Christian Jaschinski
Mörderisches Lipperland
11 Krimis und 125 Freizeittipps
Wer mordet schon in Lippe? Wie bekamen die Lemgoer Strohsemmeln ihren Namen? Wo kommen mitten in Deutschland Dünenfelder her? Kann man jemanden mit einem Golfball ermorden? Und wer hat Tara Wolfs Mann erschossen? Antworten auf diese und weitere Fragen liefern die elf Kurzgeschichten dieses Bandes. Dazu gibt’s 125 Freizeittipps für die Region Lippe. Eine Strafrichterin, ein Paläontologe und eine Hackerin ermitteln zwischen Hermannsdenkmal und Externsteinen. Entdecken Sie gemeinsam mit dem skurrilen Trio eine abwechslungsreiche Wald- und Hügellandschaft sowie zauberhafte Städtchen, erbaut im Mittelalter oder in der Weserrenaissance. Aber Vorsicht: Der rote Faden, der sich durch diese wild-romantische Idylle zieht, könnte eine Blutspur sein. Erkunden Sie mit dem ersten (Krimi-)Freizeitführer für das ehemalige Fürstentum Lippe einen einzigartigen Landstrich. Ausgewählte Fotostrecken zu einzelnen Locations finden Sie unter: www.Mörderisches-Lipperland.de
Christian Jaschinski wurde 1965 in Lemgo geboren, überlebte die harten 1970er in Breitcordhosen und Nickipullovern, verschrieb sich als Pianist und Keyboarder dem 80er-Jahre-Rock und ist nach kleineren Umwegen seit über 20 Jahren wieder in Lippe zu Hause. Als Rad- und Cabriofahrer ist er ein großer Fan der abwechslungsreichen lippischen Landschaft. Er schreibt Krimis und Comedy-Literatur, die er gemeinsam mit Singer-Songwriter Jonas Pütz in »Text-Konzerten« auf die Bühnen bringt.
www.christianjaschinski.de
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Zwei Ausnahmen aus Lemgo bestätigen diese Regel: der Stadtführer Werner Kuloge und der Wirt der »Weiten Welt« Ingo Sombray. Seitenangaben im Buch beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2019
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/Kartengestaltung/E-Book: Mirjam Hecht
Illustration Hermann-Figur und Foto S. 168: © Christian Jaschinski
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Reinhard Schäfer / fotolia.com
ISBN 978-3-8392-5360-1
Für Klaus-Peter Wolf, meinen Freund und Lehrer.
Danke, dass Tara Deinen Nachnamen tragen darf!
Das ehemalige Fürstentum Lippe gab nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Status als Freistaat auf und musste sich im Rahmen der Bundeslandgründungen entscheiden, ob es zu Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen gehören wollte. Beide Bundesländer zählten zur britischen Besatzungszone.
Während die Verhandlungen mit dem ersten Ministerpräsidenten Niedersachsens aufgrund interner Differenzen scheiterten, war man in Düsseldorf zu einigen Zugeständnissen bereit, die in den »Lippischen Punktationen« 1946 festgeschrieben wurden. Dazu gehörte unter anderem, dass die Bezirksregierung ihren Sitz in Detmold bekam und das Landesvermögen in Lippe blieb und verwaltet wurde.
Die Bedeutung des kleinen Kreises Lippe für das Land Nordrhein-Westfalen manifestiert sich zudem im Landeswappen, in dem neben dem westfälischen Ross (eigentlich Sachsenross) und dem (aus grafischen Gründen gespiegelten) Verlauf des Rheins die Lippische Rose als drittes Element zu sehen ist.
Auf einer Fläche von zirka 1.250 Quadratkilometern leben etwas über 360.000 Menschen in Lippe. Der Kreis wird begrenzt durch die Landkreise:
– Minden und Schaumburg im Norden,
– Hameln-Pyrmont und Holzminden im Osten,
– Gütersloh, Paderborn und Höxter im Süden,
– Herford sowie die kreisfreie Stadt Bielefeld im Westen.
Prägend für die gesamte Region ist der Teutoburger Wald im südlichen Lipperland. Es handelt sich um einen Mittelgebirgszug, der als Faltengebirge bis in die norddeutsche Tiefebene hineinreicht. Ältere Kämme in dieser Region bestehen teilweise aus Osning-Sandstein, weshalb der Teutoburger Wald früher »Osning« genannt wurde. Vermutlich im 17. Jahrhundert erhielt der Osning seine heutige Bezeichnung, die auf den römischen Historiker Tacitus zurückgeht. In seinen Schriften zur Varusschlacht zwischen Römern und Germanen im 9. Jahrhundert nach Christus verortet er die Schlacht im »Saltus Teutoburgiensis«.
In den Chroniken des ehemaligen Fürstentums hat vieles seinen Ursprung bei den Rittern oder »Edlen Herren tho de Lippe«, die erstmals 1123 Erwähnung finden. Als Vertraute des Welfen-Herzogs Heinrich des Löwen (zirka 1129 – 1195) wurden ihnen die beanspruchten Grafschaftsrechte an den Bezirken Thiatmelligau (Detmold) und Limgau (Lemgo) nicht streitig gemacht. Die Landesherren Bernhard II. zur Lippe (1140 – 1224) und sein Sohn Hermann II. (1175 – 1229) gelten als Bauherren der Falkenburg (zirka 1194).
Hermann der I. (vermutlich 1128 – 1160), Vater von Bernhard II., gilt als Stammvater des lippischen Regentenhauses. Dieses stellte bis 1895, als Fürst Woldemar (1824 – 1895) kinderlos starb, ununterbrochen den Fürsten. Derzeit ist Stephan Prinz zur Lippe (*1959) Herr im Detmolder Schloss. Durch die direkte Linie der Familie zu Lippe-Biesterfeld besteht eine enge Verbundenheit zum niederländischen Königshaus: Bernhard zur Lippe-Biesterfeld (1911 – 2004) war als Prinzgemahl mit der niederländischen Königin Juliana von Oranien-Nassau (1909 – 2004) verheiratet.
Eine besondere Situation ergab sich 1802, als Fürst Leopold I. (1767 – 1802) starb. Sein Sohn Leopold II. (1796 – 1851) war zu diesem Zeitpunkt erst sechs Jahre alt, sodass seine Mutter, Fürstin Pauline (1769 – 1820), in Vertretung die Regentschaft über das Fürstentum Lippe bis 1820 übernahm. Sie setzte sich neben ihrem politischen Engagement für ein Sozialsystem ein, das als Vorbild für viele deutsche Staaten galt. Zentrale Elemente waren ein Krankenhaus, eine Erwerbsschule und eine »Aufbewahrungsanstalt kleiner Kinder«, der erste Kindergarten Deutschlands. Die Paulinenstraßen in den größeren lippischen Städten Detmold, Lemgo, Bad Salzuflen und Lage erinnern an das vorbildhafte soziale Engagement der Fürstin, auch wenn ihr nachgesagt wird, dass die Erziehung der eigenen Kinder dabei teilweise auf der Strecke blieb.
Heute laden im Landkreis Lippe historisch wundervoll sanierte Stadtkerne der Weserrenaissance mit Museen und Parks zum Bummeln und Entdecken ein. Viele der in diesem Buch erwähnten Bürger- und Handwerkerhäuser mit ihren prächtigen Fassaden befinden sich in Privatbesitz. Die abwechslungsreiche grüne Hügellandschaft können Sie nicht nur beim Wandern, sondern auch auf reizvollen Rad-, Motorrad- und Cabriotouren entdecken. Viele Naturdenkmäler bieten historisch spannende Einblicke in die deutsche und europäische Geschichte. Ob drinnen oder draußen – lassen Sie sich in gemütliche Cafés, Lounges und Restaurants zum Verweilen und Genießen einladen.
Hinweis: Jeder der elf Kurzkrimis enthält mit Nummern versehene Freizeittipps, die im Anschluss an den jeweiligen Krimi unter Angabe der Nummer erläutert werden.
Und unter www.Mörderisches-Lipperland.de finden Sie zu ausgewählten Locations zahlreiche Fotos, die hoffentlich Lust machen auf eigenes Entdecken. Die Seite ist ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Lemgoer Fotografen Michael John Pitt, von dem der Großteil der ausdrucksstarken Bilder stammt. Die Fotos können Sie sich in geringer Auflösung kostenlos herunterladen – oder auf Wunsch als Abzug, auf Leinwand oder als Fototasse etc. bestellen.
Gute Unterhaltung bei der Lektüre des Buches und vor allem viel Spaß beim Erkunden des wunderschönen Lipperlandes!
Herzlich
Christian Jaschinski
www.Mörderisches-Lipperland.de
Heute war ein guter Tag zum Sterben.
Perfekt, um genau zu sein.
Die Uhr am Ostturm der St.-Marien-Kirche 1 wurde von der Sonne warm angeleuchtet und zeigte kurz vor drei. Wie es aussah, würde der Steinklotz von einer Kirche an diesem lauen Maisamstag sehr voll werden.
Die Harley-Davidson ruhte leicht geneigt auf dem Seitenständer. Der Gärtner hatte den Motor ausgestellt und saß noch breitbeinig im Sattel seiner Maschine. Er zog die rechte Augenbraue hoch, was er sich als Kind bei Mr. Spock abgeschaut hatte. Faszinierenderweise musste er es damals nicht einmal üben. Er konnte es einfach.
Was hatten nur all diese Spießbürger mit dem Heiraten? Jeder, der halbwegs lesen konnte, wusste doch: Je spektakulärer der Antrag und je romantischer die Trauungszeremonie, desto höher war auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Ehe nicht lange hielt.
Und der Gärtner würde alles dafür tun, die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns heute auf satte 100 Prozent zu kriegen. Bis dass der Tod euch scheidet, hahaha – das konnten sie haben! Ein guter Gärtner erkannte die überflüssigen Triebe einer Pflanze und schnitt sie weg, damit die Leitäste Luft und Raum hatten zum Wachsen. Die Aufgabe gefiel ihm.
Sie waren zu dritt. Die zwei anderen Biker fuhren ebenfalls Harleys, die nun neben dem Gärtner in Fluchtrichtung an der Stiftstraße neben einer Bruchsteinmauer parkten. Die Mauer gehörte zu dem ehemaligen Klostergebäude, in dem sich nun eine Antiquitätenhandlung befand.
Es würde schnell gehen müssen nachher, wenn sie die Stadt am Stumpfen Turm 2 vorbei Richtung Westen verlassen würden. Die Fluchtroute war perfekt ausgearbeitet. Wie immer mit einem Ersatzplan. Aber wenn alles gut lief, bräuchten sie ihn nicht.
Ihre ärmellosen Lederjacken waren abgetragen. Alle zierte dasselbe Emblem auf dem Rücken: ein flammender Reifen, der durch einen gespaltenen Totenkopf raste. Sie waren in diesen Jacken um die halbe Welt gefahren, hatten Geschäfte gemacht, gekämpft, geschlafen und gesoffen.
Der Gärtner trug ein T-Shirt unter seiner Biker-Kutte, sodass man seine gewaltigen Oberarme mit den Tattoos sehen konnte. Links das Superman-Logo und rechts die Buchstabenfolge A.C.A.B. – »All Cops are Bastards«. Unter dem Gewicht, das er sich für seine Bizeps-Curls auf die Langhanteln packte, würden andere beim Bankdrücken zusammenbrechen.
Die Kirchenglocke schlug dreimal. Durch die Fenster des dicken Gemäuers waren Orgeltöne zu hören. Gleich war es so weit.
Er war gut vorbereitet. Das musste er sein. Es würden Bullen da sein. Freunde vom Bräutigam. Die beiden SIG Sauer Super Target mit dem langen Lauf steckten unter seiner Kutte in den Achselholstern, geladen mit 9-Millimeter-Luger-Hohlspitzpatronen. 18 Schuss mussten reichen. Maximal vier für das Zielobjekt, die restlichen 14 für den Rückweg. Er ging einfach mal davon aus, dass die Bullen unbewaffnet zu einer Hochzeit gehen würden. Am Ende lag es an ihnen, wie hässlich es werden würde.
Das ist für dich, Eddie, dachte er zornig. Und für mich, damit du nicht mehr denkst, ich hätte was damit zu tun gehabt. Darum würde es spektakulär werden und sich schnell rumsprechen. Es sollte niemand auf die Idee kommen, dass er etwas vergaß. Und schon gar nicht vergab. Dafür konnte man die 250 Kilometer von Hamburg hierunter locker in Kauf nehmen.
Der Gärtner nickte seinen Kumpanen zu, stieg vom Bike und ging auf die schwere dunkelbraune Eingangstür zu, die linke Hand schon unter der Kutte.