auf, wie

Nachdem er auf den Küchengeräten ein paar Fingerabdrücke gesichert hatte, ging Sandy weiter ins Schlafzimmer. Dort stand ein Bett ohne Kopfteil. Die Matratze starrte vor Dreck, sie hatte das schlammige Wasser aufgesogen wie ein Schwamm. Vorher musste dies ein hübsches Zimmer gewesen sein, mit Blick aufs Meer und einem gekachelten Kamin. Hier war das Dach noch intakt, aber das Fensterglas war aus dem Rahmen gebrochen, weshalb es von der Seite hereinregnete. Draußen war es mittlerweile vollkommen dunkel geworden, und das Zimmer wurde nur noch von dem großen Scheinwerfer durch das Loch in der Außenmauer beleuchtet. Sandys Schatten sah merkwürdig aus: langgezogen und mit klaren Konturen, wie ein Scherenschnitt aus schwarzem Karton. Zu beiden Seiten des Kamins waren Schränke in die Nischen eingebaut.

Er hatte auf einen Ausweis gehofft, ja sogar eine Geburtsurkunde. Die Schatulle strömte einen leichten Duft nach Sandelholz aus. In ihr lagen zwei Fotos, das eine von zwei Kindern, das andere von einem älteren Paar. Und ein handgeschriebener Brief, den er für einen Liebesbrief hielt, da er mit «Meine liebste Alis» begann. Sandy legte den Brief zurück in die Schatulle, ohne weiterzulesen. Neugierig war er noch nie gewesen, und außerdem war es kalt und ungemütlich in der Ruine. Die Nässe war ihm inzwischen bis auf die Haut gedrungen. Bevor er weiterermittelte, wollte er zunächst ins Warme und Trockene, und überdies fand er, dass Jimmy Perez der Erste sein sollte, der den Brief las. Doch im Kopf legte er sich schon zurecht, was er Perez am Telefon sagen würde, wenn er erst

Vier

Perez klopfte an die Tür der Rogersons und wartete. Hätte er die Familie besser gekannt, wäre er wahrscheinlich einfach eingetreten, andererseits – vielleicht hätte er trotzdem gewartet; immerhin war er hier in der Stadt, da war manches anders. Die Rogersons wohnten in einem soliden Steinhaus, das auch in Aberdeen oder Edinburgh hätte stehen können. Vorne ging es auf den Park hinaus, in dem erst vor kurzem im Rahmen von Up Helly Aa die Galeere in Brand gesetzt worden war. Die Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen, sodass Perez nicht hineinschauen konnte. Dann hörte er Schritte hinter der Tür, die unmittelbar danach geöffnet wurde. Im Rahmen stand die junge Lehrerin. Sie hatte sich nach der Arbeit umgezogen und sah jetzt, in Jeans und Sweatshirt, sogar noch jünger aus. An den Füßen trug sie keine Schuhe, und ihre Socken waren rosa-blau geringelt.

«Mr Perez.» Sie trat beiseite, um ihn einzulassen.

«Bitte, sagen Sie einfach Jimmy.»

Sie lächelte ihn schüchtern an. «Cassie ist in der Küche. Sie hat Mum beim Kochen geholfen.»

Er fand es sehr warm im Haus, als er jetzt aus der Kälte und dem Nieselregen eintrat, und es duftete nach Fleisch und Gemüse. Nach einfachem Essen ohne jeden

Die Erinnerung überfiel ihn so lebhaft, dass er kurzzeitig sogar den leicht angebrannten Zucker und Frans Parfüm riechen konnte, und darunter den durchdringenden Duft nach Terpentin und Farbe, denn die Küche in Ravenswick hatte Fran auch als Studio gedient. Er tauchte in die Vergangenheit ab, in das Haus mit Blick übers Meer, das er auch heute noch mit Cassie bewohnte. Ganz spontan war er damals vorbeigekommen, zu einem seiner ersten Besuche bei Fran zu Hause. Es war Frühlingsanfang gewesen. Fran hatte zu ihm herübergeschaut und mit einem Lächeln auf eine jüngere Cassie, die gerade Marmelade in Törtchen füllte, geflüstert: «Die schmecken sicher fürchterlich, aber du musst eins essen.» Leise, damit Cassie es nicht hörte. «Sonst verzeiht sie dir das nie.»

Jetzt, im Haus der Rogersons in Lerwick, schaute Cassie ihn an und wartete auf Antwort.

«Natürlich weiß ich das noch.»

«Sie müssen auf jeden Fall eins von diesen ganz besonderen Törtchen essen», sagte Kathryn, und wieder wurde Perez von der Erinnerung übermannt, denn dies waren beinah dieselben Worte, die auch Fran benutzt hatte. «Es gibt sie nach dem Abendessen, anstelle eines Nachtischs.»

Perez hatte sich die Entschuldigung, mit der er sich vor

Beim Abendessen waren sie nur zu viert. Tom war zu einer Sondersitzung des Shetland Islands Council gerufen worden. Der Anwalt gehörte dem Rat der Inseln als Councillor an; er war ein bekannter Politiker. Das Tischgespräch drehte sich um den Erdrutsch und darum, welche Probleme er verursacht hatte.

«Für die Leute im Süden der Shetlands, die jetzt nicht zur Arbeit in die Stadt fahren können, ist es wirklich sehr ärgerlich.» Mavis Rogerson stammte von den Orkney-Inseln, und ihr weicher Singsang klang noch immer mehr nach Wales als nach den Shetlands. «Wissen Sie, wann die Straße wieder befahrbar sein wird, Jimmy?»

«Sie hoffen, bis morgen Vormittag wenigstens eine Spur frei zu bekommen.» In der Nacht zuvor hatte Perez kaum geschlafen, und die Wärme in der Küche und das reichhaltige Essen machten ihn nun matt und benommen. «Das bedeutet zwar ein paar Monate lang Ampeln und Staus, während sie daran arbeiten, den Hang abzusichern, aber wenigstens kommt man dann schon mal wieder zum Flughafen.»

«Man hat mir übrigens mitgeteilt, dass die Schule bis zum Wochenende geschlossen bleibt.» Kathryn wusch die Teller ab und stapelte sie auf dem Abtropfbrett. «Sollen wir Cassie morgen wieder zu uns nehmen, Jimmy? Das macht uns wirklich nichts aus. Sie können sie auf dem Weg zur Arbeit einfach hier vorbeibringen.»

Wäre er nicht so schrecklich müde gewesen, hätte Perez bestimmt nach einer anderen Lösung gesucht. Er

«Nun gut», sagte er. «Wenn Sie sicher sind.»

 

Zu Hause in Ravenswick war es Zeit für Cassie, schlafen zu gehen. Etwas weiter südlich arbeiteten die Männer noch immer daran, die Straße wieder frei zu bekommen, und im Hintergrund hörte man das beständige Rumpeln der schweren Maschinen. Trotzdem schlief Cassie in letzter Zeit viel besser als früher. Sie hatte weniger Albträume.

Jimmy hatte sich gerade einen Tee gemacht und das Feuer im Kamin angezündet, als Sandy anrief. «Hast du Neuigkeiten für mich, Sandy?»

«Kann ich vielleicht kurz vorbeikommen? Ich hab da was, das ich dir gern zeigen würde.»

«Warum nicht?» Mittlerweile kam es ihm nicht mehr taktlos und zudringlich vor, wenn seine Kollegen zu ihm nach Hause kamen, in das Haus, das er nur so kurz mit Fran geteilt hatte. «Aber sag, wissen wir jetzt endlich, wie die Frau im roten Kleid heißt?» Er wollte einen Namen für sie, ihr etwas Würde zurückgeben.

«Ihren Vornamen, ja», sagte Sandy. «Oder, na ja, zumindest einen abgekürzten Vornamen.»